Matjes mit Wasabi - Andreas Neuenkirchen - E-Book
Beschreibung

»Ich bin in Tokio mittlerweile so sehr vereinsamt, dass die Waschmaschine meine einzige verlässliche Konversationspartnerin ist. Immerhin treffe ich morgen diese Dolmetscherin. Nicht, dass das ein Date wäre ...« Drei Jahre später sind Andreas und Junko verheiratet, vier Jahre später ist Nachwuchs im Anmarsch und fünf Jahre später schreiben sie auf, wie das alles passieren konnte. Eine Liebesgeschichte zwischen Tokio, München und Bremen-Vegesack, im Spannungsfeld von Dirndl und Kimono, von Schweinshaxn und Reisbällchen, deutscher Korrektheit und japanischer Überkorrektheit, runtergespült mit der nötigen Menge Weißbier und Sake. Müssen Japaner unbedingt Milchtüten bügeln und Deutsche täglich Fenster putzen? Ist man eine schlechte japanische Ehefrau, wenn das Abendessen aus weniger als fünf Gerichten besteht? Wird ein deutscher Ehemann es überhaupt bemerken? Und was kommt dabei heraus, wenn Matjes-Tempura im Backofen brutzeln? »Please create a new culture!«, wiederholt der Vater der Braut mantramäßig seinen einzigen englischen Satz. Und nichts Geringeres haben Tochter und Schwiegersohn sich vorgenommen.

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»Ich bin in Tokio mittlerweile so sehr vereinsamt, dass die Waschmaschine meine einzige verlässliche Konversationspartnerin ist. Immerhin treffe ich morgen diese Dolmetscherin. Nicht, dass das ein Date wäre ...«

Drei Jahre später sind Andreas und Junko verheiratet, vier Jahre später ist Nachwuchs im Anmarsch und fünf Jahre später schreiben sie auf, wie das alles passieren konnte. Eine Liebesgeschichte zwischen Tokio, München und Bremen-Vegesack, im Spannungsfeld von Dirndl und Kimono, von Schweinshaxn und Reisbällchen, deutscher Korrektheit und japanischer Überkorrektheit, runtergespült mit der nötigen Menge Weißbier und Sake.

Müssen Japaner unbedingt Milchtüten bügeln und Deutsche täglich Fenster putzen? Ist man eine schlechte japanische Ehefrau, wenn das Abendessen aus weniger als fünf Gerichten besteht? Wird ein deutscher Ehemann es überhaupt bemerken? Und was kommt dabei heraus, wenn Matjes-Tempura im Backofen brutzeln?

»Please create a new culture!«, wiederholt der Vater der Braut mantramäßig seinen einzigen englischen Satz. Und nichts Geringeres haben Tochter und Schwiegersohn sich vorgenommen.

1. Auflage

© Conbook Medien GmbH, Meerbusch, 2016

Alle Rechte vorbehalten.

www.conbook-verlag.de

Lektorat: Silke Lübbers

Einbandgestaltung: Benedikt Schmitz

Dieses Werk wurde vermittelt durch Aenne Glienke | Agentur für Autoren und Verlage,

www.AenneGlienkeAgentur.de.

ISBN 978-3-95889-129-6

Basierend auf Printfassung 978-3-95889-129-6

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie der Autoren und/oder geben ihre Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch die Autoren übernehmen. Lesermeinungen gerne an feedback@conbook.de.

Für unsere Eltern, die uns willkommen geheißen und gehen lassen haben.

Inhalt

Prolog

Am Anfang war die Zukunft

Das Blaue und das Rosa Zimmer, der LAN-Sexismus und sonstiger Müll

Die fließende Welt

Die Dolmetscherin, Woody Allen und die Frau mit der Plastikente im Mund

Der lange Weg nach München-Moosach

42,195 Kilometer und ein Vorstellungsgespräch

Darf ich um die Hand Ihrer Tochter anhalten und meine Beine unter Ihrem Tisch ausstrecken?

Herr Noienkiruhien, Familie Katayama und Big Smile!

Die deutsche Sprache, die deutsche Polizei und die deutsche Sprachpolizei

Funky Movie Night ist nicht Jever-Fun-Tag

Matjes mit Wasabi und ein Gefrierschrank voll Reis

Die japanische Delegation in Vegesack

Die Wilde 13 hebt nicht ab

Der Tag des Hundes und das Berghotel der Schwangeren

A New Culture is Born

Epilog

Anmerkungen & Danksagungen

Prolog

Ich hatte all meinen Mut zusammengenommen, als ich Junko meinen ersten Antrag machte. Heute nehme ich erneut all meinen Mut zusammen, um Junko meinen zweiten Antrag zu machen: »Du, Spatz, ich hatte da neulich so eine Idee ... Wie wäre es, wenn wir mal ein Buch zusammen schreiben würden?«

»Ein Buch? Worüber sollten wir wohl ein Buch schreiben?«

»Na ja, über unser Leben in Japan und Deutschland, unser Leben mit einem Deutschen beziehungsweise mit einer Japanerin. Ich schreibe über das Japanische, du über das Deutsche.«

»Ja, haha, sehr lustig. Jetzt mal eine ernsthafte Frage: Schauen wir heute Abend Scandal oder Downton Abbey?«

»Es ist nun so, dass ich nicht der Einzige bin, der das für eine gute Idee hält ... Viele haben mich schon darauf angesprochen. Professionelle Büchermacher genauso wie hobbymäßige Bücherleser.«

»Nicht der Einzige, der was für eine gute Idee hält?«

»Das mit dem Buch.«

»Ach, das war dein Ernst?!«

»Was dachtest du denn?«

»Manchmal bin ich mir bei dir nicht sicher ...«

»Siehst du? Das ist schon mal eine Sache, über die wir ­schreiben können.«

»Ich habe doch noch nie etwas geschrieben!«

»Du schreibst jedes Jahr nach groben Schätzungen 800 Neujahrskarten und jeden Tag zwei Tagebücher. – Warum ­eigentlich zwei?«

»Eines über das, was wir gegessen haben.«

»Und das andere?«

»Über alles andere. Also unsere Beziehung.«

»Da hast du es doch!«

»Aber das ist in dieser Form nur für mich! Außerdem ­könnte ich das bestimmt nicht auf Deutsch schreiben.«

»Das erwartet auch niemand. Das wäre so, als müsste ich ein Buch auf Japanisch schreiben.«

»Na, ehe du ein Buch auf Japanisch schreibst, schreibe ich wohl doch eines auf Deutsch.«

»Dann ist es abgemacht?«

Sie seufzt. »Gut, so können wir es vielleicht machen: Ich erzähle dir über mein Deutschland und meinen Deutschen, mache vielleicht ein paar Notizen, aber du schreibst für mich ins Reine. Und du schreibst nichts, was ich nicht gesagt habe.«

»Ich schwöre bei unserer Liebe.«

»Schwöre lieber bei der Liebe von Anna und Mister Bates.«

»Consider it handled.«

Am Anfang war die Zukunft

Bevor Junko und ich so gut wie alles im Leben gemeinsam gemacht haben, hatten unsere Leben so gut wie nichts gemein. Eines allerdings doch: Wir hatten beide Begegnungen mit professioneller Wahrsagerei. Und zwar beide im Ausland.

Die Prophezeiung der Madame X

Ich gehe zu der Wahrsagerin in der Williams Street, weil alle dort hingehen. Vielleicht nicht alle, aber ziemlich viele. Ziemlich viele von denen, mit denen ich in Rockhampton, Australien, studiere. Sie soll gut sein. Ich glaube nicht an Wahrsagerei, bin allerdings neugierig. Nennen wir sie Madame X, obwohl sie überhaupt nicht danach aussieht. Sie ist wohl in den Fünfzigern und sieht ganz normal aus, Jeans und T-Shirt, ein offenes und freundliches Gesicht. Sie sagt, sie käme ursprünglich aus Österreich, habe Zigeunerblut (ihre Formulierung) in den Adern und die Gabe von ihrer Großmutter geerbt. Als Kind habe sie sich gewundert, dass andere nicht sehen konnten, was sie sah. Sie verrichtet ihre Wahrsagerei in einem gemütlichen Café, das sie selbst betreibt. Wir unterhalten uns zwanglos, dann fragt sie nach meinem Geburtsdatum, und ob ich das Gespräch gerne aufnehmen oder mitschreiben würde. Ich entscheide mich fürs Aufnehmen, weil ich meinem Englisch noch nicht ganz traue. So kann ich später alles in Ruhe rekapitulieren. Das Erste, was ich in Australien gelernt habe, war, dass der Fremdsprachenunterricht in Japan einen nicht unbedingt auf das Sprechen und Verstehen fremder Sprachen vorbereitet. Nichts habe ich verstanden, als ich hier ankam. Meinen japanischen Kommilitonen ging es genauso. Einige sind nach kürzester Zeit wieder nach Hause geflüchtet. Ich beinahe auch. Allerdings hatte meine ältere Schwester ihr Studium in ­Kanada überstanden, da wollte ich nicht hintenanstehen. Dass ich ­heute passabel Englisch spreche, verdanke ich einzig und allein meinen vier Jahren in Australien. Dass mein Englisch nicht einrostet, verdanke ich vor allem Andreas’ ausbaufähigen Japanischkenntnissen.

Madame X legt mir Tarotkarten und sagt: »Mein herzliches Beileid für deinen Verlust.«

Ich weiß nicht, von welchem Verlust sie spricht.

»Deine Großmutter ist gestorben ... oder dein Großvater?«

Nein, weder noch, tut mir leid. Dann erzählt sie mir, jemand tratsche hinter meinem Rücken und ich solle mir nichts draus machen. Keine Ahnung, was sie damit meint. Ich habe mich gut mit ihr unterhalten, ich bereue nichts, glaube allerdings auch nichts. Immerhin war sie nett, das kann ich nicht von allen hier sagen. Ich wurde schon mit Steinen beworfen. Nicht von jedem, und nicht ständig, aber einmal reicht, würde ich sagen.

Zurück im Studentenwohnheim kommt eine Freundin auf mich zu und sagt: »Keine Sorge, ich glaube kein Wort von dem, was die alle sagen! Ich weiß, dass du nicht so eine bist.«

Man hat tatsächlich über mich getratscht! Ich rufe lieber zu Hause an. »Hallo Mama, geht es allen gut?«

Ja, alles in Ordnung. Nein, halt – da fällt meiner Mutter etwas ein. Mein biologischer Großvater, ihr Vater, ist gestorben. Meine Großmutter, fortschrittlich für ihre Generation, ist seit Langem geschieden und neu verheiratet. Mein eigentlicher Großvater war immer mein Stiefgroßvater gewesen, der biologische spielte in unserer Familie keine entscheidende Rolle. Deshalb hatte ich ihn gar nicht auf dem Schirm, als Madame X von meinem Verlust sprach.

Nüchtern betrachtet: Dass Mädchen in meinem Alter tratschen, ist nicht ungewöhnlich, außerdem ist dies das Alter, in dem Todesfälle unter den Großeltern wahrscheinlicher werden. Ich will nicht sagen, dass ich Madame X plötzlich glaube. Dennoch beschließe ich, sie noch einmal aufzusuchen und mit ihr über die Liebe zu sprechen.

»Ich sehe einen Ehemann«, sagt sie. »Aber ich kann ihn nicht genau erkennen.«

»Macht ja nichts.« Ich weiß schließlich selbst, wie mein Freund aussieht. »Was ist mit Kindern?«

»Ein Junge und ein Mädchen. Beide grüne Augen, beide weiß.«

»Weiß?«

»Weiß. Der Vater ist West-Europäer, würde ich vermuten. Deine Tochter kann gut mit Worten umgehen. Sie hat ein ­Talent fürs Schreiben.«

»Nicht von mir.«

»Von deiner Mutter. Der Junge ist schlau. Aber du musst achtgeben, dass er seine Schläue nicht missbraucht.«

»Das muss ich erst mal verarbeiten.«

Vor allem muss ich überlegen, wie ich das mit den weißen Kindern meinem philippinischen Freund beibringe.

Die Wahrsagerin, die verschwinden konnte

Ich war auch mal bei einer Wahrsagerin, wobei das sogar untertrieben ist. Ich war mit einer Wahrsagerin bei einer Wahrsagerin. Ich war sozusagen bei der Wahrsagerin, zu der Wahrsagerinnen gehen, wenn sie sich die Wahrheit sagen lassen wollen. Kompetenter und koryphäenartiger ist es kaum möglich.

Dabei bin ich außerordentlicher Skeptiker, wobei auch das untertrieben ist. Eine Skepsis ist ja ein Zweifel. Ich allerdings hege keinerlei Zweifel daran, dass alles Esoterische ausgemachter Humbug ist. Ich durchlebte selbst eine kurze, aber intensive esoterische Phase in meiner Jugend, bis ich eines Tages aufwachte und klar sah: Alles Quatsch. Seit ich all meinen Unfugs­glauben von mir geworfen habe, glaube ich nicht mal mehr an Außerirdische, was Freunde aus Wissenschafts-Hipster-Kreisen regelmäßig zum Verzweifeln bringt. Gibt es eigentlich eine borniertere Religion als diese moderne, sich cool gerierende, dabei völlig betriebsblinde Naturwissenschaftshörigkeit? Mir egal, wie viel Wasser auf dem Mars gefunden wird. Wir ­sprechen uns wieder, wenn auf dem Mars in Flaschen abgefülltes Wasser und Pfandautomaten gefunden werden.

Ich erwähne das nur, um wirklich unmissverständlich deutlich zu machen, dass ich seit Überwinden meiner eigenen Esoterik-Idiotie an so ziemlich gar nichts glaube, was nicht mit meiner direkten Erlebniswelt zu tun hat. Trotzdem gehe ich eines Tages in Tokio mit einer Freundin zu einer Wahrsagerin. Noch dazu mit einer Freundin, die selbst eine Wahrsagerin ist. Nennen wir sie der Einfachheit halber Midori, nach der Wahrsagerin, die gelegentlich in meinen Yuka-Sato-Romanen auftritt. Umso vehementer muss ich an dieser Stelle betonen, dass alle Figuren des Satoversums reine Erfindungen sind. Mit dieser realen Midori mit dem fiktiven Namen bin ich nicht deshalb befreundet, weil sie Wahrsagerin ist; das habe ich erst erfahren, als es schon zu spät und sie mir sympathisch geworden war. Kennengelernt habe ich sie, weil sie Dichterin ist. Und zwar habe ich sie auf einer ihrer Vernissagen kennengelernt. Ach ja, Malerin ist sie auch noch. Ihre Bilder sind schön, aber ihre Gedichte sind es, die mich zweimal und mehr hingucken lassen. Midori schreibt sie auf Deutsch, eine Sprache, die sie kaum beherrscht. Dadurch gelingen ihr Formulierungen von einer echten poetischen Schönheit, auf die ein Muttersprachler nie kommen würde.

Als Wahrsagerin ist sie weitaus erfolgreicher, obgleich von vornherein ausschließlich in Japan. Das ist auch eine Sache, bei der ich ihr nicht reinrede. Ich stelle nur interessierte Fragen. Zum Beispiel: »Was ist die seltsamste Frage, die dir jemals ein Kunde gestellt hat?«

Midori: »Was ist der schnellste Weg nach Tokyo Station?«

Midori arbeitet mal per Skype von zu Hause in die eigene Tasche, mal in einem Fernsehstudio für eine Wahrsagefirma mit einem Wahrsagefernsehsender. Den Rest ihres Gehaltes verdient sie damit, regelmäßig mit ihrer Band ein Ramen-­Restaurant in einem Tokioter Vorort mit Bossa-Nova-Evergreens zu beschallen. Ach ja, Sängerin ist sie auch noch.

Warum sie mich an diesem einen Tag zu ihrer Wahrsagerin mitnehmen möchte, ist nicht ganz klar. Ich habe ihr durch die Blume zu verstehen gegeben, dass ich von diesem Quatsch nicht ganz so viel halte wie sie. Sie glaubt übrigens wirklich, dass sie übernatürlich begabt ist. Das zu ihrer Verteidigung. Sie ist keine zynische Abzockerin. Tatsächlich sind ihre Honorarforderungen rührend gering. Ich habe ihr etliche Male nahegelegt, sie solle ruhig das Zehnfache verlangen, und sie hat mich nur angeschaut, als sei ich ein zynischer Abzocker. So muss sie zusätzlich vor Nudelschlürfern singen.

Das Café, in dem wir die Wahrsagerin der Wahrsagerinnen treffen, ist an eine christliche Kirche angeschlossen. In der Interpretation des christlichen Glaubens, und welche Praktiken sich damit vereinbaren lassen und welche nicht, ist man in Japan etwas liberaler als anderswo. Ein Geheimtipp ist das Café offenbar nicht. Eine Menschenschlange erstreckt sich über den langen Eingangsflur bis auf die Straße. Midori ist sicher, dass sich das Anstellen lohnt. Schließlich betreten wir das Café gemeinsam und setzen uns an einen kleinen Tisch. Die Wahrsagerin bringt uns Kaffee und Kuchen. Zuerst ist Midori dran. In letzter Zeit war ihre Stimmung ein wenig trübe, das ändert sich in wenigen Momenten, als die Wahrsagerin zu ihrem Stakkato-Monolog ansetzt. Ich verstehe so gut wie nichts, aber es wird wohl alles gut sein. Danach bin ich dran.

Als erstes fragt die Wahrsagerin: »WAV oder MP3?«

Ich entscheide mich für eine Aufnahme in MP3. Midori hat versprochen, später für mich zu übersetzen.

Die ältere Dame mit der großen Brille rattert los, ich verstehe ebenso wenig wie beim ersten Mal. Midori nickt von Zeit zu Zeit und macht die Brummlaute der Zustimmung und Verwunderung, die in der japanischen Kommunikation Standard sind. Ich mache vorsichtshalber mit.

Zurück auf der Straße reckt und streckt sich Midori wie neugeboren. »Das hat mal wieder richtig gut getan!« Ich freue mich aufrichtig für sie. Obwohl ich dieses Gewerbe nach wie vor äußerst kritisch sehe, kann ich keinen Schaden in einer Sache sehen, die meine Freundin mit so viel Freude erfüllt. »Sie hat einige gute Sachen über dich gesagt«, sagt sie. »Sie schickt mir die Aufnahme, dann werde ich sie für dich übersetzen.«

Dieses nicht eingelöste Versprechen ist das Letzte, was ich von Midori höre. Nicht nur heute, diese Woche oder während dieses Japan-Aufenthalts, sondern überhaupt. Nach unserem Besuch des Wahrsager-Cafés verschwindet sie aus meinem Leben und mit ihr meine Zukunft.

Jetzt muss ich wohl selbst sehen, was kommt.

Das Blaue und das Rosa Zimmer, der LAN-Sexismus und sonstiger Müll

Im Jahr 2010 kann ich auf mehr Japan-Reisen zurückblicken, als ich zählen kann. Das klingt prahlerisch, fühlt sich aber nicht so an. Ich komme mir nach wie vor unterjapanisiert vor. Denn diese Reisen waren genau das: Reisen. Mit Airport­shuttle, Hotelzimmer und Japan Rail Pass, quasi Interrail Fernost, Tourismus eben. Nun bin ich der Letzte, der etwas gegen Tourismus hätte. Touristen sind toll, allemal besser als die Stuben- und Stammtischhocker, die noch nie einen Touristen kennengelernt haben und trotzdem in einer Tour über »die ganzen Touris« schimpfen. Dennoch: Ich fühle mich Japan inzwischen so tief verbunden, dass es für mich etwas mehr sein darf! Leben! Alltag! Supermarkt, Mülltrennung, Stube und Stammtisch! Eigentlich könnte man auch sagen: Für mich soll es endlich etwas weniger sein als dieser Touri-Kram mit aufregenden Ausflügen zu sehenswerten Sehenswürdigkeiten. Für mich fortan bitte mehr Langeweile, über einen längeren Zeitraum, das wäre schön. Deshalb habe ich mich ­entschlossen, ein Sabbatical zu nehmen. Oder unbezahlten Sonderurlaub, wie man in früheren Generationen sagte. Drei Monate möchte ich in Tokio verbringen, in einer richtigen Wohnung in Sangenjaya, nicht in einem Hotel in Shinjuku oder sonst einem Stadtteil, von dem man schon mal etwas gehört hätte. Authentizität pur.

***

Als ich am Tag vor meiner Abreise in meinem Münchner Badezimmer beim Zähneputzen auf und ab gehe, ertappe ich mich bei dem Gedanken: Oh je, das ist bestimmt auf längere Sicht das letzte Mal, dass ich in einem Badezimmer auf und ab gehen kann. Denn nach dem Zähneputzen geht es ab nach Japan, und erst ein paar Tuben Zahnpasta später wieder zurück. Und wie die Wohnverhältnisse dort aussehen, weiß man ja.

Müssen Mädchen nicht ins Internet?

Tatsächlich kann man in meiner Tokioter Wohnung kaum von einem Badezimmer reden, eher von einem dreiteiligen Hygiene-Wellness-Flügel mit Bad, Toilette und Waschbereich getrennt. Dazwischen kann man wunderbar auf und ab gehen, im Rest der Wohnung sowieso. Ich kann mich gar nicht entscheiden, wohin mit meinem ganzen Zeug. Ich werde mir wohl noch mehr Zeug kaufen müssen. Ich habe zwei Zimmer, eines in Blau, eines in Rosa. Das Blaue Zimmer habe ich zum Wohnen und Arbeiten eingerichtet, das Rosa Zimmer nutze ich als Schlaf- und Ankleidezimmer. War ja klar, sagt der, der meine farblichen Vorlieben zu kennen glaubt. Ich aber sage: War ja gar nicht klar. Schließlich verbringt man im Wohn- und Arbeitszimmer viel mehr Zeit mit offenen Augen als im Schlafzimmer. Ich hätte lieber den ganzen Tag Rosa gesehen und mich blau gebettet. Es begibt sich aber leider, dass die Internetsteckdose im Blauen Zimmer ist.

Wenn man Gender studiert und mit rosa Schleifchen abgeschlossen hat, kann man am Herd stehen und vor Wut ­kochen angesichts so viel Sexismus: der Technikkram wie selbstverständlich im blauen Maskulisten-Zimmer. Und was sollen Mädchen den ganzen Tag tun? Ist im Rosa Zimmer etwa das Bügelbrett vorinstalliert? Nein, dort ist der Telefonanschluss. Noch ein Vorurteil bestätigt, das vom Weibchen und dem ­Telefon als von der Natur vorgesehene Symbiose.

Der deutsche Schrecken der Nachbarschaft

Mein neuer Nachbar ist ein junger Chinese, glaube ich (in ­Sachen »jung« bin ich mir sicher). Ich sehe ihn nur, wenn er draußen raucht und ich gucke, was denn da draußen jetzt schon wieder los ist. Ich möchte gerne ein authentischer japanischer Nachbar werden, deshalb interessiert mich immer sehr, was denn da draußen jetzt schon wieder los ist.

Apropos Nachbarn nah und fern: Eine Japanerin steckte mir einmal, sie wolle nicht in Deutschland leben, weil sie gehört hatte, dass man dort nach zehn Uhr abends zu Hause keinen Löffel mehr aus Versehen fallen lassen darf (gut, das war nur einer von Abertausend Gründen). Im Verhaltensreglement für meine Wohnung in Japan steht nun, dass ich hier bereits ab neun Uhr abends nichts mehr unangemeldet fallen lassen darf (gut, das steht da nur sinngemäß, ist auch ein bisschen Interpretationssache). Und trotzdem bin ich hier (gut, habe ich ja nicht vorher gewusst). Mal sehen, wie laut mein chinesischer Nachbar nach neun so raucht.

Man sagte mir, japanische Nachbarn überprüften gerne die hinausgestellten Müllsäcke ihrer Nächsten auf korrekte Trennung und telefonierten die Ergebnisse gegebenenfalls an den Vermieter weiter. Ich kann es gar nicht erwarten, das erste Mal meinen ganz eigenen Müll hinausbringen zu dürfen. Ich werde mir den Wecker stellen müssen, denn der Müll darf nur zwischen sieben und acht Uhr morgens am Tag der Abholung hinausgestellt werden. Da bin ich normalerweise nicht auf, ich habe schließlich drei Monate Feierabend. Ich habe außerdem einen coolen Wecker in Apfelform, den ich mir einmal spontan in Korea gekauft hatte, weil ich ihn unbedingt haben musste. Daraufhin hatte ich ihn natürlich sofort vergessen und nie ausgepackt, deshalb war er noch immer im Koffer, was sich jetzt auszahlt. Zupft man ihn am Stil, sagt er mit futuristischer, also Jahr-2000-mäßiger Roboterstimme Zeit und Temperatur an und macht psychedelische Farben im Anzeigefeld. Für die Müllabfuhr stelle ich ihn gerne.

Die japanische Mülltrennung hat den Ruf, ähnlich kompliziert zu sein wie Kimono anziehen. In der Agentur, in der ich meinen Wohnungsschlüssel bekommen habe, nachdem ich 10.000 Dokumente an jeweils mehreren Stellen unterschrieben, eine Schale Tee getrunken und zwei Bonbons gelutscht hatte, wurde mir ein spannendes und informatives Video über das Mülltrennungssystem vorgespielt, während meine ganz reizende Sachbearbeiterin von den unterschriebenen Dokumenten 20.000 Farbfotokopien anfertigte. Zur Sicherheit, falls einer beim Video nicht aufgepasst hat, sind an den Mülleimern in meiner Wohnung auch noch mal ausführliche Anweisungen mit Beispielen angebracht, was wo hinein gehört. Etwas bedenklich ist, dass einige der Beispiele auf den Eimern denen aus dem Video widersprechen.

Unterm Strich ist das System nach all dem Hype jedoch relativ enttäuschend: Es wird im Wesentlichen nur nach Brennbarem und nicht Brennbarem sortiert. Lediglich was was ist, ist dann doch eine rechte Wissenschaft. Schließlich weiß jeder ­erwachsene Mann, der mal ein kleiner Junge war, dass so ziemlich alles brennbar ist, wenn man sich etwas Mühe gibt ... und mitunter angezuendet/ ganz munter anzuschaun ­(Feurio!, Einstürzende Neubauten). Ich will nicht angeben, aber in Deutschland trenne ich schärfer, wenn auch freiwillig, und meinen Nachbarn ist es egal, solange ich dabei keine Klassiker der Einstürzenden Neubauten aus voller Brust nachsinge. Ich habe mich nämlich entschlossen Gutmensch zu sein, weil Gutmensch zu sein zwar nicht toll ist, aber viel besser als Schlechtmensch. Ich sollte mir zum Ziel meines eigentlich ziellosen Aufenthalts in Tokio machen, das japanische Mülltrennungssystem zu verkomplizieren. Man wird mich lieben.

Mein erster Müll

Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht. Aber ich kann mir noch nicht mal selbst Vorwürfe machen. Zwischenzeitlich habe ich in einer der Schubladen meiner Wohnung eine weitere Anleitung zum Thema »brennbar/nicht brennbar« gefunden, die wiederum andere Informationen enthält als die widersprüchlichen Anleitungen, die ich bereits hatte. Ich habe mich entschlossen, alle Anleitungen wegzuschmeißen (Altpapier) und einfach nach gesundem Menschenverstand zu trennen. Plastik wandert also in das Körbchen für nicht Brennbares, weil mir mein ganzes Leben von Eltern und anderen Autoritäten eingeredet wurde, dass man Plastik nicht verbrennen darf, das ist giftig und furchtbar, wenn man es einatmet, ogottogott, man kann sterben und Schlimmeres. Ich möchte nicht, dass jemand stirbt.

Leider hat dieser Ansatz zur Folge, dass mein Nicht-brennbar-Eimer nach wenigen Tagen nicht nur überfüllt ist, sondern auch bereits die improvisierten und bestimmt nicht ordnungsgemäßen Nicht-brennbar-Zusatzsäcke, die ich in meiner Verzweiflung schon danebengestellt habe. In meinem Brennbar-Eimer hingegen ist so gut wie gar nichts. Das kann nicht stimmen. Schließlich wird Brennbares zweimal die Woche abgeholt, Nicht-Brennbares nur alle zwei Wochen einmal. Umgekehrt würde ein Schuh draus, finde ich.

Nachvollziehbarer ist, was mit Dosen und Papier geschieht. Letzteres bündelt und bindet man und stellt es hinaus. Um Papierstapel zusammenzubinden, war ich schon immer zu blöd, deshalb habe ich mir große Papiertüten gekauft, in die ich das Papier säuberlich hineinstapele. Ich gehe davon aus, dass das in Ordnung geht, obwohl meine ohnehin unzuverlässigen Anleitungen auf das Binden bestanden. Diese Papiertüten scheinen allerdings genau für den von mir angedachten Zweck gemacht zu sein, soweit ich meinem Verständnis der Verpackungsbeschriftung und dem freundlichen Maskottchen der Marke trauen kann. Die Dosen stellt man in die gelbe Dosen-Box, die draußen bereitsteht. Allerdings nur am Dosentag. Beziehungsweise am frühen Morgen des Dosentages. Nicht am Vorabend des Dosentages und nicht etwa an irgendeinem Tag, der gar keinen Bezug zum Dosentag hat. Das zu wissen ist freilich kein Zauberwerk, man stellt in Deutschland seinen Müll ja auch nicht nach Belieben an den Straßenrand (hoffe ich). Dennoch versündige ich mich ein wenig, indem ich meine Dosen bereits am Dosentagvorabend nach draußen bringe, aus dem blöden Teenager-Grund, dass ich schließlich so etwas wie Urlaub habe und morgens dann doch nicht so früh aufstehen möchte, Apfelwecker hin oder her.

Japan besteht laut meinen Berechnungen zu fünfzig Prozent aus Plastik, zu vierzig Prozent aus Aluminium und zu zehn Prozent aus ungelösten Rätseln. Deshalb bin ich froh, zumindest die Getränkedosen aus dem Haus zu haben. Es werden schon bald genügend neue alte Dosen den Küchenboden vollstellen, schätzungsweise morgen oder übermorgen. Japan wäre ein Paradies für all die deutschen Beschwerdeführer, die glauben, dass der Deutschen Dosenpfand Teufelswerk von uns politisch-korrekten Gutmenschen sei, und die im ­weitgehenden Verschwinden der Blechbüchse aus dem deutschen Trinkverhalten einen skandalösen Kulturverlust sehen. Leider sind diese Menschen meist auch die, die am liebsten bleiben, wo sie sind, damit sie über die ganzen Touris schimpfen können. So werden sie nie erfahren, dass Japan ihr Dosenparadies sein könnte.

Ich bin in der Freude, meine Dosen losgeworden zu sein, leider allein in meiner Nachbarschaft. Eine ältere Dame hat mich erwischt. Sie weist mich so freundlich wie energisch auf mein Fehlverhalten hin. Ich beteure, dass ich um die Müllabfuhrbräuche dieses wunderbaren Landes wisse, und dass es ja schon fast Dosentag sei, und ich die Dosen ganz leise in den Kasten gestellt hätte, und dass diese schmuddelige gelbe Box ohne Dosen kein wesentlich schönerer Anblick sei als mit. Das lässt sie alles nicht gelten. Ich entschuldige mich mehrfach und vielmals, immer eine gute Taktik in Japan. Bringt nichts. Selbst mein Killer-Argument, im Kasten seien schon Dosen drin gewesen, bevor ich meine hineingestellt hatte (es stimmt!), interessiert sie nicht. Sie lässt mich nicht aus den Augen, bis ich alle Dosen wieder zurück in meine Küche gebracht habe. Selbstverständlich auch die, die ich gar nicht hineingestellt habe.

Vielleicht trinke ich in Zukunft einfach mehr Milch. Milchkartons kann man einfach zum Laden zurückbringen. Jeden Tag, rund um die Uhr.

Die gebügelte Milchtüte

Ich habe Andreas während seines Sabbaticals kennengelernt. Allerdings nicht so gut, dass ich auch seine damalige Wohnung in Sangenjaya kennengelernt hätte, was vielleicht auch besser ist. Ich musste erfahren, dass er noch nie eine Milchtüte gebügelt hat – nicht mal in Japan. Dabei sollte man das tun, nachdem man sie gewaschen und zum Trocknen aufgehängt hat, und bevor man sie zum Container vor dem Laden bringt. Wahrscheinlich hat Andreas seine Milchtüten immer ungewaschen und ungebügelt in den Container geworfen; ich möchte es gar nicht wissen.

Davon abgesehen ist das Recycling-System in Deutschland viel komplexer als das japanische. Deutschland gilt Japanern als vorbildlich, was die Mülltrennung angeht. Sicherlich, man hat in Deutschland keine 37 verschiedenen Container allein für Schokoriegel, wie es in meinem Büro in Tokio der Fall war. Dieses Mikromanagement ist allerdings eher der Uneinigkeit der Schokoriegelhersteller als einem komplexen Recycling-Konzept zuzuschreiben. Außerdem haben wir eben viel mehr Schokoriegel in Japan. Allein Kit-Kat gibt es in über 200 Geschmacksrichtungen. Deren Verpackungen können aber alle in denselben Container, nehme ich an.

Was brennbar ist und was nicht, ist tatsächlich von Ort zu Ort unterschiedlich. Im Zweifelsfalle ist aber so gut wie alles brennbar, was nicht gerade technisches Gerät oder Sperrmüll ist. Plastik gehört in jedem Fall dazu.

»Aber Plastik soll man nie verbrennen! Das gibt giftige Gase!«, sagt Andreas.

»In Japan wird es so heiß verbrannt, dass keine Gase entstehen«, sage ich. So meine ich es mal erklärt bekommen zu haben.

In meiner Kindheit war es in unserer Familie die Aufgabe von mir und meiner Schwester, die Etiketten von den leeren PET-Flaschen abzulösen. Die gehören nämlich in den Brennbar-Eimer, während die PET-Flaschen in den PET-Flaschen-Container kommen. Als ich Andreas das erzähle, lässt er die Schultern hängen. Offenbar hat er jahrelang in Japan seine leeren Flaschen mit Etikett in den Container geworfen und sich dabei auch noch besonders vorbildlich gefühlt. Die japanische Mülltrennung mag im Allgemeinen nicht sehr ausgefeilt sein, doch hat sie Fein­heiten, die sich nicht ohne Weiteres erschließen.

Ich finde es toll, dass in Deutschland alles Mögliche ­getrennt wird. Vor allem für die Umwelt finde ich es toll. Für mich persönlich wäre es toller, wenn ich das Glas und das Plastik nicht drei Straßen weiter zum Entsorgen bringen müsste. Wieso wird der Rest-, Bio- und Papiermüll abgeholt, aber das Glas und Plastik nicht? Deutschland besteht laut meinen Berechnungen zu siebzig Prozent aus wiederverwertbaren Materialien und zu dreißig Prozent aus ungelösten Rätseln. Warum gibt es auf Bierflaschen Pfand, jedoch auf Weinflaschen nicht? Und warum kauft mein Mann neunzig Prozent seiner Bierflaschen in obskuren Elite-Bierläden, die gefühlt nur zwei Tage in der Woche geöffnet haben, von elf bis vierzehn Uhr?

Ich schätze, Letzteres ist unser Problem, nicht das des ­dualen Systems.

Nicht ohne meine Plastiktüte

Bei fremden Kulturen muss man immer vorsichtig sein. Dem Japaner seine Plastiktüte zu nehmen ist ein ähnlich heikles Thema, wie dem Amerikaner seine Mordwaffe nehmen zu wollen. Man erinnere sich an Charlton Heston, das Maskottchen der Schusswaffenindustrie, und eine seiner letzten großen Gesten und münze sie um auf Japan: Vor der geistigen Fernsehkamera steht dann Samurai-Schauspielstar Toshiro Mifune, gealtert aber noch lebendig. Eine Plastiktüte triumphierend über den Kopf haltend und mit bedrohlichem Bass intoniert er: »From my cold dead hands!« – Lebend gebe ich sie nicht her! Tosender Beifall im ganzen Land.

Man bekommt bei jedem Einkauf in japanischen Supermärkten vorsichtshalber doppelt so viele Plastiktüten, wie man benötigt. Auch in anderen Geschäften ist die Tüte selbstverständlicher als der Kassenbon. Deshalb tragen Japanerinnen die Handtasche grundsätzlich in der Armbeuge. Die Hand muss frei und bereit sein für die nächste Plastiktüte, die schon hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Meine Theorie. Gleichwohl ist Umweltschutz in Japan genauso beliebt wie jedes andere Thema, zu dem sich niedliche Maskottchen erfinden lassen. Deshalb geht es ­inzwischen auch ohne Plastiktüte, wie ich erfahre, als ich all meinen Mut zusammennehme und zu einem gewagten Experiment aufbreche. Außer meinen Mut brauche ich für dieses Experiment nur einen leeren Jute-Beutel und rudimentäre Sprachkenntnisse, notfalls reichen vielleicht auch Hand und Fuß.

Die Sache mit dem vermeintlich sexistischen LAN-­Anschluss hat nämlich eine überraschende Wendung genommen. Es stellt sich heraus, wie es sich in diesen Dingen so oft herausstellt, dass alle Aufregung unbegründet war: Sexismus liegt nicht vor. Das Rosa Zimmer hat durchaus eine Internet-Steckdose, sie war nur unter dem Bett versteckt. Da musste erst ein Kit-Kat-Riegel mit Bohnenquarkgeschmack herunterfallen, bis man die findet. Leider ist die Dose so weit von meinem Computerstellplatz entfernt, dass ich ein längeres LAN-Kabel benötige. Ich gehe also zu meiner Filiale der Kaufhauskette Seiyu (engl.: Wal-Mart) und beschließe felsenfest ein LAN-Kabel zu kaufen und es nicht in einer Plastiktüte nach Hause zu tragen, sondern in meinem eigenen Stoffbeutel.

»Bitte keine Tüte«, sage ich auf Japanisch.

»My bag?«, fragt die Verkäuferin auf Englisch.

»No, my bag«, betone ich und halte meinen Jutebeutel hoch.

»My bag!«, sagt sie noch einmal und zeigt auf ein Schild bei der Kasse, auf dem »MyBag« steht und ein freundliches Tüten-Maskottchen abgebildet ist. Hat man seinen eigenen Beutel dabei, nimmt man das Schild, legt es zu den Einkäufen und bekommt automatisch keine Tüte, sondern einen Rabatt. Ich hätte es mir denken können. Japaner wickeln ihre Transaktionen am liebsten so ab, dass sie nicht viel mit dem Personal sprechen müssen. Das »Keine Tüte bitte!« entfällt mit dem MyBag-Schildchen, stumm und diskret in den Einkaufskorb gelegt.

Mit dem MyBag-System spart man pro Einkauf zwei Yen (aufgerundet 1,6 Cent). Hammer, dachte ich zuerst, und meinte es jugendlich sarkastisch. Laut Zeitungsumfragen ist die Ersparnis aber wirklich für nicht wenige japanische Hausfrauen ein Grund, hin und wieder den eigenen Beutel mitzubringen. Nun habe ich gerechnet: In einer ereignislosen Woche ohne großen Kaufrausch bekommt man circa 14 Plastiktüten, wenn man nicht aufpasst. Also im Schnitt zwei pro Tag. Wenn man wirklich nur das Nötigste kauft. Ja, ich habe Strichliste geführt, ich habe halt sonst nichts zu tun. Beschränkt man sein Einkaufsverhalten auf Häuser, die der Zwei-Yen-MyBag-Regel folgen, spart man in der Woche also 28 Yen. Als trauriger, ich meine: trotzig stolzer Single-Haushalt.

Was bekommt man für 28 Yen? Ich dachte: Nüscht. ­Dachte ich aber auch nur. Ich habe mal genauer geschaut und bin ­fündig geworden. Man bekommt zum Beispiel:

Ein Blisterpack mit 18 sehr kleinen Bonbons, die entfernt nach Erdbeere schmecken (bestimmt nicht Bio, aber bei dem Preis muss man sich nicht als Gastrokritiker auf­spielen).Einen länglichen Süßigkeitenriegel, der frittiert aussieht, obwohl er es wahrscheinlich nicht ist. Ich esse ihn nicht sofort und kann ihn später nicht wiederfinden. Wahrscheinlich habe ich ihn aus Versehen in den Brennbar-Bottich geworfen.Eine kleine Plastiktüte mit circa zehn Stücken Salzgebäck.

Und das nur nach einer Woche. Nach einem Monat wären es schon vier Riegel, 74 Erdbeergeschmackbonbons oder gut vierzig Stück Salzgebäck. Aufs Jahr hochgerechnet könnte man damit schon eine kleine Party feiern (ohne Getränke).

Meine kurze Karriere als internationaler Literaturagent

Bei all meiner Begeisterung für Mülltrennung und Müllvermeidung kann ich nicht ganz verhehlen, dass mich die Beschäftigung damit nicht von morgens bis abends, sieben Tage in der Woche ausfüllt. Es wäre schön, daneben noch eine andere Beschäftigung zu haben.

Gottlob begeistere ich mich ja nicht nur für Müll, sondern auch für andere Dinge, beispielsweise für die schon erwähnte deutsche Dichtkunst meiner wahrsagenden, malenden und singenden Freundin Midori. Meine Begeisterung ist aufrichtig, ohne jede Ironie und Dünkel. Ich bin überzeugt, offizielle deutsche Lyrikexperten müssten das genauso sehen, und ich vernachlässige fortan meine eigenen literarischen Arbeiten, um Midoris Gedichte hauchzart zu überarbeiten, eine Fehlerkorrektur ohne Poesiekorrektur vorzunehmen, um sie an jedes deutschsprachige Lyrikmagazinchen und jeden deutschsprachigen Lyrikwettbewerb zu schicken, der sich finden lässt. Ich bin quasi unversehens Literaturagent geworden. Ich lerne dabei drei Dinge: