Matus Rache - Horst Bieber - E-Book

Matus Rache E-Book

Horst Bieber

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Beschreibung

Kriminalroman von Horst Bieber Der Umfang dieses Buchs entspricht 155 Taschenbuchseiten. Herbert Matuschewski (Matu) beschließt, drei Freunden finanziell zu helfen. Sie sollen gegen Honorar Schmiere stehen, während er den Tresor in der Villa des Juweliers Fleisser ausräumt. So geschieht es. Doch am nächsten Tag findet die Haushälterin ihren Chef Fleisser ermordet in seinem Arbeitszimmer. Drei Tage später behauptet ein anonymer Briefschreiber, Matu sei an dem Abend bei Fleisser eingebrochen. Matu fährt wegen des Einbruchs ein und nimmt sich vor, nach seiner Entlassung den Anonymus zu finden und sich an ihm zu rächen. Und was Matu beginnt, bringt er auch zu Ende, auch wenn es dabei Tote gibt...

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Seitenzahl: 161

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Horst Bieber

Matus Rache

Kriminalroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

MATUS RACHE

Kriminalroman von Horst Bieber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 155 Taschenbuchseiten.

 

Herbert Matuschewski (Matu) beschließt, drei Freunden finanziell zu helfen. Sie sollen gegen Honorar Schmiere stehen, während er den Tresor in der Villa des Juweliers Fleisser ausräumt. So geschieht es. Doch am nächsten Tag findet die Haushälterin ihren Chef Fleisser ermordet in seinem Arbeitszimmer. Drei Tage später behauptet ein anonymer Briefschreiber, Matu sei an dem Abend bei Fleisser eingebrochen. Matu fährt wegen des Einbruchs ein und nimmt sich vor, nach seiner Entlassung den Anonymus zu finden und sich an ihm zu rächen. Und was Matu beginnt, bringt er auch zu Ende, auch wenn es dabei Tote gibt.

Der neue Bieber – was drauf steht, ist auch drin! (Jörg Munsonius)

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

[email protected]

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Autor und Edition Bärenklau, 2015

Personen

Herbert Matuschewski: allgemein nur Matu genannt, vorbestrafter Einbrecher und Schränker, gelernter Feinmechaniker, heute Verkaufsberater im Baumarkt Schödel am Tellheimer Zentrumsplatz

Annegret Fuhrmann: Matus ledige Kollegin im Baumarkt

Lena Fuhrmann: Annegrets Tochter, besucht die Textilfachschule

(Jo)Hannes Schorbach: Immobilienmakler und Anlageberater

Sina Kerff : Schorbachs Freundin, Geschäftsführerin im Club Royal am Breedener See

Anton Winkler: Kleiner Geschäftsmann mit großen Finanzsorgen

Elvira Winkler: arbeitet in der Nachtbar Orchidee.

Konrad Ellwanger: zockender, verschuldeter Maler und Fliesenleger

Frieda Ellwanger: Konrads Ehefrau, spielt Lotto

Die drei Männer treffen sich sonntags mit Matu zum Boccia-Spielen im Reschenpark und zum Frühschoppen in der Parkklause.

Martin Fleisser: Goldschmied und Juwelier. Sein privater Tresor im Mauerweg 19 wird ausgeräumt

Greta Lissen: Fleissers Haushälterin, hat Nebenverdienste und redet zu viel

Lydia Fleisser: Fleissers Nichte, tut nicht gut

Dr. Thomas Holk: Matus Rechtsanwalt und Verteidiger

Jule Springer: Kriminalhauptkommissarin

Ellen König: Kriminaloberkommissarin

Sigrid Bauer: Kriminalkommissarin

Die drei Frauen bilden das Referat 11, die früher so genannte Mordkommission, sie laufen im Tellheimer Präsidium unter dem Spitznamen das Schwarz-Weiß- oder Schach-Team.

Detlev Külz: Unterweltgröße, zu Recht der dreckige Detel genannt

„Buffalo Bill“: Spitzname für einen Hehler, der Opfer einer Sprengstoff-Falle wird.

Alle Name und Taten, Geschäfte und Lokale sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch die Stadt Tellheim existiert nur in der Fantasie des Autors.

Erstes Kapitel

Wann immer es das Wetter erlaubte, trafen sich die vier Männer sonntags gegen zehn Uhr im Reschenpark zum Boccia. Das Kugelspiel war ein geeigneter Vorwand, nach dem Spiel oder bei Nieseln, Wind und Kühle statt der Spielanlage die Reschenparkklause zu besuchen und sich in aller Ruhe einen Frühschoppen zu genehmigen. Alle vier tranken nicht viel und brachen meist nach zwei Runden auf. Vor Jahren hatten sie sich durch Zufall an der Boccia-Bahn getroffen und sich von einem älteren Mann überreden lassen, es doch einmal zu versuchen. Zu ihrem Erstaunen fanden die vier sehr unterschiedlichen Männer Gefallen an dem Spiel und verabredeten sich für den nächsten Sonntag. Daraus erwuchs eine mit Bier haltbar gemachte Freundschaft.

Herbert Matuschewski, von den anderen nur Matu genannt, gab den Ton an. Er hatte das gar nicht gewollt, es hatte sich so ergeben, und keiner der drei versuchte, ihm heute diese Position streitig zu machen. Matu war Mitte vierzig, ein gut aussehender sportlich-kräftiger Mann, nicht verheiratet, aber beileibe kein Frauenfeind. Er arbeitete als Verkaufsberater im Baumarkt Schödel am Zentrumsplatz, Abteilung Sicherheit, und verdiente ordentlich. Dass er wegen Einbruchs einmal zweieinhalb Jahre gesessen hatte, wusste keiner, und Matu achtete darauf, dass es auch keiner erfuhr, weder sein Boccia-Quartett noch seine schnell wechselnden Freundinnen, die er meistens im Baumarkt kennenlernte. Matu hatte Glück bei den Frauen und war geschickt und klug genug, sich immer ohne Zank oder wütende Verstimmung von ihnen zu trennen. Mit einer von ihnen, Amelie, blieb er auch nach der Trennung von Tisch und Bett so gut befreundet, dass er ihr von dem Erlös seiner Brüche seinen "Notgroschen" anvertraute, um für den Fall der Fälle nicht ganz ohne Geld zu sein. Matu hatte es nicht mehr nötig einzubrechen, aber er liebte den Kitzel, dem er drei- der viermal im Jahr nachgab, seit der ersten Verurteilung immer sehr vorsichtig und nur nach gründlicher Vorbereitung mit minimalen Risiko.

Seine vorletzte Beziehung, Milva, die ein paar Jahre in Frankreich gelebt hatte, nannte ihn einen "Bel Ami" - nicht schön, doch charmant, nicht klug, doch galant - "Du hast Glück bei den Frau'n." Zum Abschied schenkte sie ihm den Maupassant-Roman; er revanchierte sich mit einem Rubinring, der aus einem lohnenden Einbruch stammte, was Milva nie erfuhr. Amelie hätte er es gestanden, aber sie hätten den Ring dann nicht mehr ange-nommen.

Auch das verheimlicht Matu vor seinen Boccia-Freunden.

In puncto Erfolg beim anderen Geschlecht kam ihm Johannes, "Hannes" Schorbach am nächsten. Hannes, Anfang vierzig, von Beruf Makler und Anlageberater, war auch ledig, lebte aber seit Jahren mit einer auffallenden hellbrünetten Schönen in einer festen Beziehung. Sina Kerff war Geschäftsführerin im Club Royal am Breedener See, sprach neben Englisch und Französisch fließend Russisch und Ungarisch und half ihrem Freund Hannes, an neureiche Oligarchen und Parvenüs aus Russland und den Balkanländern gegen hohe Provision Immobilien, Beteiligungen, Anlagen und Anleihen zu verscherbeln. Matu vermutete nach Andeutungen, dass sie bei besonders schwierigen und zögerlichen Interessenten auch mal gratis eine horizontalen Zugabe lieferte, teils geschäftlich veranlasst, teils aus Gefühlsgründen, was der ins Geld verliebte, ziemlich skrupellose Hannes wusste und akzeptierte, woraufhin sie ihm seine zahlreichen Seitensprünge nicht verargte.

Was Sina partout nicht verstand, war seine Freundschaft mit den drei Sonntags-Bocciaspielern in einem öffentlichen Park. Sina mochte keine Menschen, die auf den Euro sehen und feste Dienstzeiten einhalten mussten.

Anton Winkler, Mitte dreißig, betrieb einen kleinen Laden für elektronische Bau- und Einzelteile am Looserkamp. Das Geschäft lief schlecht, woraus er kein Geheimnis machte. Gegen den Internethandel und die Großen im Gewerbe hatte er auf Dauer keine Chance. Er war kinderlos verheiratet und seine Frau Elvira, Ende zwanzig, blond, kurvenreich und sexy, arbeitete als Schönheitstänzerin, Barfrau und Oben-Ohne-Bedienung in der Orchidee und ging auch schon einmal mit Stammkunden in eines der Apartments, die über der Nachtbar lagen. Anton litt unter diesen Verhältnissen, hatte aber nicht den Mut oder die Kraft, sie zu ändern und bemühte sich, das alles vor seinen Freunden geheim zu halten.

Konrad Ellwanger, Anfang fünfzig, war Maler und Fliesenleger in der Firma Gebrüder Schustereit, die seit Jahren an der Insolvenzgrenze herumkrebste. Sollte sie schließen, würde es für Konrad Ellwanger eng werden. Der schlug sich schon mit allerlei berufsbedingten Zipperlein herum, Rücken- und Knieproblemen, chronische Bronchitis, dazu beginnende Arthrose in den Handgelenken. Sein "einziger Trost", wie er immer sagte, war es, dass seine beiden Kinder das Haus schon verlassen hatten. Moni(ka) Ellwanger arbeitete als Kindergärtnerin in der Kita der Moritzkirchengemeinde und würde wohl bald heiraten. Franz fuhr zur See und kam nur selten nach Tellheim auf Besuch.

Mutter Frieda, gelernte Friseuse, arbeitete nicht mehr regelmäßig, sondern frisierte in Privatwohnungen Bräute vor der Trauung und junge Damen, die sich verloben wollten und den Schwiegereltern vorgestellt werden sollten. Außerdem spielte sie Lotto, worüber sich Konrad bei jeder Gelegenheit lustig machte. Er zockte lieber regelmäßig und genauso regelmäßig ohne Erfolg. Unter seinen Schulden würde er bald ersticken. Üppig ging es bei keinem der vier Spieler zu, am besten schnitten noch Hannes Schorbach und Matu ab. Alle vier wohnten in Straßen nicht weit vom Reschenpark, hier waren die Mieten noch erschwinglich und der Autoverkehr erträglich.

Schorbach hatte angefangen, im Stadtteil Fünfkirchen ein Haus zu bauen, war aber nach einer gigantischen Fehlspekulation in Geldnöte geraten und hatte Grundstück und Fundament verkaufen müssen.

Nach der ersten Runde begann es zu nieseln, und Matu schlug vor, was man von ihm erwartete: "Ich denke, wir brechen ab und genehmigen uns etwas innere Feuchtigkeit."

In der Klause hatten sie eine Art Stammecke, möglichst weit weg vom Tresen und den anderen Gästen. Vier Biere rollten ohne Bestellung an. Nachdem der erste Durst gelöscht war, sagte Winkler leise: "Ich muss Euch was gestehen."

"???"

"Ich bin so absolut pleite, dass ich Euch bitten muss, mir mit ein paar Euros auszuhelfen."

"Was ist passiert, Anton?"

"Ich kann meine Stromrechnung nicht mehr bezahlen und diese Kerle drohen, mir die Leitung abzuklemmen."

"Diese Schweine!" - "Das sieh denen ähnlich. Für sich große Dienstwagen und Boni zum Jahresende, der kleine Mann zahlt es ja."

Den wahren Grund seiner plötzlichen Finanznot verschwieg Winkler. Elvira und er hatten fest damit gerechnet, dass am Samstag wieder Martin der Fummler in der Orchidee erscheinen und mit Elvira in ein Apartment gehen würde. Seine sexuellen Wünsche waren etwas ungewöhnlich, brachten aber in der Regel zwei Hunderter ein. Doch gestern war Martin nicht erschienen und spätestens am Montag musste Winkler die Strom-Rechnung bezahlen.

"Ich brauche unbedingt einen Nebenjob, damit Geld in die Kasse kommt", sagte Winkler kläglich. "Wenn's sein muss, laufe ich auf einem Hochseil ohne Netz quer über den Marktplatz."

"Und ich springe ohne Fallschirm vom Turm der Moritzkirche", schloss sich Ellwanger an.

"Bringt das was?", spottete Matu.

"Auf dem Hof gibt's ein kleines Planschbecken für die Kinder. Das darf ich nicht verfehlen."

"Und Moni muss vorher die Kinder heraus scheuchen."

"Wäre empfehlenswert, ja."

"Und was ist mit dir, Hannes, keine Geldsorgen?"

"Doch, doch, leider auch. Aber bei mir müsste es sich wirklich lohnen."

"Zum Beispiel?"

"Ein Einbruch in ein Juweliergeschäft. Oder eine Bank."

Matu horchte auf: "Hast du denn einen ordentlichen Hehler an der Hand? Ein Bruch, ohne geschnappt zu werden, ist eine Sache, die Sore günstig zu verkaufen und dabei nicht reingelegt zu werden, eine ganz andere."

"Ne", sagte Schorbach bekümmert, "einen Hehler habe ich nicht an der Hand."

Matu hatte seit langem einen, sogar einen zuverlässigen, aber das musste er den Grünlingen ja nicht auf die Nase binden. Aber offenbar waren alle bereit, etwas zu riskieren, um schnell an Geld zu kommen. Das sollte er sich überlegen. Nach der zweiten Runde brachen sie auf. Bei dreien wartete eine Frau mit dem Essen auf sie, Matu musste sich seine Rühreier mit Schnittlauch und Schinkenwürfeln selbst zubereiten, er war ein passabler Hobbykoch. Während er die Rühreier in sich hineinschaufelte, beschloss er, erst noch etwas zu recherchieren, bevor er sich entschied.

Matu hatte Greta Lissen vor einigen Wochen im Baumarkt kennengelernt. Sie kaufte mehrere Zahlenschlösser ein und ließ sich von ihm zeigen, wie man die Öffnungsziffern verändern konnte. Dabei fiel ihm auf, dass sie sich während der Demonstration unnötig dicht an ihn herandrängte. Er hatte nichts dagegen einzuwenden, sie war hübsch, schlank, gut gerundet und roch angenehm frisch nach einem blumigen Parfüm. Als er ihr ein Rendezvous vorschlug, stimmte sie sofort zu, meinte aber, sie könne nur mittwochs, an ihrem freien Nachmittag und Abend.

"Schade, das ist ja noch eine Ewigkeit hin", bedauerte er.

"Oder wir treffen uns sofort, jetzt gleich. Mein Chef ist ausnahmsweise zu Hause."

"Zu Hause? Ihr Chef?"

Greta war, wie sich herausstellte, eine Hausangestellte und hatte eine eigene kleine Wohnung in der Villa ihres Arbeitgebers, der heute wegen eines dicken Schnupfens nicht in sein Geschäft gefahren war. "Frei habe ich nur am Mittwochnachmittag und die Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag."

"Und die verbringt eine so attraktive Frau wie Sie doch bestimmt bei einem festen Freund", schmeichelt er.

Sie schnitt eine Grimasse: "Normalerweise ja, aber der Kerl denkt, er hat mich fest an der Leine und zieht und benimmt sich wie ein schlecht erzogener Ehemann, statt sich um mich zu bemühen. Deswegen habe ich eine längere Beziehungspause eingelegt."

Matu achtete in der Regel darauf, weder Ehemännern noch Freunden in die Quere zu kommen, aber hier war die Aufforderung zu deutlich. "In einer halben Stunde habe ich frei. Treffen wir uns vor dem Haupteingang?"

Schon auf der Fahrt in die Renzelstraße zog sie ihren weiten Rock sehr weit hoch. "Gefallen dir meine Beine", wollte sie wissen. Erstens gefielen sie ihm und zweitens hätte er in dieser Situation wohl kaum "Nein" sagen können. Vorsichtshalber fügte er aber noch an: "Auch alles andere, was daran hängt und darauf läuft." Zum Dank dafür fielen, sobald seine Wohnungstür geschlossen war, alle Hüllen. Es wurde ein wilder, lusterfüllter Abend und wäre wohl eine noch aufregendere Nacht geworden, wenn nicht kurz vor einem Höhepunkt ihr Handy gebimmelt hätte. Wer am Telefon war, musste er erraten, aber sie sagte mehrfach: "Tut mir leid, Chef, ich bin aufgehalten worden, ja, ja, Chef, ich nehme mir gleich ein Taxi und komme sofort."

"Mist", murmelten sie beide gleichzeitig.

Sie legte ihm einen Zettel mit ihrer Handynummer auf den Tisch, sprang in ihre Klamotten und verschwand blitzartig. Der Duft ihre Parfüms hing noch lange in der Luft. In der Rotweinflasche war noch ein großer Schluck zurückgeblieben, den Matu nicht umkommen ließ.

Am nächsten Mittwoch rief er vor seinem Dienstschluss Greta auf dem Handy an. Sie jubelte: "Das ist ja toll! Hast du Lust, zu mir zu kommen. Der Chef kommt erst gegen Mitternacht nach Hause, der hat mittwochs seinen Zunftabend, was immer feucht und spät wird."

"Und wo wohnst du?"

"Mauerweg 19 in Breeden."

"Donnerwetter, das ist doch direkt am Schloss, nicht wahr?"

"Ja und nein, direkt an der Mauer um das Schlossgelände."

An der Haustür staunte Matu noch einmal, als er das Klingelschild las: Martin Fleisser.

"Der Juwelier?", fragte er ungläubig.

Sie nickte nur.

Matu hatte einmal überlegt, das Hauptgeschäft Fleissers in der Langenfelder Allee zu "besuchen", den Plan aber aufgegeben, weil die Sicherheitsvorkehrungen zu massiv waren und er wenig später bei einem vergleichsweise harmlosen Bruch festgenommen wurde, was dann zu seiner ersten und bis jetzt einzigen Haftstrafe führte, von den mehrfachen Wochenendarresten als Jugendlicher zu schweigen. Seine Minusliste bei Polizei und Jugendamt wuchs. Im Knast begegnete ihm dann ein spindeldürrer "Arbeitskollege", Ottokar das Brecheisen, der erzählte, es gebe das Gerücht in ihrer Branche, Fleisser sei ein Hehler in großem Stil, was stimmen konnte, aber nicht zutreffen musste. Im Knast wurde viel erzählt. Als Matu nach der Entlassung aus der Haft seinen Stammabnehmer traf, fragte er, was an dem Gerücht dran sein konnte. Buffalo winkte ab. Fleisser sei bei keinem beliebt, aber bewiesen wäre noch keine dieser Behauptungen.

Greta verschleppte ihn in ihrer kleinen Wohnung sofort in das Schlafzimmer an. Er konnte seine Hosen nicht schnell genug fallen lassen. Hinterher steuerte er vorsichtig seine Interessen an. So ein riesiges Haus für eine Person, das sei doch die reine Verschwendung.

Sie widersprach nicht, sondern bot ihm an, eine "Schlossführung" zu machen. Jetzt lehnte er nicht ab, auch nicht, als sie erklärte, sie laufe gerne nackt durch das Haus, wenn Fleisser nicht da sei. "Und was passiert, wenn er unerwartet nach Hause kommt und dich dann nackt herumturnen sieht?"

"Dann würde er sich direkt über mich hermachen. Für sein Alter ist der Kerl noch erstaunlich geil und verdammt fit." Matu fragte nicht, woher sie das wisse.

"Was dir nicht gefallen würde?"

"Kommt darauf an, womit er es später wieder gutmachen will."

Eine so ehrliche, ungeschminkte Antwort hätte Matu nicht erwartet.

Die Hausführung ließ Fleissers Arbeitszimmer nicht aus, und Matu merkte sich das Fabrikat und den Typ des Tresors und erfüllte ihren Wunsch, als sie sich auf den Schreibtisch legte und die Beine spreizte. Er war kein Psychologe, aber selbst ihm wurde klar, dass zwischen Greta Lissen und Martin Fleisser etwas geschehen war, das sie nicht erklären wollte, was aber weiter schwelte. Ihre Behauptung, es handele sich um ein ganz normales Arbeitsverhältnis zwischen ihnen und sonst gar nichts, hatte Matu ohnehin nicht geglaubt. Aber da er für Greta keinerlei Gefühle aufbrachte, interessierte ihn die Wahrheit auch nicht. Sie bummste gerne und gut und wenn es ihr Spaß machte, vor Matu nackt durch das Haus zu laufen und mit dem wirklich hübschen Po zu wackeln, wollte er sie daran nicht hindern.

Als sie duschte, nahm er ihr Handy und notierte sich die Nummern, die sie in letzter Zeit häufiger angerufen hatte.

Buffalo meinte, wegen alter Tresore und Panzerschränke sollte er sich am besten mit Ottokar, dem Brecheisen, in Verbindung setzen, der in wenigen Tagen entlassen würde. Buffalo stellte eine Verbindung her, Matu traf sich mit dem Hageren und bezahlte ihn großzügig für zwei Lehrstunden "Wie öffne ich einen Schlözer & Tessmann aus den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert, Typ Kyffhäuser?" Ottokar würde ihm auch das nötigen Werkzeug leihen, vielleicht sogar verkaufen. Ihm drohte bei der nächsten Verurteilung Sicherungsverwahrung, und einem lebenslangen Knast fühlte sich das Brecheisen nicht mehr gewachsen. Matu verstaute alles in seinem Keller und legte den "Fall Fleisser" sozusagen vorerst einmal zur Seite, dachte erst wieder daran, als das Boccia-Quartett massiv über akute Geldsorgen zu klagen begann.

"Ich hätte vielleicht etwas", begann er am nächsten Sonntag in der Klause. "Allerdings kann es hinter Gittern enden und ihr müsstet euch mit einem Festhonorar zufrieden geben. Ich weiß nämlich nicht, was sich in der Villa befindet, und habe schon hohe Kosten für die Vorbereitung gehabt."

"Was könntest du uns denn bieten?", erkundigte sich Winkler.

"Zweitausend für jeden, gleich nach dem Job bar auf die Kralle."

"Und was müssten wir dafür tun?"

"Mit Funkgeräten Schmiere stehen und mich unter Umständen warnen, wenn da jemand in die Villa will."

"Du willst also einbrechen?", fragte Schorbach verwundert. "Das hätte ich von dir nicht geglaubt."

Matus harmlose Art und sein offenes Gesicht waren wichtige Bestandteile seines Nebenjobs. Einbrechen um des Geldes willen musste er nicht mehr, aber er liebte den Kitzel und die Gefahr, bereitete allerdings alle Brüche sehr umsichtig vor.

"In der Not frisst der Teufel Fliegen und für Freunde tut man doch auch vieles."

"Wann und wo?"

"Ich zeige euch am nächsten Mittwoch um 21 Uhr, welche Villa ich mir ausgesucht habe."

Eigentlich war es Leichtsinn; er hatte es nicht mehr gewagt, Greta anzurufen oder die Villa gründlich auszubaldowern. Greta kannte ihn und er wollte nicht riskieren, dass sie ihn zufällig sah, wenn er durch den Mauerweg stromerte. Buffalo hatte drei passende Funkgeräte auf Lager, half ihm sogar, sie umzubauen und versprach, in der übernächsten Woche am Mittwoch Werkzeug, Beute und alle Geräte zu übernehmen. Buffalo handelte nicht selbstlos, er würde einen netten Preis für seine Hilfe fordern und sich an Teilen der Beute schadlos halten. Sein Lieblingsspruch lautete: "Auch Hehler wollen leben und nicht nur trocken Brot essen." Das Brot verdiente er mit seinem riesigen Second-Hand-Store, und Leute wie Matu sorgten dafür, dass auch einmal Butter und Aufschnitt oder Käse auf die Scheiben kamen.

Am nächsten Sonntag waren alle gespannt, allein Schorbach murrte: "Nur zwei Riesen für das Risiko?"

"Welches Risiko?"

"Schließlich leisten wir Beihilfe."

"Wer will euch das nachweisen, wenn ihr den Mund haltet. Ihr spaziert abends in der Nähe des Schlossparks herum, wie viele andere harmlose Tellheimer auch."

Alle, auch Schorbach, trafen am Mittwoch pünktlich um 21 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Eingang zum Schlosspark ein, und Matu verteilte die Funkgeräte. "So, jeder muss so einen Knopfhörer im Ohr tragen. Die Geräte sind so programmiert, dass jeder jeden immer hört. Wenn einer Alarm geben will, drückt er diesen roten Knopf. Dann spricht er alleine, alle anderen Sender sind stumm geschaltet. Wenn ich durchgebe "Aktion beendet", kommt ihr zu meinem Auto auf dem Parkplatz zurück. Ich übernehme die Funkgeräte und gebe euch das Honorar. Alles klar?"

Fleissers Villa im Mauerweg 19 konnte auf vier Wegen erreicht werden, über die Grabengasse, die Haraldstraße und über Am Breedenbusch. Bis zum Mauerweg lief man vom Eingang des Parkplatzes knapp zehn Minuten, und unterwegs erprobten sie die Geräte.

"Achtung, scharfe weibliche Mine auf Kollisionskurs", alberte Winkler.

"Ausweichmanöver nach backbord", befahl Ellwanger.

"Gefahr vorbei", schloss Schorbach ab. "Treibmine von männlichem Räumer aufgenommen."

Für die drei Kumpel fanden sich Positionen, von denen aus sie "ihre" Zufahrt zum Mauerweg mühelos beobachten konnten.

An Sonntag waren alle Feuer und Flamme, auch Schorbach, was Matu etwas verwunderte. Aber allen war inzwischen wohl aufgegangen, dass sie für einen kurzen, mühe- und risikolosen Job viel Geld verdienen konnten. Am Mittwoch holte Matu vor der Fahrt in seinen Baumarkt die bestellten Geräte bei Ottokar dem Brecheisen und Buffalo ab: "Danke, Bill, dann bis heute Abend auf dem Parkplatz vor dem Schlosspark. Du kennst ja meinen Wagen, ich denke, du solltest in einigem Abstand parken."

Das verstand Buffalo ohne nachzufragen. Je weniger Leute ihn kannten und von seiner Bekanntschaft mit Matu wussten, desto besser für ihn und Matu, und Buffalo, der nur wenige echte Freunde hatte, verstand sich noch am besten mit dem Brecheisen Ottokar. Was rein geschäftlich begonnen hatte, führte allmählich zu einer Männerfreundschaft. Von Frauen hielt Buffalo ohnehin nicht viel, seine große Liebe hatte ihn im Zorn bei der Polizei verpfiffen und nie im Knast besucht oder mal geschrieben.

Der Tag im Geschäft verlief sehr ruhig, Matu hatte nicht viele Kunden zu beraten und half deshalb freiwillig mit, im Lager aufzuräumen, was seinem Chef Oskar Matzke, analog zur Blechtrommel als Steißtrommler gefürchtet, sehr positiv auffiel. Schließlich hatte er gegen einigen Widerstand durchgesetzt, dass Baumarkt-Schödel einen Vorbestraften einstellte. Auch Matu wusste, wie wichtig ein fester, gut bezahlter Arbeitsplatz für ihn war, sollte er einmal in Verdacht geraten. Denn seit er auf den Erlös seiner Brüche nicht mehr angewiesen war, betrieb er das Geschäft quasi als Hobby und Training, um nicht aus der Übung zu kommen. Weil dieses Motiv nicht auf dem Zettel der Kripo stand, geriet er auch nicht mehr in Verdacht.

Gegen 20 Uhr 30 suchte er sich auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang zum Schlosspark einen Platz und machte sich auf die Suche nach Buffalos Kleinwagen.

"Hals- und Beinbruch, Matu."

"Danke Billy. Bis nachher dann."