Maska - Der Schnüffler von Schwerin - Doreen Unkel - E-Book

Maska - Der Schnüffler von Schwerin E-Book

Doreen Unkel

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Beschreibung

Bei Maska, dem archäologischen Ermittler aus Schwerin, ist das Geld knapp. Dann schiebt eine aluminiumblonde Braut ihren Vater in sein Büro, ihre Freunde werden umgebracht, aber die Polizei will davon nichts wissen. Mit seinem Doktor in angewandter Kryptozoologie kann nur er diesen Fall lösen, der ihn und den letzten Kobold Mecklenburgs zu den Bigfoots, Vampiren, Zwergen und Werwölfen des Landes führt. Kann Maska die Mordserie stoppen, bevor die blonde Puppe auch kalt gemacht wird? Was ist das für ein Schlüssel, den er für sein altes Institut finden soll, obwohl sie ihn hochkant rausgeworfen haben? Und warum bedrängt ihn eine rothaarige Schönheit mit Sätzen aus drei Wörtern?

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Doreen Unkel

Maska - Der Schnüffler von Schwerin

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Kapitel 1

Es ist einer von diesen Tagen, die auf eine Nacht folgen. Und ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Die Sonne scheint durch die Jalousien in mein Büro und teilt es in Schichten aus gelangweilten Staubkörnern.

Ich stehe an der kleinen Anrichte und gieße neues Wasser auf alte Teeblätter.

Mein Büro ist in der ersten Etage, von unten zwängt sich der Geruch der Bäckerei durch das halb offene Fenster. Von dort bringt Frollein sich ihren Coffee To-Go mit, wenn sie ins Büro kommt. Falls sie ins Büro kommt, sie ist nicht oft da. Das hat etwas mit Geld zu tun, sagt sie manchmal.

Und sie mag meinen Tee nicht.

Ich mag meinen Tee auch nicht, aber ich habe nichts anderes.

Es gibt Leute, Knilche und Babes, die sind stolz darauf, dass sie nur 60 Dinge besitzen und damit auskommen. Ich habe nicht einmal 60 Dinge. Aber ich habe meine Bücher.

An der Milchglastür steht „Archäologische Ermittlungen“ in einer alten geschwungenen Schrift. Ist nie leicht zu erklären, ob ich jetzt nur archäologischer Ermittler bin oder nicht auch forensischer Philologe. Ich bin der Staubschnüffler, der Buchstabensammler, der Sandsieber, der Schatzschnüffler, der Bücherbulle, der Bibliothekensitzer, der Inschriftenentzifferer, der Staubabstauber, der Aschearchivar, der Höhlendurchwühler, der Dreckdurchleuchter, der Scherbenentstauber und der Fußnotenfetischist.

Egal wie ihr mich nennt, es ist kein Ausbildungsberuf und ihr könnt nur erfolgreich sein, wenn eine alte Inschrift für euch so spannend ist wie eine frische Lösegeldforderung. Und ich mache es nicht freiwillig, glaubt es mir.

Aber ich mache keine Scheidungen.

Mein Leben ist einfach. Wenn ich zur Arbeit gehe, dann klappe ich das Bett hoch und schiebe den Teppich zurecht.

An der Garderobe hängt gut sichtbar mein alter Trenchcoat. Ich habe ihn lange nicht getragen, aber die Kunden erwarten so etwas. Daneben hängt mein alter Hut. Meine Wumme liegt in der Schublade vom Schreibtisch.

Draußen höre ich Frollein tippen, was sie auch immer tippt auf der alten Maschine. Es gab keine Aufträge diese Woche. Und die Woche davor auch nicht. Unser letzter großer Fall liegt lange zurück.

Der Staub hebt und senkt sich von den Büchern, wenn man daran vorbeigeht und ihn aufscheucht. So wie die alten Teeblätter vor mir in dem alten Becher. Irgendwo zwischen den Büchern liegt der rote Ordner mit meinem Projekt. Der Ordner hat viele Lesezeichen, aber auch Staub genug für zwei Edgar-Wallace-Filme. Ich tue immer so, als wüsste ich nicht, wo er liegt. Aber ich sehe ihn jeden Tag.

„Chef?“ Frollein ist aufgeregt. Dann hat sie eine Stimme wie Honig in heißer Milch, wie der Schuss Brandy in der heißen Schokolade oder der Klecks Schlagsahne, der sich über dem heißen Bratapfel verteilt. Und das ist nur ihre Stimme.

Ich genieße Honig und Brandy und Schlagsahne und antworte nicht. Ich sehe den Teeblättern im Wasser zu. Sie sind heute besonders müde.

„Chef?! Da ist Besuch.“

Die Teeblätter sind jetzt so uninteressant wie der Name des Mannes, der in China die umgefallenen Reissäcke wieder aufrichtet.

„Ich habe gleich Zeit!“ rufe ich zurück und nehme einen Schluck von der dünnen und lauwarmen Flüssigkeit oberhalb der Teeblätter.

Dann warte ich. Angebot und Nachfrage, künstliche Verknappung, lass sie warten, dann steigt dein Preis.

Ich setze mich hinter meinen Schreibtisch. Die Kunden erwarten, dass du dort sitzt, wenn sie reinkommen.

Frollein öffnet meinem Besuch die Tür und ein alter dünner Mann im Rollstuhl wird herein geschoben. Seine Schieberin ist ein fantastisch aussehendes Babe. Sie trägt ein enges weißes Kleid und hat blonde Haare mit einem Stich ins aluminiumfarbene, das wirkt sexy, aber auch kühl. Kühl ist das neue Heiß, wenn ihr mich fragt.

Der alte Mann hat graue Haut, einen dreieckig wirkenden Kopf und eine verspiegelte Sonnenbrille. Eine der Sonnenschichten, die sich durch die Jalousie drängen, fällt auf seine Brillengläser, sie sind zerkratzt und verschmiert.

Die beiden sind grundverschieden, aber etwas verbindet sie. Es kann die Farbe ihrer Augen sein. Das Babe hat dunkelgraue Augen wie ein Nachthimmel, unter dem sich Liebende heimlich treffen. Seine Augen kann ich nicht sehen. Es kann also auch etwas anderes sein.

Frollein sieht mich über den Rand ihrer Brille an und zieht die Tür hinter sich zu. In ihrem Blick liegt eine Warnung, aber, hey, ich bin ein großer Junge.

Das Babe schiebt den Rollstuhl mit dem alten Mann umständlich vor meinen Schreibtisch. Es ist eine Freude, ihr und ihrem engen Kleid dabei zuzusehen. Der Mann wendet mir den Kopf zu, sieht aber durch mich durch. Er sagt nichts. Ich lächele freundlich an ihm vorbei zurück.

Das Babe setzt sich auf einen Besucherstuhl und zeigt mir ein schlankes Knie.

„Sie werden alle umgebracht“, sagt das Babe.

Das war so ziemlich die deutlichste Andeutung für einen kommenden Auftrag, die ich bisher erhalten habe. Das war sogar deutlicher als „Sie müssen mir helfen“ oder „Ich weiß nicht weiter“ oder „Mein Mann betrügt mich“.

Aber ich mache keine Scheidungen. Anscheinend weiß sie das.

Der alte Mann hat sich von dem Babe bestimmt nicht wegen einer Scheidung zu mir schieben lassen.

"Das brauche ich ein wenig genauer."

Sie antwortet mit einem Nicken. "In den letzten Wochen sind viele Freunde ums Leben gekommen. Unter merkwürdigen Umständen."

Ihre Stimme ist weich und heiß wie ein Sommerwind und füllt den ganzen Raum. Ich schließe Wetten mit mir ab, welches meiner Bücher als erstes in Flammen aufgehen wird.

"Das brauche ich ein wenig genauer."

Sie antwortet mit einem Kopfschütteln. "Das geht nicht viel genauer. Nicht jetzt. Das ist Ihr Teil, Maska. Sie sind alle tot, das ist sicher. Und Weitere werden sterben. Die Polizei interessiert sich nicht dafür."

Ich erinnere mich an meine Pflichten als Gastgeber und teile Wassergläser aus. Der alte Mann nimmt das Glas, lehnt aber mit einer Bewegung seiner alten dünnen Hand das Wasser ab, das ich dann einschenken will.

In der rechten Seite meines Schreibtisches gäbe es auch Whisky, da steht eine Flasche Baltach. Die muss auf der rechten Seite stehen, links gäbe es eine Katastrophe. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Baltach.

Das Babe nimmt Glas und Wasser und lächelt dankbar, unsere Finger haben sich kurz berührt. Ich widerstehe der Versuchung, mir mein eigenes Glas ins Gesicht zu kippen, um eine spontane Selbstentzündung zu verhindern. Höflich trinkt sie einen Schluck und sieht mich dabei über den Rand des Glases weiter an.

"Kein Zweifel?"

"Woran?"

"Dass Ihre Freunde tot sind. Ermordet worden sind."

Erneutes Kopfschütteln. "Kein Zweifel. Wir haben sie gesehen." Sie muss schlucken und setzt das Glas wieder an die Lippen. „Wir haben sie gefunden. Da war kein Leben mehr", murmelt sie in das Glas, aber ich soll es trotzdem hören. Ich sehe ihre schlanken Finger um das Glas und durch das Glas ihre geöffneten Lippen, genau wie ich sie sehen soll. Ist das eine Botschaft, an dem alten Mann vorbei?

"Wie ist das passiert?" Ich lasse das Wasser in meinem Glas kreisen, um sie und mich abzulenken. Das Babe blickt mir trotzdem direkt in die Augen.

"Sie sind tot. Sehr unterschiedlich tot. Viel Blut, wenig Blut. Viele Knochen gebrochen, wenig Knochen gebrochen. Körperteile abgerissen, Körper vollständig. Aber keine Schusswunden, keine Stichwunden. Und immer an abgelegenen Orten."

Und immer bei Vollmond, nehme ich an.

"Sie haben sie gefunden?" Diese Frage richte ich an den alten Mann im Rollstuhl, aber sie geht durch ihn hindurch und verliert sich in der Bücherwand hinter ihm. Er reagiert nicht, aber die zerkratzten und verschmierten Brillengläser zeigen in meine Richtung. Das Fenster hinter mir spiegelt sich darin.

Das Babe beugt sich zu ihm und hält ihren Mund an sein Ohr. Sie flüstert und es klingt leise wie ein Faxgerät, das man aus Versehen angerufen hat.

Der Mann sagt nichts und das Babe antwortet mir durch ein Nicken.

"Wir waren immer diejenigen, die sie gefunden haben. Wir wussten ja auch, wo wir nach ihnen suchen müssen."

"Und die Polizei?"

Sie zuckt mit den Schultern, ihr enges Kleid schließt sich dieser Bewegung nur widerstrebend an. Ich trinke schnell einen Schluck Wasser.

"Die Polizei glaubt uns nicht. Sie sagen, sie seien nicht zuständig. Deshalb sind wir hier."

"Warum sollte gerade ich mich dafür interessieren?"

Das Babe lässt den Blick langsam durch mein Büro schweifen. "Geld?"

Der alte Mann zuckt, als würde er kichern. Aber nur kurz.

Sie schaut wieder mich an. "Und weil Sie bestimmte Leute kennen, Maska. Leute - und andere."

Aus ihrem Mund klingt das wie eine erotische Prophezeiung.

"Freunde von Ihnen", ich sehe zu dem Mann im Rollstuhl herüber, "werden umgebracht. Sie finden ihre toten Freunde, aber die Polizei glaubt Ihnen nicht."

Klingt nach Verfolgungswahn. Was nicht bedeutet, dass sie nicht verfolgt werden.

Der alte Mann bewegt sich nicht, das verheißungsvolle Babe mit dem aluminiumblonden Haaren übernimmt wieder.

„Wir fürchten, dass es weitergeht. Dass noch mehr von unseren Freunden sterben werden. Umgebracht werden. Werden Sie uns helfen?“ Sie sieht mich dunkelgrau an und mir wird warm bei dem Gedanken an die Dinge, die wir noch nicht zusammen getan haben. „Ich weiß, dass das alles komisch klingt. Aber weitere Morde müssen unbedingt verhindert werden. Es hängt viel davon ab.“

Ja sicher. Wahrscheinlich die Zukunft der westlichen Welt. Weltfrieden und so einZeug. Hatte ich beim letzten Fall auch. Hat sich nicht ausgezahlt, ich warte noch immer auf mein Geld.

„Ich bin sehr beschäftigt.“ Mit einer weit ausholenden Bewegung nehme ich meinen Kalender, halte ihn mir vors Gesicht und blättere die leeren Seiten durch. „Gleich habe ich einen wichtigen Termin bei Gericht. Können Sie morgen wiederkommen? Dann habe ich mehr Zeit.“ Ich sehe das blonde Babe in dem engen Kleid an und dann den alten Mann.

Sie lächelt mich erleichtert an und mein Herz weitet sich zu einem saftigen Steak.

Bis morgen wird der alte Mann entschieden haben, ob ich den Fall bekomme. Das blonde Babe ist Staffage und wird mir seine Entscheidung überbringen. Sie wird kommen. Und ich werde diesen Auftrag kriegen.

Und ich brauche diesen Auftrag, auch wenn er komisch klingt und wohl nach ein paar Stunden erledigt sein wird. Das klingt alles verrückt genug, um wahr zu sein. Und einige Dinge, die ich gehört habe, bringen ein paar Glocken ganz weit hinten in meinem Kopf in Bewegung.

Sie nickt. Der alte Mann nickt nicht.

Frollein öffnet ihnen die Tür und die beiden zischen ab.

Ich hole mir den Tee von der Anrichte, er ist jetzt kalt. Am Fenster trinke ich ihn in kleinen Schlucken und sehe durch die quergestellten Jalousien nach draußen in die Sonne.

Vielleicht habe ich einen neuen Auftrag, vielleicht wartet wieder nur viel Ärger auf mich.

Ärger und ein aluminiumblondes Babe in einem engen weißen Kleid mit einer erotischen Beziehung zum Wort ‚Geld‘.

Klingt nach einem Plan.

Kapitel 2

Der Tee ist alle, ich stelle den Becher mit den alten Teeblättern auf die Anrichte. Im Schreibtisch habe ich dünne Gummihandschuhe, damit nehme ich die beiden Wassergläser meiner Besucher in die Hand. Das Glas des Babe, es ist noch etwas Wasser drin, stelle ich zur Seite. Das Glas des alten Mannes ist trocken, und ich habe es nur am Boden angefasst.

Hier lassen sich die Fingerspuren gut abnehmen, ich sichere sie in meine Kladde und sehe sie mit der Lupe an.

„Verdammte Pest!“ Hinter mir geht die linke Seite des Schreibtisches auf. Dort würden, wäre das Fach nicht bewohnt, fünf Aktenordner reinpassen. Im rechten Fach stehen vier Ordner und die Flasche.

Mautz guckt aus dem Schreibtischfach.

„Was waren denn das für Kasper?“

Mautz, das ist eigentlich Mauritius, Edler vom Petersberg zu Pinnow. Aber Frollein und ich nennen ihn Mautz.

Er ist der letzte der Kobolde in Mecklenburg, ein alter Kerl mit vielen Falten und einem dunklen Gesicht, wie eine Moorleiche mit Sonnenbrand. Er wohnt in meinem Schreibtisch, seit ich ihn bei einem Auftrag alleine in einem halbverfallenen Gutshaus gefunden habe. Dort war er unter Attacke eines jungen Fuchses geraten, hatte in seinem Gehrock schon einige Risse von den Zähnen des roten Räubers und seinen Stockdegen zerbrochen, der so lang und stumpf war wie eine Häkelnadel. Wild schimpfend hatte er sich gewehrt, vor dem Fuchs gerettet zu werden. Dabei hatte es schlecht gestanden um den kleinen alten Kerl mit den großen Ohren.

Sein Vater war als Klaubautermann zur See gefahren und hatte dann in eine adelige Familie eingeheiratet, daher der Name. Er sprach noch die alte Koboldsprache, die unverständlich klingt wie Gälisch, denn sie besteht nur aus Konsonanten, die durch beliebig viele und an beliebigen Stellen eingestreute Y aufgelockert werden. Und er behauptete immer, das Petermännchen im Schweriner Schloss sei mit seiner Familie verwandt, aber das konnte ich noch nicht überprüfen. Mein Zugang zu öffentlichen Bibliotheken ist seit einiger Zeit etwas eingeschränkt.

Nach dem Scharmützel mit dem jungen Fuchs war sein Gehrock ramponiert und stinkend und musste entsorgt werden. Seitdem kleidet er sich mit etwas, das wie ein alter LPG-Kittel aus dem Spielzeugmuseum aussieht und statt dem Stockdegen stützt er sich auf einen Kinder-Regenschirm, der von einem Puppenwagen stammt. „Die Farbe ist Scheiße“, sagt er immer, „Aber die Länge ist genau richtig“.

Aus Dankbarkeit für seine Rettung vor dem roten Unhold war Mautz bei mir in den Schreibtisch eingezogen und hat mein Büro seit Jahren nicht mehr verlassen. Im Schreibtisch hat er sein Bett, einen Sessel, eine kleine LED-Leselampe aus dem Modellbauhandel und einen Kleiderhaken, was ein alter Kobold halt so braucht. Mautz liest viel und schläft viel. Aber es gibt einen guten Grund, die Flasche Baltach in dem Fach auf der anderen Seite aufzubewahren.

Für mich ist er dann und wann wichtig, denn er hat viel altes Wissen in seinem kleinen Kopf, wo er es über ein paar Jahrhunderte angesammelt hat. Ab und zu spielt er Sparringspartner, wenn ich mit meinen Fällen nicht weiter komme. Wir kommen ganz gut zusammen klar, aber Frollein hat ihn noch nicht in ihr Herz geschlossen. Am liebsten würde sie ihn wohl hochkant rauswerfen.

Das alte Gesicht sieht mich neugierig an und ich frage mich, ob er bald eine Brille braucht und wo wir die herkriegen würden.

„Was hast du gehört, alter Mann?“

Er schnaubt ärgerlich, das hört sich an, als würde überschüssige Luft aus einer Fahrradpumpe entweichen. „Das ist eine schräge Story, Maska. Da liegt kein Segen drauf. Du läufst bestimmt wieder Gefahr, dir von einem dieser Babes, wie du sie nennst, den Kopf verdrehen zu lassen.“

Ich schiebe die Hände in die Hosentaschen. „Soo komisch klang es gar nicht. Nur eine Reihe von nicht-natürlichen Todesfällen, für die sich die Polizei nicht interessiert. Das Ganze auf einem silbernen Tablett präsentiert von einem engen Kleid, das mir einen grauen und nicht vollständig tauben Mann im Rollstuhl ins Büro geschoben hat. Sieht ganz so aus, als würde ich einen Fall kriegen.“

„Wenn du meinst, ich würde dir dabei helfen, Maska… Das kannst du dir gehackt legen!“

Er zieht das Schreibtischfach mit einem Knall zu.

Das sagt er immer, wenn er mir seine Unterstützung anbietet. Aber er meint es nicht so. Glaubts mir.

Ich bin also wieder alleine. Draußen klappert Frollein auf der Maschine, im Schreibtisch höre ich Mautz rumoren. Aber er wird jetzt drin bleiben.

Da ist also endlich ein Auftrag für mich, der wird etwas Cash in die Kasse bringen und mich ablenken. Was wiederum bedeutet, dass ich den roten Ordner, der dort zwischen den Büchern liegt, wieder ignorieren werde. Dabei ist der Ordner, oder besser sein Inhalt, meine Rückfahrkarte ins wirkliche Leben.

Mit zwei Doktortiteln, einem in mittelalterliche Philologie und einem in angewandter Kryptozoologie, bin ich wegen dieses Ordners vor zwei Jahren von der Uni entfernt worden und sitze seitdem als privater Ermittler hier in der Mietwohnung in der Schweriner Innenstadt. Frollein draußen hat das Kinderzimmer als Büro, weil das näher an der Tür liegt. Falls mal ein Besucher kommt.

Das akademische Establishment hat sich geweigert, meine Arbeit zur Habilitation zuzulassen. Sie waren überzeugt, mich gehen zu lassen und sie meinten sogar, mir damit einen Gefallen zu tun.

Ein abgekartetes Spiel, um mich bei der Nachfolge für die Institutsleitung auf ein Abstellgleis zu bringen.

Als archäologischer Ermittler bin ich so eng wie möglich an meinem alten Aufgabengebiet.

Und sobald ich meine Arbeit in dem roten Ordner endlich fertig habe, werden sie mich dort wiedersehen. Glaubts mir.

Draußen sinkt die Sonne und ich trete an das offene Fenster. Die Geräusche der Straße unter uns dringen herein, ein letzter Geruch der Bäckerei ist dabei, gleich werden sie für heute schließen.

Die Leute auf der Straße eilen nach Hause, Taschen und Tüten unter den Armen. Frollein wird gleich auch aufbrechen. Ich weiß nicht, wo sie abends hingeht.

Auf der anderen Straßenseite steht jemand, der sich dem geschäftigen Treiben von links nach rechts und umgekehrt nicht angeschlossen hat. Dort steht ein Mann in einem schwarzen Anzug, als käme er von einer Beerdigung oder aus einem schlechten Film. Vielleicht hat er keinen Grund, nach Hause zu wollen, vielleicht ist sein Zuhause nicht hier in der Gegend, denn sein Anzug sieht fremd und altmodisch aus. Unter dem schwarzen Hut schaut er hinter einer Sonnenbrille zu mir hoch.

Kann er mich durch die Jalousien überhaupt sehen?

Ich sehe nach rechts die Straße herunter und dort steht, im Schatten vor dem Schuhgeschäft, ein zweiter schwarzer Anzug mit Sonnenbrille.

Auch der hat wohl kein Zuhause.

Links die Straße herunter steht ein dritter Mann in Schwarz.

Das ist bestimmt kein Fan-Club der Blues Brothers auf Besuch in Schwerin.

Sie kommen mir bekannt vor, aber es macht noch nicht Klick.

Ich gieße einen Schluck Wasser in mein Glas, es wird schmecken als wäre es bereits getrunken worden und wahrscheinlich ist das auch so. Dann sind die drei Männer verschwunden.

Nichts weist darauf hin, dass sie da gewesen sind.

Draußen ist jetzt alles wie immer.

„Chef?“

Frolleins Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Sie lehnt am Rahmen der offenen Tür, ein Bein angewinkelt, müde vom Tag. Was auch immer sie heute getan hat, um müde zu werden. Sie schiebt sich die langen schwarzen Haare aus der Stirn.

„Ich bin dann gleich weg.“

Ich nicke nur. Sie ist dann gleich weg und ich bin bis morgen alleine.

Sie hält mit der anderen Hand einen Umschlag hoch. „Da ist noch Post gekommen.“

Das ist ungewöhnlich. Wie alle Wohnungen hier bekommen wir die Post einmal am Tag, vormittags, wenn der Postbote seine Runde macht.

„Wo kommt der denn her?“

Sie zuckt mit den Schultern. „Wurde unter der Tür hergeschoben. Lag plötzlich da. Kann ja nicht auf alles aufpassen.“

Frollein hält den Brief am langen Arm, geht zwei Schritte und lässt ihn auf meinen Schreibtisch fallen. Der Brief gefällt ihr nicht, auch wenn ich keine Aufschrift sehen kann.

Ich rieche, warum er ihr nicht gefällt.

Von dem Umschlag geht ein starker Geruch aus, süßlich, durchdringend und irgendwie nach Blumen.

Hat das Babe im weißen Kleid noch eine Botschaft dagelassen?

Ein Detail, das der alte Mann im Rollstuhl nicht kennen soll?

Oder ein Treffpunkt?

Oder eine Telefonnummer?

Oder etwa einen Vorschuss?

Frollein dreht sich um und ist dann bis morgen verschwunden. Sie spricht nicht gerne viel. Vielleicht spricht sie mehr, wo sie jetzt hingeht. Sie zischt ab.

Ich höre, wie sie unsere Bürotür von außen schließt.

Staub wirbelt lautlos durch mein Büro. Aber der Staub und ich, wir werden keine Freunde.

Der Umschlag ist schwerer, als ich erwartet habe. Aber leider nicht, weil er einen Stapel Geldscheine enthält. Er ist aus schwerem Papier, elfenbeinfarben und sehr glatt. Das Blatt darin ist aus dem gleichen Papier und drückt mir beim Öffnen des Umschlags eine Wolke des Parfüms entgegen.

Nicht das richtige Parfüm für das Babe im weißen Kleid. Dieses Babe braucht kein Parfüm, um umwerfend zu sein.

Der Brief, oder wie ich diese Nachricht auch bezeichnen soll, ist mit der Hand geschrieben. Eine geschwungene feminine Handschrift, sinnliche runde Buchstaben mit vielen Unterlängen.

„Lieber Maska, wir werden den Schlüssel gemeinsam suchen. Finden wir ihn, ist der Schlüssel mein und ich bin dein. Unsere Zeit wird kurz sein, aber ich warte mit klopfendem Herzen. Deine Schöne.“

Mein Hals ist eng und ich schlucke. Es hilft nichts und ich trinke das letzte Wasser.

Ich bekomme nicht oft Post.

Soll ich jetzt von zwei Seiten für die gleiche Arbeit bezahlt werden?

Ich habe einen Brief von einer unbekannten Schönen, auf jeden Fall von einer schön Unbekannten. Der Brief passt eventuell zu dem Auftrag, den ich morgen erhalten werde. Aber das Parfüm passt nicht zu dem Babe, das zu dem Auftrag passt.

Bis morgen früh bin ich wieder allein.

Im Schreibtisch steht die Flasche, lange unangetastet. Sobald ich sie öffne, wird Mautz seinen Kopf aus dem anderen Fach stecken und es gibt eine lange Diskussion.

Diskutiere nicht mit alten Kobolden, hat Marlowe mir einmal gesagt.

Wenn ich sie nicht öffne, dann gibt es eine lange Nacht.

Das Klingeln des alten Telefons löst mein Dilemma.

Das Gerät hat kein Display, ich kann also nicht sehen, wer anruft.

„Maska. Ermittlungen in die Vergangenheit. Diskret und zuverlässig. Wir machen keine Scheidungen.“

„Lieber Herr Dr. Maska! Wie schön, dass ich Sie direkt erreiche. Sie sind sicher sehr beschäftigt. Wie geht es Ihnen?“

Ich erkenne diese Stimme, auch wenn ich lange versucht habe, sie zu verdrängen. Sie steht für vieles in meiner Vergangenheit, das vergangen bleiben soll. Aber sie ist auch die Brücke in meine Zukunft. Ich löse meinen Blick von dem roten Ordner und greife den Hörer fester.

Der Anruf ist so willkommen wie ein Hagelschauer am Nacktbadestrand.

„Herr Dekan! Schön, von Ihnen zu hören.“ Ich bemühe mich um ein wenig Begeisterung in meiner Stimme. Er spielt mit und spricht freundlich weiter.

„Lieber Herr Dr. Maska! Schön, schön.“ Ist er etwa schon am Ende seiner vorbereiteten Sätze? Er hatte immer alle seine Sätze vorbereitet. Vor allem die Sätze, mit denen er mich damals hinausgeworfen hatte. Das alte Plastik knirscht in meiner Hand, ich muss meinen Griff lockern.

„Sie rufen nicht an, um mich zu einem Treffen der Ehemaligen einzuladen, Herr Professor.“ Er sagt nichts und ich kann hören, wie die kurze Zigarre in seiner Hand kalt wird. „Sie haben doch nicht etwa Arbeit für mich?“

Das soll sich nicht zynisch anhören. Tut es aber. Ich würde auch diesen Auftrag annehmen.

Es kommt ein Geräusch, das wie ein erleichtertes Lachen wirkt. „Sie werden lachen, Herr Dr. Maska! Genau das ist der Grund meines Anrufs!“

Der Dekan hat mit seinem Anruf bis nach Feierabend gewartet, er will alleine im Büro sein, wenn er mit mir spricht.

„Worum geht es? Wird in der Bibliothek ein Buch vermisst?“

Er überhört diese Anspielung. Die Bibliothek seines Instituts, das eigentlich mein Institut sein sollte, ist für die Unordnung und für den hohen Fehlbestand bekannt. Niemand weiß so recht, wer die alten Bücher entwendet und wozu. Auf dem Flohmarkt sind sie bisher nicht aufgetaucht, das hätte ich bemerkt. Es wurde damals sogar überlegt, die Bibliothek zu schließen oder alle verbliebenen Bücher einzuscannen und nur noch online verfügbar zu machen. Aber das konnte natürlich niemand bezahlen.

„Es ist wichtiger als das. Es wurde etwas entwendet und für die Rückgabe verlangt man gewisse Gegenleistungen.“

„Was?“

„Was entwendet wurde? Der Schlüssel.“

Das ist jetzt so überraschend wie ein Nackter an einem Nacktbadestrand.

---ENDE DER LESEPROBE---