Märchenprinzen küsst man nicht - Thessa Graf - E-Book

Märchenprinzen küsst man nicht E-Book

Thessa Graf

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3,90 €

Beschreibung

Die etwas anderen Geschichten von der Liebe. Der ewige Widerstreit zwischen Herz und Verstand, zwischen Gewitter- und Regenwolken und Sonnenschein, ist ebendso zu erleben, wie ein Schrei nach Liebe. Thessa Graf begibt sich mit ihrem Buch auf eine Reise durch unser Leben. Sie schreibt von Gefühlen, Mut, Angst, Trauer und Wut. Sie nimmt ihre Leser an die Hand und führt sie in Situationen, die wir alle schon einmal erlebt haben.

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Seitenzahl: 72

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Um sehbehinderten Mitmenschen das Lesen zu erleichtern, wurde das Buch in einer etwas größeren Schriftart gedruckt! Th.G.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2015 spree-books (spree-media.net GmbH), www.spree-books.com. Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Thessa Graf

Druck: Books on Demand GbmbH, Norderstedt

ISBN (Print): 978-3-946125-075

ISBN (EPUB): 978-3-946125-068

Märchenprinzen küsst man nicht

und

andere

Gedichte und Geschichten

von

Thessa Graf

Märchenprinzen küsst man nicht

Die Stimme von Roman verklang, was blieb, war nur die Stille der Nacht. Es war Silvester, nur noch wenige Stunden und das neue Jahr begann.

Für Margrit begann eine schwierige Zeit. Von einem Moment auf den anderen zerbrach ihre kleine, fast heile Welt in unzählige kleine Scherben. Sie musste erkennen, dass die Sonnenstrahlen, anstatt sie zu wärmen, sie wie Schneeflocken umhüllten.

Es gibt Dinge im Leben, die möchte man nicht wahr haben, auch wenn sie wie Karten sichtbar vor einem liegen.

Margrit musste nun der Realität ins Auge sehen. Paul, mit dem sie wünschte, alt zu werden, sah in ihr nur ein Spielzeug. Längst lag eine andere Frau in seinem Armen und seit dem Beginn des neuen Jahres  auch in seinem Bett.

Es war ihm vollkommen egal, dass beide gerade Eltern geworden waren.

Sie hatte es schon länger gefühlt. In den Gesprächen mit Roman erzählte sie ihm davon.

Aber nun, an diesem Tag, von einer Sekunde auf die andere wurde es bittere Realität.

Für Margrit brach eine Welt zusammen. 

Ihre heile Welt war ein wackliges Kartenhaus, das nur bestehen konnte, weil Margrit es nicht anders sehen wollte. Sie stellte sich blind, nur  um ihren gewünschten Alltag zu haben.

Eigentlich war sie frei, sie hätte auf der Stelle losfliegen können, aber sie wollte es nicht sehen. Sie blieb still und stumm an seiner Seite und schnitt sich mit jedem Tag selber Wunden in ihr Herz.

Nur einem Menschen schrieb und erzählte sie alles.

Als sie Roman durch einen Zufall kennen lernte, begannen die Blumen noch bunter zu blühen.

Sie fühlte, dass er sie verstand, dass er ihre Worte in sich aufnahm und ihr zuhörte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie eine Wärme, die sie umhüllte, auch wenn sie wie ein dicker Pullover nur aus großen Maschen gestrickt war. Hätte man sie gefragt, ob es Liebe sei, hätte sie es verneint. Es war wohl eine ganz besondere Art von Zuneigung. Wenn Menschen einander begegnen, sich finden, einander zuhören und Zeit schenken, dann ist es auch Liebe. Roman war einfach nur da. Er war der wohl beste Zuhörer, den eine Frau sich wünschen konnte. Hätte er sie gefragt, ob sie mit ihm zusammen durchs Leben gehen wolle, hätte sie nein gesagt, denn sie fühlte sich gebunden. Sie hielt den Schlüssel für ihr  Kartenhaus krampfhaft fest. Das Ergebnis, war ihr Scherbenhaufen einige Stunden nach Mitternacht.

Margrit wurde einfach ausgetauscht wie eine alte Uhr oder ein ihm überdrüssig gewordenes Kleidungsstück.

Als sie einige Stunden später nach Hause kam, war es, als würde sie eine leere Wohnung vorfinden. Zitternd lief sie durch die Zimmer. Wie sollte sie es den Kindern erklären? Was sollte sie anfangen mit sich, mit ihrer imaginären heilen Welt?

Sie fragte sich, ob nun trotzdem der Mond aufgehen würde.

Ihre Kinder merkten, dass irgend etwas geschehen sein musste. Sie hörten zwar keine lauten Worte zwischen den Erwachsenen, aber das Verhalten ihrer Mutti sprach Bände.

Als Margrit ihre kleine Tochter schlafen gelegt hatte, nahm sie ihre beiden großen Kinder an die Hand und legte sich mit ihnen in ihr großes altes Bett hinein. Sie erzählte ihnen, was geschehen war. Das mit Paul war ein Versuch, eine richtige Familie zu sein, der gescheitert war. Wir vier gehören zusammen, wir gehören uns. Wir schaffen das. Aufgeben ist keine Option.

Als sie an diesem Abend Roman anrufen wollte, klingelte das Telefon ins Leere. Auch an den folgenden Tagen, Wochen und Monaten blieb ihr sehnlicher Wunsch unerfüllt. Roman hatte sich leise davon gestohlen.

Margrit wusste nicht, was schlimmer war:

der Verlust von Paul, den sie ja eigentlich schon lange zuvor an eine andere Frau verloren hatte oder ihre Gespräche und das Vertrauen von Roman.

Irgendwann legte Margrit ihren ganzen Kummer und ihre Traurigkeit in ein Buch hinein. Sie klappte es zu und stellte es in ihr großes Bücherregal. Daneben, dessen völlig unbewusst,  stand das Buch, welches ihr wohl am liebsten war. Roman hatte es ihr geschenkt, kurz bevor er aus ihrem Leben verschwand. Sie setzte sich in ihr Bett und begann mit ihm zu reden. Tränen liefen ihr dabei übers Gesicht. Dann schloss sie ihre Augen und sah in ihren Gedanken den schlanken Mann, mit seinem dunklem Haar, seinen tiefen blaugrauen Augen und den Grübchen in seiner Wange. Wie oft hatte sie sich im Traum gewünscht, er wäre bei ihr. Sie könnte seine Nähe und seine Wärme spüren, seine Stimme hören und nicht zuletzt den Menschen kennen lernen, mit seinen tiefen Gedankengängen, seinem Wesen und Wissen.

Leise und verweint sagte sie zu sich: Roman, wie geht es dir? Ich vermisse dich so sehr. Ich wünsche dir alles Glück der Welt. Dann schloss sie das Buch und stellte es neben das mit all ihren Gedanken gefüllte. Sie sagte zu sich: Ich möchte nie wieder in Augen sehen, die mir gefährlich werden können. Nie wieder wird es einen Mann in meinem Leben geben. Ich möchte nie wieder verletzt werden. Nie, nie wieder ...

Margrit gab alles auf. Am meisten sich selbst. Sie stellte sich ganz hinten an. Jede freie Minute verbrachte sie mit ihren Kindern. Sie half ihnen, stark und groß zu werden. Dabei war sie einfallsreich und kreativ.

Ihre Wunden heilten irgendwie, sie vernarbten. Margrit zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Sie ließ keine männliche Nähe mehr zu. Jeder, der auch nur einen Hauch von Gefühl äußerte, wurde auf Entfernung gehalten.

Sie wollte nicht mehr, dass ihr Vertrauen missbraucht, ihre Gefühle mit Füßen getreten und ihre Wünsche verlacht und zerredet wurden, von Menschen, die sich Mann nennen und glauben sie seien der Nabel der Welt.

So gingen die Jahre ins Land. Die Kinder wurden langsam groß und auch Margrit ging mit kleinen Schritten durch die Vierziger.

Es war Silvester, die kleine Familie saß zusammen und spielte, lachte und erzählte.

Kurz vor Mitternacht sah Margit auf ihren PC. Sie hatte eine Nachricht in ihrem Mailfach. Aber es war nicht irgendein Absender. Als sie seinen Namen las schossen ihr die Tränen in die Augen. Es war Roman. Fast auf die Minute genau vor sieben Jahren beendeten sie damals ihr Telefongespräch. Kurz darauf läuteten die Glocken des Kirchturmes. Mit zittrigen Händen hielt sie ihr Glas zum Anstoßen in den Händen. Ein neues Jahr begann. Margrit fühlte ein Kribbeln in ihrem Bauch, eine seltsame Unruhe breitete sich in ihr aus.

Als sie ihre kleine Maus zu Bett gebracht hatte, begann sie auf seine Zeilen zu antworten.

Das Schreiben ging ihr ganz leicht von der Hand. Es war fast wie früher.

- Welch ein Zufall-, ging es ihr durch den Kopf.  Sie dachte an den Satz von Albert Schweizer: „Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.“

Aber was wollte ihr der liebe Gott damit sagen? Gedanken über Gedanken brodelten in ihr. Aber ganz tief in sich drinnen, dankte sie ihm für diesen Wink des Schicksals.

Als sie seine erneuten Zeilen las, fragte er sie, ob sie Lust auf ein paar Worte hätte. 

Margrit überlegte keine Zehntelsekunde, sie griff wie elektrisiert zum Telefon und wählte die ihr bekannte Nummer. Sie wusste jede Ziffer noch ganz genau. Die Stimme am anderen Ende der Leitung kam ihr sehr vertraut vor. Es war, als hätten sie vor ein paar Minuten erst die Hörer aufgelegt. Es war wie ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk für sie und das emotionalste überhaupt. Er sagte zu ihr: Wenn ich es gestern gewusst hätte, dass wir uns heute wiederfinden, wäre ich zu dir gekommen und hätte dich ganz lange ganz fest umarmt. Was für ein wunderschöner Gedanke, schoss es Margrit durch den Kopf. Sie redeten über Gott und die Welt, einfach so, als wären sie nie unterbrochen worden. Als er sie fragte, ob sie sich vorstellen könnte ihn zu treffen, da dachte sie nicht nach und zögerte keinen Moment.

Nach über drei Stunden schlief Margrit glücklich ein. In ihren Träumen wanderte sie mit Roman am Meer entlang. Die Wellen schlugen hoch und rollten bis weit an den Strand hinauf. Dort standen sie beide und mit dem Meer vor ihren Füßen kamen ihre Seelen zur Ruhe. Nach den Turbulenzen der Vergangenheit hüllte Friede und Geborgenheit sie wie eine warme Decke ein.