Mein bist du - Luke Delaney - E-Book

Mein bist du E-Book

Luke Delaney

4,6
8,99 €

oder
Beschreibung

DI Sean Corrigan ist nicht wie andere Cops. Die Schatten seiner eigenen Vergangenheit machen ihn empfänglich für die Dunkelheit anderer - für die Abgründe von verlorenen Seelen, von Vergewaltigern, von Mördern. Das macht ihn zu einem außergewöhnlichen Ermittler. Als ein junger Mann brutal ermordet aufgefunden wird, geht die Polizei zunächst von einer Beziehungstat aus. Corrigan vermutet jedoch schnell, dass viel mehr hinter der Sache steckt. Die Jagd nach einem überaus cleveren Killer beginnt. Einem Killer, der weder Gnade noch Reue kennt ...

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Seitenzahl: 632

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

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Epilog

Luke Delaney

MEIN BIST DU

Thriller

Aus dem Englischen vonAxel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © Luke Delaney 2013

Titel der englischen Originalausgabe: »Cold Killing«

Originalverlag: HarperCollinsPublishers, London

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Wolfgang Neuhaus, Oberhausen

Titelillustration: © shutterstock/ajt; © shutterstock/Dimedrol68;

© shutterstock; © shutterstock/RoyStudio.eu;

© shutterstock/Portogas D Ace

Umschlaggestaltung: Massimo Peter

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-5383-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Samstag

Ich hatte mich bereit erklärt, mit meiner Frau und den Kindern in den Park zu gehen. Sie sind drüben auf der Wiese hinter dem Hügel neben dem Teich. Sie haben gegessen und die Enten gefüttert. Jetzt füttern sie ihren Glauben, wir wären eine ganz normale glückliche Familie. Soweit es sie betrifft, sind wir das auch.

Jedenfalls, ich lasse mir von ihrem Anblick nicht den Tag verderben. Die Sonne scheint, und ich kriege ein wenig Farbe. Außerdem ist die Erinnerung an meinen letzten, überaus befriedigenden Besuch in diesem Park noch frisch und zaubert ein beständiges Lächeln auf mein Gesicht.

Sieh sich einer all diese Leute an! Glücklich und entspannt. Sie haben keine Ahnung, dass ich sie keine Sekunde aus den Augen lasse. Dass ich beobachte, wie sich kleine Kinder von ihren Müttern entfernen, während sie schwatzen und schwatzen und nicht merken, dass ihr kleiner Liebling auf Wanderschaft geht. Und wenn sie es dann realisieren, geht das schrille Gekeife einer hysterischen Mutterkuh los, gefolgt von einem Klaps auf den Po des kleinen Scheißers, was noch mehr Geschrei hervorruft.

Für den Moment bin ich zufrieden. Der Spaß und die Befriedigung, die ich vergangene Woche mit der kleinen Schwuchtel gehabt hatte, werden noch eine Zeit lang vorhalten, deshalb sind heute alle sicher.

Was habe ich die Zeit genossen, die ich mit der Schwuchtel in diesem Park verbracht habe. Später war es dann ziemlich einfach, seine Leiche zu entsorgen. Schwulis leben gefährlich; das macht sie zu perfekten Opfern. Also jagte ich unter ihnen, suchte nach einem und fand – ihn.

Ich dachte an den Abend im Utopia zurück, einem Nachtclub in Vauxhall, wo ich die Gäste belauerte, auf der Suche nach dem perfekten Opfer. Utopia – was für ein blöder Name. Inferno hätte besser gepasst.

Jedenfalls, meiner Frau hatte ich gesagt, ich sei auf Geschäftsreise außerhalb der Stadt. Ich packte frische Kleidung, meinen Kulturbeutel und all die anderen Dinge für eine Nacht außer Haus und buchte ein Hotelzimmer in Victoria. In den frühen Morgenstunden konnte ich ja schwerlich wieder heimkommen, ohne Misstrauen zu erwecken. Zu Hause musste alles ganz normal erscheinen. Außerdem packte ich einen Einmaloverall aus Papier ein, mehrere Paar Latexhandschuhe, eine Duschhaube sowie Plastiktüten für meine Schuhe. Zu guter Letzt kam eine Spritze. Alles passte fein säuberlich in einen kleinen Rucksack.

Ich wich den Überwachungskameras aus, die diese Gegend verseuchen, und beobachtete aus dem Schatten der Eisenbahnbrücke den Eingang des Utopia, während der Lärm der vorüberdonnernden Züge durch die Bögen der Brücke hallte.

Ich hatte meine Zielperson bereits erspäht, als sie früher am Abend den Club betreten hatte. Es turnte mich so sehr an, dass mir beinahe der Sack geplatzt wäre. Der Typ war meiner besonderen Aufmerksamkeit wahrhaftig würdig. Dann stand ich mitten in der wogenden Menge aus schwitzenden, stinkenden Körpern, die sich an mir vorbeidrängten, wobei sie mich mit ihrer Unvollkommenheit besudelten und gleichzeitig meine bereits geschärften Sinne anstachelten. Am liebsten hätte ich jeden von ihnen an der Kehle gepackt, einen nach dem anderen, und Kehlkopf um Kehlkopf zerquetscht, sodass sich zu meinen Füßen die Leichen türmten. Ich kämpfte so verbissen gegen den immer stärkeren Drang, dass mich Panik überkam. Es war eine Panik wie nie zuvor, gepaart mit der Angst, mein wahres Ich könne sich enthüllen, sodass alle um mich herum sehen könnten, wie ich mich veränderte, vor ihren Augen, wie meine Haut in strahlendem Rot zu leuchten begann und grellweißes Licht aus meinen Augen und Ohren drang, während ich mich erbrach. Dicke Schweißtropfen rannen mir den Rücken hinunter und folgten den Bahnen, die meine verkrampften Rückenmuskeln vorgaben.

Irgendwie gelang es mir, die Beine zu bewegen und mich durch die Menge zankender Freier zu wühlen, bis ich die Theke erreichte und in den überdimensionalen Spiegel dahinter schaute. Erleichterung überkam mich. Mein Pulsschlag beruhigte sich, als ich im Spiegel sah, dass ich mich nicht verändert, mich nicht verraten hatte.

Doch nun war die Zeit des Beobachtens vorbei. Der Augenblick war gekommen, dass ich mir meine Belohnung holte, meine Erlösung, meine Erleichterung. Alles war da. Alles war so, wie es sein musste.

Also beobachtete ich weiter. Dann endlich war es so weit: Die Schwuchtel verließ das Utopia. Er verabschiedete sich lautstark und ging. Er schien allein zu sein. Lässig schlenderte er unter der Eisenbahnbrücke hindurch in Richtung Vauxhall Bridge.

So leise ich konnte, rannte ich durch einen anderen Torbogen auf die gegenüberliegende Seite, wo ich auf ihn wartete. Als er näher kam, trat ich vor. Er sah mich, schien aber nicht erschrocken zu sein. Stattdessen erwiderte er mein Lächeln.

»Entschuldige«, sagte ich.

Er trat in das Licht der Laterne, um mich besser sehen zu können. »Du bist es?«, sagte er, als er mich wiedererkannte. »Hör mal, wir müssen aufhören, uns so zu treffen.«

Ja, er kannte mich, sehr gut sogar. Ich hatte ihn schon einmal getroffen, vor etwas mehr als einer Woche, ebenfalls im Utopia, wie er sich im Club bei jedem prostituiert hatte, der seinen Preis zahlen konnte. Ich hatte mich ihm genähert, ohne ihn anzusprechen, und dafür gesorgt, dass er mein Lächeln bemerkte, damit er mich später wiedererkannte. Dann hatte ich draußen auf ihn gewartet. Ich hatte den Preis bezahlt, den er verlangt hatte, alles im Voraus, und wir waren zu ihm nach Hause gegangen. Der Sex war nicht wichtig gewesen, nicht einmal besonders lustvoll, obwohl ich mich in ihn ergossen hatte, und er sich in mich. Aber das war nicht der Grund, warum ich mit ihm zusammen war. Ich wollte ihn fühlen, ihn spüren, solange er noch lebte, um zu verstehen, dass er nicht bloß ein unbeseeltes Etwas war, sondern ein lebender, atmender, fühlender Mensch.

Natürlich praktizierten wir Safer Sex: Er, damit er sich nicht die Schwulenseuche holte, und ich, um mich vor Entdeckung zu schützen. Ich hatte mein Schamhaar abrasiert und trug eine Gummimaske, die meinen gesamten Kopf bedeckte, sodass keine Haare am Tatort zurückblieben, außerdem Gummihandschuhe, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.

Die kleine Schwuchtel dachte doch tatsächlich, die Maske und die Handschuhe wären für mich Fetische oder so was, und das alles wäre mein Ding. Doch mein Ding, mein wahres Ding, kam erst noch, und ich hatte mehr als eine Woche Zeit gehabt, um mir alles auszumalen, was ich mit ihm anstellen würde.

Die Tage bis zu unserem zweiten Treffen waren schmerzhaft langsam vergangen, und meine Geduld und Selbstbeherrschung waren bis an die Grenze geprüft worden, doch die Erinnerung an meine Nacht mit ihm und der Gedanke an die bevorstehenden Ereignisse trugen mich durch die Zeit des Wartens.

Und nun stand er vor mir. Seine weißen, regelmäßigen Zähne schimmerten im Licht der Straßenlaterne. Sein ovaler Kopf war zu groß für den dürren Hals auf den schmalen, hängenden Schultern. Sein Haar war blond und schulterlang und zu einer Surferfrisur gestylt, seine Haut war blass, sein Körper kraftlos. Wahrscheinlich hatte er nie etwas Athletischeres getan, als vor einem anderen Kerl auf die Knie zu gehen. Sein T-Shirt war zu eng und zu kurz und gab den Blick frei auf einen flachen Bauch, der in Hipster-Jeans verschwand – dazu gedacht, die sexuellen Begierden potenzieller Kunden zu wecken.

Ich sagte ihm, ich müsse dringend wieder mit ihm zusammen sein. Ich sei im Club gewesen und hätte ihn beim Tanzen beobachtet, wäre aber zu nervös gewesen, ihn dort anzusprechen.

Wir redeten noch ein paar Minuten irgendwelchen Blödsinn, dann sagte er: »Du weißt, dass ich nicht billig bin. Wenn du mich willst, musst du zahlen.«

Er schlug vor, zu mir zu gehen. Ich sagte ihm, das sei nicht möglich; mein Freund sei bei mir zu Hause. Daraufhin verzog er das Gesicht und erwiderte, er nähme normalerweise niemanden mit zu sich, und dass es beim letzten Mal eine Ausnahme gewesen sei und so weiter, bis ich noch mal zwei Fünfziger aus der Geldbörse zog und sie ihm in die Hand schob. Da verstummte die kleine Schwuchtel und lächelte.

Wir gingen zu meinem Wagen mit den falschen Nummernschildern und fuhren zu seinem Drecksloch in Südost-London. Ich achtete darauf, nicht zu nah bei seiner Wohnung zu parken. Ich sagte ihm, ich wolle nicht das Risiko eingehen, von jemandem beobachtet zu werden, wie ich mit ihm in seiner Wohnung verschwand.

»Na gut«, sagte er. »Dann gehe ich vor und lass die Tür auf.«

Ich wartete ein paar Minuten. Dann, als die Straße leer war und ich niemanden an den Fenstern entdecken konnte, stieg ich aus und ging zu seinem Wohnhaus. Der Block war alt und kalt und stank nach Pisse, aber die Schwuchtel war ein braver Junge gewesen und hatte die Tür für mich offen gelassen. Leise trat ich ein und legte das Schloss um. Die Schwuchtel kam am Ende des Flurs um eine Ecke. Ich wusste, dass sich dort das Wohnzimmer befand.

»Hast du die Tür abgesperrt?«, fragte er.

»Ja«, antwortete ich. »Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.«

»Wieso? Hast du Angst, jemand könnte reinkommen und uns die Party verderben?«

»So was in der Art.«

Ich zitterte innerlich so sehr, dass ich es kaum noch aushalten konnte. Mein Magen war verkrampft, mein Atem ging schwer und mein Verstand schrie innerlich, doch nach außen trug ich weiter mein nervöses Lächeln zur Schau, als ich nun ins Wohnzimmer ging.

Die Schwuchtel kauerte vor dem CD-Player. Ich sagte ihm, ich würde mich ein wenig frisch machen, und ging ins Bad am anderen Ende des Flurs.

Ich nahm meinen Rucksack mit und streifte rasch, wenn auch ein bisschen unbeholfen, den Einwegoverall über, dann die Duschhaube und die Gummihandschuhe. Zum Schluss zog ich die Plastiktüten über die Schuhe. Dann blickte ich in den Spiegel und atmete tief durch die Nase ein.

Ich war bereit.

Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück. Er hatte bereits das T-Shirt ausgezogen und fing an zu kichern, als er sich umdrehte und mich in meiner ganzen verkleideten Pracht sah. In gespielter Verlegenheit schlug er sich die Hand vor den Mund, eine gezierte Geste, die meine Wut hochkochen ließ.

»Auf diese Weise holen wir uns heute Abend also unseren Kick, wie?«, sagte er und sah mich an.

Es waren seine letzten Worte auf Erden, obwohl er ein klein wenig später vielleicht noch »Bitte« gesagt hat. Aber da hatte das viele Blut in seinem Mund die Worte bereits zu einem unkenntlichen Gurgeln verzerrt.

Mit einer geübten, schnellen Handbewegung packte ich eine kleine Metallstatue auf einem Beistelltisch und schlug ihm damit den Schädel ein. Der Schlag war so bemessen, dass der kleine Mistkerl nicht gleich an Ort und Stelle den Löffel abgab, sondern nur halb bewusstlos und gelähmt war. Er hatte gekniet, als mein Schlag ihn getroffen hatte, und das war gut so – eine geringere Höhe bedeutet weniger Lärm, wenn jemand zu Boden geht.

Ich stand über ihm wie der Sieger in einem Boxkampf und beobachtete ihn minutenlang. Ich sah, wie seine Brust sich mit jedem angestrengten, schmerzhaften Atemzug hob und senkte, während das Blut aus seinem Kopf spritzte und schließlich zu einem unablässigen Rinnsal verebbte, als sein Herz zu schwach wurde, um den Blutdruck aufrechtzuerhalten, den der Körper zum Überleben benötigte. Alle paar Sekunden zuckte sein rechtes Bein wie das eines sterbenden Vogels.

Zum Glück – sonst wäre ich nicht auf meine Kosten gekommen – war er wenigstens teilweise bei Bewusstsein, als ich ihn mit dem Eispickel bearbeitete, den ich in seinem Barschrank gefunden hatte. Außerdem brauchte ich ihn lebend für mein Werk. Ich musste sehen, wie er jedes Mal versuchte, mich zum Aufhören zu bewegen, wenn ich den Eispickel in seinen sterbenden Körper drückte. Es war kein wildes, blutrünstiges Stechen, sondern ein behutsames, wohlüberlegtes Platzieren des Pickels auf seiner Haut, bevor ich die Spitze mit einem köstlichen, poppenden Geräusch hineindrückte. Hin und wieder hob er die Hand und versuchte schwach, sich zu wehren, das arme Arschloch. Ich sagte ihm jedes Mal, er solle ein braver Junge sein, bevor ich meine Arbeit fortsetzte. Es war zu schade, dass die Hirnblutungen seine Augen rot verfärbt hatten; zu gerne hätte ich den Kontrast der blauen Iriden vor der blassen blutigen Haut gesehen. Ich nahm mir vor, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein.

Irgendwie stieß die Sache mich zum Schluss ab. Sein zerfleischter Körper widerte mich an. Der Anblick hätte beinahe einen Fluchtreflex in mir ausgelöst, aber ganz so weit war ich noch nicht. Ich konnte noch nicht aufhören. Nicht, bevor alles so nahe wie möglich an meiner Vision war, als ich erkannt hatte, dass ich ihn in seiner Wohnung besuchen musste. Also führte ich meine Arbeit fort, trotz des fauligen Gestanks, der aus den Löchern in seinem Bauch und seinen Eingeweiden drang, trotz des Urins und der Exkremente, die aus seinem perforierten Körper sickerten.

Er hielt noch vierzig Minuten durch. Immer, wenn er die Augen wieder öffnete, machte ich weiter. Und immer, wenn er sie wieder schloss, weil er den Schmerz nicht mehr ertrug oder nicht begriff, was mit ihm geschah, legte ich eine Pause ein. Ich musste ihm regelmäßig ins Gesicht schlagen, um ihn am Schreien zu hindern – nicht, dass er viel mehr als ein Wimmern hervorgebracht hätte. Aber ich wollte auf Nummer sicher gehen.

Als er starb, verriet mir ein leises Zischen der Luft, die über seine Lippen kam und aus den Löchern in seiner Brust entwich, dass mein Spaß zu Ende war. Ich streifte ein sauberes Paar Latexhandschuhe über und zog ihm die dreihundert Pfund Bargeld, die ich ihm zuvor gegeben hatte, wieder aus der Tasche. Ich wollte das Geld wirklich nicht zurücklassen. So leise ich konnte, zerbrach ich ein paar Möbelstücke und arrangierte den Raum ganz allgemein so, als hätte es einen wilden Streit gegeben. Dann benutzte ich die mitgebrachte Spritze, um Blut aus seinem Mund zu saugen und im Zimmer zu verspritzen: auf die Wände, über Möbel und Teppiche. Ich erzeugte diese Spritzmuster, um die Illusion einer verbissenen Auseinandersetzung zu verstärken. Zu guter Letzt trat ich in die eine Ecke des Zimmers, die ich sauber gelassen hatte. Dort zog ich meine Klamotten aus und stopfte sie in einen Plastikbeutel, den ich verknotete und in einen zweiten Plastikbeutel stopfte. Diese Prozedur wiederholte ich noch zweimal. Ich überzeugte mich, dass der letzte Beutel fest zugezogen war, bevor ich ihn in meinen Rucksack steckte. Dann streifte ich neue Plastiktüten über meine Schuhe – ich wollte nicht das Risiko eingehen, auf einen Blutfleck zu treten. Ein solches Indiz ist vor Gericht schwer zu erklären. Schließlich zog ich ein weiteres Paar sauberer Handschuhe an und verließ das Wohnzimmer. Ich würde am nächsten Abend alles in meinem Garten verbrennen – die sicherste Methode, belastende Indizien zu entsorgen. Sie an einem öffentlichen Ort abzufackeln, hätte die Gefahr der Entdeckung heraufbeschworen, und sie im Wald zu vergraben, hätte Tiere auf den Plan gerufen.

Als ich fertig war, ging ich leise zur Vordertür. Ich nahm die Plastiktüten von meinen Schuhen und lugte durch den Türspion nach draußen. Niemand auf dem Flur. Um ganz sicher zu sein, lauschte ich noch ein paar Sekunden, wobei ich darauf achtete, nicht mit dem Ohr an die Tür zu kommen und einen Abdruck zu hinterlassen. Ich habe gehört, dass man ihn zuordnen kann wie einen Fingerabdruck.

Als ich zufrieden war, schlüpfte ich aus der Wohnung. Ich ließ die Tür angelehnt, um nicht mehr Geräusche zu machen als unbedingt nötig. Die kleine Metallstatue und den Eispickel warf ich auf dem Weg nach Norden zu meinem Hotel in die Themse. Der Gedanke, dass die Polizei Stunden mit der Suche nach Waffen verbringen würde, die bei den Ermittlungen nicht weiterhalfen, erheiterte mich.

Ich erreichte mein Hotel und schlüpfte durch den Seiteneingang neben der Bar, der normalerweise als Notausgang diente und nicht durch eine Überwachungskamera gesichert war. Ich hatte früher am Tag eingecheckt und die Codekarte für mein Zimmer bereits erhalten. Ich duschte lang und so heiß, wie ich es ertragen konnte, wobei ich Haut, Nägel und Haare gründlich mit einer Bürste schrubbte, bis mein Körper sich anfühlte, als stünde er in Flammen. Nach dem Duschen spülte ich die Wanne aus, nahm ein langes heißes Bad und schrubbte mich noch einmal ab. Als ich abgetrocknet und zufrieden war, legte ich mich nackt aufs Bett und trank zwei Flaschen Wasser. Bald darauf übermannte mich der Schlaf, und ich träumte den gleichen wundervollen Traum immer wieder.

2

Dienstagmorgen

Es war drei Uhr früh, als Detective Inspector Sean Corrigan durch die trostlosen Straßen von New Cross in South East London fuhr. Er war im nahen Dulwich geboren und aufgewachsen, und die Straßen dieser Gegend waren ein gefährliches Pflaster, so lange er sich zurückerinnern konnte. Hier wurden Menschen schnell zu Opfern, ohne Ansehen ihres Alters, Geschlechts oder der Hautfarbe. Ein Leben war hier wenig wert.

Aber das waren die Sorgen anderer, nicht die von Corrigan. Die Sorgen von Leuten mit normalen Jobs in Büros oder Läden. Leute, die jeden Morgen mit verschlafenen Augen auf der Arbeit erschienen und jeden Abend nervös nach Hause eilten, um sich erst sicher zu fühlen, wenn sie sich hinter dicken Türen verrammelt hatten.

Corrigan fürchtete die Straße nicht. Er hatte überwunden, was sie ihm an Brutalität und Schrecken entgegensetzen konnte. Nun war er Chef eines Ermittlerteams, das dem Morddezernat South London angehörte. Die Killer jagten ihre Opfer, und Corrigan jagte die Killer.

Eine Stunde zuvor hatte er noch zu Hause im Bett gelegen und geschlafen, als der Anruf von Detective Sergeant Dave Donnelly gekommen war. Es hatte einen Mord gegeben. Das Opfer war übel zugerichtet. Ein junger Mann, in seiner eigenen Wohnung mit Schlägen und Stichen abgeschlachtet.

In der einen Minute hatte Corrigan noch neben seiner Frau gelegen, in der nächsten war er unterwegs zu der Adresse, wo ein junger Mensch aus dem Leben gerissen worden war. Er fuhr mit heruntergelassenen Scheiben und unverschlossenen Türen.

Corrigan fand das Haus ohne Probleme. Die Straßen um den Tatort waren gespenstisch still. Zufrieden stellte er fest, dass die uniformierten Kollegen ihre Arbeit ordentlich gemacht und einen großen Bereich um den Block herum abgesperrt hatten, in dem sich die Wohnung des Opfers befand. Corrigan hatte schon Tatorte gesehen, wo lediglich die Eingangstür abgesperrt worden war. Wie viele Indizien waren an Schuhsohlen haften geblieben und verschwunden? Er wollte lieber nicht darüber nachdenken.

Neben Donnellys zivilem Pkw standen zwei Streifenwagen. Wenn im Fernsehen Tatorte gezeigt wurden mit Dutzenden von Polizeifahrzeugen und flackernden Blaulichtern, während Hundertschaften von Detectives und Forensikern sich gegenseitig auf die Füße traten, wusste Corrigan nie, ob er lachen oder weinen sollte, denn die Wirklichkeit sah anders aus.

Und häufig war nicht einmal die Tat als solche das Schlimmste. Echte Mordschauplätze waren aus einem anderen Grund bestürzend: wegen ihrer Stille. Der gewaltsame Tod eines Menschen erzeugt eine mit Angst und Brutalität aufgeladene Atmosphäre. Corrigan spürte jedes Mal, wie der Horror ihn umschloss, wenn er einen Tatort in Augenschein nahm. Zwar war es sein Job, die Umstände eines gewaltsamen Todes zu untersuchen, und mit der Zeit hatte er sich ein dickes Fell zugelegt, doch immun war er nicht geworden. Er wusste, dass es auch diesmal nicht anders sein würde.

Er parkte vor dem Absperrband und stieg aus der stillen Abgeschiedenheit seines Wagens in die warme Einsamkeit der Nacht. Der Himmel war klar, doch von den Sternen war im hellen Licht der Straßenlaternen nicht viel zu sehen. Corrigan hielt dem herbeieilenden Beamten seinen Ausweis hin und nannte seinen Namen. »Detective Inspector Sean Corrigan, Morddezernat South London. Wo finde ich die Wohnung?«

Der Uniformierte war noch jung und offensichtlich Neuling. Corrigan schien ihn nervös zu machen. »Nummer sechzehn Tabard House, Chef. Im zweiten Stock, die Treppe hoch und rechts. Oder Sie nehmen den Aufzug.«

»Danke.«

Corrigan öffnete den Kofferraum seines Wagens und warf einen Blick auf den Inhalt. Zwei große Plastikkisten enthielten alles, was er für eine erste Untersuchung des Tatorts benötigte. Papieroveralls und Slipper. Verschieden große Asservatenbeutel. Papiertüten für Kleidung. Ein halbes Dutzend Schachteln mit Latexhandschuhen. Rollen mit Klebeetiketten. Ein Vorschlaghammer, eine Brechstange und andere Werkzeuge. Der Kofferraum sah aus wie der jedes anderen Ermittlungsbeamten überall auf der Welt.

Corrigan zog einen Papieroverall an und ging zum Treppenhaus. Der Block sah aus wie viele in dieser Gegend von London. Bedrückendes, braun-graues Mauerwerk, hastig hochgezogen nach dem Zweiten Weltkrieg, um den ausgebombten Bewohnern alter Slumgegenden Unterkunft zu bieten. Damals waren die Blocks eine Offenbarung gewesen Toiletten in den Wohnungen, fließendes Wasser, Heizung. Heute wohnten nur noch Menschen dort, die in der Armutsfalle festsaßen. Die Gebäude sahen aus wie Gefängnisse, und in gewisser Weise waren sie das auch.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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