Maskenball des Todes - Manuela Tengler - E-Book
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Maskenball des Todes E-Book

Manuela Tengler

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Beschreibung

Bei einer Bürgerversammlung gerät die alleinerziehende Polizistin Alessandra Fornati unvermittelt in die Fronten zwischen Kreuzfahrtlobby und aufgebrachten Venezianern, die um das Überleben ihrer Stadt fürchten. Alessandras Engagement schürt neue Hoffnung und tatsächlich scheint bei der nächsten Protestaktion in der Lagune eine Trendwende möglich. Dabei droht Alessandra zu ertrinken und wird von einem geheimnisvollen Mann gerettet, doch bald muss sie sich fragen, ob Fabio wirklich ihr Retter und auf ihrer Seite ist. Die neue Jeanne d Àrc Venedigs wird in ihrem Kampf immer mehr zur Marionette mächtiger Konsortien. Verzweifelt versucht sie ihre Unschuld zu beweisen, aber niemand glaubt ihr. Am Höhepunkt der Feierlichkeiten des Carnivale di Venezia warnt Alessandra ihre Kollegen, doch niemand glaubt ihren Prophezeiungen. Inzwischen bahnt sich vor dem Dogenpalast eine Katastrophe an. Gelingt es Alessandra rechtzeitig, die Drahtzieher zu entlarven und ihre Stadt vor dem sicheren Untergang zu retten? FÜR WEN IST DAS BUCH GEEIGNET: MASKENBALL DES TODES ist für alle, die Venedig lieben, hassen oder neu entdecken möchten! Für Kreuzfahrer, die gern mal hinter die Kulissen schauen möchten. Für Bücherfreunde, die spannende, emotionale Bücher schätzen. FÜR WEN IST DAS BUCH NICHT GEEIGNET: Für Leser, die nach der letzten Seite gleich zum nächsten Buch greifen. Ich würde mich freuen, wenn die Charaktere und ihr Schicksal in den Lesern etwas nachschwingt. AKTUELLER STOFF - BRISANT WIE NIE Die Diskussionen, ob und in welcher Größe die Kreuzfahrtschiffe durch den Guidecca-Kanal fahren dürfen, sind nach wie vor präsent in der Lagunenstadt. Es geht um viel Geld, um Arbeitsplätze - dagegen steht jedoch die Gesundheit der Venezianer - UND die der Touristen, die Venedig besuchen oder an Bord eines Kreuzfahrtschiffes stehen. Nach den Beinahe-Katastrophen in den letzten Jahren ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Unglück geschieht ... Nach Interview mit den Aktivisten von "No Grande Navi" verfestigte sich meine Buchidee. Ich hoffe, dass ich damit auch zum Nachdenken anrege. Wir alle haben es in der Hand, Venedig LEBENSWERT zu erhalten.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

PROLOG – Un grande disastro

1 – No grande navi basta!

2 – Schatten der Vergangenheit

3 – Falsche Freunde

4 – Widerstand!

5 – Der geheimnisvolle Schatten

6 – Tochter des Teufels

7 – Jeanne d’Arc von Venedig

8 – Auf der falschen Seite

9 – In der Höhle des Feindes

10 – Geheimnisse und Offenbarungen

11 – Träume und Lügen

12 – Verrat

13 – Das geheime Treffen

14 – Schmerz der Vergangenheit

15 – Die Maskerade beginnt

16 – Todesengel

17 – Der letzte Tanz

18 – Im Visier

19 – Das Jüngste Gericht

20 – Grand Opéra

21 – M.O.S.E sei Dank!

22 – Congratulazioni

Nachwort

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Dokus und Videos

Über Manuela Tengler

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Maskenball des Todes

MANUELA TENGLER

Roman

Alle Rechte vorbehalten.

© 2021 Manuela Tengler

Lektorat, Korrektorat: Eva Maria Nielsen

Covergestaltung:

Constanze Kramer, www.coverboutique.de

Bildnachweise:

©Hanna Gottschalk – stock.adobe.com

© oculo - depositphotos.com

Verlag: MT – Manuela Tengler

ISBN: 9783752136487

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Im Roman werden fiktive Personen und Institutionen genannt. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen und Institutionen ist nicht beabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

WIDMUNG

Allen Venezianern,

den Mitgliedern der NO GRANDE NAVI Organisation sowie jenen Besuchern,

die Venedig wie ich lieben und schützen möchten!

Mille grazie!

Danke!

PROLOG – Un grande disastro

Die Dienststelle der Serenissima, die Questera, war längst abgeschlossen. Aus dem kleinen Haus nahe der Piazzale Roma klangen weit nach Feierabend gedämpft Stimmen nach draußen. Dunkle Schatten tanzten hinter den verdunkelten Scheiben. Sie erinnerten an Figuren der Commedia dell`Arte. Giuseppe, der Dienstälteste der Carabinieri, feierte seinen 60. Geburtstag im Kreise der Kollegen – und mit ihr, seiner einzigen weiblichen Kollegin. »Du schuldest mir einen Tanz, cara mia«, flüsterte er und streckte ihr die Hand entgegen.

Alessandra lächelte, während sie ihm auf die imaginäre Tanzfläche folgte. Wie konnte sie diesem Mann, der alles für sie tat, einen Wunsch abschlagen? Zwischen Schreibtisch und Kaffeeautomat wiegte er sie sanft hin und her. »So tanzten wir schon einmal. Erinnerst du dich?« Er lächelte.

Sie nickte, schmiegte den Kopf an Giuseppes Brust. Hundert Augen waren damals auf das attraktive Brautpaar gerichtet. Mit Paolo an ihrer Seite fühlte sie sich unverwundbar und stark. Gemeinsam trotzten sie den unregelmäßigen Dienstzeiten bei der venezianischen Polizei, die ihrer Liebe in den folgenden Jahren einiges abverlangen sollten.

Giuseppes Herzschlag beschleunigte sich. Auch er verlor sich in Erinnerungen und kämpfte wohl wie sie um Fassung. Die Kugel zerstörte nicht nur Paolos Leben. Auch Giuseppes Leben wurde an diesem Tag ein anderes. »Dein Sohn hätte dir eine solche Kalorienbombe von Torte nie geschenkt.« Sie zeigte auf die Schokoladentorte am Tisch und spürte den unregelmäßigen Herzschlag des alten Mannes. Ein Kloß steckte in ihrem Hals. »Nun schnell! Geh zurück ans Buffet, bevor sie dir deine Geburtstagstorte wegessen.« Bevor sie beide endgültig von den quälenden Erinnerungen überwältigt wurden, strich sie über Giuseppes Rücken. Das blaue Diensthemd war zerknittert. Sie lächelte. Der Witwer wäre verloren ohne sie, und sie ohne ihn. Stefano und Antonio, ihre Kollegen, lümmelten auf Giuseppes vollgeräumten Schreibtisch und feixten, wer von ihnen der bessere Tänzer wäre. Giuseppe löste sich nur ungern aus der Umarmung und deutete ihnen ihr Talent zu beweisen. Mit unsicheren Schritten folgte er einer unhörbaren Musik und grinste, als Alessandra zum Ausgang zeigte. Sie überließ die Männer ihrem eigenen Programm. Sie sprachen an diesem Tag nicht wie sonst über die neuesten Waffen, ihre Bambini oder den wachsenden Groll gegen unbezahlte Überstunden. Sie klärten heute Nacht keine Streiche venezianischer Jugendlicher auf, die auf der Piazzale Roma die Wände beschmierten oder mahnten Touristen wegen Bagatellen ab. Heute übertrumpften sich die betrunkenen Männer mit Plattitüden der Politik, über das Ausscheiden bei der Fußball-WM. Sie schimpften über ihre eifersüchtigen Frauen daheim, während sie ihren Ärger mit einem Grappa nach dem anderen hinunterspülten. Sie wollten feiern und Wetten abschließen, wer von ihnen die Nachfolge von Giuseppes Platz in der Questera antrat.

Alessandra schüttelte den Kopf, als Giuseppe sie zu sich winkte. Sie brauchte dringend Sauerstoff. Der Gestank kubanischer Zigarren und der steigende Alkoholspiegel unter den Kollegen lockten sie ins Freie. »Männer, also wirklich.«

Eine milde Nacht erwartete sie in der Serenissima. Sie tippte auf das vertraute Gesicht am Display ihres Handys und lächelte, als sie die verschlafene Stimme hörte. »Ich weiß, du bist noch wach. Ich sehe Licht.« Das war eine glatte Lüge, aber bei einem achtjährigen Jungen funktionierte das blendend.

»Ein paar Minuten, mamma, bitte! Ich helfe dafür nonna beim Einkauf, die ganze nächste Woche, versprochen!«

Funkstille. Ein Grinsen, das sie ohne Ton verstand. Aurelio wusste wie er sie überzeugte. »Einverstanden. Ich bleibe noch eine halbe Stunde und bringe noch Giuseppe nach Hause, okay? Ich hab dich lieb, schlaf gut.«

»Buona nottemamma!« Schon brach die Verbindung ab.

Unschlüssig, ob sie zu dem ausgelassenen Männervolk dazu stoßen sollte, entschied sich Alessandra für die knallrote Bank vor der Dienststelle. Ein paar Minuten, um die in ihrem Leben rar gewordene Stille in der Serenissima genießen, die Alltagssorgen vergessen. Es ging nicht um die verspätete Weinlieferung für Giuseppe, den Dienstplan während Aurelios Schulferien. Endlich allein mit ihrem heimlichen Geliebten. Ihr geheimnisvoller Liebhaber, der spärlich beleuchtete Canal Grande, zog viele Jugendliche magisch an. Sie tanzten ausgelassen auf den fondamente der rivoletto und rii. Ihr schrilles Lachen schwappte über das Wasser und steckte an. Offenbar ertrugen die Männer die stickige Luft in den Arbeitsräumen selbst nicht länger. Aus einem gekippten Fenster lauschte sie mit einem unterdrückten Grinsen Giuseppes Vorliebe für Verdis Opern, Antonios Bariton zu Gianna Nannini und Stefanos Lachen. »Ihr seid verrückt«, flüsterte sie. In diesem Moment war ihr die Polizei-Familie so nah wie niemals zuvor. Nach Paolos Tod waren Stefano und Antonio nicht anders mit ihr umgegangen als vorher. Sie hätte kein Mitleid, keine Vorzugsbehandlung ertragen und war dankbar, die plötzliche Leere in ihrem Leben mit Arbeit füllen zu können. Bis Giuseppe ein Machtwort gesprochen hatte. Sein Enkel hat seinen Vater verloren, das ist genug Schmerz für ein Kind. Ohne ein weiteres Wort passte er ihre Dienstpläne an, sodass sie nach Schulschluss daheim war. Giuseppe hatte wie sie Paolos Tod bis heute nicht verwunden, aber ihr gegenüber tat er, als stünde er über allem und jedem.

Verträumt blickte sie zur Seite. Sie liebte Venedig. Anfangs war es eine Hassliebe gewesen, aber nun konnte sie sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Hier war Aurelio geboren, hier trösteten ihn Erinnerungen an seinen Vater. Ein paar Biegungen abwärts warfen die beleuchteten Säulen und Arkaden des Dogenpalastes gespenstische Schatten auf die Böden. Nur noch wenige Touristen schlenderten zu der späten Stunde durch die dunklen, engen Gassen im San Marco sestriere. Sie bewunderten die mit Scheinwerfern beleuchteten Pferde der Quadriga an der Westseite der Basilika San Marco, die bereit schienen, loszutraben. Die marmornen Statuen auf der Längsseite der Biblioteca Nazionale Marciana zeugten von der ruhmreichen Vergangenheit der venezianischen Seemacht. Unaufmerksame Besucher unterließen es sträflich, den auf den einst mühsam aufgestellten Säulen mit über vier Meter langen Löwen auf der Plattform ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie musste nicht auf der anderen Seite des Hafenbeckens stehen, um sich darüber wie Giuseppe und andere zu entrüsten. Wie viele Venezianer verurteilte auch sie, dass ihre Heimatstadt zu einem Vergnügungspark für Tagestouristen verkam. Die Schätze der einst reichen Seemacht des 14. Jahrhunderts fanden sich aber auch an unscheinbaren Orten. Sie waren allgegenwärtig, aber im 21. Jahrhundert zählten ein stabiler W-LAN-Empfang, getaktete Besichtigungen dank QR-Code und ein hastiges Selfie beim Carnivale di Venezia mehr. Grauenhaft, wie schamlos sich manche Besucher gebärdeten und sich ihnen damit die Schönheit verborgener Ecken fernab des Reiseführer-Klischees oder gut erhaltene Reliefs verschloss.

Ein Lichtstrahl aus der mit blauen Lettern ausgeschilderten Questera, dem Polizeipräsidium Venedigs, erhellte den Granitboden und schreckte sie jäh aus den Gedanken. Hastig trat sie aus dem Schatten eines ausrangierten Polizeibootes und wischte rasch die Tränen fort.

»Ist alles in Ordnung?« Giuseppes fülliger Körper warf deutliche Umrisse auf den Boden.

Ein Brummbär mit viel Herz, der mehr als nur ein Vorgesetzter für sie war. Mit Paolos Tod vertiefte sich ihr Verhältnis. Vom trauernden Schwiegervater wandelte sich Giuseppe zu ihrem engsten Vertrauten. Er stand ihr in langen Nächten bei, in denen Aurelios Weinen ihr das Herz zerriss. Ihr Sohn sei viel zu jung, um das Schreckliche zu verstehen. Paolos vertraute Stimme, die den Jungen abends in den Schlaf sang, fehlte von einem Tag auf den anderen.

»Bene, ich komme gleich. – Wirklich, Giuseppe.«

Giuseppe blieb stehen und sah sie eindringlich an. Er traute ihr nicht. »Die Lagune stirbt nicht, wenn du eine Sekunde nicht auf sie achtest. Deine Kollegen hingegen kommen morgen nicht zur Arbeit, wenn du mir nicht hilfst, sie aus dem Büro zu jagen. Es dauert nicht mehr lange, bis du deinen Kontrollzwang ohne mein Einwirken ausleben wirst.«

Mit gespielt grimmigem Gesichtsausdruck eilte sie mit Giuseppe als Verstärkung ins Dienstzimmer zurück. »Die Party ist vorbei, Jungs«, erklärte sie und wollte gerade das Radio abstellen, als ein Jingle eine Sondermeldung verkündete. »Seid still!« Hastig drehte sie am Lautstärkeregler.

»Noch ist unklar, wie viele Tote durch das Unglück des Kreuzfahrtschiffes der Reederei OCEANDREAMS tatsächlich an der italienischen Küste zu beklagen sind. Experten halten vorzeitige Spekulationen über den Unfallhergang für gefährlich. Sie warnen …«

»Mamma mia!« Antonio hatte den Fernseher eingeschalten. Bilder des in Havarie geratenen Luxusliners ließen die ausgelassene Stimmung im Dienstquartier der Questera verpuffen. Kameras von Hubschraubern, die über der Unglücksstelle kreisten, zeigten auf der aufgepeitschten Wasserfläche leblos treibende Körper, bunte Koffer und zerborstene Wrackteile. Ein kleines Rettungsboot trieb mit dem Kiel nach oben.

Langsam kehrte Leben in die betrunkenen Männer. »1240 Passagiere, doppelt so viel wie die Mannschaft«, meldete Giorgio tonlos, als er den Hörer aufgelegt hatte. Das schreckliche Ereignis löschte seine Trunkenheit mit einem Schlag.

Stefano nickte bestätigend und wedelte mit einem Fax. »Die Küstenwache ist auf dem Weg zur Unglücksstelle, aber die Lage des Schiffes sei instabil. Wie viele Menschen betroffen sind, scheint derzeit unklar. Es herrscht pures Chaos.«

1240 Menschen, die sich auf eine Kreuzfahrt durch das Mittelmeer gefreut hatten, erlebten unvorstellbares Leid. Und niemand wusste Genaueres. Alessandra wartete angespannt auf aussagekräftigere Fakten, Informationen über mögliche Gründe für das Unglück, das in wenigen Minuten das Leben vieler dramatisch verändert hatte. Die Nachrichtenticker rund um die Welt überschlugen sich im Minutentakt mit Meldungen, während sich die Pressemeldungen der Reederei auf den möglichen Schaden des Schiffes konzentrierten. Der human factor wurde ausgeklammert. Vonseiten der Reederei hieß es, man sei bestürzt und versuche alles, um die Angehörigen rasch zu informieren. Die eingerichteten Hotlines brachen angesichts der vielen Anrufe verzweifelter Angehöriger nach wenigen Minuten zusammen. Alessandra verfolgte die einströmenden Nachrichten mit wachsendem Entsetzen. Sie konnte sich nicht vom Bildschirm losreißen, obwohl ihr das Schicksal der Menschen viel zu sehr naheging. Heute gelang es ihr nicht, Job und Gefühle zu trennen. Für die Eltern, Ehepartner, Kinder und Freunde jener Menschen an Bord des Schiffes musste die Ungewissheit schier unerträglich sein. Vor Tagen verabschiedeten sich die aufgeregten Kreuzfahrer mit einem glücklichen Lächeln und voller Vorfreude auf eine Traumreise ins Glück. Niemand kalkulierte in einem solchen Moment die Kosten einer Bergung, wenn es um Menschenleben ging, dachte an mögliche Abwrackzahlen oder gar Entschädigungszahlungen.

Offenbar befand sich bereits das Fernsehteam eines lokalen Senders an der Unglücksstelle. Hinter einer jungen Reporterin, die mit ihren Kollegen in dem kleinen Hafen ein provisorisches Mediencenter bezogen hatte, kauerten gerettete Passagiere des Schiffes auf notdürftig aufgestellten Feldbetten. Sie starrten teilnahmslos vor sich hin. Begriffen sie die Tragweite des Unglücks? Viele hüllten sich in Decken und versuchten verstört, den erbarmungslosen Kameralinsen auszuweichen. Abgehacktes Weinen, verzweifelte Rufe nach den Liebsten, die noch immer als vermisst galten, brachten die leiderfahrenen Männer der italienischen Küstenwache zum Verstummen. Hektische Kamerabewegungen, das Meer schwankte – oder war es die Kamera, die unter dem Grauen des Gezeigten erbebte? Die junge Frau in einem unschuldig wirkenden weißen Kleid trat vor die Kamera. Carlotta Neri. Der Einspieler machte den Namen der bisher unbekannten TV-Reporterin schlagartig bekannt. Der Wind riss an ihren glänzenden Haaren, während sich Neri mit einem kurzen Blick auf die Unglücksstelle unweit des Festlandes zu vergewissern schien, dass es stimmte. Das war kein Blockbuster aus Hollywood, sondern live. Europa. Italien. Schon mehrfach hatte es Zwischenfälle mit Kreuzfahrtschiffen auf der ganzen Welt gegeben. Seitens der Reedereien fand man stets nachvollziehbare Gründe für die Unglücke. Unbekannte Strömungen, plötzlich aufkommender Wind, ein defektes Bugstrahlruder. Man zahlte horrende Summen, um negatives Material nicht nach außen dringen zu lassen. Es floss viel Geld.

Man entschädigte die Passagiere mit der Übernahme entstandener Unkosten und lockte mit fulminanten Rabatten für die nächste Kreuzfahrt. Es gab so vieles, das angesichts von Abertausenden Tonnen Stahl binnen Minuten zu einer tödlichen Gefahr werden konnte. Wurde man als Passagier auf Sicherheitsmängel hingewiesen, darauf, dass die Karabiner und Seile der an Deck verstauten Rettungsinseln verrostet waren? Vage erinnerte sie sich an einen Techniker, den sie bei einem Zwischenfall im Guidecca Kanal im Hafen kennengelernt hatte. Selbst er bestätigte, es könne kein Restrisiko in Aussage gestellt werden. Das wäre so fahrlässig wie die Aussage, die Titanic wäre unsinkbar.

»… Ein technisches Versagen wird derzeit nicht ausgeschlossen …« Die junge Reporterin suchte nach den passenden Worten, um den Zuschauern in ihren warmen Wohnzimmern fern des Unglücksortes das Ausmaß dieser Tragödie zu verdeutlichen. Sie bemühte sich, die schrecklichen Nachrichten mit viel Herz zu vermitteln und kämpfte selbst mit den Tränen, als die Kamera auf einen tropfnassen Teddybären zoomte. Neri schien nicht so sensationslüstern wie ihre Kollegen zu sein. Sie winkte hektisch in die Kamera. Das harte Business des Journalismus forderte an diesem Tag genügend Opfer. War Neri resolut genug, sich zu behaupten? Inzwischen trafen weitere TV-Sender ein und berichten nun ebenfalls live vor Ort. Unerbittlich hielten sie verzweifelten Überlebenden das Mikrofon vor die Nase, zoomten mit ihren Kameralinsen auf rot unterlaufene Augen, auf traumatisierte Kinder. Quote zählte, Tragödien pushten, perfetto. Je größer das Leid, desto höher die Zuschauerzahlen.

Alessandra schauderte vor Entsetzen, während Stefano sich durch die Kanäle zappte. Jeder größere Sender unterbrach das Programm oder hielt die Zuschauer mit einem eingeblendeten Liveticker auf dem Laufenden. Bekannte Gesichter aus den Nachrichten und der Politik verkündeten ihre Anteilnahme. Das Gesicht mit einem Wimpernschlag auf ‚Unser aufrichtiges Beileid’ getrimmt. Carlotta Neri dagegen überforderte die grauenhafte Situation. Ihre Augen waren gerötet, fieberhaft glitt ihr Blick aus dem Fokus des Kameramannes. Eine Familie verließ eben einen Rettungswagen. Das Gesicht verquollen von Tränen umklammerte die Frau die Hand ihres Mannes, während dieser fassungslos auf den Unglücksort zurückblickte. Seine Hand zitterte, während er auf das – vor Stunden noch hell erleuchtete – Kreuzfahrtschiff zeigte. »Mein Sohn«, stammelte er und packte einen Sanitäter an der Jacke. »Sie werden ihn finden, nicht wahr? Mein Sohn ist auf diesem Schiff, retten Sie ihn.«

Die Kamera näherte sich dem Familienvater. Plötzlich erschien Neri im Bild. Mit hektischen Bewegungen drängte sie den Kameramann ab und verharrte neben dem traumatisierten Mann. Dieser taumelte und blieb teilnahmslos liegen.

Die Kamera schwenkte weiter, folgte überforderten Mitarbeitern des Roten Kreuzes. Sanitäter verteilten hektisch Wasserflaschen, die sie aus lächerlich bunten Plastikkörben zogen, die in dieser Situation wie blanker Hohn wirkten. Es war zu bunt dort. Zu laut. Zu schrecklich. Zu unrealistisch.

Schalt weiter, wollte sie Stefano bitten, aber alle in der Dienststelle waren zu geschockt. Niemand konnte den Blick von diesen Bildern lösen.

Alessandra schüttelte benommen den Kopf. Die Katastrophe passierte nicht weit entfernt von Venedig, wenn sie die kaum lesbare Karte, die der Sender in diesem Moment eingeblendet hatte, korrekt erkannte. Kaum auszudenken, wenn diese Katastrophe hier -

»Alessandra, dein Handy läutet«, bemerkte Giuseppe und drückte sanft ihren Arm. »Die armen Familien. Da freut man sich auf eine Kreuzfahrt und spart, um dann so zu enden? – Unfassbar, was für eine Tragödie!«

Sie nickte fassungslos. Ein Blick aufs Display verriet den Anruf ihrer Mutter. »Was ist denn schon wieder? Du hast mich doch erst vorgestern …« Nach einem kurzen Zögern drückte sie den Anruf weg und starrte wieder auf den Bildschirm. Wie ein Mahnmal ragte der Bug des einst so imposanten Schiffes von fast 300 Metern Länge aus dem Meer. Was geschah an Bord, wenn sich Hunderte Menschen panisch und mit letzter Kraft über Bord zu retten versuchten? Noch immer harrten Dutzende Menschen auf dem Schiff aus. Frauen in eleganten Abendkleidern eilten ans andere Ende des Schiffes. Wie von ihren Schnüren befreite Marionetten taumelten sie umher. Das Captainsdinner war wahrhaftig ein unvergessliches Ereignis geworden. Die sorgfältig hochgesteckten Dutte hingen herab, verdeckten panisch große Augen. Schrille Stimmen gellten über die Decks, als das Schiff sich plötzlich mit einem Ruck auf die Seite neigte. Um Hilfe rufende Menschen rutschten auf dem schräger werdenden Deck ab, ihre Körper wurden brutal gegen die Reling geschleudert.

Die ersten Live-Aufnahmen auf RAI Uno und anderen Sendern von der Amaryllis of the Ocean trieben Alessandra Tränen in die Augen. »Sie springen!« Sie schrie entsetzt auf, packte Giuseppes Arm. »Das ist doch Irrsinn. Wie hoch ist so ein Schiff?«

»40, 50 Meter?« Antonio stand neben ihr. »Das wäre Selbstmord. Es gibt keine Chance zu überleben.«

Wieder nickte sie. Stumm vor Entsetzen. Wie verzweifelt musste dieser Mann in seinem schwarzen Anzug sein, der versuchte, sich mit einem Sprung ins kalte Wasser zu retten? Er klammerte die Reling und versuchte hochzusteigen. Sie meinte, seine Angst zu spüren. Es war sein Puls, der ihr Herz in einen gefährlichen Rhythmus versetzte, seine Angst, die ihr den Atem raubte. Dann ertönte ein schauriges Geräusch über den eben noch taghell beleuchteten Decks des Kreuzfahrtschiffes. Ein Teil des Schiffes schwand jäh in der Schwärze des Meeres.

»Mio dio! Das Schiff bricht auseinander wie die Titanic! Das ist nicht möglich. Da sind noch Menschen …« In Giuseppes Gesicht war die Bräune eines leidenschaftlichen Seglers einem bleichen Ton gewichen.

Wieder läutete ihr Handy. Abgelenkt nahm Alessandra das Gespräch an. »Mamma, es ist etwas Schreckliches passiert. Du … Wo bist du? Es dröhnt markerschütternd …« Sie sah die Bilder, die surreal mit den Geräuschen im Fernsehen harmonierten. Spürte den viel zitierten Flügelschlag des Schmetterlings auf der anderen Seite der Welt. Dann katapultierte die brutale Wirklichkeit sie in derselben Sekunde in ihr eigenes Schicksal. Hörte sie nicht das unmenschliche Stöhnen und Weinen ihrer Mutter, während sich das Schiff mit einem überraschend sanften Ruck weiter zur Seite neigte? Hörte sie den kollektiven Aufschrei der Menschen, die auf dem Schiff ausharrten und vergeblich um Hilfe schrien – aus ihrem Handy. »Mamma?« Ihre Lippen zitterten, Tränen verschleierten ihren Blick. Sie griff ins Leere. Taumelte. Ihre Ohren vibrierten. »Mamma!«

»Ich liebe dich, principessa, hörst du. Gib Aurelio einen Kuss von seiner nonna.« Die letzten Worte ihrer Mutter gingen in dem unheilvollen Krächzen und Kreischen von blankem Stahl unter. Den Ton der schrecklichen Ouvertüre erbarmungslos im Ohr, lieferten die dramatischen Bilder die noch schrecklichere Gewissheit. Ihre Mutter war dem Tod ausgeliefert. Teile des Oberdecks gaben unter dem Druck nach. Die stählernen Streben barsten wie morsches Holz und begruben alles unter sich. Die Erschütterung, einem Erdbeben gleich breitete sich über den gesamten Schiffsbau aus und zog ringförmige Kreise um das Schiff.

In diesem Moment gellte ein morbider Schrei in Alessandras Ohren. Sie hielt sich die Ohren zu, erschrak über die verzweifelte Kraft dieser Stimme, ihrer eigenen Stimme, die ihr gleichzeitig versagte, Giuseppe zu rufen. Es erschien ihr wie Erlösung, als sich alles schwarz färbte und sie im Kreis ihrer Kollegen zusammenbrach.

1 – No grande navi basta!

Sie bahnen sich unbarmherzig einen Weg, um zu töten. Sie raffen weit weniger Menschen dahin wie die Pest, töten langsam und qualvoll. Todesengeln gleich tanzen die dunklen Rußpartikel grazil über deinem Kopf, dringen in deine Lunge und warten dort geduldig auf deinen Tod. Dieses Unglück kann jeder sehen, aber niemand tut etwas, um es aufzuhalten. La morte è vicina. Der Tod ist nah.

Tränenblind sah Alessandra von ihrem Notizbuch auf. Sie rang nach Atem, brauchte ein paar Sekunden, um ins Jetzt zurückzufinden. Wie so oft in den letzten fünf Jahren versank sie an manchen Tagen in eine tiefe Trauer, die sie vor Aurelio verbergen musste. Sie las in seinen Augen, wie besorgt er war. Der kleine Mann, der seinen Vater würdig vertreten wollte. Vergeblich versuchte sie bis heute diese unheilvolle Welt aus Profitgier, wirtschaftlichen Interessen skrupelloser Stakeholder zu verstehen. Akribisch suchte sie seitdem nach der Wahrheit hinter all den Lügen und Ungereimtheiten, die diese schreckliche Schiffskatastrophe ausgelöst hatte. Einem Sumpf gleich, der sie tiefer und tiefer hinabzog, ohne dass sie sich wehren konnte, wiederholte sie immer wieder die Fakten. Mit lautem Knall klappte sie das vollgeschriebene Buch zu. Nach vorn sehen lautete die Devise. Das musste sie Giuseppe versprechen. Sie musste endlich aufhören, nach einem Schuldigen zu suchen. Zu viel stand für manche auf dem Spiel, um ein Opfer auf die Schlachtbank führen zu wollen, dessen Blut niemand auf sich schütten wollte. Es ging um viel Geld. Vor allem um Macht und die Gewissheit, den ungebrochenen Trend mit noch größeren Kreuzfahrtschiffen von Venedig oder Genua aus in See zu stechen. Jeden Tag kämpfte sich Alessandra von Neuem ins Leben zurück, suchte nach einem Weg, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen, Aurelio zuliebe. Jedes Schiff, das in die Lagune einfuhr, zerriss ihre Hoffnungen wie die Rußpartikel die Lungen ihrer Freunde und Nachbarn.

Unheilschwanger färbte sich der Himmel über der Lagune tiefrot, dann pestschwarz. Wie dunkle Dämonen tauchten diese Kreuzfahrtschiffe auf, drangen ungebeten in die Idylle der Serenissima ein und setzten sich über das Leben anderer hinweg. Getrieben von Neugier, unstillbarer Gier nach Profit warfen sie unheilverkündende Schatten auf die bröckelnden Mauern und Hausfassaden der Serenissima. Verdunkelten das Licht in den Palazzi am Canal Grande beim Einlaufen. Verdrängten Tonnen von Wasser, sodass die Boote in den Seitenkanälen gut 20 Zentimeter höher lagen. Frästen sich mit riesigen Bugstrahlrudern durch die seichte Lagune. Töteten unbewusst in jeder Sekunde, die das Dröhnen der Motoren tief in das kollektive Bewusstsein von Meeresbewohnern, Fundamenten und Venezianern drang. Sie waren alle längst dem Untergang geweiht! Es gab kein Entrinnen mehr.

Bis es in der Serenissima zur Katastrophe kam, war es nur eine Frage der Zeit. Es war unvermeidbar.

Alessandra schauderte. Jedes Mal, wenn die Schlepper ein Kreuzfahrtschiff in die Lagune zog, wurde ihr bewusst, was für eine schreckliche Zeitbombe an ihr vorbeifuhr. Seit dem Morgengrauen kauerte sie schon am Kai auf der kleinen Insel San Giorgio, abseits des Touristenrummels im San Marco Sestriere. Auf San Giorgio und dem Canale della Guidecca ging es beschaulicher, stiller zu. Die Touristen eroberten den Campanile des kleinen Eilandes nur, um das atemberaubende Panorama auf dem Markusplatz gegenüber zu erleben. Sie knipsten hastig ein paar Selfies vor der Kirche, bis das nächste Vaporetto kam und sie von dem verschlafenen Eiland rettete.

Vor dem Palazzo Ducale versammelte sich in den frühen Vormittagsstunden eine dichte Menschentraube, die sich das Spektakel eines einlaufenden Ozeangiganten nicht entgehen ließ. Alessandra meinte begeisterte Rufe, aber auch Schreie der Entrüstung zu hören. Oh ja, sie wusste, wie klein und unbedeutend, wie ungeschützt man sich auf der anderen Seite des Markusbeckens fühlte. Der Boden vibrierte. Nur leicht, kaum spürbar angesichts der Menschenmassen, die zu Hunderten, gar Tausenden täglich über den unebenen Platz wogten. Die regelmäßigen Erschütterungen von Schiffen, Menschen und Wasserbussen bildeten Risse auf dem Pflaster der Piazzetta. Teile der Fundamente, die den Kai, den Canal Grande sowie die vielen ri säumten, gaben dem beständigen Ein- und Auslaufen des vermehrt salzigen Lagunenwassers nach. Das allein zeigte doch deutlich, überlegte sie, dass nicht allein die Umweltverschmutzung ihren Tribut forderte. Experten versuchten seit Jahren, die Bevölkerung und die Regierung aufzuklären, woher diese Verwerfungen kamen. In tieferen Bereichen richteten sie weitaus größeren Schaden an, unsichtbaren Schaden. Manche der unzähligen Campanile Venedigs neigten sich bedenklich zur Seite und boten den Besuchern pittoreske Aufnahmen. Sollte Venedig als die Stadt der schiefen Türme neue Geschichte schreiben? Die nahe stehenden Häuser harrten würdevoll aus und hielten auf den ersten Blick dem schädigenden Einfluss von Motoren und verheerenden Schadstoffemissionen stand. Es gab allerdings belegbare Zahlen, anerkannte Studien und medizinische Gutachten, dass die Zahl der Krebserkrankungen in Venedig deutlich gestiegen war. Zahlen, die bei den Reedern sowie den großen Playern in der Politik und bei den investierenden Konzernen auf Desinteresse stießen. Die steigenden Buchungszahlen und Vorbestellungen neuer Schiffe hingegen, die profitable Gewinne brachten, noch bevor sie Wasser unter dem gigantischen Kiel verspürten, waren vorrangiger.

Die Kälte des nahenden Herbstes spürend, trotzte Alessandra ihrem Wunsch, dem verhassten Schiff den Rücken zu kehren. Stattdessen blieb sie, kauerte vor dem blendend weiß gestrichenen Leuchtturm der Insel und biss sich auf die Lippen, um nicht ihren Zorn hinauszuschreien. Sie schmeckte Blut. Die Kälte fraß sich tiefer unter ihre Jacke, aber sie konnte sich von dem schrecklichen Anblick nicht lösen. Jede Passage zog sie magisch an: Erfüllt von Angst, was passieren könnte, wenn niemand kontrollierte und gleichzeitig mit einem Hoffnungsschimmer, diesem ignoranten Treiben irgendwann ein Ende zu setzen. War sie denn wirklich die Einzige, die erkannte, wie gefährlich es war, diesen Ungetümen nicht die Zufahrt zu entsagen? Fast 60 Meter hoch, gut 300 Meter lang und 31 Meter breit enterte die Freedom of the Sea das Hafenbecken. Unbeeindruckt von Alessandras Zorn demonstrierte das Schiff bei der Einfahrt in den Canale della Guidecca seine imposante Größe. Diabolisch und unüberhörbar heulte das Schiffshorn auf. Verhöhnte der Kapitän auf der Brücke sie? Seit ein paar Dutzend engagierter Venezianer seit Monaten Widerstand zeigten, kam es ihr vor, als ertönte das Horn länger als früher. Seht nur, wir sind stärker!

Venedig. So viele liebten diese Stadt, kehrten gerne wieder. Ließen sich von der Kulisse einer pittoresken Stadt gefangen nehmen, ohne zu ahnen, dass die Müllentsorgungskosten der Stadtverwaltung und die Lebenskosten horrende Preissteigerungen erlebten. Verfallene Palazzi spiegelten sich im von den Vaporetti aufgewühlten Wasser des Canal Grande. Für 600.000 Euro und mehr wurden sie an ausländische Investoren verkauft, um als Einkaufstempel oder 5-Sterne-Hotel in neuem Glanz aufzustehen. Eine Suite für 3.000 Euro die Nacht in Venedig galt unter den Neureichen der Welt en vogue. Ihre 50 Quadratmeter große Wohnung kostete 800 Euro kalt. Früher kaufte sie ihre Brötchen beim Bäcker ums Eck, ihr Fleisch beim Fleischer nebenan. Heute reihten sich Souvenirläden von Chinesen aneinander, Designerläden für diejenigen, die sich den luxuriösen Aufenthalt im Hotel Danieli mit Blick auf das San Marco Becken leisten konnten. Lebenswichtiger Wohnraum für die Venezianer wurde in teure Apartments umgewidmet, deren Vermieter fernab der Lagune agierten. Das von Chinesen für eine Art Disneyland gehaltene Paradies stand auf hölzernen, zu versinken drohenden Füßen. Die von Algen gesäumten Pfähle reichten einige Meter vertieft ins Erdreich. Seit Jahrhunderten sorgten die Pfähle dafür, dass die prachtvollen Gebäude sich bis heute wie Perlen an einer Kette aneinanderreihten und nicht im Wasser versanken. Allerdings fraß sich der gemeine Holzwurm im wahrsten Sinn des Wortes seinen Narren an der Stadt. Die Idylle musste erhalten bleiben, um jeden Preis. Die Tausenden Touristen, die Tag für Tag Venedig besuchten, dachten keine Sekunde darüber nach, was der Massenansturm für Stadt und Bevölkerung bedeutete. Alessandra stöhnte leise auf. Erreichten die Proteste der zahllosen Bürgerinitiativen in der Stadt irgendwann eine Wende?

Nun, wo sich die Sonne dem Horizont näherte und das letzte Kreuzfahrtschiff des Tages das Terminal verließ, ebbten die Touristenströme ab. Tausende Menschen saßen bei Tisch auf den schwankenden Kreuzfahrtschiffen oder in einem Hotel, das früher Dutzenden Familien ein Zuhause geboten hätte. Endlich wurde es ruhiger in den Gassen von Cannaregio bis zum Arsenale. Für die kommenden Stunden herrschte in der Serenissima fast Normalität. Aber eben nur fast. Der Protest der No grande Navi basta-Organisation war nicht verständlich genug. Nicht schockierend genug, um zu erkennen, dass es fünf Minuten von zwölf war. La morte è vicina.

Es war ein außergewöhnlich warmer Oktobertag. Die Luft flirrte über die ohnehin erhitzten Gemüter der Anwesenden. T-Shirts und Hemden klebten an verschwitzten Körpern, Schweißperlen liefen über gerötete Gesichter. Das Veranstaltungszentrum im Palazzo Carlotti in der Nähe des Markusplatzes füllte sich bis auf den letzten Platz. Hierher wagten sich kaum Touristen. Zu verworren waren die engen Gassen, zu unspektakulär, um das wahre Venedig abseits der bekanntesten Sehenswürdigkeiten kennenlernen zu wollen. Abgeschlagener Putz, Wäscheleinen quer zwischen den Fensterläden, der Gestank des brackigen Wassers, das sich in die Mauern sog und selbst mit viel Lüften nicht verschwand: Das veranschaulichte nicht das romantische Idyll Venedigs. Alessandra bezog vor einem der gotischen Fenster des geschichtsträchtigen Palazzos Position und neigte ihren Kopf der spärlich kühlenden Brise entgegen. Auch hier blätterte das Mauerwerk, das an der Südseite dem salzgeschwängerten Wind der Lagune ausgesetzt war. Die weiß gestrichenen Fensterrahmen rosteten und drohten aus den Angeln zu fallen. Niemand kümmerte das. Es fehlte in der Stadt an Geld für Reparaturen, aber vor allem an der Sinnhaftigkeit, diesen Verfall aufzuhalten. Besser nichts anrühren, bevor es zu größeren Schäden käme. Der morbide Palazzo teilte mit vielen historischen Gebäuden in der Serenissima dasselbe Schicksal: Ein unvergleichlich trauriges Ende folgte dem triumphalen Leben, sofern nicht ein ausländischer Konzern einen Einkaufspalast oder überteuerte Appartements plante. Die miseria, das Elend fernab der Kuppel der Basilika San Marco, wurde wie so oft in Venedig verleugnet. Der finale Untergang ihrer Stadt und die zunehmende Erblindung der verantwortlichen Stellen erzürnten Alessandra immer mehr.

»Hat er es tatsächlich geschafft. Ich weiß nicht, woher Eduardo die Kraft nimmt.« Stefano zeigte auf einen untersetzten Mann mittleren Alters, dessen schwarzes Shirt um den abgemagerten Körper schlotterte.

Alessandra sah ihren Kollegen scharf an. »Es ist tröstlich, dass es Leute wie Eduardo gibt, die nicht tatenlos zusehen, wie unsere Heimat zerstört wird. Aber wie solltest du das verstehen?« Sie begriff nicht, warum Stefano sich von Rom nach Venedig versetzen ließ. Dabei mochte er genau wie sie das Wasser nicht. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

»Nicht jeder kommt in diesem Paradies auf die Welt«, gab Stefano beschämt zurück. »Ich wollte nicht … Konzentrieren wir uns auf den Job, okay?«

Alessandras zorniger Blick brachte ihn zum Verstummen. Wehmut ergriff ihr Herz. Natürlich war Venedig nicht ihre Heimat, aber davon musste Stefano nichts erfahren. Ihr Herz fand ein neues Zuhause. Ein Refugium, das keine Fragen stellte über ihre Vergangenheit oder ihre Melancholie, die sie an manchen Tagen wie eine geborene Venezianerin mit sich trug. Basta! Sie musste sich zusammenreißen, bevor die Vergangenheit die Übermacht gewann. Nicht jetzt und nicht hier, wo sie wachsam sein musste. Sie erwiderte die herzlichen Begrüßungen von Nachbarn und Freunden. Vereint im Kampf gegen die Kreuzfahrtschiffe versammelten sich heute viele in dem kleinen Saal, erwartungsvoll, einen Funken Hoffnung zu finden. Dutzende Gesichter in dem Saal waren auch Aurelio von klein auf vertraut. Ihr Sohn kannte nichts anderes außer diesen unzähligen Inseln. Eduardo Carisi, der die Organisation der heutigen Veranstaltung übernommen hatte, stand ganz in Schwarz gekleidet zwischen aufgebrachten Venezianern vor dem Rednerpult. Er war eine der wenigen treibenden Kräfte der Stadt, um Protestaktionen und Bürgerversammlungen zu planen. Mit müdem Lächeln, aber ungebrochener Leidenschaft versuchte er die bereits vor Beginn der Versammlung deutlich aufgeladene Stimmung unter den Anwesenden zu beruhigen. Er war dünn geworden, sah verhärmt aus. Der einst attraktive Gondoliere verwandelte sich in ein Wrack aus Schmerz und Leid. Alessandra schluckte heftig und ließ ihren Blick über die Menschen im Saal gleiten. Wohl jeder hier ertrug sein eigenes Schicksal. Eines verband sie alle: Sie wollten Venedig retten, vor profitgierigen Immobilienhaien, der italienischen Mafia und den Interessen der Kreuzfahrtindustrie. Investitionen in Millionenhöhe, von denen kaum ein Cent in die venezianische Stadtverwaltung floss. Wie denn, wenn das Kreuzfahrtterminal über Strohmänner fest in der Hand der Reedereien lag? Alessandra holte tief Luft. Sie spürte, wie sich ihre Muskeln verhärteten, als ihre Hände zu Fäusten geballt in den viel zu engen Hosentaschen ihrer Dienstuniform verschwanden. Heute gab es keinen Platz für ihren eigenen Zorn. Von Minute zu Minute kämpfte sie gegen die steigende Unruhe, die sie ergriff angesichts der beifallheischenden Werbeplakate, die die Reedereien aufgestellt hatten.

Sie vergewisserte sich ein letztes Mal, dass ihre Waffe entsichert war, und nickte Stefano zu. »Ich habe keine Lust, auch nur einem einzigen dieser Halsabschneider den Kopf zu retten!«, zischte sie wütend und wandte ihre Aufmerksamkeit der linken Seite des Saales zu. An den Wänden hingen Transparente mit eindringlichen Parolen wie »No Grande Navi Basta!« – »Venezia siamo noi!« – »Geldsäcke verschwindet aus der Lagune!«

Just in diesem Moment betraten mehrere Männer in eleganten Anzügen den Saal. Das Raunen unter den Einheimischen und Alessandras Kollegen verstärkte sich. Nicht alle eingeladenen Gäste kannte Alessandra vom Namen her. Manche der stoischen lächelnden Gesichter glänzten auf Wirtschaftsmagazinen oder wurden im Zusammenhang mit Korruption oder nie vollendeten Projekten wie M.O.S.E genannt.

Stefano bezog auf der gegenüberliegenden Seite des Saales Position und nickte ihr zu. Alessandra besann sich mühsam auf den eigentlichen Zweck ihres Daseins. Warum hatte sie nicht abgelehnt, als Giuseppe sie bat, für Giorgio einzuspringen? Jeder ihrer Kollegen stand jetzt an dem ihm zugewiesenen Platz. Alles lief wie bei der Einsatzbesprechung geplant. Der breitschultrige Antonio bewachte den Eingang, während Giuseppe mit hochrotem Kopf einen Platz in der letzten Stuhlreihe erkämpft hatte. Vergeblich versuchte er, sein Funkgerät zum Schweigen zu bringen. Sie lächelte. Dabei hatte er selbst auf eine Modernisierung der Dienststelle bestanden, obwohl sie ihn gewarnt hatte.

Alonso Vitali, der sein Amt als Bürgermeister der Stadt mehr für private Interessen auskostete, wartete ungeduldig, bis die bissigen Kommentare seiner Mitbürger verstummten. Als alle Sprecher ihre Plätze auf der schmalen Bühne eingenommen hatten, ergriff er ungewohnt dynamisch das Mikrofon. »Verehrte Gäste, liebe Freunde und Bewohner Venedigs. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind.« Er umklammerte das Mikrofon. Die Haut über seinen Knöcheln verfärbte sich weiß.

»Spar dir die elende Quatscherei. Was ist mit dem neuen Terminal?«, fragte ein Mann aus dem Publikum erbost.

»Letzte Woche hätte ein Ungetüm von Schiff beinahe unseren Palazzo Ducale zerstört. Ein ungeheuerliches Verbrechen, ein Schiff bei einem schweren Gewitter passieren zu lassen!«

Alessandra nickte heftig. Wenige Meter hatten nur gefehlt, viele Menschen gerieten in Panik und versuchten, das Vaporetto zu verlassen, das am Riva dei Schiavoni neue Passagiere aufnehmen wollte. Aus der Presseabteilung der Reederei hatte es nur ein kurzes Statement gegeben, mehr nicht.

Vitalis Adamsapfel sprang auf und ab. Mit einer beschwichtigenden Geste versuchte er, die kreuz und quer auf ihn einstürmenden Fragen und Beschuldigungen abzuwehren. Hilflos wandte er sich zu seinen Begleitern, die regungslos sitzen blieben. Alessandra lächelte zufrieden. Komm ins Schwitzen, Vitali! Seit Langem forderten die Venezianer seinen Rücktritt, nicht alle hießen gut, was er trieb.

Da erhob sich Eduardo. Er verneigte sich kurz, weil viele ihm ermutigend Beifall klatschten. »Alonso, deine Reden in allen Ehren. Wir möchten konkrete Fakten hören, von dir, deinen Konsorten und allen, die vorgeben, das Wohl unserer Serenissima im Sinne zu haben.«

Buhrufe begleiteten Eduardos letzte Worte. Um das Wohlergehen der venezianischen Bevölkerung ging es Vitali, der auf dem Festland lebte, schon lange nicht mehr.

Ein Mann mit einer bulligen Statur trat hinter den hilflosen Bürgermeister und starrte mit blitzenden Augen auf Eduardo, der sich nicht einschüchtern ließ. »Genug der Reden. Stellt uns eure Pläne vor, nichts anderes wollen wir. Und Gott bewahre, wenn sich das wie bei M.O.S.E um weitere Jahre verzögert.«

»Raus mit den Touristen, die nichts bezahlen und unsere Stadt zerstören!«, skandierten mehrere Frauen in der ersten Reihe. Schwarze Spitze verbarg ihre grauen Haare.

Alessandra kannte die Frauen. Früher saßen sie vor ihren Häusern und bestickten zierliche Tücher. Auf dem Heimweg von Aurelios Schule war Alessandra von deren flinken Händen fasziniert gewesen. Auch weil ihr die schwarz gekleideten Frauen mit ihren verkniffenen Gesichtern Angst eingejagt hatten. Sogar dieses Kunsthandwerk war aus den Gassen Venedigs verschwunden. Stattdessen trieben Nigerianer mit gefälschten Handtaschen wie so manche unredliche Gondolieri ihr Unwesen.

»Wir tun alles, was in unserer Macht steht, aber es braucht seine Zeit, Signor Carisi.« Der Bürgermeister, der bis zu diesem Tag regelmäßig mit Eduardo im Café Florian nachmittags einen Aperol Spritz getrunken hatte, kehrte vor den heutigen Zuhörern so demonstrativ seinen Status hervor, dass Alessandra übel wurde.

»Wer ersetzt uns den Lohn? Die Touristen bleiben für ein paar Stunden und kaufen in billigen chinesischen Souvenirläden ein, während wir von der Hand im Mund leben müssen. Die Mieten steigen! Bald müssen auch wir unsere Koffer packen und aufs Festland ziehen! Genug ist genug!«

»Du hast dein Geschäft verkauft, Camillo. Und du, Eduardo, wolltest deine Lizenz für die Gondel nicht verlängern«, verteidigte sich Alonso. Er begriff wohl, dass er bei seinen Zuhörern mit jedem weiteren Wort an Gewicht und Stärke seiner bislang leeren Versprechungen verlor. Längst war ihm die Vielzahl seiner zu eifrig ausgesprochenen Zugeständnisse über den kahlen Kopf gewachsen.

»Mein Sohn starb an Lungenkrebs, das weißt du. Es gibt niemanden in meiner Familie, dem ich mein Geschäft weitergeben kann«, erklärte Eduardo resigniert. Seine Schultern sackten nach vorn.

So ging es Minuten hin und her. Jeder suchte nach Ausflüchten, forderte Entgegenkommen vom anderen, aber in Wahrheit warteten alle auf die angekündigten Mitteilungen der eingeladenen Sprecher. Es ging um die versprochenen Veränderungen für die Kreuzfahrtindustrie durch das geplante Terminal Venis Cruise 2.0 in Maghera. Die Versammlung drohte zu einer Farce zu werden. Einige standen verärgert auf und wollten den Saal verlassen. Antonio trat ihnen in den Weg und bat sie, zu bleiben. Da meldete sich ein Mann zu Wort, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte. Der nicht vor den zunehmend nervöser werdenden Vitali trat, sondern diesem entschlossen das Mikrofon aus der Hand nahm. Er strahlte Zuversicht und Ruhe aus. Tatsächlich verstummten die Protestrufe, zumindest vorerst. Gab es tatsächlich eine Chance, die Situation zu retten und ein nachhaltiges Konzept auf die Beine zu stellen, das allen Seiten gerecht wurde?

»Ich verstehe Sie absolut. Sie alle hier haben ein Recht darauf zu erfahren, was das Konsortium plant, keine Frage. Bevor ich dazu Stellung nehme, habe ich eine Frage an Sie. Wer von Ihnen arbeitet im Hafengelände oder hat Angehörige, die in einem Hotel angestellt sind oder bei Dienstleistungen für Kreuzfahrttouristen aktiv mithelfen?« Seine buschigen Augenbrauen zuckten, während sein Blick durch das Publikum glitt.

Zögernd hoben immer mehr Anwesenden ihre Arme. Die wenigen, die nicht aufzeigten, zuckten ratlos mit den Schultern.

Der Mann nickte. »Sehen Sie die Problematik? Sie fordern, dass die Kreuzfahrtschiffe der Lagune fernbleiben sollen. Es gibt allerdings allein in diesem Saal eine deutliche Mehrheit jener, die ohne die Grande Navi kein Einkommen mehr hätten!«

Eduardos Gesicht glich vor Zorn einer Fratze. »Sie verfluchter Mistkerl! Meine Familie wäre noch am Leben, wenn Ihre Schiffe nicht unsere Luft verpesten würden!« Er wirbelte aufgebracht herum und sah hilfesuchend um sich. »Andere Frage: Wie viele von euch haben ihre Kinder, Ehepartner oder Geschwister verloren, ihre Eltern und Freunde, weil sie an Krebs oder einer Lungenkrankheit starben?« Innerhalb weniger Sekunden fand sich Eduardo in einem Meer aus erhobenen Armen wieder. Langsam drehte er sich zu seinen Kontrahenten um. »Ich gäbe mein Leben dafür, wenn Sie nur einen Moment diesen Schmerz des Verlusts spüren könnten, den wir tagtäglich erleben. Wir wachen mit der Gewissheit auf, dass unsere Lieben nie wieder an ihren Arbeitsplatz oder nach Hause zurückkehren und stellen uns dann die große Frage, wann wir sterben.«

Der dunkelhaarige Mann, vielleicht ein Römer oder was auch immer, heuchelte lediglich Interesse für die Nöte des kleinen Eilandes inmitten der Lagune und ließ sich von Eduardos Gefühlsausbruch nicht beirren. Er winkte Vitali, der mit einer dicken Mappe herbeieilte. »Bevor Sie die Reederei beschuldigen, sollten Sie sich mit den Fakten auseinandersetzen. Hier die neuesten Gutachten, ärztliche Atteste, Beglaubigungen.« Zentimeterdicke Gutachten und Unterlagen knallte der Mann auf einen Tisch vor Eduardo. »Glauben Sie mir: Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, bevor ich hierher kam. Vitali, ich habe Sie gewarnt, wie sinnlos dieses Treffen ist. Meine Herren, wir gehen.«

In Alessandra brodelte es. Dieser Mann hatte nicht die geringste Ahnung, wie grauenhaft es war, abends allein in das große Bett zu steigen. Wie man den Partner vermisste oder Aurelio die vertraute Stimme seiner geliebten nonna. Sich zu fragen, wann der Albtraum ein Ende hatte und die Vaporetti und Gassen nicht von Februar bis Oktober vollgestopft mit Touristen waren. Oh nein, sie war es leid! Schließlich hielt sie es nicht länger aus. Mit weichen Knien und klopfendem Herzen stürmte sie zum Podium. »Ist das euer Protest? Ein paar Transparente und Eduardo allein gegen diese profitgierige Meute da vorne?«

Die Augen des Bürgermeisters wurden zu schmalen Schlitzen.

»Mäßigen Sie sich, Signora Fornati, Sie sind im Dienst. Muss ich Ihre Kollegen anweisen, Sie aus dem Saal zu entfernen?«

»Wenn Sie glauben, mich damit zum Schweigen zu bringen, Alonso, uns alle hier, ja!« Sie streckte beide Arme aus und deutete allen aufzustehen. »Wehrt euch! Protestiert! Jeden Monat, jede Woche, bis sie euch zuhören, die feinen Herren der Politik aus Rom oder Mailand, wo sie sich den feinen Zwirn auf unsere Kosten finanzieren lassen.«

Zögernd standen einige Nachbarn auf und erhoben die Fäuste.

»No Grande Navi Basta!«, rief Alessandra und erwiderte stoisch Alonso Vitalis wütenden Blick.

Einige Venezianer, die ihr Leben lang hier wohnten und den horrenden Mieten mühsam trotzten, waren aufgestanden. »No Grande Navi!«, skandierten sie. Immer mehr Menschen folgten ihrem Beispiel.

Der Bürgermeister verlor die Fassung. Verzweifelt winkte er seinem Leibwächter, bis Giovanni, so schnell es ihm mit seinem Leibesumfang gelang, nach vorn hastete. »Ruhe! Alessandra, Liebes. Komm da runter!«

Die restlichen Redner, die bislang noch nicht eine einzige Silbe verschwendet hatten, standen – wie einstudiert – gleichzeitig auf. Einer von ihnen sammelte die Unterlagen ein, bevor Eduardo überhaupt fähig war, einen Blick darauf zu werfen. Der gebrochene Mann brüllte auf vor Schmerz, als er auf den Gutachten das Emblem jenes Krankenhauses erkannte, in dem seine Frau verstorben war. Er packte einen Stuhl und schleuderte ihn dem Mann hinterher, der sein Vorgehen durch Firmenpolitik und höhere Interessen gerechtfertigt hatte. Alessandra stand am nächsten und riss den Mann geistesgegenwärtig zur Seite. Mit einem lauten Knall zerschellte der knallrote Holzstuhl auf dem Marmorboden des Saales. Schockiert starrten sich alle an.

Seine blitzblauen Augen schenkten ihr ein Lächeln. »Grazie mille, Signora. Ich stehe in Ihrer Schuld«, flüsterte er und ließ dabei noch immer nicht ihre Hand los.

Wie gebannt starrte Alessandra in seine meeresblauen Augen, die sie so sehr an Paolos erinnerten. »Das ist mein Job.«

»Ich wünschte alle meine Mitarbeiter wären so loyal«, erklärte er seufzend und sah zurück. »Halten Sie mich nicht für herzlos, aber ich kann und darf nicht gegen die Interessen meines Unternehmens arbeiten.«

Alessandra nickte irritiert. Diese Augen. Eine Welle der Sehnsucht überwältigte sie. Der Mann löste sich aus ihrem Schutzgriff und putzte sich seelenruhig imaginäre Fusel von seinem Armani Anzug.

»Flavatore, wir müssen hier weg«, sagte Vitali mit unsicherer Stimme und blickte besorgt auf die entrüstete Menschenmenge, die ihnen nachdrängte. Wahrscheinlich bereitete ihm bereits die nächste Wahl Sorgen, für die er heute gewiss weitere Stimmen eingebüßt hatte.

»Flavatore Brioni?«, flüsterte Alessandra erstickt. Die Stimme versagte ihr beinahe, als sie den Namen aussprach.

»Mir scheint, mein Ruf eilt mir voraus.« Der attraktive, gepflegte Mann fühlte sich geschmeichelt und genoss die zunehmende Aufmerksamkeit der umstehenden Personen.

Alessandras Hände zitterten. Ihr Verstand arbeitete präzise. Ihre rechte Hand glitt zum Halfter und zog die Waffe. Klack. Entsichert.

---ENDE DER LESEPROBE---