Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Meeresrauschen - Patricia Schröder

Als Gordian von seiner Reise in den Atlantik zurückkehrt, bleibt Elodie und ihm kaum Zeit, ihre Liebe zu genießen. Kyan sinnt auf Rache: für Elliots Tod und für die Schmach, die er im Kampf mit Gordy erlitten hat. Cyril offenbart Elodie einen Teil seines Geheimnisses und kämpft um ihre Zuneigung, und ein Wiedersehen mit Javen Spinx birgt neue Überraschungen. Die Unruhe in Rubys Clique und die schwelende Feindschaft unter den Meeresbewohnern lässt die Stimmung schließlich endgültig usmchlagen, und inmitten der katastrophalen Ereignisse ist plötzlich Gordian verschwunden. Elodie stürzt sich blindlings ins Meer, um ihn zu retten, und wird unversehens mit dem wahren Ausmaß ihres Schicksals konfrontiert. Mit einem Mal erkennt sie, dass sehr viel mehr auf dem Spiel steht als ihre Liebe zu Gordy. - Aber welchen Preis ist sie bereit, dafür zu zahlen?

Meinungen über das E-Book Meeresrauschen - Patricia Schröder

E-Book-Leseprobe Meeresrauschen - Patricia Schröder

ISBN 978-3-649-61241-4 (eBook)

eBook © 2012 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Patricia Schröder

Umschlaggestaltung: Geviert – Büro für

Kommunikationsdesign, München, Conny Hepting

Umschlagfoto: © Anni Suvi

Lektorat: Maren Jessen, Nicola Dröge

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

eBook Produktion: book2look International GmbH

www.meeresfluestern.de

www.coppenrath.de

Niemand kann seiner Bestimmung entfliehen.Das ist ein ehernes Gesetz des Meeres.

Kyan starrte Gordy mit einer Mischung aus Abscheu und freudiger Erregung an. Noch nie hatte er es so genossen, dass der Plonx in seinen Gedanken lesen konnte wie in den Logbüchern, die die Kapitäne in ihren versunkenen Schiffen zurückgelassen hatten.

Ich werde meinen ganzen Hass in ihren zerbrechlichen Körper spülen und sie mit meinem Kuss ertränken und du, elender Verräter, wirst nichts dagegen tun können.

Es war wie ein Geschenk des Schicksals, dass sie direkt vor seiner Nase im Wasser aufgetaucht war, ein menschlicher Tribut, den das Meer sich nun nahm – und ihm, Kyan, fiel die Aufgabe zu, diesem Willen zu entsprechen. Sein Blick glitt über Elodies zauberhafte Rückseite, die schmalen Schultern, die zarten Rückenwirbel und ihr wunderhübsch geformtes Hinterteil. Allein die Vorstellung, wie seine Lippen sich an ihrem Mund festsaugten, erfüllte ihn mit Wonne.

»Lass sie in Ruhe«, zischte Gordy. »Sie hat mit all dem nichts zu tun!« Verzweifelt versuchte er, sich zu befreien, doch Niclas, Pine und Liam hielten ihn fest umklammert und vereitelten jeden noch so kleinen Flossenschlag.

Egal, wie viel Vorsprung ich ihr lasse, du wirst es nicht schaffen, dachte Kyan voller Genugtuung. Elodie ist schon jetzt so gut wie tot.

Ich hörte die Schreie, und ich spürte die hektischen Bewegungen unzähliger Delfinleiber, aber ich konnte kaum etwas erkennen, denn das Meer war dunkelrot von Blut. Panisch wirbelte ich um die eigene Achse, in der Hoffnung, Gordian irgendwo zu entdecken. Er brauchte mich, nur ich konnte ihm jetzt noch helfen. Es waren zu viele, und sie kamen von allen Seiten – allein würde er sich nie und nimmer gegen sie wehren können.

Plötzlich glaubte ich, zwischen all dem Blut eine goldene Strähne aufblitzen zu sehen – Gordy! Es konnte nur er sein. Seine Schwester Idis war weit draußen im Atlantik, so hoffte ich jedenfalls. Nicht auszudenken, wenn sie zurückgekommen war … ausgerechnet jetzt … Nein, das durfte einfach nicht sein!

Der Druck des Wassers drohte meine Lungen zu zerbersten. Ich sehnte mich danach, endlich einen Atemzug zu tun, aber ich wusste, das wäre das Ende. Nur wenn ich am Leben blieb, hatte Gordy überhaupt noch eine Chance.

Mit letzter Kraft stieß ich in seine Richtung. Vielleicht gelang es mir wenigstens, Kyan abzulenken. Ihn und seine Freunde. Gegen die dröhnenden Boote, deren lange Schatten über mich hinwegglitten, vermochte ich ohnehin nichts auszurichten. Die menschlichen Jäger waren übermächtig. Ihre Harpunen hatten bereits Elliots Körper durchbohrt. Ich konnte nur beten, dass sie mich nicht auch noch trafen, bevor ich Gordy erreichte. – Bloß nicht darüber nachdenken, Elodie!, beschwor ich mich.

Mit aller Macht konzentrierte ich mich auf meine Arme und Beine. Sie mussten sich bewegen. Solange sie das taten, war alles gut. Aber dann ging der Druck in meiner Lunge in einen Schmerz über, der von Zug zu Zug quälender wurde und bald kaum noch zu ertragen war.

Tränen brannten in meinen Augen. Sie verbanden sich mit dem Meerwasser, strömten über meine Haut – und auf einmal bekam ich wieder Luft. Die blutige Wolke, die mich umgab, löste sich auf, und ein glockenheller, betörender Laut brachte das Wasser zum Vibrieren. Der Gesang der Delfine!, durchfuhr es mich. Doch es waren nicht die Tiere, die diese Laute von sich gaben, es war Gordy, der inmitten von ihnen schwamm. Sein karamellfarbener Oberkörper und die goldblonden Haare schimmerten im Licht der Sonnenstrahlen, die nun zaghaft ins Meer hinabtauchten.

Sieh mich an, flehte ich, bitte dreh dich um und sieh mich an!

Er schien so sehr in seinen Gesang vertieft zu sein, dass er mich nicht hörte, aber seine Flossenschläge waren nun ruhig und bedächtig, es würde mich keine große Mühe mehr kosten, ihn einzuholen.

Verdammt, war er sich der Gefahr, in der er schwebte, denn gar nicht bewusst? Und machte er sich nicht einmal die geringste Sorge um mich?

Diese Gedanken schienen deutlich genug gewesen zu sein, denn nun wirbelte er ruckartig zu mir herum.

Die Strähnen seines pechschwarzen Haares – gerade noch golden glänzend – umspielten sein kantiges Gesicht wie die Tentakeln eines Oktopus und seine giftgrünen Augen stierten mich hasserfüllt an.

Ein paar Sekunden lang war ich wie gelähmt, dann paddelte ich entsetzt zurück.

Doch was konnte ich schon ausrichten gegen einen Nix, dessen natürliches Element das Wasser war? Wie ein tödliches Geschoss stob Kyan auf mich zu, ich glaubte bereits, seine großen, kräftigen Hände an meinen Fußgelenken zu spüren, da wurde ich plötzlich von etwas anderem umschlossen. Es kam von hinten und zugleich von oben und von unten, und viel zu spät begriff ich, dass es ein Netz war.

Blitzschnell zogen sich seine Maschen zusammen.

Ich zappelte, schlug um mich und suchte verzweifelt nach einem Loch, doch mit jeder Bewegung schloss sich das Netz nur umso fester um meinen Körper. Dann spürte ich einen stechenden Schmerz und wieder wurde es dunkel um mich herum. Es war mein eigenes Blut, in dem ich trieb … das ich atmete … in dem ich qualvoll ersticken würde …

»Gordy!«, keuchte ich. »Gordy, bitte hilf mir!« Meine Finger krallten sich in weiches Gewebe und mit einem Mal fühlte ich tatsächlich etwas Warmes, Lebendiges. »Gordy, du hast mich gefunden.« Unendliche Erleichterung erfüllte mich und ich löste langsam meinen Griff.

»Alles ist gut, Elodie«, sagte Ruby. »Du hast nur geträumt.«

»Was?«, stieß ich im Hochschnellen hervor.

Mein Blick fiel auf das große Balkonfenster und holte mich endgültig in die Wirklichkeit zurück.

Heute war Dienstag, der 17. April, ein trüber Spätnachmittag mit wolkenverhangenem Himmel und einem stürmischen Wind, der sich in surrenden Wirbeln im Fensterspalt verfing und den frischen, salzigen Geruch der Nordsee bis in mein Zimmer hineintrieb.

Ich saß schweißüberströmt auf dem Rattansofa, der Fernseher lief und Ruby hockte neben mir auf dem Boden. Seit Gordys Aufbruch zu seiner Familie in den Atlantik waren gerade einmal vier Tage vergangen – sehr unwahrscheinlich also, dass er schon wieder zurückgekehrt sein konnte.

»Es tut mir leid«, sagte Ruby leise und strich mir über den Rücken.

»Dir?«, fragte ich erstaunt. »Was denn?«

»Alles«, antwortete sie und hob frustriert die Schultern. »Dass du ständig diese furchtbaren Träume hast. Deine Angst, Gordian könnte etwas zustoßen … und vor allem, dass er so lange auf sich warten lässt.«

»Tut er doch gar nicht«, entgegnete ich kopfschüttelnd. »Er hat mir gesagt, dass er mindestens eine Woche fort sein wird.« Seufzend wischte ich mir mit der Wolldecke eine feuchte Locke aus der Stirn.

»Dann ist es ja eigentlich auch nicht nötig, das Fenster die ganze Zeit offen stehen zu lassen«, sagte Ruby. »Schon gar nicht bei diesem Sturm.«

»Es ist doch nur ein Spalt«, erwiderte ich matt.

»Trotzdem.« Sie erhob sich und schaltete den Fernseher aus, danach ging sie zum Fenster hinüber, schloss es und legte den Griff um. »Du solltest dich besser ein bisschen frisch machen«, meinte sie, nachdem sie sich wieder zu mir umgedreht hatte. »Ashton wird jeden Augenblick hier sein.«

»Aha …«, sagte ich abwartend und betrachtete aufmerksam Rubys hübsches, sommersprossiges Gesicht. Seit Elliots bestialischer Hinrichtung kümmerten sie und Ashton sich wirklich rührend um mich; bisher war es allerdings eher selten vorgekommen, dass die beiden – so unzertrennlich sie auch waren – zur gleichen Zeit hier auftauchten. »Gibt es dafür einen besonderen Grund?«

Ruby antwortete nicht, sondern stand einfach nur da, mit gekreuzten Armen und eingekniffenen Mundwinkeln, und das machte mich nervös.

»Jetzt sag schon«, drängte ich sie.

Sie schien zu überlegen. Schließlich ließ sie die Hände sinken und kam auf mich zu. »Ja, es hat einen besonderen Grund«, gestand sie. »Sobald Ashton kommt, werden wir dir alles erklären.«

Obwohl es vollkommen unmöglich war, dass ausgerechnet er und Ruby etwas über Gordys Schicksal erfahren hatten, verwandelte sich die nagende Sorge, die seit Tagen dumpf auf meinem Herzen lag, mit einem Schlag in beißende Angst. Die Erinnerung an unsere letzte Nacht auf den Klippen unterhalb von Tante Graces Cottage, an Gordys sanfte Umarmungen und seine zärtlichen Küsse brachte mich schier um.

Bitte, bitte nicht, war alles, was ich denken konnte, dann fing ich an zu zittern, und Rubys Gesicht verschwamm vor meinen Augen.

Schluchzend sank ich aufs Sofa zurück und nur eine Sekunde später umfingen mich ihre warmen, tröstenden Arme.

»Alles ist gut, Elodie«, wiederholte Ruby flüsternd ihre Worte von eben. »Bitte verzeih mir, ich wollte dich nicht beunruhigen. « Sanft drückte sie mich an sich. »Es gibt ein paar Neuigkeiten, aber die haben nichts mit Gordian zu tun … Okay?«

»Okay.« Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht, aber es kamen sofort neue nach. Dieser schreckliche Traum und Rubys komische Reaktion eben hatten mich ziemlich durcheinandergebracht.

»Himmel noch mal, Elodie!«, stöhnte sie jetzt. »Deine Flennerei in allen Ehren, aber sie ändert doch nichts. Sollte deinem Nix tatsächlich etwas zustoßen, kannst du immer noch durchdrehen.«

»Danke, das war hart«, brummte ich und bedachte sie mit einem finsteren Blick.

»Stimmt«, gab Ruby mir recht. »Hart, aber wirkungsvoll.«

Irritiert schüttelte ich den Kopf. »Inwiefern?«

»Du heulst nicht mehr!«

»Ähm …« Ich stutzte. »Tatsächlich!«, stellte ich fest und wir mussten beide lachen.

»So, und jetzt ab mit dir ins Bad.« Ruby ergriff meine Hände und zog mich auf die Füße. »Frische Klamotten sind im Kleiderschrank «, fügte sie augenzwinkernd hinzu. »Aber damit erzähle ich dir sicher nichts Neues.«

Ich drehte den Hahn auf und schaufelte mir so lange eiskaltes Wasser ins Gesicht, bis meine Augen nicht mehr brannten und meine Haut sich wieder einigermaßen kühl und straff anfühlte. Auf keinen Fall durfte meine Großtante mich so sehen. Sie würde mich sofort zur Rede stellen und nicht eher Ruhe geben, bis ich ihr alles bis ins letzte Detail erzählt hatte. Ohnehin hielt sie mich unter Beobachtung, als wäre ich eine Kuh, die jeden Moment ein Kalb zur Welt bringen könnte. Es würde ganz sicher nicht einfach sein, Gordians Existenz dauerhaft vor ihr zu verbergen.

Seufzend zerrte ich mir die verschwitzten Klamotten vom Leib, warf sie in den Wäschekorb und begutachtete die seltsame Wunde über meinem rechten Knöchel, die ich mir vor einiger Zeit bei einem Unfall an einem Felsen zugezogen hatte. Sie war gut verheilt, auch das lose Hautstück wuchs allmählich wieder an, allerdings sah das Ganze nun ziemlich wulstig aus. Es wunderte mich ein bisschen, dass Tante Grace mich gar nicht mehr darauf angesprochen hatte. Immerhin hatte sie mich deswegen vor einer Woche noch zum Arzt schleppen wollen. – Na ja, mir sollte es nur recht sein. Ob und wann ich medizinische Hilfe brauchte, konnte ich eigentlich ganz gut allein entscheiden. Im Moment schien es mir jedenfalls nicht nötig zu sein.

Ich gönnte mir eine kurze heiße Dusche, strich noch einmal etwas von Mams Salbe auf die Hautwulst und fünf Minuten später war ich bereits wieder fix und fertig angezogen. Hastig band ich meine Haare im Nacken zusammen und ging ins Zimmer zurück.

Ruby stand am Fenster und sah aufs Meer hinaus. Der Sturm hatte zugenommen und fegte die grauen Wolken inseleinwärts über uns hinweg. Dicke Regentropfen prasselten gegen die Scheiben.

»Ist Ashton immer noch nicht da?«, fragte ich.

»Nein.«

»Machst du dir Sorgen? Ich meine, wegen des Wetters …«

»Ich mache mir nie Sorgen um Ashton. Jedenfalls nicht so.«

Ruby wandte sich mir zu und nickte. »Schon viel besser.«

Ich lächelte matt. »Wo steckt er denn so lange?«

Sie machte eine fahrige Geste.

»Na ja, er hat eine Verabredung«, sagte sie schließlich.

»Wie bitte?«

»Nicht wie du jetzt vielleicht denkst«, erwiderte sie hastig. »Kein Mädchen.« Sie druckste. Offenbar schien sie genauso wenig über Ashton und seine Verabredung sprechen zu wollen, wie ich noch weiter über Gordy reden mochte. »Er trifft sich mit jemandem, um etwas herauszufinden«, fügte sie endlich hinzu.

»Aha …?« Ich horchte auf. »Ist sein Vater aus Leicester gekommen? «

Ruby schüttelte den Kopf. »Leider nicht.«

»Hat es mit seinem Tourette-Syndrom zu tun?«, bohrte ich weiter.

»Nein.«

Ruby richtete ihren Blick zu Boden. Es war ein eindeutiges Signal, aber ich konnte jetzt nicht aufhören. Eine leise Ahnung stieg in mir auf. Ich musste es einfach wissen.

»Dann also mit mir? … Den Nixen …?« Ich musterte sie abwartend. »Oder mit Lauren und Bethany?«

Ruby drehte sich zum Fenster zurück. Sie konnte mir also nicht in die Augen sehen.

»Nicht direkt«, sagte sie leise.

Das Herz schlug mir bis zum Hals. »Sag bitte nicht, mit Cyril«, wisperte ich.

Ruby schwieg.

»Nach allem, was er mir angetan hat!«, stieß ich hervor.

Ich trat hinter sie, fasste sie an den Schultern und zog sie wieder zu mir herum.

Ruby sah mich an. »Deshalb hat Ashton es ja auch übernommen. «

»Cyril wird sowieso nichts erzählen«, knurrte ich.

»Ashton vielleicht schon.«

Warum ausgerechnet ihm?, lag es mir auf der Zunge zu sagen, aber ich kannte die Antwort, also schluckte ich die Frage hinunter und ließ mich auf das Sofa zurückfallen. Die Verbindung zwischen Ashton und Cyril bestand darin, dass sie beide Außenseiter waren – wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen.

»Es ist mir egal, wer er ist und was er weiß«, sagte ich hart.

»Das könnte ein Fehler sein.« Ruby hatte leise gesprochen. So leise, dass ich unwillkürlich aufhorchte.

»Was?«

»Als ob du es nicht ganz genau verstanden hättest!«, erwiderte sie und ihre hellen Augen funkelten.

Ich zwang mich, ihrem Blick standzuhalten, und kämpfte ebenso entschlossen gegen den Druck an, der sich nun in meiner Brust ausbreitete und mir die Luft abzuschnüren drohte. Zu meinem Ärger war ich dem hilflos ausgeliefert, aber ich schaffte es nicht, mich dagegen zu wehren.

Sobald man mich drängte, an Cyril zu denken, tauchten sofort die Bilder unserer letzten Begegnung vor meinem inneren Auge auf und riefen die immer gleichen Widerstände in mir hervor.

Ich wusste einfach nicht, wie ich Ruby das klarmachen sollte. Sie hielt inzwischen nämlich aus vollkommen unerfindlichen Gründen ziemlich große Stücke auf ihn.

Ein zaghaftes Klopfen ließ uns zusammenzucken.

»Da ist er schon!«, rief Ruby.

Sie stürzte zur Tür, riss sie auf und fiel Ashton in die Arme.

Ich musste unwillkürlich lächeln, was den Druck in meiner Brust löste und einer quälenden Sehnsucht Platz machte. – Ach, Gordy, wenn du nur ahntest, wie sehr du mir fehlst!

Ruby und Ashton küssten sich zärtlich, dann zog sie ihn ins Zimmer und schloss die Tür hinter ihm.

»Hi«, sagte Ashton, schlenkerte mit seinem Arm und strahlte mich aus seinen nussbraunen Augen warmherzig an.

»Hi«, sagte ich und wurde ganz weich unter seinem Teddybärblick.

Es war mir ein Rätsel, wie man es fertigbringen konnte, ihn nicht zu mögen, aber leider wurde er von den Leuten aus der Clique, insbesondere den Jungs, nicht ganz für voll genommen. Noch viel schlimmer jedoch war natürlich die Geschichte mit seinem Vater, der sich für ihn schämte und sich schon vor Jahren, als Ashton noch ein Kind war, von ihm abgewandt hatte.

»Und?«, fragte Ruby. »Hast du mit Cyril gesprochen?«

Ashton warf mir einen unsicheren Blick zu. »Ja«, sagte er zögernd.

»Wie geht es ihm?«, bohrte sie weiter.

»Die Bisswunde ist gut verheilt«, erwiderte er.

»Das ist ja schön für ihn«, presste ich hervor.

»Elodie, du solltest froh darüber sein«, ermahnte Ruby mich.

Ich schüttelte unwillig den Kopf. »Die Wunde, die er mir zugefügt hat, könnte man nicht mal nähen.«

»Stimmt«, bestätigte Ruby. »Aber du könntest versuchen zuzulassen, dass sie von selber heilt.«

»Cyril würde es auch wollen«, sagte Ashton leise. »Ich glaube, er wünscht sich nichts mehr als das.«

»Ach, Cyril hat also plötzlich Gefühle!«, blaffte ich.

»Für dich hatte er sie von Anfang an«, sagte Ruby. »Das war ganz offensichtlich. Und das weißt du auch.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Ja, egoistische und besitzergreifende Gefühle. Leider habe ich das viel zu spät erkannt.«

Ruby und Ashton sahen sich an und mir wurde auf der Stelle wieder unbehaglich zumute. Einerseits hätte ich die beiden jetzt am liebsten vor die Tür gesetzt. Andererseits wusste ich natürlich nur zu gut, dass das keine Lösung war. Guernsey war äußerst übersichtlich. Es käme einem Kunststück gleich, wollte ich Cyril dauerhaft aus dem Weg gehen. Wenn er es darauf anlegte, würde er mich überall finden.

»Du hast Gordy nicht verloren«, sagte Ruby. »Er hat dir geglaubt und nicht Cyril.«

»Muss ich ihm deshalb gleich verzeihen?«, knurrte ich.

Ruby fasste mich am Arm und zwang mich, ihr in die Augen zu sehen. »Nicht deshalb«, sagte sie sanft. »Sondern schlicht, weil es klug wäre. Tu es für Gordy«, fügte sie eindringlich hinzu. »Und für die anderen Delfinnixe. Wenn du recht hast mit deiner Vermutung und Cyril ebenfalls ein Nix ist, wird er ihnen allen vielleicht helfen können.«

Ich biss mir auf die Unterlippe. Es stimmte, was Ruby sagte, aber noch war ich nicht bereit nachzugeben. Mein tiefstes Inneres sträubte sich mit ganzer Kraft dagegen.

»Er will dir alles erklären«, sagte Ashton, der nahezu reglos hinter Ruby stand und seinen Blick ebenfalls auf mich gerichtet hatte. »Morgen Vormittag am Strand in der Cobo Bay. Ab elf Uhr wird er dort sein und auf dich warten.«

Obwohl ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, konnte ich an nichts anderes mehr denken als daran, dass Cyril mich sehen wollte. Morgen schon, in weniger als zwanzig Stunden.

Nachdem Ruby und Ashton sich verabschiedet hatten, ging ich in die Küche hinunter und aß mit meiner Großtante zu Abend.

Ich plapperte über alles Mögliche: das Wetter, den grandiosen Auflauf, den sie zubereitet hatte, und darüber, dass ich endlich schwimmen lernen wollte – und dachte dabei ununterbrochen an Cyril. Er besetzte mein Gehirn und ließ keinen anderen Gedanken zu.

»Man könnte beinahe meinen, dass dich jemand aufgezogen hätte«, neckte Tante Grace mich. – Typisch! Ihr entging absolut nichts. Und wie fast immer bekam sie es auch dieses Mal hin, es mit ihrem unschlagbaren Humor zu nehmen.

»Nicht, dass ich wüsste«, sagte ich und schob den Rest des überbackenen Gemüsereises auf meine Gabel. »Rubys und Ashtons Besuch hat mir einfach gutgetan.«

»Nun ja, ich finde, du wirkst ziemlich aufgekratzt.« Tante Grace stellte die Teller zusammen und musterte mich, unauffällig zwar, aber ich bemerkte es trotzdem.

Ich zuckte mit den Schultern. »Das kommt doch aufs Gleiche raus.«

»Nicht zwangsläufig«, erwiderte sie. »Und in diesem Fall ganz bestimmt nicht.«

»Woher willst du das wissen?«, entgegnete ich und musste mir Mühe geben, es nicht allzu patzig klingen zu lassen.

Tante Grace rückte das bunte Tuch zurecht, mit dem sie heute ihre widerspenstige graue Mähne gebändigt hatte, stand von ihrem Stuhl auf und brachte die Teller zur Spüle. »Meine liebe Elodie«, sagte sie und in meinen Ohren hörte sich das fast wie eine Drohung an. »Du bist nun seit fast fünf Wochen hier bei mir, und ich bilde mir ein, dich inzwischen ein bisschen zu kennen.«

Ich erhob mich ebenfalls und griff nach der Schale mit dem restlichen Auflauf.

»Vielleicht wäre es gut, wenn du dir einen Job suchst«, schlug sie vor. »Das würde dich bestimmt ablenken.«

Ich atmete tief ein und überlegte, was ich darauf antworten sollte. Im Grunde war dies kein schlechter Vorschlag, der Zeitpunkt passte nur nicht. Solange ich auf Gordy wartete, würde ich mich garantiert auf keine noch so simple Tätigkeit konzentrieren können.

»Du fragst ja gar nicht, wovon es dich meiner Meinung nach ablenken soll«, setzte Tante Grace augenzwinkernd hinzu. »Traust dich wohl nicht.«

»Von Pas Unfall natürlich«, gab ich zurück, obwohl ich natürlich genau wusste, dass sie Cyril meinte, und war selbst ganz erstaunt darüber, wie leicht mir das über die Lippen kam.

»Natürlich nicht«, widersprach meine Großtante energisch. »Trauer darf man nicht zur Seite drängen, sondern muss sie durchleben. Mit allem, was dazugehört. Nur darum hast du die Schule unterbrochen und bist hierhergekommen … Wenn ich dich erinnern darf …«

Sie hatte ja recht! Der Tod meines Vaters hatte mich geradezu paralysiert. Zu Hause in Lübeck war ich wie in mir selbst gefangen gewesen, unfähig, das Ganze zu begreifen. Doch seitdem ich Gordy kannte, seitdem ich in ihm endlich jemanden gefunden hatte, der mir zuhörte, mit dem ich über alles reden konnte und der mir keine goldenen Tipps, sondern einfach nur das Gefühl gab, dass er mich verstand, kam ich viel besser damit zurecht.

Okay, ganz sicher war ich nicht der Typ, der solche Dinge im Turbogang verarbeitete, aber immerhin, ich machte Fortschritte.

Pas grüner Kapuzenpulli lag nicht mehr im Schrank, sondern unter meinem Kopfkissen. Jede Nacht holte ich ihn hervor und kuschelte mich hinein. Auf diese Weise war mein Vater immer bei mir – manchmal bildete ich mir sogar ein, dass er daheim in Lübeck saß und auf mich wartete.

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