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Sid Khartoum ist ein großer, ruhiger Gringo mit wilden, schulterlangen Haaren und dem dazu passenden gewaltigen Schnurrbart. Man nennt ihn auch Einstein. Trotz dieser Haarpracht ist Khartoum weder Hippie noch Freiwilliger des Peace Corps, Sid Khartoum ist Pilot und fliegt für die südamerikanischen Kartelle Drogen nach Florida. Einerseits. Andererseits ist er Sonderagent im Auftrag eines Untersuchungsausschusses des US-Senats und soll über die Effizienz von Maßnahmen im Rahmen des War on Drugs berichten sowie gleichzeitig gegen korrupte Beamte in Polizei und Verwaltung ermitteln. Als immer mehr Undercoveragenten und auch Freunde spurlos verschwinden, gerät Khartoum schnell in einen gefährlichen Sumpf aus Drogen, Sex, Geld … und Voodoo.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2016
Impressum
Widmung
Teil 1
1.Bienvenido a Miami
2.Der Auftrag
3.Köder
4.Pragmatisch
5.Familienglück
6.Diskussionen
7.Presse
8.Politik
9.Phobien
10.Lieferung
11.Miami Beach
12.Neue Piste
Teil 2
13.Das beste Kochwerkzeug der Welt
14.Start
15.Kaffeebauer
16.Wohnqualität
17.Lifestyle
18.Untersuchungen
19.Türsteher
20.Hilfe?
21.Maskerade
22.Footballer
23.Gesucht / gefunden
24.Feuer
25.Komplikationen
26.Hunde
27.Orakel
28.Marimba
29.Geschwister
30.Familie
31.Training
32.Ausflüge
33.Absprachen
34.Wasssersport
35.Krisensitzung
36.Verpflichtungen
37.Mercedes
38.Braves Hundchen
39.Verliebt
40.Verwicklungen
41.Vorbereitungen
42.Schweinebraten
43.Warm und frisch
44.Opfer
Teil 3
45.Terror in Cocopalm
46.Abgetaucht
47.Konspiratives Treffen
48.¡Carajo!
49.Abgetaucht
50.Nur ein Versuch
51.Letzte Chance
52.Aussagen
53.Baseball
54.Beweise
55.Videos
56.Abend
Über den Autor
Bücher von Richard Hoyt
Kennen Sie auch …
Erste eBook–Ausgabe 2016
Titel der amerikanischen Originalausgabe »Marimba«,
erschienen 1992 bei Tom Doherty Associates, Inc., New York.
Copyright © 1992, 2016 by Richard Hoyt
Unter dem Titel »Marimba« zuerst auf Deutsch erschienen 1993 im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.
Copyright © 1993, 2016 der deutschen Übersetzung by Jürgen Bürger
Überarbeitete und neu lektorierte deutsche Ausgabe
Redaktion Giacomo Borghese
Copyright © dieser Ausgabe 2016 bei
spraybooks Verlag Bielfeldt und Bürger GbR, Februar 2016
2016 2 1
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
spraybooks Verlag
Bielfeldt und Bürger GbR
Remigiusstr. 20
50999 Köln
www.spraybooks.com
ISBN: 978–3–945684–09–2
Für Frank und Luis
Noch fünfundvierzig Minuten bis zum Liegeplatz in der King’s Bay, einer kleinen Bucht nahe der Biscayne Bay. Topper MacRae ahnte irgendwie, dass die reizende kleine Lourdes Martinez ihm die Rückfahrt ein wenig versüßen würde. Seine Hände zitterten, als er sich umdrehte, um die Luke zu schließen.
Die 45 Fuß lange Striker erwischte eine Woge, und MacRae musste blitzschnell nach der Reling greifen, um nicht Hals über Kopf die Metalltreppe hinunterzufliegen.
Von unten sagte Lourdes: »Ich nehme an, du hast sie versorgt, Topper. Sie sind an Bord und alles.« Mit sie meinte sie die fünfundzwanzigköpfige Besatzung des amerikanischen, unter liberianischer Flagge fahrenden und gerade aus Venezuela eingetroffenen Fünftausend–Tonnen–Frachters, der jetzt ruhig fünfzehn Meilen vor der Küste dümpelte.
»Alle an Bord und total aufgedreht. Die brennen drauf, sich volllaufen und durchvögeln zu lassen, sobald sie an Land kommen. Allerdings nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Blondinen. Die wollen alle Blondinen.«
»Hast du die Dinger unten markiert? Das Meerwasser oder so wird nichts versauen?«
»Alles erledigt. Und wasserdicht verpackt. Jeweils 250 Kilo. Nur wir beide und ein paar Fische wissen, wo sie sind.« Er hörte ein Musikinstrument, ein Kazoo, das gegen die stampfenden 800–PS–Turbolader–Diesel ankämpfte. Er betrat den Maschinenraum, wo er eine nackte Lourdes antraf. Das heißt, fast nackt. Im herkömmlichen Sinn.
»Wow!«, sagte er.
Lourdes spielte einen weiteren Refrain auf dem Kazoo. Mit weit gespreizten Knien saß sie im Schneidersitz auf dem Deck. Ihre rechte Seite – das heißt, ihr rechtes Bein, die rechte Schulter und der rechte Arm, exakt eine Hälfte des Rumpfes – war mit Maschinenöl überzogen. Auf die gleiche Weise hatte sie sorgfältig ihr Gesicht eingeschmiert: die rechte Hälfte von Stirn, Nase und Oberlippe, das halbe Kinn, eine Halsseite.
Eine Plastik–Ölkanne mit wieder verschließbarem Ausgießer lag leer auf dem Deck.
»Das hast du doch nicht mit einer Hand hingekriegt.«
»Nee. Mit beiden. Die linke hab ich anschließend mit dem Fettreiniger gesäubert, den du da hinten aufbewahrst.«
Lourdes spielte wieder eine kurze Phrase auf dem Kazoo und begann zu singen:
I got a dog, and his fur is black
Pet him on the head, and you won’t go back
Black, black, black
Pet him on the head, and you won’t go back
Dann sagte sie: »Magst du Kazoos, Topper?«
»Klar mag ich Kazoos.«
»Wie findest du das Öl, Topper? Exakt eine Hälfte von mir. War gar nicht so einfach.«
»Sexy.« Da unten war bei ihr was Rosafarbenes zu sehen. Er konnte kaum seinen Blick von der Stelle zwischen ihren Beinen nehmen.
Sie hob das Kazoo wieder an die Lippen und spielte einen anderen Melodiefetzen, während MacRae weiter ihren Halb–und–halb–Körper bewunderte. Sie setzte das Kazoo ab und sang:
My old black dog loves chewin’ on a bone
Chewin’ on a bone, chewin’ on a bone
Bone, bone, bone
Loves chewin’ on a bone
»Mein Gott, ich könnte dich auf der Stelle vögeln«, sagte er. »Hast du einen Hund?«
»Jeder hat doch einen Hund, oder nicht?«
»Und wie heißt er?«
Sie sah ihn an. »Marimba.«
»Ach, echt jetzt?« MacRae grinste. In Miami stand Marimba synonym für den Drogenhandel. Dealer waren Marimbeiros beziehungsweise Marimba–Spieler.
»Ja. Genau so heißt er.«
»Marimba? Tatsache?«
»Ja.«
»Ist es ein Jagdhund oder ein Chihuahua oder was?«
Lourdes schüttelte den Kopf. »Ein Dobermann. Ein großes, altes, gutmütiges Ding. Der bravste Hund, den du dir vorstellen kannst. Magst du mir den Rücken einölen? Ich wollte es perfekt machen, aber ich komm mit den Händen einfach nicht richtig ran.«
»Oh, verdammt, ja klar.« Er stützte sich schnell ab, als das Schiff durch eine weitere Welle stampfte.
»Wieso schnappst du dir dann jetzt nicht eine Dose 10/40er aus der Kiste da hinten?«
MacRae gehorchte.
Lourdes drehte sich, die Knie immer noch weit gespreizt, und stützte sich mit den Handflächen an der Wand ab. Ihr rechtes Bein war eingeölt, und eine ihrer außergewöhnlichen Arschbacken ebenfalls. Ein kubanischer Arsch: sinnlich groß und wunderbar geformt. Sie hatte auch die Rückseite ihres Armes, die Schulter und den Hals eingeölt, doch kurz vor der Wirbelsäule hörte der Ölfilm auf.
Sie warf ihre glänzend schwarze Mähne zurück. Sie sah ihn an. »Gefällt dir meine Kehrseite, Topper?«
»Sie ist wunderbar.«
»Manchmal braucht ein Mädchen ein bisschen Hilfe. Reib’s bis ganz an die Wirbelsäule.«
»Exakt halb und halb.«
»Genau.«
MacRae kniete sich. Er schüttete etwas Öl in die hohle rechte Hand und beendete die Aufgabe, indem er eine saubere Linie ihre Wirbelsäule hinaufzog. Die Muskeln ihres Rückens fühlten sich warm und geschmeidig an.
Sie drehte sich um und nahm wieder ihre ursprüngliche Haltung ein, die Knie immer noch weit gespreizt. Mit der sauberen Hand griff sie zwischen seine Beine und begann gleichzeitig, mit der rechten Hand den Nippel ihrer eingeölten Brust zu kneten. Sie drückte ihn. »Na, fühlt sich das gut an, Topper?«
»Oh ja, das tut’s.« Trotz des draußen lärmenden Sturms hörte er deutlich ihr Atmen.
Sie ließ die ölverschmierte Hand zwischen ihre Beine sinken, hielt ihn mit der anderen immer noch fest umklammert.
Sie liebte es hart und schnell. Ihre Hand bewegte sich fieberhaft auf und ab.
Mit einem Zittern versteifte sie sich. Sie drückte ihn einmal fest. »Wieso packst du das Ding eigentlich nicht aus?«
Ohne auf seine ölige Hand zu achten, öffnete MacRae den Reißverschluss der Jeans und tat, was sie ihm gesagt hatte. Er atmete scharf ein, als ihre warme Hand sich um ihn legte.
Lourdes Martinez überraschte ihn. Sie schob ihn zurück und packte seine Eier. Und dann hatte sie auch schon seinen Schwanz im Mund und lutschte ihn selbstvergessen.
Er sah auf ihr schwarzes Haar hinunter, auf ihren Rücken und ihren Hintern – zweigeteilt von einem Ölfilm, der exakt an der Wirbelsäule endete. Eine Hälfte von ihr war dunkelrot, die andere hatte ein hinreißendes helles café au lait. Es war alles so dramatisch. Und sexy. Ooooohhhh!
Die Herrin von Marimba war Gut und Böse, Yin und Yang, schön und …
Topper MacRae kam.
Am 10. August 1947 kam Carmela Maria Martinez, Lourdes Mutter, als Tochter von Pablo Augosto und Josefina Maria Baerga sechzig Meilen östlich von Havanna in Matanzas auf die Welt. Carmela Maria war die jüngste von fünf Töchtern. Pablo und Josefina bedauerten sehr, keine Söhne bekommen zu haben.
Pablo war Sergeant in Fulgencio Batistas Geheimpolizei. Josefina, ihre Mutter und ihre Großmutter waren Santeras, Priesterinnen der Santería – des Weges der Heiligen.
Es war selbstverständlich, dass Carmela Maria und deren Töchter eines Tages ebenfalls Eingeweihte werden würden.
Captain Donald Fowlers Achselhöhlen glichen großen Sümpfen übel riechenden Schweißes. Er hatte ausgesprochen schlechte Laune, als er auf der Beifahrerseite des Streifenwagens einstieg. Schon wieder gründlich abgenagte menschliche Knochen.
Diesmal hatte eine Pennerin etwas, das sie für eine menschliche Hand hielt, aus einer Mülltonne gefischt.
Die Hand eines Menschen. Als Hundeknochen!
Verdammt, Knochen waren biologisch abbaubar. Hätte dieser faule Perverse sie einfach ins Wasser geschmissen, dann hätten sich Bakterien und Ungeziefer schon um den Rest gekümmert. Aber wie die Dinge nun mal lagen, würde die Scheiße mit der Meldung in den Abendnachrichten zu dampfen beginnen.
Sergeant Garcia behielt den Rückspiegel im Auge, als er die Chevrolet–Limousine aus dem für Fowler reservierten Parkplatz zurücksetzte.
Fowler atmete scharf ein – ein Laut der Resignation.
»Die werden uns heute Abend grillen«, meinte Garcia.
Fowler knurrte. Ein unverbindliches Knurren.
Garcia machte den Mund auf, wollte noch etwas sagen, hielt sich dann aber zurück.
Fowler kam das Licht im Süden Floridas irgendwie gelb vor. Er erinnerte sich flüchtig an das kalte blaue Licht und die frische belebende Luft zu Hause in Colorado, wo er aufgewachsen war. Zu allem Überfluss herrschte an einem Tag wie diesem in Miami auch noch ein Gestank wie im Sport-Umkleideraum einer Highschool.
Fowler drehte die Lautstärke des Funkgerätes runter, damit er ungestört denken konnte. Im Dade Metro Police Department waren insgesamt dreiundsiebzig Cops vom Dienst suspendiert worden, weil sie unter dem Verdacht standen, die Marimba zu spielen. Die Anhänger von Jah Ben Jah gaben keine Ruhe. Und jetzt auch noch das.
Dreiundsiebzig Cops, das sind sage und schreibe achtzig Prozent der Vice Squad und immerhin rund zehn Prozent der gesamten Polizei. Geschmiert von Drogendealern! Reporter der New York Times und Washington Post waren hier, um den Grund dafür herauszufinden. Sie wollten wissen, was eigentlich in Miami los war. Natürlich war Captain Donald Fowler alias Captain Drug Buster ihre erste Anlaufstelle bei der Suche nach einer Antwort auf alle Fragen.
Also, streng genommen war Fowler nicht der Erste. Der Erste war Chief George Dersham, der bis zum Bauch in einem politisch hochbrisanten Treibsand aus korrupten Cops, aufgebrachten Schwarzen und abgenagten Knochen steckte.
Was Skandale betraf, funktionierte für Fowler die Phantasie der Öffentlichkeit wie ein Abzählreim: eins, zwei, drei, und raus bist du. Fowler wusste nicht, ob das irgendwas mit der Heiligen Dreifaltigkeit, Baseball oder Auf–die–Plätze–fertig–los! zu tun hatte, aber eines war sicher: Zumindest einer dieser Scheißhaufen musste verdammt pronto beseitigt werden.
In den letzten Jahren hatten die Schwarzen dafür gesorgt, dass Miami zig Millionen an Touristen–Dollars durch die Lappen gingen, weil städtische Beamte Reverend Tutu nicht in den Arsch gekrochen waren, als er die Stadt offiziell besuchte. Quasi als Buße wegen dieser Brüskierung Tutus war der Bürgermeister so weit gegangen, einen Jah Ben Jah–Tag zu verkünden.
Und die wichtigen Leute im Police Department – Fowler war einer von ihnen – hatten sich zurückgehalten und schweigend verfolgt, wie die Politiker den weiß gekleideten Anhängern von Jah Ben Jah in den Arsch krochen. Jah Ben Jah. Gott, Sohn Gottes. Nicht mal ein Hauch von Bescheidenheit. Und die ganze Zeit über hatte Jah ungerührt Morde angeordnet.
Jetzt, als Jah endlich der Prozess gemacht wurde, ging natürlich das Gejammer seiner Anhänger los, dass die Zahl der im Gefängnis einsitzenden Schwarzen in keinem vernünftigen Verhältnis zur Gesamtzahl der schwarzen Einwohner stünde. Fowler verstand einfach nicht, was die wollten.
Aber um die Wahrheit zu sagen: Ganz genau genommen wollte er auch gar nicht darüber nachdenken. Sollte sich doch irgendein anderer darum kümmern. Ihn beschäftigte im Augenblick viel mehr ein neuer Knochenfund – eine menschliche Hand, die von Hundezähnen sauber abgenagt worden war.
Sid Khartoums Spanisch war nicht gut genug, um den schnell sprechenden Latinos folgen zu können, und schon gar nicht beherrschte er ihre indianischen Dialekte. Doch es amüsierte ihn, als er in Anspielung auf seine Haare den Namen Einstein fallen hörte. Sie nannten ihn Einstein.
Khartoum war sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass er auf sie recht eindrucksvoll wirken musste: Ein großer, ruhiger, alleinstehender Gringo mit wilden – um nicht zu sagen: wirren – grauen, schulterlangen Haaren und einem dazu passenden gewaltigen Schnurrbart.
Auf seiner Haarpracht trug Khartoum einen hellen, khakifarbenen Wüstenhut, der Erinnerungen an britische Soldaten aus alten Kriegsfilmen weckte. Ein Hut mit einer breiten Krempe, die Nacken, Ohren und Nase ausreichend Schatten bot. Seine Pilotenbrille hatte ein schmales, schwarzes Gestell, war gleichzeitig elegant und praktisch.
Khartoum trug ein T–Shirt von Darryl’s Horse’s Ass Bar, Manzanita, Oregon und einen kleinen Rucksack, der bis auf ein Schweizer Offiziersmesser leer war. Die durchgelaufenen Reeboks hatten schon unzählige Meilen hinter sich. Die Jeans war an den Aufschlägen ausgefranst.
In der Dritten Welt legte man allgemein viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Wenn man schon in einer armseligen Hütte hausen musste, dann wollte man wenigstens gut aussehen. Wenn man nach den Filmen im Kino ging, besaßen die Gringos alles. Sie lebten immer in antiseptischer Sauberkeit und konnten es sich daher leisten, lässig zu sein.
Trotz seiner Haare – Beweis dafür, dass er entweder zu ordinär oder zu faul für einen anständigen Schnitt war – war Khartoum kein Rucksacktourist; das spürten die Einheimischen instinktiv. Er war Utilitarist. Ein Neinsager. Gegen modische Trends gebügelt. Er mochte zwar die Einstellung eines Bohemiens haben, war aber weder ein Gammler noch Freiwilliger des Peace Corps. Er war aus einem ganz bestimmten Grund hier.
Entweder war er Spion oder Schmuggler. Wenn er Spion war, dann war er wegen Macht und Politik dort. War er ein Schmuggler, dann war’s das Kokain. Manche hatten den Bolivianern geholfen, eine Start– und Landebahn ins Unterholz des Dschungels zu schlagen, daher wussten sie, was er machte. Sid Khartoum war Pilot. Er spielte die Marimba.
Die westafrikanischen Anfänge der Santería, von versklavten Yorubas nach Kuba gebracht, kreisten um den Lebensweg der moralischen Ashe, das Blut des kosmischen Lebens. Der göttliche Strom der Ashe strahlt die Kraft des Olodumare aus, des einzigen Königs, und Olodumares Ashe ist gebrochen in die Ashe vieler Orisha oder Gottwesen.
Das Geheimnis und die Macht eines Orisha liegt allen wichtigen Aktivitäten im Leben eines Yoruba zugrunde. Es gibt etwa 1.400 Orisha des Hauses und 1.200 des Marktplatzes.
Als Personifizierungen des Ashe können die Orisha solchen Menschen zur Verfügung gestellt werden, die sie angemessen ehren – dies sind Omo–Orisha, die Kinder der Heiligen.
Sid Khartoum ging am Fluss spazieren, der auf dem Weg in die Karibik über rund geschliffene Kiesel plätscherte, gluckerte und rauschte. Zierliche Frauen wuschen im seichten Wasser ihre Wäsche und schauten mit großen braunen Augen zu ihm auf, während sie Kleidungsstücke auf die Steine schlugen.
In der erbärmlichen Armut dieses Ortes und in den Ängsten und Träumen hinter diesen braunen Augen waren, das wusste Khartoum, die ersten leisen Töne der trostlosen Musik der Marimba zu hören. Allerdings musste man schon sehr genau hinhören.
Khartoum sah auf die Uhr. In ein paar Stunden würden die Bolivianer kommen, um ihn und seine Ladung zur Landebahn zu fahren.
Khartoum kniete nieder und steckte eine Hand in das warme Wasser, riss sie aber sofort wieder zurück. Acht oder zehn Elritzen, gerade mal zwei Zentimeter lang, waren sofort um seine Finger geschwärmt und hatten versucht, an seiner Haut zu nagen. Eigentlich hatten sie nur die Haare auf seinem Handrücken berührt; ihr wirkungsloses Knabbern hatte ihn mehr erschreckt als verletzt. Auch Fische mussten essen; jeder musste essen. Darauf lief doch letzten Endes alles hinaus.
Er schlenderte weiter zu dem Marktplatz am Rande des Dorfes, auf dem sich die Einheimischen, viele von ihnen Indianer, schon vor einiger Zeit versammelt hatten, um ihre Erzeugnisse von den Ladeflächen ramponierter Pickups und Karren zu verkaufen, die von Eseln oder kleinen, abgemagerten Pferden gezogen wurden.
Khartoum begutachtete Weißkohl einer Sorte, die sich ohne Kühlung mehrere Wochen hielt, Süßkartoffeln mit dunkelroter Schale, im Rohzustand bretthart, aber ausgesprochen köstlich, wenn sie gekocht wurden, hellgrüne Chayotes, eine fein–aromatische und üppige Kürbisart, kleine rote Pfefferschoten, angeblich die schärfsten der Welt, Tomaten kaum größer als Golfbälle und helle Kartoffeln groß – oder besser: klein – wie Murmeln.
Die kleinen Kartoffeln sahen süß und verlockend aus, und Khartoum sehnte sich einen kurzen Augenblick nach den pürierten Erbsen und Frühkartoffeln, die seine Mutter immer im Frühjahr gekocht hatte. Es gab auch stattliche Wassermelonen auf dem Markt, allerdings keinen Salat; Kopfsalat gedieh in der tropischen Hitze nicht besonders, und es gab keine Kühlschränke.
Khartoum hatte den Eindruck, dass in diesem Teil Nicaraguas alles klein war: Die Menschen, die Fische, die Gemüsesorten, die Esel und die Pferde. So war es auch an allen anderen Orten gewesen, von denen aus er in Guatemala und Honduras gestartet war.
Als die Sonne im Westen über dem Dschungel unterzugehen begann und der Markt bald abgebaut wurde, erstand Khartoum eine kleine Wassermelone, die fast nicht in seinen Rucksack passte, und eine Handvoll reifer Tomaten, die er wie Äpfel aß, während er in das schläfrige Dorf und sein Hotel – falls man es so nennen konnte – zurückkehrte.
Die Tomaten schmeckten köstlich, ganz anders als die blassen Möchtegern–Tomaten, geschmacklos und hart wie Eishockey–Pucks, die noch grün gepflückt wurden und künstlich reifen mussten, bevor sie amerikanische Supermärkte erreichten. Khartoum war überzeugt, dass man mit diesen Tomaten zwar einen guten Wurf beim Baseball hinbekäme, aber dass wohl kaum jemand, der noch halbwegs bei Verstand war, sie würde essen wollen.
Er ging auf sein Zimmer und zog die verschwitzte Kleidung aus. Der einzige Stuhl war so wacklig, dass er gar nicht erst versuchte, sich darauf zu setzen. Er zog den kleinen Holztisch an sein Bett.
Außer Bett und Tisch, und natürlich dem wackligen, unbenutzbaren Stuhl, befanden sich in dem Zimmer noch die Scherbe eines Spiegels, die von verbogenen Nägeln gehalten wurde, und eine Kommode mit lackiertem Furnier, das sich wie eingetrockneter Matsch wellte. Eine Schublade fehlte, die zweite besaß keinen Griff. Auf der Kommode stand ein kleiner Ventilator.
Strohähnliches Material ragte aus einer Seite der durchgelegenen Matratze, die mit Spermaflecken und amöbenförmigen Flecken schwitzender Leiber all der Menschen übersät war, die hier schon geschlafen hatten. Das Kopfkissen, so dünn, dass es eigentlich kaum Kissen genannt werden konnte, war ähnlich schmutzig, aber Khartoum kannte die Dritte Welt, und über die Jahre hatte er gelernt, sich zu arrangieren.
Tatsächlich zog Khartoum ein solches Zimmer der sterilen Trostlosigkeit eines Holiday Inn oder Best Western vor, die für ihn ungefähr die gleiche Ausstrahlung besaßen wie die Mondbasis Alpha. Mit dem Rücken zum Fenster setzte er sich aufs Bett, um etwas Licht zu haben. Er zog eine Schraube an, damit der Ventilator nicht hin und her schwenkte, und richtete ihn direkt auf seinen schwitzenden Körper.
Er nahm seine Lesebrille und die New York Times Book Review heraus, die er aus Miami mitgebracht hatte. Diese Ausgabe interessierte ihn ganz besonders, da drei Bücher besprochen wurden, die sich mit Drogenhandel und dem Krieg gegen Drogen beschäftigten.
Die Wassermelone legte er auf den Tisch, zerteilte sie und schnitt das Fleisch in mundgerechte Happen. So saß er dort auf dem schmutzigen Bett und las die Rezensionen, während die Luft des Ventilators ihn umwehte.
Beim Lesen spießte Khartoum Stücke der Wassermelone auf, aß sie und genoss ihren Geschmack. Es war mit Sicherheit die beste Wassermelone, die er je gegessen hatte. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Ihm blieb noch etwas Zeit. Er packte sein MacBook aus und begann mit dem Bericht für Sheridan Harnar. Nun, das Wort Bericht oder auch einfach Tagebuch beschrieb nicht wirklich seinen Auftrag. Harnar schwebte mehr als das vor – eher so etwas wie ein literarischer Essay über die Marimba. Harnar wollte natürlich Fakten, aber auch Struktur. Vorzugsweise primäre als sekundäre Quellen.
Es war eine Herausforderung, die Khartoum ganz besonders reizte, auch wenn Harnar das nicht wissen konnte, als er ihn engagiert hatte. Khartoum glaubte, wenn er noch einmal ganz von vorne anfangen müsste, dann wäre er lieber Anthropologe geworden statt Agent oder Söldner. Doch das Schicksal hatte es anders gewollt. Khartoum war überzeugt, dass sich die besten Anthropologen, die den Leuten wirklich in Erinnerung blieben und sich allein deshalb von den anderen unterschieden, größte Mühe gaben, ihre Leser mit einer packenden Erzählung zu fesseln. Margaret Mead kam ihm in den Sinn, auch wenn viele ihrer Ansichten später in Frage gestellt wurden.
Khartoum hatte sich entschlossen, so gut es ging unter den Marimba–Spielern von Lateinamerika bis Miami zu leben. Er würde beobachten, nicht urteilen, obwohl eine Beurteilung Bestandteil seines Vertrages mit Harnar war.
Khartoum drückte mit den Nägeln an einem Ungezieferbiss und lächelte, als er sich an ein Gedicht aus seiner Jugend erinnerte:
Rooty, toot, toot!
We’re the girls from the institute.
We don’t smoke, and we don’t chew.
And we don’t go with boys that do.
Khartoum vermutete, dass die meisten Autoren der Bücher über die Marimba, die in der Times besprochen wurden, fast mit Sicherheit in diesem ordentlichen und selbstgerechten, wahrscheinlich auch verklemmten Institut lebten. Was man ihnen nicht zum Vorwurf machen konnte; sie verfügten weder über Khartoums Erfahrung noch über die Unterstützung von Sheridan Harnar.
Natürlich war Sid Khartoum nicht sein richtiger Name. In Wirklichkeit hieß er James Burlane, und war schon vor langer Zeit von DCI William Casey aus der Central Intelligence Agency hinausgeworfen worden. Burlane arbeitete jetzt für Mixed Enterprises, eine Scheinfirma, die ausschließlich aus ihm selbst und Ara Schott bestand, einem ehemaligen Direktor der Abteilung für Gegenspionage in Langley.
James Burlane tippte mit dem Zeigefinger auf die Plastikmaus und öffnete eine Datei. Der Cursor blinkte blinkte blinkte und wartete auf seinen nächsten Befehl …
Luis Fernandez nahm das Gas zurück, bis der 50–PS–Johnson–Außenborder im Leerlauf tuckerte. Er suchte das herrliche, bläulich-grüne Wasser nach einer guten Stelle für Gelbschnapper ab, obwohl es für James Burlane höchst verwirrend war, dass eine Stelle fünf Meilen vor der Küste besser sein sollte als irgendeine andere.
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