Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 634

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Meerestosen - Patricia Schröder

"Du bist das Schönste ... das Wundervollste, was mir das Leben bisher geschenkt hat", flüsterte Gordian, während er mich langsam zu Boden sinken ließ. "Und ich verspreche dir, ich werde es auf ewig in meinem Herzen tragen. Wofür auch immer wir bestimmt sein mögen, ich werde dich nie vergessen." Die Erkenntnis trifft Elodie bis ins Mark: Gordian gehört nicht mehr zu ihr. Gordian - ihr Herzschlag. Ihr Blut. Ihre Seele. Niemals zuvor hat sie sich mit jemandem so tief verbunden gefühlt. Die Verzweiflung über die Ausweglosigkeit ihres Schicksals reißt Elodie schier entzwei. Aber darf sie jetzt aufgeben? Ausgerechnet jetzt, da das Meer mit dem Tod ringt und nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr ist, sondern das aller Nixe und Menschen? Elodie beschließt zu kämpfen - für das Land und das Meer und für alle, die ihr am Herzen liegen ...

Meinungen über das E-Book Meerestosen - Patricia Schröder

E-Book-Leseprobe Meerestosen - Patricia Schröder

ISBN 978-3-649-61604-7 (eBook)

eBook © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook Produktion: book2look Publishing 2013

ISBN 978-3-649-60321-4 (Buch)

Buch © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Text: Patricia Schröder

Umschlaggestaltung: Geviert – Büro für

Kommunikationsdesign, München, Conny Hepting

Umschlagfoto: © Anni Suvi

Lektorat: Maren Jessen

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.meeresfluestern.de

www.coppenrath.de

Niemand kann seiner Bestimmung entfliehen.

Es war Juli, der Himmel über dem Meer tiefschwarz. Nur das diffuse Leuchten über dem Horizont ließ den Vollmond erahnen. Dunkles Grollen rollte aus der Ferne auf mich zu. Ein gleißend heller Blitz durchschnitt die stickige Atmosphäre und entlud sich im aufgewühlten Meer. Mächtige Wellen hatten sich aufgetürmt, rauschten laut dröhnend auf die Klippen zu und warfen haushohe Gischtfontänen in den Himmel.

Trotz der Dunkelheit konnte ich die riesige Schar von Delfinen gut erkennen, deren Silhouetten silbern aufschimmerten, sobald sie sich aus dem Wasser erhoben.

Das Wissen um ihr ungebrochenes Vertrauen in die Menschen und den bedingungslosen Gehorsam, den sie einigen Nixen entgegenbrachten, rührte mich zutiefst. Umso schwerer wogen meine Verzweiflung und meine Wut. Die Ahnungslosigkeit dieser wundervollen Tiere gegenüber der Gefahr, die ihnen drohte, schnitt mir fast das Herz entzwei.

Ich allein wusste, was ihnen bevorstand und welche Folgen die geplante gigantische Vernichtung von Leben und Lebensraum nach sich zog – vor allem aber war ich die Einzige, die ihnen helfen und das Schlimmste vielleicht noch verhindern konnte.

»Neiiin, Elodie! Tu das nicht!«

Es war Gordys entsetzte Stimme, die der Wind zu mir herübertrug.

Ich schloss die Augen und hielt inne.

Noch immer ließ sein samtenes Timbre sämtliche Fasern meines Körpers schwingen. Ich erinnerte mich an jeden gemeinsamen Augenblick, an jedes Wort und jede Berührung von ihm, als wäre es gestern gewesen.

Mein Herzschlag vibrierte und die Sehnsucht nach ihm brachte mich fast um.

Doch nach allem, was inzwischen passiert war, hatte Gordian mir nichts mehr zu sagen. Ich hörte nicht auf ihn.

Gordian öffnete den Knoten in der Haihaut über meiner Brust und mein Körper schmiegte sich in den noch immer tageswarmen Inselsand. »Du bist so wunderwunderschön«, flüsterte er, während er mich mit seinem zärtlichen Blick umfing und seine Hände mich streichelten, als erforschten sie mein Innerstes.

Ich tauchte ein in seinen Duft und das Türkisgrün seiner Augen und erwiderte den sanften Kuss seiner Lippen. Meine Haut prickelte unter seinen Berührungen und mein Herz schlug im selben Rhythmus wie seines. Liebevoll fuhr ich mit den Fingerspitzen über seinen Nacken und konnte es kaum erwarten, den sanften Druck seiner Hände auf meinen Hüften zu spüren. Es war kein Verlangen, sondern ein Sehnen, so süß wie eine ferne Melodie, und ich war bereit, mich darin zu verlieren. Die Angst, dass wir uns noch einmal verletzen könnten, war wie fortgeblasen, ich wusste einfach, dass das nie wieder passieren würde. Das Meer hatte uns erneut zusammengeführt. Was uns verband, musste stärker sein als das, was uns trennte.

Plötzlich ertönte oberhalb des Felsens der kleinen Vogelinsel ein Geräusch, und noch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte Gordy mich bereits ins Wasser gezogen.

Was war das?,wisperte ich.Ein Vogel?

Nein, kein Vogel.Panik schwang in seiner Stimme.

Er presste mich an sich und stieß mit peitschenden Flossenschlägen in die Tiefe. Noch immer benommen von unseren Küssen, klammerte ich mich an ihn. Die Kälte und die Dunkelheit des Meeres ließen mich frösteln.

Was dann?,fragte ich.Ein Hainix?

Alles andere ist unwahrscheinlich,gab Gordy zurück.

Hast du ihn gesehen?

Nur seinen Schatten.

Aber du hast eine Vermutung?

Ja,sagte Gordy, während wir nur wenige Zentimeter über denMeeresboden hinwegschossen.Tyler!

Dieser Name war wie ein elektrischer Impuls. Tyler, der Hainix aus Rubys Clique, dessen wahre Identität den Menschen bis heute verborgen war und der die Delfinnixe bis aufs Blut hasste, weil Kyan ihm Lauren genommen hatte.

Fast automatisch setzte sich meine Schwanzflosse in Bewegung. Die unterschiedliche Schlagrichtung unserer Schwänze erzeugte in dieser engen Umarmung aber eine Gegenströmung, sodass wir zunächst sogar an Geschwindigkeit verloren.

Lass mich los!,raunte ich.Einzeln sind wir schneller.

Kommt nicht infrage, zischte Gordy und drückte mich nur umso fester an sich.Halte du einfach deine Flosse ruhig.

Wir waren gerade durch einen Felsenbogen geglitten, als hinter einem Riff zu unserer Rechten ein schwarzer Hainix hervorstieß.

Lass! Mich! Los!,brüllte ich und spannte die Muskeln an.

Doch Gordian hielt mich beharrlich umfasst und schwamm unbeirrt weiter. Ich wagte einen Blick über seine Schulter und sah, dass der Hai nur noch wenige Meter entfernt war.

Plötzlich verlangsamte Gordy abrupt das Tempo. Erschrocken riss ich meinen Kopf herum und bemerkte eine nahezu schwarze Wand, die sich vor uns aus der Dunkelheit auftat. Oh, mein Gott, das konnten doch unmöglich alles Hainixe sein!

Adrenalin schoss in meine Blutbahn, und ich spürte, wie sich alles in mir gegen Gordians Umklammerung sträubte.

Weg hier!,schrie ich, aber Gordy rührte sich nicht. Im Gegensatz zu mir wirkte er nahezu entspannt, und mit dem nächsten hektischen Atemzug begriff ich, warum: Die Wesen, die die schwarze Wand bildeten, waren keine Hainixe, sondern Delfine!

Zielstrebig und in absolut synchronen Bewegungen kamen sie auf uns zu. Ihr Anblick raubte mir den Atem. Es mussten an die hundert Tiere sein. Angeführt von zwei Nixen.

In einer der beiden erkannte ich sofort Gordys jüngere Schwester Idis wieder. Die andere war ein wenig älter und von fragiler, aber wilder Schönheit. Ihr kupferrotes Haar leuchtete selbst in dieser Finsternis und ihre großen aquamarinblauen Augen hielt sie geradezu hypnotisch auf Gordian gerichtet.

Mein Herz klopfte schnell und fest und meine Gedanken überschlugen sich.Wer ist das?,keuchte ich.

Die Gefahr, die von dem schwarzen Hainix ausging, der uns verfolgte, schien noch nicht gebannt zu sein, und die unzähligen Delfine, allen voran die rothaarige Nixe, die neben Idis schwamm und nur Augen für Gordian hatte, brachten mich aus der Fassung.

Gordy, verdammt, wer ist das?

Er antwortete nicht.

Hast du mitbekommen, in welche Richtung der Hai verschwunden ist?

Gordian schüttelte kaum merklich den Kopf. Er lockerte den festen Griff, mit dem er mich umklammert hielt, und gab mich schließlich ganz frei.Nein,sagte er nun laut und deutlich.Allerdings wird er es kaum wagen, uns jetzt noch anzugreifen.

Vielleicht hatte er es gar nicht vor,meldete sich die Rothaarige zu Wort. Sie löste ihren hypnotischen Blick von Gordy und wandte sich mir zu.Immerhin bist du auch ein Hai. Oder sehe ich das falsch?

Ihre Stimme klang kräftig und so klar und schneidend wie Kristall. Der feindselige Unterton darin war nicht zu überhören.

Kirby, das ist Elodie,erwiderte Gordian mit einem Anflug von Ungeduld.Sie wird uns nicht …

Ich weiß, wer sie ist!,fuhr die Rothaarige ihn an. Ihre hellblauen Augen funkelten vor Zorn.Ich verstehe nur nicht, weshalb du sie mitgebracht hast!

Das werde ich dir erklären,entgegnete Gordy überraschend sanft.Später, wenn wir in Sicherheit sind und ein wenig Zeit für uns haben.Er bewegte sich auf Kirby zu und berührte sie sachte am Arm, woraufhin sie ihm ein hinreißendes Lächeln schenkte.

Ich spürte eine feine Wut in mir aufsteigen und ballte die Fäuste, sagte jedoch nichts, sondern ließ meinen Blick über die Delfine gleiten, die mich aus gebührendem Abstand musterten.

Keine Angst, sie werden dir nichts tun, raunte Idis mir zu, die sich zu mir gesellt hatte.Sie beschützen uns.

Freiwillig?,fragte ich erstaunt, nachdem ich noch einen Augenblick lang Gordy und Kirby hinterhergeschaut hatte, die nun Seite an Seite langsam vorausschwammen.

Unter ihrer eng anliegenden Delfinhülle zuckte Idis mit den schmalen, nahezu schneeweißen Schultern.Na ja, nicht ganz. Kirby und ich haben gelernt, sie zu führen.

Dann seid ihr also Freundinnen?,fragte ich.Kirby und du …

Sozusagen,antwortete Gordys Schwester zögernd.Kirby ist ein paar Jahre älter als ich. Eigentlich ist sie eher Gordys Freundin.

Diese Erklärung raubte mir für einen Moment den Atem. Es war noch nicht einmal eine Viertelstunde her, dass Gordy und ich eng umschlungen im warmen Ufersand der Vogelinsel gelegen hatten. Hätte der schwarze Hainix uns nicht gestört … ach verdammt, ich mochte gar nicht darüber nachdenken!

Er hat mir gar nichts von ihr erzählt,murmelte ich.

Idis lachte.Das wundert mich nicht!

Das Lachen erstarb und ich bemerkte ihren erschrockenen Blick.

So habe ich das nicht gemeint, versteh mich bitte nicht falsch,fügte sie hastig hinzu.Unsere Familien sind eng miteinander befreundet. Gordy und Kirby kennen sich schon seit ihrer Geburt. Bevor mein Bruder sich Kyans Allianz anschloss, waren die beiden unzertrennlich. Sie sind allerdings nie richtig zusammen gewesen.

Aber dann hätte er mir doch von ihr erzählen können,erwiderte ich.

Idis schwieg.

Vielleicht hatte sie Angst, etwas Falsches zu sagen, und zog es vor, Gordy die Antwort auf diese Frage zu überlassen. Vielleicht erforderte aber auch das Dirigieren der Delfine ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Die Tiere schwammen nun einen weiten Bogen und schlossen sich hinter uns wieder zu einer undurchdringlichen Wand zusammen. Das weiße Mondlicht, das von oben durch die Meeresoberfläche sickerte, tauchte ihre Körper in einen sanften silbrigen Schimmer – was die Szene fast ein wenig gespenstisch wirken ließ.

Haben sie keine Angst vor dem Hai?

Idis schüttelte den Kopf.Sie vertrauen uns. Und vor einem einzelnen fremdartigen Nix fürchten sie sich ohnehin nicht.

Aber ihr? … Kirby und du … Ihr fürchtet euch vor ihm, hab ich recht?

Wieder antwortete sie nicht und ich richtete meinen Blick leise seufzend nach vorn auf Gordian und die rothaarige Delfinnixe. Sie schwammen so nah nebeneinanderher, dass kaum ein Wassertropfen zwischen sie passte. Ihre Flossen bewegten sich absolut synchron, und sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie kaum etwas um sich herum wahrnahmen. Gordy schien mich vollkommen vergessen zu haben.

Bis zur Morgendämmerung blieben die Delfine dicht hinter uns, erst dann ließen sie sich zurückfallen, und als sich die ersten Sonnenstrahlen ins Meer hinuntertasteten, schwammen sie langsam zur Oberfläche, taten einen Atemzug und zischten anschließend in alle Himmelsrichtungen davon.

Auch Idis und Kirby glitten zum Luftholen nach oben und endlich wandte Gordian sich wieder mir zu.

Meine Eltern erwarten uns bei den Ilhas Desertas im Südosten von Madeira,erklärte er mir.

Dann wissen Oceane und Cullum also, dass Liam, Pine und Niklas …?

Nein.Gordy legte seine Hände auf meine Schultern und strich mit den Fingerspitzen meinen Nacken hinauf.Sie wissen es nicht.Sein türkisgrüner Blick senkte sich in meine Augen.Und ebenso wenig wissen sie, wer du in Wahrheit bist.

Ich schluckte.Aber Idis hat sich nicht das Geringste anmerken lassen, wandte ich ein.Sie ist kein bisschen überrascht gewesen, mich so zu sehen.

Das werden meine Eltern und die anderen auch nicht sein.

Ich musterte ihn stirnrunzelnd und versuchte einmal mehr, in seinen Gedanken zu lesen, doch er hielt sie vor mir verschlossen. Seine Miene war unergründlich.

Zumindest werden sie es nicht zeigen,meinte er schließlich und küsste mich auf die Stirn.Und was Idis betrifft: Sie mag dich und wollte vermeiden, dass du dich bei meiner Familie und unseren Freunden womöglich nicht willkommen fühlst.Der Druck seiner Finger in meinem Nacken wurde intensiver.Glaub mir, sie freuen sich, dich endlich kennenzulernen.

So wie Kirby?

Ich wollte das nicht sagen, schon gar nicht in diesem Ton. Es rutschte mir einfach über die Lippen und ich verfluchte mich dafür.

Gordians Blick verdunkelte sich.Sie wird sich an dich gewöhnen. Es ist nicht ganz leicht für sie zu verstehen, dass ich … mich so sehr verändert habe.

Warum hast du mir nie von ihr erzählt?

Gordy antwortete nicht gleich. Offenbar war es nicht einfach für ihn, die richtigen Worte zu finden.

Nehmen wir an, Cyril hätte nichts gegen mich,begann er nach einer Weile.Und du könntest ganz normal mit ihm befreundet sein. Wie würdest du mir deine Gefühle für ihn erklären?

Ich sah ihn verwundert an.Ich müsste es gar nicht, stimmt’s? Du verstehst es viel besser, als es bisher den Anschein hatte!

Gordy zog mich in seine Arme und küsste mich.

Und du bist gar nicht eifersüchtig?,fragte ich.

Er strich mit seiner Nasenspitze über meinen Nasenrücken.Hätte ich denn einen Grund?

Natürlich nicht!

Na, siehst du.Lächelnd drückte er mich an sich und ich schmiegte mich zögernd in seinen Arm.

Und ich?,fragte ich leise.Hätte ich einen?

Elodie,flüsterte er an meinem Ohr.Ich kenne Kirby seit meiner Kindheit. Damals haben wir jede freie Minute miteinander verbracht. Sie ist eine sehr, sehr gute Freundin und sie ist mir wichtig. Verstehst du das?

Ja, das tat ich. Ich verstand es, und dennoch wünschte ich mir im Augenblick nichts sehnlicher, als dass sie nicht existierte.

Würdest du sie mit deinem Leben verteidigen?

Gordy löste sich von mir und sah mich eindringlich an.

Würdest du Cyril …?

Ich ließ ihn nicht ausreden, denn die Antwort darauf war glasklar.Nein.

Ein Anflug von Überraschung spiegelte sich in seinen Augen.

Nicht?

Cyril braucht meine Unterstützung nicht,erwiderte ich.Er kann sehr gut auf sich selbst aufpassen.

Außerdem wollte ich nicht an ihn denken. Weder an ihn noch an einen der anderen Hainixe.

Kirby ist eine kluge, äußerst talentierte Delfinnixe,sagte Gordy.Und auch sie weiß sich ganz sicher zu verteidigen. Trotzdem würde ich nicht zögern, ihr zu helfen, wenn sie in Gefahr wäre. Das Gleiche gilt für Idis, meine Eltern, ihre Freunde … und deine Freunde. Ganz zu schweigen von dir.

Die Hitze schoss mir in die Wangen und ich hätte mich vor Scham am liebsten in Meerschaum aufgelöst. Dieses Gespräch war dumm und unnötig. Und trotzdem. Eines musste ich unbedingt noch wissen.Hast du dich oft mit ihr gepaart?

Gordy legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und seufzte tief.Was willst du denn jetzt hören?

Die Wahrheit.

Meine Stimme zitterte und mein Herz schlug hart gegen mein Brustbein. Die Erinnerung an Gordys Geständnis, dass männliche Delfinnixe sich den Mädchen ihrer Art gegenüber nicht anders verhielten als ihre tierischen Verwandten, brachte den Schmerz, den ich damals empfunden hatte, überdeutlich zurück. Ich wusste, dass die Nixe den Geschlechtsakt nahezu emotionslos vollzogen, aber die Vorstellung, dass es ihm mit Kirby vielleicht doch zu Herzen gegangen sein könnte, war kaum zu ertragen.

Kein einziges Mal,sagte Gordy.

Was?Ich starrte ihn an und hätte nicht sagen können, obtausendmalweniger schlimm für mich gewesen wäre als dieses bedeutungsschwerekein einziges Mal.

Hör zu,sagte Gordy, während seine Hände behutsam meine Arme hinaufwanderten.Ich muss nicht in deinen Kopf schauen, um zu wissen, was du jetzt denkst. Und du hast recht. Kirby hat mir immer mehr bedeutet als die anderen Nixen. Darum habe ich sie nicht angerührt. Außerdem habe ich versucht, sie vor Kyan, Liam, Zak, Niklas, Pine und fremden Allianzen zu schützen. Aber das tat ich nicht, weil ich sie für mich allein wollte.Sein Blick wurde flehend.Bitte, Elodie, das musst du mir glauben. Das Gleiche habe ich auch für Idis getan.

Ich sah den mittlerweile so vertrauten Ausdruck von Verzweiflung in Gordians Augen, der sich immer dann zeigte, wenn er befürchtete, mir etwas nicht nachvollziehbar erklären zu können. Ein Gefühl der Rührung überkam mich.

Es tut mir leid,flüsterte ich.Ich bin ein blödes Huhn.

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht.Wenn du ein Huhn wärst, wärst du längst ertrunken,und das wäre wirklich jammerschade.Seine Hände umfassten zärtlich meinen Nacken und seine Daumen strichen sanft über meine Wangen.Vergiss Kirby,sagte er ernst.Denk einfach nicht mehr über sie nach. Okay?

Nicht okay,erwiderte ich ebenso ernst.Wenn sie dir so wichtig ist, werde ich …

Schsch.Gordy schloss seine Arme um mich und verbarg sein Gesicht in meiner Halsbeuge.Versprich jetzt lieber nichts, was du am Ende womöglich doch nicht halten kannst.

Ich versuchte mich aus seiner Umarmung zu lösen, damit ich ihm in die Augen sehen konnte, aber Gordian hielt mich so fest umschlungen, dass ich mich kaum rühren konnte.

Mir ist klar, dass ich einen Fehler gemacht habe,wisperte er.Ich hätte dir längst von Kirby erzählen müssen. Irgendwie habe ich wohl die Gelegenheit verpasst.

Schon gut,sagte ich leise und vergrub meine Hände in seinen blonden Locken. Ich wollte ihn küssen, doch nun musterte er mich so eindringlich, dass mir angst und bange wurde. Resigniert ließ ich die Hände sinken und wartete mit pochendem Herzen auf seine nächste Reaktion.

Ich denke, es gibt eine Lösung für dieses Problem,sagte er.Und ich hoffe sehr, dass ich meinen Fehler wiedergutmachen kann.

Entschlossen ergriff er meine Hand, drehte sich um und zog mich eilig in Richtung Meeresoberfläche, wo Kirby und Idis bereits ungeduldig auf uns warteten.

Solch zeitraubendes Liebesgeplänkel können wir uns nicht leisten,fauchte Kirby Gordy an.Aber ich gehe mal davon aus, das ist dir selber klar.

Du hast Elodie nicht gerade freundlich empfangen,erwiderte er.Das hat sie verunsichert.

Oh, das tut mir leid.Kirby bedachte mich mit einem spöttischen Blick.Dabei liegt es doch auf der Hand, dass ein Hai bei uns nicht gerade willkommen ist.

Gordy legte seinen Arm eng um meine Schulter.Elodie ist nicht unser Feind. Das weißt du ebenso gut wie ich.

Um Kirbys Mundwinkel zuckte es. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen und ihre zuvor aquamarinblaue Iris nahm den Ton von dunklem Lapislazuli an.Gut möglich, dass du dich eines Tages entscheiden musst,zischte sie.Vielleicht sogar schon bald.

Wir brauchten einen ganzen Tag, um die Küsten Spaniens und Portugals zu umschwimmen, und noch bevor wir die Ilhas Desertas erreichten, ging die Sonne zum zweiten Mal unter, und schon bald schien die schmale weiße Sichel des zunehmenden Mondes wieder durch die Wellen der Meeresoberfläche zu uns herab.

Kirby und Idis jagten nebenbei. Sie fingen Sprotten und Heringe mit dem Maul ihrer Delfinhülle ein, und ich konnte beobachten, wie sie die Fische beinahe zärtlich durch ihre menschlichen Finger gleiten ließen, bevor sie ihnen mit einer gezielten, ruckartigen Handbewegung das Genick brachen. Einmal ließ Kirby sogar einen Hering wieder frei, nachdem sie ihn ausgiebig gestreichelt hatte.

Ein Versehen,meinte Gordy lächelnd.Offenbar hat er nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht, dass er noch nicht so weit ist.

Tja, dann werde ich wohl verhungern müssen,gab ich halb bewundernd, halb frustriert zurück.

Wirst du nicht,erwiderte Gordian entschieden.Damit es nicht zu Missverständnissen kommt, werde ich für dich sorgen.Er zwinkerte mir zu.Zumindest vorläufig.

Und das tat er. Keine Ahnung, wie er es hinbekam, aber er tötete haargenau so viele Fische für mich, wie ich brauchte, um mich satt und stark zu fühlen.

Dennoch wurde ich mit jedem Kilometer, den wir uns von meiner Heimat entfernten, schwermütiger, und mit einem Mal überfiel mich eine tiefe Sehnsucht nach Mam. Ich hätte niemals einfach aus Lübeck verschwinden dürfen, ohne ihr eine Nachricht zu hinterlassen. Ganz sicher hatte sie inzwischen Tante Grace alarmiert und die hatte wahrscheinlich längst Ruby aufgeschreckt.

Die Vorstellung, dass all diese Menschen sich nun schrecklich um mich sorgten, quälte mich. Am liebsten hätte ich auf der Stelle kehrtgemacht, aber dann hätte ich Gordian zurücklassen müssen, und das brachte ich noch weniger übers Herz.

Wie weit ist es noch?,fragte ich.

Gordy berührte sanft meinen Arm.Bist du erschöpft?

Nein. Es ist nur …Ich stockte, aber ich brauchte gar nicht weiterzusprechen, denn er hatte meinen Kummer längst erspürt.

Du sehnst dich nach deiner Familie und nach Guernsey zurück, stimmt’s?

Ich nickte.Ilhas Desertas … Das klingt nicht so, als ob diese Inseln bewohnt wären,tastete ich mich vor.

Gordian musterte mich forschend.Nein. Warum?

Ich möchte meine Mutter anrufen. Sie weiß doch überhaupt nicht, warum ich so plötzlich von zu Hause verschwunden bin, und ich will auf keinen Fall, dass sie sich um mich ängstigt.

Du hast recht, das wäre nicht gut. Niemand sollte dich vermissen.Jetzt wirkte auch er bedrückt.Die Hauptinsel ist nur ein paar Kilometer entfernt. Wir könnten die Jagd in den Morgenstunden nutzen und auf Madeira an Land gehen. Ich verspreche dir: Wir werden einen Weg finden.

Okay.Ich schob meine Hand in seine und drückte sie leicht.

Kirby und Idis waren ein ganzes Stück vorausgeschwommen, nur an der Strömung, die ihre Flossenschläge verursachten, war auszumachen, wo sie sich befanden. Mir war das sehr recht, es tat gut, mit Gordy allein zu sein und seine Nähe zu genießen. Alles fühlte sich richtig an, wenn wir für uns waren – wenn kein anderer den verbindenden Strom unserer Gedanken durchbrach. Unddennoch: Obwohl oder vielleicht gerade weil die letzten Wochen und Tage, die ich mit meiner Mutter verbracht hatte, eine emotionale Berg- und Talfahrt gewesen waren, vermisste ich sie so sehr, dass mir das Herz schmerzte.

Und was ist mit deinem Vater? Hast du dich inzwischen von ihm verabschiedet?

Gordians Frage berührte die wundeste Stelle meiner Seele.

Er fehlt mir am meisten, Gordy, er fehlt mir so sehr.

Die Erkenntnis platzte völlig ungebremst in mich hinein und der Schmerz traf mich mit seiner ganzen Wucht. Doch anders als bisher hielt ich ihm stand. Mehr noch, ich sehnte mich geradezu danach, all die Trauer über Pas Unfalltod und die Qual, den dieser unermessliche Verlust für mich bedeutete, endlich zuzulassen.

Es ist das Meer.Gordian schlang den Arm um meinen Rücken und schob seine Hand unter meine Achsel.Es gibt dir Kraft und es trägt dich … und deinen Schmerz.

Ich sah ihn an und begriff, wie tief er tatsächlich in mich hineinschauen konnte – und wie gut er mich verstand.

Gordy,murmelte ich.Du bist …

Was?

… einfach unglaublich.

Er lachte leise.Und ich dachte schon, du wolltest mir wieder einmal vorwerfen, dass ich mich als Gedankenspion betätige.

Tja,gab ich grinsend zurück,so gesehen hast du natürlich recht …

Das Scherzen tat gut. Denn es ließ mich für einen Moment vergessen, dass wir alles andere als heiter oder gar glücklich waren. Schreckliche Ereignisse lagen hinter und schwere, unberechenbare Zeiten vor uns. Noch während ich in Gordians lachende Augen sah, wurde mir genau das schmerzlich bewusst. Ich hatte diesen Gedanken genauso verdrängt wie meine Angst, ohne den Beistand meines Vaters nicht weiterleben zu können – und nicht erkannt, dass ich genau das mittlerweile sogar sehr gut konnte.

Du weißt doch, so bist du eben … ziemlich schizo … hätte meine gute alte Freundin Sina aus Lübeck jetzt wahrscheinlich gesagt, und im Grunde erwartete ich, genau in diesem Moment einen solchen Kommentar von ihr zu empfangen. Aber so sehr ich auch in mich hineinlauschte, Sina schwieg beharrlich. – Als hätte man sie einfach aus meinen Gedanken, meiner Seele, meinem Leben herausgeschnitten.

Mit einem Mal fühlte ich mich verlassen, entwurzelt und auf eine merkwürdige Weise schwerelos. Nichts und niemand gab mir mehr eine Richtung. Aber gleichzeitig empfand ich auch Geborgenheit, so etwas wie die Überzeugung, dass ich, ganz egal, was geschah, niemals ins Bodenlose stürzen würde.

Es ist das Meer,wiederholte Gordy und musterte mich noch immer lächelnd.Wasser hat eine größere Dichte als Luft. Es trägt dich auf eine sehr spezielle Weise.

Du hast mich hineingezogen,wisperte ich und umschloss sein Gesicht zärtlich mit den Händen.Und bist meinetwegen an Land gekommen und zum Plonx geworden.

Dann hat das Meer es wohl so gewollt,flüsterte Gordy.Es hat dafür gesorgt, dass du mir folgst und ich dir.

Ich dachte an Cecily Windoms schreckliche Prophezeiung und an die vielen Toten. An Lauren, Bethany und auch an Elliot, Liam, Niklas und Pine, die qualvoll gestorben waren.

Der Schmerz explodierte in meinem Herzen und weitete sich zu einem quälenden Brennen in meinem Brustkorb aus. Vielleicht war es nicht angemessen, von Schuld zu sprechen, aber daran, dass Gordian und ich der Auslöser für all diese schrecklichen Ereignisse waren, gab es für mich nicht mehr den geringsten Zweifel.

Ich musste nichts sagen, Gordys Blick sprach Bände. Natürlich hatte er meine Gedanken gelesen und natürlich sah er die Dinge genauso wie ich.

Was geschehen ist, können wir nicht rückgängig machen,sagte er, während er mich fest in seine Arme schloss.Aber wir müssen alles tun, um den drohenden Krieg zwischen Delfinen, Haien … und Menschen zu verhindern.

Ja, das war unsere Aufgabe.

Ich spürte den kräftigen Druck von Gordians Händen auf meinem Rücken und die Zuversicht und Entschlossenheit, die darin lag.

Meine Eifersucht auf Kirby erschien mir plötzlich unglaublich kindisch.Verzeih mir,flüsterte ich und erwiderte Gordys innige Umarmung, so fest ich konnte.

Er küsste mich auf die Wange und durchflutete mich mit seiner Wärme.Hör auf damit,sagte er leise.Ich habe dir nichts zu verzeihen.

Er drückte mich noch ein letztes Mal, und als wir uns schließlich voneinander lösten, um Idis und Kirby zu folgen, verdunkelte sich über uns das Meer.

Schwimm!,brüllte Gordian und mein Körper reagierte unmittelbar. Mit eng angelegten Armen schlug ich meine Schwanzflosse kraftvoll hin und her und stob in rasender Geschwindigkeit in die Tiefe. Erst als der Druck in meiner Lunge zunahm, meine Bewegungen schwerfälliger wurden und meine Atemzüge zu schmerzen begannen, besann ich mich und glitt hastig wieder nach oben.

Es irritierte mich, dass weder Riffe noch einzelne Felsen oder ein Grund auszumachen waren, und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich jedem, der mir etwas antun wollte, schutzlos ausgeliefert war.

Ich verlangsamte mein Tempo und drehte mich in einem rasanten Wirbel einmal um mich selbst. Als ich feststellte, dass sich niemand in meiner unmittelbaren Nähe befand, war ich im ersten Moment unendlich erleichtert. Aber ich hatte auch Gordy nicht entdecken können und schon schnitt mir die Sorge um ihn aufs Neue die Luft ab.

Hoch über mir waberten die Schemen dreier nahezu bewegungsloser Gestalten und augenblicklich überkam mich Panik. Verdammt, das konnten doch nur Hainixe sein, die Gordian ins Visier genommen hatten und auf eine günstige Gelegenheit warteten, ihn anzugreifen. Zweifellos benötigte er meine Hilfe, denn nur ich würde meine Artgenossen davon abhalten können, ihn zu töten.

Ein einziger Flossenschlag genügte und ich schoss pfeilschnell in Richtung Oberfläche und auf die Schemen zu.

Stopp!,zischte eine Stimme.

Ich bemerkte einen Schatten, dann glitt etwas unter mich.

Halt dich an meiner Rückenflosse fest!

Ich spürte die zarte Berührung eines Delfinleibs an meinen Fingern. An der weißen wellenförmigen Braue über dem rechten Auge erkannte ich, dass es Idis war, erst danach registrierte ich ihre blonden Locken und den zarten menschlichen Oberleib unter der Außenhülle.

Jetzt mach schon!,rief sie angespannt und ich griff zu.

Ein Ruck ging durch meinen Körper, fast wäre die Flosse durch meine Hände geglitten, und Idis riss mich mit sich fort, in einer lang gezogenen Kurve ins Meer hinaus.

Verdammt noch mal, was machst du denn?,fauchte ich.

Dich in Sicherheit bringen,war ihre knappe, atemlose Antwort.

Das ist nicht nötig, ich bin überhaupt nicht …Neuerliche Wut brach sich in mir Bahn.Zum Teufel noch mal, Idis, es geht hier nicht um mich. Wir müssen Gordy helfen!

Keine Sorge, der kommt schon klar.

Nein! Nein! Nein!, tobte alles in mir.

Ich war drauf und dran, Idis loszulassen und zurückzuschwimmen. Doch ich besann mich. Ganz sicher würde auch sie ihren Bruder nicht einfach im Stich lassen. Womöglich schätzte ich die Gefahr vollkommen falsch ein und machte alles nur noch schlimmer, wenn ich mich einmischte.

Der Sog, den die Auf- und Abbewegung von Idis’ Schwanzflosse unter mir verursachte, kitzelte mich am Bauch und machte mir bewusst, dass ich sie die ganze Arbeit allein tun ließ.

Sofort setzte auch ich meine Flosse in Bewegung. Das Wasser verwirbelte zwischen unseren Körpern und verlangsamte deutlich unser Tempo.

Zum Neptun noch mal, Elodie, machst du das mit Absicht?,stöhnte Idis.Mit deinem Gezappel bringst du mich völlig aus dem Takt.

Entschuldigung, ich wollte dir nur helfen.

Bleib einfach locker, okay?,erwiderte sie.Dann ist es nämlich ein Kinderspiel für mich, dich zu ziehen.

Augenblicklich brachte ich meine Schwanzflosse zum Stillstand und schon zog Idis das Tempo wieder an. Offenbar konnte ich nur in besonderen Ausnahmesituationen mit Gordy im Gleichklang schwimmen.

Wen wundert’s?,kommentierte Idis.Schließlich seid ihr ein Liebespaar.Sie sagte es in einer Mischung aus pubertärer Faszination und Sarkasmus.

Du kennst dieses Gefühl wohl nicht?, fragte ich.

Nein.

Weil du zu jung bist oder …?

Ich bin nicht zu jung,knurrte sie.Schon lange nicht mehr.

Ich biss mir auf die Zunge. Wie hatte ich bloß so gedankenlos sein können! Gestern erst hatte Gordian mir erzählt, dass er nicht nur Kirby, sondern auch seine kleine Schwester vor den Übergriffen der männlichen Nixe beschützt hatte. Und auf genau diesen Schutz hatte sie nun schon seit vielen Wochen verzichten müssen.

Keine Sorge,sagte Idis milde.Kirby und ich wissen uns inzwischen selbst zu helfen. Bestimmt kannst du es dir denken. Sonst erkläre ich es dir, sobald wir das südliche Ende der Ilhas Desertas erreicht haben.

Und was ist mit Gordy?,entgegnete ich.Wird er ebenfalls dort sein?

Idis zuckte mit den Schultern.Ja, sicher. Früher oder später.

Mehr war aus ihr nicht herauszukriegen. Ich konnte so viel nachbohren und jammern, wie ich wollte, Idis sagte keinen Ton mehr. Schließlich gab ich es auf und versuchte stattdessen, mich zu orientieren. Bestimmt war es kein Fehler, wenn ich mich notfalls auch allein in dieser Gegend zurechtfand. Doch leider entdeckte ich nichts, was in irgendeiner Weise bemerkenswert oder sogar hervorstechend war.

Zuweilen wechselte die Temperatur, das Wasser jedoch wirkte gleichförmig graublau und hatte einen angenehm kräftigen, frischen Salzgeschmack. Der Grund war kaum auszumachen, unter uns schien es mal mehr und mal weniger dunkel zu sein. In der Ferne war das Dröhnen von Schiffsmotoren zu hören, und über mir leuchtete es hin und wieder hell auf, wahrscheinlich Reflexe des Mondlichts, die von der bewegten Meeresoberfläche in die Tiefe geschickt wurden.

Und dann, ganz plötzlich, änderte sich alles. Das Wasser flachte ab und unzählige, in einem satten Rotbraun schillernde Grate aus Vulkangestein schälten sich aus dem Boden. Fischschwärme stoben an uns vorbei, Algen wogten sanft hin und her und ein Rochen schwebte wie ein drachenförmiges Raumschiff über mich hinweg.

Idis bremste abrupt und glitt nun nahezu bewegungslos dahin.Du kannst jetzt loslassen, wir sind gleich da.

Ich löste meine Hände von ihrer Rückenflosse und schwamm neben ihr her auf eine weitläufige, zerklüftete Felswand zu.

Das ist die Hauptinsel, die Deserta Grande,erklärte Idis.Bugio liegt ganz im Süden der Gruppe. Dort befindet sich einer von Mamas Lieblingsplätzen.

Machen wir hier gerade so etwas wie eine Sightseeingtour?,erkundigte ich mich ironisch.

Nur keine Panik,gab Idis grinsend zurück.In wenigen Minuten erfährst du alles, was du wissen möchtest.

Ich bedachte sie mit einem Seitenblick und bemerkte das übermütige Blitzen in ihren türkisfarbenen Augen. Ihre Gelassenheit war wirklich beneidenswert. Ich hingegen dachte ununterbrochen an Gordy.Ängstigt ihr euch eigentlich nie um einen eurer Angehörigen?,fragte ich.

Natürlich,erwiderte Idis.Sofern er sich in Gefahr befindet.

Und das ist bei Gordy nicht der Fall?

Nein.

Sie deutete auf einen hakenförmigen Steinvorsprung, der wie eine riesige Nase aus der Felswand herausragte. Mein Puls schoss in die Höhe, denn ich erwartete, dass Gordian jeden Augenblick dahinter hervorkam.

Sie sind noch nicht zurück,sagte Idis noch immer grinsend.

Ich biss den aufflammenden Zorn weg, denn ich wollte jetzt auf keinen Fall etwas Falsches sagen.

Und woher willst du das so genau wissen?,erkundigte ich mich möglichst unaufgeregt.

Echolot,entgegnete sie knapp.Hat Gordy dir das nicht erklärt?

Klar hat er das.

Kopfschüttelnd sah ich sie an und Idis erwiderte meinen Blick mit einer hochgezogenen Braue.

Dann hat er dir offensichtlich nicht alles gesagt.

Schon möglich,antwortete ich, auch weiterhin um Fassung bemüht. Die Vorstellung, dass Gordian mir schon wieder etwas Wesentliches verschwiegen haben könnte, machte mich verrückt.

Das Echolot eines Delfinnixes arbeitet auf drei verschiedenen Ebenen,begann Idis zu meiner Überraschung nun ohne Umschweife.Der animalischen, der funktionalen und der emotionalen.

Aha …?

Mit dir, seiner Familie und seinen engsten Freunden verständigt er sich in erster Linie über die emotionale Ebene,fuhr Idis unbeirrt fort.Sie ist die direkteste Verbindung und auch die persönlichste, denn über diesen Weg kommunizieren immer bloß ein Sender und ein Empfänger miteinander. Allerdings geht das nur über eine sehr kurze Entfernung.

Was bedeutet, dass Gordy dir keine persönliche Nachricht schicken kann?,hakte ich sofort nach.

Nein, im Moment scheint er dafür noch zu weit weg zu sein.

Dann hörst du ihn also über die funktionale Ebene?,bohrte ich weiter.

Auch nicht,gab Idis zurück.Würde Gordy solche Echos aussenden, wäre er für jeden aufzuspüren.

Also auch für Kyan?

Idis nickte.

Und ich hatte bereits geschlussfolgert, dass dies insbesondere die animalische Ebene betraf.

Stimmt, bestätigte sie.Trotzdem nutzen Gordy, Kirby und ich die ganze Zeit genau diesen Weg.

Interessant.Und warum?

Ganz einfach.Wieder stahl sich ein Grinsen in Idis’ Gesicht, aber diesmal wirkte es nicht überheblich, sondern schelmisch, was sie mir sofort wieder unheimlich symphatisch machte.Weil die meisten anderen es nicht tun. Bei vielen Delfinnixen ist die animalische Ebene inzwischen verkümmert. Typen wie Kyan oder Zak empfinden sich als zu hoch entwickelt, um sich noch dieser niederen Funktion zu bedienen.Idis verdrehte die Augen, dann griente sie richtig breit.Was für uns natürlich ein gewaltiger Vorteil ist.

Okay,sagte ich.Und wie funktioniert dieses animalische Echolot?

Idis zwinkerte mir zu.Wie bei den Tieren.

Na toll! Damit konnte ich wenig anfangen. Gerade Kyan benahm sich doch alles andere als hoch entwickelt. Im Gegenteil: Von einem normalen Delfin schien er sich nur insofern zu unterscheiden, als er ein Bewusstsein und ziemlich brutale und sexistische Gedanken hatte.

Schlagartig wurde Idis’ Miene ernst.Das macht ihn ja so gefährlich,sagte sie, und ihr intensiver Blick offenbarte mir, dass Gordians kleine Schwester trotz ihrer Jugend in alles eingeweiht war.

Ich war so beeindruckt von der Reife, die sie ausstrahlte, dass ich darüber für einen Moment sogar Gordy vergaß. Als er sich wieder in mein Herz drängte, hatte ich fast ein schlechtes Gewissen.

Das brauchst du nicht zu haben,sagte Idis und stupste mich mit dem Maul ihres Delfinkörpers sanft gegen die Brust.Liebe ist sicher großartig. Aber muss man deshalb mit seinen Gedanken jede Sekunde bei dem anderen sein? Außerdem hätte ich es dir ganz bestimmt nicht verschwiegen, wenn ich auch nur das geringste Anzeichen dafür wahrgenommen hätte, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte,setzte sie hinzu.Du kannst mir vertrauen.

Mit einem tiefen Zug sog ich meine Lunge voll Wasser und merkte, wie ich mich allmählich entspannte.

Gut,sagte Idis,und jetzt muss ich dringend zum Luftschnappen nach oben. Wie das animalische Echolot genau funktioniert, kannst du dir ja von Gordy erklären lassen. Ich finde, das ist er dir schuldig,fügte sie augenzwinkernd hinzu.

Idis stieß mit einem kräftigen Flossenschlag in Richtung Meeresoberfläche. Irritiert blickte ich ihr nach und überlegte, ob ich sie begleiten sollte.

Nein, warte,drang Gordians vertraute Stimme in mein Ohr. Ich spürte eine Bewegung hinter mir, und ehe ich herumwirbeln konnte, hatte er bereits meine Taille umschlungen. Zärtlich drückte er mich an sich und hauchte einen Kuss auf meine Schulter.Tut mir leid, dass ich dich so lange im Ungewissen gelassen habe. Ich hoffe, dass meine Schwester dich ein wenig beruhigen konnte.

Na ja, wenn ich es richtig sehe, befanden wir uns vor ungefähr einer halben Stunde noch in Lebensgefahr …,begann ich.

Es waren lediglich drei Hainixe,sagte Gordy.Die sich im Übrigen ungewöhnlich ruhig verhalten haben. Von Lebensgefahr kann also keine Rede sein.Er senkte seinen türkisgrünen Blick in meine Augen und lächelte sein Grübchenlächeln.

Leise seufzend genoss ich die Wärme, die meine Muskeln und meine Sinne entspannte.

Drei schwarze?,fragte ich, nachdem sich der vertraute wohlige Schwindel in meinem Kopf verzogen hatte.

Jep.

Dann haben sie uns also von der Vogelinsel bis hierher verfolgt?

Zumindest einer von ihnen.

Ich schüttelte den Kopf, denn für mich passten hier definitivein paar Dinge nicht zusammen.Wenn das alles so harmlos war …Warum habt ihr dann eine solche Panik veranstaltet?

Wir mussten sichergehen,sagte Gordian ausweichend.

Wie meinst du das?

Das liegt doch auf der Hand,erwiderte er leicht gereizt.Die Hainixe haben uns bestimmt nicht nur aus reinem Vergnügen nachgestellt.

Sondern?

Keine Ahnung.Gordys Blick verengte sich, und ich glaubte, eine Spur Misstrauen in seinen Augen zu erkennen.Was mich wundert, ist, dass ihr offenbar keinen Kontakt untereinander habt,setzte er dann hinzu.

Wieder schüttelte ich den Kopf.Wieso sollten wir? Gordy, ich bin auf eurer Seite,beschwor ich ihn.Das weißt du doch.

Das meine ich nicht,entgegnete er.

Sondern?

Hainixe scheinen sich nur über die emotionale Ebene verständigen zu können,sagte er.

Okay … Und was bedeutet das?

Dass sie weder in der Lage sind, über große Entfernungen miteinander zu reden, noch auszumachen, an welchem Ort sich ein anderer ihrer Art befindet.Gordian betrachtete mich forschend.Ist das so, Elodie?

Warum fragst du das ausgerechnet mich?, war ich im Begriff zu antworten, doch ich besann mich eines Besseren. Auf gar keinen Fall wollte ich mit ihm streiten.Ich habe es noch nicht ausprobiert,sagte ich stattdessen.Es gab ja keinen Grund dafür.

Gordy hob den Blick und sah nachdenklich über meine Schulter hinweg.

Wir müssen es herausfinden,murmelte er.

Ich war nicht sicher, ob ich mich verhört hatte, vorsichtshalber hakte ich also noch mal nach.Wir?

Ja sicher, wir.

Gordians Hände glitten meinen Rücken hinunter, ruhten für einen Augenblick auf meinen Hüften und gaben mich schließlich frei. Obwohl er keine fahrigen Bewegungen machte, sondern nach wie vor nahezu reglos vor mir im Wasser stand, spürte ich die Unruhe, die in ihm aufgekeimt war.

Hör zu, Elodie,sagte er jetzt und suchte wieder meinen Blick.Ich weiß, dass Hainixe ein zweites Gehör besitzen, welches ganz ähnlich funktioniert wie unseres.

Ich nickte. Auf diese Weise hatte ich mich ja bereits mit Javen Spinx und Jane ausgetauscht.

Das Außergewöhnliche an deinem Gehör ist, dass du dich auch mit uns verständigen kannst,fuhr Gordy fort.

Wieder nickte ich.Ein erworbenes Talent, wie du mir erklärt hast.

Ja,sagte er,so, wie es bei Hainixen üblich ist.

Er zog die Augenbrauen nach oben, was seinem Gesicht einen bedeutungsvollen Ausdruck verlieh, ich verstand allerdings noch immer nicht, worauf er hinauswollte.

Delfinnixe können keine Talente erwerben, schon vergessen?,half er mir auf die Sprünge.Sie werden mit ihnen geboren.

Und dennoch könnt ihr meine Gedanken hören.So langsam begriff ich. Trotz alledem erschien mir diese Sache noch immer so komplex, dass mir der Kopf schwirrte, sobald ich versuchte, sie im Ganzen zu erfassen.Und das, obwohl ich eine Hainixe bin …sagte ich mehr zu mir selbst.Vielleicht liegt es daran, dass ich nur ein halber Hai bin,brachte ich fast schon euphorisch hervor.Und du … ein Plonx.

Nein. Nein.Gordy schüttelte den Kopf.Mit mir hat das gar nichts zu tun.

Und wenn doch?,beharrte ich.Wenn du ebenfalls über dein Echolot mit anderen Nixarten kommunizieren kannst? Mit Haien oder …Plötzlich fielen mir Janes Worte wieder ein.… mit Walen?

Ich war völlig gefesselt von dieser Idee, doch Gordian wirkte alles andere als überzeugt.

Wozu sollte das gut sein?,hielt er sofort dagegen.

Das weiß ich … noch … nicht,erwiderte ich.Jedenfalls sollten wir diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen.

Gordy zuckte mit den Schultern.

Ich sah ihm an, dass ihm die Vorstellung, ein Talent erworben zu haben, überhaupt nicht behagte. Zuerst verstand ich nicht, warum, doch dann dämmerte mir allmählich, was in ihm vorging. EinerworbenesTalent bedeutete eine weitere Eigenschaft, die ihn von seiner Familie und seinen Freunden unterschied und somit die Kluft zwischen ihm und seiner Art weiter vertiefte. Ich spürte seinen Schmerz, und das war Grund genug für mich, nicht weiter in ihn zu dringen.

Okay,lenkte ich also ein.Dann erzähl mir doch bitte, wohin die Hainixe verschwunden sind. Hast du sie fortgejagt? Allein?

Nein, nicht fortgejagt,gab er zurück.Und schon gar nicht allein. Ein einzelner Plonx würde ihnen wohl kaum imponieren. Meine Aufgabe bestand darin, sie wegzulocken.

Was?Ein neuerlicher Schreck durchzuckte mich.Wozu? Denkst du etwa, ich wäre mit ihnen nicht fertiggeworden?

Gordian lächelte matt.Diesmal ging es ausnahmsweise nicht um dich. Idis’ und Kirbys Delfinschulen rotten sich zusammen, sobald den beiden Gefahr droht,erklärte er mir.Die Tiere haben die Anwesenheit der Hainixe gespürt und waren drauf und dran, sie anzugreifen.

Na logisch! Das hatte Idis damit gemeint, als sie sagte, dass sie und Kirby sich inzwischen selbst gegen die Attacken ihrer männlichen Artgenossen zu helfen wüssten. Die Delfine hielten ihnen jeden vom Leib, der ihnen etwas anhaben wollte – in diesem Fall die drei Haie. Gordian hatte verhindern wollen, dass die Schwarzen ein Blutbad unter den Tieren anrichteten und auf diese Weise womöglich noch weitere feindliche Nixe anlockten.

Gordian grinste schief.Du liest in meinen Gedanken, als wären es deine,flüsterte er.

Es fühlt sich so an, als wären es meine,sagte ich mit belegter Stimme.

Für eine Weile versanken wir in unseren Blicken. Doch als mich das Gefühl beschlich, dass Gordy mich einzulullen versuchte, schloss ich für einen Moment die Augen.

Warum hast du mich weggeschickt?,fragte ich.Ich hätte mit den Hainixen reden können!

Gordys Pupillen zogen sich zu schmalen Ellipsen zusammen.Nein.

Warum nicht?,drang ich beharrlich weiter in ihn.

Weil ich mich zuerst mit meiner Familie beraten will, bevor wir uns mit den Haien auseinandersetzen,erwiderte er.Außerdem galt es zu verhindern, dass die Tiere Schaden nehmen. Kirby, Idis und ich mussten blitzschnell handeln.

So langsam begriff ich.Und dabei war ich euch im Weg!

Gordian schüttelte den Kopf.Das ist doch Unsinn, Elodie. Ich hatte einfach Angst, dass du zwischen die Fronten gerätst.

Tyler hat es auf dich abgesehen, nicht auf mich,argumentierte ich.

Was macht dich da so sicher?,entgegnete er lauernd.

Ich bin eine Hainixe.

Die sich auf die Seite der Delfine geschlagen hat!

Das kann er nicht so genau wissen,gab ich zurück.

Aber vermuten.

Ich stieß einen Schwall Wasser aus, der vor meiner Nase verwirbelte wie eine Rauchschwade, in die ein kräftiger Windstoß hineingefegt war.

Gordy, was soll das?,stöhnte ich.Wir sind uns doch klar darüber, was wir erreichen wollen, nämlich Frieden zwischen meiner und deiner Art.Ich betrachtete ihn halb forschend, halb ängstlich.Oder hast du deine Meinung inzwischen etwa geändert?

Natürlich nicht. Wie kommst du nur darauf?

Kirby,sagte ich.Sie misstraut mir.

Er wollte widersprechen, doch ich brachte ihn zum Schweigen, indem ich meinen Finger auf seine Lippen legte.

Ich weiß, du willst das nicht hören, aber ich traue deiner Freundin nicht.

Kirby ist nicht bösartig,verteidigte Gordian sie.Sie braucht einfach nur ein bisschen Zeit, um sich an dich zu gewöhnen.

Es klang halbherzig, was mich einerseits erleichterte, weil sich daraus ableiten ließ, dass ihm tatsächlich nicht mehr an ihr lag, als er vorgab. Auf der anderen Seite alarmierte es mich aber auch, denn es konnte ebenso gut bedeuten, dass Kirby zumindest berechnend, wenn nicht sogar heimtückisch und gefährlich war. Für mich und die Haie.

Ja, das ist möglich,lenkte Gordy ein.Aber vielleicht hat sie ja recht, und Tyler und seine Freunde haben tatsächlich mehr Einfluss auf dich, als dir bewusst ist.

Ich sah ihn fassungslos an.Du misstraustmir?

Nicht ich dir. Die Delfinnixe uns,hörte ich ihn noch sagen, aber da war ich bereits davongeprescht.

In rasender Geschwindigkeit umrundete ich die lang gezogene Inselgruppe, und jetzt, da ich auf mich allein gestellt war, registrierte ich auch die Himmelsrichtung: Nordnordwest. Es war, als hätte ich eine Kompassnadel im Gehirn.

Insgeheim hoffte ich, dass Gordy mir folgte, um mich zu beschwören, dass er Kirbys Gedanken nicht teilte, und als ich feststellte, dass er es nicht tat, wurde ich nur umso zorniger. Die Wut brodelte in meinem Becken und zog heiß bis in meine Lungen hinauf, und so verrückt es auch sein mochte – es gefiel mir. Es war ein elementares Gefühl, voller Kraft und Dynamik. – Haienergie!

Bisher hatte ich es nicht immer geschafft, sie zu kontrollieren.Doch getragen von der Kraft, die mich nun durchströmte, reifte die Überzeugung in mir heran, dass ich mit genau dieser Energie einiges zu bewirken imstande war – sofern ich sie gezielt einsetzte.

Ich ging so vollkommen auf in diesem Gefühl, dass meine Wut auf Gordian augenblicklich verflog. Jetzt wollte ich nur noch eins: so schnell wie möglich zurück zu ihm und ihn an dieser Kraft teilhaben lassen.

Ich stoppte und sah mich um. Mein Kompass stand noch immer auf Nordnordwest, aber ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen, dass ich nicht gemerkt hatte, wie nahe ich der Wasseroberfläche inzwischen gekommen war.

Das Motorengeräusch über mir ließ mich zusammenschrecken.

Instinktiv stieß ich in die Tiefe und starrte kurz darauf mit weit aufgerissenen Augen nach oben.

Ein dunkler Schatten huschte über mich hinweg, der eine Schneise aufgewirbeltes Wasser hinter sich herzog.

Ein Boot!, durchzuckte es mich. Ein kleines Motorboot. Nichts Bedrohliches also.

Erleichtert schaute ich ihm nach, und sofort kam mir mein Vorhaben, Mam anzurufen, in den Sinn.

Der Morgen war herangebrochen und hatte das Meer in ein sanft schillerndes zartrosa Licht getaucht. Nicht mehr lange und die Sonne würde sich über die Inselkuppen erheben und das Leben in Funchal, Santa Cruz und an den Stränden von Madeira würde zu pulsieren beginnen.

So lange wollte ich nicht warten. Und um zu Gordian zurückzuschwimmen, damit wir zusammen an Land gehen konnten, blieb erst recht keine Zeit mehr. Ich musste es allein versuchen.

Das Boot entfernte sich und das Brummen des Außenbordmotors wurde leiser. Ihm in sicherem Abstand zu folgen, schien mir eine gute Idee zu sein. Es würde mich an einen bewohnten Ort der Insel bringen. Vielleicht hatte sogar die Person, die dasBoot steuerte, ein Handy dabei, das ich mir ausleihen konnte, nachdem ich unbemerkt an Land gegangen war.

Aber dann, ganz plötzlich, erstarb das Motorengeräusch und wenig später sah ich den dunklen Bootsleib auf der Oberfläche schaukeln.

Ich überlegte noch, was ich tun sollte, da stieß eine schlanke Gestalt ins Meer hinab. Es war ein Mann – bekleidet mit Badehose, Flossen, Sauerstoffflasche und Taucherbrille.

Mir stockte der Atem und deshalb zögerte ich eine Sekunde zu lang.

Der Taucher kam direkt auf mich zu.

Stoppte.

Fasste sich an die Brille.

Ich sah ihn nur an und versuchte, aus seiner Miene zu lesen, was in ihm vorging.

Blankes Entsetzen.

Plötzlich wirbelte er herum und schwamm zu seinem Boot zurück, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Kein Zweifel, er hatte gesehen, was ich war!

Kyan hasste die Hainixe. Ihretwegen hatte er alles verloren: Liam, Niklas,Pine und Elliot, seine Freunde. Seine Allianz.

Nur er selbst und Zak waren noch übrig.

Aber Zak war weit weg, und so sehr Kyan sich auch mühte, es schien vollkommen unmöglich, Kontakt mit ihm aufzunehmen, um seine weiteren Pläne mit ihm abzustimmen und ihn gegebenenfalls zurückzurufen.

Aber er würde eine neue Allianz aufbauen. Eine, die größer war als seine alte und mächtiger. Viel mächtiger. Eine, die die Hainixe vernichtete und die Menschen in ihre Schranken wies.

Kyan hasste den Zyklus, den das Meer ihm aufzwang, er hasste seineMenschengestalt, in der es ihm nicht möglich gewesen war, sich gegen die Haie zu wehren und den Plonx und seine dreckige Halbhai aufzuhalten. Am meisten allerdings hasste er es, untätig sein zu müssen.

In regelmäßigen Abständen stieß er sich von den Klippen an Guernseys Westküste ab und hielt mit schnellen, kräftigen Zügen auf die Bretagne zu. Doch spätestens beim Sirenenriff stemmte sich das Meer ihm mit sanfter, aber entschiedener Kraft entgegen.

Warum?,brüllte Kyan.

Wieder und wieder holte er alles aus sich heraus, um diesem unsinnigen Gesetz die Stirn zu bieten. War es denn nicht das Meer selbst gewesen, das ihn für diese große Aufgabe auserwählt hatte? Warum also hielt es ihn hier fest? Ausgerechnet an diesem Ort, den alle verlassen hatten?

Es vergingen viele Stunden erbitternden Kampfes um seine Freiheit, bis Kyan bei der Begegnung mit einem im Grunde völlig harmlosen Riesenhai eine überraschende, ja geradezu sensationelle Entdeckung machte – und begriff. Schlagartig wurde ihm klar, warum Zak und Gordian nicht immer auf ihn gehört hatten und es ihm manchmal so schwerfiel, seine Gruppe zusammenzuhalten. Es musste mit diesem Talent zusammenhängen, dessen Kyan sich bisher leider nicht bewusst gewesen war.

Doch ab jetzt würde alles anders werden. Denn endlich stand ihm glasklar vor Augen, was er zu tun hatte.

Einige endlos lange Augenblicke verharrte ich wie paralysiert im Wasser. Das wunderbare Gefühl von Kraft und Stärke war in sich zusammengefallen wie ein Ballon, in den man ein Loch gestochen hatte, und von der Energie in meinem Becken spürte ich nicht mehr einen Funken. Ich sah dem Taucher hinterher wie ein hilfloses kleines Kind.

Du musst es vergessen,dachte ich.

Es war ein halbherziger, weil ohnehin sinnloser Versuch. Ich hatte dieses Talent vor ein paar Wochen bei dieser unheilvollen Begegnung mit Frederik verschenkt und konnte mir nicht vorstellen, dass das Meer es mir jemals zurückgeben würde.

Erst als der Taucher verschwunden war und das Brummen des Außenbordmotors ertönte, erwachte ich aus meiner Erstarrung.

Hastig drehte ich mich um. Die ersten Flossenschläge waren noch schlapp, doch mit jedem Meter, den ich in südsüdöstlicher Richtung vorankam, kehrten auch meine Kräfte zurück.

Ich schwamm so dicht wie möglich an den Küstenriffs der Inselgruppe entlang, damit ich Gordy und seine Familie nicht verfehlte, und als schließlich die riesige Felsnase in Sichtweite kam, atmete ich erleichtert auf. Aufmerksam ließ ich meinen Blick über die zahlreichen Ausbuchtungen und Unebenheiten in den Klippen gleiten und erschrak fast zu Tode, als mit einem Mal tatsächlich etwas aus einer Spalte hervorschoss.

Es war Gordian, der auf mich zustob, an den Schultern packte und mit glühenden Augen ansah. Zorn, aber auch so etwas wie Resignation stand ihm ins Gesicht geschrieben, und während ich noch nach den passenden Worten für eine Erklärung suchte, hob er seine Hand und brummte:

Lass es gut sein, ich weiß ohnehin alles.

Beklommen erwiderte ich seinen Blick.

Ich bin dir nicht gefolgt, falls du das denkst.

Ich schluckte.Aber meine Gedanken hast du trotzdem empfangen.

Gordy nickte.Und deine Gefühle.

Es … Es tut mir leid,stammelte ich.

Was?Er schüttelte den Kopf und mit einem Mal war sein Blick ganz weich.Dass du so empfindest?

Nein … Ich meinte eigentlich diese dumme Sache mit dem Taucher.

Ja, das war in der Tat ziemlich unüberlegt, sagte Gordian leise.Aber es war ja nicht deine Schuld.

Wessen dann?

Anstatt mir zu antworten, zog er mich in seine Arme.

Ich verspreche dir, dich in Zukunft in sämtliche Entscheidungen mit einzubeziehen,flüsterte er in mein Haar.Es ist alles andere als fair von mir gewesen, es nicht zu tun. Aber ich schwöre dir: Ich habe mich nicht so verhalten, weil ich dir misstraue oder um dich zu bevormunden, sondern einzig und allein, weil ich das Risiko, dass dir oder Idis etwas zustoßen könnte, so klein wie möglich halten wollte.

Du bist also gar nicht sauer auf mich?,fragte ich erstaunt.Sondern ärgerst dich über dich selbst?

Gordy drückte mich an sich und seine Hände strichen sanft über meinen Rücken.Ich verstehe sehr gut, dass du aufgebracht warst, und im Übrigen glaube ich nicht, dass wir uns wegen des Tauchers Sorgen machen müssen. Wir befinden uns hier in portugiesischen Gewässern. Es gibt keine direkte Verbindung zu den Kanalinseln. Kaum jemand in Madeira wird von den Morden auf Sark und der Meerbestie wissen, unddarum wird diesem Taucher auch niemand glauben, wenn er erzählt, er habe eine Nixe gesehen.

Doch, Gordy,widersprach ich energisch.Du weißt, wir Menschen haben Zeitungen, Fernseher, Radios und Internet. Wenn in Großbritannien ein grünes Schaf geboren wird, erfährt das innerhalb kürzester Zeit die ganze Welt.

Okay, du Mensch,sagte Gordy mit einem Anflug von Belustigung in der Stimme.Der Taucher wird diese Begegnung trotzdem für sich behalten. Bestimmt fragt er sich, ob er noch alle Sinne beisammenhatte, als er dich sah. Aber gerade deshalb wird ihm dein Anblick keine Ruhe lassen. Ich wette, dass er gleich morgen früh wieder nach dir Ausschau hält. Im Moment ist diese Geschichte jedenfalls nicht unser größtes Problem.

Ich musste ihm zustimmen. Der Konflikt zwischen Delfinnixen und Hainixen wog weitaus schwerer. Trotzdem durften wir die Gefahr, die von den Menschen ausging, nicht unterschätzen.

Keine Sorge, das werden wir auch nicht,entgegnete Gordian.Meine Eltern und ihre Freunde sind klug und umsichtig, aber dennoch aufgeschlossen und sehr neugierig.Er tastete nach meiner Hand.Und jetzt komm. Es wird Zeit, dass ihr euch endlich kennenlernt.

Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so aufgeregt gewesen zu sein – weder in meinem Menschen- noch in meinem Haileben.

Sie werden dich mögen, versuchte Gordian mich zu beruhigen.

Während wir zügig auf das Südende der Ilhas Desertas zuschwammen, hielt er noch immer meine Hand, eine Berührung, für die ich gerade in dieser Situation unendlich dankbar war.

Und wenn nicht?

Gordy sah mich von der Seite an.So glaub mir doch! Cullum und Oceane wissen, was ich für dich empfinde. Außerdem findet Idis dich toll. Du hättest hören sollen, wie sie für dich geschwärmt hat.

Ich spürte eine leichte Verlegenheit und fühlte mich beschämt. Idis war um einiges jünger als ich, musste aber in vielerlei Hinsicht schon wie eine Erwachsene denken und handeln, was ganz sicher alles andere als einfach für sie war. Und gestern Nacht, als die Haie uns verfolgten, hatte sie nicht nur sich selbst, sondern auch mich beschützen müssen.

Das hat sie gern getan,sagte Gordy.

Ich traute meinen Ohren nicht.Was?

Gordian ließ meine Hand los und zuckte die Achseln.Ebenso wie auf deine Gefühle solltest du ab sofort auch besser auf deine Gedanken achten.

Verdammt!

Besonders, wenn es um die geht, die eigentlich nur mich betreffen.Er lächelte matt.Die würde ich nämlich nur ungern mit meinen Eltern teilen.

Ich schluckte.

Du bist wie ein Buch, in dem jeder lesen kann,sagte er vorwurfsvoll.

Mir war bisher nicht klar, dass offenbar jeder Delfinnix so in mein Seelenleben eintauchen kann wie du,verteidigte ich mich.

Gordy stellte seine Schwanzflosse auf und bremste abrupt ab. Hätte er nicht seine Arme ausgebreitet und mich darin aufgefangen, wäre ich glatt an ihm vorbeigeschossen. Er umschloss mein Gesicht mit seinen Händen und küsste mich sanft auf den Mund.Das hoffe ich nicht,entgegnete er rau und küsste mich noch einmal.Und jetzt sammele dich. Es sind nämlich nur noch ein paar Meter bis zu Oceanes Lieblingsplatz.

Gordys Eltern waren nicht nur wunderschön – was mich nun wirklich nicht überraschte –, sie waren zauberhaft. Zumindest auf den ersten Blick.

Unter Cullums Delfinhülle verbargen sich ein feingliedriger, aber kräftig geformter Oberkörper und ein schmales, markant männliches Gesicht, aus dem mir ein paar freundliche, strahlend blaue Augen entgegensahen, die einen reizvollen Gegensatz zu seinem dunkelbraunen Haar darstellten. Der Blick von Gordys Vater war offen und das Lächeln, mit dem er mich begrüßte, einfach hinreißend. Abgesehen von seiner rundlichen Nase hatte er rein äußerlich allerdings erstaunlich wenig Ähnlichkeit mit seinem Sohn.

Oceane dagegen war ihren Kindern wie aus dem Gesicht geschnitten: die gleichen türkisgrünen Augen, die gleichen vollen dunkelroten Lippen und die gleichen goldblonden Locken, die ihr jedoch nur bis knapp über die Ohren reichten. Mit Idis hatte sie sogar die weiße Braue über dem rechten Auge ihrer Delfinhülle gemeinsam.

Ihr Auftreten war ein wenig zurückhaltender als das ihres Mannes, doch anders als bei Kirby hatte ich bei beiden nicht eine Sekunde das Gefühl, unwillkommen zu sein.

Ich freue mich, dich kennenzulernen,sagte Oceane, während sie sich mir langsam bis auf einen Meter näherte.Du musst wissen, wir Delfine mögen die Menschen. Wir finden ihre Art, miteinander umzugehen, außerordentlich faszinierend. Aber das hat Gordian dir sicher alles schon erzählt.

Elodie ist kein Mensch,erwiderte er an meiner Stelle.

Oceanes Blick ruhte noch einen Moment auf mir, dann wandte sie sich ihrem Sohn zu.Nun ja, sie ist aber auch kein Hai. Oder sehe ich das falsch?

Du weißt sehr gut, was sie ist.Gordian sprach leise und in seiner Stimme schwang eine Spur Ungeduld.Und du weißt auch, welche Konsequenzen es haben kann, wenn wir sie unter unseren Schutz nehmen.

Das kümmert mich nicht,entgegnete Oceane.Nicht solange ...

Sie brach ab und ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Mir schien, dass sie in sich hineinlauschte und ihr das, was sie da hörte, nicht sonderlich gefiel.

Er hat recht,bekräftigte Kirby Gordys Worte. Wie Idis war sie kurz nach unserer Ankunft hinter einem der unzähligen Riffe aufgetaucht.Wir sollten uns nicht in Sentimentalitäten verlieren. Ganz zweifellos ist Elodie schon jetzt eine Gefahr für uns. Drei schwarze Hainixe haben sie und deinen Sohn von den Kanalinseln bis hierher verfolgt.Ihre schlanken Hände gestikulierten hektisch unter der Delfinhaut. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie am liebsten aus ihrer Hülle herausgeplatzt wäre, um ihren menschlichen Leib genauso frei bewegen zu können wie Gordy und ich.Im Übrigen habe ich für die Menschen ebenso wenig übrig wie für die Haie,fügte sie mit einem feindseligen Seitenblick auf mich hinzu.

Obwohl ihre offenen Worte mich nicht überraschten, verursachten sie mir einen körperlichen Schmerz, ähnlich dem eines Schlags in die Magengrube. Ich schnappte nach Wasser und zog es scharf in meine Lungen, entschied dann aber, dass es klüger war, mich zurückzuhalten und auf einen Kommentar zu verzichten.

Was soll das, Kirby?,zischte Gordian.Ich bin nicht weniger gefährlich für euch als Elodie. Kyan hasst nicht nur sie, sondern auch mich. Er wird mich jagen und bekämpfen, bis es einen von uns beiden das Leben gekostet hat.

Ein süffisantes Lächeln umspielte Kirbys rosige Lippen.Du meinst, bis esihndas Leben gekostet hat.

Und er ist nicht der Einzige, fuhr Gordy fort, ohne auch nur mit einem Wimpernzucken auf ihren Einwurf zu reagieren.Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis andere Allianzen mich aufspüren und zu vernichten versuchen werden.

Und wem verdankst du das?Offenbar wollte Kirby sich nicht noch einmal mit Gordians Nichtbeachtung abspeisen lassen, denn nun schwamm sie so dicht an ihn heran, dass ihr Delfinmaul seine Nasenspitze berührte.

Keine Ahnung, was du damit meinst,antwortete er ausweichend.

Ein leichter Flossenschlag seinerseits genügte, um wieder etwas Abstand zwischen ihm und Kirby herzustellen.

Nicht was, sondern wen! Nämlich deine süße kleine Halbhai-Freundin, knurrte sie.Sie hat dich aus dem Meer gezogen und zum Plonx gemacht.

Das ist doch Unsinn,entgegnete Gordy wider besseres Wissen und entsprechend wenig überzeugend klang es.Niemand weiß, warum ein Delfinnix an Land geht und sich für den Rest seines Lebens in einen Plonx verwandelt.

Möglicherweise doch,meldete sich sein Vater zu Wort, der wie Oceane und Idis reglos neben uns im Wasser stand und Kirbys und Gordys Auseinandersetzung schweigend verfolgt hatte.

Erstaunt sah ich ihn an.

Wir haben die Zeit deiner Abwesenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen und nach einem Geheimnisträger gesucht,sagte Cullum, und während er sprach, tauchten zwei weitere Nixe zwischen den Spalten des Vulkanriffs hervor und glitten langsam auf uns zu.Durch den Einsatz unseres animalischen Echolots ist es uns gelungen, ihn aufzuspüren. Seinetwegen haben wir uns hier bei den Ilhas Desertas getroffen, denn er lebt in einer tief gelegenen Höhle im Vulkangestein auf dieser Seite der Hauptinsel.

Die Entscheidung, dass außer Cullum und den beiden fremden Delfinnixen, die Abstand zu mir hielten und mich keines Blickes würdigten, auch Gordian zur Höhle hinabtauchen sollte, war schnell getroffen. Es behagte mir zwar nicht besonders, ohne ihn bei Oceane, Kirby und Idis zurückzubleiben, aber natürlich verstand gerade ich nur zu gut, wie sehr er darauf brannte, endlich mehr über sein ungewöhnliches und für ihn so quälendes Schicksal zu erfahren. Auch ich war schrecklich neugierig auf diesen angeblich über zweihundert Jahre alten Nix und das, was er zu berichten hatte, musste aber einsehen, dass ihn die Anwesenheit einer Halbhai erschrecken könnte und er am Ende womöglich nicht bereit wäre, überhaupt etwas von seinem Geheimnis preiszugeben.