Mein Date mit den Sternen - Blaues Funkeln - Bettina Belitz - E-Book

Mein Date mit den Sternen - Blaues Funkeln E-Book

Bettina Belitz

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9,99 €

Beschreibung

Verliebt in den besten Freund und verfolgt von bedrohlichen Männern in Schwarz ...

Die beiden Außenseiter Joss und Maks haben einen Pakt geschlossen: Sie verbringen jede Mittagspause miteinander und halten sich gegenseitig die fiesen Jungs vom Leib. Bisher hat das auch wunderbar funktioniert. Doch eines Tages gehen plötzlich merkwürdige Veränderungen mit Maks vor sich und Joss sieht ihn mit ganz neuen Augen. Als sie auf einer Schulfahrt nach London mitten in der Nacht auf ein mysteriöses Mädchen treffen, werden zwei Dinge sternenklar: Joss wird um ihre Freundschaft mit Maks kämpfen müssen. Und nicht zuletzt haben die Drei einen wichtigen kosmischen Auftrag, der mächtige Gegner auf ihre Spur lockt …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 309




Blaues Funkeln

Band 1

Mit Illustrationen

von Laura Rosendorfer

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© 2018 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Geviert, Grafik & Typografie

Coverillustrationen: Laura Rosendorfer

Innenillustration: Laura Rosendorfer

MI • Herstellung: eR

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-21614-6V002

www.cbj-verlag.de

PROLOG

»Was sollen wir nur mit diesen Menschen machen? Sie haben vergessen, woher sie stammen und dass sie mit allem verbunden sind. Deshalb zerstören sie ihren eigenen Planeten und haben keinen Respekt mehr vor ihrer Welt.«

»Oh ja, Euer Ehren, ihre Vergesslichkeit ist bekannt. Das hätten wir besser konstruieren sollen; ein lästiger Fehler. Wir hatten dennoch die Hoffnung, dass einige von ihnen ihre Sternenverwandtschaft inzwischen erkennen. Nun, nach einigen Fehlversuchen, haben wir endlich einen Weg gefunden. Wir brauchen Jugendliche. Jugendliche zwischen dreizehn und sechzehn Jahren. Ihr seid vertraut mit der menschlichen Altersstruktur?«

»Ja. Man hätte ihnen auf Erden mehr Lebenszeit geben müssen. Vielleicht würden sie dann nicht so viele Dummheiten anstellen.«

»Oh nein, wahrscheinlich würden sie noch viel mehr Dummheiten anstellen … Und nur durch ihr begrenztes irdisches Leben können sie verstehen, dass auch ihr Planet nicht unbegrenzt da sein wird. Genau das ist ja unser Problem! Sie drohen unser Experiment frühzeitig zu zerstören.«

»Nun gut, Ihr seid der Menschenabgesandte. Dann sprecht. Warum Jugendliche zwischen dreizehn und sechzehn Jahren?«

»Es ist das ideale Alter, Euer Ehren. Sie sind noch jung genug, um an Wunder zu glauben und mehr zu fühlen als zu denken, aber gleichzeitig erwachsen genug, um eigene Entscheidungen zu treffen und eigene Wege zu gehen. Es ist ein ganz besonderes Alter, Euer Ehren. Ein magisches. Die Menschen machen es gerne schlecht, weil die Eltern ihre Kinder in dieser Zeit kaum mehr verstehen, und haben scheußliche Worte dafür gefunden. Aber es ist magisch. Wenn es einen Grund für mich gäbe, Mensch zu sein, dann wäre es jene Zeit in ihrem Leben.«

»So sprecht, wie ist Euer genauer Plan?«

»Wir brauchen zunächst eine Boten-Seele. Wir haben sie schon lange im Visier. Sie ist die richtige. Sie wollte einen ungewöhnlichen Auftrag in ihrem Erdenleben haben; nun darf sie ihn endlich bekommen. Mit ihr fängt alles an. Sie ist übrigens entfernt verwandt mit Euch, Euer Ehren. Uns erschien das eine günstige Konstellation. Auch die anderen haben wir gefunden, nach gründlicher Suche und Recherche. Ihre irdische Form wird es nicht ganz leicht mit unserer Idee haben, aber – die Chancen stehen günstiger denn je zuvor.«

»Nun gut. So sei es!«

(Dieser Dialog kann lediglich als grobe Übersetzung betrachtet werden, denn er fand in einer anderen Dimension von Zeit und Raum statt, die unser menschlicher Verstand nicht begreifen kann. Wenden wir uns daher nun jenem Blauen Planeten zu, der unsere Heimat ist – und schauen wir gemeinsam auf eine kleine Stadt im Herzen Europas, in deren beschaulicher Mitte ein Menschenmädchen am Fenster ihrer Sternwarte steht und wie jede Nacht sehnsüchtig in den Himmel blickt …)

GRUSS VON OBEN

»Du siehst irgendwie anders aus heute Nacht …«

Mit Alkyone sprach ich besonders gerne. Ich wusste zu gut, dass es ein wenig hirnverbrannt war, mit einem Stern zu sprechen, der 400 Lichtjahre entfernt lag, und selbst Horst äugte mich aus seinem halb abgedeckten Käfig skeptisch an, als würde er sich fragen, was zum Teufel ich da draußen nur sah, mit dem es sich zu unterhalten lohnte.

Ich sah Sterne, weit entfernte Lichter, die ich niemals würde betreten können und die in klaren Winternächten flackerten und strahlten, als wären sie lebendig. Für mich waren sie das sogar. Auch das sollte ich besser niemandem erzählen – selbst Maks nicht, der laut unseres Paktes dazu verdonnert war, sich alles anzuhören, was ich von mir gab, ohne mich deshalb aufzuziehen, auszulachen oder zu hänseln. Das taten unsere Klassenkameraden schon zur Genüge, und in unserem Schulalltag musste es wenigstens einen einzigen Menschen geben, der die Pausen nicht dazu nutzte, unsere Bücher in fremden Spinds zu verteilen, unsere Stifte ins Klo zu schmeißen, Zettel mit albernen Beleidigungen auf unsere Rücken zu kleben oder unser Pausenbrot heimlich mit etwas zu bestücken, gegen das wir allergisch waren, um uns später dabei zu filmen, wie wir anschwollen und Ausschläge bekamen.

Zum Glück waren die meisten von ihnen zu schlecht organisiert, um sich zu merken, wer von uns beiden gegen was allergisch war. So war ich bislang erst einmal in der Notaufnahme gelandet und Maks noch gar nicht. Zwar hatte Maks nicht ganz so viele Unverträglichkeiten wie ich, was seine Überlebenschancen jedoch nicht großartig steigerte. Sein Problem war, dass er beim Essen gerne zu kauen oder zu schlucken vergaß und regelmäßig Erstickungsanfälle bekam. Deshalb gab es in unserem Pakt als ersten Punkt eine Klausel, die besagte, dass ich einmal wöchentlich den Heimlich-Griff üben musste, um ihm notfalls das Leben zu retten. An Maks’ Beinahe-Erstickungstoden waren also nicht die anderen schuld, sondern vor allem er selbst. Essen gehörte nicht zu seinen großen Interessen.

Trotzdem war es für unsere Mitschüler (eigentlich sollte es Gegen-Schüler heißen!) jedes Mal ein Freudenfest, wenn Maks in der Mensa keuchend und hustend nach Luft rang, die Tränen aus seinen Augen und der Rotz aus seiner Nase liefen und ich ihn packte und schüttelte, als wolle ich ihn zu einem Ringkampf auffordern. Aber wir lebten noch, das war die Hauptsache, auch wenn unsere schulische Nahrungsaufnahme eine Angelegenheit voller Tücken war. Alleine deshalb sollten wir darüber nachdenken, unseren Pakt nach Beendigung der neunten Klasse zu erneuern.

Noch waren wir im ersten Halbjahr der achten und bei dem Gedanken, dass Maks Pakte zu ernst nahm, um vorzeitig auszusteigen, seufzte ich beruhigt auf.

Im Moment war ich sowieso sicher. Nirgendwo fühlte ich mich wohler und geborgener als in meiner kleinen, feinen Sternwarte auf dem Dachboden und nichts war spannender und zugleich beruhigender als der Nachthimmel im Winter. Während Horst verschlafen begann, mit seinem Schnabel in seinem grauen Papageiengefieder herumzuzupfen, wickelte ich mich noch fester in meine Fleecedecke, trank einen Schluck Hafermilch und schob erneut mein Teleskop an mein linkes Auge.

»Du siehst wirklich anders aus«, murmelte ich verwundert, obwohl schon erste Zweifel an mir und meiner Wahrnehmung nagten. Manchmal wünschte ich mir so sehr, etwas Sensationelles am Himmel zu sehen und es für die Menschheit festhalten zu können, dass ich mir Dinge einzubilden begann. In einer Nacht war ich mir sicher gewesen, ein Ufo gesehen zu haben, obwohl ich mich gar nicht um Ufos scherte. Trotzdem war ich so aufgeregt gewesen, dass ich mit meinem Quieken Horst aufgeschreckt hatte und er kreischend von seiner Stange gefallen war. Leider war es kein Ufo gewesen, das ich gesehen hatte, sondern eine verirrte, leicht angetrunkene Fruchtfliege, die im silbernen Schimmer meines PC-Bildschirmes vor der Linse vorbeigetorkelt war.

Doch das flimmernde Leuchten von Alkyone heute Nacht war etwas anderes als eine Wunschvorstellung. Alkyone war zudem kein Hirngespinst. Man konnte sie mit etwas gutem Willen sogar mit bloßem Auge erkennen. Ihr Name stand in allen Astronomie-Büchern, und schon die alten Griechen hatten sie beobachtet. Für mich war sie die liebste der sieben Plejaden – ein Wort, das mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken rieseln ließ, wenn ich es aussprach. Es gab viele faszinierende Sternkolonien, aber die Plejaden waren mein Himmelsparadies. Wenn sie im Frühjahr vom Firmament verschwanden, fehlten sie mir, und ich freute mich auf den Spätsommer wie andere auf Weihnachten, weil ich sie dann endlich wieder sehen konnte.

Prüfend ließ ich meine Augen zu meinem Computerbildschirm wandern, wo die ISS gleichmäßig langsam an der Erde vorbeizog. Nein, auf dem NASA-Livestream war nichts Besonderes zu erkennen, wie fast immer. Auch hatte es in den vergangenen achtundvierzig Stunden keine Sonnenstürme oder Polarlichter gegeben. Das Magnetfeld der Erde blieb ebenfalls stabil. Alles ruhig im All. Zum dritten Mal schob ich das Fernrohr an mein Auge und stellte es noch ein wenig schärfer.

»Was ist nur mit dir los?«

Wie zur Antwort blähte sich das Licht von Alkyone auf, bevor zwischen ihren Plejaden-Schwestern ein Regen von bläulichen Sternschnuppen niederging.

»Heiliger Strohsack!«

Seit dem Gymnasium pflegte ich eine Vorliebe für altmodische Sprüche, aber nie waren sie mir unpassender erschienen als jetzt. Alkyone hatte mir geantwortet! Ein Stern sprach mit mir …

»Jetzt bleib mal schön auf dem Teppich.« Nun redete ich nicht mehr mit fernen Himmelskörpern, sondern mit mir selbst. »Ganz ruhig, Joss.«

Nein, ich konnte nicht ruhig bleiben. Es ging nicht! Mein Herz raste, mir war glühend heiß geworden, obwohl es draußen Minusgrade hatte und das Dachfenster weit offen stand, und ich bereute jeden Schluck Hafermilch, den ich mir einverleibt hatte. Mein Magen schien sich ebenso aufzublähen, wie Alkyone es gerade getan hatte. Hatte sie es denn wirklich oder hatte ich es mir nur eingebildet?

Bevor ich ein viertes Mal durch das Teleskop schauen konnte, rieselte ein neuer Sternschnuppenschauer über den Himmel. Er war so gigantisch, dass ich sein Ausmaß nicht erfassen konnte, und die Lichtspuren bewegten sich direkt auf unser Haus zu. Warum verglühten sie nicht? Sie mussten doch verglühen! Oh nein … Das waren keine Sternschnuppen. Es waren Meteoriten, und zwar eine ganze Schar! Hektisch schlug ich mit der flachen Hand das Fenster zu, obwohl sich kilometergroße Gesteinsbrocken aus dem All für dünne Glasscheiben nicht weiter interessierten, und ließ mich geduckt zu Boden fallen.

Geschah es jetzt etwa – das Ende der Welt, von dem so viele schlechte Fernseh-Dokus schwadronierten und dabei in allen Facetten aufzeigten, was mit uns Menschen und der Erde passieren würde? Ja, das musste es sein – ich vernahm bereits das dumpfe Rauschen der nahenden Meteoriten und dazu das Knistern von Feuer … gleich würde die Erde erzittern und das Haus in Flammen aufgehen … wir alle würden sterben …

»Verdammt, das ist zu früh!«, wimmerte ich und stopfte mir die Finger in die Ohren, weil ich nicht hören wollte, was in den nächsten Sekunden meine Familie und mich vernichten würde. Mein Leben war nicht allzu lustig gewesen, doch ich mochte es, und vor allem hatte ich keine Lust, von dem gekillt zu werden, was meine größte Leidenschaft gewesen war. Ich liebte meine Sterne, und jetzt sollte ich ausgerechnet von Sternenbrocken ausgelöscht werden? Das war nicht fair und außerdem sollte man mit vierzehn noch nicht sterben! Nicht, bevor man sich das erste Mal verliebt und das nächstbessere Teleskop zum Geburtstag bekommen hatte. »Scheiße …«, wimmerte ich und sehnte mich plötzlich so sehr nach Mama und Papa und Sam, dass ich aufheulte wie ein Baby. Ich würde nicht mal mehr genügend Zeit haben, um nach unten zu laufen und mich von ihnen zu verabschieden …

»Keine Angst, Menschenkind.«

»Wie bitte?«, keuchte ich verwirrt und schob meine Zeigefinger noch fester in meine Ohren. Wer oder was hatte da gerade mit mir gesprochen? Wieso konnte ich es hören, wo ich doch meinen Gehörgang so fest verstopfte, dass ich Ohrenschmerzen bekam? Und warum sah ich plötzlich grelles Licht hinter meinen geschlossenen Lidern?

»Keine Angst.«

»Ich bin tot, oder?«, hakte ich piepsig nach, denn diese Stimme in meinem Kopf und das grelle Licht konnten nur von Gott kommen – an den ich eigentlich nicht glaubte. Aber ich brauchte dringend Antworten.

»Es gibt keinen Tod, Menschenkind.«

»Aha«, machte ich verständnislos und lockerte meine Finger ein wenig, während ich versuchte, mich daran zu erinnern, ob ich meine Hafermilch in der Schule unbeaufsichtigt hatte stehen lassen. Möglicherweise hatte einer der dicken Jungs (so nannten Maks und ich unsere Peiniger) Erdnusscreme hineingerührt. Erdnüsse konnten bei mir durchaus zu halluzinatorischen Wahrnehmungen führen – und wenn ich nur halluzinierte, konnte mir nichts passieren. Dann war das, was ich sah und hörte, gar nicht echt. Alkyone hatte sich nicht aufgebläht und mir auch keine Meteoriten geschickt und ich würde nicht sterben – jedenfalls nicht sofort. Ich würde nur ein aufgedunsenes Gesicht und ein wenig Atemnot bekommen und morgen den ganzen Tag auf dem Klo verbringen, aber nicht sterben. So stark war meine Erdnuss-Allergie nicht. Also alles gut. Mutig stemmte ich mich hoch und öffnete meine Augen.

»Heilige Schei … Heiliger Bimbam«, verbesserte ich mich ehrfürchtig. Direkt vor der Dachluke kreiste eine hellblaue, von sieben funkelnden Spots durchsetzte Spirale um sich selbst. Die Spots blieben unbewegt und hatten exakt die gleiche Anordnung wie die Plejaden – und sie schienen zum Greifen nahe. »Was ist das denn jetzt?« Wenn dieses Bild von den Erdnüssen kam, wollte ich sie ab sofort jeden Morgen zum Frühstück haben. »Woaaaah …«, raunte ich und versuchte, aufzustehen, um näher an das Fenster zu treten, doch meine Beine waren wie gelähmt. Auch das passte zum Erdnussschock.

»Du irrst dich nicht, mein Kind. Wir sind da.«

»Ja, schon klar«, antwortete ich unbeeindruckt, weil die Stimme wie vorhin in meinem Kopf widerhallte, als käme sie gar nicht von außen. Tat sie ja auch nicht. Ich hatte Wahnvorstellungen, weil irgendein Idiot mal wieder hatte zusehen wollen, wie mein Kopf auf die doppelte Größe anschwoll und ich puterrot nach Luft japste.

»Du bist unsere Auserwählte Nummer 1.«

»Natürlich.« Ich und eine Auserwählte … Und dann noch die Auserwählte Nummer 1, wo ich doch immer zuallerletzt in die Völkerballmannschaft gewählt wurde, weil ich die Bälle weder ordentlich fangen noch werfen konnte! Amüsiert kicherte ich in mich hinein, während die Spirale rote Funken über den Nachthimmel schickte, als würde sie mitlachen.

»Finde die anderen Auserwählten. Das ist deine Aufgabe.«

»Wird erledigt, Käpt’n!« Salutierend grüßte ich zu der Lichtspirale hinüber und tastete anschließend prüfend über meine Wangen, weil mir mein Gesicht seltsam normal und schlank vorkam. Doch meine Beine konnte ich noch immer nicht bewegen.

»Schließt euch zusammen, und teilt der Welt mit, was ihr wisst und in euch seht. Bringt eure kosmische Kraft auf die Erde. Rettet euren Planeten! Das ist euer gemeinsamer Auftrag. Und seid euch stets gewiss: Ihr seid nicht alleine und nicht von uns getrennt.«

Mein Kichern erstarb. Ihr seid nicht alleine und nicht von uns getrennt … Alles andere mochte halluzinatorisches Erdnuss-Blabla sein, aber diese Worte berührten mich so tief, dass meine Kehle sich zusammenzog, als müsse ich gleich weinen. Wie schade es doch war, dass das, was ich hier erlebte, nur ein Spuk aufgrund eines anaphylaktischen Schocks war.

Denn nichts anderes wünschte ich mir, seitdem ich das erste Mal nachts im Garten gelegen und in den Himmel geguckt hatte – dass es Verbindungslinien zwischen den Sternen und mir gab, auf denen ich reisen und sie besuchen konnte, wann immer es mir auf der Erde zu blöd wurde. Denn das war oft der Fall gewesen. Weil ich anders war als die anderen – und merkwürdig. Selbst meine Eltern wussten das. Wie hatte Papa kürzlich zu einem Kollegen am Telefon gesagt, als sie sich über ihre Kinder unterhalten hatten: »Ich habe eine Tochter und einen Nerd.«

Dabei war auch ich ein Mädchen, auch ich seine Tochter. Ich wusste, dass er seine Worte nicht böse gemeint hatte und mich genauso liebte wie Samantha, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Aber er verstand mich nicht und Mama verstand mich noch viel weniger; von Sam ganz zu schweigen. Manchmal schauten sie mich an, als sei ich ein Alien – ein Blick, den ich aus der Schule allzu gut kannte. Ja, in solchen Momenten wollte ich Urlaub auf einem Stern machen.

»Doch, wir sind getrennt«, widersprach ich leise, während die Spirale kleiner und dunkler wurde und die sieben Spots in ihr verblassten. Bald würde ich mich nur noch verschwommen an sie erinnern können. Eine Erdnuss-Überreaktion verging in der Regel so schnell, wie sie gekommen war. Traurig schaute ich dabei zu, wie die Spirale immer mehr an Licht verlor, bis sie nicht mehr zu sehen war, und der Nachthimmel sich mir präsentierte wie eh und je.

Fern, kalt, wunderschön.

Und so unendlich weit weg.

UNVERDÄCHTIG VERDÄCHTIG

»Da bist du ja …«

Erleichtert darüber, dass Maks nach sieben Minuten zappeligen Wartens endlich den Weg in die Mensa gefunden hatte und sich gegenüber von mir an unseren Ecktisch fallen ließ – halb getarnt unter einer dahinsiechenden Palme und relativ zugluftsicher, aber vor allem weit weg von den dicken Jungs –, gab ich es auf, in meinen schlaffen Pommes herumzupicken und hob meinen Blick. Solange Maks nicht da war, vermied ich es, meine Augen durch den Raum schweifen zu lassen. Bloß niemanden versehentlich provozieren. Das konnte so schnell gehen.

»Wo warst du denn die ganze Zeit?«

Statt einer Antwort legte Maks mit einem undefinierbaren Seufzen den Kopf in den Nacken und starrte glasig auf die orangenen Vorhänge, in denen sich das schwache Licht des Tages verfing. Seit heute früh hatte der Himmel sich zugezogen; ich konnte die Sonne nur noch erahnen – was bedeutete, dass ich heute Abend vermutlich keinen einzigen Stern vor mein Teleskop bekommen würde.

»Maks? Alles okay?« Forschend studierte ich sein Gesicht. Keine Anzeichen von Schwellungen oder Pusteln, geschweige denn von einem nahenden Erstickungsanfall. Stattdessen überzog ein rosiger Schimmer seine scharf gezeichneten Wangen und seine Augen glühten trotz seines abwesenden Starrens feurig auf. Diese Symptome konnte ich nicht einordnen. Bei einem normalen Menschen hätte ich auf Lebensfreude getippt. Aber Maks und ich waren keine normalen Menschen. »Geht’s dir gut?«

»Wir hatten Sport«, stieß er heiser hervor, während er seinen Blick langsam von den Vorhängen löste und einhändig seine aktuelle Ausgabe des (gähnend langweiligen) Magazins »Militär und Geschichte« aus dem Rucksack zog, sie aber nicht weiter beachtete, sondern blind auf einer beliebigen Seite aufschlug. »Basketball.«

»Na und?« Schulterzuckend wandte ich mich wieder meinen Pommes zu. Ich hatte heute Mittag einen gesunden Appetit, auch wenn die Mensa-Fritten in Fett ertranken und mal wieder völlig versalzen waren. Auch mein Hunger irritierte mich, denn er passte nicht zu meinem nächtlichen Erdnuss-Schock – umso dringender war es, Maks aus seiner Trance zu reißen. »Da machst du doch nie mit.«

Maks besaß Atteste für sämtliche Ballsportarten. Seine Mutter war der Ansicht, dass Ballsportarten Jugendliche auf instinktgesteuerte Primaten reduzierten und Aggressionen und Mobbing förderten. Es sei nicht mehr zeitgemäß und psychologisch hochbedenklich, mit Bällen auf andere Schüler zu feuern oder sie sich gegenseitig wegzunehmen, um sie wie wild gewordene Affen in Körbe zu werfen. Ich hatte zwar noch nie Schimpansen gesehen, die Basketball spielten, aber nachdem Frau Treborn ihre Thesen in einem Artikel für ein Psychoanalyse-Magazin niedergeschrieben hatte, hatte unsere Schulleiterin klein beigegeben und Maks von allen Sportarten, in denen Bälle vorkamen, befreit.

»Heute schon …« Ein leichtes Grinsen trat auf Maks Lippen und erneut flimmerten seine Augen hitzig auf. »Ich hab drei Körbe geworfen.«

»Was!?« Jetzt waren mir meine Pommes egal geworden. »Das glaub ich dir nicht!« Maks war früher jeder Ball aus der Hand gefallen, und in der Fünften hatte es einer der dicken Jungs geschafft, ihm mit einem Softball das Handgelenk zu stauchen – der Anfang seiner Attest-Serie.

»Es ist aber passiert … ehrlich, Joss …« Maks Augen hefteten sich auf die Ketchupflasche, dann senkte er seine Wimpern und schüttelte den Kopf, als zweifele er plötzlich an seinen eigenen Worten.

»Ej! Pisser!« Erschrocken wandte ich mich zur Seite, doch Rollo, der Boss der dicken Jungs, hatte Maks schon angerempelt, sodass er beinahe vom Stuhl kippte. Wir waren so in unser Gespräch vertieft gewesen, dass wir ihn nicht hatten kommen sehen. »Mach das nie wieder, klar? Nie wieder! Sonst …« Rollo beugte sich vor, bis zwischen seinen und Maks Augen nur noch wenige Zentimeter lagen, und tauchte uns in eine scharf riechende Schweißwolke. Angeekelt zuckte ich zurück. Doch Maks sah nicht weg. Mit einem eindringlichen Starren erwiderte er Rollos Drohen, bis dieser ihm mit seiner Pranke derb die Schulter quetschte, neben uns auf den Boden spuckte und sich knurrend zurückzog, um zu seinem Tisch zu schlurfen, seine Untertanen als treues Gefolge.

»Du hast es also wirklich getan«, stellte ich leise fest, als die dicken Jungs außer Hörweite waren. Rollo konnte nur das Basketballspiel gemeint haben – und wie es aussah, war er in der gegnerischen Mannschaft gewesen. Maks atmete langsam ein und aus, bevor er ein Stückchen näher rückte und wie ich seine Stimme senkte.

»Ich wollte auf einmal den Ball haben. Konnte nicht länger auf der Bank sitzen. Die waren so nah dran am Sieg, so nah … und haben die freien Lücken nicht gesehen, keinen Vorstoß gewagt …« Aha, daher also wehte der Wind. Maks verbrachte seine gesamte Freizeit damit, berühmte Schlachtszenen zu studieren und sie mit 1:72 Modelllandschaften nachzustellen. Seine Mutter duldete dies nur, weil es historische Landschaften waren und Maks keine Mücke töten konnte, ohne anschließend stundenlang ein schlechtes Gewissen zu haben. Nun hatte er aus lauter Langeweile die Sporthalle mit einem Schlachtfeld verwechselt. Aber drei Körbe …? Das konnte ich mir nicht vorstellen. »Ich bin einfach mitten reingestürmt, ich hab alles so klar vor mir gesehen …«, flüsterte Maks gehetzt weiter, während ich einen unauffälligen Blick auf die Wanduhr warf. Nur noch fünf Minuten bis zum Läuten. Das war zu wenig. »… und dann hab ich den Ball in die Hände bekommen und … dieser Ball … so rund und griffig und dazu das dunkle Rot … hast du dir das jemals genau angeguckt? Was Basketbälle für eine Farbe haben?«

»Nein, und ich …«

»Ich bin noch nicht fertig, Joss.« Fahrig tasteten Maks schlanke Hände über seine Zeitschrift. Noch nie hatte er sie so sträflich vernachlässigt wie heute. Normalerweise las er während der Mittagspause mindestens einen Artikel, von dem ich dann die Zusammenfassung plus Kritik erdulden musste. »Ich hab mich nach vorne gekämpft, hab den Korb anvisiert, geworfen – es war … es war göttlich. Ich musste es wiederholen. Zwei Mal. Das war der Sieg!«

»Ja, und deshalb hassen sie dich jetzt.« Ich linste nach rechts, um ihm zu bedeuten, wen ich meinte. »Ihr wart ein Mann mehr als die anderen, verstehst du? Das war kein gerechter Sieg! Du hast dich ungefragt eingemischt, und dann auch noch für die stärkere Mannschaft. Wir dürfen solche Sachen nicht tun, es ist doch so schon schwierig genug für uns, oder nicht?«

»Mahlzeit, Egghead!« Wie zum Beweis für meine Ermahnung nahm Kim, die gerade mit ihrem Hofstaat an uns vorüberzog, die Ketchupflasche vom Tisch und ertränkte den Rest meiner Pommes in roter Soße. Maks Hände zuckten, als wolle er sie ihr aus den Fingern reißen, und er brummte unwillig auf. Doch glücklicherweise verteidigte er mich nicht.

»Danke, Kim. So mag ich sie am liebsten«, wisperte ich, nachdem sie kichernd davongestakst war, und schob seufzend den Teller zur Seite. Egghead war nicht der schlimmste der Namen, die mir im Laufe meiner Schullaufbahn verliehen worden waren, aber er ärgerte mich am meisten, und Kim schien das zu spüren, denn sie verwendete ihn besonders gerne. Mein Kopf war wirklich etwas zu groß geraten und meine Stirn breit, aber es war kein Eierkopf. Eierköpfe sahen anders aus. Außerdem hatte Mutter Natur mir zwei riesige helle Augen mit unzähligen Achsenkrümmungen verpasst, die mich sogar in meinem eigenen Zuhause regelmäßig gegen Türrahmen und Wände laufen ließ, aber im Verhältnis zu meinem Kopf passten. Die Haare hatte sie dafür leider als Nebensache abgetan, weshalb ich sie kurz trug. Es lohnte sich nicht, diesen verwirbelten Schopf wachsen zu lassen. Darin würde sich jede Haarspange verlieren. »Siehst du, was ich meine? Maks? Hörst du mir überhaupt zu?«

Maks stierte schon wieder auf die Vorhänge, als sei ich gar nicht da, und ich zog ihn sacht am Ärmel, um seine Aufmerksamkeit zu wecken.

»Ich muss dich etwas Wichtiges fragen, dringend. Gestern Mittag, hier an unserem Tisch – hast du mitbekommen, dass die dicken Jungs mir was in meine Hafermilch getan haben?«

»Wieso fragst du?« Verwundert sah Maks mich an. »Du warst doch die ganze Zeit dabei.«

»Ja, schon, aber … vielleicht gab es einen unbeobachteten Moment. Es ist jedenfalls merkwürdig. Ich hatte heute Nacht einen Erdnussschock.« Ich hatte das Gefühl zu lügen, und doch konnte ich mir mein Erlebnis nicht anders erklären. »Aber ich hab heute nicht mal Durchfall.«

»Oh, Joss, bitte …« Maks stöhnte auf und verdrehte die Augen.

»Paragraf 13!«, erinnerte ich ihn streng. »In Ausnahmesituationen, nach Attacken der dicken Jungs und bei allergischen Schocks dürfen wir miteinander über unsere Verdauung sprechen, und ich habe heute keinen Durchfall, was nicht passt!« Hämisches Lachen erklang hinter uns und ich starrte errötend auf mein Pommes-Massaker. Ich war zu laut geworden, und nun wusste die ganze Mensa über meine Verdauung Bescheid. Das hatte ich ja prima hinbekommen.

»Dann hattest du eben keinen Schock, sei doch froh«, erwiderte Maks mürrisch, nachdem der Aufruhr um uns herum sich gelegt hatte.

»Ja, aber das passt auch nicht, denn …« Zögernd brach ich ab. Da war Paragraf 3. Er besagte, dass wir einander alles erzählen konnten, was uns beschäftigte, wenn wir in Not waren, und keiner den anderen dafür auslachen durfte. Paragraf 3 war meine Lieblingsklausel unseres gesamten dreiseitigen Vertrags. Doch noch nie hatte ich davon Gebrauch gemacht. Sollte ich es dann bei der Premiere wirklich mit einer solch haarsträubenden Geschichte tun und Maks erzählen, was ich heute Nacht erlebt hatte – falls ich es denn überhaupt wahrhaftig erlebt hatte?

Das Läuten des Gongs nahm mir meine Entscheidung ab. Für heute war unsere gemeinsame Zeit abgelaufen. Ich hatte noch zwei Stunden Astro-AG, er Geschichte-AG, danach holte seine Mutter ihn ab und ich lief nach Hause – bis morgen würden wir uns nicht mehr sehen. Im Moment schien Maks sowieso noch in wehmütigen Erinnerungen an seine Basketball-Schlacht festzuhängen und knetete geistesabwesend die Ketchupflasche. Für ein paar Sekunden brach die Sonne durch die zähe Wolkendecke, und ihre Strahlen fielen direkt auf seine wirren Haare, sodass sie kupfern aufleuchteten. Sonst wirkten sie eher farblos und stumpf. Sein kurzer Ausflug in die Welt der Sportler musste ihn belebt haben.

»Also gut, Maks, dann bis morgen?«

»Ja, bis morgen«, antwortete er mechanisch, blieb aber sitzen, während ich mich eilig durch die Massen der aufbrechenden Schüler schob und auf direktem Wege das Biologielabor ansteuerte – ein allseits gefürchteter und gemiedener Raum, seitdem das Gerücht die Runde gemacht hatte, dass sich darin ein Glas mit einem »eingemachten Embryo« (O-Ton dicke Jungs) befände. Das wollte auch ich nicht sehen, doch vor Skeletten, in Alkohol eingelegten Ochsenfröschen, plastizierten Innereien und aufgespießten, langbeinigen Käfern fürchtete ich mich nicht – und vor allem würde ich dort drinnen Herrn Ries finden. Vielleicht würde er mir weiterhelfen können. Nachdem ich höflich geklopft hatte und eingetreten war, musste ich nur zwei Regale umrunden, bis ich ihn entdeckte. Er stand sinnend vor dem ausgestopften Braunbär und knetete dabei sein Kinn, als würde er versuchen, einem ewigen Rätsel der Evolution auf die Spur zu kommen.

»Ach, Joss, hallo. – Gibt es Fragen zur letzten Stunde?«

»Nein, alles in Ordnung, ich hab eine andere Frage.« Meine verkrampften Schultern lösten sich. Immerhin, bei meinen Lehrern war ich sicher. Sie machten keine Witze über mich und mischten mir nichts ins Essen – und sie waren dankbar, dass ich im Unterricht aufpasste und meine Hausaufgaben erledigte. Viel mehr tat ich nicht, doch es reichte, um weder aufzufallen noch sich unbeliebt zu machen. Entschlossen trat ich zu ihm und dem Bären und fischte meine Hafermilch von gestern aus meinem Rucksack. »Können Sie herausfinden, ob mir jemand Erdnusscreme in meinen Drink gemischt hat? Ich hatte heute Nacht einen allergischen Schock, habe aber nichts gegessen, wogegen ich allergisch bin. Zumindest nicht wissentlich.« Wieder hatte ich das Gefühl zu lügen – aber was nur sollte es sonst gewesen sein, das meine Vision ausgelöst hatte?

»Ach herrje.« Herr Ries bedachte mich mit einem mitfühlenden Blick und nahm den kleinen Tetrapak umständlich entgegen, wobei er die erhobene Tatze des Bären streifte und dieser gefährlich zu schwanken begann. Rasch stabilisierte ich ihn, zog meine Hand aber sofort wieder weg. Ob tot oder lebendig – Tierfelle kamen mir so fremd vor, dass ich stets vor ihnen zurückzuckte. Schnuppernd senkte Herr Ries seine lange Nase über die Öffnung des Strohhalms und drückte den Bauch des Tetrapaks zusammen. Leise pfeifend entwich Luft aus ihm.

»Ui. Der gärt ja schon. Haferdrink, hm?«

Ich nickte nur, ohne meine Blicke von ihm zu lösen.

»Und du glaubst, sie haben dir was reingetan? Durch einen Strohhalm?«

»Na ja, es ist möglich, oder? Mit einer Pipette?« Ich hatte das halbe Frühstück damit verbracht, darüber nachzudenken, ob die dicken Jungs zu solch feinmotorischen Tätigkeiten fähig waren – mir in Sekundenschnelle etwas in den Strohhalm zu träufeln und das just bevor ich ihn abgeknickt und den Tetrapak in den Rucksack bugsiert hatte, um abends den Rest zu trinken. Hätte ich direkt nach dem Einträufeln davon getrunken, hätte ich den Schock ja schon gestern Nachmittag bekommen müssen. Allergische Reaktionen waren verflucht schnell.

»Möglich ist vieles, aber – es gibt im Handel nur Erdnussbutter, Erdnusscreme, Erdnusssoße, und die müsstest du am Strohhalm sehen oder riechen. Ist ja alles dickflüssig. Um sicherzugehen, müsstest du sie einschicken, in ein richtiges Labor, aber Joss …« Herr Ries machte sich etwas kleiner und lehnte sich dabei freundschaftlich an den Bären. Irgendwie sahen die beiden sich ähnlich. »Selbst wenn es so ist und ein Schüler dir einen üblen Streich gespielt hat: Was passiert dann? Du zeigst ihn an und …«

»… und sie haben mich noch mehr auf dem Kieker«, vollendete ich seinen Gedanken bedrückt. »Das stimmt, und ich will ja gar niemanden anzeigen. Ich will es nur wissen.«

»Ach Joss.« Herr Ries lächelte mich tröstend an. »Es wird besser werden, ich verspreche es dir. Spätestens ab der zehnten Klasse lassen sie dich in Ruhe. – Musst du nicht zur Astrologie-AG?«

»Ja, muss ich. Danke, Herr Ries. Bis morgen.«

»Ja, bis morgen, Joss, und grüß deine Eltern lieb von mir!«, rief er mir nachdenklich hinterher. Die Tatsache, dass meine Eltern Lehrer im Schulzentrum zwei Blocks weiter und dank eines gemeinsamen Stammtisches mit dem halben Kollegium meiner Schule per Du waren, trug ebenfalls dazu bei, dass meine Zeit in den Klassenräumen ruhig verlief. Doch die Hofpausen, die Wege durch die Schule und die Mittagessen waren ein einziger Spießrutenlauf – und im Gegensatz zu Herrn Ries glaubte ich nicht daran, dass sich ab der zehnten Klasse etwas ändern würde.

Sie gingen auf mich los, weil ich anders war als sie. Dieses Anderssein würde sich nicht auflösen, wenn ich älter würde. Ich wusste es. Denn es war immer da gewesen; zu jeder Sekunde meines Lebens, und es wurde stärker, nicht schwächer. Auch in der zehnten Klasse würde ich immer noch nachts nach den Sternen schauen, nicht wissen, wie es war, verliebt zu sein, weil es den passenden Jungen dafür nicht gab, und ich würde nach wie vor das Gefühl haben, dass Fliegen besser als Laufen sei, ein Körper eine lästige Angelegenheit war und fernab der Erde, weit oben im All, etwas existierte, das mir mehr Heimat bot als alles, was ich bisher gesehen und erlebt hatte.

»Du bist die Auserwählte Nummer 1«, erklang wie zur Bestätigung das Echo meiner nächtlichen Vision in meinen Ohren – und ein kühler Schauer rieselte über meinen Hinterkopf. Was nur war geschehen, und warum verfolgte es mich schon den ganzen Tag, klar und deutlich wie ein Film, den ich unzählige Male gesehen hatte? Das hatten bisher weder Erdnüsse noch Erdbeeren geschafft.

Schon während ich die Klinke zum Astro-Raum herunterdrückte, wusste ich, was ich tun musste, sobald ich zu Hause war.

Ich musste hoch in meine kleine Sternwarte gehen und den gesamten Raum absuchen, in dem es geschehen war.

Denn dort oben wartete etwas auf mich.

EXPRESS-PUBERTÄT

Nie hatte sich ein Wochenende länger und zäher angefühlt als die drei öden, ereignislosen Regentage, die hinter mir lagen – drei, da am Freitag Lehrerausflug gewesen war und wir schulfrei gehabt hatten. Normalerweise hätte ich mich darüber gefreut, einen Tag ohne Hänseleien geschenkt zu bekommen, doch dieses Mal hatte ich es vor lauter Unruhe nicht einmal geschafft, mich auf meine Sterne zu konzentrieren.

Ich musste dringend Maks sehen und ihm zeigen, was ich zu Hause gefunden hatte! Es hatte mich fast verrückt gemacht, ihn nicht erreichen zu können, und heute, an diesem von Gemeinheiten gespickten Montag, brauchte ich ihn dringender denn je – nicht nur als Gesprächspartner, sondern auch als Schutzschild. Die anderen hatten unseren Deal offensichtlich spitzbekommen, woher auch immer – es war durchgesickert, dass wir einen Freundschafts-Vertrag miteinander abgeschlossen hatten, und diese Tatsache hatte mir etliche blöde Sprüche und einen neuen, wenn auch harmlosen Spitznamen beschert: Shelly, frei nach Sheldon Cooper aus Bing Bang Theory. Okay, auch er hatte einen großen Kopf, ein gutes Gedächtnis und liebte Verträge. Aber der Vertrag war Maks’ Idee gewesen, nicht meine!

Meine Anrufe bei Maks waren allesamt von seiner Mutter abgewimmelt worden; Maks sei zu angeschlagen, um zu telefonieren, und bräuchte dringend Ruhe. Kein einziges Mal hatte ich ihn direkt sprechen können; auch wollte sie mir nicht verraten, warum er plötzlich so viel Ruhe brauchte, dass er nicht einmal mit einer Klassenkameradin reden konnte. Doch jetzt war er wieder da, ich konnte ihn sehen, auch wenn dies im Krankenzimmer des Hausmeisters geschehen musste. Rollo hatte ihm nach der Pause von hinten auf die Hacken getreten, worauf Maks das Gleichgewicht verloren hatte und die halbe Treppe heruntergekullert war. Ich hatte die Szene nur von weit oben beobachten können und ohne Maks helfen zu können. Jedoch hatte er sich am Fuße der Treppe erstaunlich geschmeidig aufgerichtet und mit wildem Blick um sich geschaut, die Haare gesträubt und frisches Blut an seiner Schläfe, bis ein Lehrer sich ihn geschnappt, Rollo angebrüllt und Maks dem Hausmeister übergeben hatte.

Bei ihm war Maks gut aufgehoben. Herr Maziere war alles andere als ein typischer Hausmeister. Als ehemaliger Arzthelfer war er ein Naturtalent darin, verletzte Schüler zu versorgen. Seine Reparaturarbeiten im Schulhaus hingegen fielen meist katastrophal aus und in seinem Pausenkiosk verlor er regelmäßig den Überblick, aber seitdem er den Hausmeisterposten übernommen hatte, gab es in Grippezeiten vor den Klassenzimmern kostenlose Spender mit Desinfektionstüchern und die Flure waren mit Körben voller Gratis-Hustenbonbons und -Taschentücher bestückt. In seinem Raum brannte eine Himalaya-Salz-Lampe, es lief entspannende Musik und an den Wänden hingen Poster mit Anatomie-Abbildungen und lächelnden Buddhas. Das Hausmeisterzimmer war ein guter Ort, um Maks wiederzusehen – ungestört und in Sicherheit. Für Herrn Maziere waren alle Schüler gleich, ganz egal, welch absonderliche Hobbys sie pflegten oder ob sie von den anderen gemocht oder gemobbt wurden.

»Ah, Joss, gut, dass du da bist«, begrüßte er mich in seinem gewohnt weichen Singsang, der heute allerdings ein wenig gehetzt klang, und winkte mich mit beiden Armen in sein Zimmer. »Ich muss gleich weiter, zum Kiosk. Maksymilians Mutter wird in spätestens zehn Minuten hier sein, es geht ihm so weit gut und seine Wunde ist gereinigt und versorgt, aber könntest du bei ihm bleiben, bis sie da ist?«

»Ja, klar!«, erwiderte ich eifrig. Die Dinge fügten sich gerade ganz wunderbar – und zehn Minuten in völliger Ruhe waren besser als eine halbe Stunde in der überfüllten Mensa. »Mache ich gerne.«

»Prima, danke dir, Schätzchen.« Herr Maziere sagte zu sämtlichen Schülern Schätzchen, selbst zu den Jungs aus der Oberstufe. Umso besser, dass er nicht da sein würde, wenn Maks’ Mutter kam, denn sie hatte im vergangenen Jahr einen Antrag gestellt, ihn zu entlassen, da eine solche Anrede Schülern gegenüber unpassend und anzüglich sei. Erst als die Schulleitung ihr klarmachte, dass man für einen allergiegeplagten Jungen wie Maks keinen besseren Hausmeister als ihn finden könne und er ihm schon einige Male Erste Hilfe geleistet hatte, hatte sie ihren Antrag fallen lassen. »Maks, Joss ist da!«, rief Herr Maziere in seinen Raum hinein, nickte mir dankend zu und trabte mit wehendem Weißkittel davon (gegen die übliche graue Hausmeisterjacke hatte er sich vom ersten Tag an erfolgreich gewehrt).

»Hey«, begrüßte ich Maks leise. Im Zimmer von Herrn Maziere war es angenehm warm. Ein neuer Zimmerbrunnen in Form eines kleinen asiatischen Tempels plätscherte beruhigend vor sich hin und es duftete nach frisch gebrühtem Tee, was mich sofort ruhiger atmen ließ. Maks lag mit dem Rücken zu mir auf der Pritsche, sorgsam mit einer weichen grasgrünen Fleecedecke umhüllt, doch unter ihr wackelte sein linker Fuß nervös vor sich hin. Überhaupt wirkte Maks für einen Menschen, der gerade die halbe Treppe hinuntergestürzt und dabei auf den Kopf gefallen war, seltsam aufgepeitscht – und größer als sonst; etwas, was mir schon vorhin aufgefallen war und ich mir nicht logisch erklären konnte. »Wie schlimm ist es?«

Vorsichtig trat ich an die Liege heran und inspizierte seine Schläfe. Das Blut fing zu trocknen an und Herr Maziere hatte nicht einmal ein Pflaster darauf geklebt – doch die Schläfe war eine schmerzempfindliche Region und schwoll bereits pochend an.

»Nicht schlimm«, nuschelte Maks, und ich fuhr verwundert zusammen.

»Wiederhole das«, forderte ich ihn argwöhnisch auf. »Aber bitte lauter und deutlicher!«

»Nichschlimm.« Jetzt sprach er noch schwammiger, doch ich hatte mich nicht geirrt – Maks’ Stimme war mindestens um eine Oktave tiefer geworden und hatte einen völlig anderen Klang bekommen. Weniger knarzend, dafür aber leicht sandig und trotzdem voll.

»Heiliger Bimbam. Hast du deshalb nicht mit mir telefonieren können? Weil du in den Stimmbruch gekommen bist?« Das war ja ein Ding.

»Hmgrmpftsssbll.«

»Hat es dir bei deinem Sturz die Sprache verschlagen? Maks, bitte, dreh dich um und sprich mit mir. Hier hört uns doch sonst keiner.«