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Um der vom Vater verordneten Heirat zu entgehen, beschließt die schöne Katharina, mit ihrem heimlichen Geliebten Julian aus dem in bäuerlicher Tradition verhafteten Bergdorf Mauruschberg in die Stadt Weidenbrunn zu fliehen. Ihre Flucht wird jedoch zum Albtraum. Nur dank des Müllers Konstantin Eichstätt entgeht sie dem sicheren Tod. Eine Jagd beginnt. Konstantin gerät in Gefangenschaft. Mit ihren Freunden sowie dem Weidenbrunner Magistratsrat Reinhold kämpft Katharina um seine Entlastung. Der Landgraf wird eingeschaltet. Und ein zu Beginn eher unbedeutender Betrugsfall um gefälschte Passierscheine entwickelt sich zu einem besessenen Kampf um Autorität und Einflussnahme. Katharina gerät in ein Geflecht von Gewalt, Machtstreben und Erpressung. Als der Landgraf stirbt, scheint es für das kleine Dorf Mauruschberg keine Rettung mehr zu geben.
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Seitenzahl: 737
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Mauruschberg
Roman
von
Impressum
Cover: Karsten Sturm, Chichili Agency
EPUB ISBN 978-3-95865-538-6
MOBI ISBN 978-3-95865-539-3
© 110th / Chichili Agency 2015
Urheberrechtshinweis:
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Für
Das Versprechen eines warmen Tages lag in der milden, weichen Luft, als Immanuel den steilen und zerklüfteten Weg ins Flusstal nahm. Der Himmel hatte sich in ein blasses, von weißen Schleierwolken durchzogenes Blau gekleidet.
Immanuel hielt die Zügel des Esels in der einen Hand, während er mit der anderen die Karre zog, die rumpelnd über die Steine ratterte. Er blinzelte gegen das gleißende Sonnenlicht. Heut war es ihm leicht gefallen, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, während das ganze Dorf noch schnarchte und ratzte, dass er es durch jeden Klumpen Lehm hören konnte.
Wie an jedem Morgen hatte er den Ofen angeheizt, den Teig angemischt, geknetet und zu Brotlaiben geformt. Nur das Backen hatte er dem Josef überlassen, seinem quirligen Gesellen, der den lieben langen Tag seine Lieder pfiff.
Während der tönerne Ruf eines Steinkäuzchens von den Hängen widerhallte, schweiften seine Gedanken zu Gerlinde ab, der hübschen Näherin aus dem Dorf. Im Geiste sah er sie vor sich, wie sie am Tisch ihrer Stube gesessen und verlegen am Saum ihres fliederfarbenen Kleides gezupft hatte. Zerbrechlich war sie, aber zugleich von anmutiger Eleganz, von einem unwiderstehlichen Liebreiz mit feinen, ebenmäßigen Gesichtszügen.
Ohne es zu bemerken, hatte er im Laufe des herrlichen Mahls aus getrockneten Pflaumen, Hühnerfleisch und gerösteten Kartoffeln fortwährend auf ihre himmlisch zarten Hände mit den grazilen, feingliedrigen Fingern gestiert. Bis Gerlinde ihn mit einem Mal angeschaut und gesagt hatte: „So lang du auch zählst, Immanuel, mehr als fünf an jeder Hand kann ich dir nicht bieten.“
Dieser engelgleiche Blick, der ihren Worten folgte, hatte sein Herz im Sturm erobert. Ihre gütigen und sanften Augen, die so fröhlich glitzerten wie der große Weiher im Sommer, wenn die Sonne sich auf dem Wasser spiegelte. Er hatte sie einfach küssen müssen, so sehr war sein Herz vor Glückseligkeit übergeflossen. Nur eine winzige Berührung, ein Hauch auf ihren vollen, leicht nach außen gewölbten Mund. Noch jetzt, am Morgen danach, schmeckte er das himbeerrote Feuer ihrer weichen, warmen Lippen. Ein wohliger Schauer kroch durch seinen Körper.
Indem er die herrlichen Erinnerungen auskostete, sie Bild für Bild an sich vorbeiziehen ließ und im tänzelnden Schritt den Abstieg nahm, war er kurz unaufmerksam, geriet aus der Balance, fing sich aber gleich wieder. Alles war herrlich, alles erschien ihm so neu, so frisch, so leicht. Heut war ein Tag, die ganze Welt zu umarmen, die ganze große weite Welt.
Für einen kurzen Augenblick schien es ihm, als öffnete sich jeder Kelch der am Wegesrand blühenden Glockenblumen und entbot ihm, dem Bäcker aus Mauruschberg, einen freundlichen Gruß.
Was bist du nur für ein alberner Gockel, dachte er vergnügt. Aus seinem Proviantbeutel, den er mit einer Kordel am Gürtel befestigt hatte, schob er ein paar Kirschen zwischen die Zähne und spuckte die Kerne in weitem Bogen über die Wiese. Die Früchte schmeckten köstlich.
Das Tal weitete sich, und die Mühle nahm Gestalt an. In gleichmäßigen Drehungen tauchte das knorrige Holzrad in die Strömung des Flusses ein. Eiserne Schaufeln auf den Querstreben glitten in das Wasser und ließen es mit lautem Klatschen hinabfallen, wenn sie mit der Drehung aus dem Wasser emporgezogen wurden.
Knapp zehn Fuß vor der Mühle nahm der Fluss durch ein vorgelagertes Wehr Fahrt auf und sorgte die meiste Zeit des Jahres für genügend Antrieb, um das Rad in Schwung zu halten. Nun aber hatte die Trockenheit dem Fluss das Wasser genommen.
Immanuel hielt die Hand über die Augen und suchte die Wiese vergeblich nach der Stute des Müllers ab.
„He, Konstantin!“
Seine Worte verhallten ungehört. Sicher wird er den Gaul ins Geschirr genommen haben, ging es ihm durch den Kopf. Der Esel beschleunigte seinen Trab. Flacher führte der Weg nun hinab. Immanuel mühte sich, mit dem Lasttier Schritt zu halten.
Er band den Esel an einer Holzplanke fest und trat in das Innere der Mühle. Ohrenbetäubendes Knarren hölzerner Räder, die über Steinplatten gezogen wurden, schlug ihm entgegen. Das braun und weiß gescheckte Pferd, das heftig schnaubend im Kreis lief, hatte sichtlich Mühe, die Kornmühle in Bewegung zu halten. Es schwitzte am ganzen Körper und war von Unmengen Fliegen bevölkert, die es mit dem Schwanz wegzuschlagen suchte.
„Lang wird sie’s wohl nicht mehr machen.“ Ein schmächtiger, hoch aufgeschossener Rotschopf mit sommersprossigem Gesicht trat hinter der Kornmühle hervor. „Meister Konstantin glaubt, sie leidet an Arthritis, aber ich denke, es ist das Herz.“ Liebevoll strich der Junge über die struppige Mähne.
Dieser vorwitzige Naseweis, dachte Immanuel belustigt und schaute sich in der Mühle um. „Wo ist dein Meister?“
Der Junge ergriff die Zügel und ließ das Pferd anhalten. Das knarrende Geräusch ebbte ab. Übrig blieb nur das nach und nach schwächer werdende Atemholen der erhitzten Stute.
„Kurz vor Sonnenaufgang ist er zu Fuß nach Weidenbrunn aufgebrochen.“
„Die Stadt liegt gute zehn Meilen von hier entfernt.“ Immanuel musterte den Jungen skeptisch. „Bei dieser Hitze braucht dein Meister einen halben Tag für die Strecke. Hast du dich auch nicht getäuscht?“
„Getäuscht? Sicher nicht.“ Julian zog ein beleidigtes Gesicht. „Heut´ ist Pferdemarkt! Und die Mühle braucht ein frisches und starkes Arbeitstier. Die Greta“, er deutete mit dem Finger auf die schwitzende Stute, „ist einfach zu alt.“
Immanuel horchte auf. Aus der kleinen Kammer neben der Mühle war das Rascheln von Stroh zu hören. „Was war das?“
„Ach, das.“ Der Junge spielte das Geräusch mit einer wedelnden Handbewegung herunter. „Sind nur die Mäuse. In diesem Sommer ist es besonders arg. Gleich, wenn Ihr fort seid, werde ich Fallen aufstellen und das Stroh wechseln.“
„Schieb es nicht auf die lange Bank“, sagte Immanuel mit warnend erhobenem Zeigefinger. „Dein Meister hat es nicht gern, wenn das Mäusevieh in seiner Mühle Unterschlupf findet.“ Prüfend schaute er sich um. „Aber meine Ware hat er doch wohl nicht vergessen, oder?“
Wortlos verschwand Julian in einem kleinen Depot hinter der Mühle und holte der Reihe nach drei Säcke heraus. Einen nach dem anderen warf Immanuel über die Schulter und trug sie auf dem Rücken nach draußen. Zwei davon band er an den oberen Enden zusammen und befestigte sie zu beiden Seiten der Flanken am Packsattel des Esels. Den dritten legte er in die Handkarre.
„Bevor ich’s vergesse.“ Immanuels rechte Hand verschwand in einem Beutel, aus dem er ein graues Kuvert herauszog. „Sag der Post einen schönen Gruß. Der Herr Lehrer braucht ein paar neue Bücher für die Schule. Richte ihm aus, dass es dringend ist.“
Julian nickte schwach und legte das Papier in einen kleinen Korb aus geflochtener Weide.
„Und gib dem Esel Futter und Wasser.“ Immanuel warf dem Jungen eine Münze zu. „Ich geh derweil auf ein Bier zum Maximilian.“
Geschickt fing Julian die Münze auf. Im Schein der Sonne leuchteten seine Sommersprossen, als er die Mundwinkel zu einem breiten, zufriedenen Grinsen verzog.
Kaum war Immanuels baumlange Gestalt im Haus des Färbers Maximilian verschwunden, öffnete Julian eine Tür, die von der Mühle seitlich zur Schlafkammer des Müllers führte. „Komm heraus, Katharina.“
Zögerlich, den Blick nach allen Seiten gerichtet, trat ein Mädchen in die Mühle, die blasse Haut notdürftig mit einem wollenen Unterkleid bedeckt. Über ihrem linken Arm lag ein weißes Leinenkleid. Strohhalme hingen vereinzelt in den schwarzen Haaren, die dicht und seidig auf die Schulterblätter fielen. Katharina fuhr mit den Händen hindurch und verteilte die Halme auf dem Boden.
Erwartungsvoll richtete Julian seinen Blick auf sie. „Er ist fort.“ Zärtlich streichelte er ihr über den Kopf, doch sie stieß ihn brüsk von sich.
„Gleich wird der Immanuel vom Maximilian zurückkommen!“, zischte Katharina wütend und ließ das Leinenkleid über den Kopf gleiten. „Glaubst du, er hat dir die Geschichte mit den Mäusen abgenommen?“ Sie griff nach einem Korb aus geflochtenem Bast.
„Du willst schon fort?“
„Der Vater wird misstrauisch, wenn ich zu lang aus dem Haus bin.“ Nachdrücklich schaute sie ihm in die Augen. „Du hättest mir sagen müssen, dass der Immanuel heut´ kommt.“
Betreten blickte Julian zu Boden. „Sehen wir uns bald wieder?“
„Weiß nicht“, erwiderte sie spitz. „Wenn der Vater es nicht merkt. Vielleicht.“ Hastig zog sie die abgewetzten Stiefel aus dickem Leder an und drückte dem Rotschopf einen flüchtigen Kuss auf die rechte Wange. Mit kurzen, schnellen Schritten eilte sie dem Berg entgegen.
In bester Laune kehrte Immanuel zur Mühle zurück. Mit seinem alten Schulfreund, dem Färber Maximilian, plauderte er gerne. Und an diesem herrlich warmen Tag war es eine besondere Freude, einen ausgedehnten Schwatz bei einem frischen Krug Bier zu halten.
Der Esel wartete geduldig im Schatten der Mühle. Immanuel legte den Beutel mit gefärbten Stoffen, Wollen und Garnen in die Karre. Wir werden langsam gehen müssen, dachte er. Die Sonne stand hoch und gelb am wolkenlosen Himmel.
Meister Konstantin wählte den Weg entlang des Waldrandes. Die Morgenluft war angenehm frisch und kühl. Er freute sich auf den Besuch der Stadt im Schutz der Berge. Über Weidenbrunn waren eine Menge Geschichten im Umlauf, die weit in das Mauruschberger Land vorgedrungen waren. Die gespannte Erwartung beschleunigte seinen Gang.
Allmählich öffnete sich der dichte Wald dem Licht und ließ helle Streifen durch die mächtigen Baumkronen ein. Breiter und offener wurden die Schneisen, bis ihn sein Weg ausnahmslos durch waldlose Wiesen und Getreidefelder führte. Die Sonne kletterte am Himmel empor und brannte, seine Füße schmerzten in den ausgetretenen, harten Schuhen. Unter dem ledernen Wams, das er seit Jahren nicht mehr getragen hatte, spannte der Bauch.
In der Ferne tauchten die Umrisse einer Ochsenkarre auf. Ein kahlköpfiger Mann mühte sich vergeblich, das kleine Fuhrwerk aus einer Mulde flottzumachen.
„Kann ich Euch helfen, guter Mann?“
Mürrisch nickte der Kahlkopf. Sie stemmten die Schultern unter das Fuhrwerk und drückten es mit vereinten Kräften aus der Kuhle. Unter Ächzen und Stöhnen schoben sie das Gespann auf den Feldweg zurück. Wortlos nahm der Kahlkopf Holzlatte, Hammer und Eisennägel von der Pritsche und kroch unter das Fuhrwerk. Nahe dem rechten Hinterrad, unterhalb der Achse, brachte er das Holz zur Verstärkung an. Mit Schmutz überzogen kam er wieder unter dem Fuhrwerk hervor, legte das Werkzeug an seinen Platz und wuchtete seinen massigen Körper auf den Bock.
„Nach Weidenbrunn?“, fragte er knapp.
Konstantin nickte dem Bauern zu, der ihn mit silbrigem Blick musterte.
„Steig schon auf.“
Eine mächtige Hand signalisierte ihm, auf die hintere Lade aufzuspringen. Mit einem Schnalzen ließ der Bauer die Peitsche durch die Luft fliegen. Schleppend setzte sich die Ochsenkarre in Bewegung und rumpelte über die Feldwege. So seltsam und wesensfremd ihm der Bauer erschien, so erleichtert war Konstantin, den restlichen Weg nach Weidenbrunn nicht zu Fuß zurücklegen zu müssen.
In aller Frühe war er aufgebrochen. Gleich, nachdem er das Korn für Immanuel, den Bäcker aus Mauruschberg, gemahlen hatte. Für den Tag konnte er die Mühle getrost dem Julian überlassen. Ein guter Junge, der Sohn des Schreiners. Und fleißig war er für zwei. Auf ihn konnte er sich verlassen.
So gut es ging, richtete sich Konstantin auf der harten Pritsche ein. Es wurde eine schweigsame Fahrt. Nur hin und wieder durchbrachen ein paar über das Land verstreute, unverständliche Wortfetzen des Kahlköpfigen die Monotonie. Den Blick auf die im leichten Wind schaukelnden Ähren gerichtet, schlief Konstantin ein.
Eine massige Bauernhand boxte ihm in die Seite.
„He, du da!“
Schlaftrunken blickte Konstantin in ein rosigfleischiges Gesicht mit kahlem Schädel und farblosen Augen.
„Steig ab! Wir sind da!“
Der muffige Geruch eines Menschen, der seit Tagen nicht mehr im Wasser gelegen hatte, schlug ihm entgegen. Umständlich rappelte sich Konstantin auf, griff in seine Tasche und holte eine Kupfermünze hervor.
„Dank Euch für die Fahrt“, rief er im Absteigen und warf dem Bauern die Münze zu.
Der Kahlkopf fing das Geldstück mit einem Strohhut auf und brummelte missmutig ein paar unausgegorene Brocken vor sich hin, bevor er sich zurückzog. Konstantin steuerte derweil auf die Pferdestation zu. Im Schatten eines quadratischen Zeltdachs wartete eine Handvoll brauner Rappen auf Kundschaft. An der Tränke wusch er sich Arme und Gesicht und schlug, erfrischt und voller Tatendrang, den Weg nach Weidenbrunn ein.
Seit einer Weile schon flirrte die Luft im Land vor Gerüchten. Vom neuen Glanz der Stadt war die Rede. Vom lebhaften Treiben in den Gassen, vom überbordenden Angebot der Märkte hatten reisende Händler bei einer kurzen Rast an der Mühle geschwärmt. Von den Mädchen, die in den Gasthöfen nach Freiern Ausschau hielten und für ein paar Münzen verlockende Lustbarkeiten versprachen.
Konstantin drosselte seine Schritte. Der Anblick raubte ihm den Atem. Zehn Jahre mochten es wohl her sein, dass er Weidenbrunn nicht mehr besucht hatte. Zuletzt an jenem Tag, an dem er seine Greta für die Mühle gekauft hatte.
Alle Erzählungen, alle Berichte, die ihm zu Ohren gekommen waren, wurden übertroffen von dem mächtigen Bild vor seinem Auge. An Stelle der beschaulichen Siedlung, die er aus früherer Zeit kannte, erhoben sich die Giebel und Türme einer Stadt, umgeben von einer übermannshohen Mauer aus Lehm und grob behauenen Steinen. Ein breites Tor bildete den einzigen Durchgang von Süden her, flankiert von der Stadtwache, die rechts und links des Tores je zwei Mann postiert hatte.
Konstantin fiel eine Ansammlung von Menschen auf, die sich neben dem Portal niedergelassen und Säcke und Beutel auf dem Boden verteilt hatte. Keiner von ihnen machte Anstalten, die Stadt zu betreten. Er spürte die prüfenden Blicke eines Wachpostens, der ihn ins Visier genommen hatte. Als er das Stadttor passieren wollte, baute sich der grünweiße Waffenrock vor ihm auf.
„Halt! Wer seid Ihr? Händler oder Kaufmann?“
„Nichts dergleichen. Ich bin ein Müller, der auf dem Markt ein Pferd kaufen möchte.“
„So wirst du dich gedulden müssen, Müller. Wir haben Order, ausschließlich Bürger von Weidenbrunn und die Marktleut´ einzulassen. Die Stadt ist verstopft vom Strom der Menschen, die seit dem Morgen auf den Markt drängen.“
„Was fällt Euch ein? Ist der Pferdemarkt nicht für jedermann zugänglich, der kaufen und verkaufen möchte?“ Verärgert breitete Konstantin die Arme aus. Er schob seinen Bauch dem Wachmann entgegen, der jedoch abweisend zur Seite blickte, die Lanze senkrecht vor dem kräftigen Körper.
„Zur Mittagsstunde wird die Stadt wieder zugänglich gemacht. Solange werdet Ihr wohl oder übel warten müssen“, verkündete er mit wichtiger Miene.
„So lasst mich doch durch.“ Ein Flehen mischte sich in den Blick des Müllers. „Ich hab den weiten Weg von Mauruschberg gemacht und muss heuer wieder zurück. Nur der Markt und schon bin ich wieder fort.“
Ein zweiter, breitschultriger Wachmann mit finsterer Miene trat hinzu.
„Was willst du noch, Mann? Hast du nicht gehört? Scher dich weg, bis wir das Tor für den Pöbel freigeben!“, herrschte er ihn mit dröhnender Bassstimme an.
„Ich muss in die Stadt! So habt doch ein Herz.“ Schiere Verzweiflung spiegelte sich im Gesicht des Müllers wider. „Ohne ein neues Pferd bin ich verloren!“
Verschwörerisch beugte sich der finstere Wachposten zu ihm herab.
„Eine Möglichkeit gäbe es noch“, flüsterte er grinsend.
„Dann sagt mir, welche!“
„Lass uns ein paar Schritte gehen, Müller.“
Der Posten führte Konstantin ein Stückweit die Stadtmauer entlang, außer Hörweite der Wachen.
„Kein Sterbenswörtchen, hast du gehört?“ Unter buschigen Brauen blickten ihn tiefschwarze Augen bedrohlich an. „Zu niemandem!“
„Ihr habt mein Wort“, sagte der Müller, sichtlich eingeschüchtert von Uniform und Drohgebärde.
„Geh zum Osttor“, flüsterte der Torwächter. „Dort frag nach Florian. Du wirst ihn gleich erkennen. Ein Bursche mit einem Gesicht, dass einem das Essen wieder zum Halse herauskommt.“ Sein Gesicht krampfte sich zu einer abstoßenden Grimasse zusammen. „Ist im Feuer eingeschlafen“, fügte er mit wissendem Blick hinzu. „Wirst schon sehen. Der Florian wird dir einen Passierschein geben.“
„Ist das alles?“ Konstantin sah ihn überrascht an.
„Nun“, grinste der Wachmann breit und schwarz, „eine Kleinigkeit wird es dich schon noch kosten.“
„Was nennt Ihr eine Kleinigkeit?“
„Einen viertel Gulden sollte es dir wohl wert sein.“
„Das nennt Ihr eine Kleinigkeit?“, rief Konstantin empört.
Der Posten legte einen Finger auf den Mund.
„Bist du von Sinnen, Mann? Willst du, dass ich dich ins Loch werfen lasse?“
Wie im Fieber rasten die Gedanken in Konstantins Kopf hin und her. Eine Entscheidung musste getroffen werden. Er blickte auf die Menschenmenge, die auf Einlass wartete. Dachte an den weiten Weg, den er zurückgelegt hatte, an die Mühle. Er brauchte das Pferd! Die Anschaffung eines neuen Gauls konnte er ums Verrecken nicht hinausschieben!
„Einen viertel Gulden?“ Die Augen des Müllers weiteten sich erneut vor Bestürzung und Unentschlossenheit. „Für einen Passierschein? Ist das Euer letztes Wort?“
Aus dem Mund des Wachmanns drang bösartiges Gelächter. Mit ausgestrecktem Arm schob er Konstantin beiseite.
„Wenn du nicht willst, so lass es doch.“
Er tat unbeteiligt, doch aus den Augenwinkeln beobachtete er den Müller, der verzweifelt nach einem Ausweg suchte.
„Könnt Ihr mir nicht einen Passierschein ausstellen?“
„Was fragst du so viel? Bring mir den Schein, und ich lasse dich passieren.“ Er schob sein Gesicht dicht an das des Müllers heran. Sein fauliger Atem spie einen üblen Geruch von Eiter aus.
„Nur mir, hast du gehört? Du findest mich in der Schilderwache. Siehst du?“ Er wies auf ein schmales, spitz zulaufendes Häuschen in grünweißem Anstrich unweit der Stadtmauer.
„Zu niemand ein Wort! Ansonsten werde ich den Wachen glaubhaft versichern, du hättest mich unflätig beleidigt.“ Sein breites Grinsen bekam eine gehässige Note. „Für diesen Fall würde ich dich sogar ohne Passierschein in die Stadt hineinlassen. Aber leider“ – er drückte seine linke Pranke gegen die Steine der Mauer – „auch nicht so schnell wieder heraus.“
Krachend schlug er Konstantin auf die Schulter und trottete davon.
Am Osttor, das den Bergen zugewandt war, hielten sich nur wenige Menschen auf. An Markttagen blieb es geschlossen, wie Konstantin erfuhr. Rasch fand er den gesuchten Florian, dessen Gesicht unter einer wulstigen Decke von narbigen Auswüchsen verborgen war.
Wortlos zog ihn der arme Kerl hinter einen kleinen Mauervorsprung und zückte aus einem Lederbeutel, der um seinen Hals baumelte, ein Stück Papier. Große, gleichmäßig geschwungene Letter formten das Wort ‚Passierschein’, weiter unterhalb stand das Datum des Markttages, daneben prangte der Abdruck des städtischen Wachssiegels.
Konstantin zählte, nachdem er das Dokument in Augenschein genommen und für gut befunden hatte, dem Narbengesicht die Münzen in die Hand. Im Laufschritt kehrte er zum Südtor zurück. Eilends suchte er das Schilderhäuschen auf, holte verstohlen das Papier aus seinem Wams und zeigte es dem Torwächter. Der Posten griff danach, doch blitzartig zog der Müller seine Hand fort.
„Der Schein dient mir als Pfand, guter Mann“, sagte Konstantin, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. „Wer kann mir versichern, dass Ihr mir nicht Eure Männer auf den Hals hetzt und mich in ein Verlies werfen lasst?“ Er steckte das Papier in sein Wams zurück. „Mit dem Besitz des Dokuments ist mir ein wenig wohler.“
Voller Unruhe blickte der Wachmann an Konstantin vorbei.
„Gib mir das Papier!“, zischte er. Sein Gesicht brannte vor Wut.
„Was würdet Ihr davon halten, wenn ich diesen Schein, mit einem schönen Gruß von Euch, schnurstracks der Polizei übergäbe?“ Konstantin schaute dem Torwächter geradewegs in die Augen. „Wie war doch gleich Euer Name?“
„Du schweigst wie ein Grab, Müller! Hast du verstanden?“ Der Posten legte die Hand auf ein blitzendes Messer an seinem Waffenrock. Seine Augen traten bedrohlich aus den Höhlen hervor. „Wenn nicht, wirst du es bitter bereuen. Glaub mir!“
Ohne den Drohungen des Wachmanns weiter Beachtung zu schenken, wandte sich der Müller ab. Leise fluchend passierte er das Tor. Den Passierschein hatte er gerettet. Ob es für ein gutes Pferd reichen würde, stand in den Sternen.
Fremdartig und faszinierend zugleich wirkte das neue Bild der Stadt auf Konstantin. Fort waren die geduckten, schmalen Fachwerkhäuser mit den schweren, groben Balkengerüsten und den spitz zulaufenden Dächern. Ihre Stelle hatten Häuser mit schmalen, elegant glattgeschliffenen Balken und breiteren Fronten eingenommen, deren Giebel sich treppenartig in den Himmel schoben. Die hohen Fenster sorgten für hellere Räume als in den kleinen Fachwerkhäusern, deren Schrägbalken keine großen Luken zuließen. An den Fassaden klebten Erker oder Türme, die den Häusern eine verspielte Leichtigkeit gaben. Anstelle des Lehms füllten rote, ungleichmäßig geformte Ziegelsteine die Zwischenräume.
Hingerissen bestaunte Konstantin die im Schein der gleißenden Sonne rot und gelb funkelnden Häuserfronten. Ganz in die ihm so unbekannte und neue Welt versunken, blieb er auf der Gasse stehen.
Doch die unaufhaltsam aus allen Richtungen zum Pferdemarkt drängende Menschenmenge schob ihn unsanft voran. Fliegende Händler, die ihre Ware auf hölzernen Ständen am Rand der Gasse ausgebreitet hatten, säumten den Weg zum Marktplatz. Mit beinah kindlicher Neugier betrachtete der Müller die unfassbare Vielfalt an Brot, Fleisch, Käse und Butter in vielfältigsten Formen und Sorten. Exotische Kräuter und fremdländische Leckereien wie Datteln und Feigen boten die Händler ebenso feil wie parfümierte Seifen und feine Tuche. Fässer voll Wein und Bier verlockten zu einer kurzen Erfrischung. In kleinen, viel zu engen Käfigen saßen dichtgedrängt Enten, Hühner oder Gänse, um als Festbraten in den Küchen der Schaulustigen zu landen. Tisch an Tisch reihte sich die Palette des weitgestreuten Angebots.
Konstantin näherte sich einem der Stände.
„Kann ich Euch helfen, Herr?“ Vor ihm stand ein schnauzbärtiger Mann mit weißer Schürze. Auf dem ovalen Kopf saß eine hohe, turmartige Bäckermütze.
„Eure Auswahl ist großartig“, brachte Konstantin ein wenig stockend und hilflos hervor. „Eine solche Vielfalt an Brot ist mir noch nie unter die Augen gekommen.“
„Es ist aus dem gemacht, was mir zur Verfügung steht.“ Der Bäcker zeigte mit ausladender Armbewegung auf den Tisch. „Hier findet Ihr die Roggenbrote.“ Er deutete auf die dunklen Laibe. „Dort Brote aus Weizenmehl.“ Der Zeigefinger der rechten Hand ging weiter. „Dies hier sind Mischbrote. Aus Weizen und Roggen. Daneben kleinere Brote aus Mais, Grünkern oder Dinkel. Ganz außen süße Stuten mit Mandeln oder Mohn.“
Die Verblüffung stand Konstantin ins Gesicht geschrieben. Mit offenem Mund starrte er dem Bäcker, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, ins Gesicht.
„Ihr seid nicht von hier, hab ich Recht?“
„Ist wohl kaum zu übersehen“, antwortete Konstantin mit Blick auf die Menschenmenge, die sich um die Stände drängelte. „Ich bin Müller. Vom Fuße des Mauruschbergs.“
„Einer der Müller vom Fluss?“
Konstantin nickte beiläufig.
„Aber sagt, guter Mann, für eine so reichhaltige Auswahl braucht es sehr viel Korn. Und eine Mühle, die diese Sorten in ausreichender Zahl liefern kann. Dazu seid Ihr nicht der einzige in der Gasse. Drei an der Zahl habe ich bereits ausgemacht. Wer liefert Euch solche Mengen?“
Vielsagend lächelte der Bäcker in sich hinein. Sein kleiner, silbriger Oberlippenbart glänzte im Schein der Sonne wie eine unendliche Zahl winziger Tautropfen.
„Ihr wollt es wirklich wissen?“
„Wenn es keine Sache von großer Geheimhaltung ist.“ Die Röte gesteigerter Ungeduld legte sich über Konstantins Gesicht. „Sprecht!“
„Nichts, was Euch nicht jeder Bürger von Weidenbrunn berichten könnte.“ Der Bäcker verschränkte die Arme vor der Brust, um die Bedeutung seiner Worte zu untermauern. „Diese Stadt besitzt eine eigene Mühle.“
Mit einem festen Blick, aus dem die privilegierte Teilhabe an moderner, epochaler Neuerung sprach, blickte er Konstantin stolz in die Augen. Stirnrunzelnd beobachtete er, wie der Müller versuchte, ein Prusten zu unterdrücken, um dann, mit einer befreienden Salve, umso ungestümer in unbändiges Lachen auszubrechen.
„Verzeiht“, brachte dieser unter dem Gelächter hervor, „aber Ihr seid ein rechter Possenreißer. Eine Mühle!? Hier in Weidenbrunn?“ Konstantin hielt die Hand vor den Mund, um den Bäcker mit seinem herausfordernden Lachen nicht zu demütigen.
„Wahrhaftig, es wäre Euch fast gelungen, mich auf den Arm zu nehmen“, fügte er schnaufend hinzu und hielt die Hände vor seinen Bauch.
„Was findet Ihr daran komisch, Müller?“ Die schneidende Stimme des Bäckers, der aus seinem Groll keinen Hehl machte, erstickte augenblicklich Konstantins Gelächter.
„Was daran komisch ist? Das will ich Euch sagen. Eine Mühle braucht Wasser. Oder Wind! Ihr habt weder das Eine“ – Konstantin winkelte den linken Arm vor seinem Körper an, um ihn dann nach vorne fallen zu lassen – „noch das Andere!“ Er tat das gleiche mit dem rechten Arm. „Der Fluss liegt viel zu weit entfernt. Und einen Kanal, der in Eure Stadt führt, gibt es nicht. Woher wollt Ihr also fließendes Wasser nehmen? Das flache Tal schützen die Berge. An einem starken Wind, den es für den Antrieb der Flügel braucht, mangelt es daher ebenso! Auf welche Weise wollt Ihr eine Mühle betreiben, die solche Mengen an Korn mahlen kann?“
Nun war es an Konstantin, mit verschränkten Armen dazustehen und sich wichtig zu machen. Der Bäcker nahm die Belehrung des Müllers mit Gelassenheit auf.
„Das will ich Euch gerne erklären“ erwiderte dieser verbindlich. „Uns ist es gleich, auf welchem Pegel das Wasser steht. Ob der Wind als Sturm heranbraust oder als laues Lüftchen daherkommt. Wir benötigen weder Flügel noch Mühlrad.“
Aus Konstantins Gesicht verschwand das übermütige Funkeln der Augen.
„Die Mühle“, sagte der Bäcker mit gedehnten Worten und hob den Kopf ein wenig in die Luft, als wollte er eine wichtige Rede halten, „wird von einer Maschine angetrieben. Einer Dampfmaschine!“
„Eine Dampf…ma...schine?“ In Konstantins Gesicht machte sich Ratlosigkeit breit. Hin und wieder hatte er davon läuten gehört, ohne jedoch den unglaubwürdigen, fantastischen Schilderungen Glauben geschenkt zu haben. „Was um Himmels Willen soll das sein?“
„So nennt man eine mit Dampf angetriebene Konstruktion aus Eisen“, entgegnete der Bäcker beschwingt, mit der Wirkung seiner Worte rundum zufrieden. „Unsere Mühle arbeitet, so lange die Maschine den Dampf liefert. Bei jedem Wetter, das der Herrgott uns schickt. Ohne Unterlass. Auf diese Weise können wir die Mengen an Korn und Mehl bedienen, die in der Stadt benötigt werden.“
Mit beiden Armen zeigte der Bäcker auf die Passanten, die in großer Hast über das Pflaster huschten. „Jeden Tag werden es mehr. Und alle wollen arbeiten und essen. So müssen wir dafür sorgen, dass jeder sein Teil bekommt.“
Dem Müller wurde der Hals trocken.
„Habt Ihr wirklich noch nie etwas davon gehört?“
Konstantin schüttelte den Kopf.
„So schaut Euch die Mühle doch einmal an.“ Der Bäcker steckte zwei Finger seiner mehlstaubbedeckten linken Hand zwischen die Zähne und stieß einen grellen Pfiff aus. “Mein Lehrbub, der Bastian, wird Euch gern den Weg weisen.“
Ein Junge von zwölf Jahren schlurfte aus der Backstube, Haare und Gesicht übersät mit Mehlstaub. Eine viel zu große, weiße Schürze hing bis zu den Schuhen herab.
„Basti, zeig dem Herrn den Weg zur Mühle. Aber gib gut auf ihn Acht.“ Der Bäcker zwinkerte dem Müller freundlich zu. „Der Herr ist gerade aus allen Wolken gefallen.“
Mit Unverständnis sah der Junge zu seinem Lehrherrn hoch, der ihn lachend auf die Gasse schob. „Nun geh schon! Aber komm zeitig zurück! Die Backstube muss noch gefegt werden.“
Der Lehrjunge nahm den Müller bei der Hand und zog ihn mit sich fort. Ein letztes Mal schaute sich Konstantin um und nickte dem Bäcker abwesend zu. Er konnte einfach nicht glauben, was er soeben gehört hatte.
„Ruhe bitte! So haltet doch Ruhe!“
Im Ratsherrensaal des Weidenbrunner Magistrats herrschte helle Aufregung. Die Amtsträger waren von ihren Stühlen aufgesprungen und lieferten sich hitzige Wortgefechte. Der Saal kochte!
„Meine Herrn!“
Am Kopfende eines langgezogenen, rechteckigen Tisches aus dunklem Nussholz saß der leitende Magistratsrat Sartorius, ein graumelierter Mann von etwa fünfzig Jahren, dessen Gesicht durch einen wuchtigen Bart verdeckt wurde. Energisch läutete er die kleine silberne Glocke, die zu seiner Linken stand.
„Meine Herrn, ich muss mich doch sehr wundern! Contenance, meine Herrn. Contenance. Bitte wieder Platz zu nehmen!“
Erneut hallte der durchsichtige Klang der Glocke durch den Raum. Die erregten Gemüter beruhigten sich zusehends. Die hochroten Köpfe kehrten zu gewohnter Blässe zurück.
„Fahren wir also fort“, rief Meister Sartorius mit fester, energischer Stimme und kratzte mit der linken Hand an der dichten Haarpracht seines Kinns. „Die Depesche des Landgrafen lässt keine Zweifel aufkommen. Vom nächsten Jahr an werden Abgaben und Steuern nach der Anzahl der Bürger erhoben, die in unseren Mauern leben.“
„Das ist gegen Sitte und Anstand“, rief einer der Magistratsräte aufgebracht. Sartorius ließ sich in seiner Rede nicht beirren. Er nahm sein Monokel vom blankpolierten Holz, setzte es zwischen die rechte Augenbraue und den darunter liegenden Wangenknochen, neigte ein wenig den Kopf und wandte sich dem Papier zu, das er in beide Hände nahm.
„Weiter heißt es in der Depesche, der Stadt Weidenbrunn wird auferlegt, in jedem zweiten Jahr die Zahl der Bewohner von Amts wegen neu festzustellen. In seiner Begründung führt der Landgraf aus, dass die Landbevölkerung vermehrt in die Städte strebe, um dem wachsenden Bedürfnis nach Arbeitskräften in Fabriken und Manufakturen gerecht zu werden. Diese Entwicklung begrüßt der Landgraf ausdrücklich, im Besonderen den Einsatz von Maschinen in Fabriken und städtischen Einrichtungen. Seiner Überzeugung nach, so heißt es wörtlich, werden die Erträge unserer Stadt mit dem Fortschreiten der industriellen Entfaltung in außerordentlichem Umfang anwachsen. Hierdurch seien die steigenden Abgaben an Seine Exzellenz hinreichend ausgeglichen. Unserem Volk wird er zu großem Wohlstand verhelfen, der neue Segen des Fortschritts! - So der Wortlaut der Depesche.“ Sartorius reichte das Stück Papier an den Magistratsrat zu seiner Linken weiter. „Lest selbst!“
„Was hat der Landgraf mit den Städten zu schaffen?“, rief ein Spitzbart aufgeregt. „Den Geldsegen reklamiert der hohe Herr doch nur für seine kostspieligen Empfänge und Liebhabereien.“
„Meine Herren Räte, wir sollten uns vor unbedachten Äußerungen hüten. Die Ansichten des Landgrafen sind nicht von der Hand zu weisen.“ Alle Augen richteten sich auf einen Mann, etwa Mitte dreißig, mit einem frischen, offenen Gesicht und braunen Augen.
„Dem Landgrafen laufen die Bauern, Müller und sonstigen armen Teufel weg. Vornehmlich die jungen. Seit Hunderten von Jahren waren die Bauern eine solide und verlässliche Einnahmequelle für den landgräflichen Säckel. Sie lieferten, was die Familie Seiner Exzellenz zum Leben brauchte. Und noch ein bisschen mehr, wie wir alle wissen.“
Die Räte lachten. Jeder im Saal wusste, dass Landgraf Karl-August den Freuden des Lebens überschwänglich zuneigte. Allen Freuden des Lebens!
„In diesen Zeiten, in denen allerorten Fabriken wie Pilze aus dem Boden schießen, verlassen viele Bauern ihre Höfe“, fuhr der Mann fort. „Und wenn nicht die Bauern selbst, dann deren Söhne. Sie suchen Arbeit in den Manufakturen, Fabriken, Ziegeleien und was weiß ich noch alles. Folglich verfallen viele Höfe, die Abgaben sinken und dem guten Landgraf gehen die Freuden des Lebens flöten.“ Die Hand des Redners hob sich und schwenkte in Schlangenlinien durch die Luft, als wolle er etwas auffangen, was ihm abhanden gekommen war. Schallendes Gelächter durchdrang den Saal.
„Das aber ist nur die eine Hälfte der Wahrheit.“ Er hob den rechten Arm, bis Stille im Saal einkehrte. „Landgraf Karl-August ist nicht nur ein Mann sinnlicher, ausschweifender Genüsse. Er war und ist auch ein guter, vor allem gerechter Landesherr. Die Bauern hat er in allzu schlechten Zeiten von Abgaben freigestellt. Die Armen und Gebrechlichen geschützt, wo und wie es ihm möglich war.“ Für einen Moment ließ er die Worte im Raum stehen. „Allein… die Untertanen, die das Gesetz vor vielen Jahren zu freien Bürgen erklärt hat, machen sich vom Acker und drängen in die Städte. Die Maschinen in den Fabriken aber laufen tags wie nachts, wenn es sein muss. Wer profitiert nun von der neuen Freiheit? Die neue Klasse der Arbeiter? Mitnichten! Die armen Kerle kommen vom Regen in die Traufe. Statt an der Luft und im Stall schuften sie nun an den Maschinen, bis sie vor Erschöpfung umfallen. Der Landgraf? Wohl kaum. Seine Erlöse sinken, wenn die Bauern geringere Ernten einfahren und weniger zum landgräflichen Etat beitragen. Wer also dann?“
Fragend blickte er in die Gesichter der Räte, die seiner Rede mit aufmerksamer Skepsis folgten.
„Ich will es Euch sagen! Es sind die Kaufleute und Fabrikbesitzer, die gutes Geld verdienen und dessen ungeachtet viele Gulden in den eigenen Säckel wandern lassen. Deren Abgaben werden von der Stadt erhoben. Wo in den alten Zeiten Größe und Ausdehnung des Landbesitzes Richtschnur waren, haben die Städte Steuern auf Herstellung, Kauf und Verkauf von Waren eingesetzt. Erlös der Fabrikanten und Überschüsse der Städte stiegen mit jedem Jahr. Wovon die Exzellenz nichts merkt, denn alle Städte zahlen nach der alten Ordnung. So ist es nur gerecht, wenn der Landgraf eine neue schafft. Wie sonst soll er unsere Armee bezahlen, die gegen den Franzos’ schon so wacker gekämpft hat? Wo anders soll er die Unkosten für Schulen und Universitäten auftreiben?“
Sein Blick wanderte erneut in die Runde der Amtsträger.
„Seien wir aufrichtig. Hat es Weidenbrunn nicht zu Wohlstand, ja sogar bescheidenem Reichtum gebracht? Sind wir nicht gut dabei gefahren, dass sich viele Fabrikanten und Arbeiter im geschützten Tal niedergelassen haben? Das Loch, das die neue Abgabenordnung in den Stadtsäckel reißt, wird uns nicht gleich an den Bettelstab bringen. Die Bürger können auch in fernen Zeiten gut und sorgenfrei in unseren Mauern leben und kommen dabei doch auf ihre Kosten.“ Mit einem selbstbewussten Lächeln blickte er Meister Sartorius an und nahm auf seinem Lehnhocker Platz. Für einen Moment war es still im Magistratssaal.
„Ihr habt wohl gesprochen, Meister Reinhold!“
Das Lob verband Sartorius mit einem auffallend feindseligen Blick. Ein hagerer Mann mit knochigem Gesicht erhob sich.
„Wohl wahr. Aus Weidenbrunn ist eine wohlhabende und schöne Stadt geworden.“ Knarzend bahnte sich die Stimme ihren Weg. „Fabrikanten und Arbeiter sind diesem Fleckchen Erde wohl gesonnen. Aber, mit Verlaub, ist es nur Glück oder dem Willen unseres Herrn Jesus Christus zuzuschreiben, dass unser Städtchen es so gut getroffen hat?“
Er ballte die rechte Hand zu einer knochigen Faust.
„Ganz sicher nicht, meine Herren Räte! Haben wir nicht besten Granit anfahren lassen, um die Wege zu pflastern? Wurden nicht Gaslaternen an den breiten Gassen und dem Marktplatz aufgestellt, um unsere Bürger in den Nächten vor räuberischem Pack zu schützen?“
Die Finger seiner rechten Hand pressten sich noch tiefer in das rosafarbene Fleisch.
„Haben wir nicht Schild- und Torwache verdoppelt? Bauten wir nicht eigene Schulen für unsere Töchter und Söhne? Den Fabrikanten erlassen wir für ein Jahr die Abgaben, wenn sie redliche Menschen unserer Stadt in ihren Dienst nehmen. All das kostet uns nicht wenig. Und die Stadt wächst! So schnell, dass wir mit dem Planen, Bauen und Pflastern kaum nachkommen.“
Einige Magistratsräte nickten zustimmend.
„Ihr habt uns wissen lassen, dass dem Landgraf die Bauern weglaufen, Meister Reinhold. Eins sag ich Euch: Böte sich mir als Bauer die Gelegenheit, so würde auch ich Reißaus nehmen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang plackern sie sich ab. Und wozu das Ganze? Ein heißer Sommer, ein beinharter, frostiger Winter, und die Früchte der Arbeit sind durch Mutter Natur, die weder Gnade noch Barmherzigkeit kennt, vernichtet! Kommt es ganz hart, sterben sogar die Tiere hungers. Dann müssen die Bauern und ihre Knechte sich selbst vor den Pflug spannen, um wenigstens Frau und Kind und den Hof am Leben zu erhalten. Wenn dann die karge Ernte am Ende eingefahren ist, kommt der feiste Landgraf und will obendrein seinen Teil.“
Gemurmel und Getuschel erhob sich. Die Darstellung der landgräflichen Unersättlichkeit fand ein geteiltes Echo.
„In unseren Mauern ergeht es ihnen besser“, fuhr der Knochige resolut fort. „Ein trockenes Dach über dem Kopf und eine Arbeit, die sie zu jeder Jahreszeit ernährt. Schließlich werden sich ja nicht gleich alle Bauern auf den Weg nach Weidenbrunn machen.“
Das Gemurmel schwoll zu einem befreienden Gelächter an.
„Und Landgraf Karl-August?“, fragte der Knochige mit eisernem Blick in die Runde. „Lässt er sich nicht das Land, das wir für die neuen Fabriken und Häuser benötigen, teuer bezahlen? Sind wir nicht bereits die neuen Bauern, die zum Melken geführt werden?“ Er wandte sich seinem Vorredner zu. „Glaubt mir, Meister Reinhold, seine Kühe findet der Landgraf überall!“ Mit säuerlichem Gesicht nahm er wieder Platz. Einige Magistratsräte pochten leise mit der Faust auf den Tisch. Als Zeichen der Zustimmung.
„Dank Euch, Magister Konrad.“ Sartorius wollte gerade mit der Sitzung fortfahren, als sich ein kleiner, rundlicher Mann mit einem massigen Schädel und einer deutlich sichtbaren Narbe quer über der rechten Wange zu Wort meldete.
„Wir alle hier im Saal erfreuen uns am Ansehen und Wohlstand Weidenbrunns. Wir sind, so darf ich getrost sagen, eine geachtete Stadt im landgräflichen Bezirk. Es wäre, wie Meister Reinhold uns richtigerweise wissen ließ, unbedacht, den Landgraf zu verärgern. indem wir uns gegen die neue Abgabenordnung zur Wehr setzen. Die Gunst seiner Exzellenz sollten und dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.“
Er senkte kurz den Kopf, um den weiteren Gang seiner Gedanken aus dem vor ihm liegenden Papier abzulesen, auf dem er sich während der Debatte einige Notizen gemacht hatte.
„Wir müssen jedoch erkennen, dass die steigende Flut der Neuankömmlinge nicht nur eine Freude, sondern in gleichem Maße eine Last für diese Stadt ist. Zumal wir nun jeden Kopf aus der Nähe betrachten müssen.“ Er kratzte sich hinter dem linken Ohr. „Nicht nur ehrliche Mitbürger lassen sich in unserem schönen Städtchen nieder, auch das Gesinde schleicht sich beizeiten zu uns ein. Das Jakobsviertel im Norden ist ein Schlupfloch für übles und gemeines Pack. Gebieten wir dem Treiben keinen Einhalt, werden Diebe, Strolche und Tunichtgute bald die ganze Stadt überschwemmen. Den fleißigen Arbeitern wird das nicht gefallen. Sie werden ihre Zelte abbrechen und in ruhigeres Fahrwasser weiterziehen. Dann ist es vorbei mit den modernen Gaslaternen, der Erweiterung der Parkanlagen oder einem schönen neuen Spritzenhaus.“
Sein massiger Schädel schob sich über einem kurzen Hals nach vorne.
„Schleppt uns dazu noch Krankheiten und Epidemien ein, das Lumpenpack. Ein neues Spital muss die Stadt für seine Bürger bauen. Treibt die Kosten damit in die Höhe. Soll unsere Stadt fortan gedeihen, so müssen wir die Spreu vom Weizen trennen.“
Erneut erhob sich der junge Magistratsrat Reinhold.
„Verzeiht, Meister Leonhard, wenn ich Euch auf ganzer Linie widerspreche. Ihr selbst wart in früheren Zeiten ein einfacher und von Herzen ehrlicher Bauer, bevor Ihr in dieser Stadt eine neue Heimstatt gefunden habt. Erst das königliche Gesetz hat Euch zu einem freien Mann gemacht.“
„Hört! Hört!“ Meister Leonhard lächelte ihn frostig an. „Durch Euer Talent und Euern Fleiß seid Ihr heute ein Stadtbaumeister von Ansehen und Gewicht“, fuhr Reinhold freundlich lächelnd fort. Meister Leonhards Miene entspannte sich im Angesicht der Schmeichelei. Reinhold wandte sich wieder dem Plenum zu.
„Im Jakobsviertel leben die Stände, die wir in früherer Zeit als ehrlos bezeichnet haben. Fälschlicherweise, wie ich ausdrücklich erwähnen möchte. Viele waren seit jeher fleißige Leut‘. Die Tuchmacher, Schinder oder Abdecker. Einfache Menschen, die nur dem Handwerk nachgingen, das sie von Vätern und Großvätern gelernt hatten. Für ihre Dienste werden sie mit einem Hungerlohn abgespeist. Geächtet, verachtet, ausgestoßen aus der Gemeinschaft. An ihrer Armut tragen sie meist keine Schuld. Eine Heirat mit Ehrlichen wurde ihnen per Dekret verweigert. Sie teilen mit Ratten, Spinnen und anderem widerlichen Getier das Bett. Feucht und dunkel ist es in den Häusern. Ist es ein Wunder, dass sie krank und gebrechlich sind? Aber auch sie sind Bürger dieser Stadt und haben viel Grausames erfahren, das wir im Traum nicht mal erleben möchten. Ihnen wurde die Gnade des Königs nicht zuteil, denn ihre Freiheit ist durch die schwere Bürde von Armut und Gebrechlichkeit beschränkt. Nicht zum Lumpengesindel dürfen wir sie degradieren! Lieber sollten wir ihnen auf die Beine helfen. Einen Zacken würden wir uns damit nicht aus der Stadtkrone brechen.“
Mehrere Magistratsräte protestierten lautstark. Reinholds Stimme tanzte eindringlich und beschwörend über den Köpfen der Räte.
„In unseren Landen war es immer so, dass die Starken den Schwachen halfen. Der Landgraf hat dies immer gutgeheißen. Wollen wir Städter, denen der Bauch schon über das Wams wächst, diese gute Tradition über Bord werfen? Nur aus dem einen Grunde, dass unsere Beutel sich bis zum Bersten füllen?“
Die Proteste mehrten sich.
„Meister Reinhold! Mäßigt Euch!“ Sartorius warf dem jungen Mann einen erbosten Blick zu. Kurz und hell ließ er die Glocke ertönen.
„Meine Herren, die Standpunkte sind nun dargelegt. Allenthalben herrscht Einigkeit, dem Anliegen des Landgrafen Rechnung tragen zu müssen. Ob es uns gefällt oder nicht. Eure Ansicht, Meister Reinhold, die Neuordnung der Abgaben an den Landgrafen würde uns nicht allzu teuer zu stehen kommen, teile ich offen gesagt nicht. Es werden nicht wenige Gulden und Dukaten sein, die wir zusätzlich berappen müssen. Was gedenken wir also zu tun, um den Säckel der Stadt gefüllt zu halten?“
Mit einem Blick in das Plenum versicherte sich Sartorius der ungeteilten Aufmerksamkeit. Mit Spannung warteten die Magistratsräte auf einen Vorschlag ihres Vorsitzenden.
„Den Handwerken, Krämern und Fabrikanten in die Taschen zu greifen, ist schlechterdings unmöglich. Mehr denn je sind wir auf ihre Dienste angewiesen, wenn solch große Menschenmengen weiter in unsere Mauern strömen. Überdies müssen wir neuen Kaufleuten Anreize bieten, sich in der Stadt niederzulassen.“
Ein Blick in die Gesichter der Räte signalisierte Zustimmung. Bis dato. Es galt, auf der Hut zu sein.
„Das Jakobsviertel“ – er nahm sich kurz zurück und blickte zu Reinhold herüber – „das Jakobsviertel ist ein altehrwürdiges Viertel. In Euren Ausführungen, Meister Reinhold, habt Ihr aufgezeigt, wie unwürdig es ist, an einem solchen Ort sein Leben zu fristen. Zudem liegt das Viertel in direkter Nachbarschaft zu Eurer Mühle und der neuen, im Bau befindlichen Ziegelei. Anstelle des Schandflecks ließen sich moderne Häuser oder Fabriken bauen, die den Arbeitern Lohn und Brot sowie ein Dach über dem Kopf gäben. Warum also nicht das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden?“
Sein Blick streifte den Stadtbaumeister.
„Lasst uns das Jakobsviertel niederreißen und den Armen an anderer Stelle ein neues Zuhause geben!“
„Sartorius!“ Reinhold sprang auf, sein Stuhl kratzte über den steinernen Boden. „Die armen Kreaturen brauchen unseren Beistand. Wollt Ihr sie wie Tiere in Höhlen oder im Wald vegetieren lassen?“
„So beruhigt Euch doch, Meister Reinhold“, entgegnete Sartorius mit betont gleichmütiger Stimme. „Es ist nicht meine Absicht, sie im Stich zu lassen. Mir scheint, eine Lösung ist bereits gefunden.“ Herausfordernd schaute Sartorius den jungen Magistratsrat an. Er wusste um die Wirkung seiner Worte.
„Vor den Toren der Stadt bietet sich ausreichend Platz für ein neues Viertel!“
Wiederum schoss Reinhold von seinem Stuhl hoch.
„Das Areal vor den Stadtmauern ist nicht für den Bau zugelassen. Das wisst Ihr genau.“ Reinholds Stimme zitterte leicht. „Der Magistrat hat dies beim Bau der Mauer ausdrücklich beschlossen.“
„Dann heben wir den Beschluss wieder auf. Was sollen wir sonst tun?“, fragte Sartorius mit gespielter Ratlosigkeit. „Die Stadt wird aus allen Nähten platzen. Und außerdem“, er zwinkerte Reinhold listig zu und legte in seine Worte eine vertrauliche Note, „außerdem brauchen wir für die Armen vor der Stadt keine Abgaben an den Landgraf zu entrichten. Nur für die Bürger, die innerhalb der Stadtmauern leben, gilt die neue Abgabenordnung. So steht es in der Verfügung.“
Wiederum brach ein Tumult los. Einige Magistratsräte schickten wüste Beschimpfungen in die Runde. Das schnelle, unregelmäßige Klingeln der Glocke ließ wieder Ruhe einkehren.
„Meine Herren, mein Vorschlag liegt auf dem Tisch des Hauses. Wie mir deutlich zu Ohren gekommen ist“, er legte den rechten Zeigefinger an sein rechtes Ohr und tat so, als müsse er den Lärm herausschütteln, „sind die Ansichten der Räte außerordentlich…. mannigfaltig. Lasst uns daher zur Abstimmung schreiten!“
Sartorius bedeutete dem Schreiber, sich bereitzuhalten.
„Wer für meinen Antrag steht, das Bauverbot vor der Stadtmauer aufzuheben, hebe die Hand.“
Sechs Hände erhoben sich.
„Wer dagegen?“
Wiederum gingen sechs Hände in die Luft.
Mit einem Ausdruck der Überlegenheit lächelte Sartorius die Räte an.
„So liegt die Entscheidung wohl bei mir.“ Er rieb sich die Hände. „Schreiber, notiert: Dem Antrag, das Bauverbot vor der Stadtmauer aufzuheben, wird mit sieben zu sechs Stimmen mehrheitlich entsprochen.“
Eifrig brachte der Schreiber das Ergebnis der Abstimmung zu Papier. „Kraft meines Amtes beauftrage ich Meister Leonhard, die Planung eines neuen Viertels am Osttor der Stadt in Angriff zu nehmen. Die Skizzen sind dem Magistrat in vier Wochen vorzulegen. Dann werden wir beraten, was mit dem Jakobsviertel zu geschehen hat. Die Sitzung des Magistrats ist geschlossen.“
Ein, letztes Mal ertönte der silberhelle Klang der Glocke. Ein harter Kloß breitete sich in Reinholds Hals aus. Rasch stürmte er aus dem Saal ins Freie. Heiß und sengend ergoss sich die Mittagssonne über die Stadt. Aber Reinhold fröstelte.
Zielsicher schleuste Bastian den Müller durch die Stadt. Das Bild wandelte sich in rascher Folge. Die gepflasterten Gassen wechselten in lehmige, unbefestigte Wege mit zahlreichen Pfützen und Mulden. Ein fauliger Geruch nach Exkrementen und vergammelndem Abfall sammelte sich in den engen und lichtarmen Durchgängen.
Die kahlen Flächen der Holzhütten strahlten eine geradezu gespenstische Atmosphäre aus, bildeten einen schroffen Gegensatz zu den hellen, freundlichen Fassaden entlang der breiten Gasse. Wie ausgestorben wirkte das Viertel, nur hier und da das sirrende Geräusch einer Säge oder das metallische Klopfen eines Hammers.
Nur wenige Menschen begegneten Konstantin, sie wirkten schäbig, hatten ausgemergelte, von Auszehrung und Krankheit gezeichnete Gesichter. Matte Augen, aus denen weder Freude noch Hoffnung strahlte. Abgerissen und zerlumpt starrten die Menschen ins Leere, ohne ihren Ausdruck beim Vorübergehen des Jungen und seines Begleiters zu verändern. Gesichtslos reihte sich eine bretterne Hütte an die andere.
Dem Jungen schien die Unwirklichkeit des Viertels nichts auszumachen. Sicher und ohne Zaudern fand er den Weg.
Heilfroh, diese schimärische, übelriechende Welt hinter sich gelassen zu haben, trat Konstantin auf eine Gasse, die von Sonnenlicht durchflutet wurde. Reflexartig schloss er die Augen. Grüne und blaue Punkte tanzten an ihm vorüber, bis er sich schließlich an die Helligkeit gewöhnt hatte.
Ein breites, nicht allzu hohes Gebäude aus rotem und gelbem Ziegel lag vor ihm. Aus einem schmalen Schornstein, der aus dem stumpf zulaufenden Dach des Gebäudes gut zehn Fuß herausragte, quollen Wolken aus weißem Dampf und trieben in Fetzen über die Stadt.
„Hier ist es, werter Herr!“, verkündete der Junge und schaute ihn aus roten Mehlstaubaugen fröhlich an.
„Das soll eine Mühle sein? Niemals!“ Der Zweckbau aus Backstein enttäuschte Konstantin auf ganzer Linie. Er hatte ein stattliches Wahrzeichen erwartet, ähnlich den Windmühlen, die er einmal im Norden gesehen hatte.
Bastians Blick klebte an ihm. Konstantin zog eine Münze aus dem Beutel in seinem Wams und reichte sie dem Jungen.
„Danke, Herr.“ Bastian strahlte über das ganze Gesicht. Mit einer flinken Bewegung drehte der kleine Kerl ab und verschwand im Nu in einer der dunklen Seitengassen.
Das Gebäude bestand aus zwei Teilen. Ein dreistöckiges, schmales Haus auf der rechten Seite, dessen Front zwei kleine Türme zierte, die, von der Mitte ausgehend, oberhalb des Giebels spitz zulaufend endeten. Auf der linken Seite befand sich das niedrigere, breitere der beiden Häuser. Zwei doppelflügelige Tore aus schwerem, gesplissenem Holz führten ins Innere des Gebäudes. Sie waren mit eisernen Riegeln versperrt.
Unsicher verharrte Konstantin auf der Stelle. Ob es ihm wohl erlaubt wäre, einen kurzen Blick auf dieses seltsame Gebilde aus Eisen zu werfen, von dem der Bäcker gesprochen hatte? Aufmerksam schaute er sich um. Der Gedanke flößte ihm Angst ein, aber seine Neugier siegte.
Umsichtig schritt er auf das Fabrikgebäude zu. Einer der Riegel war aus dem Splint gezogen, das Tor lehnte offen am Rahmen. Konstantin duckte sich flach an die Backsteinwand und versuchte, einen Blick ins Innere zu erhaschen.
Der schmale Spalt reichte gerade für den oberen Teil eines überdimensionalen Rades, das unablässig in Bewegung gehalten wurde. Stangen waren in seiner Mitte befestigt, deren weiteren Verlauf Konstantin aber nicht entdecken konnte. Behutsam versuchte er, den Türspalt ein wenig zu verbreitern. Auf der Gasse war niemand zu sehen.
„He, Mann, was tust du da?“
Konstantin fuhr der Schreck wie eine Axt in die Glieder. Er fuhr herum und drückte den Rücken ängstlich gegen die Backsteinwand. Das Herz sprang ihm rasend aus der Brust. Bohrend und feindselig blickte ihn ein Mann mit fein geschnittenem Gesicht und rehbraunen Augen an. Konstantin schätzte ihn auf Mitte dreißig, soweit ihm eine Schätzung bei dieser Himmelangst möglich war. Der Unbekannte trug einen eleganten Gehrock aus englischem Loden, dazu ein weißes Hemd und eine Weste aus Seide. Eine Schärpe, die sich um seinen Oberkörper legte, zeigte die Abbildung eines Wappens. Zwei gekreuzte Lanzen unter einem Löwenkopf.
„Sprich, Mann, oder hat es dir die Sprache verschlagen?“
„Ich, ich“, stammelte Konstantin, „ich wollte einmal die Mühle, die Mühle wollte ich sehen. Bin selbst Müller und habe noch nie eine solche“ – ihm fiel vor Schreck das Wort nicht ein, das der Bäcker genannt hatte – „ein solches Dings gesehen.“
Die eng zusammengezogenen Augen des Mannes weiteten sich ein wenig.
„Müller, sagt Ihr? Und das soll ich Euch glauben?“ Er packte Konstantin am Kragen und zog ihn zu sich heran. „Ich denke, Ihr seid ein Spitzbube und wollt meine Fabrik ausspionieren! Es ist wohl besser, wenn ich Euch der Polizei übergebe.“ Sorgfältig musterte er den leichenblassen und zitternden Müller. „Ein ehrliches Gesicht habt Ihr ja.“ Der Klang seiner Stimme nahm einen milderen Ton an. „Und einen feisten Bauch ebenfalls.“
Er schlug Konstantin auf die Wampe und löste den Griff.
„Für dieses Mal will ich Euch glauben, dass Ihr nichts Böses im Schilde führt. Wenn Ihr mir sagt, warum Ihr wie ein Strauchdieb um meine Mühle herumstreicht.“
„Eure Mühle? Wollt Ihr behaupten, dies ist Euer persönliches Eigentum?“
Der feine Herr ließ ihn nicht aus den Augen.
„Das will ich doch meinen. Wenn sie mir kein Gerichtsbüttel unter dem Hintern weggezogen hat.“ Er lachte herzhaft. „Wo steht Eure Mühle, wenn Ihr wirklich Müller seid?“
„Weit unten am Fluss. Am Fuße des Mauruschbergs.“ In Konstantins Gesicht kehrte langsam die Farbe zurück.
Für den Bruchteil eines Flügelschlags zuckte der Mann zusammen.
„Da habt Ihr einen weiten Weg hinter Euch gebracht.“ Er unterzog Konstantin einer eingehenden Prüfung. „Alles nur einer Maschine wegen? Oder führt Euch der Pferdemarkt in unsere schöne Stadt?“
Konstantin nickte bedächtig und verneigte sich vor dem Mann.
„Verzeiht, Herr“, sagte er untertänig. „Ihr dürft nicht schlecht von mir denken. Meine Neugier hat mir einen Streich gespielt.“
Mit einem Schlag war alle Feindseligkeit aus dem Gesicht des Mannes verschwunden.
„So lasst uns keine Zeit verlieren, damit Ihr heute noch zu einem guten Handel kommt“, sagte dieser mit versöhnlicher Stimme. „Bleibt Euch noch Zeit, meine Maschine zu sehen?“
Mit freudiger Erleichterung nickte Konstantin.
Der Mann legte die Hand an das breite Holztor. „Gehen wir, Müller vom Mauruschberg.“ Knarrend wurde der Flügel des Tores auf den Vorhof geschoben.
Vor Konstantins Augen tauchte ein Monstrum riesigen, unvorstellbaren Ausmaßes auf. Es stampfte, als würde eine Herde Wildpferde an ihm vorüberziehen. Instinktiv bedeckte er seine Ohren mit den Händen. Der Mann neben ihm gab ihm Zeit, das Bild vor seinem Auge zu ordnen.
„Soll ich Euch die Anlage erklären?“ Konstantin vernahm nur das gedämpfte Fauchen des Dampfkessels und das Rattern von Eisen. Der Mann deutete auf seine Ohren. Vorsichtig, die Hand an einem Ohr leicht geöffnet, näherte sich Konstantin dem pfeifenden, lärmenden Ungetüm.
„Der Kessel dort links ist mit Wasser gefüllt“, begann der Mann ohne weitere Nachfrage und deutete auf einen Bottich aus Kupfer, der hoch aufragte und mit einem schmal zulaufenden Rohr bis zur Decke reichte. „Seht Ihr?“
Der Müller nickte.
„Das Wasser erhitzen wir mit dem großen Ofen unter dem Kessel. Der Dampf, der durch die Hitze entsteht, entweicht ständig in den Dampfeinlass. Von da aus wird der Dampf in den Zylinder weitergeleitet. Könnt Ihr das erkennen?“
Konstantin hatte es die Sprache verschlagen. Die Hand des Mannes deutete auf ein rundes, längliches Gefäß. Kaum vorstellbar, was sich vor seinem Auge abspielte. Wie von Geisterhand blieb die Maschine in ständiger Bewegung. Ohne das schäumende Wasser eines Flusses, ohne das Rauschen des Windes.
„In diesem Zylinder befindet sich ein Schieber. Er sorgt dafür, dass der einfließende Dampf nur auf eine Seite des Zylinders gelangen kann. Wenn diese eine Seite gefüllt ist, dehnt sich der Dampf aus und bewegt den Zylinderkolben. Der Kolben wiederum schiebt eine Stange, ein Pleuel an, das mit dem Rad verbunden ist. Dort, die obere Stange, die zum Rad führt!“
Ohne Konstantins Reaktion abzuwarten, fuhr der Mann fort.
„Entweicht der Dampf aus dem Zylinder, wird die andere Seite gefüllt. Wieder dehnt sich der Dampf aus, der Schieber bewegt den Kolben zurück, die Stange wird erneut bewegt und das Rad in Schwung gehalten. Auf diese Weise bleibt das Rad immerzu in Bewegung und treibt das Mahlwerk an, das mit dem Rad verbunden ist.“
„Was ist mit dieser Öffnung?“ Konstantin zeigte auf ein Kupferrohr, das aus dem Kolben nach oben führte und in einem kleinen, ovalen Gefäß aus durchsichtigem Glas endete.
„Dies ist ein Ventil. Wenn der Druck zu stark wird, öffnet es sich. So stellen wir sicher, dass der Zylinder nicht platzt. Der überschüssige Dampf kann auf diese Weise über das geöffnete Ventil entweichen.“
„Es ist, es ist….“ Konstantin fand nicht die richtigen Worte, „… wie ein riesiger Teekessel.“
Der Mann klopfte ihm lachend auf die Schulter.
„Ihr habt gar nicht so unrecht.“ Er steuerte auf eine hohe Türe zu. „Aber nun wollen wir die Männer nicht weiter bei der Arbeit stören. Lasst uns in meine Arbeitsstube gehen.“
Erst in diesem Moment bemerkte Konstantin die Arbeiter. Korn wurde mit eisernen Schaufeln in Säcke gefüllt und auf Handkarren geladen. Messinstrumente wurden penibel überwacht, Wasser mit langen Schläuchen in den riesigen Kessel gefüllt.
„Kommt!“
Der Mann zog Konstantin am Arm. Durch eine Verbindungstür gelangten sie in das Nebengebäude.
„Ein Kräuterschnaps wird Euch gut tun.“ Der Mann schloss die Tür und sperrte den ohrenbetäubenden Lärm des rädernen Ungetüms aus. Eine entspannte Ruhe füllte den Raum. Einem Wandschrank entnahm der Mann eine Flasche sowie zwei kleine Krüge aus Steingut, die er bis zum Rand auffüllte.
„Von Müller zu Müller!“ Er hob seinen Krug und hielt ihn Konstantin entgegen. „Auf die Zukunft der Dampfmaschine!“
In einem Zug leerten sie die Gläser.
„Ein feiner Tropfen.“ Konstantin leckte sich mit der Zunge über die Lippen.
„Der beste Kräuterschnaps weit und breit“, sagte der Mann voller Stolz. „Ich lasse ihn aus dem Kloster von Dobernhausen kommen.“
In Konstantins Kopf drehte sich das Rad der Maschine unaufhörlich weiter. „Ihr meint, dieser dampfende Drachen aus Eisen ist die…Zukunft?“, fragte er in Anspielung auf den Trinkspruch.
„Das meine ich nicht nur, lieber Müller.“ Der entschlossene Blick des Mannes jagte Konstantin einen Schauer über den Rücken. „Ich weiß es. Überall in unserem Land werden solche oder ähnliche Dampfmaschinen bereits eingesetzt. Und es werden immer mehr.“
Er füllte die Gläser erneut auf.
„Die schweren Arbeiten, die heuer Pferd und Ochs mühsam erledigen, werden bald Maschinen verrichten. Dann müssen wir die armen Tiere nicht zu Arbeiten zwingen, die gegen ihre Natur sind.“
Zweifelnd blickte ihn Konstantin an. Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, dass er seiner Greta etwas zumutete, das gegen ihre Natur war. Schließlich hatte er sie immer gut behandelt, ihr ausreichend Futter und einen schönen Weideplatz am Fluss gegeben.
„Wer weiß“, fuhr der Mann mit sichtlicher Begeisterung fort, „vielleicht wird es bald Droschken geben, die mit Dampf betrieben und nicht mehr von Pferden gezogen werden. Solche Pläne sind mir schon zu Ohren gekommen.“
Bei dem Gedanken war Konstantin nicht wohl.
„Meine Mühle, der Fluss, das Mauruschberger Land. Diesen Flecken Erde möchte ich gegen nichts auf der Welt eintauschen.“
„Das ist Euch unbenommen. Bleibt Ihr bei Eurer traditionellen Mühle, ich bei meiner modernen. Und kauft Euch ein gutes Pferd in Weidenbrunn.“ Der Mann griff zur Flasche, um die Krüge ein drittes Mal zu füllen, aber Konstantin hob abwehrend die Hand.
„Für ein gutes Pferd wird es wohl nicht mehr reichen.“
„Nicht mehr reichen? Hat Euch ein fliegender Händler seine Ware angedreht?“ Der Mann schmunzelte.
Konstantin zögerte. Sollte er die Warnung des Wachmanns ernst nehmen? Oder war es an der Zeit, die Sache ans Licht zu bringen?
„Angedreht? Ja, so könnte man es auch nennen!“
Er gab sich einen Ruck und schob die letzten Zweifel beiseite.
„Einen Passierschein hat man mir untergeschoben. Damit ich die kostbaren Steine Eurer gepflasterten Gassen vor den Mittagsstunden betreten darf. Einen viertel Gulden hat mich das verfluchte Papier gekostet!“
„Was sagt Ihr? Einen Passierschein?“ Der Mann ließ den Krug sinken und schaute Konstantin argwöhnisch an. „Was meint Ihr damit?“
In aller Kürze schilderte ihm Konstantin den Vorfall.
„Könnt Ihr den Mann beschreiben, der Euch so zugesetzt hat?“
Eifrig gab Konstantin eine Darstellung der Torwache ab. Eben noch in fröhlicher Stimmung, saß der Mann nun mit ernster Miene über sein Pult gebeugt und notierte, was ihm der Müller berichtete.
„Seht Ihr diese Schärpe?“, rief er zornig und deutete mit dem Finger auf das Wappen.
„Dies ist das Zeichen des Magistrats unserer Stadt. Gewählt, um das Wohl und Wehe von Weidenbrunn und die Interessen unserer Bürger zu schützen.“
Die Miene des Mannes verfinsterte sich.
„Eben komme ich von einer Sitzung der Räte. Ein Mann, dessen Namen nichts zur Sache tut, führt dort seit einem Jahr den Vorsitz. Missgunst und Intrige herrscht im Magistrat, weil er geschickt die Fäden zu ziehen weiß und die Beschlüsse in seinem Sinne herbeiführt. Um Gulden und Dukaten drehen sich die Beratungen, nicht um das Los unserer Bürger. Ich könnte mir denken, er steckt dahinter, der schlaue Wolf.“ Er nahm seinen Platz hinter dem Pult wieder ein und schaute den Müller durchdringend an.
„Von einem Passierschein ist mir nichts bekannt. Wir sind eine freie Stadt und verlangen keinen Wegezoll. Hier sind Gauner am Werk, die auf eigene Rechnung arbeiten.“
Niedergeschlagen, da er wenig Aussicht auf Hilfe sah, erhob sich Konstantin.
Der Magistratsrat reichte dem Müller zum Abschied die Hand. „Der Sache gehe ich auf den Grund“, sagte er mit fester Stimme. „Verlasst Euch drauf.“
„Versprecht mir“, bat Konstantin eindringlich, „meine Person mit keinem Wort zu erwähnen. Der Wachposten am Südtor hat mir gedroht, mich in den Kerker werfen zu lassen, wenn ich den Passierschein publik mache.“
„Ihr habt mein Wort. Doch lasst Euch Eines gesagt sein. So rasch landet kein freier Bürger in den Kerkern unserer Stadt.“ Der Mann mahnte zur Eile. Er erhob sich, um Konstantin zur Tür zu begleiten. „Seid auf der Hut, wenn Ihr ein Pferd kauft. Ich rat Euch, geht zum alten Wollschläger. Die Gäule sind aus guter Zucht. Bestellt ihm einen schönen Gruß von mir, dann wird er Euch einen fairen Preis machen.“
Konstantin dankte dem Mann, verließ hastig das Gebäude und trat ins Freie. Flau und dünn war die Luft. Blinzelnd schaute er in den Himmel. Die Sonne hatte den Zenit bereits überschritten. Eile war geboten, wollte er noch zu einem guten Abschluss kommen.
Mit jedem Schritt, den Konstantin auf den großen Marktplatz zusteuerte, weitete sich der Blick auf das rechteckig geschnittene, längliche Areal, das ringsum von hohen Häusern eingerahmt wurde. Fachwerkhäuser im traditionellen Stil wechselten mit Bauten aus gelbem oder rotem Ziegel ab. Handwerker hatten sich darin ebenso niedergelassen wie Kaufleute. Handelskontore warben mit Waren aus Italien, Frankreich und Spanien, Kirschner mit edlen Pelzen, Schneider mit modischen, kurzgeschnittenen Kleidern und dreiteiligen Anzügen, Hutmacher mit weit ausladenden Kopfbedeckungen für Frauen und breitkrempigen Hüten für den Mann.
Wie die harte und abweisende Wand einer Burg erschienen Konstantin die dicht stehenden Gebäude. Viele Häuser besaßen nicht nur ein oder zwei Stockwerke, sondern gleich drei oder vier. Fest gefügt reckten sie sich schmal in den Himmel, als wären sie bereit, jederzeit weiter in die Höhe oder Breite zu wachsen. Nichts erinnerte ihn an die liebevolle Gemütlichkeit des Marktplatzes in Mauruschberg.
Er löste seinen Blick von der Häuserwand und schaute sich auf dem Pferdemarkt um. Zu seiner Rechten standen schwere und massige Kaltblüter. Gäule, die auf dem Acker eingesetzt oder vor einer Karre gespannt waren. Längliche Transportwagen mit wassergefüllten Holzfässern sollten Kraft und Stärke der Pferde demonstrieren.
Linkerhand wurden warmblütige Pferde angeboten. Tiere von schlankerem Wuchs, die sich aufgrund ihrer Schnelligkeit und Beweglichkeit zur Jagd oder zum Reiten eigneten. Einspänner mit breiten Dächern aus Stoffbahnen wurden von eleganteren Pferden gezogen, deren Mähnen zu einem Zopf zusammen gebunden waren. Feine Damen der bürgerlichen Gesellschaft zeigten sich gerne in diesen offenen Kutschen.
Konstantin ging auf den ersten Händler zu, der ein Kaltblut am Zügel hielt.
„Könnt Ihr mir sagen, wo ich den alten Wollschläger finde?“
„Wenn Ihr ein Pferd sucht, so findet Ihr keine besseren als bei mir“. entgegnete der schlanke, untersetzte Mann, ohne auf Konstantins Frage einzugehen. Sein dichter, schwarzer Schnurrbart war an den Enden nach oben gebogen. Bevor der Müller antworten konnte, tänzelte der Schnurrbärtige bereits um ihn herum und zeigte auf das Kaltblut.
„Schaut her. Ein prachtvolles Tier. Seht Kopf und Hals. Aus einem Guss. Stark wie ein Ochse. Flanken und Schenkel brauche ich nicht besonders zu erwähnen. Darüber macht Euch Euer eigenes Urteil. Aber sagt, wofür braucht Ihr das Tier, Herr?“
„Für meine Mühle, aber…“
„Eure Mühle hält es allemal in Gang“, schnitt ihm der Händler das Wort ab. „Aber es taugt auch auf dem Feld. Kein Pflug ist ihm zu schwer. Kein Fuhrwerk. Und ein Charakter wie Ihr ihn kein zweites Mal findet. Seht die Augen! Die Gutmütigkeit in Person! Ein besseres Pferd bekommt Ihr in ganz Weidenbrunn nicht! Wenn Ihr schlau seid, so schlagt ein, Müller! Ich mach Euch einen guten Preis.“ Der Schnurrbärtige hielt ihm die offene, schwielige Handfläche hin.
Konstantin ignorierte das Angebot, schwieg und überlegte, was er dem eitlen Gockel entgegenhalten könnte.
