Marsha Mellow und ich - Maria Beaumont - E-Book

Marsha Mellow und ich E-Book

Maria Beaumont

4,9
4,99 €

Beschreibung

Ein witziger, temporeicher Roman voller Situationskomik und skurriler Einfälle! Amy ist verzweifelt: Ihr Job bei einem Londoner Stadtmagazin langweilt sie zu Tode und seitdem sie ihren sexbesessenen Exfreund vor einem Swingerclub stehengelassen hat, blieb auch im Bett die Seite neben ihr stets leer. So schüchtern Amy auch scheint, trägt sie doch ein kleines, süßes Geheimnis mit sich: Marsha Mellow, Londons neue Sexgöttin und Nummer-1-Bestsellerautorin für erotische Romane! Niemand kennt ihre wahre Identität, doch alle sind verrückt nach ihr. Selbst die konservative Daily Mail will unbedingt herausfinden, wer hinter der Autorin steckt. Doch wahre Sexgöttinen sind selten - und ausgesprochen schwer zu verstecken ... Weitere Romane von Maria Beaumont: Extra Scha(r)f Nullnummern Veni, Vidi, Gucci

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EPUB

Seitenzahl: 479




Inhalt

CoverInhaltÜber das BuchÜber den AutorTitelImpressumKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapite 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29

Über das Buch

Ein witziger, temporeicher Roman voller Situationskomik und skurriler Einfälle! Amy ist verzweifelt: Ihr Job bei einem Londoner Stadtmagazin langweilt sie zu Tode und seitdem sie ihren sexbesessenen Exfreund vor einem Swingerclub stehengelassen hat, blieb auch im Bett die Seite neben ihr stets leer. So schüchtern Amy auch scheint, trägt sie doch ein kleines, süßes Geheimnis mit sich: Marsha Mellow, Londons neue Sexgöttin und Nummer-1-Bestsellerautorin für erotische Romane! Niemand kennt ihre wahre Identität, doch alle sind verrückt nach ihr. Selbst die konservative Daily Mail will unbedingt herausfinden, wer hinter der Autorin steckt. Doch wahre Sexgöttinen sind selten - und ausgesprochen schwer zu verstecken ... Weitere Romane von Maria Beaumont: Extra Scha(r)f Nullnummern Veni, Vidi, Gucci

Über die Autorin

Maria Beaumont galt früher als das rosa Schaf der Familie, war sie doch die ungezogene Tochter eines einfachen, schlecht Englisch sprechenden griechischen Einwanderers. Dann wurde sie kreativ und verschaffte sich selbst eine neue Identität. Seitdem lebt sie als respektable Mittelklasse- Mutter-und-Gattin-und-Bestsellerautorin in einem noblen Vorort von London.Maria Beaumont hat es großen Spaß gemacht, »Nullnummern « zu schreiben. Auch wenn sie im richtigen Leben das große Los schon gezogen hat. Sie lebt mit ihrem Mann Matt und ihren beiden Kindern in London. Dort arbeitet sie gerade an ihrem sechsten Roman.

Maria Beaumont

Marsha Mellow& ich

Aus dem Englischen vonClaudia Geng

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © Maria Beaumont

Titel der englischen Originalausgabe: »Marsha Mellow and me«

Originalverlag: William Heinemann/Arrow Books,a division of Random House, London

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2004/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Covergestaltung: Jeannine Schmelzerunter Verwendung von Motiven von Shutterstock:© shutterstock/Deliza, © shutterstock/Studio_G, © shutterstock/M.Stasy, © shutterstock/Vasya Kobelev, © shutterstock/tatishdesign

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-2571-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Kapitel 1

Nervös warte ich im Vorzimmer. Innerlich angespannt umklammere ich die Knie, während mich eine Sekretärin mit blonder Mähne hinter einer Yucca-Palme verstohlen beobachtet. In diesem Moment klingelt ihr Telefon, und sie nimmt ab. Sie lauscht einen Moment lang, legt dann den Hörer auf und haucht mir zu: »Er ist jetzt bereit, Sie zu empfangen.«

Ich stehe auf und streiche meinen Rock glatt. Unter meiner Kostümjacke fühle ich mein Herz pochen. Ich hasse Bewerbungsgespräche wie die Pest, aber ich brauche diesen Job unbedingt. Ich hole tief Luft und öffne die Tür zu dem Büro.

»Kommen Sie herein und nehmen Sie Platz, ich bin gleich für Sie da«, sagt der Typ hinter dem breiten Schreibtisch. Sein Akzent lässt mich stutzen. Ich hatte nämlich nicht damit gerechnet, dass der Seniorpartner von Blinkhorn & Bracken Amerikaner ist.

Ich nehme Platz und betrachte meinen Arbeitgeber in spe dabei, wie er etwas zu Ende schreibt. Er ist wesentlich jünger, als ich erwartet habe, und sieht zudem ziemlich gut aus mit seinem gebräunten, markanten Gesicht. Schließlich legt er den Stift zur Seite, sieht mich an und setzt ein strahlendes Lächeln auf.

»Okay ... Amy«, meint er, während sein Blick kurz über meinen Lebenslauf auf seinem Schreibtisch wandert, »dann beginnen Sie am besten mal mit Ihrer Qualifikation.«

Ich spüre, wie mein Mund trocken wird, während ich verzweifelt versuche, mich an die Antworten zu erinnern, die ich in den vergangenen Tagen einstudiert habe. »Ja. Okay. Gut«, beginne ich zögernd. »Also, ich habe sehr gute Kenntnisse in Word und in Power Point und ...«

»Sind Sie fit im Diktat?«, unterbricht er mich.

»Im Diktat? Ja, mein Steno ist ziemlich ...«

Dieses Mal unterbreche ich mich selbst, weil er sich erhoben hat ... und sein Ding hängt heraus ... und – Himmel! – es ist ein richtiger Prügel. Einen halben Meter lang. Mindestens. Jetzt schlägt mein Herz wie verrückt, aber ich versuche mein Bestes, es zu ignorieren – ich habe diesen Job wirklich dringend nötig.

»I... in St... Steno b... bin ich ziemlich gut«, stottere ich, während er auf mich zugeht, wobei er seine Erektion umfasst und stolz hin- und herschwenkt, als wäre es die olympische Fackel. »A... aber ich k... k... kann auch mit Diktiergerät arbeiten, wenn Sie das bevorz...«

»Cut, Cut, Cut, verdammte Scheiße, Cut!«, brüllt plötzlich jemand.

Konsterniert schaue ich mich um und sehe, wie ein fetter Kerl mit Pferdeschwanz wütend auf mich zustapft. Wo zum Teufel kommt der plötzlich her? Und die Scheinwerfer – was läuft hier eigentlich ab? Und was machen die ganzen Kameraleute hier?

»Was verzapfst du da für einen Mist, Schätzchen?«, brüllt der Fettsack los. »Davon steht nichts in meinem verdammten Script. Und was hast du eigentlich für beschissene Klamotten an?« Daraufhin grapscht er nach dem Saum meines grauen Wollrocks knapp unterhalb der Knie. »Wo sind die verdammten Netzstrümpfe, das Bustier, die fünfzehn Zentimeter hohen Fick-mich-Stilettos, hä?«

»A... aber ich bin wegen der Stelle als Sekretärin hier«, bringe ich mit piepsender Stimme hervor. »Ist das hier nicht die Kanzlei Blinkhorn & Bracken?«

»Nein, du doofe Kuh«, brüllt er mich an. »Das hier ist Büroschlampen Teil III ... Oh Gott, das überlebe ich nicht.« Theatralisch klatscht er sich gegen die Stirn und schreit dann: »Stylist, Visagist, Garderobe, schafft mir diese Braut aus den Augen und bringt sie mir erst wieder, wenn sie wie eine verdammte Büroschlampe aussieht.«

Das war früher mein schlimmster Albtraum. Versehentlich auf dem Set eines Pornos zu landen war noch eine Spur härter als der andere Traum, der mich immer wieder plagte, nämlich mich aus unerfindlichen Gründen nackt und ohne Geld an der Kasse von Safeway wiederzufinden.

Wie ich bereits sagte, war das früher mein schlimmster Albtraum.

An diesem Punkt in meinem Leben ist er von einem weitaus schlimmeren Traum abgelöst worden – vor allem deshalb, weil im Prinzip mein ganzes Leben ein Albtraum ist.

An diesem Punkt in meinem Leben heißt genauer: zehn vor neun an einem Freitagmorgen. Ich bin gerade im Büro eingetroffen. Das Telefon hat bereits geklingelt, bevor ich meinen Mantel ausgezogen habe. Mary. Sie hat ein Talent für Hiobsbotschaften, die so erwünscht sind wie ein fetter Pickel (und zwar ein richtig fies entzündeter Pickel auf der Nasenspitze, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich im Finale der Miss-World-Wahlen Großbritannien vertreten soll – nicht, dass das jemals der Fall sein wird, aber der Vergleich gefällt mir).

»Bist du noch dran?«, fragt Mary nach einigen Minuten zäher Unterhaltung – in denen ich mir schweigend ihre Schimpfpredigt angehört habe. Während sie darauf wartet, dass ich etwas erwidere, sehe ich, wie Lewis das Großraumbüro betritt. Dieses Arschloch. Am liebsten möchte ich dieses Telefonat überhaupt nicht führen, und schon gar nicht, wenn mein Chef alles mit anhört.

»Du kannst dich ruhig blind und taub stellen, Amy«, redet Mary weiter. »Ob es dir passt oder nicht, morgen bringt die Mail die Story. Eine von deren Klatschreporterinnen hat vor meiner Tür Stellung bezogen. Sie hat eine große Thermoskanne Tee dabei und geschworen, sich nicht von der Stelle zu rühren, bis sie mir deinen Namen aus der Nase gezogen hat.«

»Aber du hast doch nicht etwa vor, ihr ihn zu verraten, oder?«, gebe ich wütend zurück. Da Lewis anwesend ist, kann ich nicht so laut sprechen, sodass die Worte wie ein ersticktes Zischen klingen.

»Was verraten und wem?«, entgegnet Mary.

»Meinen Namen dieser Pressetante«, fauche ich zurück.

»Für wen hältst du mich eigentlich? Für irgendeine dumme Tussi, die mit einem Promi in der Kiste war und danach nichts Besseres weiß, als direkt die Presse zu informieren?«

»Schon gut, ich habe verstanden«, fauche ich weiter.

»Und warum fauchst du mich dann an?«, fragt sie.

»Tu ich gar nicht«, fauche ich.

Mittlerweile steht Lewis nur wenige Meter von mir entfernt, wo er gerade den Inhalt des Posteingangs durchschaut – ich muss das Gespräch jetzt dringend beenden. »Ich muss wieder, Mary. Hab einen Anruf auf der anderen Leitung.«

Daraufhin lege ich auf und zwinge mich innerlich, mich normal zu verhalten. Ich bringe das Zittern meiner Hände unter Kontrolle, nehme den Deckel von meinem Cappuccino ab und puste an dem Schaum. Shit, zu heftig. In dicken Flocken spritzt Schaum auf meine Tastatur. Merke: Versuche nie, dich unauffällig zu verhalten, wenn heiße Getränke in der Nähe sind.

Ich schaue zu Lewis. Obwohl wir die Einzigen im Raum sind, nimmt er keine Notiz von mir. Offenbar hat er an der Post weitaus mehr Interesse. Nun, das ist nichts Neues. Warum sollte er mich auch beachten? Schließlich bin ich – nach der sechzehnjährigen Aushilfe mit dem Pickelgesicht, die immer das Kopiererpapier nachfüllt – die zweitunwichtigste Person in diesem Laden, wohingegen Lewis der Chefredakteur ist.

Wir arbeiten für Working Girl, was klingt, als wäre es die bevorzugte Lektüre von Hostessen, Straßenmädchen und Stripperinnen, und das umso mehr, als unsere Geschäftsräume in Soho sind. Ich wünschte, das wäre unsere Leserschaft, dann wäre das Ganze nämlich wesentlich spannender als in Wirklichkeit. Working Girl ist eines dieser Anzeigenblättchen, die kostenlos verteilt werden und in denen es vor Stellenanzeigen für todlangweilige Bürojobs nur so wimmelt, obwohl sie sich allesamt anhören, als suche George Clooney eine persönliche Assistentin.

Working Girl läuft momentan nicht besonders gut – die Leute wollen es nicht einmal geschenkt haben. Lewis ist erst seit ein paar Wochen hier und soll den Laden vollkommen umkrempeln ... beziehungsweise uns alle feuern, falls wir Pleite machen. Wie es auch immer kommen mag, er scheint jedenfalls hart genug für diesen Job zu sein. Er redet nicht viel, sondern zieht es gemeinhin vor, mit schmalen Augen seine Blicke Bände sprechen zu lassen. Richtig unheimlich, muss man sagen.

Aber auch, wie ich zugeben muss, sehr verführerisch. Mit etwas Fantasie ähnelt er ein wenig George Clooney (wie in Emergency Room und Ocean’s 11, und nicht als dämlicher Freak in diesem Film, den kein Mensch wirklich sehen wollte). Und mit noch mehr Fantasie hat er auch ein klitzekleines bisschen was von Brad. (Pitt natürlich.)

Scheiß Hormone. Immer fahre ich auf die unheimlichen und unpassenden Männer ab. So habe ich einem unheimlichen und unpassenden Mann auch meinen momentanen Schlamassel zu verdanken.

Nichtsdestotrotz, da Lewis noch kein einziges Wort mit mir gewechselt hat, seit er hier ist, und wahrscheinlich nicht einmal meinen Namen kennt, habe ich im Moment vermutlich nichts zu befürchten.

»Wen haben Sie denn eben so angefaucht, Amy?«

»Verzeihung?« Ich bin wie vom Blitz getroffen. Lewis hat mich tatsächlich angesprochen. Er kennt sogar meinen Namen. Wie viel er wohl von diesem verdammten Telefonat mitgehört hat?

»Ich fragte, wen Sie denn eben so angefaucht haben«, wiederholt er, ohne aufzuschauen.

»Äh ... niemanden. Bloß meine Schwester«, schwindle ich – schließlich kann ich ihm schlecht die Wahrheit sagen, oder? Dass Mary meine Agentin ist. Wie sollte ich ihm auch erklären, dass die zweitunwichtigste Person in der Firma eine eigene Agentin hat?

»Mary – ein schöner alter Name«, bemerkt Lewis sachlich. »Ich hoffe, Sie haben das Gespräch nicht meinetwegen beendet.«

Shit, was hat er alles mitbekommen?

»Nein, nein«, widerspreche ich vehement, »wir waren ... äh, ohnehin fertig. Ganz bestimmt.«

»Gut, ich möchte nämlich mit Ihnen reden.«

Wozu das denn? Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen, bloß um mich zu vergewissern, dass er tatsächlich mich meint; dass es keine andere Amy gibt, von der ich bislang nichts wusste.

Lewis schiebt die Post wieder in das Fach zurück und kommt zu meinem Schreibtisch. Er hockt sich auf eine Ecke und legt lässig ein Bein auf den Tisch. Ich kann den Blick nicht von meinem Locher wenden, der sich in seinen langen Oberschenkel bohrt, und ich stelle mir vor, wie ...

Himmel, Amy, lass das. Das ist hier weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.

Mit seinen braunen Augen – die erstaunlich groß schimmern, wenn er sie mal nicht zusammenkneift – blickt er mich an und sagt: »Und, meinen Sie, wir können es retten?«

»Was retten?«, frage ich begriffsstutzig.

»Working Girl.«

Die Frage ist verdammt schwierig. Working Girl ist nämlich großer Mist, das schlimmste von all den Gratis-Käseblättchen. Daher lautet die Antwort: »Ehrlich gesagt, Lewis, wäre es einfacher gewesen, den Soldaten James Ryan zu retten.« Aber das sage ich nicht. Nein, ich entgegne: »Ähm ... Äh ... ich bin nicht ... äh ... sicher«, wobei ich mich anhöre wie der letzte Vollidiot.

»Ein Jammer«, erwidert er, »ich dachte nämlich, Sie wären die ideale Person, die meine Frage beantworten könnte.«

Ich schaue mich erneut im Büro um, da er unmöglich mich meinen kann.

»Sie sind doch Sekretärin, nicht?«, erläutert er. »Also gehören Sie zur Zielgruppe und müssten mir folglich sagen können, ob diese Zeitschrift Ihnen zusagt ... oder nicht.«

Erwartungsvoll blickt er mich an, wobei seine braunen Augen immer größer schimmern. Scheiße. Er wartet auf eine Antwort von mir. Sag irgendwas – vorzugsweise etwas Intelligenteres als die scharfsinnige Bemerkung eben.

»Äh ... nun ... ich denke ... dass ... äh ...«

Das läuft ja großartig.

» ...Ich denke, es würde ... äh ...«

»Ja?«, sagt er in aufmunterndem Ton, in dem jedoch ein Hauch von Ungeduld mitschwingt. Bestimmt hat er etwas Besseres zu tun – beispielsweise die Blätter seines Gummibaums zu polieren.

»Nun ja ... vielleicht wäre es ja hilfreich ... ähm ... Sie wissen schon ... wenn es darin mehr zu lesen gäbe.«

Er sieht mich ausdruckslos an – wahrscheinlich hat er seine Frage inzwischen vergessen. Ich muss unbedingt was sagen – egal, was –, um nicht so dazustehen, als wäre der Hirntod bei mir eingetreten. »Ich meine die Beiträge, Lewis«, plappere ich weiter. »Sie sind ... äh, sie sind ein wenig ... Sie wissen schon ... Schrott eben.«

Wie zum Teufel kann ich so etwas sagen? Mein Gesicht erhitzt sich auf hundert Grad, als mir siedendheiß einfällt, dass er als Chefredakteur für die ... äh ... Beiträge respektive den Schrott verantwortlich ist. Er starrt mich an, und seine Augen verengen sich, als er sagt: »Das ist eine sehr ... konstruktive Kritik.«

»Äh ... ja?«, gebe ich wenig einfallsreich zurück und schelte mich insgeheim für meine vielen »Ähs«.

»Ja, in der Tat. Davon könnte ich hier mehr gebrauchen – konstruktive Kritik ... Hören Sie, ich möchte Sie um etwas bitten ... Darum wollte ich Sie schon seit längerem bitten ...«

Jetzt spielt er mit meinem Tacker, ohne mich anzuschauen. Zudem scheint sein Hintern auf meinem Schreibtisch eine bequemere Position zu suchen – was nicht ohne Reiz ist.

»In so etwas war ich leider noch nie gut«, redet er weiter, »deswegen frage ich einfach rundheraus: Würden Sie gerne ...«

Er unterbricht sich.

Was gerne? Was trinken gehen? Essen gehen? Zur Hölle fahren? ... Was? Ich möchte es wirklich wissen, zumal der flehentliche Ausdruck in seinen Augen nahe legt, dass es sich wahrscheinlich nicht um die Hölle handelt, aber er bleibt stumm. Und das, weil in diesem Moment irgendein blödes Telefon bimmelt.

Er greift in seine Jacketttasche und zieht sein Handy heraus. »Hi ... Ja ... Hi, Ros ...«

Wer ist Ros?

Er rutscht von meinem Schreibtisch herunter und kehrt mir den Rücken zu. Er spricht mit gedämpfter Stimme, sodass sonnenklar ist, bei wem es sich um Ros handelt. Und ich habe bereits geglaubt, dass er mich zum Essen einladen möchte. Träum weiter, Amy.

»... Wir telefonieren wieder. Das machen wir bald«, sagt er, während er sich wieder mir zuwendet. »Ja, ich auch. Ich freu mich darauf.«

Er klappt sein Handy zu und lächelt mich freundlich an ... Aber das ist nicht mehr dasselbe. Jetzt ist alles anders. Schließlich gibt es eine Ros in seinem Leben.

»Entschuldigen Sie die Unterbrechung«, sagt er. »Wo waren wir stehen geblieben? Ich wollte gerade ...«

»Verfluchte Scheiße, Amy, ich weiß ja, dass Frauen sich schon an Zäunen festgekettet haben, um für ihr Recht auf ein halbwegs anständiges Vorspiel zu demonstrieren, aber ich musste ihn praktisch an den Ohren hochziehen und mich auf das Ding setzen. Jedenfalls kann Oralsex keinesfalls mithalten mit ... Wie heißt das noch? ... Oh, hi, Lewis. Ich hab Sie gar nicht gesehen.«

»Ich glaube, das Wort, das Sie suchen, Julie, ist Penetration«, begrüßt Lewis meine Arbeitskollegin, die inzwischen an den gegenüberliegenden Schreibtisch gegangen ist und ihre Jacke über die Stuhllehne hängt. Gleich darauf verzieht er sich. Ich betrachte seinen Hintern, der sich bestimmt zum letzten Mal von meinem Schreibtisch entfernt – der Hintern, mit dem ich (in diversen Tagträumen) bereits verheiratet bin und Kinder habe.

»Ups«, sagt Julie. »Bin ich in etwas hineingeplatzt?«

»Nein, ach was«, entgegne ich und schwöre insgeheim Rache.

»Gut, ich wollte dir nämlich von Alan berichten«, plappert Julie weiter. Es ist einer jener Morgen nach der ersten Nacht mit dem neuen Freund. Zeit für eine Wiederholung.

»Und, wie war’s?«, frage ich, froh über den Themenwechsel.

»Mmmm«, stöhnt Julie und schmilzt sichtlich auf ihrem Stuhl dahin. »Ich muss dir alles darüber erzählen. Der Typ ist eine Maschine. Er hat durchgehalten bis ... Willst du nicht drangehen?«

Mein Telefon klingelt. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich es ignorieren soll – bestimmt ist das wieder Mary – oder ob ich drangehen soll, um Julies ausführlicher Beschreibung der vergangenen Nacht bis zum letzten Tropfen zu entgehen. Beim fünften Klingeln hebe ich ab.

»Um Himmels willen, Mary, gönn mir eine Pause«, fauche ich in den Hörer.

»Hier ist nicht Mary«, erwidert meine Schwester – meine echte.

»Tut mir Leid, Lisa«, fauche ich erneut.

»Warum fauchst du mich denn an?«

»Ich fauche gar nicht.« Ich bin kurz davor zu schreien. Im nächsten Moment beruhige ich mich wieder und sage: »Tut mir Leid. Heute läuft eben alles schief.«

»Scheiße, bei mir auch. Wir müssen unbedingt miteinander reden.«

Sollte meine jüngere Schwester nicht gerade zur Jerry Springer Show eingeladen worden sein, um mit all ihren Verflossenen samt deren Ehefrauen konfrontiert zu werden, kann es Lisa unmöglich dreckiger gehen als mir, aber ich sehe großzügig darüber hinweg. »Hier ist es im Moment schlecht«, erwidere ich. »Ruf mich doch heute Abend an.«

»Aber Amy ...«

»Gerade kommt ein Anruf auf der anderen Leitung.« Ich würge sie erleichtert ab. »Ruf mich später an.«

Ich schalte auf die andere Leitung. »Guten Morgen, hier ist die Redaktion von Working Girl.«

»Und?« Es ist Mary.

»Hi, ich wollte dich soeben ...«

»Ich weiß, du wolltest mich gleich nach deinem Gespräch ›auf der anderen Leitung‹ zurückrufen«, unterbricht sie mich, und ich kann die Anführungszeichen förmlich hören. »Amy, Liebes, kann ja sein, dass diese Pressetante sich irgendwann den Kältetod auf der Straße holt, aber trotzdem wird sich das Problem nicht von allein lösen.«

»Tut mir Leid, ich könnte etwas mehr Initiative an den Tag legen, nicht?«

»Das hast du richtig erkannt. Marsha Mellow würde das viel besser handeln. Du solltest dir mal ein Beispiel an ihr nehmen.«

Die bloße Erwähnung dieses Namens verwandelt meine Stimme wieder in ein Fauchen. »Himmel, Mary, ich sitze hier mitten in einem Großraumbüro. Ich kann jetzt nicht ungestört reden.«

»Aber dir bleibt nichts anderes übrig, Engelchen. Deine Zeit wird allmählich knapp und ...«

»Hör zu, wir treffen uns nach Feierabend«, falle ich ihr ins Wort. Das will sie zwar nicht hören, aber etwas Besseres kann ich ihr im Moment nicht anbieten. »Komm doch um acht zu mir. Bis später dann.« Rasch lege ich auf.

So schroff war ich noch nie zu ihr. In punkto Schroffheit sind die Rollen bei uns klar verteilt – normalerweise ist das ihr Part.

Ich lehne mich zurück und denke darüber nach, was sie eben gesagt hat. »Marsha Mellow würde das viel besser handeln.« Scheiß auf Marsha Mellow. Ich hasse die Frau. Besonders jetzt, da sie offenbar der Aufhänger für eine Hetzjagd ist, die von der Daily Mail angeführt wird, der Zeitung, die für meine Eltern das Tor zur Welt ist.

Meine Eltern!

Die Vorstellung, dass die beiden etwas über Marsha Mellow lesen könnten, lässt mich in Schweiß ausbrechen.

»Egal, Amy, wo war ich stehen geblieben?«, reißt mich Julie aus meinen Grübeleien. »Ach ja. Der Typ ist also echt eine Masch ...«

»Tut mir Leid, Julie«, murmle ich erschöpft. »Nicht jetzt.«

Ich will mir jetzt keine schillernden Beschreibungen über Sex anhören. Schillernde Beschreibungen über Sex sind ja an diesem ganzen verdammten Dilemma schuld. Sozusagen.

»Alles okay?«, fragt Julie.

»Nein«, entgegne ich, stehe schwankend auf und stürze in Richtung Toilette.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

»Was immer dir beliebt, Schätzchen«, entgegnet eine unbekannte Stimme aus der Nachbarkabine. Wer auch immer das sein mag, jedenfalls bringt sie mich wieder zur Besinnung. Mir war gar nicht bewusst, dass ich laut gedacht habe. Auch war mir nicht bewusst, dass ich schon so lange auf der Schüssel sitze, dass ich jegliches Gefühl in den Beinen verloren habe.

Trotzdem habe ich hier drinnen nicht meine Zeit verschwendet. Ich habe rekapituliert, wie die Dinge derart außer Kontrolle geraten sind. Ich habe überlegt, wo der Ursprung war. Nicht ganz einfach. Streng deine grauen Zellen an. Nimm mal dein Leben gründlich unter die Lupe und verfolge alles bis an den Ursprung zurück. Nehmen wir an, du hast deine andere Hälfte auf der Arbeit kennen gelernt. Dann fing das ja nicht an jenem Tag an, an dem ihr den ersten Blickkontakt über das Faxgerät hinweg hattet. Es fing auch nicht an deinem ersten Arbeitstag in dieser Firma an. Warum hast du ausgerechnet hier angefangen, sodass ihr euch früher oder später begegnen musstet? Und, davor noch, warum hast du dich damals ausgerechnet für diesen Beruf entschieden? Man kann alles zurückverfolgen. Alles beginnt damit, dass eine Samenzelle von Millionen anderer Spermien zufällig mit einem bestimmten Ei zusammenstößt, woraus du hervorgehst. Spinnt man diesen Faden immer weiter rückwärts, landet man irgendwann unweigerlich bei der Frage, was die eigenen Eltern eigentlich veranlasst hat, sich zu paaren, aus welchen Spermien und Eiern sie selbst, ihre Eltern usw. entstanden sind. Bevor man weiß, wie einem geschieht, steht man am Ursprung der ganzen verdammten Schöpfung und vor den wundersam günstigen Umständen, unter denen die erste Amöbe entstanden ist.

Das ist also der Ursprung von allem.

Ich habe gute Lust, diese Scheiß-Mikrobe plattzutreten – vorausgesetzt, dieser beschissene Einzeller hätte die Nerven, sich mir zu zeigen.

Als ich schließlich an meinen Schreibtisch zurückkehre, ist Julie mittlerweile ebenfalls völlig aufgelöst.

»Wo zum Henker hast du gesteckt, Amy? Ich schiebe hier gerade eine Krise.«

Sie auch?

»Was ist denn?«, frage ich.

»Alan hat angerufen. Um mir für heute Abend einen Korb zu geben. Oh mein Gott, er will mich abservieren, oder? Ich habe es nicht einmal bis zum zweiten Date geschafft.«

Seltsam, seltsam. Normalerweise betrachtet Julie ein zweites Date als bedrohliches Zeichen von Anhänglichkeit. Die meisten ihrer Affären dauern nicht länger als bis zur ersten postkoitalen Zigarette, bevor sie mit einem »Ruf mich nicht an ...« durch die Tür entschwindet. Aber mit Alan ist offenbar alles anders. Er ist Fußballer. Er kickt für Arsenal London. Anscheinend ist er Flügelspieler. Was immer das heißen mag – für mich klingt das, als hätte er mit Klavieren zu tun. Julie behauptet, dass er zwar brillant spielt, aber nicht ins Team kommt, weil er nicht Französisch spricht, was irgendwie keinen Sinn ergibt. Ich bin immer davon ausgegangen, dass man als Fußballer keinen Schulabschluss braucht, geschweige denn Fremdsprachenkenntnisse. Aber ich habe den Mund gehalten – ich will mich nämlich nicht blamieren.

»Mir ist schleierhaft, was schief gelaufen ist«, jammert sie weiter. »Angeblich muss er an einem Sondertraining teilnehmen. Das ist doch bestimmt eine blöde Ausrede. Wüsste nämlich nicht, dass Fußballer auch abends trainieren.«

»Vielleicht hat er ja Nachhilfe in Französisch«, schlage ich vor.

Eigentlich wollte ich sie damit trösten, aber Julie sieht mich abschätzig an, als würde ich gar nichts verstehen. Was mir auch egal ist – ich habe nämlich soeben eine E-Mail bekommen.

Amy – die Plauderei mit Ihnen war sehr aufschlussreich. Ich möchte Sie bitten, mir zu erläutern, was genau Sie unter »Müll« verstehen. Kommen Sie bitte zum Feierabend in mein Büro.

Das verheißt nichts Gutes. Entweder will Lewis mich zur Sau machen, weil ich seine Fähigkeiten als Chefredakteur kritisiert habe, oder er erwartet tatsächlich Anregungen von mir. Auf jeden Fall hat er nicht vor, mit mir auszugehen – schließlich gibt es da eine Ros, nicht wahr? Ich hoffe nur, dass er nicht irgendwelche Geistesblitze von mir erwartet. Bei all den Sorgen, die mich momentan beschäftigen, ist damit nämlich nicht zu rechnen.

»Sag uns deinen richtigen Namen, und wir lassen dich gehen.«

Obwohl man mich auf einer kalten Steinplatte festgebunden hat, sieht der Chefredakteur der Mail verstörend sexy aus in seiner schwarzen, engen Lederkluft. Er hält sich im Hintergrund des dunklen Kellerraums, während seine Reporterin auf mich zukommt und nebenbei in ihrer Handtasche kramt.

»Nur deinen Namen, mehr wollen wir gar nicht wissen. Danach kannst du nach Hause, ein Bad nehmen und fernsehen«, redet der Chefredakteur in ruhigem Ton weiter. »Also, warum kooperierst du nicht einfach mit uns, hm? Sieh dir die arme Mary an. Was hat der Starrsinn ihr gebracht?«

Ruckartig drehe ich den Kopf zur Seite, wo ein Leichnam neben mir liegt. Ich schaue auf die Stummel, wo ehemals Marys Finger waren, und auf ihre Leber, die man neben ihr ausgebreitet hat. Ich verrenke mir den Hals, als die Journalistin irgendetwas aus ihrer Handtasche zieht. Ein schwarzer, zylinderförmiger Gegenstand, ungefähr dreißig Zentimeter lang. Er sieht aus wie ein Lockenstab.

»Sie ist darin sehr geschickt, weißt du«, bemerkt der Chefredakteur. »Wir haben sie eigens in den Irak geschickt, damit sie bei den Meistern persönlich geschult wird.« Offenbar doch keine neue Frisur. »Führe es ihr doch einmal vor, Imelda.«

Daraufhin erscheint der Ansatz eines boshaften Lächelns im Gesicht der Reporterin, die gleich darauf auf einen kleinen Knopf seitlich an dem Zylinder drückt. Sofort springt ein metallener Schaft heraus, der fächerartig mehrere funkelnde Klingen ausfährt. Diese beginnen wild zu rotieren, mit einem hohen Surren wie der Bohrer beim Zahnarzt. Die Reporterin geht einen weiteren Schritt auf mich zu und ...

Ein Tagtraum. Mal wieder. Einer von mehreren Dutzend heute. Und zudem einer von der angenehmeren Sorte. Mittlerweile ist es sechs. Julie fährt gerade ihren PC herunter und fragt mich: »Lust auf einen Drink? Du siehst nämlich aus, als könntest du einen gebrauchen.« Offensichtlich hat sie nichts Besseres vor, nachdem ihr Date geplatzt ist. »Hey, wir könnten doch ins Pitcher & Piano gehen. Vielleicht treffen wir ja die Typen von dieser Werbeagentur.«

Julies bewährte Methode, um eine Abfuhr zu verschmerzen.

»Ich kann nicht«, entgegne ich und halte demonstrativ eine fettige Haarsträhne hoch – meine Haare dürsten nach Shampoo.

»Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als den Abend zu Hause zu verbringen. Kann nicht schaden, mal früh ins Bett zu gehen«, bemerkt sie, als hätte sie soeben eine bittere Medizin geschluckt.

»Du wirst über ihn hinwegkommen«, tröste ich sie.

»Nein, ich werde ihn verdammt noch mal umbringen. Erst dann werde ich über ihn hinweg sein.«

Ich sehe ihr nach, als sie den Raum verlässt, und frage mich dabei, was die auftoupierten Haare, die künstlichen Fingernägel und die Sonnenbrille von Gucci (mitten im Winter, drinnen ...) sollen. Irgendwie riecht das nach Spielerfrau. Ich will ihr gerade nachgehen, als mir plötzlich Lewis einfällt. Verdammt. Ich habe auf seine E-Mail nicht geantwortet und bin jedes Mal, wenn er aus seinem Büro kam, hinter meinem Bildschirm in Tauchstellung gegangen. Aber jetzt muss ich an ihm vorbei, wenn ich hier heraus will.

Keine andere Chance, Amy. Augen zu und durch.

Genau. Okay. Dann mal los. Ich stehe auf, ziehe meine Jacke über und marschiere entschlossen in Richtung Fahrstuhl. In Höhe seines Büros bleibe ich kurz stehen. Vielleicht ist er ja nicht da, aber vielleicht ja doch, und ich werde es bestimmt nicht darauf anlegen, dass er mich dabei erwischt, wie ich durch den Glaseinsatz seiner Tür spähe. Ungeachtet dessen, was die paar Kollegen, die noch Überstunden schieben, von mir denken mögen, gehe ich auf die Knie und bewege mich auf allen vieren weiter. Ich habe schon fast das rettende Ufer erreicht, als plötzlich seine Tür aufgeht.

Ich erstarre augenblicklich.

»Geht es Ihnen gut, da unten?«, fragt Lewis.

»Äh ... prima, danke ... hab nur blöderweise eine von meinen Kontaktlinsen verloren.«

Was gelogen ist. Natürlich habe ich keine Kontaktlinse verloren. Wie auch? Ich sehe nämlich noch gut.

»Ich helfe Ihnen«, entgegnet Lewis und geht neben mir zu Boden. Ich habe mir durchaus schon mehrfach ausgemalt, Lewis auf den Knien zu sehen, allerdings komischerweise niemals unter solchen Umständen.

»Ah ... da ist sie ja!«, verkünde ich. Dann stupse ich mit dem Zeigefinger gegen eine Bodenkachel, wie ich es schon bei unzähligen Kontaktlinsenträgern beobachtet habe, und hebe ihn anschließend empor, wobei ich behutsam die imaginäre Linse auf der Fingerspitze balanciere.

»Mir ist völlig schleierhaft, wie Sie die entdeckt haben«, bemerkt Lewis. »Ich kann Sie ja nicht einmal jetzt auf Ihrem Finger sehen.«

»Reine Übungssache«, entgegne ich. »Das passiert mir ständig.«

Als Nächstes werfe ich den Kopf in den Nacken und ziehe mit der linken Hand meine Lider auseinander. Danach führe ich den Zeigefinger langsam an mein Gesicht heran ... und tupfe sachte gegen das Auge.

»Autsch!«, entfährt es mir, als ich mit dem Fingernagel meine Hornhaut streife. Jetzt tränt mein Auge wie verrückt.

»Lassen Sie mich mal einen Blick darauf werfen«, meint Lewis und rutscht auf den Knien in meine Richtung.

»Wirklich, es geht schon«, wehre ich ab und weiche ihm aus.

Beide richten wir uns auf, und ich sehe ihn verlegen an. In seinen Augen leuchtet kurz ein Ausdruck von Wärme auf. »Möchten Sie vielleicht ...«, beginnt er, und ich kann es nicht verhindern, dass ich mir sofort ausmale, wie er mich in sein Büro bittet, um mir eine Reise auf eine einsame Insel in der Karibik vorzuschlagen – oder mich zumindest zum Essen einzuladen, die Karibikinsel können wir ja immer noch besuchen, wenn wir uns etwas besser kennen.

»... ein Papiertaschentuch für Ihre Wimperntusche? Die ist nämlich etwas verschmiert.«

Bleib auf dem Teppich, Amy. Als würde der jemals auf dich abfahren. Außerdem, nicht zu vergessen, ist da noch seine Ros.

»Wollten Sie gerade zu mir?«, fragt er und reicht mir ein Taschentuch.

»Äh ... ja ... nein ... schon ... Ich wollte Ihnen sagen, dass ich ... äh ... heute Abend keine Zeit habe.«

»Schade«, entgegnet er. »Ich bin nämlich sehr auf Ihre Meinung gespannt.«

»Tut mir Leid. Aber ich muss nach Hause. Mary kommt gleich.«

»Ihre Schwester?«

»Nein ... ja«, verhaspele ich mich, als mir meine Lüge von heute Morgen wieder einfällt. »Sie hat gerade eine Art Krise.«

Das entspricht der Wahrheit. Mary hat tatsächlich eine Krise. Als meine Agentin bekommt sie nämlich fünfzehn Prozent. Das bedeutet fünfzehn Prozent von allem, inklusive meiner Krisen.

Kapitel 2

Ich sitze meinem Therapeuten gegenüber und ziehe nervös an einer Zigarette.

»Die Lösungen für Ihre Probleme liegen nicht in der Gegenwart. Wir kommen nur voran, indem wir zurückgehen«, sagt er bedächtig. »Wir müssen dem Auslöser für alles auf die Spur kommen. Was könnte das Ihrer Meinung nach sein, Amy?«

»Vielleicht ... die allererste Amöbe am Ursprung der Schöpfung?«, schlage ich hoffnungsvoll vor.

»Was soll die Scheiße mit der Amöbe?«, poltert er los.

Menschenskind, jetzt erinnert er mich ein wenig an Tony Soprano ... Moment mal, das ist Tony Soprano. Ich dachte immer, der geht zum Therapeuten, statt selbst zu therapieren. Vielleicht hat er seinen alten Job ja an den Nagel gehängt – kann man nachvollziehen, zumal es ziemlich stressig sein muss, Anführer von diesem New Jersey Mob zu sein und gleichzeitig die Tücken des Familienlebens zu bewältigen.

Er reibt sich die Schläfen, um sich wieder zu sammeln. »Hören Sie, Herzchen, es tut mir Leid. Aber vergessen wir schleunigst das mit der Amöbe, hm? Und Scheiß auf diesen ganzen Freud’schen Stuss mit Mein Chef reizt mich, weil ich einen Vater-Komplex habe ... Ich möchte mich nämlich mit Ihnen über Ihre Mutter unterhalten.«

»Muss das denn sein?«

»Mhm. Dies hier schimpft sich Therapie. Mütter sind ein zentrales Thema.«

»Na schön, und was soll ich mit ihr tun?«

»Sie gehen den Verhaltensmustern auf den Grund, die sie Ihnen in der Kindheit anerzogen hat. Dann nehmen Sie Ihre Beziehung auseinander, um ... Ach, vergessen Sie den Scheiß. Ich sage Ihnen, was Sie tun sollen. Canceln Sie die Alte.«

»Wie bitte?«

»Haken Sie sie ab ... Lösen Sie sich endgültig von ihr ... Ich spreche aus Erfahrung. Mütter betreiben mentale Vergewaltigung. Aber jetzt ist Zahltag. Glauben Sie mir, Ihre Frau Mutter wäre nicht die Erste, die mit einer Kugel im Kopf in einem Müllcontainer endet.«

»Das wäre nur recht und billig«, spiele ich im ersten Moment mit. »Können Sie mir auch sagen, wo ich so ein ... Sie wissen schon, so ein Teil herbekomme?«

»Tut mir Leid«, meint er plötzlich wieder ganz sachlich. »Aber unsere Zeit ist um.«

Ich schlage die Augen auf und stelle fest, dass ich auf meinem Sofa liege, eine Zigarette zwischen die Finger geklemmt. Deshalb bin ich auch wach geworden – weil ich mir fast die Knöchel versengt hätte. Ich lasse den Blick durch mein Wohnzimmer schweifen. Kein Tony Soprano weit und breit. Ich werfe einen Blick auf die Uhr des Videorecorders. Mary müsste jeden Augenblick kommen. Ich strecke mich ausgiebig. Nach dem Nickerchen – nach meinem Traum – fühle ich mich etwas entspannter.

Aber warum musste er das Gespräch auf meine Mum lenken? Blöder, fetter Scheißgangster – dem sollte man das Therapieren verbieten.

In diesem Moment klingelt das Telefon. Es ist meine Schwester.

»Der Zeitpunkt ist denkbar schlecht«, begrüße ich sie. »Mary wird nämlich jeden Augenblick ...«

»Aber du hast es mir versprochen«, protestiert Lisa. »›Ruf mich heute Abend an‹, hast du wörtlich gesagt.«

Das kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Ich schmore hier in meiner eigenen Hölle auf Erden, und meine Schwester versucht wie üblich, mich mit ihrer Version zu übertrumpfen.

Aber ich habe ihr tatsächlich gesagt, dass sie anrufen soll.

»Was gibt’s?«, frage ich also, wobei ich mich (wenn auch nicht allzu sehr) bemühe, besorgt zu klingen.

»Es ist ... ich ... Gott, es ist furchtbar. Es geht um mich und Dan.«

»Ich dachte, zwischen euch beiden läuft es gut. Er hat dich doch nicht etwa verlassen, oder doch?«

»Nein, viel schlimmer. Ich kann dir das nicht am Telefon erklären. Kann ich bei dir vorbeikommen?«

»Nein, Mary ist ...«

»Ich hör wohl schlecht? Ich bin dabei, den Verstand zu verlieren.«

»Ich weiß nicht, ob ich dir im Moment eine große Hilfe wäre.«

»Ich stecke in meiner größten Lebenskrise«, gibt sie hörbar gereizt zurück. »Ich hatte gehofft, du könntest ein paar Minuten für mich erübrigen. Schließlich helfe ich dir auch immer wieder aus der Patsche.«

Jetzt bin ich an der Reihe, sauer zu werden. »Falsch, Lisa, du reitest mich doch immer hinein.«

»Oh, leg doch um Gottes willen mal eine andere Platte auf«, keift sie los. »Und kümmere dich einmal um deine eigenen Probleme.«

»Genau das versuche ich ja. Was denkst du denn, warum Mary vorbeikommt? Egal, was ist denn überhaupt auf einmal in dich gefahren, dass du mit mir über Dan sprechen willst? Seit zwei Jahren ist er der große Unsichtbare. Jedes Mal wenn ich nach ihm frage, wechselst du automatisch das Thema. Und jetzt kann es dir plötzlich nicht schnell genug gehen?«

»Ha, das sagt genau die Richtige! Du bist doch sonst immer die Erste, die den Kopf in den ...«

Bsss, bsss, bsssssss!

Die Türklingel rettet mich – eigentlich hatte ich Angst vor dem Treffen mit Mary, aber jetzt danke ich Gott, dass er sie mir geschickt hat.

»Ich muss jetzt, Lisa. Mary ist da.«

»Oh, verstehe. Mach dir um mich keine Sorgen, hörst du?«, brüllt meine Schwester eingeschnappt, bevor sie den Hörer aufknallt.

Immer noch stinksauer, drücke ich für Mary den Türöffner. Zumindest glaube ich, dass sie es ist – sie stürmt durch meine Wohnungstür mit Kopftuch und Sonnenbrille, eine Kombination, die ich noch nie an ihr gesehen habe. Sie sieht aus wie Audrey Hepburn in ihren romantischen Komödien aus den Sechzigern – obwohl man sich dabei eine Audrey mit Übergewicht vorstellen muss, genau wie Renée Zellweger in Bridget Jones. Bloß dass hier noch rund hundert Kilo dazukommen. Mary ist richtig dick.

»Hi, Mary, komm ...«

»Pschscht!«

Sie schubst mich zur Seite, schleicht sich ans Fenster und späht nach draußen. Danach zieht sie die Vorhänge zu und nimmt schließlich Kopftuch und Sonnenbrille ab.

»Ich glaube, ich habe sie abgehängt«, verkündet sie triumphierend.

»Wer?«

»Wen, Schätzchen, es heißt wen«, verbessert sie mich, was mich prompt ärgert. »Die Pressetante von der Mail natürlich. Denkst du etwa, die bewacht immer nur brav meine Haustür? Ich habe den Trick mit dem Taxi ausprobiert, den ich mir aus einem Thriller von Len Deighton abgeschaut habe – übrigens ein großartiger Schriftsteller, aber völlig verkannt. Dabei war es ein ziemlicher Albtraum, dem Taxifahrer, der so gut wie kein Englisch sprach, die Feinheiten eines Abhängungsmanövers zu vermitteln, aber letzten Endes hat es ja geklappt. Ich denke, wir haben sie in Camden abgeschüttelt.«

Wider Erwarten macht sie sich nicht daran, meine Wohnung nach Wanzen abzusuchen, sondern pflanzt sich direkt auf das Sofa. Ich lasse mich in den Sessel gegenüber fallen.

»Bevor du überhaupt anfängst, ich werde mich keinesfalls outen«, verkünde ich.

»Aber die Mail wird nicht so leicht locker lassen. Meine Liebe, du weißt doch, worauf diese Revolverblättchen aus sind. Wenn die eine schlüpfrige Story wittern, verhalten die sich wie ein Terrier, der einem vor lauter Geilheit am Bein hängt – fruchtbar und ohne jegliche Hemmungen.«

Obwohl sie erst wenige Minuten hier ist, fühle ich mich bereits in die Ecke gedrängt. Ich demonstriere das, indem ich eine Fötus-Position einnehme.

»Sieh den Tatsachen ins Auge, Amy. In der morgigen Ausgabe der Daily Mail wird Marsha Mellow als Staatsfeind Nummer eins an den Pranger gestellt. Das einzige Problem dabei ist, dass sie nicht ihre wahre Identität kennen, aber die werden keine Ruhe geben, bis sie ihr hübsches Gesicht auf die Titelseite gebracht haben – dein hübsches Gesicht.«

Mittlerweile presse ich die Beine so fest an meinen Oberkörper, dass ich Gefahr laufe, mir eine Rippe zu brechen. Ich hoffe, sie ist jetzt endlich fertig.

Ist sie nicht.

»Du weißt ganz genau, was das Vernünftigste wäre. Oute dich. Nimm die Sache selbst in die Hand, solange du noch Zeitpunkt und Ort selbst wählen kannst. Ist es dir nicht lieber, dich mit Anstand zu outen, statt in flagranti erwischt zu werden? Denk doch nur an den armen George Michael damals auf diesem schmuddeligen, öffentlichen Klo.«

Schweigen.

»Amy, Amy, du weißt, dass es die einzige Möglichkeit ist.«

Ich strecke die Beine wieder aus und zünde mir meine dritte Zigarette an, seit sie hier ist. Danach wechsle ich schnell das Thema. »Mich würde ungemein interessieren, wer mich bei der Mail verpfiffen hat«, schimpfe ich.

»Sieh mich nicht so an, Herzchen. Du weißt, dass meine Lippen in dieser Angelegenheit wie versiegelt sind. Wie auch immer, ich habe ebenfalls guten Grund, mich aufzuregen. Wie zum Teufel hat die Mail erfahren, dass ich deine Agentin bin? Irgendeiner muss gezwitschert haben, aber das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Nachforschungen anzustellen. Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren.«

»Ich kann das nicht. Ich kann mich nicht hinstellen und der Welt verkünden, dass ich das war. Und außerdem warst du mit dem Geheimplan einverstanden.«

»Das ist richtig, aber nur dir zuliebe. Im Übrigen ist das schon eine Ewigkeit her. Seitdem hat sich einiges geändert.«

»Ich kann das nicht«, wiederhole ich. »Mum bringt mich um.« Das ist mein voller Ernst.

»So schlimm wird es schon nicht. Immerhin ist sie deine Mutter. Sie liebt dich ... bedingungslos.«

»Du kennst meine Mutter nicht. Sie tut nichts bedingungslos.«

»Ich möchte dir zwei unveränderliche Lebensweisheiten ans Herz legen, Amy. Nichts ist wirklich so schlimm, wie man befürchtet, und niemand reagiert so, wie man erwartet.«

Ich weiß – und das schon von Anfang an –, dass Mary im Prinzip immer richtig liegt, aber mir ist auch sehr wohl bewusst, dass ich unfähig bin, ihren Rat zu befolgen. Es gibt da nämlich diesen einen heiklen Punkt, in dem sie sich irrt: Ich weiß nur zu gut, wie meine Mutter reagieren wird (ich sprach ja bereits von Mord).

Zum ersten Mal in meinem Leben wird mir klar, was es heißt, in der Klemme zu stecken. In mir kriecht Panik hoch, und ich muss jetzt unbedingt etwas unternehmen. Ich greife auf Plan B zurück.

»Mary«, sage ich in verheißungsvollem Ton, als wäre ich soeben zu einer Entscheidung gelangt.

»Ja, Liebes?«, erwidert sie erwartungsvoll, wobei sie ihre Körpermasse gefährlich weit nach vorne beugt.

»Ich muss mal aufs Klo.«

Zehn Minuten später hämmert sie gegen die Badezimmertür. »Komm gefälligst wieder raus«, befiehlt sie.

»Ich mach das nicht, Mary. Ich werde keine verdammte Pressekonferenz einberufen.«

»Darum geht’s doch gar nicht, Engelchen. Da ist jemand an der Haustür.«

Ich komme aus dem Bad und stelle mich ans Fenster. Von dort spähe ich durch einen Spalt zwischen den Vorhängen auf die Straße hinaus.

»Scheiße«, fluche ich. Und schiebe vorsichtshalber noch »Scheiße, Scheiße, scheisse!«, hinterher.

»Das ist doch nicht etwa die Pressetante von der Mail, oder? Ich war mir sicher, ich hätte sie abgehängt.«

Es ist nicht die Pressetante. Viel schlimmer.

»Es ist meine Mutter.«

»Wunderbar«, ruft Mary enthusiastisch. »Wie sehr habe ich die Gelegenheit herbeigesehnt, die bemerkenswerte Frau kennen zu lernen, die meine Starautorin geboren hat.«

»Mary, du hast mir nicht zugehört. Du kannst sie unmöglich kennen lernen«, kreische ich, ohne den geringsten Versuch, meine Panik zu überspielen. »Du musst dich verstecken.«

»Engelchen, korrigiere mich, falls ich etwas falsch verstanden habe, aber wir sind hier doch nicht in irgendeiner politischen Schmierenkomödie. Außerdem, wie zum Henker willst du mich eigentlich verstecken?«

Sie hat Recht – genauso gut könnte ich versuchen, einen Elefanten im Kofferraum eines Mini zu verstauen. Wie gesagt, Mary ist richtig dick.

»Na schön«, gebe ich schließlich nach, »ich werde euch miteinander bekannt machen, aber glaub nicht, dass du es dir hier gemütlich machen kannst. Du verschwindest anschließend ... und wehe, du sagst ein Sterbenswörtchen.«

»Wie könnte ich?«

Skeptisch ziehe ich die Braue hoch, aber leider sind meine Alternativen äußerst mager, was man von Mary nicht gerade behaupten kann. Ich mache mich auf in Richtung Sprechanlage.

»Mum, was willst du hier?«

Die Frage ist berechtigt. Normalerweise taucht sie nie unangemeldet bei mir auf.

»Tut mir Leid, Schätzchen, aber ich habe gerade eine Krise ...«

Himmel, sie auch?

»Ich muss unbedingt mit jemandem reden.«

»Was ist mit Dad?«

»Er ist ja der Grund für meine Krise.«

Die Vorstellung, mein Vater könnte irgendeine Krise bewirken, ist absurd.

»Besser, du kommst rauf«, sage ich.

Ich drücke auf den Türöffner, und im nächsten Augenblick überfällt mich erneut Panik. Ich schnappe mir ein Kissen und wedele damit wild hin und her.

»Was machst du da?«, quietscht Mary, während sie sich mit einem Hüpfer vor mir in Sicherheit bringt.

»Hier drinnen stinkt es nach Qualm.«

»Na und?«

»Sie weiß nicht, dass ich rauche.«

»Gütiger Himmel, weiß die Frau eigentlich überhaupt etwas über dich?«

Ich halte mitten in der Bewegung inne und merke, dass mir Tränen in die Augen steigen. Mary ist sofort an meiner Seite und legt mir einen Arm um die Schultern. Dann führt sie mich zum Sofa und setzt mich hin.

»Keine Sorge, Engelchen, ich mach das schon«, tröstet sie mich. Daraufhin nimmt sie sich meine Zigaretten vom Couchtisch und steckt sie in ihre Tasche. Danach geht sie an die Tür und öffnet sie.

»Mrs. Bickerstaff, wie schön, Sie kennen zu lernen. Amy erzählt nur Gutes von Ihnen.«

Meine Mutter steht auf der Fußmatte mit dem Aufdruck Welcome und starrt Mary an. Sie sieht merkwürdig aus. Anders. Da Mary ihr zum ersten Mal begegnet, fällt ihr das nicht auf, aber sie scheint zu spüren, dass irgendetwas nicht stimmt.

»Meine Güte, wo bleiben meine Manieren?«, schwafelt sie weiter. »Ich bin Mary McKenzie. Ich bin Amys ...«

Amys was? Ich habe zwar Angst vor dem, was sie gleich als Nächstes sagen wird, aber ich hatte keine Zeit, mir etwas zurechtzulegen, sodass ich nicht dazwischenfunken kann.

»... Nachbarin. Von 36 a unten. Ihre Tochter ist ein wahres Goldstück. Bei ihr darf ich hin und wieder ungestört eine qualmen«, spricht Mary weiter und zückt für meine Mum kurz meine Zigaretten. »Mein Freund ist nämlich militanter Nichtraucher.«

Ich muss sagen, das war brillant improvisiert.

Meine Mum, die bedenkenlos einen Hakenkreuzanhänger tragen würde, wenn man dadurch sämtliche Zigaretten vernichten könnte, rümpft die Nase, besinnt sich dann jedoch auf ihre Manieren. Sie streckt die Hand aus und sagt: »Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen ... Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.«

»Keineswegs«, entgegnet Mary, die für meinen Geschmack etwas zu beflissen in die Rolle der Gastgeberin schlüpft und meine Mutter ins Wohnzimmer geleitet. »Wir wollten gerade ...«

»Uns voneinander verabschieden«, fahre ich dazwischen, während ich mich zusammenreiße und mich vom Sofa erhebe. »Nicht wahr, Mary?«

»Mein Gott, so spät ist es schon?«, kreischt Mary, die den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden hat. »Allerhöchste Zeit, dass ich meinen Nudelauflauf aus dem Backofen hole.« Gleich darauf rauscht sie an meiner Mum vorbei und zur Tür hinaus, nicht ohne mir noch zuzurufen: »Amy, ruf mich doch später noch mal wegen dieser Chose an.«

Jetzt sind meine Mutter und ich unter uns. Ich betrachte sie näher. Meine Güte, was hat sie überhaupt an?

Mum ist ein Tory. Dabei beschränkt sich ihre Loyalität nicht allein auf die Parteimitgliedschaft. Würde sie etwas von Tattoos halten, würde sie sich bestimmt das Konterfei von Norman Tebbitt auf den Oberschenkel tätowieren lassen. (Nicht zu vergessen Maggie – die würde sogar einen Platz auf dem Unterarm bekommen.) Da es blanker Unsinn wäre, ihre Loyalität mittels Körperbemalung zu demonstrieren, weicht sie auf Kleidung aus. Nach dem Niedergang von Lord Tebbitt hat sie sich dem Ann-Widdecombe-Flügel innerhalb der Partei angeschlossen und dementsprechend ihren Kleidungsstil angepasst. Sie trägt Kutten – die einzig passende Bezeichnung dafür –, in denen sie, wie mein bester Freund Ant sagen würde, aussieht wie »ein zentnerschwerer Kartoffelsack aus Chintz«. Ich würde es ja gerne freundlicher ausdrücken ... aber mir fällt nichts ein.

Dennoch ist heute Abend etwas anders. So ist zum Beispiel ihr Make-up noch eine Spur mehr daneben als sonst. Und dann das Outfit. Eine taillierte Jacke samt Rock. Knallgelb mit schwarzer Paspelierung. Und dann – mein Gott – ihre Knie. An sich ist an ihren Knien nichts auszusetzen. Merkwürdig ist nur, dass ich mich nicht entsinnen kann, sie jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Ich mache einen Schritt zurück und mustere sie von oben bis unten. Die neue Frisur, das Kostüm, die Rocklänge, die hohen Absätze – sie ähnelt ein wenig Edwina Currie.

Mir ist schleierhaft, was ich davon halten soll. Ohne Zweifel steckt da irgendein subtiler Richtungswechsel in der Politik dahinter – vielleicht gibt es ja an der Spitze einen Konkurrenzkampf, von dem ich nichts weiß. Wie auch immer, es beunruhigt mich. Mist. Das kann ich momentan überhaupt nicht gebrauchen.

»Du siehst klasse aus, Mum«, sage ich.

»Tja, ich fühle mich aber furchtbar«, entgegnet sie.

»Was ist passiert?«

»Was für eine schreckliche Frau«, sagt sie mit lauter Stimme, während sie ans Fenster geht, die Vorhänge aufzieht und das Schiebefenster so weit wie möglich aufdrückt. »Seit wann wohnt die denn hier? Ich dachte, unter dir wohnen diese seltsamen Beatniks.«

»Äh ... ja, die sind vor ein paar Wochen ausgezogen.«

»Irgendetwas ist komisch an ihr, Amy. Ich kann zwar nicht genau sagen, was, aber ...«

Wie auf ein Stichwort hin dröhnt in diesem Moment unten ein hämmernder Bass los, der sich durch die Bodendielen seinen Weg nach oben sucht.

»Ich wusste ja gleich, dass etwas mit ihr nicht stimmt«, sagt Mum. »Diese Beatniks haben dasselbe schreckliche Popgedudel gehört.«

(Übrigens meint sie keine neue Entwicklung im Bereich Trance oder Garage oder was auch immer – meine Mutter bezeichnet nämlich jeden als »Beatnik«, der moderner ist als Elgar.)

»Mach dir keine Gedanken wegen Mary«, sage ich in dem verzweifelten Bemühen, die Unterhaltung voranzutreiben, damit sie bald wieder Leine zieht. »Was ist mit dir? Und was ist mit Dad?«

Mum sieht mich an, und ihre Unterlippe fängt an zu zittern. Dann holt sie tief Luft und sagt: »Amy, du darfst dich jetzt bitte nicht aufregen, aber ... dein Vater hat eine Affäre.«

Ich bekomme einen Lachanfall. Zum ersten Mal seit ... oh, seit einer Ewigkeit werfe ich den Kopf nach hinten und lache schallend los. Ich kann nicht anders. Und es fühlt sich großartig an. Der Druck lässt nach, die Anspannung fällt ab. Die Vorstellung, dass mein Vater eine Affäre haben soll, ist aber auch einfach das Komischste ...

»Amy, das ist nicht komisch«, sagt meine Mutter in beleidigtem Ton, bevor sie in Tränen ausbricht.

Sofort eile ich an ihre Seite und schnappe mir auf dem Weg eine Hand voll Kleenex-Tücher.

»Tut mir Leid, Mum, aber Dad und eine Affäre ... komm schon.«

»Es ist aber wahr«, gibt sie schniefend zurück. »Er hat eine ... andere.«

»Woher willst du das wissen? Hast du ihn in flagranti erwischt? Hat er es dir gebeichtet?«

»Nein, aber er benimmt sich äußerst seltsam. Er ist ständig außer Haus, ohne mir Bescheid zu geben, wohin er geht, im Gegensatz zu früher.«

»Hast du ihn denn mal gefragt?«

»Ja ... Er behauptet, das sei wegen der Firma.«

»Dann wird das auch so sein.«

Mein Vater hat sich schon immer gern hinter seiner Arbeit verschanzt. Er produziert in großem Stil Kleiderbügel. In seiner Fabrik werden sie zu Tausenden hergestellt. Und zwar nicht die stabilen aus Holz, die man in besseren Hotels mitgehen lässt (macht doch jeder, oder?), sondern die billigen aus Draht, die bereits beim Anblick einer dicken Jacke schlapp machen. Ich habe nie begriffen, wie man so sehr damit beschäftigt sein kann, Kleiderbügel herzustellen, bis mir aufging, dass das Dads Taktik ist, um Mum aus dem Weg zu gehen. Manche Menschen flüchten sich in den Alkohol, um der Realität zu entfliehen. Andere werden süchtig nach ihrer PlayStation. Wieder andere biegen eben Draht zu Bügeln. Selbst zu Hause geht er ihr aus dem Weg, indem er sich in seiner Garage verkriecht. Ich weiß zwar nicht genau, was er dort immer treibt, aber ich vermute, es hat mit Werkzeug zu tun. Und mit Holz. Das nehme ich jedenfalls an, da er gelegentlich mit einem Stück Holz auftaucht, das vage an ... ähm ... etwas aus Holz erinnert.

»Du weißt doch, wie er ist«, rede ich weiter. »Bestimmt steht er kurz vor einem technologischen Durchbruch – ein revolutionärer Bügel, der sich nicht biegen lässt, oder so ähnlich.«

»Es hat nichts mit der Firma zu tun«, beharrt Mum. »Er ist so anders. Distanziert. Leicht reizbar.«

Das sieht Dad überhaupt nicht ähnlich. Gut, distanziert schon – seine Werkstatt hätte auch genauso gut eine Mondfähre sein können, mit der er ständig im All unterwegs ist –, bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen Lisa und ich ihn in unserer Kindheit zu Gesicht bekommen haben, jedoch keinesfalls leicht reizbar. Gereiztheit kenne ich normalerweise von meiner Mutter.

»Du solltest mit ihm darüber reden«, schlage ich vor.

»Ich kann nicht. Ich habe Angst vor seiner Reaktion.«

Meine Mum und Angst? Das ist ja schräg.

»Soll ich ihm vielleicht mal auf den Zahn fühlen?«, schlage ich als Nächstes vor.

»Er wird dir bestimmt nicht prompt sein Herz ausschütten, oder?«

»Das nicht, aber ich bezweifle ernsthaft, dass er eine Affäre hat, Mum. Da muss etwas anderes dahinter stecken. Vielleicht hat er ja genauso viel Angst wie du, dich darauf anzusprechen.« Ich weiß, wovon ich rede. Es gibt nichts, was ich nicht über die Angst weiß, Mum auf etwas anzusprechen.

Mit tränenverschleiertem Blick sieht sie mich an. »Würdest du mal mit ihm reden, Liebes?«, presst sie mit weinerlicher Stimme hervor, die mir völlig neu an ihr ist.

»Ja, sicher«, verspreche ich ihr, als hätte ich nicht schon genügend eigene Probleme. Als würde das allergrößte Geheimnis der Welt – zumindest seit der Frage »Wer hat JR erschossen?« – mir nicht ständiges Kopfzerbrechen bereiten, sodass es mir wahrscheinlich jeden Moment die Schädeldecke wegsprengen wird.

Auf dem Weg in die Küche, um Kaffee aufzusetzen, kommen mir Marys Worte wieder in den Sinn: »So schlimm wird es schon nicht. Immerhin ist sie deine Mutter. Sie liebt dich bedingungslos.« Erst jetzt kommt mir der Gedanke, dass sie vielleicht Recht hat. Nein, sie liegt völlig falsch. Meine Mutter ist so schlimm. Aber im Moment ist sie völlig aufgelöst und wehrlos. Bestimmt wäre das jetzt der passende Zeitpunkt, um es ihr zu sagen. Während sie auf meinem Sofa Rotz und Wasser heult, könnte ich ihr doch gut meine kleine Beichte unterjubeln? Ich meine, zuerst der eigene Mann plötzlich ein verabscheuungswürdiger Ehebrecher, und dann noch die Tochter, die die öffentliche Moral auf das Abscheulichste korrumpiert, das fällt doch praktisch gar nicht mehr ins Gewicht. Gut, man wird mir vorwerfen, die arme Frau noch getreten zu haben, als sie schon am Boden lag, aber wenn sie steht, ist sie verdammt gefährlich. Ich muss zuerst an meine eigene Sicherheit denken.

Ja, ich tue es.

Während ich heißes Wasser in die Tassen fülle, überlege ich mir die passenden Worte. »Mum, morgen erscheint ein Artikel in der Mail über mich, auch wenn mein Name nicht dabeisteht. Ich möchte, dass du weißt, dass, was immer die auch schreiben, ich dir niemals wehtun wollte. Nein, vielmehr wollte ich, dass du stolz auf mich bist ...« Das gefällt mir. Das hört sich nämlich an, als würde ich in erster Linie an sie denken, obwohl das nicht stimmt.

Ich begebe mich wieder ins Wohnzimmer, stelle die Tassen auf den Tisch und komme direkt zur Sache – das ist der einzige Weg, ich kann jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Mit Mum verhält es sich wie mit dem Abreißen alter Heftpflaster. Man muss den brennenden Schmerz ignorieren, dann vergeht er auch wieder.

»Mum, morgen erscheint ein Artikel in der Mail, und ...«

»Diese schreckliche Frau«, lamentiert sie erneut und unterbricht mich. »Warum erlaubst du ihr bloß, in deiner Wohnung zu rauchen? Hier stinkt es wie ein voller Aschenbecher.« In ihrer Hand liegen ein paar Zigarettenstummel – sie muss sie hinter dem Sofakissen hervorgefischt haben.

Himmel, was ist nur in mich gefahren, dass ich mir eingebildet habe, ich könnte ihr das allergrößte Geheimnis der Welt anvertrauen? Wo ich doch nicht einmal zugeben kann, dass ich rauche?

Das heulende Etwas vor wenigen Augenblicken ist verschwunden. Jetzt beißt sie die Zähne zusammen und hält nach einem Stein des Anstoßes im Raum Ausschau. Jetzt ist sie wieder original Mum, was schon an sich entnervend genug ist, aber in ihrem generalüberholten Outfit wirkt sie noch unheimlicher. Es ist, als wäre ich mitten in einer Folge von Stars in Their Eyes in meiner eigenen Wohnung – »Heute Abend, Matthew, werde ich Edwina Currie sein.« Ich komme mit diesem neuen Look überhaupt nicht klar. Wenn damit bezweckt wird, meinen angeblich abtrünnigen Vater zurückzuerobern, wird Edwina C. nichts damit erreichen, zumal er sich jedes Mal ein Kissen vor das Gesicht hält, wenn sie im Fernsehen zu sehen ist.

»Wie auch immer, Amy«, meint Mum und wirft die Kippen in den Mülleimer, »was sagtest du gerade über die Mail?«

»Oh, nichts ... Ich meine, die bringen ein Interview mit Andrew Lloyd Webber.«

Auch wenn sie alles hasst, was moderner als Elgar ist, macht sie bei Lloyd Webber eine Ausnahme. Er komponiert nämlich richtige Melodien über schöne Dinge – wie Miezekatzen und Jesus ... und grauenhaft entstellte Geister. Und natürlich ist er Mitglied der Konservativen.

»Gut«, entgegnet sie, »wenigstens ein Lichtblick, wenn dein Vater mich wieder einmal am Frühstückstisch behandelt, als wäre ich Luft ... Vorausgesetzt, er kommt überhaupt nach Hause.«

»Er bleibt über Nacht weg?«, frage ich entsetzt.

»Nein ... aber das ist nur eine Frage der Zeit.«

»Mum, mach dir keine Sorgen. Ich rede mit ihm.«

In diesem Augenblick klingelt es an der Tür, sodass wir beide zusammenfahren.

»Wer kann das denn sein?«, fragt Mum, entsetzt darüber, dass um diese Uhrzeit – Viertel nach neun – noch jemand wagt, bei mir zu klingeln. Wahrscheinlich denkt sie jetzt, dass die Ortsgruppe der Hell’s Angels vor der Tür steht, um ein bisschen zu vergewaltigen und zu plündern.

Ich bin nicht minder entsetzt, aber bloß, weil ich sicher bin, dass es diese blöde Pressetante ist. Auf Zehenspitzen schleiche ich mich an das offene Fenster und spähe hinaus.

Was zum Teufel macht der denn hier?

Mit der meine ich Ant, den ich seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen habe. Selbstverständlich bin ich vor Freude ganz aus dem Häuschen, auch wenn sein Timing besser sein könnte, aber was zum Teufel macht der hier? Eigentlich müsste er in New York sein. Und jetzt steht er vor meiner Tür mit einer Reisetasche und sieht total kaputt, ungepflegt und – dank der hautengen Lederhose, dem anscheinend selbst besprühten weißen T-Shirt und einem (für mich wenigstens) brandneuen Schnurrbart – total schwul aus.

Scheiße. Neben der Sache mit dem Rauchen und dem allergrößten Geheimnis der Welt ist das auch etwas, was ich meiner Mutter bislang verschwiegen habe: Anthony Hubbard – mein bester Freund seit meinem sechsten Lebensjahr – ist homosexuell. Wie soll ich ihr das beibringen, wo sie doch schon kaum mit der Tatsache klarkommt, dass er katholisch ist?

Sein Timing könnte entschieden besser sein.

»Wer ist es?«, will meine Mum wissen.

»Anthony«, antworte ich.

»Ich dachte, der ist in Amerika, um die heiligen Weihen zu empfangen?«

Als Ant vor zweieinhalb Jahren ausgewandert ist und Mum wissen wollte, was er denn in New York macht, habe ich nicht geantwortet: »Oh, höchstwahrscheinlich legt er jeden Kerl flach, der ihm über den Weg läuft.« Nein, stattdessen habe ich gesagt: »Er ist dort im Priesterseminar.« Was auch der Wahrheit entspricht – Ant arbeitet tatsächlich für das Priesterseminar. Bloß dass das nur die halbe Wahrheit ist – bei seinem Priesterseminar handelt es sich nämlich um einen Nachtclub für Schwule.