Mein Mann, mein Haus und andere Katastrophen - Stefanie Diegelmann - E-Book

Mein Mann, mein Haus und andere Katastrophen E-Book

Stefanie Diegelmann

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7,99 €

Beschreibung

Als eines Tages wieder einmal eine satte Mieterhöhung ansteht, haben Stefanie und Martin die Nase voll. Sie beschließen, ein Eigenheim zu suchen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn wie soll man eine geeignete Immobilie finden, wenn die jeweiligen Traumhäuser auf verschiedenen Planeten stehen? Stefanie sieht sich schon im märchenhaft verwilderten Garten ihres efeuberankten Häuschens umherwandeln, Martin hingegen betrachtet die Sache zweckmäßiger: Garagenstellplätze, Fußbodenheizung, Glasfasernetz im bezahlbaren Neubau sind die wesentlichen Merkmale seines Wunschhauses. Beim Eintreten in die fabelhafte Welt des Immobilienmarktes stellen sie allerdings bald fest, dass die Einigung auf eine bestimmte Wohnform noch das kleinste Problem ist – ein Jahr der abenteuerlichen Suche, der skurrilen Begegnungen, der Beziehungskrisen und wahnwitzigen Traumhaus-Angebote beginnt ...

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Seitenzahl: 268

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Als eines Tages wieder einmal eine satte Mieterhöhung ansteht, haben Stefanie und Martin die Nase voll. Sie beschließen, ein Eigenheim zu suchen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn wie soll man eine geeignete Immobilie finden, wenn die jeweiligen Traumhäuser auf verschiedenen Planeten stehen? Stefanie sieht sich schon im märchenhaft verwilderten Garten ihres efeuberankten Häuschens umherwandeln, Martin hingegen betrachtet die Sache zweckmäßiger: Garagenstellplätze, Fußbodenheizung, Glasfasernetz im bezahlbaren Neubau sind die wesentlichen Merkmale seines Wunschhauses. Beim Eintreten in die fabelhafte Welt des Immobilienmarktes stellen sie allerdings bald fest, dass die Einigung auf eine bestimmte Wohnform noch das kleinste Problem ist – ein Jahr der abenteuerlichen Suche, der skurrilen Begegnungen, der Beziehungskrisen und wahnwitzigen Traumhausangebote beginnt …    Stefanie Diegelmann wurde 1971 in Frankfurt geboren. Nach dem Abitur studierte sie in den USA

Stefanie Diegelmann

Mein Mann, mein Haus

Originalausgabe

eBook 2014

© 2014 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Covermotive:

Mann und Frau: © CSA Images/Color Printstock Collection/Getty Images

Baum: © Mark Airs/Getty Images

Haus: © Dave Stevens/Getty Images

Papierhintergrund: © tuja66 – Fotolia.com

Satz: Fagott, Ffm

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8792-7

www.dumont-buchverlag.de

Eins

Kennen Sie das, wenn Ihre beste Freundin anruft und Ihnen erzählt, sie hätte gerade ein WAAAHNSINNS-Teil von Chloé zum absoluten Schnäppchenpreis bei net-a-porter geshoppt? Nur noch einmal da und genau in ihrer Größe. Nicht, dass Sie neidisch sind. Schließlich ist es ja Ihre beste Freundin, aber Sie merken, dass Sie sich innerlich automatisch fragen: Warum habe ich eigentlich nie dieses Glück? Wenn ich bei net-a-porter reinschaue, finde ich nur quietschgelbe Kleider in Größe XL und aufwärts oder die Traum-Handtasche mit dem Hinweis »sold out«. Genau so ist das bei der Suche nach einer eigenen Wohnung. Entweder sie ist zu teuer, liegt an einer Hauptverkehrsstraße oder jemand anderes war schneller.

Überhaupt scheint es ja immer wieder Menschen zu geben, die alles richtig machen im Leben. Die das Richtige studieren, den richtigen Job finden, den Traummann noch dazu und dann auch noch im richtigen Moment ihre Kinder bekommen. Menschen, die immer einen Parkplatz genau vor ihrem Haus finden – während ich fünf Mal um den Block fahren muss. Meine Freundin Anna ist so ein Mensch mit eingebauter Glücksgarantie. Das fing schon in der Schule an, wo sie nicht nur Klassenbeste, sondern auch noch der Schwarm aller Jungs war. Und es setzte sich an der Uni fort. Während ich mich jahrelang mühsam durch Vorlesungen quälte, schloss Anna ihr Jurastudium in nur sieben Semestern ab und schaffte es nebenher auch noch, Studenten-Europameisterin in Badminton zu werden. Danach ging sie für zwei Jahre in die USA und kam nicht nur mit ihrem MBA, sondern gleich noch mit dem Erben einer jahrhundertealten Stahldynastie zurück. Der natürlich nicht nur reich, klug, charmant und gut aussehend war, sondern sie dazu noch vergötterte. Sie heiratete, bekam zwei süße blond gelockte Kinder und lebt jetzt mit ihrer Familie in einer Penthouse-Wohnung mit Blick über München. Nein, ich rede nicht von einer neuen Vorabendserie, sondern von Anna und Tom, bei denen wir heute Abend zum Essen eingeladen sind. Genauer gesagt: zu Annas siebenunddreißigstem Geburtstag. Einem gesetzten Essen mit zwei weiteren befreundeten Paaren – ja, so ist das, wenn man auf die vierzig zugeht. Man wird nicht nur zum Essen gesetzt. Man wird auch insgesamt gesetzter. Was sich auch äußerlich zeigt. Es ist, als hätte sich mein Stoffwechsel an meinem fünfunddreißigsten Geburtstag komplett aus meinem Körper verabschiedet, um ordentlich Platz zu schaffen für die kleinen Fettdepots, die seitdem bei mir eingezogen sind. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Mensch ab dreißig pro Lebensjahrzehnt circa drei Kilo Muskelmasse verliert und in Fett umsetzt. Ich bin jetzt achtunddreißig. Das Rechenexempel erspare ich Ihnen lieber. Aber nicht nur mein Stoffwechsel hat sich in den letzten Jahren verändert. Neu für mich ist auch der Wunsch nach mehr Beständigkeit. Und damit meine ich nicht die Sonntagabende, an denen ich mit meinem Mann regelmäßig »Tatort« sehe. Nein, es ist eher der Wunsch nach Stabilität. Nach den eigenen vier Wänden. Ja, ja, ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken. Nestbau mit Ende dreißig? Reichlich spät, oder? Schließlich haben die meisten in diesem Alter ihre Immobilie nicht nur schon abbezahlt, sondern überlegen schon wieder, ob sie ihr Haus nicht verkaufen und mit dem Geld lieber eine Tauchschule in Thailand eröffnen sollen. Aber ich war mit den wichtigen Entscheidungen im Leben eben immer schon etwas später dran als alle anderen. Das fing schon bei meiner Geburt an, bei der ich mir zwei Wochen länger Zeit ließ als geplant. Und es setzte sich in meiner Pubertät fort. Während alle anderen auf dem Schulhof schon mit Jungs knutschten, spielte ich noch mit meiner Freundin Gummitwist. Und auch im Erwachsenenleben lief ich der Zeit immer noch weiter hinterher. Meinen ersten Freund hatte ich mit achtzehn, den ersten festen Job mit neunundzwanzig und meinen Mann Martin fand ich erst mit dreiunddreißig. In einem Alter also, als sich alle anderen schon wieder scheiden ließen. Aber da unsere Lebenserwartung ständig steigt und wir alle uralt werden, kann man heutzutage seine Lebensplanung ja ruhig etwas gelassener angehen. Und damit auch die Suche nach einem eigenen Zuhause. Dazu kommt, dass uns das Wort »Immobilie« auch immer etwas abgeschreckt hat. Schließlich ist darin ja schon enthalten, dass wir bei einer eigenen Wohnung künftig auf Mobilität verzichten müssten. »Immobil« werden. Ich meine, wie sich das schon anhört. IM-MO-BIL. Unbeweglich. Nein, wir kommen zwar langsam in das Alter, wo einem schon mal die Bandscheibe wehtut, wenn man länger als zehn Minuten im Schneidersitz auf dem Boden sitzt, aber unbeweglich, das sind wir noch lange nicht.

Und trotzdem merken wir, dass wir uns immer häufiger die Frage stellen, ob unser Freiheitsgefühl so viel wert ist, dass wir dafür die schleichende Kapitalvernichtung in Kauf nehmen. Schließlich ist das Geld, das wir an jedem Ersten des Monats überweisen, für alle Zeiten durch den Kamin geblasen, den wir noch nicht mal haben.

Dass mein schlechtes Bauchgefühl beim Überweisen der hohen Miete immer mehr zunahm, ignorierte ich erfolgreich. Genauso wie meine Kopfschmerzen beim Zahlen der Nebenkosten, die sich im Laufe der letzten Jahre verdoppelt haben. Und ich hätte sie wahrscheinlich auch weiterhin ignoriert, wenn wir nicht vor zwei Wochen einen Brief unseres Vermieters über eine Mieterhöhung erhalten hätten. Ich meine, eine Mieterhöhung an sich ist ja nichts Außergewöhnliches – wenn wir nicht schon eine im letzten Jahr, im Jahr davor und im Jahr davor bekommen hätten. Drei Mieterhöhungen in drei Jahren! Da ist selbst Martin der Kragen geplatzt. Und das will schon was heißen. Denn mein Mann ist ansonsten ein sehr gelassener Mensch. Einer von der Sorte, die auch bei einer zweistündigen Verspätung des Flugzeugs immer noch gemütlich in der Zeitung blättert, während ich schon mit hektischen Flecken im Gesicht mit dem Bodenpersonal Schadensersatzansprüche aushandele.

Aber ich bin vom Thema abgekommen. Wir feiern Annas Geburtstag, und zwar, wie es sich in unserem Alter gehört, mit einem Gläschen eisgekühltem Rosé Champagner. Dazu ein bisschen Small Talk zum Warmwerden, garniert mit Fingerfood und begleitet von leiser Lounge-Musik im Hintergrund.

Ich muss gestehen, dass ich solche Abende immer etwas mühsam finde. Nicht nur, dass ich mir vorher stundenlang überlegen muss, was ich anziehe, denn schließlich will ich neben Anna in ihrem neuen Chloé-Kleid nicht so aussehen, als wäre ich die arme Cousine aus Europa. Nein, es erfordert auch höchste Konzentration, mehrere Stunden lang so intellektuell, charmant und witzig wie möglich eine Konversation mit zwei Paaren zu führen, die man nur alle zwölf Monate zum gemeinsamen Geburtstagfeiern trifft. Das klingt dann ungefähr so:

»Und? Wie geht es eurer kleinen Cayenne Sahara?«, frage ich Isabell, eine Freundin von Anna, die sie vor zwei Jahren im Pilateskurs kennengelernt hat.

»Cheyenne Savannah«, antwortet Isabell und lächelt gequält.

»Oh, Verzeihung. Natürlich.« Ich beiße mir auf die Lippe. Aber meine Güte, wie kann man sein Kind bloß so nennen? Ich meine, nur weil sich Isabell vor Urzeiten in Uwe Ochsenknecht verknallt hat, muss sie ihrem Kind ja nicht unbedingt gleich den Namen seiner Tochter geben.

Es folgt betretene Stille, in der wir alle an unseren Getränken nippen und krampfhaft überlegen, ob wir lieber über das Wetter, die neue Kollektion von Victoria Beckham oder die politische Situation in Nahost reden sollen.

»Und? Wie gefällt euch eure neue Wohnung?« Isabell befreit uns aus unseren Überlegungen.

Wohnung? Welche neue Wohnung?

Nach meinem Fauxpas bin ich mir nicht ganz sicher, ob das Ganze nicht vielleicht eine Fangfrage ist. Ich meine, schließlich haben wir noch gar keine neue Wohnung. Und woher in aller Welt will sie wissen, dass Martin und ich uns erst vor zwei Wochen dazu entschieden haben, eine eigene Wohnung zu suchen? Für uns ist der Gedanke ja auch noch ganz neu. Aber nachdem wir hochgerechnet haben, dass wir für unseren Mietpreis genauso gut eine Eigentumswohnung abzahlen können, steht unsere Entscheidung fest. Bevor wir die vierte Mieterhöhung bekommen, suchen wir uns lieber was Eigenes.

»Äh, wie meinst du das jetzt genau?« Ich bin unsicher.

»Na diese Wahnsinns-Gartenwohnung. Die mit dem beleuchteten Jacuzzi. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, seid ihr doch gerade umgezogen.« Isabell blickt uns fragend aus ihren großen Smokey-Eye-geschminkten Augen an.

»Entschuldige, aber die mit der Gartenwohnung, das waren wir«, mischt Jil sich ein – Zahnärztin und auch eine Freundin von Anna. Die beiden haben sich über ihre Kinder kennengelernt. Mit ihren schwarzen Haaren, ihrem gigantischen Mund und den gebleachten Strahleweißzähnen erinnert sie mich immer etwas an Anne Hathaway.

»Oh.« Isabell nippt verlegen an ihrem Champagner. »Na ja, ist ja schon eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben.« Sie kichert nervös. »Da kann man schon mal durcheinanderkommen.«

»Wir haben letztes Jahr die Gartenwohnung gekauft. Hatten wirklich Glück. Jetzt kann man die Preise in der Gegend ja nicht mehr bezahlen. Nicht wahr, Philli?«

Jil schaut zu ihrem Mann Philip, der mit seinen gelglatten Haaren und in seinem roten Kaschmirpullover wie der Zwillingsbruder von Karl-Theodor zu Guttenberg aussieht.

»Absolut. Schon über dreißig Prozent Preissteigerung. Und das in nur zwölf Monaten. Wo bekommt man heutzutage noch eine so gute Rendite?« Er nickt zufrieden und sein Blick erinnert mich an unseren Bankberater.

»Dreißig Prozent? Wirklich?« Martin ist beeindruckt.

»Ja, also die Wohnung, die wir vor zehn Jahren gekauft haben, haben wir auch schon fast abbezahlt. Schön blöd, wer heute noch Miete zahlt.« Isabells Mann nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Weinglas, so als wollte er sich selbst dafür belohnen, dass er so ein toller Typ ist.

Na großartig. Das hört man gerne. Gleich zwei Paare, die anscheinend wieder alles richtig machen im Leben. Ja, wo sind wir denn hier? Bei »DSDS«? »Deutschland sucht das Superpaar«?

Das sage ich natürlich nicht. Stattdessen:

»Ja, wir haben uns auch schon mehrere Eigentumswohnungen angeguckt.«

Bisher zwar nur im Internet, aber das muss ja keiner wissen. Schließlich wollen wir wenigstens nach außen hin den Eindruck erwecken, als würden wir alles richtig machen.

Verstohlen blicke ich zu Martin, der auch schon ganz nervös an seinem Weinglas dreht. Irgendwie wirkt er geschrumpft. Kleiner als sonst. So als wäre sämtliches Selbstbewusstsein aus seinem Körper gewichen. Ich kann mir schon denken, woher das kommt. Nach fünf Jahren Beziehung kennt man die Körpersprache seines Mannes. Solche Gespräche hier mag er gar nicht. Gespräche, die ihm das Gefühl geben, er hat etwas in seinem Leben nicht richtig gemacht. Martin ist Südtiroler. Die machen im Leben immer alles richtig.

»Also, Stefanie, ich verstehe dich nicht. Bei diesem Immobilien-Hype hier in München würde ich doch nichts mehr in der Stadt kaufen.« Anna kommt mit einer großen Schüssel aus der Küche. Es duftet nach Kräutern, frischem Salat und gebratenem Hühnchen.

»Warum sucht ihr euch nichts auf dem Land?« Sie stellt die Schüssel auf den Tisch, und wir setzen uns an den großen, alten Holztisch im Wohnzimmer.

Anna und Tom haben geschafft, was nicht viele Paare schaffen: ihre beiden komplett unterschiedlichen Einrichtungsstile harmonisch miteinander zu verbinden.

Das kuschelige weiße Sofa mit vielen Kissen steht neben einem knallrot lackierten Nierentisch. Die alte Biedermeier-Kommode neben einer Vintage-Stehlampe von Arne Jacobsen. Und der antike Schreibtisch neben einem Schalensessel auf zierlichen Metallbeinchen. Ralph Lauren style meets fifties. »Mad-Men«-Fan Tom hat seine Möbel aus den USA mitgebracht und ich bin sicher: Don Draper würde sich hier wohlfühlen.

»Also wirklich. Anna hat recht. Eine Wohnung in der Stadt ist doch mittlerweile unbezahlbar. Zumindest, wenn sie größer als fünf Quadratmeter sein und nicht gerade direkt neben der S-Bahn liegen soll. Und auf dem Land sind die Preise noch viel günstiger. Ihr werdet sehen. In ein paar Jahren kann man sich da draußen auch nichts mehr leisten.« Tom zieht den Korken aus der Flasche und gießt uns Weißwein in die Gläser ein.

»Aber dafür steckst du dann auch jeden Morgen im Stau, der von München bis nach Sizilien reicht«, antwortet Martin und blickt dabei konzentriert auf das Weinetikett, um den Jahrgang und die Herkunft zu entziffern.

Ich muss grinsen. Keine Weinflasche im Umkreis von zwei Kilometern, die von Martin nicht sofort inspiziert wird. Namen wie Brunello di Montalcino und Sassicaia haben dabei auf ihn die gleiche euphorisierende Wirkung wie auf mich Louboutin und Jimmy Choo – abgesehen davon, dass meine Schuhe länger halten.

»Stau? Ja, dachte ich auch immer.« Jil mischt sich ein. »Aber wir waren gerade bei Freunden auf dem Land. Die haben sich da ein kleines Kuschelhäuschen gekauft. Irgendwo bei Königsberg. Nicht weit von der Autobahn, aber trotzdem total ruhig. Wir haben höchstens eine halbe Stunde zurück in die Stadt gebraucht.«

»Ja, nachts um halb eins«, antwortet ihr Mann und nickt Martin dabei komplizenhaft zu.

»Königsberg! Ach, davon habe ich auch gelesen«, ruft Isabell begeistert.

»Da gibt’s doch auch dieses Wahnsinns-Schloss, das gerade erst von einem russischen Investor saniert worden ist.« Sie sticht mit ihrer Gabel in das Hühnchen auf ihrem Teller.

»Glaube, der hat das Schloss jetzt auch in Eigentumswohnungen umgewandelt«, nuschelt sie mit vollem Mund.

»Ein Schloss?« Neugierig blicke ich von meinem Teller auf.

Seit ich denken kann, wollte ich in einem Schloss wohnen. Ich meine, sind wir doch mal ganz ehrlich. Wer wollte als Mädchen nicht Prinzessin sein? Ein bisschen Lady Di spielen? Und selbst heute, mit achtunddreißig, gehört der Film »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« für mich genauso zu Weihnachten dazu wie Tante Trudis Christstollen.

Mit meinem Fuß stoße ich Martin unter dem Tisch an. Dieses Schloss, das müssen wir uns unbedingt ansehen. Keine Reaktion. Ich seufze. Das ist wieder typisch für Martin. Unterhält sich angeregt mit Miss Smokey Eyes und versäumt dabei die wichtigsten Sachen. Ich versuch’s noch mal und zwinkere ihm dabei auffällig zu, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Nichts. Stattdessen grinst mich Jils Mann an, der bisher den ganzen Abend nicht mehr als fünf Worte gesagt hat und wie eine Wachsfigur aus Madame Tussauds dasaß.

Warum grinst der denn so? Oh Gott, der glaubt doch nicht etwa, dass ich … Nein. Was bildet der sich eigentlich ein?

Ich merke, wie mir plötzlich heiß wird. Kein Wunder, dass Martin nicht reagiert hat. Das war Philips Fuß! Herrje, wie peinlich.

Schnell blicke ich weg und tue so, als wäre nichts. Verlegen schaue ich zu Jil, die meinen Blick sofort als Aufforderung versteht, mit mir ein Gespräch über die Vorzüge ihrer neuesten Power-Bleaching-Methode anzufangen.

Den Rest des Abends verbringe ich schweigsam. Und bin froh, als sich kurz nach 23Uhr alle verabschieden, um entweder ihren Baby- oder ihren Hundesitter abzulösen. Wir schlüpfen in unsere Mäntel und verlassen die Wohnung. Nicht ohne dass mir Philip noch ein letztes Mal breit grinsend zuzwinkert. Zum Glück sehen wir uns alle wohl erst in einem Jahr wieder. Und dann werden wir es sein, die von ihrer WAHNSINNNS-Eigentumswohnung erzählen. Genau! Ich beschließe, dass wir spätestens zu Annas achtunddreißigstem Geburtstag unsere Traumwohnung gefunden haben werden. Ein Jahr Zeit, endlich mal alles richtig zu machen in unserem Leben.

Zwei

Zwei Tage später sitzen wir im Auto. Unser Ziel: »Schloss Königsberg«.

Ich muss grinsen. Keine schlechte Adresse.

»Und wo wohnen Sie?«

»Auf Schloss Königsberg.«

Hört sich das nicht großartig an? Ich habe mal gelesen, dass Banken ihre Kredite nach Wohnorten vergeben. »Scoring« nennt man das. Je besser die Adresse, desto höher der Kredit. Ich sehe unseren Bankberater schon vor mir:

»Ach, Frau Diegelmann, Sie wohnen jetzt auf Schloss Königsberg? Ihre Finanzierung? Kein Problem. Warum Eigenkapital verschenken? Nehmen Sie doch lieber einen höheren Kredit.«

Ja, so einfach ist das. Die richtige Adresse und schon steigt die Bonität. Wie beim »Monopoly«. Gehört dir die Schlossallee, hast du das Spiel so gut wie gewonnen.

Ehrlich gesagt bin ich sehr gespannt, was uns da draußen erwartet. Im Internet hatten wir das Schloss tatsächlich gefunden. Mit seinen Türmchen und Erkern sah es auf dem Foto wie die deutsche Miniaturausgabe von Downton Abbey aus. Und wirklich, Isabell hatte recht. Auf der Website wurden verschiedene Eigentumswohnungen angeboten. Die Preise? Im Vergleich zu München ein Witz. Eine etwa hundert Quadratmeter große Wohnung würde ungefähr genauso viel kosten wie ein Zweizimmer-Appartement in München Bogenhausen. Und für die 480.000Euro bekämen wir sogar noch einen Pool, einen Fitnessraum und einen Garten, den alle nutzen können, dazu. Per Mail hatten wir uns für heute Nachmittag mit einer Frau Berger verabredet. »Real Estate Sales Agent« stand in ihrer Signatur. Als wäre »Immobilienverkäuferin« allein für ein Schloss nicht standesgemäß genug.

Martin fährt und wir kommen ziemlich gut voran – bis zur dritten Autobahnauffahrt. Danach stehen wir im Stau. Es ist, als hätte sich tout München verabredet, heute Nachmittag Landluft zu schnuppern. Ich atme tief durch und versuche, mir meine gute Laune nicht wegen ein paar wartenden Autos verhageln zu lassen. Schließlich habe ich mich seit Tagen auf diesen Termin gefreut. Ob das Schloss wirklich so märchenhaft aussieht wie im Internet?

Meine Gedanken werden von Martin unterbrochen:

»Wenn das jeden Tag so chaotisch ist, dann siehst du mich nicht oft da draußen. Dann such ich mir in der Stadt gleich mal ein WG-Zimmer.«

Ich schlucke. Wir sind noch nicht mal aus der Stadt raus und schon schlafen wir getrennt. So habe ich mir das nicht vorgestellt.

»Ich habe ja gleich gesagt, lass uns lieber Landstraße fahren«, antworte ich leicht gereizt.

»Nein, da verlieren wir zu viel Zeit. Da sind die ganzen Traktoren unterwegs und das dauert noch länger.«

Herrje, jedes Mal die gleiche Diskussion. Wenn es nach Martin ginge, würden wir uns selbst bei einer Totalsperrung der Autobahn keinen Millimeter von der Straße wegbewegen. Auch wenn das im schlimmsten Fall bedeuten würde, im Auto übernachten zu müssen. Ich dagegen bin schon auf der Landstraße, wenn in den Verkehrsnachrichten »abschnittsweise dichter Verkehr« gemeldet wird. Warum im Stau stehen, wenn ich ihn umfahren kann? Wofür sind Navigationsgeräte erfunden worden?

Eine Weile sagen wir nichts. Bewegen uns nur im Zeitlupentempo vorwärts und starren auf den Wagen vor uns, aus dem laut »You’re my heart, you’re my soul« von Modern Talking dröhnt.

»Verdammter Stau.« Martin schnauft und trommelt mit seinen Fingern aufs Lenkrad. »Den ganzen Sonntag machen wir uns damit kaputt. Und überhaupt … ich habe das Ganze gestern noch mal durchgerechnet. Diese Fahrerei da raus aufs Land. Bei den hohen Benzinpreisen sind das jeden Monat ein paar Hundert Euro on top für uns. Vom Fahrzeugverschleiß ganz abgesehen …«

»Ach ja. Und warum fahren wir dann überhaupt raus?«, unterbreche ich ihn.

Martin hat wirklich das seltene Talent, Dinge im Vorfeld schlechtzureden und mir damit die Laune zu verderben.

»Na ja, wir sehen uns den alten Kasten jetzt mal an. War ja immer dein Traum, so ein Schloss.«

»Alter Kasten? Das heißt, du fährst also nur mit mir raus, weil es MEIN Traum ist und nicht auch deiner? Und ich muss mir dann später immer anhören, dass DU ja eigentlich gar nicht aufs Land ziehen wolltest?«

Ich merke, wie mein Gesicht rote Flecken kriegt. Das habe ich von meiner Mutter. Sobald ich mich aufrege, sehe ich aus wie ein Feuermelder.

»Na ja, ich bin eben nicht so ein Tweedsakko-und-Gummistiefel-Typ, der ständig auf irgendeinem Gaul durch die Gegend reitet. Ich habe mich eher immer in einer Penthouse-Wohnung in der Stadt gesehen.«

»DU hast dich da gesehen. Wie schön für dich. Und darf ich fragen, wo ICH in deinen Vorstellungen vorgekommen bin?«, erwidere ich.

Langsam kriege ich wirklich schlechte Laune. Da wohnen wir schon seit Jahren in einer Altbauwohnung und ich erfahre erst heute, dass Martin eher auf moderne Penthouse-Wohnungen steht. Wer weiß, welche heimlichen Vorlieben mein Mann sonst noch so hat, von denen ich bisher nichts wusste?

Ich will gerade zum nächsten Gegenangriff ansetzen, da bewegt sich der Modern-Talking-Wagen vor uns und wird wieder schneller.

Na endlich. Ich atme erleichtert auf und Martin gibt Vollgas, als wollte er die Verzögerung durch den Stau wieder aufholen.

Eine halbe Stunde später erreichen wir Königsberg. Das Schloss ist nicht zu übersehen. Majestätisch thront es auf einem kleinen Berg. Wir fahren die lange Kiesauffahrt hoch und parken unseren Mini vor dem Schloss. Vor der meterhohen efeubewachsenen Fassade wirkt er so winzig wie ein Playmobil-Auto. Während wir auf die große, alte Eisentür zulaufen, fühle ich mich wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film. Ich würde mich nicht wundern, wenn gleich der Butler erscheinen und fragen würde, wen er melden dürfte. Stattdessen kommt eine kleine, zierliche, etwa dreißigjährige Frau mit braunen Haaren und Perlenkette auf uns zugelaufen.

»Willkommen auf Schloss Königsberg!« Sie schüttelt unsere Hand. »Haben Sie gut hergefunden?«

Als ich mich frage, ob wir hier wirklich richtig sind und nicht gerade aus Versehen in einem Fünf-Sterne-Luxushotel einchecken, zieht Frau Berger eine riesige Präsentationsmappe mit einem goldenen Wappen aus ihrer Handtasche.

»Ich gebe Ihnen schon mal unser ausführliches Exposé mit Fotos, Lageplan und Grundriss.« Sie lächelt uns an. »Damit Sie sich auf unserem Anwesen besser zurechtfinden«, fügt sie hinzu.

»Anwesen.« Wow, wie das schon klingt!

Wir folgen ihr durch einen breiten Flur ins Innere des Schlosses und sehen uns dabei neugierig um. Meine Güte, hier haben ja schon die Gänge die Größe einer mittleren Eigentumswohnung.

Mit dem Aufzug fahren wir in das oberste Stockwerk.

»Bitte hier entlang.« Frau Berger öffnet eine schwere, holzgetäfelte Tür und wir betreten einen lang gestreckten Flur mit hellbraunem Parkettboden. Es riecht nach Davidoff Cool Water, Zigarren und … nach Hund!

»Darf ich vorstellen? Sir Henry.«

Eine große schwarze Dogge kommt auf uns zugelaufen. Neugierig schnuppert sie an uns, um sich dann von Frau Berger streicheln zu lassen.

»Ich hoffe, Sie haben nichts gegen Hunde.« Sie lacht. »Der Besitzer der Wohnung, ein älterer Herr, ist gerade beim Arzt. Da passt Sir Henry immer auf die Wohnung auf.« Sie tätschelt Sir Henrys riesigen Kopf.

»Kommen Sie. Ich zeige Ihnen als Erstes den Salon.« Wir folgen ihr durch den langen Flur in einen großen Raum, der mit englischen Antiquitäten, verschiedenen Skulpturen und Bücherregalen vollgestellt ist. An den wenigen freien Flächen an der Wand hängen große Gemälde mit blassen Gesichtern in Goldrahmen. Anscheinend die Ahnengalerie des Besitzers. Die Strahlen der Nachmittagssonne fallen durch die großen Fenster und tauchen den ganzen Raum in ein warmes, gelbes Licht. Außer dem leisen Ticken einer Standuhr ist nichts zu hören. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Martin und ich, wir sagen erst mal nichts. Stehen da und schauen nur. Mit einem Gefühl im Bauch, als würden wir irgendwas Verbotenes tun. Wie früher, wenn ich manchmal heimlich ins Schlafzimmer meiner Eltern gegangen bin, um in den High Heels meiner Mutter vor dem großen Spiegel Cindy Crawford zu spielen und von einer Karriere als Supermodel zu träumen.

Wobei ich ehrlich zugeben muss: Ich LIEBE fremde Wohnungen! Und noch mehr liebe ich es, mir Geschichten dazu einfallen zu lassen. Da drüben der aufgeschlagene Spiegel zum Beispiel. Mit der angebrochenen Tafel Schokolade daneben, zartbitter mit siebzig Prozent Kakaoanteil. Oder der Aschenbecher mit der Aufschrift »Hotel Post Lech« auf dem Tisch neben dem Ledersessel, in dem eine halb angerauchte Zigarre liegt. Ich merke, wie meine Augen innerhalb von Sekunden den Raum scannen und jedes noch so winzige Detail wahrnehmen. Das Foto in dem kleinen Silberrahmen, auf dem eine Frau mit einem kleinen Jungen im Arm in die Kamera lacht. Wahrscheinlich seine Frau und sein Sohn. Der Farrah-Fawcett-Frisur nach muss das Foto irgendwann in den Siebzigern aufgenommen worden sein. Und da drüben neben der Musikanlage, die damals noch »HiFi-Turm« hieß, die Tannhäuser-CD von Wagner.

Und schon beginnt mein Kopfkino. Ja, ich sehe ihn genau vor mir, den Wohnungsbesitzer. Wie er abends bei Wagner-Musik mit der Zigarre in der Hand im Sessel sitzt und den Spiegel liest. Typ englischer Landlord mit roter Cordhose, handgenähten Schuhen und seinem maßgeschneiderten Streifenhemd, das an den Manschetten ein Monogramm eingestickt hat und schon ein bisschen abgenutzt ist. Mit besonderer Vorliebe für Antiquitäten, Kunst und klassische Herrenparfums. Aus alteingesessener Familie mit langem Stammbaum. Politisch interessiert, mit leichter Linksprägung. Der immer noch gerne Ski fährt. Am liebsten in Lech, wo er auch schon früher mit seiner Frau und seinem Sohn die Skiferien verbrachte und wohin ihn jetzt nur noch Sir Henry begleitet, weil seine Frau schon seit Jahren von ihm geschieden ist und sein Sohn mittlerweile lieber mit seiner eigenen Familie in die Karibik fliegt. In meinem Kopf läuft der komplette Film ab.

Aber wo ist eigentlich Martin? Ich drehe mich um und will gerade in den nächsten Raum gehen, da sehe ich ihn. Nein. Nicht Martin. Sondern einen gigantischen Marmorkamin. So groß, dass man ein Wildschwein darin braten könnte. Auch noch aus diesem schönen dunkelbraunen Marmor und nicht diesem hässlichen hellgrauen, der immer ein wenig kühl wirkt.

In diesem Moment spüre ich: Diese Wohnung gehört zu mir!

Ich kann Ihnen das gar nicht genau erklären. Aber seitdem ich denken kann, wünsche ich mir einen Kamin. Keine Ahnung, woher diese Sehnsucht nach einem prasselnden Kaminfeuer kommt. Muss irgendwas Archaisches sein. Schon als Kind faszinierte mich jedes Lagerfeuer. Und spätestens seit dem Film »Out of Africa«, in dem Meryl Streep vor dem offenen Kamin Robert Redford Geschichten erzählt und sie sich unsterblich ineinander verlieben, war für mich klar: Wenn schon keine Farm in Afrika, dann wenigstens ein offener Kamin.

»Frau Diegelmann?« Die Stimme der Maklerin bringt mich zurück in die Realität.

Sie steht mit Martin an einem der Fenster im Nebenzimmer, einem runden Raum, der direkt vom Wohnzimmer abgeht. Anscheinend einer der Türme des Schlosses.

»Sehen Sie sich diesen fantastischen Ausblick an.« Theatralisch deutet sie aufs Fenster und ich denke: Wahnsinn! Die Alpen! Von hier kann man ja bis zur Zugspitze sehen!

Frau Berger sieht uns erwartungsvoll an. Wahrscheinlich ist sie es schon gewohnt, dass alle Interessenten bei diesem Ausblick in Begeisterungsschreie ausbrechen.

Aber den Gefallen tun wir ihr nicht. Schließlich wollen wir die Wohnung, falls wir sie nehmen, im Preis noch etwas runterhandeln. Und da wäre zu viel Begeisterung kontraproduktiv.

Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Wenn es ums Verhandeln geht, muss man einen kühlen Kopf bewahren. Egal, ob es sich dabei um eine Strand-Tunika auf dem Basar in Antalya oder einen gebrauchten Mini handelt.

»Schön«, sage ich und bemühe mich, dabei so gleichgültig wie möglich zu klingen. Und auch Martin nickt nur zustimmend.

Während wir uns den Rest der Wohnung ansehen, fotografiert Martin jeden Raum mit seinem iPhone. Gut so. Denn wir haben festgestellt, dass die Fotos im Internet die Wirklichkeit meistens ganz anders darstellen. Viele Makler fotografieren mit extremem Weitwinkel, was dazu führt, dass selbst das kleinste Zimmer wie die Produktionshalle für den Airbus 380 aussieht.

»Und die Wohnung ist schon absolut ruhig, oder?«, fragt Martin die Maklerin.

»Äh, was genau verstehen Sie unter ›ruhig‹?« Frau Berger sieht ihn an.

»Na ja, ruhig eben«, erwidert Martin leicht ungeduldig. »Kein Zug, der alle paar Stunden irgendwo hinterm Schloss versteckt vorbeifährt, kein Verkehrslärm, kein …«

»Wissen Sie, mein Mann ist extrem geräuschempfindlich«, unterbreche ich Martin und lächle sie entschuldigend an.

Ehrlich gesagt habe ich bis heute nicht so ganz verstanden, warum Martin so lärmempfindlich ist. Manchmal habe ich den Verdacht, er findet es einfach nur très chic zu erzählen, dass sein sensibles Musikergehör nicht für normale Alltagsgeräusche gemacht ist. Denn Musiker, genauer gesagt: Pianist, das wollte Martin immer werden. Stattdessen wurde er Journalist und finanzierte sich sein Studium als Barpianist. Es ist, als wäre in seinem Ohr ein spezieller Sensor eingebaut, der beim kleinsten Geräusch Alarm schlägt. Mit der Ausnahme meiner Stimmfrequenz. Da hört er immer nur, was er will. Auf alle Fälle wohnt Martin, seitdem er aus dem Haus seiner Eltern ausgezogen ist, prinzipiell nur in Dachwohnungen. Und das immerhin schon seit fünfundzwanzig Jahren. Allein bei dem Gedanken, dass jemand über ihm wohnen und ihm auf dem Kopf rumtrampeln könnte, wird er schon nervös.

»Sie sehen ja selbst, dass es hier absolut ruhig ist«, antwortet Frau Berger leicht pikiert. »Wir befinden uns hier in einer der exklusivsten Wohnanlagen Süddeutschlands. Hierher kommen die Leute, um sich zu erholen. Das Schloss besitzt einige Ferienwohnungen im Nebentrakt, die an Feriengäste vermietet werden.«

Sie macht eine kurze Pause. »Selbstverständlich nur an ein ganz ausgewähltes Publikum.«

»Selbstverständlich«, wiederhole ich und nicke verständnisvoll. Denn ich habe gelesen, dass man sich mit Maklern gut stellen muss. Sie alleine entscheiden, wer die Wohnung bekommt. Zumindest im Vorfeld. Es ist wie bei einem Spiel. Derjenige mit den meisten Sympathiepunkten gewinnt.

Ich beschließe, heute ganz viele Sympathiepunkte zu sammeln. Egal, ob Martin aufs Land ziehen will oder nicht. Irgendwie werde ich ihn schon überzeugen. Aber der Gedanke, für einen bezahlbaren Preis in einem Schloss auf dem Land statt in einer winzigen Schuhschachtel in der Stadt zu wohnen, ist einfach zu verführerisch. Vielleicht hat Anna ja recht. Vielleicht ist ein Leben auf dem Land unser zukünftiges Lebensmodell?

Mit dem Aufzug fahren wir in das Untergeschoss – und landen mitten im Spa- und Wellness-Paradies. Ein riesengroßer Swimmingpool, Sauna und ein XXL-Fitnessstudio mit Spinning Bike, Crosstrainer und Power Plate. Selbst Martin scheint sichtlich beeindruckt. So was hat er nicht erwartet.

»Deine Mitgliedschaft bei ›Body & Fun‹ kannst du gleich kündigen. Und dabei auch schon mal ausrechnen, wie viel du jeden Monat sparst, wenn du nicht mehr Mitglied im Fitnessclub bist.«

Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen. Hohe Benzinpreise! Das ist doch kein Grund, nicht aufs Land zu ziehen. Als hätte sich Martin jemals Gedanken über hohe Benzinpreise gemacht, wenn wir im Italienurlaub mal wieder kilometerlange Umwege zu irgendwelchen Weingütern gefahren sind. Das Schloss ist ein Traum. Und die Wohnung auch. Irgendwie muss ich es schaffen, ihn davon zu überzeugen, dass wir hierherziehen.

Wir folgen Frau Berger in den Garten. Efeu rankt sich an der Schlosswand hoch, ein Springbrunnen plätschert. Mit seinen hohen Mauern und den vielen Türmchen hat man wirklich das Gefühl, als wäre man mitten ins Märchenbuch gesprungen.

Was für eine andere Welt. Wenn man hier wohnt, kann man doch eigentlich keine Sorgen und Probleme mehr haben. Würde irgendwie nicht zum Ambiente passen. Und erinnert mich an einen Spruch meiner Großmutter: »Wenn das Auge Schönheit sieht, wird auch der Geist schön.«

Na, wenn das kein Grund ist, hierherzuziehen. Unglaublich, was ich an Gute-Laune-Schokoriegeln, Anti-Aging-Mitteln und Falten-Cremes sparen würde. Und das alles nur, weil ich nicht den ganzen Tag auf ein hässliches graues 50er-Jahre-Haus gegenüber blicken muss.

»Und das ist unsere private Schlosskapelle. Kommen Sie, ich zeige sie Ihnen.« Die Maklerin deutet auf eine winzige Kirche.

»Schlosskapelle?« Martin und ich gucken sie erstaunt an.

»Ja, das Schloss verfügt über eine Privatkapelle. Sie sind doch katholisch, oder?«

Katholisch? Ich? Hilfe! Ist das ein Auswahlkriterium für die Wohnung? Hilfesuchend blicke ich Martin an, der zum Glück bereits zustimmend genickt hat. Ich atme erleichtert auf. Es reicht ja, wenn einer von uns beiden katholisch ist.

Eine Stunde später, nachdem wir uns noch die Tiefgarage, den Keller und die Hauswirtschaftsräume angesehen haben, sitzen wir wieder im Auto. Mein Handy klingelt. Es ist Anna. Die Vorstellung, dass wir vielleicht bald in einem Schloss wohnen, hat sie seit unserem Besuch nicht mehr losgelassen.

»Erzähl. Wie war die Wohnung?«

»Unglaublich. Der WAHNSINN! Stell dir eine Kombination aus Buckingham Palace und Schloss Neuschwanstein vor und du hast eine ungefähre Vorstellung davon, wie es hier aussieht«, rufe ich ins Telefon. »Du würdest es lieben! Jetzt muss ich nur noch meinen Prinz Eisenherz hier überzeugen. Ich glaube, sein Herz braucht noch ein bisschen, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, in ein Schloss zu ziehen.«

Ich blicke zu Martin, der so tut, als hätte er nichts gehört.