Meet Me After Midnight - Kristina Kamleitner - E-Book

Meet Me After Midnight E-Book

Kristina Kamleitner

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Beschreibung

Dies ist Band 1 der Meet Me After Reihe. Bitte beachten Sie, dass die Meet Me After - Bücher in chronologischer Reihenfolge gelesen werden sollten, da es sich um eine fortlaufende Geschichte handelt. Die vierundzwanzigjährige Leah Hayle hat als zukünftige Geschäftsführerin des Millionenkonzerns Hayletech eine große Karriere vor sich. Als sie auf einer Party den gutaussehenden, charismatischen Jonah Livenstein kennenlernt, scheint sie auch privat das große Glück gefunden zu haben. Doch dann wird sie mit einem folgenschweren Fehler ihres Vaters konfrontiert, dessen Konsequenzen ihr verbieten, mit dem Mann zusammen zu sein, den sie am meisten liebt. Die Tatsache, dass sie von nun an eng mit ihm zusammenarbeiten muss, macht es ihr beinahe unmöglich, sich von ihm fernzuhalten. Auch Jonah hütet ein dunkles Geheimnis. Vor vielen Jahren wurde er Zeuge eines grauenhaften Verbrechens, von welchem Leah niemals erfahren darf. Auch an seinen Händen klebt Blut. Wird es ihm gelingen, dem dunklen Schatten seiner Vergangenheit zu entfliehen und der verbotenen Liebe zu widerstehen? Achtung: Dieses Buch endet mit einem Cliffhanger!

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Mia Sophie

Happy Birthday, Prinzessin Löwenherz!

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

EPILOG

PROLOG

Gedankenverloren sah ich auf die Stadt hinab. Die bunten Lichter Londons funkelten in der Abenddämmerung. Wieder fragte ich mich, wie es ihr ging. Wie sie sich fühlte. Hatte sie Angst? Hasste sie mich aus tiefstem Herzen?

Gewiss, nachdem ich ihr Vertrauen missbraucht hatte, auf die schäbigste Art und Weise. Sie war verletzlich, hatte eine schwere Zeit hinter sich und griff nach dem letzten Strohhalm. Nach mir. Ich wusste, wie man mit Frauen sprach, welche Knöpfe ich drücken musste, um sie glücklich zu machen. Doch Leah war anders.

Sie ließ mich in ihr Leben, hieß mich willkommen in ihrer eigenen, wunderbaren Welt und drehte den Spieß um. Ehe ich mich versah, war sie der Mittelpunkt meines bedauernswerten, von Mord und Totschlag geprägten Daseins – und was tat ich?

Ich setzte sie unter Drogen, hätte sie beinahe vergiftet. Woher sollte sie wissen, dass ich sie nur beschützen wollte? Dass ich sie vor einem weitaus schlimmeren Schicksal zu bewahren versuchte?

Es tat weh, zu wissen, dass sie mich nie wieder ansehen würde, doch dieses Opfer nahm ich in Kauf. Denn es bedeutete, dass es ihr gut ging. Ihr konnte nichts passieren, sie war in Sicherheit – er würde sich gut um sie kümmern. Zumindest dachte ich das, bis mein Handy klingelte. Das Handy mit der Prepaid–Karte, deren Nummer nur er kannte.

Kapitel 1

LEAH

Es fühlte sich surreal an. Gerade kellnerte ich noch in einem kleinen Café in Shadesborough - meiner Heimatstadt in der Nähe von London - und nun sollte ich plötzlich eines der größten Unternehmen für medizinische Großgeräte und Pharmazeutika leiten.

Den Job im Shady’s ergatterte ich schon während meines Studiums an der University of Shadesborough, und ich hatte die Atmosphäre und die Menschen dort so lieb gewonnen, dass ich ihn nur zu gerne bis zum Abschluss behielt. Nicht etwa, weil ich auf das Geld angewiesen war. Als Tochter eines Multimillionärs eilte mir ein gewisser Ruf voraus und ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, den Leuten zu beweisen, dass ich keineswegs das arrogante, verwöhnte Vorstadtmädchen war, für das sie mich hielten.

Eigentlich war es mir gänzlich egal, was Fremde von mir dachten. Dennoch zog ich es vor, für das wertgeschätzt zu werden, was ich war: eine talentierte, junge Frau, die eine große Zukunft vor sich hatte und lieber auf eigenen Beinen stand, als auf Daddy’s Kosten zu leben. Auch, wenn ich diese Karrierechance nur ihm zu verdanken hatte - schließlich hatte er selbst Hayletech vor über dreißig Jahren gegründet.

Ich lag auf dem Himmelbett in meinem alten Zimmer. In meinem Zuhause, das ich so sehr liebte. Selig beobachtete ich das flackernde Licht der Duftkerze, welche wunderbar nach Lavendel und Sandelholz roch, und lauschte den schweren Regentropfen, die auf das Dachfenster niederprasselten.

Zwar hatte ich meine eigene Wohnung in London, allerdings verbrachte ich gerne Zeit mit meinem Vater und Jodie. Jodie war Dad’s Haushälterin und wurde über die Jahre so etwas wie eine Ersatzmutter für mich. Ella - meine richtige Mutter - war vor achtzehn Jahren von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden und wir hatten sie nie wieder gesehen. Nachdem es keine Hinweise auf eine Entführung oder ein anderes Verbrechen gab, wurden ein halbes Jahr später sämtliche Ermittlungen eingestellt und man sagte uns – nicht besonders feinfühlig – dass sie sich wohl einfach aus dem Staub gemacht hatte. Das konnte ich bis heute nicht glauben. Es gab einfach keinen plausiblen Grund dafür. Bis auf die üblichen Streitereien mit Dad, hatte sie keinen offensichtlichen Grund dazu, einfach so abzuhauen. Ich fragte mich, ob wir jemals die Wahrheit über ihr Verschwinden erfahren würden.

Ein Jahr später war Jodie in unser Leben getreten, nachdem ihr Mann, welcher für meinen Vater gearbeitet hatte, plötzlich an einer Lungenembolie verstarb. Dad hatte Mitleid mit ihr, da sie sich bis zum Tod ihres Mannes, der für den Lebensunterhalt verantwortlich war, immer um den gemeinsamen Sohn gekümmert hatte. Deshalb, und vielleicht auch, weil er sich einsam fühlte, hatte er ihr den Job als Haushaltshilfe angeboten und ließ sie und ihren Sohn Benjamin bei uns wohnen. So kehrte wieder Leben ins Haus ein, und was noch viel wichtiger war: Jodie und Benji füllten allmählich das klaffende Loch, welches meine Mutter hinterlassen hatte.

Am nächsten Tag hatte ich die Nachmittagsschicht - meine allerletzte Schicht im Shady’s. Obwohl ich mit Zuversicht und Vorfreude in die Zukunft blickte, blutete mir das Herz, als ich mich bei einer Flasche Guinness von der Crew verabschiedete und versprach, sie so oft es ging zu besuchen. Ich vermisste sie jetzt schon. Wehmütig betrachtete ich ein letztes Mal die im Pub-Stil gestrichene Fassade des Gebäudes, ehe ich mir meine AirPods in die Ohren steckte und mich auf den Weg machte.

In zwei Wochen würde ich offiziell bei Hayletech anfangen und mich langsam in meine neue Rolle als Geschäftsführerin einleben. So weit, so gut. Ich hatte mehrmals versucht, Dad davon zu überzeugen, einen zweiten Geschäftsführer einzustellen. Der Gedanke daran, die alleinige Verantwortung für sein Lebenswerk und rund zweitausend Mitarbeiter weltweit zu haben, jagte mir eine Heidenangst ein, doch leider ließ er sich nicht weichklopfen. Er wollte, dass Hayletech ein Familienunternehmen blieb, und wer Rick Hayle kannte, wusste, dass es zwecklos war, ihn zu etwas überreden zu wollen. Also versuchte ich, so gut es ging, mich mit meinem einsamen Schicksal als Junior-Boss abzufinden.

Zurück in London duschte ich ausgiebig, um den typischen Frittierfett-Geruch loszuwerden, der sich in meinem langen, dunkelbraunen Haar festgesetzt hatte.

Meine beste Freundin Rachel hatte sich zum Vortrinken bei mir angekündigt, bevor es abends zu einer Party im Club eines gemeinsamen Freundes, Colin, gehen sollte. Anlass zur Party war sein siebenundzwanzigster Geburtstag. Nicht, dass er zum Feiern jemals einen Anlass benötigt hätte. Colin Scott war für die besten Partys in ganz London bekannt und somit auch für die Sorte, die meistens völlig aus dem Ruder lief.

Wunderschöne Frauen, von denen er die meisten vermutlich nicht einmal kannte, und ein Haufen reicher Lackaffen – das alles gepaart mit Drogen und reichlich Alkohol. Würde ich Colin Scott nicht schon mein ganzes Leben lang kennen, hätte ich mit Vergnügen auf diese Party verzichtet. Rachel hingegen konnte es kaum erwarten, sich unter eine Meute hungriger Junggesellen zu mischen, und reichte mir mit breitem Grinsen ein Glas mit undefinierbarem Inhalt, welchen sie mit viel Geschick – und zweifelsohne viel Alkohol - in der Küche gemixt hatte.

»Was ist das?«

Mit gerümpfter Nase betrachtete ich das farbenfrohe Getränk.

»Tequila Sunrise. Möglicherweise etwas mehr Tequila als Sunrise, aber den brauchst du, um locker zu werden.«

Stirnrunzelnd erhob ich mein Glas und trank ohne Widerworte einen großen Schluck, was ich sofort bereute. Ohne meinem Ringen nach Luft Aufmerksamkeit zu schenken, begann Rachel, mich in ihre Pläne für den Abend einzuweihen.

»Weißt du, ich will einfach mal wieder Spaß haben, nichts Ernstes. So schwer es anfangs auch war, mittlerweile bin ich tatsächlich froh, mit Liam schlussgemacht zu haben. Jetzt ist es an der Zeit, das Leben zu genießen, wenn du weißt, was ich meine.«

Das wusste ich tatsächlich, denn das bedeutungsvolle Wackeln mit ihrer Augenbraue ließ keinen Raum für Missverständnisse. Liam war Rachel’s erste große Liebe, mit dem sie die letzten fünf Jahre eine On-off-Beziehung geführt hatte. Er war ein Freund wie aus dem Bilderbuch, jedoch hatte er an ihr geklebt wie eine Klette und ständig versucht, sie zu einem Baby zu überreden, bis es ihr schließlich zu viel wurde und sie die Reißleine zog. Seitdem war sie kaum zu bremsen, was männliche Bekanntschaften anging und nicht nur einmal musste ich als Alibi herhalten, wenn sie mit zwei Typen gleichzeitig ›zusammen‹ war.

»Es wäre schön, wenn du mich heute ausnahmsweise nicht für einen Kerl stehen lassen würdest«, bemerkte ich und klang dabei armseliger als beabsichtigt.

»Wie wär’s, wenn du einfach mal selber etwas Spaß an deinem Singledasein hättest? Das ist ja kaum mit anzusehen«, erwiderte sie und warf mir einen abschätzigen Blick zu.

Da hatte sie recht. Seit der tränenreichen Trennung von Alex letztes Jahr lebte ich beinahe so enthaltsam wie eine Nonne. Ich war noch nie der Typ für One-Night-Stands gewesen und wollte mich nicht gleich ins nächste Drama stürzen, deshalb hatte ich mich voll und ganz auf mein Studium konzentriert und die Männerwelt dabei außen vor gelassen. Zudem war ich überzeugt davon, nach dieser Katastrophe von Beziehung nie wieder jemandem genug vertrauen zu können, um ihn an meinem Leben teilhaben zu lassen.

»Ich weiß nicht mal mehr, wie man flirtet,« entgegnete ich hoffnungslos, und Rachel lachte.

»Für den Anfang würde es reichen, wenn du nicht jeden Typen abblitzen lässt, der versucht, mit dir zu flirten. Der Rest ergibt sich von selbst.«

Rachel hatte gut lachen. Niemand sonst auf dieser Welt hüpfte mit so viel Leichtigkeit durchs Leben, wie sie es tat. Während ich als Realistin stundenlang die Vor- und Nachteile einer Situation abwog, mir Gedanken über die möglichen Konsequenzen jeder einzelnen Handlung machte, stürzte sie sich mit Freude in jedes Abenteuer, während sie darauf vertraute, dass schon alles gut gehen würde. Schulterzuckend trank ich noch einen Schluck und nahm mir insgeheim vor, ihren Rat heute Abend ausnahmsweise zu befolgen. Auch, wenn es vielleicht ein paar Drinks mehr brauchen würde, um etwas locker zu werden.

Während Rachel ihr unmissverständlich kurzes, schwarzes Paillettenkleid bereits anhatte, entschied ich mich für eine etwas längere Version, die mir zumindest bis zu den Knien reichte und nicht allzu viel von meinen Brüsten preisgab.

Als der Portier uns darüber informierte, dass der Taxifahrer bereits auf uns wartete, freute ich mich beinahe auf den Abend. Beinahe.

Kapitel 2

Als wir den Golden Sky Club erreichten, winkte uns der Türsteher direkt zum VIP-Bereich durch. Trotz seines einschüchternden Aussehens warf er uns ein Lächeln zu, welches Rachel ganz unverblümt mit einem Augenzwinkern erwiderte. Ich verdrehte die Augen und wünschte mir insgeheim, ihr unerschütterliches Selbstvertrauen würde irgendwann auf mich abfärben.

Auch ich war selbstbewusst - ohne Frage - aber ›Hemmschwelle‹ war für meine extrovertierte Freundin ein Fremdwort und dafür bewunderte ich sie sehr. Sie genoss ihr Leben in vollen Zügen, während sich bei mir schon das schlechte Gewissen meldete, wenn ich einen Mann nur eine Sekunde zu lange ansah. Mich in einen verlieben? Undenkbar.

»Leah, Rachel! Schön euch zu sehen!«

Offensichtlich betrunken kam Colin auf uns zu und umarmte uns überschwänglich. Seine eisblauen Augen leuchteten erfreut und ich war mir nicht ganz sicher, ob es vom Alkohol herrührte, oder ob er sich tatsächlich so sehr über unsere Anwesenheit freute.

Die Party war bereits in vollem Gange und ich konnte einige bekannte Gesichter ausmachen. Allie, Colin’s jüngere Schwester, winkte uns zu sich und deutete auf zwei leere Plätze, während sie etwas sagte, das in der lauten Musik unterging. Lächelnd reichte sie uns zwei volle Champagnergläser, während sie sich gut gelaunt zur Musik bewegte. Allie war ihrem Bruder nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten, auch ihre von Natur aus platinblonden Haare ließen keine Zweifel daran, dass sie mit den durchaus präsentablen Genen der Scott-Familie gesegnet war.

Oh Gott, Champagner. Wie ich das Zeug verabscheute! Ich konnte den herben Geschmack und das penetrante Prickeln, das sich auf meinem Gaumen viel mehr wie ein Brennen anfühlte, noch nie leiden. Höflichkeitshalber nahm ich einen Schluck davon, ehe ich den Rest in einem unbeobachteten Moment in Rachel’s Glas kippte.

»Ich hol’ mir was von der Bar, willst du auch was?«

Rachel verneinte mit einem zufriedenen Kopfschütteln, und so machte ich mich alleine auf den Weg. Tanzende Menschen, soweit das Auge reichte. Manchmal wünschte ich, ich wäre wie sie. Gut gelaunt, sorgenfrei und angetrunken.

Plötzlich wurde ich unsanft von links angerempelt. Obwohl mich keine Schuld am Zusammenstoß traf, entschuldigte ich mich halbherzig, würdigte den unachtsamen, vermutlich betrunkenen Idioten allerdings keines Blickes, bis dieser mich plötzlich am Handgelenk packte und in eine feste Umarmung zog. Was zum...

»Leah Hayle! Scheiße, bist du scharf«, lallte mein fürchterlich nach Alkohol stinkendes Gegenüber und erst, als er mich losließ, um mir einen kalt-feuchten Kuss auf die Stirn zu drücken, wurde mir klar, um wen es sich handelte. Augenblicklich gefror mir das Blut in den Adern und ich hatte Mühe, meinen Gesichtsfasching wieder unter Kontrolle zu bekommen.

»Alex, das ist keine gute Idee«, mahnte Devin - der beste Freund meines Exfreundes - und versuchte vergeblich, ihn von mir wegzuziehen.

Er lächelte entschuldigend.

»Das sehe ich auch so«, bestätigte ich und warf Alex - diesem Scheißkerl - einen vernichtenden Blick zu.

Wut machte sich in mir breit und sein selbstgefälliges Grinsen machte es nicht besser. Wusste ich doch, dass ich seine aschblonde Mähne vorhin am Eingang gesehen hatte. Gerne hätte ich mich wieder einmal mit Devin unterhalten, doch in diesem Moment wollte ich einfach nur das Weite suchen. Ich nickte ihm dankend zu und schob mich am sturzbesoffenen Alex vorbei, ohne seinen unverständlichen Worten auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Aus seinem Mund kamen ohnehin nur Lügen und anderes, sinnbefreites Zeug.

Ich nahm den Umweg zur Damentoilette, schloss die Tür der ersten freien Kabine hinter mir ab und lehnte mich mit geschlossenen Augen gegen die kühle Wand. Wunderbar. Keine fünf Minuten im Club, und schon war der Abend für mich gelaufen. Ich versuchte, die aufsteigenden Tränen zusammen mit den erdrückenden Erinnerungen hinunterzuschlucken und die Fassung zu bewahren. Verdammt! Mit diesem Thema hatte ich abgeschlossen. Dachte ich zumindest.

Tapfer ordnete ich meine Gedanken, ehe ich die Tür aufschloss und eiskaltes Wasser über meine Handgelenke laufen ließ, während ich im Spiegel mein Make-up überprüfte. Ich erschrak vor meinem eigenen Gesicht. Dieser Blick traf mich das letzte Mal an dem Tag, an dem ich Alex mit Lorena Davis in genau diesem Club beim Rummachen erwischt hatte.

Ein vertrautes Gefühl machte sich in meiner Brust breit. Als wäre es gerade erst gestern passiert. Ein bittersüßer Cocktail aus Wut, Leere, Eifersucht – und vor allem Verzweiflung darüber, jemanden, den man doch scheinbar so gut kannte, aus den Augen zu verlieren. Direkt an eine Andere.

Damals war es Lorena gewesen, die mich zuerst entdeckte und sich mit einem triumphierenden Grinsen in meine Richtung aus dem Staub machte, während Alex völlig überrumpelt nach Worten suchte, die das Geschehene, ohne noch größeren Schaden anzurichten, erklären könnten. Als ob das möglich gewesen wäre.

Enttäuscht und völlig aufgelöst hatte ich mich damals einfach umgedreht, zu Hause seine Sachen gepackt und sie ihm vor die Tür gestellt - seitdem hatte ich ihn zum Glück nicht wieder gesehen. Bis gerade eben.

Ich atmete tief durch und fasste einen Entschluss. Rachel hatte recht: Es war Zeit, weiterzumachen. Mein Leben zu leben. Deshalb würde ich mir den Abend von dieser unerwünschten Begegnung nicht vermiesen lassen. Also machte ich mich, wie ursprünglich geplant, auf den Weg zur Bar. Mein eigentliches Vorhaben, etwas nicht so starkes zu bestellen, verwarf ich dann aber doch und so orderte ich schließlich einen Gin Tonic.

Während ich auf meine Bestellung wartete, wurde ich das seltsame Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Unauffällig sah ich mich um und blieb bei einer sich unterhaltenden Gruppe hängen, bestehend aus Colin, ein paar hübschen Frauen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und... oh Gott. Wortwörtlich.

Schnell drehte ich den Kopf wieder nach vorne, während ich immer noch den Blick des Unbekannten auf mir spürte. Ich fühlte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Nur für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich sein Gesicht sehen, aber das reichte aus, um zu erkennen, dass er unfassbar gut aussah. Nein, nicht gut. Er sah fantastisch aus. Atemberaubend. Ich konnte einfach nicht anders, als nochmal in seine Richtung zu schielen. Erneut stockte mir der Atem.

»Hier.«

Erschrocken sah ich den Barkeeper an, der mich mit einem appetitlich angerichteten Drink in der Hand aus meinen Gedanken riss. Instinktiv griff ich nach meinem Portemonnaie, doch er winkte ab.

»Getränke gehen aufs Haus«, erklärte er und deutete dabei auf Colin.

»Na klar tun sie das«, antwortete ich kopfschüttelnd und erwiderte das breite Grinsen des Barkeepers, ehe ich das randvolle Glas geschickt durch die Menge tanzender Menschen zu unserem Tisch balancierte.

Rachel, welche während meiner Abwesenheit lässig die Beine auf meinem Hocker überkreuzt hatte, machte sofort Platz, als sie mich sah. Ihre Augen wirkten verdächtig glasig. Irgendetwas an meinem Gesichtsausdruck ließ bei ihr wohl die Alarmglocken läuten, da sie mich plötzlich skeptisch musterte. Ich stöhnte innerlich genervt auf, was ihr natürlich nicht entging, und so ersparte ich ihr die Frage, die ihr bereits auf den Lippen brannte.

»Alex«, erklärte ich, und sofort setzte sie ihren wissenden Blick auf, während sie sich in meine Richtung lehnte.

»Willst du darüber reden?«

»Nein«, erwiderte ich knapp und warf ihr ein überzeugendes Lächeln zu.

»Mit diesem Thema bin ich durch«, versicherte ich ihr, als sie mich prüfend ansah. Sie kannte mich einfach zu gut.

»Und da ist auch schon sein Flittchen,« knurrte Rachel und deutete mit dem Kopf auf eine Gruppe elegant gekleideter junger Leute, die es sich gerade in der Lounge neben uns gemütlich machten.

»Großartig«, schnaubte ich in mein Glas und vermied es, in Lorena’s Richtung zu sehen.

»So wie es aussieht, hat sie bereits ein Auge... Verzeihung – eine Hand auf jemanden geworfen. Oh, Scheiße nochmal!«

Rachel riss verzückt ihre blauen Augen auf und packte mich fest am Handgelenk. Schmerzerfüllt biss ich die Zähne zusammen und folgte widerwillig ihrem Blick.

Was ich sah, überraschte mich nicht im Geringsten. Ihr Arm ruhte auf dem Oberschenkel eines gut gebauten, dunkelhaarigen Typen, den ich als jenen identifizierte, der mich vorhin beobachtet hatte. Natürlich hatte Lorena ihn sich bereits unter ihren künstlichen Nagel gerissen, Alex war vermutlich schon längst Geschichte. Ihr Verschleiß an Männern war wirklich beeindruckend.

Insgeheim fragte ich mich, was die Kerle an ihr fanden. Klar - sie war eine absolute Augenweide mit ihren Latina-Wurzeln und dem samtig glänzenden, braunen Haar, aber was bedeutete ein schönes Gesicht, wenn der Verstand fehlte? Ganz zu schweigen von der nicht unbeträchtlichen Menge Botox, die sie sich bereits hatte spritzen lassen. Mimik? Fehlanzeige.

»Männer«, murmelte ich in mich hinein und widmete mich wieder meinem Gin Tonic.

»Und was für einer«, seufzte Rachel, bevor sie meine Hand endlich wieder losließ.

Irgendetwas hatte er an sich, das meinen Blick immer wieder in seine Richtung zog, wie ein Magnet. Zu meiner Überraschung hatte er sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches gesetzt - weg von Lorena - was sie aber offensichtlich nicht davon abhielt, ihm Geschichten über Gott und die Welt zu erzählen. Der Unbekannte schien jedoch nicht ganz bei der Sache zu sein und ihr nur halbherzig zuzuhören, während er teilnahmslos auf seinem Handy herumtippte.

Ha... so fühlte sich also Genugtuung an.

Als der Lichtstrahl eines Bühnenscheinwerfers ihn streifte, erkannte ich, dass er ein schwarzes T-Shirt trug. Was ich vorhin für lange Ärmel und einen Rollkragen gehalten hatte, waren in Wirklichkeit Tattoos, und zwar eine ganze Menge davon. Das Licht pulsierte im Takt der Musik und umspielte die klar definierten Konturen seines Gesichtes. Verdammt, an diesem Kiefer könnte man sich die Finger blutig schneiden.

Mein Blick wanderte weiter hoch zu den dunklen Haaren, die an der Seite kürzer und oben länger waren, den längeren Teil perfekt seitlich nach hinten gekämmt. Ich musste zugeben, dass ich fasziniert war von seiner Erscheinung. Normalerweise glich mein Typ Mann eher Bradley Cooper oder Chris Hemsworth, doch ich konnte die Anziehungskraft, die von diesem Exemplar ausging, nicht leugnen.

Erst, als Rachel mir einen seitlichen Stoß in die Rippen verpasste, bemerkte ich, dass ich ihn die ganze Zeit über angestarrt hatte. Was er wohl mittlerweile bemerkt hatte, denn als ich wieder zurück in die Realität fand, blickte ich in ein Paar kristallklare, stahlgraue Augen. Ertappt wandte ich mich wieder meiner besten Freundin zu, welche amüsiert an ihrem Champagner nippte und auf mein mittlerweile leeres Glas zeigte.

»Du hattest wohl großen Durst«, stellte sie süffisant grinsend fest und bot mir ihr Glas an, welches ich diesmal ohne Widerworte entgegennahm.

Herrgott, ich musste dringend runterkommen.

»Er ist einfach wunderschön, findest du nicht?«

Rachel seufzte.

»Wer?«, erwiderte ich genervt, wohl wissend, wen sie meinte.

»Hör mal... ich würde nichts lieber tun, als mein Glück bei ihm zu versuchen, aber die ganze Zeit über hat er dich im Auge. Also beweg‘ deinen Arsch da rüber und schnapp’ ihn dir.«

»Ihn mir schnappen?« Beinahe hätte ich mich an dem widerlichen Gesöff, das sie mir gegeben hatte, verschluckt.

»Ich bin nicht Lorena, zum Teufel. Sie mag zu der Sorte Frau gehören, die sich jedem Mann an den Hals wirft, aber so bin ich nicht«, erwiderte ich empört, doch das Kribbeln in meinem Bauch verstärkte sich.

Als ich erneut in seine Richtung sah, stellte ich ziemlich enttäuscht fest, dass er verschwunden war.

»Ich brauche Nachschub, komm mit«, forderte ich sie auf. Schon etwas wackelig auf den Beinen folgte Rachel mir durch die tanzende Menge.

Die Luft war stickig und roch nach einer Mischung aus Schweiß und verschiedenen Parfüms. Wir bestellten zwei Cocktails und setzten uns, während wir warteten. Möglichst beiläufig ließ ich meinen Blick durch den großen Raum schweifen - keine Spur von ihm. Mit Lorena war er jedenfalls nicht zu Gange, die versuchte nämlich gerade, bei Devin zu landen. Unfassbar! Nicht mal vor dem besten Freund ihres Freundes - oder Ex-Freundes - machte sie Halt.

Mittlerweile hatte Colin sich zu uns gesellt, und ich war froh über unsere Plätze an der Bar, da hier die Klimaanlage offenbar besser funktionierte und man außerdem jeden Zentimeter des Raumes auf dem Schirm hatte. Man konnte wunderbar Menschen beobachten, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.

Mein Cocktail neigte sich langsam dem Ende zu, und mittlerweile war ich in einen Zustand verfallen, den ich sehr genoss. Es war ein Gefühl von leichter Glückseligkeit, die mir niemand nehmen konnte. In diesem Stadium hörte ich lieber anderen zu, anstatt mich selber ins Gespräch mit einzubringen, und so verfolgte ich aufmerksam die Unterhaltung der anderen. Colin löcherte Rachel gerade über ihre Zukunftspläne.

Ich bewunderte meine Freundin für ihre lässige Ausstrahlung und die Art, wie sie der Zukunft entgegensah. Sie hatte noch keine Ahnung, was sie nun, nach dem Abschluss, machen wollte. Auch ihre Eltern schwammen in Geld, aber im Gegensatz zu mir scheute sie sich nicht davor, es auszugeben. Als Daddy's Liebling würde sie sich über finanzielle Belange niemals sorgen müssen, trotzdem war ich der Meinung, dass ihr ein ordentlicher Job nicht schaden würde. Noch befand ich mich nicht in der Position, ihr einen Job bei Hayletech anzubieten, aber es war mein festes Ziel, sie einzustellen, wenn sie sich bis zum Ende des Sommers kein Herz gefasst hatte.

Es war bereits eine Minute nach Mitternacht und langsam merkte ich, wie der Alkohol meine Sicht verschwimmen ließ. So beschloss ich, die beiden alleine zu lassen, um frische Luft zu schnappen. Nichts eignete sich dafür besser als die dem Club zugehörige Dachterrasse, auf der ich schon die ein- oder andere Stunde meines partyfaulen Daseins verbracht hatte. In absoluter Stille, ohne große Menschenansammlungen - so, wie ich es am liebsten hatte. Also stieg ich in den Aufzug, dessen Tür sich eine knappe Minute später im obersten Stockwerk wieder öffnete. Ich liebte diesen Ort. Eine laue Brise der unverkennbaren Londoner Abendluft schlug mir entgegen, und ich war verwundert darüber, dass ich wohl als Einzige die Idee hatte, die Aussicht von hier oben zu genießen.

Die Dachterrasse befand sich auf einem der höchsten Gebäude in Southwark, mit Blick auf einige der schönsten Plätze und Sehenswürdigkeiten Londons. Obwohl ich in der Nähe aufgewachsen war und mehr als die Hälfte meines Lebens in London verbracht hatte, war ich immer wieder überwältigt von der Schönheit und dem unverwechselbaren Charme dieser Stadt. Ich lehnte mich gegen das Geländer und beobachtete die Lichter, die sich unermüdlich kilometerweit unter mir erstreckten. Wie klein die Welt doch von hier oben aussah. Selbst das London Eye wirkte in Anbetracht der Höhe, in der ich mich befand, beinahe winzig.

Unwillkürlich musste ich an meine Mutter denken. War sie noch am Leben? Wenn ja, was machte sie wohl gerade? Dachte sie ab und zu an mich? Eine Spur von Wehmut gesellte sich zu meinem warmen Gefühl von Zufriedenheit, als mich das Geräusch von schweren Schritten hinter mir aus den Gedanken riss.

Ich rechnete fest damit, dass jemand wie Alex mich um diesen Moment der Ruhe brachte. Als ich mich umdrehte, stellte ich jedoch entsetzt fest, dass es sich um den unfassbar gutaussehenden Kerl von vorhin handelte, welcher nun mit den Händen in den Hosentaschen auf mich zukam.

Kapitel 3

Das beschleunigte Hämmern meines Herzens ignorierend, erwiderte ich sein Lächeln und wandte mich wieder den blinkenden Lichtern der Stadt zu. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er sich ebenfalls gegen die Brüstung lehnte. Als er mir seitlich einen unauffälligen Blick zuwarf, riss ich mich zusammen und sah ihn direkt an.

»Bist du oft hier?«, hörte ich mich sagen, und hätte mir im gleichen Moment gerne selber einen Orden für die unkreativste Anmache aller Zeiten verliehen. Nicht, dass es meine Absicht gewesen wäre, mit ihm zu flirten. Oder vielleicht doch?

Er schien meine Anspannung nicht zu bemerken und lächelte. Gott, dieses Lächeln. Und diese Augen!

»Nein. Ehrlich gesagt hatte ich kaum Zeit zu feiern, seitdem ich hergezogen bin«, erklärte er und richtete den Blick in die Ferne.

»Woher kommst du?«

»Aus Clare.«

»County Clare? Irland?«

Überrascht sah ich ihn an. Er sah nicht aus wie ein Ire, sofern man überhaupt wie einer aussehen konnte.

Er lachte.

»Tut mir leid, aber du machst nicht den Eindruck, als wärst du irischer Abstammung«, bemerkte ich und beschloss im selben Moment, von nun an einfach die Klappe zu halten, doch mein Körper reagierte wie gewöhnlich schneller als mein Verstand.

»Sind Iren nicht eigentlich übertrieben blass?«

»Naja, hinter jedem Vorurteil steckt ein Fünkchen Wahrheit, denke ich. Vielleicht liegt es daran, dass ich eigentlich gar keiner bin, zumindest nicht vollständig«, grinste er.

»Meine Mutter stammt aus London, und Dad hatte ein Haus hier. Ich habe in meiner Kindheit viel Zeit in der Stadt verbracht.«

Zu gerne hätte ich mehr über ihn erfahren, wollte ihn aber nicht mit lästigen Fragen nerven, schließlich kannten wir uns nicht mal.

»Und du? Lebst du hier?«

Erleichtert über seine Gegenfrage, die das Gespräch aufrecht erhielt, nickte ich.

»Ja. Aufgewachsen bin ich allerdings in einer Kleinstadt in der Nähe. Schon mal von Shadesborough gehört?«

Nun war er es, der mich verblüfft ansah.

»Ja? Ich dachte, Shadesborough wäre nur ein Mythos«, grinste er.

Keine Ahnung, was es war, aber irgendetwas an ihm wirkte derart vertraut auf mich, dass im Nu sämtliche Anspannung von mir abfiel.

»Du siehst auch nicht aus wie ein Vorstadtmädchen«, stellte er anerkennend fest, und ich lachte.

»Danke, das ist ein schönes Kompliment. Tief im Herzen bin ich nämlich eine echte Londonerin.«

Irgendwo hatte ich diesen Mann schon einmal gesehen, doch mir wollte partout nicht einfallen, wo. Vermutlich in meinen Träumen, denn sonst hätte ich mich sicher an ihn erinnert. Höflich hielt er mir die Hand hin.

»Na dann, echte Londonerin... Es freut mich außerordentlich, dich kennenzulernen. Ich bin Jonah.«

Verflucht nochmal. Sogar sein Name klang wie Musik.

»Leah«, antwortete ich lächelnd und ergriff seine warme Hand. Ein warmes Kribbeln durchflutete meinen Arm, und für einen Moment schien die Zeit still zu stehen, als er mit diesen wunderbaren, grauen Augen mein Gesicht musterte. Dann deutete er mit dem Kopf in Richtung Fahrstuhl.

»Komm, wir holen uns etwas zu trinken.«

Mit wild klopfendem Herzen stieg ich vor ihm in den Aufzug. Alleine sein imposantes Auftreten bescherte mir die wildesten Gedanken, und ich erinnerte mich an Rachel’s Worte. Einfach mal Spaß haben.

Wir setzten uns an die Bar, und während Jonah irgendetwas mit Wodka für uns bestellte, stellte ich amüsiert fest, dass Colin und Rachel sich nicht von der Stelle gerührt hatten.

Ich hatte oft versucht, die beiden zu verkuppeln, aber irgendwie schien der Funke nicht überspringen zu wollen – was ich ziemlich schade fand. Ich war mir sicher, dass Colin ein guter Fang gewesen wäre, sobald Rachel ihn erstmal zur Vernunft gebracht hätte.

Jonah drückte mir einen Wodka Lemon in die Hand.

»Danke.«

Er musterte mich aufmerksam, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, während seine Augen regelrecht leuchteten - ganz anders als bei Lorena vorhin. Insgeheim fragte ich mich, wo bloß der Haken an diesem Kerl war. Er sah atemberaubend gut aus, war nett und Herrgott, er hieß Jonah. Dieser Name zerging einem förmlich auf der Zunge.

Als Rachel zufällig in meine Richtung sah und überrascht die Augen aufriss, als sie bemerkte, mit wem ich mich gerade unterhielt, musste ich mir ein Lachen verkneifen. Ich war mir sicher, sie hatte bereits alles über mein Gegenüber in Erfahrung gebracht.

Gerne hätte ich mich ungestört mit Jonah unterhalten, aber dafür war es im Club einfach viel zu laut. Ich verfluchte diese betrunkenen, mitteilungsbedürftigen Angeber, die sich ständig zwischen uns drängten - umso mehr freute ich mich wie ein kleines Kind über jeden flüchtigen Blick, den Jonah mir zuwarf. Als Colin ihn schließlich für eine Runde Billard in Beschlag nahm, dauerte es keine fünf Sekunden, bis Rachel seinen Platz an der Bar eingenommen hatte.

Bereits etwas schummerig im Kopf erzählte ich ihr von unserem Zusammentreffen auf dem Dach, und dass er vor ein paar Jahren aus Irland hierhergezogen war.

»Ich weiß«, setzte sie an.

Natürlich wusste sie das bereits.

»Er ist umgezogen, um die Firma seiner Mutter zu übernehmen. Eigentlich erst in ein paar Jahren, aber sie hat Lungenkrebs. Endstadium. Colin meinte, ihr bleiben maximal noch ein paar Wochen.«

»Oh mein Gott, das ist ja schrecklich!«

Bestürzt sah ich in seine Richtung. Bisher hatten wir keine Gelegenheit, uns über die Arbeit zu unterhalten. Zumindest würde ich das Thema Familie heute Abend außen vor lassen.

Als das Golden Sky schließlich Sperrstunde hatte, bot Colin den wenigen verbleibenden Gästen an, die Party zu sich nach Hause zu verlegen. Ich war hundemüde und gut betrunken, andererseits aber viel zu aufgedreht, um jetzt einfach nach Hause zu gehen. So deprimierend der Abend auch begonnen hatte: Ich musste zugeben, dass ich lange nicht mehr so viel Spaß gehabt, getanzt und gelacht hatte. Zudem heiterte mich Lorena’s früher Abgang auf. Vor ein paar Stunden hatte sie den Club missmutig verlassen. Vermutlich war sie stinkig, weil sie nicht bei Jonah landen konnte. Ich schob es auf schlechtes Karma - jeder bekam früher oder später das, was er verdiente.

Keine fünf Minuten nach unserer Ankunft in Colin’s Wohnung knallten bereits die Korken. Die letzten Überbleibsel der Party hatten es sich auf der riesigen, weißen Designercouch gemütlich gemacht. Ich liebte dieses Loft. Bis auf das Bad und die Toilette waren alle Räume offen, als einziger Raumtrenner im Wohnbereich diente der alte Backsteinkamin in der Mitte.

Nach dem letzten Glas Champagner übermannte mich plötzlich die Müdigkeit und irgendwie bereute ich es, nicht direkt nach Hause gefahren zu sein. Allie heulte sich die Augen aus dem Kopf, weil die neue Freundin ihres Exfreundes offensichtlich ein Kind erwartete, während Colin sich eine Zigarette anzündete und dabei zu meiner Verwunderung gekonnt den Kerl ignorierte, der sich lautstark in den Übertopf einer Kunstpflanze erbrach. Genervt stand ich auf, um mir im Badezimmer die Nase zu pudern, und stellte nicht im Geringsten überrascht fest, dass Rachel sich bereits aus dem Staub gemacht hatte. Schon wieder.

Auf dem Weg ins Bad bot mir ein Typ mit neonpinken, zerzausten Haaren irgendein weißes Pulver an - vermutlich Kokain - welches ich dankend ablehnte. Ich hasste es, wenn Colin’s Partys diese Richtung einschlugen, und das war erst der Anfang.

»Braves Mädchen.«

Ich erschauderte. Jonah, welcher plötzlich direkt hinter mir stand, roch nach Pfefferminzkaugummi, gepaart mit einer Note Whiskey. Obwohl er mich nicht direkt berührte, löste seine Nähe etwas in mir aus, das ich noch nie zuvor gefühlt hatte: unbändiges Verlangen. Durch den Spiegel musterte er mich eindringlich. Seine Augen wirkten glasig, er war betrunken. Nachdem ich ihn seit ein, zwei Stunden nicht mehr gesehen hatte, hatte ich vermutet, dass er nach Hause gefahren war.

»Hast du schonmal etwas genommen?«, fragte er schließlich mit rauer Stimme, woraufhin ich bestimmt den Kopf schüttelte.

»Nein, noch nie.«

Das war die Wahrheit. Während meines Studiums hatte ich genug abschreckende Beispiele kennengelernt, die Drogen gegenüber weniger standhaft waren. Für mich Grund genug, mich der Versuchung gar nicht erst hinzugeben. Ob ich das bei ihm auch schaffen würde?

»Was ist mit dir?«, fragte ich gespielt lässig, während ich mich von meinem außer Kontrolle geratenen Körper zutiefst verraten fühlte.

Er kam näher. So nahe, dass ich einen Moment lang dachte, er würde mich küssen - doch er schob sich bloß an mir vorbei. Viel zu langsam. Ich schluckte dieses lächerliche Gefühl von Enttäuschung hinunter, ehe ich zum Waschbecken ging.

»Eventuell habe ich die ein- oder andere Substanz ausprobiert, ja.«

Belustigt funkelte er mich von hinten durch den Spiegel an, während ich etwas Lippenstift auftrug. Ehrlich gesagt überraschte mich das nicht. Ich war keineswegs der Typ Mensch, der andere nach dem Äußeren beurteilte, aber dieser Jonah sah bei Gott nicht aus, als wäre er ein unbeschriebenes Blatt.

»Jemand zu Hause?« Grinsend verschränkte er die Arme vor der Brust, und mir wurde klar, dass ich ihn schon wieder angestarrt hatte. Ich überspielte meine Unsicherheit mit einem kleinen Lächeln. Das musste am Alkohol liegen.

»Wie viele Tattoos hast du?«, fragte ich ehrlich interessiert und trocknete währenddessen meine Hände ab.

»Hab‘ irgendwann den Überblick verloren«, erwiderte er nachdenklich. »Du kannst ja mal nachzählen.«

Obwohl ich diesem Gedanken zugegebenermaßen nicht gänzlich abgeneigt war, musste das Entsetzen in meinem Gesicht überhandgenommen haben, denn er begann laut zu lachen.

»Hey, das war ein Witz. Es sei denn, du möchtest es... das Angebot steht.«

Verteidigend hob er die Hände, während ich versuchte, das Bild seines muskulösen, nackten Oberkörpers, das sich gerade vor meinem inneren Auge manifestierte, aus meinem Kopf zu bekommen.

»Ein andermal vielleicht«, grinste ich gespielt selbstsicher.

Überrascht und mächtig stolz auf mein besonnenes Ich, machte ich kehrt und spazierte leichtfüßig aus dem Badezimmer. Glücklicherweise war ich – im Gegensatz zu Jonah – nicht mehr ganz so betrunken, ansonsten hätte ich sein ›Angebot‹ womöglich ohne zu zögern angenommen.

»Ich kann einfach nicht fassen, dass sie es schon wieder getan hat«, beschwerte ich mich, als ich Colin erreichte. Dieser schüttelte nur verständnislos lachend den Kopf.

»Hast du tatsächlich etwas anderes von Rachel erwartet?«

»Nein«, gab ich entnervt zu. »Aber ich Idiot dachte, sie würde sich vielleicht zur Abwechslung an unsere Abmachung halten.«

Colin bot mir deeskalierend sein Schlafzimmer an, während er sich dazu bereit erklärte, auf der Couch zu übernachten. Ich lehnte dankend ab und entschloss kurzerhand, den Nachhauseweg anzutreten. Sofort. Vorausgesetzt, ich bekam zu dieser unchristlichen Zeit ein Taxi.

»Wo wohnst du?«, meldete sich plötzlich eine mittlerweile bekannte Stimme hinter mir zu Wort, und sofort war dieses seltsame Gefühl von innerer Wärme wieder da. Rasch straffte ich meine Schultern, ehe ich mich zu ihm umdrehte.

»Direkt am Russell Square«, antwortete ich und verlagerte mein gesamtes Gewicht auf die Fersen, als ich bemerkte, wie nah er mir war.

»Wir können uns ein Taxi teilen, wenn du willst. Um diese Zeit eines zu bekommen ist eine Sache, bei zwei Stück dürfte es schwierig werden«, erklärte er. Keine Spur mehr von irgendwelchen Anzüglichkeiten.

Er hatte recht. Dankbar stimmte ich zu - natürlich nur der Umwelt zuliebe. Und vielleicht auch, um ein bisschen mehr über diesen Magneten von Mann zu erfahren, den ich gerade dabei beobachtete, wie er konzentriert eine Nummer ins Handy tippte.

Glücklicherweise erwischten wir direkt einen Fahrer in der Nähe, und keine fünf Minuten später klingelte es an der Tür. Wir verabschiedeten uns von den anderen, wobei Colin Jonah einen besonders verheißungsvollen Blick zuwarf. Warnend kniff ich die Augen zusammen.

In den zwanzig Minuten Fahrt bis zu meiner Wohnung erfuhr ich unter anderem, dass die beiden sich vor zwei Jahren bei einem Leadership Kongress in Manchester kennengelernt hatten. Also stand wohl schon länger fest, dass Jonah früher oder später das Unternehmen seiner Mutter übernehmen würde. Ob er damals schon von ihrer Krankheit wusste? Keinesfalls wollte ich mit der Tür ins Haus fallen und ihn direkt darauf ansprechen.

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, spürte ich seine warme Hand auf meiner. Verdammt. Ich fühlte mich wie ein Teenager, dem der erste Kuss bevorstand. Wie konnte eine simple Berührung so etwas auslösen? Sein Daumen strich sanft über meinen Handrücken, während er gedankenverloren aus dem Fenster sah. Spätestens jetzt war mir klar, dass es sich dabei nicht um ein Versehen handelte - und plötzlich traf es mich wie der Blitz.

»Oh Scheiße, meine Schlüssel!«

Nein, das durfte einfach nicht wahr sein! Wieso hatte ich nicht daran gedacht?

»Ich muss Rachel anrufen«, sagte ich mehr zu mir selber, doch Jonah sah mich amüsiert an.

Nachdem ich ein paar Stunden zuvor die Tür abgeschlossen hatte, gab ich Rachel meinen Schlüsselbund, da sie im Gegensatz zu mir immer Handtaschen mit sich herumschleppte, in welchen ihr gesamtes Hab und Gut Platz fand.

Als ich endlich mein Handy in der Dunkelheit ertastete, musste ich mit Schrecken feststellen, dass mein Akku leer war. Natürlich kannte ich Rachel’s Nummer nicht auswendig, und der Portier hatte längst Feierabend. Mit der Hand, die gerade eben noch unter Jonah’s lag, schlug ich mir frustriert gegen die Stirn.

»Nun, ich will mich nicht aufdrängen, aber du kannst gerne mit zu mir kommen.«

Da war es wieder, dieses belustigte Grinsen, das selbst die Dunkelheit der Nacht überstrahlte.

»Naja, genau genommen hast du eigentlich gar keine andere Wahl, es sei denn, du willst auf der Straße schlafen. Nur werde ich das nicht zulassen«, stellte er klar.

Ich dachte über mögliche Alternativen nach. Zurück zu Colin? Nein danke. Zu Rachel vielleicht? Da sie mit einem Typen verschwunden war, ging ich davon aus, dass sie mit zu ihm gefahren war, der Umweg zu ihr würde sich also wahrscheinlich nicht lohnen, und jeder andere normale Mensch schlief um vier Uhr morgens tief und fest.

Prüfend sah ich Jonah an.

»Woher weiß ich, dass du kein Verrückter bist, der mich erst vergewaltigt und hinterher irgendwo lebendig im Wald verscharrt?«

Er lachte.

»Gar nicht, da wirst du mir wohl vertrauen müssen.«

Langsam lehnte er sich in meine Richtung. Seine Lippen berührten beinahe mein Ohr, und ein wunderbar holziger Duft erfüllte meine Lunge.

»Bis jetzt musste ich mir noch nie mit Gewalt holen, was ich wollte«, flüsterte er.

Ganz schön eingebildet, aber da hatte er sicher recht.

»Na schön. Aber ich schlafe auf der Couch«, erwiderte ich ergeben. »Danke für das Angebot.«

Jonah zog eine Augenbraue hoch.

»Nicht nötig, das Gästezimmer ist fast fertig eingerichtet. Und hey, du bist die erste Frau, die ich in mein Haus einlade - das spricht für dich.«

»Wahrscheinlich vergessen auch nicht viele Frauen ihre Schlüssel in der Handtasche ihrer Freundin«, entgegnete ich immer noch frustriert, während ich mich insgeheim fragte, wie lange er in diesem Haus schon lebte, wenn ich wirklich die Erste war. Seinem göttlichen Aussehen nach zu urteilen, mussten die Frauen bei ihm Schlange stehen.

»Touché. Ich freue mich trotzdem über deine Gesellschaft«, meinte er lächelnd und gab dem Taxifahrer seine Adresse.

Die nächsten dreißig Minuten erfuhren wir gefühlt alles aus dem Leben des Fahrers: Angefangen bei seiner von Armut geprägten Kindheit in Indien, bis hin zu seinem Umzug nach London, wo er seine Traumfrau kennenlernte und seither als Taxifahrer arbeitete.

Erst, als wir vor einem großen, eisernen Tor mit wunderschönen Verzierungen hielten, bemerkte ich, dass wir uns nicht mehr inmitten des Großstadtgetümmels befanden, sondern - wie ich vermutete - irgendwo in Greater London.

Als ich bezahlen wollte - das war wohl das Mindeste, was ich tun konnte - hielt Jonah mit einem ›keine Chance‹ meine Hand zurück und reichte dem Taxifahrer seine Kreditkarte. Grinsend stieg ich aus dem Wagen und sah mich um. Hier gab es einfach nichts. Keine bunten Lichter oder Straßenlaternen, nur dieses gigantische Tor und ein paar kleine Solarleuchten, welche links und rechts einen Kiesweg markierten. Jonah öffnete das überdimensionale Ding, indem er vier Nullen in ein Zahlenschloss eintippte und anschließend die Schlüsseltaste drückte.

»Wahnsinnig einfallsreich«, stellte ich grinsend fest, woraufhin seine Mundwinkel leicht nach oben zuckten.

»Einfach zu merken, falls ich mal betrunken nach Hause komme«, antwortete er lächelnd.

Wir folgten dem schwach beleuchteten Gehweg, der durch einen wunderbar gepflegten Park etwa einen halben Kilometer bergauf führte.

Inzwischen war es kalt geworden, und als hätte er meine Gedanken gelesen, legte mir Jonah seine Jacke um die Schultern. Gutaussehend und aufmerksam.

Plötzlich ging vor uns ein grelles Licht an, und ich blinzelte. Meine Augen hatten sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt. Als ich sie vorsichtig wieder öffnete, blieb ich abrupt stehen. Ich hatte mit vielem gerechnet. Vielleicht mit einem kleinen Bungalow oder einem netten Backsteinhäuschen, aber nicht mit einer dreistöckigen Villa. Als ich dieses wunderschöne, einschüchternde Haus auf mich wirken ließ, dämmerte mir auch langsam, dass der Park, in dem wir uns befanden, eigentlich der Vorgarten war. Ungläubig verschränkte ich die Arme vor der Brust.

»Du lebst hier doch nicht alleine, oder?«

»Nein, mein Hund Sherlock wohnt auch hier«, erwiderte er bescheiden. Als wäre das hier nichts Besonderes.

Mit einem unscheinbaren, silbernen Schlüssel öffnete er die Tür und bat mich mit einer einladenden Geste ins Haus. In dieses gigantische, wunderschöne Haus. Er griff zum Lichtschalter hinter mir, wobei er unabsichtlich meinen Handrücken streifte. Sofort bekam ich Gänsehaut, und das nicht nur wegen seiner Berührung.

Der Anblick, der sich mir im warmweißen Schein der imposanten Deckenlüster bot, war atemberaubend. Das offensichtlich alte Haus, welches mit Sicherheit unsagbar viele Geschichten zu erzählen hatte, war geschmackvoll und modern eingerichtet, mit jeder Menge Liebe zum Detail. In diesem Moment hatte ich so viele Fragen, aber keine Ahnung, welche davon ich zuerst stellen sollte. Jonah schien abermals meine Gedanken zu lesen.

»Ein Erbstück meines Vaters«, begann er. »Er ist seit sechzehn Jahren tot. Mein Urgroßvater hat dieses Anwesen vor etlichen Jahren gebaut, ich habe erst vor zwei Jahren mit der Renovierung begonnen.«

Mit den Händen in den Hosentaschen folgte er meinem neugierigen Blick.

»Das mit deinem Vater tut mir leid«, sagte ich ehrlich betroffen und legte ihm automatisch eine Hand auf den Unterarm.

»Das muss es nicht«, beteuerte er lächelnd. »Wir standen uns nicht besonders nahe.«

Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Egal, wie schwierig sein Verhältnis zu seinem Vater war - es musste unerträglich für ihn sein, zu wissen, dass er auch seine Mutter bald verlieren würde. Ich biss mir auf die Unterlippe, und Jonah lachte. Diesmal war es allerdings ein betretenes Lachen, gekünstelt - zumindest bildete ich mir das ein.

»Ich zeige dir das Gästezimmer«, wechselte er das Thema, während er die große, geschwungene Holztreppe auf der rechten Seite des Wohnzimmers hochstieg. Von oben konnte man über die Galerie, welche durch ein mit dunklem Holz umrandetes Glasgeländer gesichert war, auf den warmen Wohnraum mit typisch englisch stuckiertem Kamin hinabschauen.

Der hintere Teil der Galerie diente zu meiner Überraschung als Bibliothek: umgeben von alten, dunklen Holzregalen, gefüllt mit hunderten von alten Büchern, befand sich in der Mitte des kleinen Raumes ein antik anmutender Ohrensessel.

Hätte ich, ungeachtet meines künstlerischen Antitalentes, den Raum meiner Träume auf Papier bringen müssen, hätte er exakt so ausgesehen. Kombiniert mit den teils weißen, teils dunkelgrünen Wänden, war der samtig glänzende, tiefbraune Walnussboden die perfekte Ergänzung für dieses vor Wärme nur so strotzende Haus. Kaum zu glauben, dass Jonah alleine hier lebte.

Als ich mich wieder zu ihm umdrehte, umspielte ein bescheidenes Lächeln seine Lippen. Ich gab mir keine Mühe, meine Bewunderung für dieses Anwesen zu verbergen, und ehrlich gesagt hatte ich mit ein bisschen mehr Hochmut gerechnet.

Immer noch etwas beduselt vom Alkohol und den vielen Eindrücken der letzten Stunden, fühlte ich in diesem Moment nur noch die unbestreitbare Anziehungskraft, die von ihm ausging, und das Kribbeln in meinem Bauch. Etwas auf mir unbekannte Weise Vertrautes, das ich in seiner Nähe fühlte, etwas Neues. Seine vorgetäuschte Selbstgefälligkeit war wie weggeblasen.

Langsam verdrängte er mit einem weiteren Schritt in meine Richtung das letzte bisschen Luft zwischen uns und strich mir ein paar dunkle Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Die Zeit schien still zu stehen, während seine vollen Lippen nur wenige Millimeter vor meinen verweilten. Sein warmer Körper, der Geruch von frisch geöltem Holz, vermischt mit dem subtilen Duft seines Aftershaves – all das berauschte meine Sinne. Er hatte die Kontrolle über mich. Die filigrane Berührung, sein Blick, sein warmer Atem...

Plötzlich berührte mich etwas Haariges am Bein und riss mich grob von meiner Jonah-Wolke. Mit einem lauten »Wuff« versuchte sich ein kniehoher, brauner Hund Aufmerksamkeit zu verschaffen, indem er Jonah’s Hand ableckte. Lachend kniete er sich hin, um das Tier zu streicheln.

»Leah, das ist Sherlock. Sherlock: Leah.«

Entzückt von Sherlock’s Anfall von Zuneigung setzte ich mich auf den Boden und wurde sofort mit feuchten Hundeküssen belohnt.

»Er mag dich«, stellte Jonah fest, während er dem Labrador den Rücken kraulte.

»Das beruht dann wohl auf Gegenseitigkeit«, erwiderte ich lachend.

Offenbar war sich Sherlock seiner Größe und seinem Gewicht nicht bewusst, denn er ließ sich rücklings auf meinen Schoß fallen, um am Bauch gekrault zu werden. Mit offenem Maul und seitlich heraushängender Zunge genoss er seine Streicheleinheit und gab ein zufriedenes Knurren von sich. Er gehorchte aufs Wort, als Jonah ihm mit einem fordernden »Platz« bedeutete, von mir runter zu gehen. Auf der Stelle rollte er sich von meinem Schoß.

Jonah hielt mir kopfschüttelnd seine Hand hin und half mir wieder auf die Beine, welche sich immer noch anfühlten wie Wackelpudding.

Er zeigte mir das geräumige Gästezimmer und führte mich anschließend in das angrenzende Bad. Beides war schlicht, aber außerordentlich geschmackvoll eingerichtet. Das riesige Bett am oberen Ende des Zimmers sah dermaßen einladend aus, dass ich mich am liebsten direkt hätte hineinfallen lassen.

»Das sind ziemlich viele Zimmer für eine einzige Person«, stellte ich fest, immer noch fasziniert von der Größe dieses Anwesens. Dabei hatte ich bisher nur das Erdgeschoß und den ersten Stock gesehen.

»Ich habe vor, später viele Kinder zu haben«, entgegnete er völlig unverblümt, während ich seinen bohrenden Blick in meinem Rücken fühlte.

»Willst du denn Kinder?«