Verlag: Mozaika LLC Kategorie: Erotika Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Mein Peiniger - Anna Zaires

Eine neue düstere Liebesgeschichte der NewYorkTimesBestsellerautorin Anna Zaires. Er kam mitten in der Nacht zu mir, ein grausamer, auf dunkle Art und Weise schöner Fremder aus den gefährlichsten Ecken Russlands. Er hat mich gepeinigt und gebrochen, meine Welt für seine Rache zerstört. Jetzt ist er zurück, aber er will nicht länger meine Geheimnisse. Der Mann, der meine Albträume beherrscht, will mich.

Meinungen über das E-Book Mein Peiniger - Anna Zaires

E-Book-Leseprobe Mein Peiniger - Anna Zaires

Mein Peiniger

Anna Zaires

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2017 Anna Zaires

https://www.annazaires.com/book-series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von MozaikaLLC.

www.mozaikallc.com

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover Design von Najla Qamber Designs

najlaqamberdesigns.com

e-ISBN: 978-1-63142-275-1

ISBN: 978-1-63142-276-8

Mein Peiniger

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil II

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Teil III

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Auszug aus Twist Me - Verschleppt

Auszug aus Gefangene des Krinar

Auszug aus Gefährliche Begegnungen

Auszug aus Die Gedankenleser

Über die Autorin

TeilI

1

Fünf Jahre zuvor im Nordkaukasus

Peter

»Papa!« Dem schrillen Aufschrei folgt das Geräusch kleiner Füße, als mein Sohn durch die Tür stürmt und seine dunklen, welligen Haare dabei um sein glühendes Gesicht fliegen.

Ich lache, als ich seinen kleinen, robusten Körper auffange, der auf mich zufliegt. »Hast du mich vermisst, Pupsik?«

»Ja!« Seine kurzen Arme umfassen meinen Hals, und ich atme tief ein, um seinen süßen, kindlichen Duft aufzusaugen. Auch wenn Pasha schon fast drei Jahre alt ist, riecht er immer noch nach Milch – nach gesundem Baby und Unschuld.

Ich drücke ihn fest an mich und spüre, wie die Eiseskälte in mir schmilzt, als sich eine weiche, strahlende Wärme in meiner Brust ausbreitet. Es ist schmerzhaft, so wie wenn man in heißes Wasser eintaucht, nachdem man gefroren hat, aber es ist ein guter Schmerz. Ich fühle mich dadurch lebendig, die Leere in mir wird gefüllt, bis ich fast glauben kann, dass ich vollständig bin und die Liebe meines Sohnes verdiene.

»Er hat dich vermisst«, sagt Tamila, als sie in den Flur kommt. Wie immer bewegt sie sich leise, fast lautlos, und hat ihre Augen auf den Boden gerichtet. Sie blickt mich nicht direkt an. Seit ihrer Kindheit ist sie dazu erzogen worden, Augenkontakt mit Männern zu vermeiden, also sehe ich nur ihre langen Wimpern, während sie nach unten schaut. Sie trägt ein traditionelles Kopftuch, das ihre langen, dunklen Haare versteckt, und ihr graues Kleid ist lang und formlos. Trotzdem sieht sie wunderschön aus – so schön wie sie vor dreieinhalb Jahren, als sie sich in mein Bett geschlichen hatte, um der Hochzeit mit einem der älteren Männer aus dem Dorf zu entfliehen.

»Und ich habe euch beide vermisst«, erwidere ich, als mein Sohn gegen meine Schultern drückt, weil er herunter möchte. Grinsend setze ich ihn auf dem Boden ab, und er ergreift augenblicklich meine Hand und zieht anihr.

»Papa, willst du meinen LKW sehen? Willst du, Papa?«

»Das will ich«, antworte ich und grinse noch breiter, während er mich ins Wohnzimmer zieht. »Was für ein LKW istes?«

»Ein großer!«

»Okay, dann zeig malher.«

Tamila kommt langsam hinter uns her, und ich bemerke, dass ich noch gar nichts zu ihr gesagt habe. Ich bleibe stehen, drehe mich herum und schaue meine Frau an. »Wie geht esdir?«

Sie blickt mich kurz durch ihre Wimpern an. »Mir geht es gut. Ich freue mich, dich zu sehen.«

»Und ich freue mich, dich zu sehen.« Ich möchte sie küssen, aber ich weiß, dass es ihr peinlich ist, wenn ich es vor Pasha tue, also halte ich mich zurück. Stattdessen berühre ich sanft ihre Wange und lasse mich dann von meinem Sohn zu seinem LKW führen, den ich als denjenigen wiedererkenne, den ich ihm vor drei Wochen aus Moskau geschickthabe.

Er führt mir stolz alle Funktionen des Fahrzeugs vor, während ich neben ihm hocke und sein lebhaftes Gesicht betrachte. Er hat Tamilas dunkle, exotische Schönheit einschließlich der Wimpern, aber er hat auch etwas von mir, selbst wenn ich nicht genau sagen kann, was.

»Er hat deine Furchtlosigkeit«, sagt Tamila leise, während sie sich neben mich kniet. »Und ich denke, dass er genauso groß werden wird wie du, auch wenn man das wahrscheinlich so früh noch nicht sagenkann.«

Ich blicke sie kurz an. Sie tut das häufig, mich so gründlich zu durchschauen, dass es scheint, als könne sie meine Gedanken lesen. Andererseits ist es auch keine Kunst, zu erahnen, was ich gerade denke. Ich habe einen Vaterschaftstest gemacht, noch bevor Pasha geboren wurde.

»Papa. Papa.« Mein Sohn zieht wieder an meiner Hand. »Spiel mitmir.«

Ich lache und wende meine Aufmerksamkeit wieder ihm zu. In der nächsten Stunde spielen wir mit dem LKW und einem Dutzend weiterer Spielzeuge, die auch alle Autos sind. Pasha ist besessen von Spielzeugautos, angefangen von Krankenwagen bis hin zu Rennwagen. Es ist egal, wie viele andere Spielsachen er von mir bekommt, er spielt nur mit denjenigen, die Räder haben.

Nach dem Spielen essen wir Abendbrot, und Tamila badet Pasha, bevor er ins Bett geht. Ich bemerke, dass die Badewanne Risse hat, und speichere in meinem Hinterkopf ab, eine neue zu bestellen. Das kleine Dorf Daryevo liegt hoch oben im Kaukasus und ist schlecht zu erreichen, also kann ich nicht einfach in einem Geschäft bestellen. Trotzdem habe ich meine Möglichkeiten, Dinge hierherbringen zu lassen.

Als ich Tamila von meinem Vorhaben erzähle, schnellen ihre Wimpern in die Höhe, und sie schaut mir ausnahmsweise mit einem strahlenden Lächeln in die Augen. »Das wäre sehr schön, vielen Dank. Ich musste fast jeden Abend Wasser vom Boden aufwischen.«

Ich lächele zurück, und sie fährt damit fort, Pasha zu baden. Nachdem sie ihn abgetrocknet und ihm den Schlafanzug angezogen hat, trage ich ihn in sein Bett und lese ihm eine Geschichte aus seinem Lieblingsbuch vor. Er schläft fast augenblicklich ein, und ich küsse seine zarte Stirn, wobei sich mein Herz voller Gefühl zusammenzieht.

Das ist Liebe. Ich erkenne sie, auch wenn ich sie niemals zuvor gefühlt habe – auch wenn ein Mann wie ich kein Recht darauf hat, sie zu fühlen. Keines der Dinge, die ich jemals getan habe, zählt hier, in diesem kleinen Dorf in Dagestan.

Wenn ich bei meinem Sohn bin, verbrennt das Blut an meinen Händen nicht meine Seele.

Ich stehe vorsichtig auf, um Pasha nicht aufzuwecken, und verlasse den winzigen Raum, der sein Schlafzimmer ist. Tamila wartet bereits in unserem Schlafzimmer auf mich, also ziehe ich mich aus, begebe mich zu ihr ins Bett und liebe sie so zärtlich, wie ichkann.

Morgen werde ich den hässlichen Seiten dieser Welt ins Auge sehen, aber heute bin ich glücklich.

Heute kann ich lieben und geliebt werden.

»Bitte geh nicht, Papa.« Pashas Kinn zittert, als er versucht, nicht zu weinen. Tamila hat ihm vor einigen Wochen gesagt, dass große Jungs nicht weinen, und er hat alles versucht, um ein großer Junge zu sein. »Bitte, Papa. Kannst du nicht noch ein wenig bleiben?«

»Ich werde in ein paar Wochen wieder hier sein«, verspreche ich ihm und hocke mich hin, um auf Augenhöhe mit ihm zu sein. »Ich muss arbeiten, verstehst dudas?«

»Du musst immer arbeiten.« Sein Kinn zittert stärker, und in seinen großen, braunen Augen fließen die Tränen über. »Warum kann ich nicht mit dir zur Arbeit kommen?«

Bilder der Terroristen, die ich letzte Woche gefoltert habe, steigen in meinem Kopf auf, und ich muss mich anstrengen, meine Stimme ruhig zu halten, als ich sage: »Es tut mir leid, Pashen’ka. Mein Arbeitsplatz ist kein Ort für Kinder.« Oder für Erwachsene, aber das sage ich nicht. Tamila weiß einige Dinge der Sachen, die ich als Teil der Speznas, der russischen Spezialeinheiten, tue, aber selbst sie kennt die dunkle Realität meiner Welt nicht.

»Aber ich würde mich gut benehmen.« Jetzt weint er richtig. »Ich verspreche es, Papa. Ich würde mich gut benehmen.«

»Ich weiß, dass du das würdest.« Ich ziehe ihn an mich und umarme ihn fest, während ich spüre, wie sein kleiner Körper von Schluchzern erschüttert wird. »Du bist mein guter Junge, und du musst dich bei Mama gut benehmen, während ich weg bin, okay? Du musst auf sie aufpassen, so wie das große Jungen wie du machen.«

Das scheinen die magischen Worte zu sein, weil er nur noch einmal schnieft und sich dann aufrichtet. »Das werde ich.« Der Rotz läuft aus seiner Nase, und seine Wangen sind nass, aber sein Kinn wirkt entschlossen, als er mir in die Augen blickt. »Ich werde auf Mama aufpassen, das verspreche ichdir.«

»Er ist so intelligent«, meint Tamila, die sich neben mir hinkniet, um Pasha zu umarmen. »So als sei er fast fünf und nicht erst fastdrei.«

»Ich weiß.« Meine Brust schwillt voller Stolz an. »Er ist fantastisch.«

Sie lächelt mich an und blickt zu mir hoch, so dass ich wieder in ihre großen, braunen Augen schaue, die Pashas so sehr ähneln. »Pass auf dich auf und sei bald wieder zu Hause, okay?«

»Das werde ich.« Ich beuge mich nach vorn, um ihre Stirn zu küssen, und streiche danach über Pashas seidige Haare. »Ich werde zurück sein, bevor ihr bemerkt, dass ich wegbin.«

Ich bin in Grosny, Tschetschenien, und verfolge gerade die Spur einer neuen radikalen aufständischen Gruppe, als ich die Nachricht bekomme. Derjenige, der mich anruft, ist mein Boss aus Moskau, Ivan Polonsky.

»Peter.« Seine Stimme ist ungewöhnlich ernst, als ich das Gespräch annehme. »Es gab einen Zwischenfall in Daryevo.«

Mein Innerstes vereist. »Was für ein Zwischenfall?«

»Es gab eine Operation, von der wir nichts wussten. Die NATO war daran beteiligt. Und es gab … Opfer.«

Eiseskälte breitet sich in mir aus, zerfetzt mich innerlich, und ich kann kaum die Worte, die ich sagen muss, aus meinem Hals zwingen. »Tamila und Pasha?«

»Es tut mir leid, Peter. Einige der Dorfbewohner wurden während des Kreuzfeuers getötet, und …«, er schluckt hörbar, »die Vorberichte sagen aus, dass Tamila unter ihnenwar.«

Meine Finger zerquetschen fast das Telefon. »Was ist mit Pasha?«

»Das wissen wir noch nicht. Es gab einige Explosionenund …«

»Ich bin auf demWeg.«

»Peter, warte …«

Ich beende das Gespräch und eile aus derTür.

Bitte, bitte lass ihn am Leben sein. Bitte lass ihn am Leben sein. Bitte, ich werde alles tun, lass ihn einfach nur am Lebensein.

Ich bin nie religiös gewesen, aber als der Militärhubschrauber über die Berge fliegt, erwische ich mich dabei, wie ich bete, darum bettele und flehe, ein kleines Wunder Wirklichkeit werden zu lassen, eine kleine Barmherzigkeit zu erleben. Das Leben eines Kindes ist bedeutungslos für die Welt, aber für mich bedeutet es alles.

Mein Sohn ist mein Leben, der Grund dafür, dass ich existiere.

Der Lärm des Hubschraubers ist ohrenbetäubend, aber er ist nichts im Vergleich zu dem Lärm in meinem Kopf. Ich kann nicht atmen, kann wegen der Wut und der Angst, die mich innerlich ersticken, nicht denken. Ich weiß nicht, wie Tamila gestorben ist, aber ich habe genügend Leichen gesehen, um mir ihren Körper vorstellen zu können, um ganz deutlich ihre wunderschönen Augen, die jetzt ausdruckslos und blind sein müssen, und ihren schlaffen und blutverkrusteten Mund zu sehen. Und Pasha …

Nein. Daran kann ich jetzt nicht denken. Nicht, bis ich es mit Sicherheitweiß.

Das hätte nicht passieren sollen. Daryevo liegt nicht in der Nähe der bekannten Krisenherde in Dagestan. Es ist eine kleine, friedliche Siedlung ohne Verbindungen zu Rebellengruppen. Sie hätten hier in Sicherheit sein müssen, weit weg von meiner gewalttätigenWelt.

Bitte lass ihn am Leben sein. Bitte lass ihn am Lebensein.

Der Flug scheint ewig zu dauern, aber endlich durchbrechen wir die Wolkendecke, und ich sehe das Dorf. Mein Hals wird eng, und ich kann nicht mehr atmen.

Rauch steigt von vielen Gebäuden im Zentrum auf, und bewaffnete Soldaten befinden sich vorOrt.

Ich springe aus dem Hubschrauber, sobald er den Boden berührt.

»Peter, warte. Du brauchst Deckung«, ruft der Pilot, aber ich renne bereits und stoße die Menschen, die mir im Weg stehen, einfach beiseite. Ein junger Soldat versucht, mich aufzuhalten, aber ich reiße ihm seine M16 aus den Händen und richte sie aufihn.

»Führe mich zu den Leichen. Jetzt.«

Ich weiß nicht, ob es an der Waffe oder meinem tödlichen Ton liegt, aber der Soldat gehorcht und eilt zu einem Schuppen am anderen Ende der Straße. Ich folge ihm, während das Adrenalin wie Gift durch meine Adern fließt.

Bitte lass ihn am Leben sein. Bitte lass ihn am Lebensein.

Ich sehe die Leichen hinter dem Schuppen, einige ordentlich hingelegt, und andere aufeinandergestapelt auf dem schneebedeckten Gras. Niemand ist bei ihnen; die Soldaten müssen die Dorfbewohner bis jetzt von ihnen ferngehalten haben. Ich erkenne sofort einige der Toten – die älteren Menschen des Dorfes, mit denen Tamila auch zu tun hatte, die Frau des Bäckers, der Mann, von dem ich schon einmal Ziegenmilch gekauft habe – aber andere kann ich nicht identifizieren, einerseits wegen der Ausmaße ihrer Wunden und andererseits, weil ich nicht viel Zeit im Dorf verbrachthabe.

Ich habe eigentlich gar keine Zeit hier verbracht, und jetzt ist meine Frautot.

Ich bereite mich psychisch auf das vor, was jetzt kommen wird, knie mich neben einen schlanken Frauenkörper, lege die M16 ins Gras und ziehe das Tuch, das den Kopf bedeckt, zur Seite. Ein Teil des Kopfes ist von einer Kugel weggeschossen worden, aber ich kann genug von dem Gesicht erkennen, um zu wissen, dass es nicht Tamilaist.

Ich untersuche den nächsten Frauenkörper, der mehrere Einschusslöcher in der Brust hat. Es ist Tamilas Tante, eine schüchterne Frau in den Fünfzigern, die in den letzten drei Jahren weniger als fünf Worte mit mir gesprochen hat. Für sie und den Rest von Tamilas Familie bin ich immer ein Fremder gewesen, ein angsteinflößender Fremder aus einer anderen Welt. Sie haben Tamilas Entscheidung, mich zu heiraten, nicht verstanden, sie sogar verurteilt, aber Tamila war dasegal.

Sie war immer unabhängig gewesen.

Ein weiterer Frauenkörper zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Frau liegt auf der Seite, aber die sanfte Kurve ihrer Schultern ist schmerzhaft vertraut. Meine Hand zittert, als ich sie umdrehe, und weißglühender Schmerz durchfährt mich, als ich ihr Gesichtsehe.

Tamilas Mund ist genauso locker, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, aber ihre Augen sind nicht leer. Sie sind geschlossen, ihre langen Wimpern versengt und ihre Augenlider von Blut verklebt. Mehr Blut bedeckt ihre Brust und ihre Arme, und ihr graues Kleid ist fast schwarz davon.

Meine Frau, meine wunderschöne junge Frau, die den Mut hatte, ihr eigenes Schicksal zu wählen, ist tot. Sie ist gestorben, ohne jemals ihr Dorf verlassen zu haben, ohne jemals Moskau gesehen zu haben, wovon sie immer geträumt hatte. Ihr Leben wurde ausgelöscht, bevor sie eine Chance hatte, zu leben, und es ist meine Schuld. Ich hätte hier sein sollen, hätte sie und Pasha beschützen müssen. Zur Hölle, ich hätte über diese beschissene Operation Bescheid wissen müssen; niemand hätte hierherkommen sollen, ohne dass mein Team und ich darüber informiert wurden.

Wut steigt in mir auf, vermischt sich mit qualvollem Schmerz und Schuldgefühlen, aber ich verdränge das alles und zwinge mich dazu, mich weiter umzuschauen. Die Leichen, die in Reihen ausgebreitet wurden, sind ausschließlich Erwachsene, aber es gibt ja noch diesen anderen Haufen.

Bitte lass ihn am Leben sein. Ich werde alles tun, solange er nurlebt.

Meine Beine fühlen sich wie abgebrannte Streichhölzer an, als ich mich dem Haufen nähere. Er besteht aus einzelnen Gliedmaßen und Körpern, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt sind. Das müssen die Opfer der Explosionen sein. Ich lege jeden Körperteil zur Seite, nachdem ich ihn betrachtet habe. Der Geruch nach altem Blut und verbranntem Fleisch hängt dick in der Luft. Ein normaler Mann würde sich bereits übergeben haben, aber ich bin noch nie normal gewesen.

Bitte lass ihn am Lebensein.

»Peter, warte. Eine Spezialeinheit ist auf dem Weg hierher, und sie wollen nicht, dass wir die Leichen anfassen.« Der Pilot, der mich hierhergebracht hat, Anton Rezov, kommt vom Schuppen aus zu mir. Wir arbeiten seit Jahren zusammen, und er ist ein enger Freund, aber wenn er versuchen sollte, mich zu stoppen, werde ich ihn töten.

Ohne zu antworten, fahre ich mit meiner grausamen Aufgabe fort und betrachte alle Gliedmaßen und jeden verbrannten Rumpf, bevor ich alles zur Seite lege. Die meisten Körperteile scheinen zu Erwachsenen zu gehören, auch wenn ich auf einige wenige in Kindergröße stoße. Sie sind allerdings zu groß, um Pashas zu sein, und ich bin egoistisch genug, um darüber erleichtert zusein.

Dann sehe iches.

»Peter, hast du mich gehört? Du kannst das noch nicht tun.« Anton will meinen Arm ergreifen, aber bevor er mich berühren kann, wirbele ich herum, und meine Hand formt automatisch eine Faust. Diese Faust kracht auf seinen Kiefer, er wird durch die Wucht des Aufschlags zurückgeschleudert und seine Augen verdrehen sich. Ich schaue nicht dabei zu, wie er fällt; ich bewege mich bereits und wühle mich durch den restlichen Stapel der Körper, um die kleine Hand zu finden, die ich eben gesehenhabe.

Eine kleine Hand, die ein kaputtes Spielzeugauto umklammert.

Bitte, bitte, bitte. Bitte, lass es eine Verwechslung sein. Bitte lass ihn am Leben sein. Bitte lass ihn am Lebensein.

Ich arbeite wie ein Besessener und konzentriere mich auf ein einziges Ziel: zu dieser Hand zu gelangen. Einige der Körper ganz oben auf dem Stapel sind beinahe intakt, aber trotzdem spüre ich ihr Gewicht nicht, als ich sie zur Seite lege. Ich fühle das Brennen meiner Muskeln durch die Anstrengungen nicht, genauso wenig wie ich den widerlichen Gestank des gewaltsamen Todes rieche. Ich beuge mich einfach immer wieder nach unten und werfe die Körperteile zur Seite, bis ich von ihnen umgeben und blutdurchtränktbin.

Ich höre nicht auf, bis ich den kleinen Körper freigelegt habe und jeder Zweifel verschwundenist.

Zitternd sinke ich auf die Knie, da meine Beine mich nicht mehr halten können.

Wie durch ein Wunder ist eine Gesichtshälfte Pashas unverletzt, seine weiche Babyhaut hat nur einen Kratzer abbekommen. Eines seiner Augen ist geschlossen, sein kleiner Mund ist geöffnet, und würde er wie Tamila auf der Seite liegen, könnte man ihn für ein schlafendes Kind halten. Aber er liegt nicht auf der Seite, und ich sehe das klaffende Loch, das die Explosion hinterlassen hat, als sie die Hälfte seines Schädels wegsprengte. Sein linker Arm fehlt ebenfalls, genauso wie sein linkes Bein ab dem Knie. Sein rechter Arm ist allerdings unversehrt, und seine Finger umklammern das Spielzeugauto.

Aus einiger Entfernung höre ich ein Heulen, ein verrücktes, gebrochenes Geräusch menschlicher Wut. Erst als mir auffällt, dass ich den kleinen Körper an meine Brust drücke, verstehe ich, dass ich dieses Geräusch von mir gebe. Ich verstumme, aber ich kann nicht damit aufhören, hin und her zu schaukeln.

Ich kann nicht aufhören, ihn zu umarmen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so verharre, die Überreste meines Sohnes an mich drücke, aber als die Soldaten der Spezialeinheit ankommen, ist es bereits dunkel. Ich wehre mich nicht. Das wäre sinnlos. Mein Sohn ist von uns gegangen, bevor sein helles Licht die Gelegenheit hatte, zu scheinen.

»Es tut mir leid«, flüstere ich, als sie mich wegzerren. Mit jedem Meter Abstand zwischen uns wächst meine innere Kälte, und die letzten Reste von Menschlichkeit verlassen meine Seele. Ich kann nicht mehr Bitten, keine Verhandlungen mit irgendjemandem oder irgendetwas führen. Ich habe alle Hoffnung verloren, meine Liebe und Wärme ist mir genommen worden. Ich kann die Zeit nicht zurückstellen und meinen Sohn länger halten, ich kann nicht warten, so wie ich es sollte. Ich kann nicht nächstes Jahr mit Tamila nach Moskau reisen, so wie ich es ihr versprochen hatte.

Es gibt nur eine Sache, die ich für meine Frau und meinen Sohn tun kann, und deshalb lebe ich weiter.

Ich werde dafür sorgen, dass ihre Mörder bezahlen.

Jeder Einzelne von ihnen.

Sie werden für dieses Massaker mit ihrem Leben bezahlen.

2

Vereinigte Staaten, heute

Sara

»Bist du sicher, dass du nicht etwas mit mir und den Mädchen trinken gehen möchtest?«, fragt Marsha und kommt zu meinem Spind. Sie hat bereits ihren Schwesternkittel aus- und ein sexy Kleid angezogen. Mit ihrem leuchtend roten Lippenstift und ihren blonden Locken sieht sie wie eine ältere Version von Marilyn Monroe aus und liebt es auch genau wie sie, Party zu machen.

»Nein, danke. Ich kann nicht.« Ich versüße meine Abfuhr mit einem Lächeln. »Es war ein langer Tag, und ich binmüde.«

Sie rollt mit den Augen. »Natürlich bist du das. Du bist in letzter Zeit dauerndmüde.«

»Arbeit bringt das mitsich.«

»Ja, wenn man neunzig Stunden in der Woche arbeitet. Wenn ich dich nicht besser kennen würde, würde ich sagen, dass du dich zu Tode arbeitest. Du bist kein Assistenzarzt mehr. Du musst diesen Scheiß nicht mehr machen.«

Ich seufze und ergreife meine Tasche. »Jemand muss Rufbereitschaft haben.«

»Ja, aber das musst nicht immer du sein. Es ist Freitagnacht, und du hast die ganzen letzten Monate am Wochenende gearbeitet, von den Nachtschichten mal ganz abgesehen. Ich weiß, dass du der Neuzugang in eurer Praxis bist, aber …«

»Mir machen die Nachtschichten nichts aus«, unterbreche ich sie und gehe zum Spiegel. Die Wimperntusche, die ich heute Morgen aufgetragen habe, ist unter meinen Augen verwischt, und ich benutze ein feuchtes Papiertuch, um sie wegzubekommen. Das verbessert meine hagere Erscheinung nicht wirklich, aber ich nehme an, dass das sowieso egal ist, da ich auf direktem Weg nach Hause gehen werde.

»Genau, weil du nicht schläfst«, sagt Marsha und stellt sich hinter mich. Ich bereite mich darauf vor, ihr beliebtestes Thema über mich ergehen zu lassen. Auch wenn sie gute fünfzehn Jahre älter ist als ich, ist Marsha im Krankenhaus meine beste Freundin und hat ihre Bedenken in letzter Zeit immer deutlicher ausgesprochen.

»Marsha, bitte. Ich bin einfach zu müde dafür«, sage ich und binde meine widerspenstigen Wellen zu einem Pferdeschwanz. Ich brauche keine Vorhaltung, um zu wissen, dass ich mich gerade verausgabe. Meine braunen Augen sehen im Spiegel rot und trüb aus, und ich fühle mich wie sechzig und nicht wie achtundzwanzig.

»Ja, weil du überarbeitet bist und unter Schlafmangel leidest.« Sie verschränkt ihre Arme vor der Brust. »Ich weiß, dass du nach George Ablenkung brauchst, aber …«

»Aber nichts.« Ich wirbele herum und starre sie wütend an. »Ich will nicht über George reden.« …»Sara …« Sie legt die Stirn in Falten. »Du musst damit aufhören, dich selbst dafür zu bestrafen. Das war nicht dein Fehler. Er wollte ans Steuer, es war seineEntscheidung.«

Mein Hals wird eng, und meine Augen brennen. Zu meinem Entsetzen bin ich kurz davor zu weinen, und ich drehe mich weg, um mich wieder unter Kontrolle zu bringen. Aber ich kann mich nirgendwohin drehen, da vor mir der Spiegel ist und alles reflektiert, was ich gerade fühle.

»Es tut mir leid, Süße. Ich bin ein unsensibles Arschloch. Das hätte ich nicht sagen sollen.« Marsha sieht wirklich so aus, als würde sie es bereuen, als sie sich ausstreckt, um meinen Arm leicht zu drücken.

Ich atme tief durch und drehe mich herum, um sie wieder anzuschauen. Ich binmüde,

was nicht gerade dabei hilft, die Gefühle zu kontrollieren, die mich überkommen.

»Das ist schon in Ordnung.« Ich zwinge mich dazu, zu lächeln. »Kein Problem. Du solltest dich langsam auf den Weg machen, die Mädchen warten wahrscheinlich schon auf dich.« Und ich muss nach Hause, bevor ich zusammenbreche und in aller Öffentlichkeit weine, was mehr als demütigendwäre.

»In Ordnung, Süße.« Marsha lächelt zurück, aber ich sehe das Mitleid in ihren Augen. »Aber sieh zu, dass du dieses Wochenende ein wenig Schlaf bekommst, okay? Versprich esmir.«

»Ja, Mama.«

Sie rollt mit den Augen. »Gut, dass du mich verstanden hast. Wir sehen uns am Montag.« Sie verlässt den Umkleideraum, und ich warte eine Minute, bevor ich ihr folge, um im Fahrstuhl nicht auf die Gruppe ihrer Freundinnen zu stoßen.

Noch mehr Mitleid halte ich nichtaus.

Als ich den Parkplatz des Krankenhauses betrete, kontrolliere ich aus reiner Gewohnheit mein Handy, und mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich eine Textnachricht von einer blockierten Nummersehe.

Ich bleibe stehen und fahre mit meinem zittrigen Finger über das Display.

Es ist alles in Ordnung, aber wir müssen den Besuch diese Woche verschieben, steht in der Nachricht. Wichtige Termine.

Ich atme erleichtert aus, und sofort verspüre ich das vertraute Schuldgefühl. Ich sollte nicht erleichtert sein. Diese Besuche sollten etwas sein, was ich möchte, und keine unangenehme Pflicht. Aber ich kann das, was ich fühle, nicht ändern. Jedes Mal, wenn ich George besuche, werden Erinnerungen an jene Nacht wach, und ich kann einige Nächte lang nicht schlafen.

Wenn Marsha denkt, dass ich jetzt gerade an Schlafmangel leide, sollte sie mich nach diesen Besuchen sehen.

Ich stecke mein Handy wieder in die Tasche und gehe zu meinem Auto. Es ist ein Toyota Camry, den ich seit fünf Jahren habe. Jetzt, nachdem ich mein Darlehen für das Studium abbezahlt und einige Ersparnisse habe, könnte ich mir etwas Besseres leisten, aber ich sehe keinen Grund dafür.

George hatte eine Schwäche für Autos, nichtich.

Der Schmerz überkommt mich vertraut und stark, und ich weiß, dass der Grund dafür diese Textnachricht ist. Na ja, sie und die Unterhaltung mit Marsha. In letzter Zeit gab es Tage, an denen ich überhaupt nicht an den Unfall gedacht habe, an denen ich meinen Aufgaben nachgegangen bin, ohne erdrückende Schuldgefühle zu haben, aber heute ist keiner dieserTage.

Er war erwachsen, erinnere ich mich selbst in Gedanken und wiederhole dabei das, was alle sagen. Es war seine Entscheidung, sich an jenem Tag hinter das Steuer zu setzen.

Rational gesehen weiß ich, dass diese Worte wahr sind, aber egal, wie oft ich sie höre, ich kann sie nicht verinnerlichen. Meine Gedanken sind in einer Schleife gefangen, die immer wieder jenen Abend abspielt, und egal, wie sehr ich es auch versuche, ich kann diese Gedanken einfach nicht unterbrechen.

Es reicht, Sara. Konzentrier dich auf die Straße.

Ich atme tief durchund fahre vom Parkplatz Richtung Zuhause. Vom Krankenhaus aus ist es etwa eine Fahrt von vierzig Minuten, was in diesem Moment vierzig Minuten zu viel für mich sind. Mein Bauch beginnt zu krampfen, und ich bemerke, dass einer der Gründe dafür, dass ich heute so emotional bin, der ist, dass ich meine Tage bekomme. Als Frauenärztin weiß ich am besten, wie stark die Auswirkungen der Hormone sein können, und wenn sich zum PMS auch noch lange Arbeitsstunden und Erinnerungen an George gesellen …

Ja, das ist es. Ich bin einfach nur hormongeladen und müde. Ich muss nach Hause, und dann wird alles wiedergut.

Da ich fest entschlossen bin, mich wieder in den Griff zu bekommen, schalte ich das Radio ein, suche einen Sender mit Neunziger-Jahre-Popmusik und singe zu einem Lied von Britney Spears. Das ist jetzt vielleicht nicht die anspruchsvollste Musik, aber sie hebt die Stimmung, und das ist genau das, was ich gerade brauche.

Ich werde nicht zerbrechen. Heute werde ich schlafen, selbst wenn ich Zolpidem nehmen muss, damit das passiert.

Mein Haus befindet sich in einer von Bäumen gesäumten Sackgasse, die von einer zweispurigen Straße abgeht, die sich durch Felder windet. Wie viele andere in dieser besseren Gegend in Homer Glen, Illinois, ist es riesig – fünf Schlafzimmer und vier Badezimmer plus einen voll ausgebauten Keller. Es hat einen großen Garten und ist von so vielen Eichen umgeben, dass es sich anfühlt, als befände es sich mitten imWald.

Es ist perfekt für die große Familie, die George wollte, und schrecklich einsam fürmich.

Nach dem Unfall habe ich darüber nachgedacht, das Haus zu verkaufen und näher an das Krankenhaus zu ziehen, aber ich konnte es einfach nicht über mich bringen. Das kann ich immer noch nicht. George und ich haben das Haus zusammen renoviert, die Küche und die Badezimmer modernisiert und sorgfältig jeden Raum dekoriert, um eine gemütliche und einladende Atmosphäre zu schaffen. Eine Familienatmosphäre. Ich weiß, dass die Chancen auf diese Familie jetzt inexistent sind, aber ein Teil von mir hängt an diesem alten Traum, dem perfekten Leben, das wir haben sollten.

»Mindestens drei Kinder«, hatte George mir bei unserem fünften Date gesagt. »Zwei Jungen und ein Mädchen.«

»Warum nicht zwei Mädchen und einen Jungen?«, hatte ich ihn grinsend gefragt. »Was ist mit Gleichberechtigung undso?«

»Wie soll zwei gegen einen denn gleichberechtigt sein? Jeder weiß, dass Mädchen dich um ihre kleinen, hübschen Finger wickeln, und wenn man zwei von ihnen hat …« Er erschauderte theatralisch. »Nein, wir brauchen zwei Jungen, damit die Balance in der Familie stimmt. Ansonsten ist Papa verloren.«

Ich habe gelacht und ihn auf die Schulter geboxt, aber insgeheim mochte ich den Gedanken an zwei Jungen, die laut herumrennen und ihre kleine Schwester beschützen. Ich bin ein Einzelkind, aber ich wollte immer einen großen Bruder, weshalb es einfach für mich gewesen war, Georges Traum zu meinem eigenen zu machen.

Nein. Denk nicht darüber nach. Mit Mühe verdränge ich diese Erinnerungen aus meinem Kopf, weil – egal, ob sie gut oder schlecht sind – sie immer zu jenem Abend führen, und damit kann ich gerade nicht umgehen. Die Krämpfe sind schlimmer geworden, und ich kann nur mit Mühe meine Hände am Lenkrad lassen, als ich in meine Garage für drei Autos fahre. Ich brauche Ibuprofen, ein Heizkissen und mein Bett, genau in dieser Reihenfolge, und wenn ich ganz viel Glück habe, werde ich sofort einschlafen, ohne dass ich Zolpidem benötige.

Ich unterdrücke ein Stöhnen, schließe das Garagentor, gebe den Sicherheitscode ein, um den Alarm auszuschalten, und schleppe mich ins Haus. Die Krämpfe sind so schlimm, dass ich kaum gehen kann, ohne mich zu krümmen, also gehe ich ohne Umwege zum Medizinschrank in der Küche. Ich schalte nicht einmal das Licht an; der Lichtschalter ist weit von der Garagentür entfernt, und ich kenne die Küche außerdem gut genug, um mich auch im Dunkeln in ihr zurechtzufinden.

Ich öffne den Medizinschrank, ertaste die Ibuprofenpackung, nehme mir zwei Tabletten und schiebe sie mir in den Mund. Dann gehe ich zur Spüle, lasse Wasser in meine Hand laufen und schlucke die beiden Tabletten damit hinunter. Keuchend halte ich mich am Küchentresen fest und warte darauf, dass die Medizin zu wirken beginnt, bevor ich versuche, etwas so Ehrgeiziges zu tun wie zum Schlafzimmer im ersten Stock zu gehen.

Ich spüre ihn erst eine Sekunde, bevor es passiert. Ganz unterschwellig bemerke ich einen Luftzug hinter mir, einen Hauch von etwas Fremdem … ein Gefühl plötzlicher Gefahr.

Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf, aber da ist es bereits zu spät. In einem Moment stehe ich noch neben der Küchenspüle, und im nächsten bedeckt eine große Hand meinen Mund, und ein harter Körper drängt mich von hinten gegen die Theke.

»Nicht schreien«, flüstert eine tiefe Stimme in mein Ohr, und etwas Kaltes und Scharfes drückt gegen meinen Hals. »Du willst doch nicht, dass mein Messer abrutscht.«

3

Sara

Ich schreie nicht. Nicht, weil es das Cleverste in dieser Situation ist, sondern weil ich kein Geräusch von mir geben kann. Ich bin vor Entsetzen wie versteinert und ganz und gar gelähmt. Meine Muskeln, einschließlich meiner Stimmbänder, haben sich verkrampft, und meine Lunge hat aufgehört zu arbeiten.

»Ich werde meine Hand von deinem Mund nehmen«, flüstert er in mein Ohr, und sein Atem fühlt sich auf meiner feuchten Haut warm an. »Und du wirst ruhig bleiben. Verstanden?«

Ich kann nicht einmal ein wimmerndes Geräusch von mir geben, aber ich schaffe es, leicht zu nicken.

Er nimmt seine Hand weg, legt seinen Arm stattdessen um meine Rippen, und meine Lungen fangen genau in diesem Moment wieder an zu funktionieren. Ohne es zu wollen, atme ich pfeifend ein. Sofort drückt sich das Messer tiefer in meine Haut, und ich versteinere erneut, als ich spüre, wie warmes Blut an meinem Hals hinunterläuft.

Ich werde sterben. Oh mein Gott, ich werde hier sterben, in meiner eigenen Küche. Das Entsetzen in mir ist ein monströses Etwas, das mich mit eisigen Nadeln sticht. Ich war noch nie so kurz davor, zu sterben. Nur einen Zentimeter nach rechtsund …

»Du musst mir zuhören, Sara.« Die Stimme des Eindringlings ist sanft, straft das Messer, das in meinen Hals schneidet, Lügen. »Wenn du kooperierst, wirst du das hier lebendig überstehen. Wenn nicht, wirst du in einem Leichensack enden. Du hast dieWahl.«

Lebendig? Ein Hoffnungsschimmer dringt durch den panischen Nebel in meinem Gehirn, und mir fällt auf, dass der Mann einen leichten Akzent hat. Einen exotischen. Naher Osten vielleicht, oder osteuropäisch.

Eigenartigerweise sammele ich mich durch dieses Detail, das meinem Gehirn etwas Konkretes bietet, auf das es sich konzentrieren kann, ein wenig. »W-was wollen Sie?« Diese Worte sind ein bebendes Flüstern, aber es ist schon ein Wunder, dass ich überhaupt sprechen kann. Ich fühle mich wie ein Reh im Scheinwerferlicht, betäubt und überwältigt, und meine Denkprozesse sind seltsam verlangsamt.

»Nur einige Antworten«, antwortet er und zieht sein Messer ein wenig zurück. Ohne den kalten Stahl, der in meine Haut schneidet, verschwindet ein Teil meiner Panik, und ich bemerke weitere Details wie die Tatsache, dass mein Angreifer mindestens einen Kopf größer als ich und muskelbepackt ist. Der Arm um meinen Brustkorb ist wie ein Stahlband, und der große Körper, der sich gegen meinen Rücken presst, gibt nicht einen Millimeter nach, lässt keine Weichheit spüren. Ich bin eine durchschnittlich große Frau, aber schlank und zierlich, und er ist so muskulös, dass ich vermute, dass er fast das Doppelte wiegt wieich.

Selbst wenn er kein Messer hätte, könnte ich ihm nicht entkommen.

»Was für Antworten?« Meine Stimme ist jetzt ein wenig ruhiger. Vielleicht ist er nur hier, um mich auszurauben, und alles, was er braucht, ist meine Safekombination. Er riecht sauber, nach Waschmittel und gesunder, männlicher Haut, also ist er kein Meth-Süchtiger oder Penner von der Straße. Vielleicht ein professioneller Einbrecher? Falls ja, verzichte ich gerne auf den Schmuck und das Notfall-Bargeld, das George hier im Haus versteckthat.

»Ich möchte, dass du mir von deinem Mann erzählst. Ganz besonders bin ich an seinem Aufenthaltsort interessiert.«

»George?« Mein Kopf wird leer, als mich eine neue Angstwelle überkommt. »W-was … warum?«

Das Messer drückt sich in meine Haut. »Ich stelle hier die Fragen.«

»B-bitte«, presse ich heraus. Ich kann nicht denken, kann mich auf nichts anderes als das Messer konzentrieren. Heiße Tränen laufen mein Gesicht hinunter, und ich zittere am ganzen Körper. »Bitte nicht …«

»Beantworte einfach meine Frage. Wo ist deinMann?«

»Ich …« Oh Gott, was soll ich ihm nur sagen? Er muss einer von ihnen sein, dem Grund für die ganzen Vorsichtsmaßnahmen. Mein Herz schlägt so schnell, dass ich fast hyperventiliere. »Bitte, ich weiß nicht … ich habe keine …«

»Lüg mich nicht an, Sara. Ich brauche seinen …Aufenthaltsort. Jetzt.«

»Ich weiß es nicht, ich schwöre es. Bitte, wir sind …« Meine Stimme wird brüchig. »Wir haben uns getrennt.«

Der Arm um meinen Brustkorb legt sich fester um mich, und das Messer dringt ein wenig tiefer in meine Haut ein. »Möchtest du sterben?«

»Nein. Nein, das möchte ich nicht. Bitte …« Ich zittere stärker, und die Tränen strömen unkontrolliert meine Wangen hinunter. Nach dem Unfall gab es Tage, an denen ich dachte, dass ich sterben möchte, als die Schuldgefühle und das schmerzhafte Bedauern überwältigend waren, aber jetzt mit dem Messer an meiner Kehle will ich leben. Das will ich unbedingt.

»Dann sage mir, wo dein Mannist.«

»Ich weiß es nicht!« Meine Knie drohen damit, nachzugeben, aber ich kann George nicht einfach so verraten. Ich kann ihn nicht diesem Monster aussetzen.

»Du lügst.« Die Stimme meines Angreifers ist so kalt wie Eis. »Ich habe deine Nachrichten gelesen. Du weißt genau, wo er sich befindet.«

»Nein, ich …« Ich versuche, eine plausible Lüge zu finden, aber mir fällt keine ein. Ich kann die Panik auf meiner Zunge schmecken, als mir hektische Fragen durch den Kopf gehen. Wie konnte er die Nachrichten lesen? Wann? Wie lange verfolgt er mich schon? Ist er einer von ihnen? »Ich – ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«

Das Messer schneidet noch eine Spur tiefer ein, und ich kneife die Augen zusammen, während mein Atmen zu einem schluchzenden Keuchen wird. Ich bin dem Tod so nahe, dass ich ihn schmecken, riechen … ihn mit jeder Faser meines Körpers fühlen kann. Er ist in dem metallischen Geruch meines Blutes, dem kalten Schweiß, der meinen Rücken hinunterläuft, dem Dröhnen meines Pulses in meinen Schläfen und in der Anspannung meiner zuckenden Muskeln. Noch eine Sekunde länger, und er wird meine Halsschlagader aufschneiden und ich werde ausbluten, genau hier auf dem Fußboden meiner Küche.

Habe ich das verdient? Werde ich so für meine Sünden zahlen?

Ich beiße die Zähne zusammen, damit sie nicht klappern. Bitte verzeih mir, George. Wenn es das ist, was du brauchst …

Ich höre, wie mein Angreifer seufzt, und im nächsten Moment ist sein Messer verschwunden und ich liege umgedreht auf der Theke. Mein Rücken trifft auf den harten Granit, und mein Kopf fällt nach hinten in die Spüle, wobei meine Nackenmuskeln vor Belastung schreien. Keuchend trete ich aus und versuche, ihn zu schlagen, aber er ist zu stark und schnell. Wie ein Blitz springt er auf die Theke, spreizt meine Beine und fixiert mich mit seinem Gewicht. Er sichert meine Handgelenke mit etwas Hartem und Unzerbrechlichem, bevor er sie mit einer Hand ergreift, und ich sie nicht befreien kann, egal, wie sehr ich es versuche. Meine Fersen rutschen nutzlos über den glatten Tresen, und meine Nackenmuskeln brennen davon, meinen Kopf oben halten zu müssen. Ich bin hilflos, werde festgehalten, und eine neue Art von Panik überkommtmich.

Bitte nicht das, oh Gott. Alles, aber keine Vergewaltigung.

»Wir werden etwas anderes ausprobieren«, sagt er, und ein Stück Stoff fällt über mein Gesicht. »Mal schauen, ob du wirklich für diesen Bastard sterben willst.«

Keuchend werfe ich meinen Kopf von einer Seite zur anderen und versuche, den Stofffetzen loszuwerden, aber er ist zu lang, und ich kann unter ihm kaum atmen. Versucht er, mich zu ersticken? Ist das derPlan?

Dann quietscht der Griff des Wasserhahns, und ich verstehe, was er vorhat.

»Nein!« Ich werfe mich stärker hin und her, aber er ergreift meine Haare mit seiner freien Hand und hält meinen zurückgeworfenen Kopf unter den Wasserhahn.

Der anfängliche Schock über die Nässe ist nicht so schlimm, aber innerhalb weniger Sekunden wandert das Wasser meine Nase hinauf. Mein Hals verengt sich, meine Lungen verkrampfen sich und mein ganzer Körper versucht, sich aufzurichten, während ich würge und nach Luft schnappen will. Die Panik ist instinktiv und unkontrollierbar. Der Stofffetzen fühlt sich wie eine nasse Pfote an, die über meiner Nase liegt und sie zusammendrückt. Das Wasser ist in meiner Nase und in meinem Hals. Ich ersticke, ertrinke. Ich kann nicht atmen, kann nicht atmen …

Der Wasserhahn wird abgestellt und der Stofffetzen von meinem Gesicht gerissen. Hustend atme ich Luft ein, während ich gleichzeitig schluchze und keuche. Mein ganzer Körper ist ein zuckendes, zitterndes Etwas, und weiße Punkte tanzen vor meinen Augen. Bevor ich mich erholen kann, wird der Stofffetzen erneut auf mein Gesicht gelegt, und das Wasser wird wieder angestellt.

Dieses Mal ist es noch schlimmer. Meine Nasenhöhlen brennen von dem Wasser, und meine Lungen schreien nach Luft. Ich zucke und würge, ersticke und weine. Ich kann nicht atmen. Oh mein Gott, ich sterbe; ich kann nicht atmen …

Im nächsten Moment ist das Tuch verschwunden, und ich schnappe krampfhaft nachLuft.

»Sag mir, wo er ist, und ich höre damit auf.« Seine Stimme ist ein dunkles Flüstern übermir.

»Ich weiß es nicht! Bitte!« Ich kann das Erbrochene in meinem Hals schmecken, und das Wissen, dass er das noch einmal tun wird, verwandelt mein Blut in Säure. Es war leicht, bei dem Messer mutig zu sein, aber nicht bei dem hier. Ich kann nicht so sterben.

»Letzte Chance«, meint mein Peiniger leise, und der nasse Stofffetzen fällt erneut auf mein Gesicht.

Der Griff des Wasserhahns beginnt zu quietschen.

»Stopp! Bitte!«, bricht ein Schrei aus mir heraus. »Ich sage es Ihnen! Ich sage es Ihnen!«

Das Wasser wird ausgestellt, und der Stofffetzen wird von meinem Gesicht gezogen. »Sag esmir.«

Ich schluchze und huste zu sehr, um einen zusammenhängenden Satz herauszubekommen, also zieht der Mann mich vom Tresen auf den Boden und kniet sich hin, um mich in seine Arme zu schließen. Auf einen Außenstehenden könnte es gerade so wirken wie eine tröstende Umarmung oder die beschützende Geste eines Liebhabers. Diese Illusion wird durch die weiche und sanfte Stimme meines Peinigers verstärkt, der beruhigend in mein Ohr flüstert: »Sag es mir, Sara. Sag mir, was ich wissen will, und ichgehe.«

»Er ist …« Ich halte eine Sekunde vor dem Herausplatzen der Wahrheit inne. Das panische Tier in mir fordert das Überleben um jeden Preis, aber ich kann das nicht tun. Ich kann dieses Monster nicht zu George führen. »Er ist im Advocate Christ Hospital«, presse ich heraus. »In der Langzeitpflege.«

Das ist eine Lüge und offensichtlich keine gute, weil die Arme, die mich halten, ihren Griff verstärken und fast meine Knochen brechen. »Verarsch mich nicht.« Der beruhigende Ton seiner Stimme ist verschwunden, und an seiner Stelle höre ich beißende Wut. »Er hat sie verlassen – vor Monaten. Wo versteckt ersich?«

Ich schluchze stärker. »Ich … Ich weiß nicht …«

Mein Angreifer stellt sich hin, zieht mich nach oben, und ich schreie und wehre mich, als er mich zur Spüle zieht. »Nein! Bitte nicht!« Ich bin hysterisch, als er mich auf die Theke hebt, und meine gefesselten Hände schwingen hin und her, als ich versuche, ihm das Gesicht zu zerkratzen. Meine Fersen schlagen auf dem Granit auf, als er meine Beine spreizt und mich erneut an Ort und Stelle festhält, und Galle steigt in meinem Hals auf, als er mein Haar ergreift und meinen Kopf in die Spüle drückt. »Stopp!«

»Sag mir die Wahrheit – und ich werde aufhören.«

»Ich … ich kann nicht. Bitte, das kann ich nicht tun!« Das kann ich George nach allem, was passiert ist, nicht antun. »Bitte hören Sieauf!«

Der nasse Stofffetzen legt sich über mein Gesicht, und mein Hals verschließt sich voller Panik. Das Wasser ist noch nicht angestellt, aber ich ertrinke bereits; ich kann nicht atmen, kann nicht atmen …

»Scheiße!«

Ich werde plötzlich mit einem Ruck vom Tresen auf den Boden gerissen, wo ich schluchzend zu einem Häufchen zusammensacke. Aber dieses Mal gibt es keine Arme, die mich halten, und ich bemerke benebelt, dass er weggegangenist.

Ich sollte aufstehen und weglaufen, aber meine Hände sind gefesselt und meine Beine wollen einfach nicht funktionieren. Alles, was ich tun kann, ist, erbärmlich auf die Seite zu rollen und zu versuchen, wegzukriechen. Die Angst macht mich blind, verwirrt mich, und ich kann in der Dunkelheit nichts sehen.

Ich kann ihn nicht sehen.

Lauft, versuche ich meinen schlaffen, zitternden Muskeln zu befehlen. Steht auf und lauft.

Ich hole tief Luft, bekomme etwas zu greifen – eine Ecke der Arbeitsplatte – und ziehe mich hoch, bis ich stehe. Aber es ist zu spät: Er ist bereits bei mir, und sein Arm umgreift meine Rippen von hinten wie ein Stahlband.

»Mal sehen, ob das besser funktioniert«, flüstert er, und etwas Kaltes und Scharfes sticht mir in denHals.

Eine Nadel, wird mir voller Entsetzen klar, und mein Bewusstsein schwindet.

Ich sehe ein verschwommenes Gesicht vor meinen Augen. Ein hübsches Gesicht, ein sehr schönes sogar, trotz der Narbe, die die linke Augenbraue halbiert. Hohe, schräge Wangenknochen, stahlgraue Augen, die von schwarzen Wimpern eingerahmt werden, ein hartes Kinn mit Bartstoppeln – das Gesicht eines Mannes, lässt mich mein Gehirn verschwommen wissen. Sein Haar ist dick und oben länger als an den Seiten. Kein alter Mann, aber auch kein Teenager. Ein Mann in seinen besten Jahren.

Seine Stirn ist gerunzelt, und sein Gesicht weist raue, düstere Züge auf. »George Cobakis«, sagt der harte, gemeißelte Mund. Es ist ein sexy Mund, gut geformt, aber ich höre die Worte wie aus einem Megaphon in einigem Abstand zu mir. »Weißt du, wo er sich aufhält?«

Ich nicke, oder zumindest versuche ich es. Mein Kopf fühlt sich schwer an und mein Hals eigenartig wund. »Ja, ich weiß, wo er ist. Ich dachte auch, ich würde ihn kennen, aber eigentlich tue ich es nicht. Kann man jemanden wirklich richtig kennen? Ich denke nicht, oder zumindest kannte ich ihn nicht. Ich dachte, dass ich ihn kennen würde, aber das tat ich nicht. Die ganzen Jahre, die wir zusammen verbracht haben, dachte ich, wir seien perfekt. Das perfekte Paar, so haben sie uns genannt. Können Sie das glauben? Das perfekte Paar. Wir waren die Crème de la Crème, die junge Ärztin und der aufsteigende Starjournalist. Sie haben gesagt, dass er eines Tages einen Pulitzer-Preis gewinnen würde.« Ich bemerke am Rande, dass ich einfach rede, aber ich kann nicht aufhören. Die Worte schießen aus mir heraus, all die angestaute Bitterkeit und der Schmerz. »Meine Eltern waren an unserem Hochzeitstag so stolz, so glücklich. Sie hatten keine Ahnung, was kommen würde, was passieren würde.«

»Sara. Konzentriere dich auf mich«, sagt die Megaphon-Stimme, und ich höre einen leichten ausländischen Akzent. Dieser Akzent gefällt mir, führt dazu, dass ich mich vorbeugen und meine Hand auf diese gemeißelten Lippen legen möchte, mit meinen Fingern über dieses …harte Kinn fahren möchte, um zu sehen, ob es kratzig ist. Ich mag kratzig. George kam häufig von seinen Reisen nach Hause und war kratzig, und ich mochte es. Ich mochte es, auch wenn ich ihm immer gesagt habe, er solle sich rasieren. Er sah rasiert besser aus, aber manchmal mochte ich das kratzige Gefühl, mochte es, das Kratzen auf meinen Schenkeln zu spüren, wenner …

»Sara, hör auf«, unterbricht mich die Stimme, und das Stirnrunzeln des exotisch hübschen Gesichts vertieftsich.

Ich habe laut gesprochen, wird mir klar, aber es ist mir überhaupt nicht peinlich. Die Worte gehören nicht zu mir; sie platzen einfach beliebig heraus. Meine Hände tun auch das, was sie wollen, und versuchen, dieses Gesicht zu berühren, bevor etwas sie innehalten lässt. Ich senke meinen schweren Kopf, um nachzuschauen, was es ist, und erblicke Kabelbinder an meinen Handgelenken und eine große Männerhand über meinen Handflächen. Diese Hand ist warm, und sie fixiert meine Hände auf meinem Schoß. Warum tut sie das? Woher kam diese Hand? Als ich verwirrt nach oben schaue, befindet sich das Gesicht näher an mir, und graue Augen starren in meine.

»Du musst mir sagen, wo dein Mann ist«, sagt der Mann, und das Megaphon kommt näher. Es hört sich so an, als befände es sich genau neben meinem Ohr. Ich zucke zusammen, aber gleichzeitig fasziniert mich dieser Mund. Ich will diese Lippen berühren, sie lecken, sie auf meinen – Moment. Sie fragen mich etwas.

»Wo mein Mann ist?« Meine Stimme hört sich so an, als halle sie von den Wänden wider.

»Ja, George Cobakis, dein Mann.« Die Lippen sehen verlockend aus, als sie die Worte formen, und der Akzent ist trotz dieses Megaphon-Effekts wie eine Streicheleinheit für mich. »Sag mir, wo erist.«

»In Sicherheit. Er ist in einer geheimen Unterkunft«, antworte ich. »Sie könnten ihn suchen. Sie wollten nicht, dass er über diese Sache schreibt, aber er tat es trotzdem. Er war so mutig, oder dumm – wahrscheinlich dumm, stimmt’s? Und dann ist der Unfall passiert, aber sie könnten immer noch hinter ihm her sein, weil sie genau das tun. Die Mafia interessiert es nicht, dass er jetzt den IQ eines Gemüses hat, einer Gurke, einer Tomate, einer Zucchini. Na ja, Tomate ist eine Frucht, aber er ist wie ein Gemüse. Ein Brokkoli vielleicht? Ich weiß es nicht. Aber das ist auch nicht wichtig. Es ist einfach so, dass sie an ihm ein Exempel statuieren wollen, anderen Journalisten, die an seiner Seite stehen, Angst einjagen wollen. Das tun sie; so funktionieren sie. Es geht immer um Bestechungen, und wenn man das ans Licht bringt …«

»Wo ist sein Versteck?« Ich sehe ein dunkles Glitzern in diesen stählernen Augen. »Sag mir die Adresse seines geheimen Unterschlupfes.«

»Ich kenne die Adresse nicht, aber es befindet sich an der Ecke Ricky’s Laundromat in Evanston«, erzähle ich diesen Augen. »Sie bringen mich immer in einem Auto dorthin, also kenne ich die genaue Adresse nicht, aber ich habe das Gebäude von einem Fenster aus gesehen. Es sind mindestens zwei Männer in diesem Auto, und sie fahren ewig umher, manchmal wechseln sie sogar das Auto. Der Grund dafür ist die Mafia, weil sie alles beobachten könnte. Sie schicken immer ein Auto, das mich abholt, aber dieses Wochenende konnten sie nicht kommen. Wichtige Termine, haben sie gesagt. Das passiert manchmal; die Schichten der Wächter passen nicht und …« …»Wie viele Wächter gibt esdort?«

»Drei, manchmal vier. Es sind diese großen Militärtypen. Oder Ex-Militär, das weiß ich nicht. Sie sehen einfach danach aus. Ich weiß nicht, warum, aber sie sehen alle so aus. Das ist wie ein Kronzeugenschutz, aber irgendwie auch nicht, weil er spezielle Pflege benötigt, aber ich meinen Job nicht verlassen kann. Ich will meinen Job nicht verlassen. Sie haben gesagt, sie könnten mich versetzen, mich verschwinden lassen, aber ich möchte nicht verschwinden. Meine Patienten brauchen mich, und meine Eltern. Was sollte ich mit meinen Eltern tun? Sie nie wiedersehen oder anrufen? Nein, das ist verrückt. Also haben sie das Gemüse verschwinden lassen, die Gurke, den Brokkoli …«

»Sara, schscht.« Finger legen sich auf meinen Mund, lassen den Strom der Worte verstummen, und das Gesicht kommt noch näher. »Du kannst jetzt damit aufhören. Es ist vorbei«, flüstert der sexy Mund, und ich öffne meine Lippen, um an diesen Fingern zu saugen. Ich schmecke Salz und Haut, und ich will mehr, also lege ich meine Zunge um seine Finger, fühle die Rauheit seiner Schwielen und die stumpfen Kanten seiner kurzen Nägel. Es ist schon so lange her, seit ich jemanden berührt habe, und mein Körper erwärmt sich bei diesem kleinen Vorgeschmack, bei diesem Blick in diese silberfarbenen Augen.

»Sara …« Seine Stimme mit diesem Akzent ist jetzt leiser, tiefer und weicher. Sie gleicht keinem Megaphon mehr, sondern ist eher wie ein sinnliches Echo, wie Musik von einem Synthesizer. »Das möchtest du nicht tun, ptichka.«

Doch, genau das will ich. Und zwar unbedingt. Ich fahre weiterhin mit meiner Zunge um die Finger und sehe, wie sich die grauen Augen verdunkeln, wie sich die Pupillen sichtbar weiten. Ich weiß, dass das ein Zeichen von Erregung ist, und es bringt mich dazu, mehr tun zu wollen. Ich will seine gemeißelten Lippen küssen, will meine Wange an diesem stacheligen Kinn reiben. Und dann sind da noch diese Haare, diese dunklen, vollen Haare. Fühlen sie sich weich oder eher hart an? Ich will es wissen, aber ich kann meine Hände nicht bewegen, also nehme ich seine Finger einfach tiefer in meinen Mund, liebe sie mit meinen Lippen und meiner Zunge, sauge an ihnen, so als seien sie ein Lutscher.

»Sara.« Die Stimme ist belegt und rau, das Gesicht voll kaum zurückgehaltenem Hunger. »Du musst damit aufhören, Ptichka. Du wirst es morgen bereuen.«

Bereuen? Ja, wahrscheinlich werde ich das. Ich bereue alles, so viele Dinge, und ich lasse die Finger los, um genau das zu sagen. Aber bevor ich ein Wort sagen kann, ziehen sich die Finger zurück, und auch das Gesicht entfernt sich vonmir.

»Geh nicht.« Dieser Ausruf ist kläglich, hört sich an, als käme er von einem anhänglichen Kind. Ich will mehr von dieser menschlichen Berührung, dieser Verbindung. Mein Kopf fühlt sich leer an, und alles an mir schmerzt, besonders mein Nacken und meine Schultern. Außerdem krampft mein Bauch. Ich will, dass jemand meine Haare kämmt, meinen Nacken massiert und mich wie ein Baby hin und her schaukelt. »Bitte, geh nicht.«

Etwas, das vage an Schmerz erinnert, flackert kurz auf dem Gesicht des Mannes auf, bevor ich erneut den kalten Einstich der Nadel in meinem Hals spüre.

»Auf Wiedersehen, Sara«, murmelt die Stimme, und schon bin ich weg, da mein Verstand dahinweht wie ein gefallenes Blatt.

4

Sara

Die Kopfschmerzen. Als Erstes bemerke ich die Kopfschmerzen. Mein Schädel fühlt sich an, als wolle er zerspringen, und die Schmerzwellen sind wie Trommelschläge in meinemKopf.

»Dr. Cobakis … Sara, können Sie mich hören?« Die weibliche Stimme ist weich und sanft, aber sie jagt mir Angst ein. In dieser Stimme liegt eine Mischung aus Besorgnis und unterdrückter Dringlichkeit. Ich höre diesen Ton die ganze Zeit im Krankenhaus, und er …bedeutet nie etwas Gutes.

Ich versuche, meinen pochenden Schädel nicht zu bewegen, zwinge mich dazu, meine Augen zu öffnen und muss wegen des grellen Lichts blinzeln. »Was … wo …?« Meine Zunge ist dick und unbeweglich, und mein Mund ist schmerzhaft trocken.

»Hier, trinken Sie das.« Ein Strohhalm wird an meinen Mund gehalten, und ich nehme ihn und sauge gierig das Wasser ein. Meine Augen beginnen, sich an das Licht zu gewöhnen, und ich kann den Raum erkennen. Ich bin in einem Krankenhaus, aber nicht in meinem Krankenhaus, wie ich an der Zimmereinrichtung erkennen kann. Außerdem bin ich nicht dort, wo ich eigentlich bin. Ich stehe nicht an einem Krankenhausbett; ich liege in einem.

»Was ist passiert?«, frage ich heiser. Als ich etwas klarer im Kopf werde, bemerke ich, dass mir übel ist und ich weitere Beschwerden und Schmerzen habe. Mein Rücken fühlt sich wie ein riesiger Bluterguss an, und mein Hals ist steif und wund. Meine Kehle fühlt sich auch rau an, so als hätte ich geschrien oder mich übergeben, und als ich meine Hand anhebe, um sie zu berühren, fühle ich eine dicke Bandage auf der rechten Seite meines Halses.

»Sie wurden überfallen, Dr. Cobakis,« sagt eine Frau mittleren Alters sanft, und ich erkenne ihre Stimme als dieselbe wieder, die eben gesprochen hat. Sie ist mit einem Schwesternkittel bekleidet, aber irgendwie sieht sie nicht wie eine Krankenschwester aus. Als ich sie verständnislos anstarre, fährt sie fort: »In Ihrem Haus. Ein Mann kam zu Ihnen. Können Sie sich an irgendetwas erinnern?«

Ich blinzele und versuche, diese verwirrende Aussage zu verstehen. Ich fühle mich, als sei ein riesiger Wattebausch in mein Gehirn gestopft worden – zusammen mit einer dröhnenden Trommel. »Mein Haus? Überfallen?«

»Ja, Dr. Cobakis«, antwortet eine männliche Stimme, und ich zucke instinktiv zusammen, und mein Puls rast, noch bevor ich die Stimme erkenne. Vorsichtig drehe ich meinen schmerzenden Kopf, blicke Agent Ryson an, und mein Magen zieht sich bei dem Ausdruck seines blassen, wettergegerbtem Gesichts zusammen. Bruchstücke meiner Qualen steigen in meinen Erinnerungen auf, und mit ihnen überkommt mich eine Welle von Entsetzen.

»George, ister …«

»Es tut mir leid.« Die Falten auf Rysons Stirn vertiefen sich. »Letzte Nacht wurde auch eines unserer Geheimverstecke überfallen. George … hat nicht überlebt. Genauso wenig wie die drei Wächter.«

»Was?« Es fühlt sich an, als punktierte ein Skalpell meine Lunge. Ich kann seine Worte nicht aufnehmen, das Unfassbare, was sie sagen, nicht verarbeiten. »Er … er ist tot?« Dann fällt mir der Rest der Aussage ein. »Und die drei Wächter? Was … wie …?«

»Dr. Cobakis – Sara.« Ryson tritt näher an mich heran. »Ich muss ganz genau wissen, was letzte Nacht geschehen ist, damit wir ihn verstehen können.«

»Ihn? Wer ist ihn?« Bis jetzt ist es immer sie gewesen, die Mafia, und ich bin zu benommen für den plötzlichen Wechsel des Pronomens. George ist tot. George und drei Wächter. Das will mir nicht in den Kopf, und ich erzwinge es auch nicht. Noch nicht, zumindest. Bevor ich Trauer und Schmerz zulassen kann, muss ich weitere Erinnerungen freilegen, das schreckliche Puzzle zusammensetzen.

»Sie kann sich vielleicht nicht erinnern. Der Drogencocktail in ihrem Blut war ziemlich stark«, meint die Krankenschwester, und mir wird klar, dass sie zu Agent Ryson gehören muss. Das würde erklären, warum er so offen vor ihr spricht, obwohl er normalerweise so diskret ist, dass es an Paranoia grenzt.

Während ich das verarbeite, tritt die Frau näher an mich heran. Ich bin mit einem Monitor verbunden, der die Vitalfunktionen überwacht, und sie überprüft die Blutdruckmanschette an meinem Arm, bevor sie leicht meinen Unterarm drückt. Ich blicke auf meinen Arm, und Kälte breitet sich in meiner Brust aus, als ich eine dünne, rote Linie um mein Handgelenk sehe. Mein anderes Handgelenk weist sie ebenfallsauf.

Kabelbinder. Diese Erinnerung überkommt mich mit plötzlicher Klarheit. Ich hatte Kabelbinder um meine Handgelenke.

»Er hat mich gewaterboarded. Als ich ihm trotzdem nicht sagen wollte, wo George ist, hat er mir eine Nadel in den Hals gestochen.«

Ich bemerke nicht, dass ich das laut gesagt habe, bis ich das Entsetzen auf dem Gesicht der Schwester sehe. Agent Rysons Gesicht ist gefasster, aber ich weiß trotzdem, dass er auch entsetztist.

»Das tut mir leid.« Seine Stimme ist angespannt. »Wir hätten das vorhersehen müssen, aber da er die Familien der anderen nicht verfolgt hat, und Sie nicht wegziehen wollten … Trotzdem hätten wir wissen müssen, dass er auf keinen Fall aufhören würde …«

»Welche anderen? Wer ist er?« Meine Stimme wird lauter, als weitere Erinnerungen in meinem Kopf hochkommen. Messer an meiner Kehle, nasser Stofffetzen auf meinem Gesicht, Nadel in meinem Hals, kann nicht atmen, kann nicht atmen …

»Karen, sie hat eine Panikattacke! Tu etwas.« Rysons Stimme ist hektisch, als die Monitore zu piepen beginnen. Ich hyperventiliere und zittere, aber trotzdem finde ich die Kraft, auf diese Monitore zu schauen. Mein Blutdruck ist in die Höhe geschnellt, und mein Puls ist gefährlich schnell, aber diese Zahlen zu sehen beruhigt mich. Ich bin eine Ärztin. Das ist meine Umgebung, die Umgebung, in der ich mich wohlfühle.

Ich schaffe das. Einatmen. Ausatmen. Ich bin nicht schwach. Einatmen. Ausatmen.

»So ist es gut, Sara. Atmen Sie einfach weiter.« Karens Stimme ist sanft und beruhigend, während sie meinen Arm streichelt. »Sie schaffen das. Atmen Sie einfach tief ein und aus. Genau so. So ist es gut. Und noch einmal. Und noch einmal …«

Ich folge ihren sanften Anweisungen, während ich die Zahlen auf den Monitoren verfolge, und langsam lässt das Gefühl, zu ersticken, nach, und meine Vitalfunktionen stabilisieren sich. Weitere dunkle Erinnerungen dringen an die Oberfläche, aber ich bin noch nicht bereit, mich ihnen zu stellen. Ich schiebe sie beiseite und schlage so fest ich kann eine geistige Tür vor ihnenzu.

»Wer ist er?«, frage ich, als ich wieder sprechen kann. »Was meinen Sie mit ›die anderen‹? George hat diesen Artikel allein geschrieben. Warum ist die Mafia hinter jemand anderemher?«