Verlag: Klett-Cotta Kategorie: Ratgeber Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Medienmündig E-Book

Paula Bleckmann  

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E-Book-Beschreibung Medienmündig - Paula Bleckmann

Zu früher Medienkonsum führt in die Abhängigkeit, nicht in die Mündigkeit. Wie Kinder mit Unterstützung ihrer Eltern Medienmündig statt süchtig werden, vermittelt die Medienpädagogin Paula Bleckmann. Die Autorin behandelt im Buch u. a. folgende Themen: - Können wir noch ohne Medien leben? - Fit für welche Zukunft? Nachhaltige statt nachhinkende Bildung - Kinder stärken ist keine »Expertensache«! - Eigene Gestaltungskraft entwickeln - Brücken bauen - was gegen Bildungsklüfte helfen könnte - Was Erwachsene über Medien wissen sollten - Daten zur Mediennutzung und Medienausstattung - Machen Medien dick, dumm, unkonzentriert, gewalttätig? - Überstunden am Bildschirm - Nutzungszeiten für verschiedene Altersgruppen - Medienmündig werden - Tipps und Tricks für den Alltag Ein Buch für Eltern, Erzieherinnen, Lehrer und alle, die mehr über einen souveränen Umgang mit den Medien herausfinden wollen. Mit Checks, Tipps und Tricks für den Alltag

Meinungen über das E-Book Medienmündig - Paula Bleckmann

E-Book-Leseprobe Medienmündig - Paula Bleckmann

Paula Bleckmann

Medienmündig

Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Besuchen Sie uns im Internet: www.klett-cotta.de

Klett-Cotta

© 2012 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659,

Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung eines Fotos von © Ocean/Corbis

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96380-9

E-Book: ISBN 978-3-608-10265-9

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Vorwort: Mut zum zukunftsträchtigen Zögern!

Stellen Sie sich vor, Sie kommen völlig außer Atem eine Treppe aus der Bahnhofsunterführung hinaufgehetzt. Der Zug steht schon abfahrbereit am Bahnhof, die meisten Türen sind bereits geschlossen. An einer der offenen Türen steht jemand und ruft: Beeilen Sie sich, sonst fährt der Zug noch ohne Sie ab! So schnell Sie eben können, rennen Sie auf diese Tür zu und erreichen sie völlig atemlos und gerade noch rechtzeitig. Aber ganz kurz vor dem Einsteigen zögern Sie … Sie sind sich mit einem Mal nicht mehr sicher, ob es der richtige Zug ist. Fährt er überhaupt dorthin, wo Sie hinwollen?

Das ist eine gute Frage! Dieses Buch soll Mut machen, genau solche Fragen an unsere schnelllebige »digitale Gesellschaft« zu stellen. Um in diesen entscheidenden Momenten zu zögern und Fragen zu stellen, muss man sehr mutig sein. Wem nützt die angeblich stetig zunehmende Bedeutung von Computern, Fernsehen, Internet und Co.? Nützt sie uns? Unseren Kindern? Oder den Herstellern dieser Produkte? Worauf zielt überhaupt Medienerziehung? Fördert sie das Bruttosozialprodukt? Bringt sie möglichst effizient medienkompetentes Humankapital hervor? Oder unterstützt und fördert sie wirklich das Wachstum und die Entwicklung zum Erwachsenen, der beziehungsfähig ist, frei denken und selbstbestimmt handeln kann? Es geht um große Entscheidungen: Wie lernen Kinder, wie lernen wir als Erwachsene einen selbstbestimmten und nicht süchtigen Umgang mit Medien? Nehmen Sie sich daher Zeit für dieses Buch. Lassen Sie sich zum Zögern ermutigen.

Dank

Ich bin sehr glücklich, so gute Freunde und Kollegen zu haben. Im Dialog mit ihnen haben sich meine Ideen zur Erziehung und Selbsterziehung im sogenannten Medienzeitalter erst entfalten können. Dank gebührt, stellvertretend für viele andere, euch: Silvia Alvarado-Witt, Ulrich Bartosch, Heinz Buddemeier, Eva Corino, Johannes Czaja, Ivan Illich, Edwin Hübner, Michael Myrtek, Judith Ölschläger, Christian Pfeiffer, Uwe Pörksen, Sonja Schlegelmilch-Weis. Danke auch an das Kollegium der Grundschule Wagenstadt und an die über 80 Elternpaare, die mir Zeit für Interviews im Rahmen meiner Doktorarbeit geschenkt haben. Für alles, was jetzt noch falsch ist oder holprig klingt, übernehme ich die volle Verantwortung. Meiner Familie möchte ich danken, weil sie meine Arbeit am Manuskript nicht nur durch ihren Einsatz und ihre Geduld überhaupt ermöglicht, sondern auch inhaltlich bereichert hat.

Und einer jungen Mutter schulde ich noch besonderen Dank, nur weiß ich ihren Namen nicht. Das kam so: Nach einem Vortrag tritt sie auf mich zu und drückt mir die Hand, um sich bei mir persönlich zu bedanken. Erleichtert sei sie und fühle sich nun weniger unter Druck gesetzt. Ich erkundige mich vorsichtig, welche Art von Druck sie meine. Nun, die Anschuldigungen von den Großeltern und den Nachbarn, was sie ihren Kindern da alles vorenthalte, wenn sie die Kleinen nicht an den Fernseher und den Computer lasse, antwortet sie. Ich frage nach, wie alt denn die Kinder seien. Die ältere Tochter ist vier, die jüngere zwei Jahre alt. So weit ist es heute schon gekommen? Diese Begegnung hat mich erschüttert und dadurch zum Schreiben motiviert. Dies geschah an einem Punkt, als ich ernsthaft überlegte, ob ich mir die Nächte am Schreibtisch wirklich zumuten soll, ob ich zusätzlich auf so viele Stunden gemeinsamer Zeit mit meiner Familie, vor allem mit unseren drei wunderbaren und eigenwilligen Söhnen verzichten möchte, nur um eines Buches willen. Diese unbekannte Mutter hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie lohnend das Schreiben von »Medienmündig« ist, auch wenn ich nur ihr und einer Handvoll anderer Eltern Mut machen würde: Mut zum zukunftsträchtigen Zögern, Mut, nicht jedem Zeitgeisttrend blindlings zu folgen. Denn es geht ja um unsere Zukunft, mehr noch um unsere Kinder, die einmal als Erwachsene unser Leben entscheidend prägen werden, wenn wir schon alt sind.

Emmendingen, Januar 2012

Paula Bleckmann

Einleitung: Können wir noch ohne elektronische Medien leben?

Medienmündig werden bedeutet zuallererst, nicht die Kontrolle über unsere kostbare Lebenszeit zu verlieren. Medienmündig sein heißt, souverän über die eigene Zeit verfügen, sich Zeitsouveränität bewahren. Unter Zeitsouveränität verstehe ich die freie Entscheidung, wie viel Zeit wir überhaupt mit Medien verbringen und damit anderen Tätigkeiten entziehen möchten.

Warum ist diese Grundsatzentscheidung so wichtig? Weil eben diese Selbstbestimmtheit bedroht ist: Mit 15 Jahren hat ein deutsches Durchschnittskind bereits 12000 Stunden vor dem Bildschirm verbracht1 und dabei wohl mehr als 10000 Morde und 100000 Gewalttaten gesehen, soweit man US-Erfahrungen auf Deutschland übertragen kann.2 Ein junger Mann von 15 Jahren verbringt in Deutschland sogar 7,5 Stunden vor Bildschirmen verschiedenster Größe. Dies sind Durchschnittswerte aus einer großen Repräsentativerhebung mit deutschen Schülern der 9. Klasse: 7,5 Stunden Bildschirmzeit pro Tag in der sogenannten »Freizeit«.3 Somit verbringen Jugendliche mehr Zeit mit Bildschirmmedien als mit irgendeiner anderen Tätigkeit, außer Schlafen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass wir Kindern heute nicht mehr den Umgang mit Medien nahebringen müssen. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Die Frage, ob wir mit den Medien gut umgehen können, verwandelt sich zunehmend in die Frage, ob wir noch ohne Medien leben können. Ein extremes Beispiel: Im Jahr 2008 verwüstete der Hurrikan »Ike« die Golfküste in den USA und legte vielerorts die Stromversorgung lahm. Aus einem Krankenhaus in Houston wurde in den Tagen danach von Dutzenden Fällen schwerer Kohlenmonoxid-Vergiftung berichtet, die durch Dieselgeneratoren in schlecht gelüfteten Räumen entstanden. Traurige Berühmtheit erlangte dabei der Fall eines Jugendlichen, der den Generatorstrom nicht für »Lebenswichtiges« brauchte, sondern um am Computer spielen zu können – und deshalb an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung starb.4 So ist der etwas makaber klingende Titel des Artikels zu verstehen: »Dying to play computer games – Fürs Leben gern Computerspiele spielen«. Sind denn die elektronischen Medien für Kinder und Jugendliche heute lebenswichtig?

Hinter dieser Frage steckt mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Was bedeutet »lebenswichtig«? Keine Frage: Fernseher, Gameboy, Computer, Handy können unsere Kinder in ihren Bann ziehen, so sehr, dass sie immer noch mehr davon wollen, dass der Umgang mit diesen Geräten in vielen Familien zum ständigen Streitthema wird, in Extremfällen sogar so sehr, dass sie dafür ihren Vater bestehlen, ihre Mutter tätlich angreifen, Lehrer belügen, Freunde vernachlässigen oder, wie in einem tragischen Beispiel, die eigene Schwester erstechen.5

Kann man daraus folgern, dass Kinder und Jugendliche die elektronischen Medien6 wollen, dass sie sie brauchen, dass sie für sie lebenswichtig sind? Diese Fragen sind weder mit Ja noch mit Nein befriedigend zu beantworten. Genau an diesem Punkt wissen viele Mütter und Väter, Erzieherinnen und Lehrer nicht mehr weiter.

Also müssen wir die Frage anders formulieren: »Wie unterstützen wir in der Erziehung Kinder und Jugendliche darin, selbst zu entdecken, was sie wirklich wollen und was sie wirklich brauchen?« Wirklich wollen. Wirklich brauchen. Selbstbestimmte Entscheidungen setzen eine entwickelte, reife Urteilsfähigkeit voraus. Ein Kind muss eine solche Urteilsfähigkeit aber erst erwerben, was etliche Jahre dauern kann. Kleine Kinder müssen vor Fremdbestimmtheit in sensiblen Entwicklungsphasen geschützt werden, und zwar umso mehr, je kleiner sie sind. Wie können wir diesen Schutz gewährleisten?

Jedenfalls darf man aus den schockierenden Zahlen nicht den vorschnellen Schluss ziehen, Kinder wollten fernsehen oder brauchten Gameboys. Wer ein Kind gut kennt und genau beobachtet, dem gelingt es, momentane Faszination von langfristigem Bedürfnis zu unterscheiden. Ein Kind kann das aber allein und von sich aus oft nicht oder noch nicht leisten. Wenn wir ihm dabei helfen, gelingt es ihm nach und nach immer besser und auch immer selbständiger.

Wenn die dreijährige Claritta nur Bonbons und Eis essen oder der fünfjährige Bruno bei Minusgraden ohne Jacke nach draußen gehen will, ist die Entscheidung für den verantwortlichen Erwachsenen leicht. Hier wollen die Kleinen nach eigener Aussage etwas anderes, als ihnen gut tut, und wir als Erwachsene sorgen dafür, dass sie es nicht tun.

Mit den Medien ist es gleichzeitig schwieriger und leichter als mit Bonbons oder Winterjacke: Eine konsequente Entscheidung wird ganz erheblich erschwert, weil die Schädigungen durch Medien meist nur indirekt erkennbar und weniger im Bewusstsein sind als die Schädigungen durch zu viel Süßes oder durch Unterkühlung.

Andererseits ist es aber auch leichter beim Umgang mit Medien als mit Süßigkeiten, weil die Kinder sie überraschenderweise gar nicht so sehr wollen, wie man immer meint. So sieht es jedenfalls aus, wenn man anstelle der Werbebeauftragten der Medienkonzerne oder ihrer Undercover-Agenten in Politik oder Wissenschaft die Kinder selbst fragt. In einer aktuellen deutschlandweiten Repräsentativerhebung von Zehnjährigen war die liebste Freizeitaktivität der Kinder »draußen spielen«, die zweitliebste »mich mit Freunden treffen«. Häufigste Freizeitbeschäftigung ist aber das Fernsehen.7 Auch unsere Jugendlichen hängen gar nicht so sehr an den Medien, sie sind nicht so medienaffin, wie man uns gern glauben machen will. Wenn man nämlich deutsche Jugendliche dazu befragt, in welchem Medium sie sich am besten ausdrücken können, geben die meisten Jugendlichen nicht etwa an: »per SMS« oder »über Skype« oder »per E-Mail« oder »am Telefon«, sondern, man lese und staune, »im persönlichen Gespräch«.8 Das bedeutet, dass die Vorlieben und Wünsche der Kinder mit ihren tatsächlichen Verhaltensweisen nicht immer übereinstimmen.

Noch einmal: Was die Kinder und Jugendlichen am liebsten tun, ist in Wirklichkeit nicht dasselbe wie das, was sie am häufigsten tun. Kinder nutzen nicht nur mehr Bildschirmmedien, als ihre Eltern oder Lehrer es gutheißen9, sondern sie sind von Bildschirmen so fasziniert, dass sie mehr konsumieren, als sie selbst eigentlich wollen. Dass dies nicht nur für Kinder und Jugendliche zutrifft, wird sich der eine oder andere Erwachsene vielleicht schmunzelnd, vielleicht bestürzt eingestehen.

Zur Zeitsouveränität gehört auch die Fähigkeit, abzuschalten. Dazu müssen wir die Alternativen zum Bildschirm (»persönliches Gespräch«, »mit Freunden treffen«) aber noch kennengelernt haben. Wir sind dabei, das Abschalten zu verlernen, und hier sind ausdrücklich auch die Erwachsenen mit eingeschlossen.

Aber liest man nicht überall, Kinder sollten früh mit Medien umgehen lernen, damit sie medienkompetent werden? Früh übt sich, wer ein Meister werden will? Ganz ohne Frage: Kinder – die Erwachsenen von morgen – sollten auf jeden Fall verstehen, mit Fernsehen, Computer, Handy & Co. gekonnt und selbstbestimmt umzugehen. Medienkompetenz ist in aller Munde, aber sie reicht heute nicht mehr aus.10 Denn technische Fertigkeiten schützen den Menschen nicht vor der Vereinnahmung als Maschinensklave.

In Bezug auf die Ziele von Medienerziehung vollzieht sich in den letzten Jahrzehnten eine gefährliche Kehrtwende: Das Ziel war ursprünglich die Anpassung der Medien an die Bedürfnisse des Menschen. Lange Zeit war also der mündige Nutzer, der den Medien in seinem Leben und in der Gesellschaft nach eigener Entscheidung Raum und Bedeutung zumisst, Leitgedanke der Medienpädagogik. Nun hat sich unbemerkt dieses Ziel ins Gegenteil verkehrt: Die Vorstellung vom medienpädagogisch optimierten Training des Menschen als Bediener von Maschinen ist in den Vordergrund getreten, und damit die Anpassung des Menschen an die Medien.11 Was ursprünglich nur ein Medium, also ein »Mittel« war, wird damit zum Selbstzweck, zum Selbstläufer.

Das ist besorgniserregend und verlangt nach einer erneuten Kehrtwende, wieder hin zu einer Erziehung zur Medienmündigkeit. Echte Spielräume schaffen möchte ich als Autorin dieses Buches daher in einem dreifachen Sinne:

Pädagogische Spielräume: Eltern und andere pädagogisch Tätige sollten wieder die volle Breite des Handlungsspektrums wahrnehmen, also erkennen, dass sie die Wahl haben.

Politische Spielräume: Die Dominanz der Medien in der derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung muss kritisch überprüft werden.

Schöpferische Spielräume: Besonders unsere Kinder brauchen, wie wir selbst auch, Raum für kreative Eigentätigkeit und unmittelbare menschliche Begegnung als Basis für die Entstehung von Medienmündigkeit.

Wie Sie dieses Buch benutzen können

Warum haben Sie gerade dieses Buch aufgeschlagen? Was möchten Sie erfahren? Denn davon hängt es ab, wie Sie dieses Buch lesen sollten.

Wenn Sie schnell herausfinden wollen, wie Sie beim Lesen weiter vorgehen könnten, empfehle ich Ihnen, sich einen Zettel und einen Stift zu nehmen und drei Fragen aufzuschreiben, die für Sie rund um diese Thematik wichtig sind. Als Nächstes könnten Sie dann diese Einleitung zu Ende lesen und anschließend mit dem Zettel in der Hand das ausführliche Inhaltsverzeichnis aufschlagen. Man kann dieses Buch nämlich nicht nur einfach von vorn bis hinten durchlesen. Stattdessen könnte man gezielt Anregungen und Antworten zu den eigenen drängenden Fragen zum Lesen aussuchen.

So bereite ich nämlich auch Elternabende vor: Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, vorab Zettel auszuteilen, auf denen die Eltern gebeten werden, ihre jeweils eigenen Fragen zu stellen. Anhand der Zettel bekomme ich einen Eindruck, was gerade diese Gruppe von Eltern interessiert, und kann bei meinem Vortrag lähmende Überflutung mit Sachinformationen vermeiden. Eines der erfreulichsten Ergebnisse meiner Forschungsarbeit war sogar, dass allein durch eine Anregung zum Nachdenken über die jeweils eigenen Fragen deutliche positive Veränderungen in den beforschten Familien eintraten. Dies Ergebnis bezieht sich auf Eltern, die gar nicht zum Elternabend gekommen waren!12

Wer zum Selberdenken und Hinterfragen angeregt wird, verändert meist schon sein Verhalten oder sich. Diese Erfahrung verblüfft mich immer wieder und ist eine ausgesprochen gute Nachricht für alle, vielleicht auch für Sie, wenn Sie sich mit dem eigenen Medienverhalten und -konsum auseinandersetzen wollen. Sie werden sich ändern – und Sie werden Ihre Kinder anders und vor allem (selbst-)bewusster an die Medien heranführen. Beim Schreiben des dritten Teils, der viele Praxistipps enthält, habe ich mich an der Liste der »häufigsten Elternfragen« aus meiner Studie orientiert, und dies in gekürzter Form. Dabei habe ich alle Fragen gestrichen, die bei einem Leser dieses Buches voraussichtlich nicht auftauchen werden. Gestrichen habe ich etwa die Frage: »Welches Lerncomputerspiel ist für ein zweijähriges Kind am besten geeignet?« Sollte ich mich in meiner Leserschaft irren, will ich fairerweise an dieser Stelle eine knappe Antwort geben: Keines.

Landkarte − Was Sie in diesem Buch erwartet

Im ersten Teil behandle ich die Grundlagen von Medienmündigkeit. Ob ein Säugling, der heute geboren wird, später zum Medien-Junkie oder zum selbstbestimmten Nutzer wird, hängt sehr stark von seiner Mediensozialisation in der Familie und in den Bildungseinrichtungen ab. Echte Medienmündigkeit entsteht nur in einem ausgewogenen Verhältnis von Reifung und Förderung.

Allerdings geht es in den ersten drei Kapiteln vorwiegend um Beispiele und Überlegungen, die auf den ersten Blick gar nichts mit Medien zu tun haben. Obwohl die Beispiele aus so unterschiedlichen Bereichen kommen wie der Verkehrserziehung, der Neurologie, der Resilienzforschung13, der Suchtprävention und der Bindungstheorie, tragen sie alle etwas zu einem guten Konzept von Medienerziehung bei. Ich möchte an dieser Stelle theoretisch untermauern, was Sie und viele Eltern längst als »Bauchgefühl« spüren: Kleine Kinder brauchen Zeit und Spielraum und menschliche Begegnung. »Frühförderung« hört sich gut an, artet aber heute allzu oft in schädliche Eile aus. Dabei aber keine Sorge: Dies wird keine wissenschaftliche Abhandlung, weil es in der Medienpädagogik glücklicherweise ähnlich

ist wie allgemeiner in der »Forschung« zu kindlichem Verhalten:

Aus Mathematik, Physik, Chemie und auch aus manchen Bereichen der Biologie sind wir es gewohnt, dass die Ergebnisse mit dem Fortschritt der Wissenschaften immer schwerer verständlich, immer unanschaulicher und immer lebensferner werden. In der Verhaltensbiologie des Kindes ist es anders [und ebenso in der Medienpädagogik, P. B.]: Deren Aussagen bestätigen in zunehmendem Maße das ohne die Wissenschaft entstandene Wissen der gut beobachtenden lebens- und liebevollen Mütter und Väter.14

In Kapitel 1 geht es um die Frage, was die zentralen Unterschiede sind zwischen der Mündigkeit und dem viel häufiger verwendeten, aber auch häufig missbrauchten Begriff der Kompetenz. Daran schließt sich ein Beispiel für gelungene Mündigkeit im (Straßen)Verkehr an. Warum Kinder echten Spielraum brauchen, warum die Reifung, also das »Zeitlassen« so wichtig und warum persönliche Begegnung mit anderen Menschen unentbehrlich ist, wird an vielen Beispielen in Kapitel 2 erläutert. Der Weg zu nachhaltiger statt nachhinkender Bildung erfordert viel mehr Gelassenheit und Muße als der in Mode geratene Frühförderungswahn. In Kapitel 3 geht es um Abhängigkeit oder Sucht, und hier lautet die entscheidende Frage: Wie machen wir unsere Kinder stark gegen Mediensucht? Für gute Mediensuchtprävention kann man von den Erfahrungen in der Vorbeugung gegen andere Süchte reichlich profitieren.15 Dabei ist − und das kann ich nicht oft genug wiederholen − die unmittelbare Begegnung mit anderen Menschen von entscheidender Bedeutung. Aus meiner aktuellen Forschungstätigkeit im Bereich Computerspielabhängigkeit16 kann ich zwar noch keine eigenen Ergebnisse präsentieren, aber den Stand der Wissenschaft, insbesondere zum unterschiedlichen Gefährdungspotential verschiedener Spieltypen, skizzieren.

Im zentralen Kapitel 4 zeige ich, warum wir endlich aus den Fehlern der Vergangenheit lernen sollten. Wo sind eigentlich die Sprachlabors geblieben? Wann und wo wird heute das einst hochgelobte Schulfernsehen eingesetzt? In seiner brillanten historischen Analyse beschreibt Edwin Hübner17 das wiederholte Scheitern der Vorstellung, man könne den menschlichen Lehrer durch eine perfekte Lernmaschine ersetzen.

Und dann stelle ich Ihnen Schritt für Schritt den »Turm der Medienmündigkeit« vor. Dies ist ein Modell zum allmählichen Erwerb von Medienmündigkeit, das sich gerade durch weitestgehend medienfreie Spielräume in der Kindergartenzeit bis hinein in die Grundschulzeit als solide Basis für den späteren autonomen Umgang mit Medien auszeichnet. Dabei werden in einer Gegenüberstellung die aktuellen Konzepte medienpädagogischer Frühförderung (»Computer in die Kindergärten«) kritisch überprüft.

Besorgniserregend ist vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die »Bildungsschere«, um Kinder aus benachteiligten sozialen Schichten als Bildungsverlierer, dass der Einsatz elektronischer Medien in der Kindheit nach neuesten Daten diese Bildungsschere eher weiter aufklaffen lässt, als dass er sie schließt.18 Diesem Zusammenhang ist Kapitel 5 gewidmet, in dem ein zweiter, bedrohlich einsturzgefährdeter Turm dem stabilen Turm aus Kapitel 4 gegenübersteht. Auf die Frage, welche Maßnahmen denn zur Überwindung der digitalen Klüfte geeignet sind, zeigen einige Beispiele ermutigende Antworten, die allesamt im Real Life fest verankert sind.

Früh krümmt sich …

Im zweiten Teil geht es dann um Medienmündigkeit für Erwachsene. Was muss ich als Erwachsener, ganz besonders aber als Vater oder Mutter, Lehrerin oder Erzieher über Medien wissen? Wichtig sind zunächst aktuelle Daten und Fakten zu Mediennutzung und Medienausstattung, sowohl im internationalen Vergleich als auch in Deutschland (Kapitel 6). Dazu gehört auch die Beschreibung einer Untersuchung zur bildschirmfreien Kindheit in Deutschland. Dass es diese gar nicht gebe, hört man heute mit einer gewissen gebetsmühlenartigen Regelmäßigkeit, obwohl das Gegenteil sehr wohl zu belegen ist. Wer behauptet, elektronische Medien seien heute ganz automatisch Bestandteil der Kindheit, unterschätzt und verletzt (versehentlich oder absichtsvoll) den Handlungsspielraum von Eltern, Erziehern und Lehrern. Und genau deshalb sind Untersuchungen zum Gelingen bildschirmfreier Räume und Zeiten so wichtig. Legt man Daten zur Mediennutzung für kleine Kinder zugrunde, gibt es in Deutschland mehr als eine Million Kinder, die im Elternhaus überhaupt keine Bildschirmmedien nutzen. Bei weiteren Millionen kommen in der täglichen Routine Bildschirmmedien ebenfalls nicht vor, sondern nur als gelegentliche Ausnahme. Mit mehreren Dutzend solcher Eltern wurden im Rahmen der Untersuchung Interviews geführt. Die Eltern der »bildschirmfreien« Kinder waren selbst zum Teil Nichtfernseher, zum Teil Seltenfernseher, meist Buch- und Zeitungsfans und praktisch alle gemäßigte Computer- und Internetnutzer.

In Kapitel 7 leitet meine Einladung an Sie, sich einmal selbst ganz genau zu beobachten, zur Frage über: Wie wirken Medien auf Menschen? In der Debatte um Medienwirkungen stehen Medieneuphoriker und Medienkritiker im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Die Euphoriker loben die digitale, vernetzte Gesellschaft über den grünen Klee und blenden ihre Gefährdungen oft völlig aus.19 Bezeichnenderweise ziehen sie nicht selten direkt oder indirekt finanziellen Nutzen aus der Entwicklung, die sie anpreisen. Gefragt ist stattdessen ein genauer Blick darauf, wie Medien in unserer Gesellschaft wirken, unter Einbeziehung der Chancen und Risiken.

Dabei steht ein beeindruckender Mensch Pate für die Vorgehensweise: Joseph Weizenbaum, der als Professor für Informationstechnologie zu den Pionieren der digitalen und vernetzten Gesellschaft gehörte und gleichzeitig zu den schärfsten Kritikern ihrer menschenunwürdigen Auswüchse. Wenige kennen sich so gut mit der Computer-Software aus wie Weizenbaum. Er verteufelt weder Computer noch TV, sondern kritisiert die Art, wie die Gesellschaft, wie wir mit den Geräten umgehen, und hat dies sehr treffend ausgedrückt: »Ich bin kein Computer-Kritiker. Computer können mit Kritik nichts anfangen. Ich bin Gesellschaftskritiker.«

In einer Diskussion nach einem Vortrag wurde ich gefragt, welche Auswirkung des ausufernden Medienkonsums ich selbst für die schlimmste hielte. Ist Übergewicht schlimmer als schlechte Noten? Ist Gewalt schlimmer als Sucht? Ich kann es nicht sagen. Der große »Erfolg« von TV und PC liegt ja gerade in ihrer Eigenschaft, verschiedene Menschen an ihren sehr verschiedenen Schwachstellen zu »packen«. Wer von sich aus zu Unmäßigkeit neigt, für den werden Übergewicht und Sucht die schlimmsten Folgen sein. Wer ohnehin auf Gewaltbotschaften anspricht, für den ist der Verlust des Mitgefühls besonders problematisch, denn er kann mit einem Mal zu Gewalt neigen. Zwei Auswirkungen der Medien, die noch weniger schlagzeilenträchtig sind, ziehen aus meiner Sicht die schlimmsten Folgen nach sich: die Erosion des kreativen Spiels und den schleichenden Wandel im Selbst- und Weltbild.

Immer mehr Kinder verlieren die Fähigkeit zum innigen und schöpferischen Spiel. Immer mehr Menschen betrachten sich selbst im Grunde als unzulängliche Maschine und nicht als lebendiges, beseeltes menschliches Wesen. Ein Trend, der tiefe Besorgnis auslöst.

Mehr als zehn Seiten lang sind Sie in Kapitel 8 unter dem Motto »Eltern manipulieren – leicht gemacht« als Leser aufgefordert, »Theater zu spielen«: Begeben Sie sich ganz in die Rolle einer Werbefachfrau oder eines Marketingstrategen hinein! Längst ist unsere Ökonomie von der Bedarfsdeckung zur Bedarfsweckung übergegangen. Dies mag gerechtfertigt sein (nicht nur im Sinne der Gewinnsteigerung), aber es birgt die Gefahr, dass Marketingstrategen Sucht als die wirkungsvollste Strategie zur Weckung und Aufrechterhaltung von Bedarf entdecken und nutzen. Ich beschreibe verschiedene mögliche Strategien der Bedarfsweckung und gebe Beispiele, inwieweit diese in der Medienwirtschaft bereits umgesetzt werden. Passen Sie jedoch auf, den Rollenwechsel zurück nicht zu verpassen! Sonst glauben Sie bald selbst, Neugeborene brauchten dringend Computer und DVDs und Sie als Erziehende gehörten in die Generation der unwissenden digitalen Immigranten und manchen anderen Unsinn mehr.

Im dritten Teil finden Sie praktische Tipps für die Erziehung zur Medienmündigkeit. Wie können Sie als Eltern mitten in der digitalen Gesellschaft Spielräume für kreative Entfaltung schaffen? Wie wird aus Langeweile Muße? Wie widerstehen Sie dem Druck (»Mama, kaufst du mir das? Alle anderen haben das auch!«). Welche Alternativen zum Bildschirm-Babysitter bieten sich an? Wie schafft man sich in der eigenen Familie und im weiteren sozialen Umfeld Verbündete und Freunde statt Feinde? Was müssen Sie tun, worauf achten, damit andere Ihr herausforderndes Projekt »Medienerziehung« unterstützen und nicht ablehnen oder gar sabotieren? Am Schluss des Buches habe ich Ihnen praktische Medienreife-Tests zum Ankreuzen vorbereitet, gesondert nach Hörmedien, Fernsehen/DVD und PC. Diese Tests sollten Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen, auch auf die Gefahr hin, dass Sie selbst als Erwachsener in den für Kinder konzipierten Tests nicht die volle Punktzahl für Medienreife erreichen.

Der abschließende Ausblick fasst die zentralen Gedanken des Buchs noch einmal zusammen und formuliert Vorschläge und Forderungen, die den Weg zur Medienmündigkeit ebnen könnten.

TEIL 1

Medienmündigkeit – Reifung braucht Zeit und Förderung braucht Methode

KAPITEL 1

Mündig oder nur kompetent?

»Lord d’Arbanville ritt auf seinem feurigen Rappen durch den von Morgennebeln verschleierten Wald. ›Mein Wald!‹, dachte er dabei, und ›Mein Mündel! Was fange ich bloß mit dieser halsstarrigen jungen Lady Georgina an, die sich in den Kopf gesetzt hat, entgegen ihres Vormunds ausdrücklichen Anweisungen bei ihrer alten Tante Martha zu bleiben?‹«

So etwa könnte ein Absatz in einem historischen Gesellschaftsroman lauten. Das ist heute der literarische Ort, an dem wir Worte wie Mündel, mündig, Vormund, Mündigkeit erwarten würden. Am Ende wären Lord d’Arbanville und Lady Georgina aller Voraussicht nach ein glückliches Paar. Aber »Mündigkeit« im Titel eines Buches über Medienerziehung im 21. Jahrhundert?

Plastikwort Medienkompetenz oder: Wer bedient hier wen?

Warum bleibe ich nicht bei dem Begriff »Medienkompetenz«, der ja sowohl in der öffentlichen Debatte als auch im wissenschaftlichen Diskurs um Medienerziehung häufig verwendet wird? Dann könnte man die Mündigkeit dort lassen, wo man sie auf den ersten Blick auch erwartet, nämlich im historischen Roman.

Nein! Das kommt deshalb nicht in Frage, weil der »Kompetenz«, zumindest in der öffentlichen Debatte, im Vergleich zur »Mündigkeit« gleich zwei entscheidende Dinge fehlen: Erstens fehlt die Dimension der Reifung, also des Zeitlassens und Raumgebens im Verlauf der Ausbildung einer Persönlichkeit. Zweitens fehlt die Dimension der Selbstbestimmtheit, der Zeitsouveränitiät, der Verhinderung von Abhängigkeit.

»Der Begriff Medienkompetenz [wird] in der veröffentlichten Diskussion, vor allem aber dort, wo sich Ökonomie und Politik seiner bedienen, häufig auf die Fertigkeit reduziert […] den technischen Vorgaben der Medien als digitalen Maschinen adäquat zu folgen.«20

Das bemängelt ein Medienpädagogik-Professor. Und was versteht ein Nicht-Experte, wenn er dieses Wort hört?

»Medienkompetenz? Also ich mein, ich stell mir darunter vor: Wissen, wie man mit Fernseher und Computer halt umgeht, also wie man die Geräte richtig bedient.«21

Fällt Ihnen daran etwas auf? Da ist von Bedienen die Rede. Wer bedient hier wen?

Gerade weil Medienkompetenz mit über einer halben Million Google-Treffern zum Modewort avanciert und gerade weil sich alle so verdächtig einig zu sein scheinen, dass Medienkompetenz etwas Gutes, etwas Erstrebenswertes sei, ist Vorsicht geboten. Nicht nur wer hört und liest, was Eltern ihren Kindern im Namen der Förderung von Medienkompetenz alles kaufen sollen, vom Barbie-Lerncomputer über das Lernhandy zur Baby-Einstein-DVD, kommt irgendwann zu dem Ergebnis: Wenn das der Weg sein soll, ist das Ziel nicht mehr meins. Leider wird diese Art von Werbung allzu oft mit Statements von Möchtegern-Experten unterlegt, die über den Verdacht des Lobbyismus keineswegs erhaben sind, weil sie Geld von den Herstellerfirmen erhalten (vgl. etwa Kapitel 8 zum Schlaumäuse-Projekt).

Vorsicht ist also geboten. »Medienkompetenz ist ein verbrannter Begriff, der als pädagogischer Leitgedanke versagt hat«, warnt ganz direkt Eberhard Freitag, der Leiter einer Fachstelle für exzessiven Medienkonsum in Hannover.22 Und unter deutschen Medienpädagogen, die das Wort weiterhin verwenden, wird um den Begriff gestritten: Was ist Medienbildung, was Medienkompetenz?23 So weit wie Eberhard Freitag gehe ich nicht, dennoch beschleicht mich die Ahnung, dass Medienkompetenz alltagssprachlich zum Plastikwort mutiert ist, das sich zum Missbrauch nur zu gut eignet.

Was ist das, ein Plastikwort? Der Freiburger Germanistikprofessor Uwe Pörksen hat sich schon vor Jahren in seinem Buch Plastikwörter – die Sprache einer internationalen Diktatur mit einer bestimmten Art von Wörtern beschäftigt, die in aller Munde sind, ohne eigentlich fassbar zu sein. Ich habe nachgezählt: Aus einer Liste mit 30 Merkmalen von Pörksens Plastikwörtern treffen mindestens 24 für den Begriff Medienkompetenz zu. Zu diesen Merkmalen gehören auch folgende:

Plastikwörter bringen ein riesiges Erfahrungs- und Ausdrucksfeld auf einen Nenner. Durch ihre unendliche Allgemeinheit erwecken sie den Eindruck, eine Lücke zu füllen, befriedigen sie ein Bedürfnis, das vorher nicht bestand. Mit anderen Worten: Sie wecken es. Sie kommen aus der Wissenschaft in die Alltagssprache und dominieren durch ihre amöbenhafte Schwammigkeit den öffentlichen Diskurs. Sie verankern das Bedürfnis nach expertenhafter Hilfe in der Alltagssprache. Sie bringen zum Schweigen.

Als Leser können Sie übrigens selbst mit einer aus drei Klopapierrollen und einem Stock hergestellten Phrasendreschmaschine Plastikwörter herstellen. Auf die erste Rolle schreiben Sie schwammige Adjektive, auf die zweite und dritte schwammige Hauptwörter. Und das Ergebnis könnte z. B. so aussehen: nationale Vernetzungs-Struktur, nachhaltiges Kommunikations-System, interaktive Medien-Kompetenz, medialer Innovations-Wettbewerb … und so weiter. Das sind allesamt Wortkombinationen, die ungefähr so wichtig und bedeutungsvoll klingen, wie sie inhaltsleer sind. Gegen diese Wörter kann keiner etwas einwenden, ohne als rückständig zu gelten. Plastikwörter erleichtern die Entmündigung durch Experten24 und Maschinen und sind geeignet, elegant das Verschwinden von Kultur als Fortschritt darzustellen.

Ein Beispiel: Ein kleines Mädchen, nennen wir es Laura, bekommt abends vom Papa eine Geschichte erzählt. Dann sprechen die Eltern mit ihm ein Abendgebet und singen ein Lied. Ein anderes kleines Mädchen, Celine, hat eine Geschichtenkassette, eine musikalische Aufziehuhr und einen kleinen elektronischen Plüsch-Teddy-Engel, der auf Knopfdruck mit Kinderstimme abwechselnd ein Morgen- und ein Abendgebet spricht. Mama und Papa sind weg. Na, wenn das kein innovativer Entwicklungs-Fortschritt/mediales Innovations-System/nachhaltiges Kommunikations-System ist! So wird die interaktive Medien-Kompetenz gefördert! Interaktiv? Ja, denn der Plüsch-Teddy hat auch eine Aufnahmefunktion, wo Mamas Liebling das eigene Gebet auf Band aufnehmen kann.25 Wörter, die überdecken können, dass es Celine schlechter geht als der »altmodisch« zu Bett gebrachten Laura, dass Fortschritte in Wirklichkeit oft Rückschritte sind, haben Konjunktur. Wer das Buch von Pörksen liest, wird in Zukunft bei der Lektüre einer Politikerrede, eines Forschungsantrag und eines Personalgesprächs ständig zusammenzucken: Achtung, Plastikwörter!

Ich halte fest, dass Medienkompetenz in meinen Augen als Begriff zu oft missbraucht worden ist, um noch als Ziel zu taugen. Diese Grundstimmung, die ich von meinen Abendveranstaltungen und Fortbildungen her gut kenne, trägt ein Risiko und eine Chance in sich: Wenn Medienkompetenz nicht mehr als Ziel taugt, besteht das Risiko, dass man sich abwendet, die Augen schließt und in eine kulturpessimistisch-bewahrpädagogische Starre verfällt. Stattdessen sollte man aber die Chance ergreifen, eine neue Zielperspektive für das sogenannte digitale Zeitalter ins Auge zu fassen: Medienmündigkeit.

Dieser Begriff ist viel weniger bekannt als Medienkompetenz (mit 1500 Google-Treffern genau um Faktor 300 unbekannter) und wurde von Walter Schludermann an der Universität Klagenfurt schon Ende der 90er Jahre als Titel für ein Forschungsprojekt verwendet, allerdings mit einer etwas anderen Bedeutung. Kritische Medienpädagogen sehen die Einführung dieses neuen Begriffs hoffentlich nicht als Provokation und Generalkritik an allen Theorien, die mit der alten Begrifflichkeit arbeiten, sondern als Bereicherung des Diskurses, die neuen Schwung in alte festgetretene Debatten bringen möge.

Mündigkeit, so kann man im 12-bändigen Brockhaus nachlesen, ist »im engeren Sinne die Volljährigkeit, im weiteren Sinne die Fähigkeit des Menschen zur sittlichen und geistigen, zur politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Selbstbestimmung. Mündigkeit beschreibt ein ursprünglich von der Aufklärung geprägtes Leitbild der Entfaltung und Selbsterziehung zur autonomen sittlichen und geistigen Persönlichkeit.«

Vormund, wie auch die gesamte Wortfamilie mündig, Mündel, Mündigkeit, leitet sich interessanterweise nicht vom Maskulinum »der Mund« ab, also dem Körperteil, durch den Nahrung und Sprache hinein- oder herauskommen. Stattdessen gehen sie auf das Femininum »die Mund oder die Munt« zurück, ein mittelhochdeutsches Wort, das seit dem 9. Jahrhundert mit der Bedeutung »Schutz, Schirm, Bewahrung« verwendet wird. Vormund ist also, wer seinen Schutzbefohlenen vor Schaden und Übervorteilung bewahrt. Mündig ist, wer reife Urteilsfähigkeit erlangt hat, so dass er des Schutzes durch den Vormund nicht mehr bedarf, sondern selbst für sich eintreten, sich selbst schützen kann.

Doch zurück zum Brockhaus und seiner Definition von »Mündigkeit«: Die Selbstbestimmtheit, die Autonomie des Menschen in verschiedenen Lebensbereichen steht im Vordergrund. Mündigkeit beschreibt den Zustand nach Abschluss einer Entwicklung. Solange das Kind oder der Jugendliche zu jung ist, um seine langfristigen Ziele und Bedürfnisse zu reflektieren und sich für deren Berücksichtigung einzusetzen, zu jung, um mögliche Nachteile oder Gefährdungen für seine Entwicklung zu erkennen, wird er unter den Schutz eines Erwachsenen gestellt, der sich für ihn einsetzt und ihn vertritt. Die Entwicklung zur Selbstbestimmtheit wird dabei als weitgehend altersabhängig, als Ergebnis eines Reifungsprozesses angesehen.

Welch entscheidende Bedeutung die Muße, also gerade das Sich-Zeitlassen als Voraussetzung für echte Bildung im Gegensatz zur von ihm kritisierten »Halbbildung« hat, beschrieb schon Theodor W. Adorno.26 Was ist Muße? Zumindest ein weiterer wichtiger Begriff, der im Verlauf dieses Buches eine große Rolle spielen wird: Die Bedeutung und das kreative Potential der Muße müssen wir erst wiederentdecken in einer Gesellschaft, die ungenutzte Zeitabschnitte allzu schnell als »Langeweile« oder »Ineffizienz« abstempelt, in einer Gesellschaft, in der nicht nur Arbeitszeit, sondern auch Freizeit einer effizienten Nutzung zugeführt werden sollen.

Der Brockhaus nennt als Bereiche der Mündigkeit die »sittliche, geistige, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche« Selbstbestimmtheit. In der heutigen Zeit kommt die »mediale« Selbstbestimmtheit hinzu. Medienmündig kann nur sein, wer seine eigenen langfristigen Ziele und Bedürfnisse kennt, wer die unterschiedlichen Medien mit ihren Chancen und Risiken, mit ihrem Potential zur Befriedigung dieser Bedürfnisse einschätzen und diese Überlegungen und Erwägungen in Entscheidungen und Handlungen im Alltag umsetzen kann. Damit kann dann ausdrücklich auch medienmündig genannt werden, wer sich überall dort für nichtmediale Handlungsalternativen entscheidet, wo das Un-Vermittelte, wo das echte Leben zur Erreichung seiner persönlichen Ziele besser geeignet ist. Wir wollen unsere Kinder nicht zu technisch versierten Maschinensklaven, sondern zu selbstbestimmten Menschen erziehen, die selbst über Ausmaß und Art ihrer Mediennutzung entscheiden können. Wann aber erreicht ein Mensch diese Mündigkeit, wann kann er ohne einen »Vormund« auskommen, der ihn vor Risiken schützt, die er selbst noch nicht abschätzen kann? Mehrere richtige Grundideen dazu kann man etwa von der Verkehrsmündigkeit ganz gut ableiten.

Führerschein und Verkehrsmündigkeit

Niemand bezweifelt heute, dass es für einen jungen Menschen wichtig ist, einen Führerschein zu erwerben. Natürlich bringt der Autoverkehr auch ökologische Nachteile und gesundheitliche Risiken mit sich, und dennoch ist sogar für die allermeisten Nicht-PKW-Besitzer der Führerschein heute eine Selbstverständlichkeit. Fahrkompetenz erwerben angehende junge Autofahrer in praktischen Fahrstunden, denn Lenken, Gasgeben und Bremsen, Einparken und Anfahren am Berg wollen ja geübt sein. Manche sprechen sogar vom Autofahren als Schlüsselkompetenz. Dennoch fordert niemand Praxiserfahrung schon ab drei Jahren! Gerade die kontroverse Diskussion um einen früheren Beginn der praktischen Einübung von Fahrkompetenz (praktische Fahrstunden schon ab 16, begleitetes Fahren ab 17) macht deutlich, dass im Autoverkehr noch sehr wohl zwischen Kompetenz und Mündigkeit unterschieden wird.

Der deutsche Gesetzgeber hat nämlich in Artikel 1 der Straßenverkehrsordnung eine schöne Formulierung für Verkehrsmündigkeit (nicht Fahrkompetenz!) gefunden.

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Um diesen allerersten und wichtigsten Vorschriften zu entsprechen, sind Gefahrenbewusstsein, realistische Selbsteinschätzung, Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und Rücksichtnahme nötig. Verkehrsmündigkeit setzt also ein hohes Maß an menschlicher Reife voraus. Man streitet aktuell sogar eher darüber, ob 18 Jahre dafür überhaupt genug sind. Verkehrsexperten folgern aus Analysen der Unfallstatistiken, dass die Verkehrsmündigkeit auch mit 18 Jahren noch nicht in vollem Umfang gegeben sei, weshalb vor einigen Jahren mit gutem Erfolg eine Null-Promille-Grenze für Fahranfänger beschlossen wurde.27 Viele Mietautofirmen vermieten ihre Autos nur an Personen ab 25 Jahren.

Fahrkompetenztraining betreiben, also das Lenkrad bedienen, Gas geben und Bremsen könnte theoretisch auch schon ein wesentlich jüngerer Mensch lernen. Könnte? Kann: Im Mai 2010 verursachte ein achtjähriges Mädchen einen Auffahrunfall, bei dem der Vater als Beifahrer daneben saß und später die »Fahrübungen« kommentierte: »Es hat ihr Spaß gemacht.«28 Die Öffentlichkeit reagierte empört über den Leichtsinn der jungen Autofahrerin und des unverantwortlich handelnden Erziehungsberechtigten; zudem zieht ein solcher Vorfall rechtliche Konsequenzen nach sich.

Wie sieht es dagegen mit den Eltern aus, die ihrem Sohn einen PC mit Internetanschluss ins Zimmer stellen, ihn drauflos surfen lassen und halb resigniert, halb bewundernd kommentieren: »Ich weiß zwar nicht, was er da eigentlich macht, irgendwie sind die Kinder uns Eltern in diesem Bereich echt voraus, aber es macht ihm ja solchen Spaß.«

Kinder nicht Autofahren zu lassen, bis sie die dazu nötige menschliche Reife haben, wird als verantwortungsvolle Verkehrserziehung angesehen. Kinder nicht vor den Bildschirm zu setzen, bis sie dafür reif sind, wird im 21. Jahrhundert von vielen Medienpädagogen als antiquierte Bewahrpädagogik diffamiert. Zu Unrecht, wie ich in Kapitel 4 zeigen werde; im entwicklungsphasenabhängigen Ansatz ist das Bewahren des kleinen Kindes vor schädlichen Medieneinflüssen eine sinnvolle Phase in einem größeren Ablauf.

Um dieses Prinzip sozusagen vorgreifend am Beispiel des Straßenverkehrs zu erläutern: Eine verantwortungsvolle Erziehung zur Verkehrsmündigkeit bedeutet weder, dass man schon kleine Kinder ans Steuer setzt, noch, dass man sie in ein Kämmerlein einsperrt und so lange wartet, bis das Kind volljährig und die Persönlichkeit gereift ist. Verantwortungsbewusste Eltern und Pädagogen ermöglichen Kindern neben einer allgemeinen Erziehung zum selbstbestimmten und besonnenen jungen Menschen auch schon vor den ersten praktischen PKW-Fahrstunden einige Erfahrungen im Verkehrsbereich. Das geht Schritt für Schritt: Laufen lernen, Bobbycar fahren, Dreirad fahren, kleinere Zusammenstöße und Schürfwunden am Knie überleben, Roller fahren, lesen lernen, Verkehrsregeln lernen, auf dem Verkehrsübungsplatz für die Fahrradprüfung üben, um nur einige Beispiele zu nennen. Überlegen Sie an diesen Beispielen doch einmal, woran man festmachen kann, ob eine Situation als Vorübung zur Medienmündigkeit geeignet ist: vielleicht Kassetten aufnehmen, Theaterspielen, Fotoalben anschauen, Briefe schreiben. Dazu passt die Aussage von Medienwissenschaftlern, die Zeitung sei ideales Trainingsmedium für die spätere Internetnutzung, weil sie alle Vorteile ohne die Nachteile biete.29 Allgemeiner gesprochen gibt es für die Entscheidung, ob ein Medium als »Trainingsmedium« oder »Trainingsfortbewegungsmittel« taugt, mindestens drei wichtige Kriterien:

Das Kind sollte aus seinen Fehlern lernen können (Fehlerfreundlichkeit, s. Anmerkung 62).

Es sollte die Folgen seiner Handlungen überblicken können (Verstehbarkeit).

Es sollte genügend Zeit für Entscheidungen haben (Langsamkeit).

Da diese Kriterien beim Autofahren nicht gegeben sind, gibt es praktische Fahrstunden erst frühestens ab sechzehneinhalb. Und beim Bildschirmmedienkonsum? Die Langsamkeit und die Verstehbarkeit sind jedenfalls nicht gegeben, auch nicht, wie sich bei genauerer Betrachtung noch zeigen wird, die Fehlerfreundlichkeit. Zur Fehlerfreundlichkeit würde nämlich auch gehören, dass negative Konsequenzen (»Fehler«) erkennbar sind, denn nur so kann ich aus ihnen lernen. Die schädlichen Folgen des frühen Bildschirmmedienkonsums (vgl. Kap. 7, Übergewicht,