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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. Die meisten Touristen hatten den Strand bereits verlassen, waren in ihre Hotels zurückgekehrt oder tummelten sich noch auf der breiten Promenade, als Catalina Dagero ihren schon etwas altersschwachen blauen Kleinwagen auf einem Parkplatz an der Playa de Palma abstellte. Mütterlich legte sie ihren Arm um Mario und wanderte mit ihm hinüber zu der kniehohen Betonmauer, die den Sandstrand von der Promenade trennte. Fast an jedem Abend kam sie mit dem zwölfjährigen Jungen hierher, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Auch an diesem Tag verschwand die Sinne blutrot hinter den Bergen, die die Bucht seitlich begrenzten. Früher hatte Mario oft mit seinen Eltern auf der Mauer gesessen und dem Sonnenuntergang zugeschaut. Lena und Alonso Hernandez waren gute Eltern gewesen, die alles für ihren Sohn getan und mit ihm zusammen als glückliche Familie gelebt hatten. Tagsüber waren sie stets von der Arbeit, die ihre kleine Autovermietung in Son Veri Nou mit sich brachte, in Anspruch genommen worden. Aber ihre Freizeit hatten sie ihrem Sohn gewidmet, Ausflüge mit ihm unternommen und ihn zu einem freundlichen, naturverbundenen Jungen erzogen. Vor drei Wochen hatte das Schicksal mit unerbitterlicher Härte zugeschlagen. Auf dem Weg zu dem Kollegen, der sich erst kürzlich auf Mallorca niedergelassen hatte, waren Lena und Alonso Hernandez verunglückt. Ein junger, noch unerfahrener Autofahrer hatte den Wagen der beiden in der Sierra Torellas von der Bergstraße abgedrängt, nachdem er selbst die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hatte. Lena und Alonso waren in eine Schlucht gestürzt und hatten diesen Unfall nicht überlebt. Mario wußte, daß seine Eltern
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die meisten Touristen hatten den Strand bereits verlassen, waren in ihre Hotels zurückgekehrt oder tummelten sich noch auf der breiten Promenade, als Catalina Dagero ihren schon etwas altersschwachen blauen Kleinwagen auf einem Parkplatz an der Playa de Palma abstellte. Mütterlich legte sie ihren Arm um Mario und wanderte mit ihm hinüber zu der kniehohen Betonmauer, die den Sandstrand von der Promenade trennte. Fast an jedem Abend kam sie mit dem zwölfjährigen Jungen hierher, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Auch an diesem Tag verschwand die Sinne blutrot hinter den Bergen, die die Bucht seitlich begrenzten. Früher hatte Mario oft mit seinen Eltern auf der Mauer gesessen und dem Sonnenuntergang zugeschaut. Lena und Alonso Hernandez waren gute Eltern gewesen, die alles für ihren Sohn getan und mit ihm zusammen als glückliche Familie gelebt hatten. Tagsüber waren sie stets von der Arbeit, die ihre kleine Autovermietung in Son Veri Nou mit sich brachte, in Anspruch genommen worden. Aber ihre Freizeit hatten sie ihrem Sohn gewidmet, Ausflüge mit ihm unternommen und ihn zu einem freundlichen, naturverbundenen Jungen erzogen.
Vor drei Wochen hatte das Schicksal mit unerbitterlicher Härte zugeschlagen. Auf dem Weg zu dem Kollegen, der sich erst kürzlich auf Mallorca niedergelassen hatte, waren Lena und Alonso Hernandez verunglückt. Ein junger, noch unerfahrener Autofahrer hatte den Wagen der beiden in der Sierra Torellas von der Bergstraße abgedrängt, nachdem er selbst die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hatte. Lena und Alonso waren in eine Schlucht gestürzt und hatten diesen Unfall nicht überlebt. Mario wußte, daß seine Eltern tot waren, aber begreifen konnte er das auch jetzt, nach drei Wochen noch nicht. Manchmal wachte er nachts auf und glaubte, nur einen bösen Alptraum erlebt zu haben. Doch dann wurde ihm sehr schnell bewußt, daß er tatsächlich ganz allein auf dieser Welt war. Er besaß keine Angehörigen, die sich um ihn hätten kümmern und seinen Schmerz mit ihm teilen können. Da war nur Catalina Dagero, die Nachbarin seiner Eltern. Die fünfzig Jahre alte Frau, die vor einem Jahr ihren Mann verloren hatte, hatte mitunter in der Autovermietung ausgeholfen, die Räume und Fenster geputzt und sich auf diese Weise etwas nebenbei verdient. Ihre beiden Kinder waren längst erwachsen und hatten das Haus verlassen. Seit dem Tod ihres Mannes arbeitete Catalina Dagero in einem der Touristenhotels an der Playa de Palma. Für einen kleinen Nebenverdienst war sie jedoch immer dankbar gewesen. Nach dem Unglück, durch das Mario seiner Eltern beraubt worden war, hatte die Witwe keinen Moment gezögert und war sofort bereit gewesen, vorläufig für den Jungen zu sorgen. Eine endgültige Lösung, das wußte Mario, konnte dieser Zustand nicht sein. Catalina Dagero hatte durch ihre Arbeit nicht genug Zeit für ihn, und finanziell konnte sie es sich auch nicht leisten, ein Kind dauerhaft aufzunehmen. Aber bis zur endgültigen Klärung, wie es nun weitergehen sollte, war sie für Mario da, versorgte ihn und spendete ihm immer wieder Trost. Er war ihr dankbar dafür, fürchtete sich aber gleichzeitig vor der Zukunft, die völlig ungewiß vor ihm lag. Seine kleine heile Welt war total aus den Fugen geraten, und er hatte keine Ahnung, was nun aus ihm werden sollte.
»Ist dir kalt?« fragte Catalina, als ein Windstoß über den Strand fuhr und den Sand aufwirbelte. »Willst du dir die Jacke aus dem Wagen holen?«
Mario schüttelte den Kopf. »Nein, ich friere nicht. Der Wind ist ziemlich warm.«
Die beiden sprachen spanisch miteinander. Mit seinen Eltern hatte Mario viel deutsch gesprochen. Seine Mutter stammte aus Deutschland, sein Vater war auf Mallorca geboren und aufgewachsen. Beide Elternteile hatten dafür gesorgt, daß ihr Sohn zweisprachig erzogen wurde. Catalina Dagero hatte durch ihre Arbeit im Hotel auch schon einige deutsche Wörter und einfache Sätze aufgeschnappt und verstand die überwiegend deutschen Touristen recht gut, wenn diese langsam und deutlich sprachen. Mit Mario unterhielt sie sich allerdings lieber in ihrer Muttersprache.
»Ob Papa und Mama jetzt wirklich im Himmel sind und von dort auf mich herabschauen können?« fragte der Junge mit einem Blick zu den von der untergehenden Sonne leuchtend rot gefärbten wenigen Wolken, die über den fernen Bergkuppen schwebten.
»Ganz sicher sind sie im Himmel«, erwiderte die gläubige Katholikin. »Sie sind die besten Menschen gewesen, die ich jemals kennengelernt habe. Der liebe Gott wird ihnen einen ganz besonders schönen Platz im Himmel zugewiesen haben, und er wird auch für dich sorgen, Schutzengel über dich wachen lassen und alles so einrichten, daß für dich alles wieder gut wird. Enrico Baleri, der Notar deiner Eltern, hat schon einen Brief an deine Patentante in Deutschland geschickt. Ich bin sicher, daß sie kommen und sich um dich kümmern wird.«
»Tante Simone? Ja, vielleicht kommt sie tatsächlich. Ich kann mich gar nicht mehr so richtig an sie erinnern. Es ist schon fünf Jahre her, seit sie zuletzt mit ihrem Mann hier auf Mallorca gewesen ist. Wie sie und Onkel Alfons aussehen, weiß ich kaum noch. Aber Tante Simone ist nett. Sie schreibt mir manchmal, und zum Geburtstag und zu Weihnachten schickt sie immer ein Geschenkpäckchen. Zwei- oder dreimal im Jahr ruft sie auch an und unterhält sich mit mir. Ich weiß allerdings nicht, ob sie mir tatsächlich helfen kann. Tante Simone und Onkel Alfons haben selbst ein Kind, eine Tochter. Wahrscheinlich können sie sich nicht auch noch um mich kümmern.«
»Man kann vieles, wenn man es wirklich will«, entgegnete Catalina. »Mache dir jetzt keine Sorgen. Es wird sich alles finden.«
Dieser gute Ratschlag war nicht leicht zu befolgen. Mario konnte seine Sorgen nicht unterdrücken, obwohl er sich sehr darum bemühte. Aus einer nahe gelegenen Bar klangen fröhliche Stimmen zu ihm und Catalina herüber. Ein paar Urlauber wanderten gut gelaunt die Strandpromenade entlang, und ein älteres Ehepaar hatte sich in der Nähe auf der Betonmauer niedergelassen, schaute den am Strand auslaufenden Wellen zu und machte Pläne für den kommenden Urlaubstag. Keiner der Gäste, die sich zur Zeit auf der Insel aufhielten, schien irgendwelche Probleme zu haben. Sie alle genossen offensichtlich unbeschwert ihre Ferien. Diese Erkenntnis ließ Mario noch trauriger werden, als er ohnehin schon gewesen war. Aber er fragte sich, warum das Schicksal ausgerechnet ihn so hart getroffen hatte und warum er nicht auch glücklich sein durfte. Schließlich hatte er doch nichts verbrochen, für das er hätte bestraft werden müssen. Trotzdem waren ihm die Eltern genommen worden, und eine noch größere Strafe konnte es für einen so jungen Menschen wohl kaum geben.
»Die Sonne ist untergegangen, und jetzt wird es wirklich kalt«, stellte Mario fest. »Fahren wir wieder zurück?«
Catalina Dagero nickte und erhob sich. Es wurde Zeit, nach Hause zu fahren. Am nächsten Tag begann pünktlich um sieben Uhr morgens ihr Dienst im Hotel. Sie mußte früh zu Bett gehen, um ausgeschlafen und frisch an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen.
*
Hastig löffelte Laura Winkler die Cornflakes aus der Porzellanschale. Obwohl ihre Mutter sie rechtzeitig geweckt hatte, war die Elfjährige zu spät aufgestanden, hatte anschließend noch im Badezimmer herumgetrödelt und wieder einmal nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Nun mußte sie sich eilig auf den Schulweg machen und konnte sich nicht viel Zeit für das Frühstück lassen. Simone Winkler hatte es sich abgewöhnt, ihre Tochter noch früher zu wecken. Dann trödelte Laura nämlich noch länger beim Waschen und Anziehen und geriet am Ende in dieselbe Zeitnot. Bis jetzt war es dem Mädchen allerdings erstaunlicherweise immer gelungen, den Klassenraum zu betreten, bevor Lehrer oder Lehrerin hereinkam und die Tür hinter sich schloß. Manchmal hatte es sich jedoch um einen Vorsprung von nur wenigen Sekunden gehandelt.
»Na, ob sie es heute auch wieder schafft?« fragte Alfons Winkler mit einem amüsierten Blick auf die Uhr, nachdem Laura das Haus verlassen hatte und den Schulrucksack im Laufen auf ihre Schultern beförderte.
»Keine Ahnung«, erwiderte Simone. »Irgendwie wird sie einmal zu spät kommen. Vielleicht ist ihr das dann so peinlich, daß sie in Zukunft von sich aus besser auf die Zeit achtet.«
»Ich muß mich jetzt auch auf den Weg machen, wenn ich den Termin mit meinem ersten Klienten nicht verpassen will. Es wäre mir nämlich auch peinlich, wenn ich ihn warten lassen würde.«
Simone verabschiedete sich liebevoll von ihrem Mann und winkte ihm nach, als er den Wagen aus der Garage fuhr und ihn die kurze Auffahrt zu der ruhigen Vorortstraße entlangrollen ließ.
Allein im Haus räumte Simone die Küche auf und richtete die Schlafzimmer. Die Morgensonne fiel durch die großen Fenster und durchflutete die Räume mit ihrem Licht. Simone fühlte sich wohl in diesem hübschen großzügigen Haus, in dem sie seit sechs Jahren mit Alfons und Laura wohnte. Früher hatte die Familie in einer Mietwohnung gelebt, die zwar auch groß genug, aber eben kein Eigentum gewesen war. Nachdem Alfons seine eigene Anwaltskanzlei eröffnet und gut verdient hatte, war es möglich gewesen, sich nach einem eigenen Haus umzusehen, und dieses hier hatte Simone besonders gut gefallen. Es lag sehr ruhig, bot ungewöhnlich viel Platz und verfügte über einen großen Garten, in dem die damals noch kleine Laura mit Freundinnen und Nachbarskindern gefahrlos spielen konnte. Weder Alfons noch Simone hatten jemals bereut, dieses Haus gekauft zu haben.
Simone hatte gerade die Küche aufgeräumt und die Spuren des Frühstücks beseitigt, als der Postbote an der Tür läutete. Neben einigen anderen Briefen händigte er ihr ein Einschreiben aus. Simone nahm es entgegen und betrachtete den Absender. Enrico Baleri – Notario, das sagte ihr überhaupt nichts. Sie kannte diesen Namen nicht und konnte sich nicht vorstellen, aus welchem Grund ein fremder Notar aus Mallorca ihr einen eingeschriebenen Brief schickte. Neugierig geworden öffnete sie den Umschlag und ließ sich am Küchentisch auf einem Stuhl nieder. Sekunden später war sie froh, sich hingesetzt zu haben, denn ihre Kniegelenke fühlten sich an wie Pudding, ihre Hände zitterten, und ihr Herz raste. Enrico Baleris Zeilen schockierten sie. Ihre alte Schulfreundin Lena war zusammen mit ihrem Mann bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Verstört ließ Simone den Brief sinken.
Lenas Bild tauchte vor ihr auf, und sie hatte fast das Gefühl, das fröhliche Lachen ihrer Freundin hören zu können. Simone und Lena hatten sich kennengelernt, als sie beide zehn Jahre alt gewesen und derselben Klasse im Gymnasium zugeteilt worden waren. Vom ersten Tag an hatten sie sich ausgezeichnet miteinander verstanden und gemeinsam so manchen Streich ausgeheckt. Während der gesamten Schulzeit hatte es nie einen Streit zwischen ihnen gegeben, und die freundschaftliche Verbindung war auch dann noch von Bestand geblieben, als Simone und Lena längst ihr Abitur bestanden und unterschiedliche Berufswege eingeschlagen hatten.
Während einer Urlaubsreise war Lena auf Mallorca Alonso Hernandez begegnet und hatte sich in den jungen Mallorquiner verliebt. Schon ein halbes Jahr später wurde die Hochzeit gefeiert. Die Entscheidung, für immer bei ihrem Mann auf Mallorca zu bleiben und dort mit ihm im Autoverleih seines Vaters zu arbeiten, war Lena nicht schwergefallen. Wenige Monate nach der Hochzeit waren Simone und Alfons, die seinerzeit bereits verlobt waren, nach Mallorca gereist und hatten das junge Paar besucht. Bei dieser Gelegenheit hatte Simone erfahren, daß ihre Freundin schwanger war und sie sich als Patentante wünschte. Simone erinnerte sich noch gut daran, wie stolz sie damals gewesen war. Mit Freude übernahm sie die Patenschaft für das Baby. Nach einem alten Brauch gehörte es auch zu den Pflichten einer Patentante, für das Kind zu sorgen, falls dessen Eltern etwas zustoßen sollte. Lena und Simone setzten sogar einen entsprechenden schriftlichen Vertrag auf, den sie von einem Notar gegenzeichnen ließen. An den Namen dieses Notars konnte Simone sich heute nicht mehr erinnern. Sie hätte im Traum nicht daran gedacht, daß die schriftliche Abmachung irgendwann einmal von Bedeutung sein würde. Schließlich waren Lena und Alonso zwei gesunde junge Leute, die ein langes Leben vor sich hatten.
Nachdem der kleine Junge geboren worden war, erschienen Simone und Alfons zu dessen Taufe. In Anlehnung an Simones Namen, vollständig hieß sie Simone Maria, bekam das Baby den Namen Mario. Simone war seit einem halben Jahr verheiratet und selbst schwanger, als sie ihr Patenkind über das Taufbecken hielt.
Während der folgenden Jahre reisten Alfons und Simone häufig nach Mallorca, besuchten ihr Patenkind und verbrachten mit der kleinen Laura wundervolle Urlaubswochen am Strand. Erst nachdem Laura eingeschult worden war, wurden andere Urlaubsziele gewählt. Trotzdem brach die Verbindung nie ab. Simone nahm ihre Aufgabe als Patin immer ernst.
Während der vergangenen zwölf Jahre hatte sich viel ereignet. Lenas Eltern waren inzwischen gestorben, und auch Alonsos Eltern lebten nicht mehr. Trotzdem war die kleine Familie stets glücklich gewesen, und durch die zahlreichen Touristen, die in ihren Ferien nicht auf ein Auto verzichten wollten, lief auch der Betrieb recht gut. Ernsthafte finanzielle Sorgen hatte es für die Familie Hernandez nie gegeben. Doch jetzt war es zu einer Katastrophe gekommen. Lena und Alonso waren einem Unfall zum Opfer gefallen und hatten Mario allein zurückgelassen. Der Tod ihrer besten Freundin machte Simone betroffen. Bei dem Gedanken an den Jungen, der nun keinen Menschen mehr auf dieser Welt hatte, wurde ihr noch schwerer ums Herz.
Noch einmal las Simone den Brief, den sie von Enrico Baleri erhalten hatte. Der Notar hatte mit der deutschen Sprache offensichtlich keinerlei Probleme. Jedenfalls enthielten die Zeilen keinen einzigen Fehler. Er bat Simone um ein persönliches Gespräch, in dem einige Dinge geklärt werden sollten. Für die Unterbringung in einem Hotel würde er sorgen, sobald sie ihm mitteilte, wann sie nach Mallorca kommen konnte. Am liebsten wäre Simone noch am selben Tag abgeflogen. Alles in ihr drängte danach, Mario in die Arme schließen und ihn trösten zu können. Wie verstört der Junge jetzt sein mußte, konnte sie sich lebhaft vorstellen. Aber sie wollte die Entscheidung nicht allein treffen. Außerdem nahm sie an, daß Alfons sie begleiten wollte. Im allgemeinen störte Simone ihren Mann nur ungern bei seiner Arbeit in der Kanzlei. Sie suchte ihn lediglich dann auf, wenn es sich um Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit handelte. Diese Sache war wichtig, vielleicht sogar wichtiger als irgendeine andere. Simone steckte den Brief in ihre Handtasche, verließ das Haus und fuhr mit ihrem Wagen unverzüglich zu Alfons’ Kanzlei, die nur wenige Kilometer entfernt im Ortszentrum lag.
*
Alfons hatte gerade einen Klienten verabschiedet und ihn persönlich zur Tür begleitet, als seine Sekretärin aus dem Vorzimmer kam.
»Ich habe hier den Schriftsatz in Sachen Obermeyer gegen Kienbach. Er ist gerade fertig geworden. Wollen Sie ihn noch einmal durchsehen, bevor ich ihn zur Post gebe?«
»Ja, das mache ich sofort. Dann kann er heute noch raus. Vielen Dank, Bäumchen.«
