Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Maskierte Weihnachten - Regina Meißner

Am 6. Dezember wird Amber von ihrer Mitbewohnerin überredet, eine Studentenparty zu besuchen. Dort trifft die 18-Jährige auf einen maskierten Mann in Prinzenverkleidung. Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut, doch nach einem schicksalshaften Kuss verschwindet er plötzlich. Erfolglos versucht Amber, hinter die Identität des Fremden zu kommen – bis eines Tages ein mysteriöses Päckchen auf sie wartet und zu einem Poetry Slam einlädt. Was folgt, ist eine weihnachtliche Schnitzeljagd, die Masken fallen lässt, Herzen bricht und für viele Überraschungen sorgt.

Meinungen über das E-Book Maskierte Weihnachten - Regina Meißner

E-Book-Leseprobe Maskierte Weihnachten - Regina Meißner

Regina Meißner

Maskierte Weihnachten

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Prolog

Kapitel Eins – Ungewollte Abendplanung

***

Kapitel Zwei – Der Gang zum Schafott

Kapitel Drei – Von Rentieren, Engeln und anderen illustren Gestalten

***

Kapitel Vier – Ein Prinz in der Nacht

Kapitel Fünf – Tanzstunden im Flockenmeer

Kapitel Sechs - Nachwirkungen

***

Kapitel Sieben – Auf der Suche nach dem Unbekannten

Kapitel Acht – Ein geheimnisvolles Päckchen

Kapitel Neun – Christmas Slam

***

Kapitel Zehn – Prinzessin im Schnee

Kapitel Elf - Der erste Schnee

Kapitel Zwölf - Erinnerungen

***

Kapitel Dreizehn – Hiobsbotschaft

Kapitel Vierzehn – Auf dem Weg nach Hause

Kapitel Fünfzehn – Im Krankenhaus

***

Kapitel Sechzehn – Wiedersehen

Kapitel Siebzehn – Verbotene Gedanken

***

Kapitel Achtzehn – Ein Paket ohne Absender

***

Kapitel Neunzehn – Feuer im Schnee

***

Kapitel Zwanzig – Prinz und Prinzessin

***

Kapitel Einundzwanzig – Schnitzeljagd im Wald

Kapitel Zweiundzwanzig – Die Melodie von Weihnachten

***

Kapitel Dreiundzwanzig – Demaskierung

Kapitel Vierundzwanzig

***

Impressum neobooks

Vorwort

Dieses Buch kann in vierundzwanzig Kapiteln als Adventskalender gelesen werden. Natürlich kommt die Geschichte auch auf herkömmlichem Weg zur Geltung.

Ich wünsche euch allen zauberhafte Lesestunden und ein schönes Weihnachtsfest!

Prolog

Seine Lippen fühlen sich weich unter meinen an, seine Berührung ist wie ein Hauch, aber er löst mehr in mir aus, als ich je gefühlt habe: Sehnsucht, Verlangen, ein nervöses Kribbeln unterhalb meines Bauches.

Er fährt mit seinen Händen durch meine goldblonden Locken und zieht mich näher an sich heran. Unsere Zungen verschmelzen miteinander, finden ihren eigenen Rhythmus, tanzen zu einer Melodie, die ich selbst bestimme. Er stöhnt auf – ich seufze. Meine Augen sind fest geschlossen, dabei wäre das gar nicht nötig. Es gibt ohnehin nur mich und ihn – uns beide in einem leeren Raum, der durch all das gefüllt wird, was wir fühlen.

Seine Hände fahren über meine Wangen, bringen meine Haut zum Glühen. Mir wird immer wärmer, dabei herrschen draußen eisige Minusgrade.

„Du bist schön“, haucht er zwischen zwei Küssen. Ich verzehre mich nach ihm.

„Der schönste Engel im ganzen Raum.“

Ich werfe den Kopf in den Nacken, lache glockenhell. Meine Locken fliegen hin und her. Vielleicht ist es doch nicht die schlechteste Idee gewesen, auf diese Party zu gehen.

Er sieht mich tief an, verzaubert mich mit seinem Blick. Noch nie im Leben habe ich grünere Augen gesehen! Seine Pupillen erinnern mich an die Wiesen in Irland, die Kleeblätter, St. Patrick’s Day.

Seufzend umarme ich ihn. Mein Herz klopft wie wild, meine Wangen glühen.

„Komm zu mir“, flüstert er und zieht mich auf seinen Schoß. Ich wende den Blick, verliere mich abermals in den zwei Smaragden. Meine Lippen pulsieren, wenn er mich ansieht, Adrenalin schießt durch meinen Körper.

Ihn zu küssen ist wie Achterbahnfahren. Ein ständiges Auf und Ab, eine Strecke voller Überraschungen, ein Looping nach dem anderen. Kribbeln im Bauch, gepaart mit Herzklopfen.

Was könnte es auf der Welt Schöneres geben?

Seine Hände liegen um meinen Nacken. Langsam nähert er sich meinem Gesicht. Wie eine Ertrinkende starre ich seine Lippen an, die so unheimlich perfekt sind. Voll, rosa und wie zum Küssen gemacht. Wie von selbst öffnet sich mein Mund. Stöhnend presse ich meine Lippen auf seine, während ich meine Hände in seinen Haaren vergrabe.

Die Musik spielt im Takt unserer Herzen, untermalt das, was tief in uns passiert. Mir kommt es vor, als würde ich jeden Moment explodieren, als wäre er der Zündstoff für meine Rakete.

Seufzend nehme ich seinen Geruch in mir auf. Er riecht anders als die Männer, die ich kenne: erwachsen und verspielt zugleich. Nach Sehnsucht, Zuckerwatte und einem kalten Abend im Dezember. Es ist ein Geruch, der mich süchtig macht und in mir den Wunsch nach mehr weckt.

Für einen Moment öffne ich die Augen, weil ich ihn an diesem Abend nicht oft genug angesehen habe. Hohe Wangenknochen markieren sein Gesicht. Sein Kinn ist spitz, aber es verleiht ihm keine harten Züge.

Wäre da nur nicht diese dumme Maske!

Verkleidung hin oder her – ich will endlich sehen, wer er wirklich ist. Doch die weiß-goldene Bedeckung, die mich nichts erkennen lässt außer seiner grünen Augen, hält mich davon ab. Ich löse mich von ihm und beiße mir auf die Unterlippe. Fragend sieht er mich an und legt den Kopf schief.

Genug der Verkleidung!

Ein nervöses Kribbeln breitet sich mir aus, das, gepaart mit dem Gefühl der Vorfreude, mich beinahe um den Verstand bringt. Wie sieht mein Prinz aus? Meine Hände zittern, als ich sie links und rechts an seine Wangen lege. Nur noch wenige Zentimeter bin ich von der Maske entfernt, die mich von seiner Identität trennt.

Auf einer Achterbahnfahrt wäre das definitiv der Looping!

Den Atem anhaltend berühre ich den weißen Samt und will die Maske gerade anheben, als er den Kopf schüttelt. Perplex mustere ich ihn, aber seine grünen Augen symbolisieren Abneigung.

„Warum?“, flüstere ich.

Auf einmal geht alles ganz schnell.

Er haucht mir einen Kuss auf die Stirn, dann erhebt er sich flink, verlässt unsere stille Ecke, schiebt sich mitten durch die Tanzfläche und ist für meine Augen schon bald nicht mehr zu sehen.

Ich will aufstehen und ihm hinterherlaufen, doch der viele Alkohol lässt mich büßen. Schwindel erfasst mich – ich presse mir die Hand gegen die Stirn – und atme tief durch. Die tanzende Menge, die laute Musik – all das wird mir im Moment zu viel. Schwankend mache ich mich auf den Weg nach draußen. Ein bisschen frische Luft wird mir guttun.

Vielleicht ist da auch irgendwo mein Prinz.

Kapitel Eins – Ungewollte Abendplanung

-einige Stunden früher-

„Ich bin gleich für dich da, ich will nur noch diese Seite fertig lesen“, sage ich und versuche verzweifelt, mich auf die geschriebenen Worte zu konzentrieren.

„Ich verspreche dir, ich mach’s kurz“, hält Rachel dagegen.

„Nur die eine Seite“, wiederhole ich mich, während ich den Satz zum zweiten Mal lese.

„Du kannst noch den ganzen Tag lesen!“

„Nicht, wenn du mich dauernd unterbrichst!“ Wütend klappe ich das Buch zu und sehe Rachel an. Warum ist Lesen so wenig anerkannt? Warum wird man nicht in Ruhe gelassen, wenn man in ein Buch vertieft ist? Ich unterbreche den Präsidenten doch auch nicht, wenn er eine Rede hält. Die Frau, die ein Kind kriegt, lasse ich ebenfalls in Ruhe. Wieso haben die Menschen nicht etwas mehr Anstand, wenn man gerade liest?

„Also, was ist jetzt?“ Verbissen verschränke ich die Arme von der Brust und mustere meine Zimmerkameradin kühl.

Freundin, würde Rachel sagen.

„Ich habe etwas gefunden, das deinen Abend rettet“, eröffnet sie und kommt auf mich zugelaufen. Grinsend lässt sie sich auf die Couch neben mir sinken.

Mein Abend muss nicht gerettet werden.

Ich hatte bereits das perfekte Programm erstellt: Nachdem ich mein Buch beendet habe, wollte ich mir ein, zwei, drei, zehn Folgen von Heavenly Notice anschauen und Pizza essen, bis ich platze.

Trotzdem schaue ich Rachel fragend an. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie den Masterplan übertrumpfen kann, aber eine Chance will ich ihr geben.

„Also“, sagt sie und verzieht ihre Lippen zu einem diebischen Lächeln. Ich mag es nicht, wenn sie mich so ansieht. Das bedeutet selten etwas Gutes. Rachel öffnet den Reißverschluss ihrer Tasche und fördert einen Flyer zutage. Ich verenge die Augen zu Schlitzen.

„Was ist das?“

„Unser Abendprogramm“, entgegnet sie, Vorfreude in der Stimme. Dann drückt sie mir den Zettel in die Hand. Mit hochgezogenen Augenbrauen studiere ich die viel zu grelle Schrift.

Vorweihnachtliche Party

Eintritt in Verkleidung frei

Cocktails in der Happy Hour -50 %

Im Kleingedruckten erfahre ich, dass die Feier um zwanzig Uhr startet und in einem der Studentenwohnheime stattfindet, die sich im Kern der Stadt befinden. Zu Beginn meines Studiums bin ich einmal dagewesen, weil eine Wohnung frei geworden war.

„Was sagst du?“, will Rachel wissen und schaut mich erwartungsvoll an.

Ich mag keine Partys, auf denen man sich verkleiden muss, könnte ich sagen.

Ich mag allgemein keine Partys, wäre auch korrekt.

Um mich aus der Affäre zu ziehen, sage ich stattdessen:

„Ich hab heute Abend schon was vor.“ Den sehnsüchtigen Blick Richtung Laptop kann ich mir nur bedingt verkneifen.

„Ach, ich bitte dich!“, sagt Rachel und stöhnt.

„Du hast doch nie was vor.“

Danke vielmals.

„Du verkriechst dich stundenlang in deinen Büchern und bekommst vom echten Leben kaum was mit.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Du kannst dich nicht ewig in deinem Zimmer verschanzen! Du bist Studentin - das musst du ausnutzen.“

Ich verdrehe die Augen.

„Und was genau soll ich ausnutzen?“, frage ich genervt.

„Deine Freiheit. Das erste Mal allein wohnen, sich an keine Regeln halten müssen, das Leben selbst bestimmen …“, zählt Rachel auf und wird bei jedem Punkt ein bisschen lauter.

„Nicht zu vergessen die vielen tollen Typen, die am Campus rumlaufen!“ Nun ist ihre Stimme beinahe schwärmerisch, aber erneut kann ich nur die Augen verdrehen. Ich habe den Typ Student bereits kennen gelernt: Er ist arrogant, aufgeblasen, trägt viel zu enge Hosen und setzt seine Sonnenbrille nur ungern ab.

„Ich komme klar“, murmele ich und schiele zu meinem Buch. Wie lange wird das Gespräch noch dauern?

„AMBER“, empört sich Rachel und stößt mich in die Seite.

„Ich werde nicht zulassen, dass dein Leben an dir vorbeizieht, während andere das Unmöglich wahr machen! Außerdem bist du meine Zimmergenossin – also schuldest du mir was.“

Diese Information ist mir vollkommen neu.

„So – und was?“

„Ich will keine Langweilerin als Freundin haben! Ich will mit dir weggehen, etwas unternehmen!“

Ich stöhne leise.

„Rachel, das klingt nach einer richtig dummen Party. Da sind eh nur die Leute, die ich nicht treffen will.“

„Ach, was weißt du schon?“, sagt Rachel und stemmt die Hände in die Hüfte. „Das richtige Leben kennst du doch gar nicht! Außerdem, vielleicht wartet ja heute Abend dein Zukünftiger auf dich.“

Ich muss laut losprusten. Meinen Zukünftigen will ich sicher nicht auf einer Studentenparty kennenlernen, auf der alle so zugedröhnt sind, dass sie einen Hund nicht mehr von einer Katze unterscheiden können.

„Denk an deine Mutter!“, sagt Rachel schließlich und legt alle Überzeugungskraft in ihre Stimme.

„Du hast ihr vor wenigen Tagen versprochen, dass du dich bemühst, sozialer zu werden und nicht neunzig Prozent deiner freien Zeit hier drin verbringst.“

Das kommt davon, wenn man im Badezimmer denkt, allein zu sein und den Lautsprecher anlässt. Natürlich war Rachel früher nach Hause gekommen und hatte mein Gespräch von vorn bis hinten belauscht.

Deshalb kennt sie jetzt meine Schwachstelle.

„Du hast ihr dein Wort gegeben“, erinnert mich Rachel dankenswerterweise und zieht einen Schmollmund.

„Willst du deine Mutter wirklich so enttäuschen? Sie setzt ihre Hoffnung in dich und du …“

„Rachel, du nervst!“, rufe ich und drehe mich von ihr weg. Es ist eine Schande, auf welche erniedrigende Weise man um seine freien Nachmittage gebracht wird. Doch während Rachel für einen Moment still ist und mich nicht mehr mit neuen Vorwürfen bombardiert, meldet sich mein schlechtes Gewissen zu Wort. Prinzipiell hat meine Mitbewohnerin Recht. Meine Mutter würde es gutheißen, wenn ich heute Abend auf diese Party gehe und Kontakte knüpfe. Seit dem Tod meines Vaters hat sie Angst, dass ich vereinsame. Dabei stimmt das nicht – es macht doch nichts, mal allein zu sein, seinen eigenen Hobbys nachzugehen ohne sich einer Masse von Menschen anzuschließen. Sie versteht nicht, dass es möglich ist, allein, aber nicht einsam zu sein.

Seufzend vergrabe ich meinen Kopf in den Händen.

Im Zeitlupentempo drehe ich mich zu Rachel um. Das herausfordernde Lächeln würde ich ihr am liebsten aus dem Gesicht schlagen.

„Ich habe kein Kostüm“, starte ich einen letzten, verzweifelten Versuch, aber auch der wird von ihr im Keim erstickt. Noch einmal kramt sie in der Tasche und holt schließlich zwei Perücken hervor – lange, blonde Locken.

„Wir verkleiden uns als Weihnachtsengel“, sagt sie strahlend. „Die Haare waren bei Hallmarket im Angebot. Dazu können wir ein weißes Kleid anziehen. Simpel, aber elegant.“

Wenig begeistert betrachte ich das Kunsthaar und streiche mit dem Finger über eine Strähne.

„Engel also“, murmele ich.

Rachel fällt mir um den Hals.

„Du bist die Beste!“, ruft sie.

Super. Eine Party.

***

Kapitel Zwei – Der Gang zum Schafott

„Trag noch ein bisschen Rouge auf, das lässt dich unschuldig aussehen“, rät Rachel mir und fuchtelt mit dem Schminkdöschen vor meinem Gesicht herum. Ich betrachte mich im Spiegel. Schon vor einer halben Stunde habe ich gedacht, dass ich fertig bin, aber meiner Mitbewohnerin fällt immer ein neues Detail ein, mit dem sie mich in den Wahnsinn treiben kann. Eben hat sie mir eine halbe Dose Haarspray in die Perücke gesprüht und meine Augen musste ich auch viel dunkler schminken als ich es gewohnt bin. Als ob die Engel im Himmel jeden Tag mehrere Stunden vor dem Spiegel stehen! Seufzend betrachte ich mich und frage mich gleichzeitig, ob wir heute noch aufbrechen. Je schneller wir auf die Party gehen, desto früher kann ich wieder nach Hause und habe vielleicht noch die Möglichkeit, ein paar Folgen Heavenly Notice zu gucken.

Rachel stellt sich neben mich, sodass wir beide im Silberglas des Spiegels zu sehen sind. Auf die Lippen meiner Mitbewohnerin zieht sich ein breites Lächeln. Kameradschaftlich legt sie ihren Arm um meine Schulter.

Zwei mittelgroße, eher blasse, junge Frauen mit dicken, goldenen Locken schauen mich im Spiegel an. Rachel hat sich einen goldenen Heiligenschein gebastelt, in meine Perücke sind kleine Perlen eingeflochten. Während ich mich für ein schlichtes, weißes Strickkleid entschieden habe, ist Rachels Kombination aus dem weit ausgeschnittenen Top mit Rüschen am Saum und Minirock beinahe gewagt. Ich trete einen Schritt näher an den Spiegel heran und blinzele zweimal, da sich etwas Wimperntusche in meinem Augenlid verfangen hat. Danach mustere ich uns erneut, nur um das festzustellen, das mir schon vor einigen Wochen klar geworden ist: Rachel und ich können uns beide als dasselbe Wesen verkleiden, aber an unserem eigenen Charakter ändert das nichts. Im Gegensatz zu mir wird Rachel immer die Aufgeschlossenere sein, die Mutigere. Die, die auf andere zugeht und sie um den kleinen Finger wickelt. Ich selbst bin das Mädchen, das man auf den ersten Blick gar nicht bemerkt – und daher keinen zweiten riskiert.

„Wir sehen himmlisch aus“, quiekt Rachel und greift nach meiner Hand. Eigentlich will ich sauer auf sie sein, weil sie meinen freien Abend gestohlen hat und ihn in einen Albtraum verwandeln will – aber als sie mich anstrahlt, wird es schwer, ihr etwas übelzunehmen.

Tief atme ich durch.

„Das wird toll, Amber“, ruft Rachel. Schwungvoll dreht sie sich um und geht zur Fensterbank, auf der bereits eine kleine Flasche Champagner mit zwei Pappbechern steht. Nicht unbedingt die feine Art, Alkohol zu konsumieren, aber genauso effektiv.

Rachel lässt den Korken knallen, der irgendwo unter unserem Kleiderschrank landet, und schüttet uns beiden ein Glas ein.

„Stoßen wir an!“, ruft sie, ihren Becher bereits in die Höhe haltend. Beherzt greife ich nach meinem, berühre ihren kurz und leere den Inhalt gierig.

„Na, da ist aber jemand durstig“, spottet Rachel, verschließt die Flasche mit einem Korken und lässt sie in ihrer Handtasche verschwinden. Dann trinkt auch sie ihr Glas leer.

Ich schenke meinem Spiegelbild einen letzten prüfenden Blick, schlüpfe in meine graue Winterjacke und ziehe die Stiefel über, die mir meine Mutter letztes Weihnachten geschenkt hat. Obwohl sie zartrosa sind – untypisch für mich -, liebe ich sie über alles.

„Fertig?“, fragt Rachel, woraufhin ich nicke.

Nacheinander verlassen wir unser Zimmer, bevor ich die Tür hinter uns schließe.

Heute ist der Flur wie leergefegt. Normalerweise ist in unserem Studentenwohnheim immer etwas los, auch wenn es nicht so groß ist wie die, in denen die berüchtigten Partys stattfinden. Doch heute kommt es mir vor, als wären alle ausgeflogen, entweder zu Besuch bei ihren Eltern oder selbst auf dem Weg zu einer Feier.

Rachel zieht mich mit sich. Ihre Handschuhe schaben an meiner Haut.

Egal wie kalt es ist – ich trage ungern Handschuhe.

Vor allem nicht dann, wenn es schneit.

Wenn die ersten Flocken auf die Erde fallen und die Welt in einen helles, unschuldiges Licht tauchen, will ich die Schönheit auf meinen Händen spüren. Ich will den Schnee auffangen, mit ihm tanzen, jeden freien Zentimeter meines Körpers mit ihm bedecken.

Ich äußere einen stillen Wunsch, bevor wir die Haustür öffnen.

Doch offensichtlich hat meine gute Fee heute Abend frei.

Anstelle des Winterwunderlands ergibt sich eine graue, matschige Masse vor meinen Augen, die mich schon den ganzen Herbst über genervt hat. Auch als ich den Kopf in den Nacken lege, begegnet mir nicht eine einzige Flocke. Der Himmel ist wolkenlos, dunkel und absolut klar.

„Was hast du denn schon wieder?“, will Rachel wissen und sieht mich von der Seite an.

„Es ist der sechste Dezember, aber man merkt nichts davon“, murre ich, auf die asphaltierte Straße blickend.

„Du immer mit deinem dummen Schnee. Sei doch froh, dass es noch nicht so kalt ist. An Weihnachten wird er schon kommen.“

„Ich will ihn aber nicht nur an Weihnachten“, erwidere ich wie ein trotziges Kind und schiebe die Lippe vor.

„Ich will einen Winter, der mehrere Monate dauert. Der so kalt ist, dass man sich kaum vor die Tür traut. Der Schnee bringt und alles in ein zauberhaftes Licht taucht …“

Schwärmerisch schließe ich die Augen, doch von links höre ich nur Rachels Schnauben.

„Du willst doch nur eine Ausrede haben, um noch weniger unter die Menschen zu gehen“, wirft sie mir vor, aber damit hat sie ausnahmsweise Unrecht.

Ich mag es, im Schnee spazieren zu gehen. Mag es, wenn sich die Flocken auf meine Schuhe legen und meine Haare benetzen. Ich liebe es, wenn der Abend bereits Einzug gehalten hat, die Dunkelheit es aber nicht schafft, die weiße Pracht in den Farben der Nacht zu kleiden.

Kapitel Drei – Von Rentieren, Engeln und anderen illustren Gestalten

Nach einer guten viertel Stunde Fußweg haben wir das Studentenwohnheim erreicht. Schon von weitem dröhnt die laute Musik an meine Ohren und weckt in mir den Wunsch, auf den Hacken kehrt zu machen und mich in meinem Bett zu verkriechen. Rachel stellt das Gegenteil dar: Je näher wir dem Haus kommen, desto aufgeregter wird sie, desto mehr Freude legt sich in ihre Stimme und auf ihr Gesicht.

Die Außenfassade des Studentenwohnheims ist mit so viel weihnachtlichem Kitsch geschmückt, dass mir übel wird: Bunte Lichterschläuche umzingeln das Haus, aus dem Schornstein steigt ein dicklicher Weihnachtsmann, ein anderer klettert mit prall gefülltem Sack die Außenwand hoch. Zwei beleuchtete Schneemänner stehen vor der Haustür und grinsen mich an. Jedes Fenster ist mit einer Lichterkette geschmückt, doch es sind nicht die schlichten goldenen Lämpchen, die auch ich gestern aufgehängt habe, sondern neongelbe, giftgrüne und knallpinke Leuchter. Angewidert rümpfe ich die Nase.

„Schau, da oben, siehst du den Engel?“, fragt Rachel in diesem Moment und deutet mit der Hand auf eine kleine Puppe, die an einem Seil über dem Haus schwebt.

„Die haben an der Deko echt nicht gespart“, murmele ich, weil ich nicht schon wieder etwas Unfreundliches sagen will. Der Engel sieht nämlich eher wie eine Hure als wie ein Himmelswesen aus.

Die Tür des Hauses steht sperrangelweit offen, sodass ich schon einen Blick in den Flur werfen kann. Aber außer einem langen Gang erkenne ich nichts.

„Lass uns reingehen“, sagt Rachel und zieht mich mit sich. Wir müssen eine Treppe hochgehen und durchlaufen den folgenden Korridor, bis wir in einer großen Halle landen, in der die Party stattfindet. Die Musik, die ich eben schon gehört habe, hat hier ein neues Level der Lautstärke erreicht. Mir kommt es vor, als würde der Boden unter meinen Füßen beben, so sehr dringt der Bass an meine Ohren.

Weihnachtslieder scheinen immer noch aktuell zu sein, allerdings ist die Version von Jingle Bells nicht mehr die, die vor hundert Jahren gespielt wurde. Dafür sind die Technoelemente ein wenig zu … deutlich.

Vorsichtig sehe ich mich im Raum um, der von unzähligen Leuten bevölkert ist. Ein Großteil befindet sich auf der Tanzfläche und verrenkt sich zu vorgegebener Musik. Andere halten sich an der Bar auf, ein Sektglas in der Hand. Manche sind ins Gespräch vertieft, andere stehen allein da und betrachten wie ich das Geschehen. Auf den ersten Blick sieht es nach einer gelungenen Party aus.

Also für die, die so etwas mögen.

Mir wird allein beim Gedanken, mich der tanzenden Meute anzuschließen und den Text des verhunzten Weihnachtsklassikers laut mitzugrölen, so schlecht, dass ich mich am liebsten in eine stille Ecke verkriechen würde.

„Mh, hier sind ganz schön viele Engel unterwegs“, kommentiert Rachel neben mir. Erst jetzt fallen mir die Kostüme der anderen auf. Schon bald muss ich meiner Mitbewohnerin Recht geben, denn die Anzahl der blond-lockigen Engel ist immens. Innerlich atme ich auf, da die Wahrscheinlichkeit, dass ich durch mein Erscheinungsbild auffalle, gerade in den Keller gesunken ist.

Sehr gut.

Ich werde also einfach ein paar Stunden in der Ecke stehen, an meinem Drink nippen und dann die Party wieder verlassen, als hätte sie nie stattgefunden.

„Schau mal, da hinten ist ein Rentier“, quiekt Rachel und deutet auf einen großen Mann, der an der Bar steht und gerade auf sein Handy schaut. Er ist komplett braun angezogen, auf seinem Kopf thront ein Geweih. Gerade frage ich mich noch, was einen ausgewachsenen Menschen dazu bringen kann, sich als halber Elch zu verkleiden, da läuft Rachel auf ihn zu. Offensichtlich hat sie ihr erstes Opfer für heute Abend gefunden.

Seufzend nehme ich wahr, wie sie den Fremden anspricht. Ich kann ihr glockenhelles Lachen durch den ganzen Raum hören.

Rachel hat keine Probleme damit, Kontakte zu knüpfen. Sie ist ein gern gesehener Gast: freundlich, offen, humorvoll – der Typ Freundin, nach dem sich jeder Mann sehnt.

Abermals schweift mein Blick durch die Menge. Neben dutzenden Engeln, mindestens genau so vielen Weihnachtsmännern, dem ein oder anderen Schneemann, entdecke ich außerdem drei Lebkuchenmänner, eine Christbaumkugel auf zwei Beinen und ein Kostüm, das mich vage an den Nussknacker erinnert.

Da Rachel noch immer in ein Gespräch mit Rudolf verwickelt ist, führt mein erster Weg zur Bar, wo ich mir einen Cocktail bestellen will. Allerdings sind die gängigen Sorten heute Abend vergriffen – stattdessen stehen auf der Karte weihnachtliche Varianten: Angel’s Desire, Reindeer’s Wish, Winterwonderland. Nach einigem Überlegen entscheide ich mich für einen Coconut Christmas Tree, da der mich zumindest in den Grundzügen an einen Pina Colada erinnert. Während ich die klebrige, alkoholverseuchte Flüssigkeit probiere, schaue ich auf mein Handy, das eine neue Nachricht verzeichnet. Meine Mutter wünscht mir einen schönen Abend. Das Bedürfnis, mit ihr zu reden, wird groß, dennoch begnüge ich mich mit einer einfachen SMS, in der ich ihr mitteile, dass ich die Nacht auf einer Feier mit meiner Mitbewohnerin verbringe. Es wird meiner Mutter gefallen, dass ich meine vier Wände verlassen habe.

Was tut man nicht alles für die, die man liebt.

Die Kokosflocken in meinem Cocktail erinnern mich erneut an den Schnee, der an diesem Abend fehlt. Sehnsüchtig blicke ich durch die großen Fenster, die auf einen Balkon führen. Die Nacht ist sternenlos – und sehr dunkel.

Schutzsuchend schlinge ich die Arme um meinen Oberkörper, weil mir auf einmal kalt wird. In einer ebenso finsteren Nacht ist mein Vater von uns gegangen, nachdem er gegen seine Krankheit nicht mehr ankämpfen konnte.

Ich erinnere mich nicht gern an diese bangen Stunden und doch tue ich es manchmal, da ich weiß, dass man die schlimmen Tage nicht verdrängen darf.

Als mein Vater gestorben ist, ist ein wichtiger Teil von mir mit ihm gegangen – seitdem bin ich ernster geworden, habe ein kleines bisschen meiner Lebensfreude eingebüßt. Manchmal merke ich es daran, dass ich mich nicht mehr so schnell freuen kann, dass es jetzt mehr braucht, um mich zu begeistern. Traurig blicke ich auf den schlichten Ring an meiner rechten Hand, der die Initialen meines Vaters trägt und ich im Andenken an ihn immer aufbewahren möchte.

„Amber, ich muss dir unbedingt jemanden vorstellen“, höre ich auf einmal Rachels Stimme und zucke zusammen. Ich muss erst aus meinen Gedanken wieder auftauchen – dann sehe ich sie direkt vor mir, die Wangen gerötet, die Haare nicht mehr ganz so ordentlich wie eben.

Neben ihr steht – breit grinsend – Mr. Reindeer, Rudolf mit der roten Nase.

Ein ausgewachsener Mann, der sich als Rentier verkleidet.

Da Rachel mich erwartungsvoll ansieht, bemühe ich mich um ein Lächeln, welches in mehr als einer Hinsicht misslingt.

„Er heißt Jeff und ist 24 Jahre alt“, erzählt Rachel munter, „er ist schon im siebten Semester und studiert Rechtswissenschaften.“

Kühl mustere ich Rudolf. Alles, was mit Anwälten, Jura und dem Gericht zusammenhängt, ist mir schon immer suspekt gewesen. Menschen, die freiwillig versuchen, das Chaos in dieser Welt zu ordnen, finde ich komisch.

„Hey“, sagt Rudolf jetzt und reicht mir die Hand. Eine Weile schaue ich ihn noch an, dann ergreife ich sie. Verstohlen wische ich mir anschließend die Hand an meinem Kleid ab.