Mein Schicksal - Anna Zaires - E-Book
Beschreibung

"Das Schicksal machte uns zu Feinden. Ich habe aus uns Liebhaber gemacht. In einer anderen Welt wären wir füreinander bestimmt gewesen. Das ist nicht diese Welt. Hinweis: Für einen optimalen Lesespaß empfehlen wir, die Trilogie Verschleppt zu lesen, bevor Sie dieses Buch beginnen."

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Seitenzahl:472

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Beliebtheit


Mein Schicksal

Mein Peiniger: Buch 3

Von Anna Zaires

Übersetzt vonGrit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Inhalt

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Teil II

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Teil III

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Teil IV

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Epilog

Auszug aus Twist Me - Verschleppt

Auszug aus Gefährliche Begegnungen

Über die Autorin

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2018 Anna Zaires

https://www.annazaires.com/book-series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover Design von Najla Qamber Designs

najlaqamberdesigns.com

e-ISBN: 978-1-63142-398-7

Print ISBN: 978-1-63142-399-4

Teil I

1

Sara

Warme Lippen drücken gegen meine Wange, der Kuss ist weich und zärtlich, auch wenn ich einen Tag alte Bartstoppeln spüre.

»Wach auf, Ptichka«, flüstert eine vertraute Stimme mit ausländischem Akzent in mein Ohr, während ich einen schläfrigen Protest murmele und mich tiefer ins Kissen kuschle. »Es ist Zeit, zu gehen.«

»Hmm-mm.« Ich halte die Augen geschlossen und lasse meinen Traum nicht los. Es war ausnahmsweise einmal ein angenehmer Traum, mit einem sonnigen See, einem Paar tobender Hunde und Peter, der mit meinem Vater Schach spielt. Die Einzelheiten verblassen bereits in meinem Kopf, aber das leichte, euphorische Gefühl bleibt, auch wenn sich die Realität zusammen mit der bitteren Erkenntnis, dass der Traum unmöglich ist, einschleicht.

»Komm schon, meine Liebe.« Er drückt einen sanften Kuss auf die empfindliche Unterseite meines Ohres und sendet angenehme Schauer durch mich hindurch. »Das Flugzeug wartet. Du kannst auf dem Heimweg schlafen.«

Der letzte Rest des Traums verblasst, und ich rolle mich auf meinen Rücken und unterdrücke ein Stöhnen über den anhaltenden Schmerz in meiner linken Schulter, während ich meine Augen öffne, um dem warmen, silbernen Blick meines Entführers zu begegnen. Er beugt sich über mich, ein zärtliches Lächeln umspielt seine gemeißelten Lippen, und einen Moment lang verstärkt sich die euphorische Leichtigkeit.

Wir sind am Leben, und er ist hier bei mir. Ich kann ihn berühren, küssen, fühlen. Sein Gesicht ist schlanker als zuvor, ausgehöhlt durch Stress und Schlafentzug, aber der Gewichtsverlust verstärkt nur seine männliche Schönheit, schärft die Wölbung dieser exotisch geformten Wangenknochen und betont die starke Linie seines Kiefers.

Er ist umwerfend, dieser Mörder, der mich liebt.

Der Mörder meines Mannes, der mich nie freilassen wird.

Meine Brust verengt sich, da meine Freude durch den vertrauten Selbsthass und die Schuldgefühle verdorben wird. Vielleicht wird es einen Tag geben, an dem ich mich nicht mehr so widersprüchlich fühle, so zerrissen, dass ich den Mann brauche, der mich ansieht, als wäre ich sein Leben, aber im Moment kann ich nicht vergessen, was er ist und was er getan hat.

Ich kann die Schande nicht vergessen, dass ich mich in meinen Peiniger verliebt habe.

Peters Lächeln verblasst, und ich weiß, er spürt meine Gedanken, liest die Schuldgefühle und Anspannung in meinem Gesicht. In den letzten zwei Wochen, seit ich hier in der Klinik aufgewacht bin, habe ich es vermieden, über die Zukunft nachzudenken und darüber, was zu dem Unfall geführt hat. Ich brauchte Peter zu sehr, um ihn wegzustoßen, und er brauchte mich. Aber heute Morgen kehren wir zu seinem Versteck in Japan zurück, und ich kann meinen Kopf nicht mehr im Sand verstecken.

Ich kann nicht so tun, als ob der Mann, an den ich mich klammere, nicht die Absicht hätte, mich für den Rest meines Lebens gefangen zu halten.

»Nicht, Sara.« Seine Stimme ist tief und weich, auch wenn das warme Silber seines Blicks zu eisigem Stahl abkühlt. »Tu das nicht.«

Ich blinzele und entspanne meine Gesichtszüge. Er hat recht: Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Ich stütze mich auf meinen rechten Ellenbogen und sage ruhig: »Ich sollte mich anziehen. Wenn du mich bitte entschuldigst …«

Er richtet sich auf und macht mir Platz, damit ich mich hinsetzen kann. Ich bin dankbar für meinen Krankenhauskittel, als ich aus dem Bett schlüpfe und ins Badezimmer eile, bevor er seine Meinung ändert und beschließt, die Diskussion doch noch zu führen. Wir müssen darüber reden, was passiert ist – die Konfrontation ist längst überfällig –, aber ich bin nicht bereit dafür. In den letzten zwei Wochen waren wir uns näher als je zuvor, und ich will das nicht aufgeben.

Ich will Peter nicht wieder als meinen Feind sehen.

Während ich mir die Zähne putze, betrachte ich die diagonale Narbe auf meiner Stirn, wo ein Glassplitter eine lange Wunde hinterließ. Die plastischen Chirurgen in der Klinik haben gute Arbeit geleistet, um das zu korrigieren, was ein entstellender Makel gewesen sein könnte, und seit die Fäden gezogen wurden, sieht die Narbe schon weniger schlimm aus. In ein paar Wochen wird sie eine dünne weiße Linie sein, und in ein paar Jahren vielleicht völlig unsichtbar, genau wie die schwachen blauen Flecken, die immer noch mein Gesicht schmücken.

Wenn das Kind, das Peter mir aufzwingen will, alt genug ist, um Fragen zu stellen, sollte von meinem katastrophalen Fluchtversuch keine Spur mehr zu sehen sein.

Mein Atem stockt bei dem Gedanken, und ich drücke die Hand gegen meinen Unterleib und zähle die Tage mit wachsender Angst. Es ist zweieinhalb Wochen her, seit wir ungeschützten Sex während eines potenziell fruchtbaren Fensters hatten, was bedeutet, dass meine Periode vor ein paar Tagen hätte beginnen sollen. Durch die Operationen und die Medikamente habe ich nicht auf das Datum geachtet, aber jetzt, da ich nachrechne, merke ich, dass ich spät dran bin. Nicht so spät, dass ich in den kompletten Panikmodus verfalle, aber spät genug, um mir ernsthafte Sorgen zu machen.

Ich könnte schon schwanger sein.

Mein erster Impuls ist, die nächste Schwester zu finden und einen Bluttest zu verlangen. Ich bin mir sicher, dass sie mich vor zwei Wochen auf eine Schwangerschaft getestet haben, als ich nach dem Unfall in die Klinik gebracht wurde, aber die ersten Spuren von hCG in meinem Blutkreislauf würden erst sieben bis zwölf Tage nach der Empfängnis nachzuweisen sein. Ich würde zweifellos negativ getestet werden, und sie hätten keinen Grund, mich erneut zu testen.

Keinen Grund, außer dass meine Periode zu spät ist.

Ich greife schon nach der Türklinke, als ich innehalte. Sobald ich den Bluttest mache, wird Peter es wissen. Er wird vor mir Zugang zu den Ergebnissen haben, und etwas in mir schreckt bei diesem Gedanken zurück. Ich hatte bisher keine Wahl, keine Kontrolle über irgendetwas in unserer Beziehung, und ich muss mich so fühlen, als hätte ich sie jetzt, auch wenn es nur in diesem einen Fall so ist.

Wenn es ein Kind gibt, wächst es in meinem Körper, und ichmöchte entscheiden, wann ich diese Neuigkeit teilen möchte.

Es ist keine rationale Entscheidung, ich weiß. Peter ist nicht dumm. Er kann auch Tage zählen. Wenn er noch nicht gemerkt hat, dass meine Periode ausgeblieben ist, wird er es bald, und dann wird er wissen, dass er gewonnen hat, dass wir in guten wie in schlechten Zeiten durch das Bündel von Zellen, das vielleicht schon in mir wächst, miteinander verbunden sind.

Von dem Kind, das einem Mörder geboren werden wird, der von den Behörden weltweit gejagt wird, und seinem gefangenen Objekt seiner Besessenheit.

Ein schmerzhaftes Pochen beginnt hinter meinem linken Auge, als ich plötzlich und unerbittlich Kopfschmerzen bekomme. Ich kann es nicht vermeiden, an die Zukunft zu denken, kann es mir nicht leisten, jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt, und auf das Beste zu hoffen.

Ich muss das Baby beschützen, aber ich weiß nicht, wie.

Ich kann nicht entkommen, und Peter wird mich nie freilassen.

2

Peter

Sara ist ungewöhnlich ruhig, als wir die Klinik verlassen, ihre schlanken Finger fühlen sich in meiner Hand kalt an, was mir sagt, dass sie wieder Zweifel an uns hegt, ihr überaktiver Geist alle Gründe durchgeht, warum das, was wir haben, falsch ist und nicht funktionieren kann.

Ich wünschte, ich könnte sie beruhigen, ihr meinen neuen Plan erklären und ihr sagen, dass sie nur Geduld haben muss, aber ich möchte keine Versprechungen machen, die ich vielleicht nicht halten kann. Mein Plan ist so vielschichtig, besteht aus so vielen beweglichen Teilen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns viel größer ist als die eines Erfolgs.

Wenn ich das Angebot von Danilo Novak annehme, Julian Esguerra zu eliminieren, werden mein Team und ich uns mit dem gefährlichsten Mann, den ich kenne, anlegen.

Unter anderen Umständen würde ich die Idee nicht einmal in Erwägung ziehen. Esguerra hat geschworen, mich zu töten, weil ich seine Frau einmal in Gefahr gebracht habe, um ihn zu retten, aber vorher habe ich ein Jahr lang für ihn als Sicherheitsberater gearbeitet, um die Liste der Personen zu bekommen, die in das Massaker meiner Familie verwickelt waren. Ich kenne den kolumbianischen Waffenhändler; ich habe gesehen, wie gewalttätig und gnadenlos er ist. Seine Organisation hat im Alleingang eine der tödlichsten Terrorgruppen der Geschichte ausgelöscht, und er hat unsagbar grausame Dinge mit anderen Feinden gemacht. Mit seinem enormen Reichtum und seinen Kontakten zu Regierungen auf der ganzen Welt ist Esguerra fast unantastbar und sein Anwesen im Amazonas-Dschungel eine militärische Festung. Deshalb bietet Novak auch so viel Geld: Weil niemand, der bei klarem Verstand ist, gegen einen so mächtigen und rücksichtslosen Menschen antreten würde.

Der einzige Grund, warum ich überhaupt darüber nachdenke, ist Sara.

Ich muss den Unfall wiedergutmachen, der sie fast getötet hätte.

Ich muss alles tun, um ihr das Leben zu geben, das sie verdient.

Anton ist schon im Flugzeug, als die Zwillinge und ich mit Sara ankommen, und sobald ich sie sicher hingesetzt habe, heben wir ab. Es ist ein vierzehnstündiger Flug nach Japan. Sobald wir in der Luft sind, ziehe ich Saras Turnschuhe aus und schlage ihr eine Decke um die Füße, in der Hoffnung, dass es für sie bequem genug ist, um ein Nickerchen zu machen.

Ich habe seit dem Unfall selbst nicht viel geschlafen, aber ich möchte, dass sie sich ausruht und gesund wird.

Sie sieht mich mit düsteren haselnussbraunen Augen an, als ich nach meinem Laptop greife, und ich frage: »Hast du Hunger, mein Liebling?«

Wir haben gefrühstückt, bevor wir die Klinik verlassen haben, aber sie hat kaum etwas gegessen, also habe ich extra Sandwiches für den Flug mitgebracht.

Sie schüttelt ihren Kopf. »Nein, danke.« Ihre Stimme ist melodiös und ein wenig rau – die Stimme einer Sängerin, wie ich immer gedacht habe. Ich möchte ihr für immer zuhören, ob sie nun spricht oder einen der Popsongs, die sie liebt, singt. Vor allem aber möchte ich sie unserem Baby ein Schlaflied singen hören, damit das Kind weiß, dass es sicher ist und geliebt wird.

Angestrengt schiebe ich dieses verführerische Bild beiseite. Ich kann jetzt nicht daran denken, eine Familie mit Sara zu gründen … nicht, wenn ich eine so gefährliche Aufgabe vor mir habe.

Es ist das Beste, wenn Sara nicht schwanger ist, und bis wir diese Hürde genommen haben, werde ich dafür sorgen, dass es so bleibt.

3

Peter

»Du hast was getan?«

Anton starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren, und sein bärtiges Kinn klappt vor Entsetzen nach unten. Wie ich sind die Jungs trotz unserer späten Ankunft gestern Abend früh auf, also dachte ich, dass ich sie über unsere nächste Mission informieren sollte, bevor Sara aufwacht.

»Ich habe ein Treffen mit Novak angesetzt«, wiederhole ich, wobei ich ein Ei in eine Rührschüssel schlage, bevor ich ein wenig Milch einrühre. »Wir fliegen Mitte Dezember nach Belgrad. Der serbische Bastard ist zu paranoid und hat gesagt, er würde die Einzelheiten über das, was er in Esguerras Organisation hat, nur persönlich mitteilen, nicht per E-Mail oder am Telefon.«

Yan lehnt sich an einen nahegelegenen Tresen, und seine grünen Augen sehen kühl-amüsiert aus, als er seine Beine auf Knöchelhöhe überkreuzt. »Warum Mitte Dezember? Es ist erst Anfang November.«

Ich zucke mit den Schultern. »Wir haben es nicht eilig, und er auch nicht.« Letzteres stimmt eigentlich nicht. Novak wollte sich nächste Woche mit mir treffen, aber ich habe die Zusammenkunft auf nächsten Monat verschoben. Sobald wir den Ball ins Rollen bringen, wird es kein Halten mehr geben, und ich bin noch nicht bereit.

Ich will – nein, ich muss – Zeit mit Sara verbringen, bevor ich mich auf diese Mission begebe. Außerdem sind unsere Hacker Wally Henderson auf den Fersen und könnten bald eine weitere heiße Spur entdecken. Er ist der letzte Name auf meiner Liste und bei weitem der schwierigste. Er ist auch der General, der für die Daryevo-Operation verantwortlich war – was ihn zum direktesten Verantwortlichen für das Massaker an meiner Frau und meinem Sohn macht. Ohne Saras Unfall hätten wir ihn vielleicht in Neuseeland erwischt, als das Bild seiner Frau auf Instagram erschien, als ein ahnungsloser Besitzer eines Weingutes stolz seine Kundschaft dort postete. Als wir jedoch in die Schweizer Klinik fuhren und ich mich wieder genug zusammenreißen konnte, um meine Männer nach ihm suchen zu lassen, war er bereits wieder untergetaucht. Aber dieses Mal ist seine Spur frisch, und unsere Hacker haben eine bessere Vorstellung davon, wo sie suchen müssen.

Wir werden Walter Henderson III. finden, und wenn wir das tun, werde ich den sookin syn in kleine Stücke zerlegen.

Ilya runzelt die Stirn, und seine Schädeltattoos glänzen im Morgenlicht, als er sich auf einen Barhocker setzt. »Bist du dir da sicher, Mann? Hundert Millionen sind gepfeffert, aber wir reden hier von Esguerra. Kent wird mit reingezogen und …«

»Scheiß auf Kent.« Ich zerschlage das nächste Ei so heftig, dass es an die Seite der Rührschüssel spritzt. »Dieser Bastard verdient es, nachdem er die Sache mit Sara versaut hat.«

»Aber Esguerra?«, fragt Anton, als er über seinen Schock hinwegkommt. »Der Kerl hat eine kleine Armee auf seiner Gehaltsliste, und sein Anwesen im Dschungel – du hast selbst gesagt, dass es uneinnehmbar ist. Wie zum Teufel sollen wir …«

»Deshalb treffen wir uns mit Novak, um herauszufinden, was er im Ärmel hat.« Ich fange an, die Geduld zu verlieren. »Ich bin doch nicht selbstmordgefährdet, wir machen das nur, wenn wir lebend aus der Sache rauskommen.«

»Wirklich?« Yan geht durch die Küche und setzt sich auf einen Barhocker neben seinen Bruder. »Bist du dir da sicher? Weil Sara unter Kents Aufsicht verletzt wurde.«

Seine Stimme ist seidenweich, aber ich erkenne eine Herausforderung, wenn ich sie höre.

Mit ruhigem Gesichtsausdruck gehe ich zum Waschbecken und wasche mir alle Spuren von rohem Ei von den Händen. Anton, der mich am besten kennt, entfernt sich vorsichtig, aber die Ivanov-Zwillinge rühren sich nicht von ihren Plätzen und sehen mich mit identischen grünen Augen an, während ich ruhig die Bar umrunde und mich Yan nähere.

»Also glaubst du, dass ich mit meinem Schwanz denke?« Die Sanftheit meiner Stimme passt zu seiner. »Du glaubst, ich bin bereit, uns alle umzubringen, um Kent dafür zu bestrafen, dass er Sara einen Unfall haben ließ?«

Yan dreht seinen Barhocker, um mir direkt ins Gesicht zu schauen. »Ich weiß es nicht.« Sein Ausdruck ist leicht amüsiert, aber seine Augen sind kalt und scharf. »Tust du es?«

Meine Lippen verziehen sich zu einem grimmigen Lächeln, während sich meine rechte Hand um das Klappmesser in meiner Tasche schließt. »Und wenn ich es täte?«

Yan erwidert meinen Blick für ein paar angespannte Sekunden, während die Luft im Raum dicker wird. Ich mag Yan, aber ich kann den Ungehorsam nicht zulassen. Er wusste, worauf er sich einließ, als er sich diesem Team anschloss. Er war sich dessen voll bewusst, dass er mir mit meiner persönlichen Agenda helfen muss, um an dem lukrativen Geschäft teilzunehmen, das ich aufgebaut habe. Das war unser Deal, und ich habe vor, ihn dazu zu bringen, sich daran zu halten, auch wenn es jetzt Sara ist, die mich zu meinen Handlungen motiviert, anstatt meine tote Frau und mein Sohn.

»Yan.« Ilyas Stimme ist ruhig, als er aufsteht und eine massive Hand auf die Schulter seines Bruders legt. »Peter weiß, was er tut.«

Yan schweigt noch einen Moment, dann neigt er seinen Kopf mit einem harten Lächeln. »Ja, da bin ich mir sicher. Er ist schließlich der Teamleiter.«

Seine Worte sind versöhnlich, aber ich lasse mich nicht täuschen. Ich muss bei dieser Mission besonders wachsam sein.

Yan könnte die Sache leicht verkomplizieren.

4

Sara

Als wir fünf frühstücken, komme ich nicht umhin, die Spannung am Tisch zu bemerken. Ich weiß nicht, ob etwas passiert ist, bevor ich herunterkam, oder ob jeder so mit dem Jetlag zu kämpfen hat wie ich, aber die lockere Kameradschaft, die ich immer zwischen Peter und seinen Männern wahrgenommen habe, scheint heute Morgen nicht da zu sein.

Statt miteinander zu scherzen und mich mit Anekdoten über Russland zu unterhalten, verschlingen Peters Teamkollegen schweigend und schnell ihre Omeletts, bevor Anton den Hubschrauber für eine Versorgungsfahrt nimmt und die Zwillinge zu einer Trainingseinheit im Wald aufbrechen.

»Was ist los?«, frage ich Peter, als wir die Einzigen in der Küche sind. »Habt ihr euch gestritten?«

»So ähnlich.« Er steht auf, um die leeren Teller wegzuräumen. »Sagen wir einfach, dass nicht jeder mit meinen Plänen einverstanden ist.«

»Welche Pläne?«

»Ich denke darüber nach, ein weiteres Jobangebot anzunehmen – ein besonders lukratives.«

Ich runzele die Stirn und stehe auf, um ihm zu helfen, das Geschirr in die Spülmaschine einzuräumen. »Ist es gefährlich?«

Seinem Lächeln fehlt jede Spur von Humor. »Unser Leben ist gefährlich, Ptichka. Unsere Arbeit ist nur ein Teil davon.«

»Warum sind die Jungs dann dagegen?« Ich lege den Teller hin, den ich ausgespült habe, und wische mir die Hände an einem Geschirrtuch ab. »Ist es irgendwie schlimmer als deine üblichen Mission-Impossible-Aufträge?«

Sein stählerner Blick erwärmt sich bei meinem besorgten Ton. »Es ist nichts, worüber du dir Gedanken machen musst, mein Liebling – zumindest nicht für eine Weile. Wir werden den potenziellen Kunden nicht vor Mitte Dezember treffen, und dieses Treffen wird überhaupt erst entscheiden, ob wir diesen Job annehmen oder nicht.«

»Oh.« Meine Sorge nimmt leicht ab, da sie von wachsender Neugier verdrängt wird. »Triffst du diesen Kunden persönlich?« Als Peter nickt, frage ich: »Warum? Das machst du doch normalerweise nicht, oder?«

»Nein, aber diesmal machen wir eine Ausnahme.« Er scheint nicht vorzuhaben, das näher zu erklären, also beschließe ich, das Thema für den Moment fallenzulassen. Mitte Dezember ist Wochen entfernt, und er wird es mir sagen, wenn er bereit dazu ist – wahrscheinlich, wenn er sich nicht gerade mit seinen Teamkollegen gestritten hat.

Wir beenden das Aufräumen in geselliger Stille, und ich wundere mich, wie natürlich sich das alles anfühlt: mit Peter und seinen Männern frühstücken, abwaschen, über seine Arbeit reden. Es ist egal, dass wir uns auf einem unzugänglichen Berggipfel in Japan befinden, wo bereits einige Zentimeter Schnee den Boden bedecken, oder dass es sich bei der Arbeit um blutige Morde handelt. Meine Abwesenheit von hier – die Tage, die ich mit den Kents in Zypern verbracht habe, gefolgt von dem zweiwöchigen Aufenthalt in der Schweizer Klinik – beginnt schon, zu einer schlechten Erinnerung zu verblassen, ein beängstigendes Zwischenspiel in meinem neuen Leben.

Ein Leben, das mit jedem Tag, der hier vergeht, angenehmer und realer wird, an diesem fremden Ort, der sich wie zu Hause anfühlt.

Ich warte auf das schmerzhafte Gefühl von Selbsthass und Schuld, aber alles, was ich fühle, ist eine Art müde Resignation. Ich habe es satt, mich selbst und diese verwirrenden Gefühle zu bekämpfen, mich zu wehren und vorzugeben, dass der Mann, der mich mit diesen metallischen Augen betrachtet, nichts anderes als mein Entführer ist – dass ich mich in der Klinik nicht an ihn wie ein Babykoala an seine Mutter geklammert habe. Als ich heute Morgen allein in einem leeren Bett aufgewacht bin, wollte ich weinen – und das hatte nichts damit zu tun, dass ich meine Periode noch nicht bekommen habe.

Ich habe diesen Gedanken verdrängt, bevor ich wieder ausflippen konnte. Ja, ich bin jetzt einige Tage zu spät dran, aber es gibt andere mögliche Erklärungen für die Verzögerung. Stress, zum Beispiel, sowohl körperlich als auch emotional. Ohne Schwangerschaftstest und ohne andere Symptome kann ich zu diesem frühen Zeitpunkt nicht wissen, ob es sich um die Folgen des Unfalls oder des ungeschützten Sex handelt. Da ich also noch nicht bereit bin, dieses Thema bei Peter anzusprechen, muss ich es mir aus dem Kopf schlagen und auf das Beste hoffen.

Wenn ich schwanger bin, werden wir beide es früh genug wissen.

»Geht es dir gut?«, fragt Peter, wobei seine dunklen Augenbrauen sich besorgt zusammenziehen, und ich merke, dass ich versehentlich mein Gesicht so verzogen habe, als hätte ich Schmerzen.

»Ich habe nur Jetlag«, sage ich, und um seine Sorgen zu zerstreuen, setze ich ein strahlendes Lächeln auf. »Du weißt schon, langer Flug und so.«

»Ah.« Er hebt seine große Hand und berührt sanft die heilende Narbe auf meiner Stirn. »Du solltest dich die nächsten Tage schonen. Du bist noch nicht ganz gesund.« Sein Stirnrunzeln vertieft sich. »Vielleicht hätten wir länger in der Klinik bleiben sollen.«

Ich lache und schüttele den Kopf. »Oh, nein. Wir sind schon so eine Woche zu lange geblieben. Ich bin nur etwas müde, das ist alles.«

»In Ordnung.« Er sieht nicht überzeugt aus, und spontan stelle ich mich auf die Zehenspitzen und küsse die harte Linie dieses sinnlichen Mundes.

Es ist nur ein kurzer, verspielter Kuss, aber wir beide sind davon getroffen wie von einem Schlag. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, warum es sich so natürlich angefühlt hat, ihn so zu beruhigen. Es war nicht, weil ich Sex möchte, obwohl ich es will – er hat mich seit Zypern nicht mehr genommen, und mein Körper sehnt sich nach seiner Berührung. Nein, es war nur etwas, was ich tun wollte, etwas, was sich richtig anfühlte.

Er erholt sich zuerst, und ein langsames, verführerisches Lächeln erscheint auf seinen gemeißelten Lippen, als er nach mir greift, wobei ein Arm um meine Taille gleitet, um mich näher an sich zu ziehen, während die andere Hand sich sanft um mein Kinn legt und sein schwieliger Daumen über meine Wange streicht. »Sara …« Seine Stimme ist leise und heiser, so warm wie das Leuchten in seinem Blick. »Meine schöne Ptichka … Ich liebe dich so sehr.«

Meine Brust verengt sich und drückt die Luft in meiner Lunge zusammen. Er hat mir schon vorher gesagt, dass er mich liebt, aber nie so … nie mit dieser Tiefe des Gefühls. Es erschüttert mich bis auf die Knochen, denn zum ersten Mal glaube ich ihm.

Ich glaube ihm, und ich will es erwidern.

Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Hammerschlag. Ich habe so hart dagegen angekämpft, alles getan, um zu verhindern, dass ich mich in diesen Mann verliebe, um ihm zu entkommen. Doch schon als ich vor ihm weglief, wusste ich, dass ich auch vor mir selbst flüchtete, vor dem dunklen Teil in mir, der den Mörder meines Mannes umarmen will, um der Fantasie eines glücklichen Lebens mit dem Mörder nachzugeben, der mich von jedem, den ich liebe, gestohlen hat. Ich kämpfte, rannte, und irgendwo auf dem Weg ist es trotzdem passiert.

Ich habe mich in ihn verliebt.

Ich verliebte mich in den Mann, den ich hassen sollte, ein Monster, dessen Kind ich vielleicht in mir trage.

Er blickt mir in die Augen, und in seinen Augen sehe ich dieselbe heftige Sehnsucht, die ich so unbedingt zerstören wollte. Er braucht mich, mein tödlicher Entführer, braucht mich so sehr, dass er bereit ist, alles zu tun, um mich zu haben. Und aus irgendeinem Grund erschreckt mich dieses Wissen nicht mehr so sehr wie früher.

Ich weiß nicht, ob ich meine Gedanken irgendwie telegrafiere oder ob die Abstinenz der letzten zweieinhalb Wochen für Peter genauso schwer war wie für mich, aber das konzentrierte Feuer in seinem Blick brennt heller und der mächtige Arm um meine Taille spannt sich an und zieht mich gegen seinen Körper.

Seinen harten, voll erregten Körper.

Mein eigener Körper spannt sich an, zieht sich plötzlich vor Verlangen zusammen, während sich meine Hände heben, um gegen seine breite Brust zu drücken. Ich will ihn, so wie ich ihn die ganzen Nächte in der Klinik wollte, als ich platonisch in seiner Umarmung schlief. Er weigerte sich damals, mich anzufassen, aus Sorge um meine Verletzungen, aber ich habe keine Schmerzen mehr – zumindest nicht von dem Unfall.

Sein Kopf beugt sich nach unten, und ich begrüße seinen harten, verschlingenden Kuss. Das ist genau das, was ich will: von ihm in Besitz genommen werden, die Gewalt seiner Leidenschaft spüren. Er ist nicht mehr sanft, aber ich will auch nicht, dass er es ist. Ich will ihn genau so: rau und fast außer Kontrolle, dass er mich mit seinem Verlangen verzehrt und mich mit seinem überwältigenden Hunger brennen lässt.

Meine Hände landen irgendwie in seinen dunklen Haaren und krallen sich in die dicken, seidigen Strähnen, während ich ihn mit der gleichen Wildheit zurückküsse und unsere Zungen sich duellieren, während sich unsere Körper, durch die Barriere der Kleidung getrennt, aneinanderdrängen. Ich atme jetzt schwer, und er auch, als er mich gegen den Rand des Tresens drückt, mich auf ihn hebt, und meine Yogahose und meinen Tanga mit einem rauen Ruck herunterzieht. Dann ist sein Reißverschluss offen, und sein dicker Schwanz spießt mich auf und lässt mich wegen der brutalen Dehnung aufschreien. Wenn ich nicht so nass wäre, hätte er mich zerrissen, aber ich bin mehr als feucht vor Verlangen, und als er anfängt, in mich zu stoßen, schlinge ich meine Beine um seine Hüften, nehme ihn auf und umarme alles, was er zu geben hat.

Es dauert nicht lange, bis sich mein Körper zusammenzieht, sich in einem schwindelerregenden Tempo dem Höhepunkt nähert und seine Stöße schneller werden, bis der wilde Rhythmus uns beide an den Rand der Vernunft treibt. »Oh, fuck«, stöhnt er und wirft seinen Kopf zurück, als der Orgasmus ihn überrollt, und ich schreie, erschaudere vor quälendem Vergnügen, während meine inneren Muskeln sich um seinen pulsierenden Schwanz zusammenziehen. Die heißen Ergüsse seines Samens überschwemmen meinen Unterleib, und mein Körper krampft immer wieder, da die Entladung eine Ewigkeit anhält.

Als sie irgendwann vorbei ist, bemerke ich den unnachgiebigen Stein der schmalen Quarz-Theke unter meinem Rücken bewusst, und ebenso Peters schweres Gewicht, das mich niederdrückt. Wir atmen beide abgehackt, und selbst durch den Stoff seines Hemdes spüre ich den Schweiß, der seinen Rücken bedeckt.

Wir haben gerade auf der Küchentheke gefickt, wo uns jeder hätte erwischen können.

Wir haben es wie Tiere getan, so als hätten wir schon seit Jahren keinen Sex mehr gehabt.

Ein manisches Kichern entweicht mir, während Peter leise wütend flucht und mich wegstößt. Der donnernde, dunkle Ausdruck auf seinem Gesicht, als er seine Jeans hochzieht, lässt mich noch mehr lachen. Ich keuche wegen meines hysterischen Gelächters, während ich auf wackeligen Beinen vom Tresen rutsche und meine Hose und meinen String unter dem Geschirrspüler entdecke.

Ich bin von der Taille abwärts nackt.

Mein nackter Hintern lag auf der Küchentheke, wie ein Truthahn, der darauf wartet, gestopft zu werden.

Meine Hysterie erreicht einen neuen Höhepunkt, und ich beuge mich mach vorn und lache so sehr, dass mir Tränen aus den Augen strömen. Peter starrt mich an, als sei ich verrückt geworden, und das macht es nur noch schlimmer, denn ich weiß, wie ich aussehen muss, so nackt mit einem irren Lachen.

Nach ein paar Minuten beruhige ich mich genug, um darüber nachzudenken, wie ich meine Kleider wiederfinden kann, aber Peter fängt meine Schultern ein, bevor ich auf allen vieren landen kann. Das besorgte Stirnrunzeln in seinem Gesicht treibt mich in erneute Hysterie. »Du … du wirst alles desinfizieren müssen«, keuche ich zwischen unkontrolliertem Gelächter. »Da du hier kochst und so …«

Ich lache jetzt zu viel, um zu reden, aber er muss meinen Wink verstehen, denn eine zögerliche Belustigung schimmert in seinen Augen und krümmt seine Lippen. Und dann lacht er auch, denn es gibt immer noch überall schmutziges Geschirr, und wir haben gerade dort gefickt, wo uns jeder sehen konnte, und sein Sperma tropft von meinen Schenkeln auf den sauberen Fliesenboden.

Schließlich beruhigen wir uns und holen mein Höschen und meine Unterwäsche unter dem Geschirrspüler hervor. Meine Kehle ist wund, und mein Bauch schmerzt vom Lachen, aber ich fühle mich irgendwie gereinigt, von all der Bitterkeit und Verstimmung befreit. Peters Gesichtsausdruck verdunkelt sich jedoch wieder, und als er mich nach oben zum Duschen führt, frage ich: »Was ist los?«

Er antwortet zunächst nicht, sondern beschäftigt sich nur damit, die Dusche einzuschalten und uns beide auszuziehen, als wir das Badezimmer erreichen. Ich warte geduldig, und als wir unter den Wasserstrahl treten und er mir den Rücken wäscht, murmelt er endlich: »Habe ich dir wehgetan?«

Ich blinzele und drehe mich um, um ihn anzusehen. Das macht ihm Sorgen? Dass er grob war? Meine linke Schulter ist immer noch wund vom Auskugeln beim Autounfall, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass unser leidenschaftlicher Sex ihr keinen Schaden zugefügt hat. »Nein, natürlich nicht. Ich habe dir doch gesagt, dass es mir gut geht.«

Er schaut mich nicht überzeugt an, seufzt dann und zieht mich in einer Umarmung an sich. Ich schließe die Augen, um das fließende Wasser fernzuhalten, und wickle meine Arme um seinen muskulösen Oberkörper. Wir stehen so da, halten uns ohne Worte, und es fühlt sich so richtig an, in all seiner Falschheit.

Es fühlt sich an, als ob wir zusammengehören, als ob wir dazu bestimmt wären.

5

Peter

Am nächsten Morgen wache ich vor Sara auf, und so wie immer in letzter Zeit beobachte ich sie ein paar Minuten lang, bevor ich mich zwinge, aus dem Bett zu steigen.

Ich weiß nicht, ob es nur Wunschdenken ist, aber es hat sich gestern anders angefühlt. Gestern hat es sich angefühlt, als wäre der vorläufige Waffenstillstand, den wir in der Klinik etabliert haben, noch da. Normalerweise konnte ich nach dem Sex spüren, wie Sara inmitten bitterer Selbstbeschuldigungen ihre Mauern wieder aufbaute, aber gestern nicht. Gestern konnte ich ihren inneren Konflikt nicht spüren, und nachdem ich mich versichert hatte, dass ich sie nicht verletzt habe, habe ich aufgehört, mich selbst in den Hintern zu treten, weil ich die Kontrolle verloren hatte – und weil ich das Kondom trotz meiner früheren Entscheidung, dies nicht zu tun, wieder weggelassen hatte.

An diesem Punkt ist es instinktiv, Sara mit meinem Samen zu füllen, und diese Instinkte weigern sich, die Gründe zu akzeptieren, um zu warten, bis die Esguerra-Situation gelöst ist.

Auf jeden Fall bezweifle ich, dass es gestern gefährlich war. Sara muss, ihrer letzten Periode nach zu urteilen, gegen Ende ihres Zyklus sein. Und wann genau war der? Vor drei Wochen oder vier? Ich runzele die Stirn im Badezimmerspiegel, während ich den letzten Rasierschaum abwische und das Rasiermesser ablege. Nein, das kann nicht stimmen. Wir waren fast drei Wochen weg, und davor hat sie nicht geblutet für mindestens …

Ein Klopfen an der Badezimmertür unterbricht meine Berechnungen. »Peter?« Saras schlaftrunkene Stimme ist seltsam angespannt. »Yan will mit dir reden.«

Fuck. Ich wische mir mit einem Handtuch über das Gesicht, um den Schaum loszuwerden, der noch an meiner Haut haftet, und verlasse das Badezimmer. Sara steht am Bett, eingewickelt in einen dicken Bademantel, den sie angezogen haben muss, um die Tür für Yan zu öffnen.

»Er hat gesagt, du sollst so schnell wie möglich runterkommen«, meint sie mit einem besorgten Stirnrunzeln. »Es ist dringend.«

Ich nicke und ziehe mir bereits eine Jeans an. Das dachte ich mir bereits, weil die Jungs normalerweise nicht an unsere Schlafzimmertür klopfen. Etwas muss passiert sein, aber ich kann mir im Leben nicht vorstellen, was. Es gibt keine Möglichkeit, dass die Behörden oder unsere Feinde uns hier aufgespürt haben, und das ist der einzige Notfall, den ich mir vorstellen kann, der eine solche Dringlichkeit verdient hätte.

»Zieh dich an«, sage ich zu Sara, als ich zur Tür gehe. »Für den Fall, dass wir schnell verschwinden müssen.«

Ihre Augen weiten sich, weil sie versteht, was ich meine, und sie beeilt sich damit, sich anzuziehen, während ich nach unten eile.

Alle drei meiner Teamkollegen sind schon da, haben sich um Yan herum versammelt, der auf seinen Laptop-Bildschirm schaut. Anton schreibt etwas auf seinem Handy.

»Was ist los?«, frage ich scharf, und die Zwillinge schauen mich mit grimmigen Gesichtern an.

»Sara ist noch oben, oder?«, fragt Yan, wobei er einen unleserlichen Blick auf die Treppe wirft, und ich nicke und trete mit ein paar langen Schritten dicht an ihn heran.

»Was ist los?«

»Schau es dir an«, sagt er und dreht den Bildschirm zu mir.

Zuerst sehe ich nur die vertraute, schäbige Gemütlichkeit der Küche von Saras Eltern, mit ihren abgenutzten Geräten und einer Fensterbank voller Topfkräuter. Saras Vater im Bademantel schlurft mit seinem Gehwagen durch die Küche, gießt sich Kaffee ein und holt sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Er ist mit seinem Frühstück fast am Küchentisch, als ein klingelndes Handy den ruhigen Morgen unterbricht.

Charles »Chuck« Weisman stellt seine Kaffeetasse vorsichtig auf die Küchenzeile und greift in seine Tasche, um sein Telefon herauszunehmen. »Lorna?« Seine Stimme ist trotz seines Alters stark und laut. »Hast du vergessen, zu überprüfen …« Er verstummt abrupt, und selbst auf dem körnigen Bild kann ich sehen, wie er erblasst und sein Mund sich unter wortlosem Schock öffnet und schließt.

Seine freie Hand greift krampfhaft an seine Seite, verfehlt aber den Griff des Gehwagens, und ich halte den Atem an, als er stolpert. Zu meiner Erleichterung schafft er es, sich am Rande der Theke aufzufangen. So zerbrechlich wie Saras Vater ist, hätte ihn ein Sturz leicht umbringen können.

»Wo?«, ist alles, was er nach einer Minute angespannten Zuhörens fragt, und dann steckt er das Telefon wieder in seine Tasche und steht für einen Moment mit zitternden Knien da, bevor er sich zusammenreißt und mühsam ins Schlafzimmer geht, um sich anzuziehen.

»Das wurde vor etwa zehn Stunden aufgenommen«, sagt Yan, als ich vom Bildschirm aufblicke und bereit bin, ihn mit wütenden Fragen zu zerreißen. »Wir haben gerade die komplette Audioaufnahme dieses Anrufs gehört. Es hört sich so an, als ob Saras Mutter einen Autounfall hatte – einen schlimmen. Sie waren sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde. Unsere Hacker greifen gerade auf die Krankenakten zu, aber die Ärzte in der Notaufnahme fügen ihre Notizen nur langsam in das System ein. Die gute Nachricht ist, dass Saras Vater immer noch im Krankenhaus ist – oder zumindest war er nicht zu Hause.«

»Ich habe gerade mit der amerikanischen Crew Kontakt aufgenommen«, sagt Anton und legt sein Handy weg. »Sie sind auf dem Weg ins Krankenhaus, also werden wir in Kürze ein Update über ihren Zustand bekommen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen besonders vorsichtig sein; ich bin mir sicher, das FBI wird den Ort beobachten, für den Fall, dass Sara auftaucht.«

Fuck. Ich schließe die Augen und reibe meine Schläfen, um den aufkeimenden Kopfschmerzen entgegenzuwirken. Das ist Saras schlimmster Alptraum: ihren Eltern passiert etwas – und sie ist nicht da. Sie hatte immer befürchtet, dass es ihr Vater mit seinen Herzproblemen sein würde, aber jetzt ist es ihre relativ junge und gesunde Mutter – für ihre achtundsiebzig Jahre. Sara wird mehr als erschüttert sein, und all die Fortschritte, die wir in den letzten Wochen in unserer Beziehung gemacht haben, werden verlorengehen.

Sie wird mir nie verzeihen, wenn ich sie vom Sterbebett ihrer Mutter fernhalte. Es wird eine weitere Kluft zwischen uns schaffen, die vielleicht noch schwerer zu überwinden ist als die, die der Tod ihres Mannes hinterlassen hat.

Ich öffne die Augen, und ein bohrender, aussaugender Schmerz breitet sich tief in meinem Bauch aus. Meine Männer beobachten mich mit einer Mischung aus Neugier und Mitleid, und ich weiß, dass sie es verstehen. Sie haben Sara in den letzten Monaten kennengelernt und mögen sie. Sie haben gesehen, wie sehr sie sich um ihre älteren Eltern sorgt, wie sie jeden Tag nach ihnen fragt und sich die Videos, die wir ihr zur Verfügung stellen, aufmerksam ansieht.

Sie wissen, dass es sie zerstören wird.

Sie wird sich selbst genauso die Schuld geben wie mir.

»Haltet mich über alle Neuigkeiten der Amerikaner auf dem Laufenden«, befehle ich heiser und gehe nach oben.

Ich muss Sara erreichen, bevor sie herunterkommt.

Sie darf das nicht herausfinden, bis wir alle Fakten kennen.

6

Sara

Ich beeile mich mit meiner Morgenroutine, dusche und putze mir die Zähne in weniger als fünf Minuten. Ich brauche noch drei Minuten, um mich anzuziehen, und dann überlege ich, was ich tun soll. Soll ich nach unten gehen, um herauszufinden, was los ist? Oder packen, falls wir es eilig haben sollten?

Der Pragmatismus siegt über die Neugier, also finde ich einen Rucksack in einem Schrank und fange an, ihn mit dem Nötigsten zu füllen: drei Sets saubere Unterwäsche, sowohl für mich als auch für Peter, dann Socken, Jeans, Hemden, Pullover, alles für uns beide. Ich bin sicher, dass Peter und seine Männer in der Lage sein werden, neue Kleidung zu besorgen, wenn wir alles zurücklassen und in ein anderes Versteck evakuieren müssen, aber es wird hilfreich sein, wenn wir Bekleidung für ein paar Tage haben, damit es weniger dringend ist. Ich habe den Flug hierher nicht vergessen, als meine einzigen Kleideroptionen entweder die Decke, in der Peter mich gestohlen hat, oder die überdimensionale Männerkleidung waren.

Wenn ich es vermeiden kann, in Peters Jogginghose herumzulaufen, tue ich das gerne.

Nach der Bekleidung mache ich mit den Toilettenartikeln weiter und packe unsere Zahnbürsten und Zahnpasta in eine Plastiktüte, die ich unter dem Waschbecken finde. Als ich sie zusammen mit Peters Rasiermesser und einer kleinen Tube Feuchtigkeitscreme verschließe, fällt mir auf, dass ich dabei seltsam ruhig bin. Meine Handflächen sind verschwitzt und mein Herzschlag ist erhöht, aber ich bin nicht gestresster, als wenn wir zu spät zu einem Flug kommen würden. Ich nehme an, das liegt daran, dass ich tief im Inneren so etwas erwartet habe. So geschickt wie Peter und seine Männer auch darin sind, sich den Behörden zu entziehen … früher oder später werden sie zwangsläufig gefunden werden. Wenn nicht vom FBI oder Interpol, dann von einem Verbrecher, der eines ihrer Opfer rächen will.

Sogar Drogenbarone und korrupte Bankiers können jemanden haben, der sie liebt.

Ich laufe zurück ins Schlafzimmer, um einen Gürtel für Peters Jeans zu holen, als er mit einem pechschwarzen Gesichtsausdruck hereinkommt.

»Was ist passiert?« Ich lasse den Rucksack auf das Bett fallen und eile zu ihm. »Müssen wir …?«

Er nimmt mein Gesicht zwischen seine mit Hornhaut überzogenen Handflächen und drückt seine Lippen für einen harten und hungrigen Kuss auf meine. Wir hatten nach dem Mal in der Küche keinen Sex mehr – ich bin wegen des Jetlags früh eingeschlafen, und Peter hat mich rücksichtsvoll schlafen lassen – und ich kann die aufgestaute Lust in diesem Kuss schmecken, das dunkle Feuer, das immer zwischen uns brennt.

Er drückt mich gegen das Bett, reißt erst mir die Kleider vom Leib und dann sich selbst, bevor er ohne Vorwarnung in mich hineinstößt, mich mit seiner Dicke ausdehnt und mich mit seiner harten Hitze überwältigt. Ich schreie vor Schreck auf, aber er hört nicht auf, wird nicht langsamer. Seine Augen glitzern wild, als er meine Arme über meinem Kopf ausstreckt, bevor seine Hände meine Handgelenke fesseln, und ich merke, dass es mehr als nur Lust ist, was ihn heute treibt, etwas Wildes und Verzweifeltes.

Mein Körper reagiert schnell und plötzlich, wie Öl, das Feuer fängt. In der einen Minute knirsche ich wegen der gnadenlosen Kraft seiner Stöße mit den Zähnen, in der nächsten überwältigt mich ein Orgasmus, und ich schreie, während ich in brutaler Ekstase explodiere. Dieser Orgasmus bringt keine Erleichterung, nur eine Verminderung der unerträglichen Spannung, aber auch die ist nicht von Dauer. Der zweite Höhepunkt, so heftig wie der erste, überkommt mich sofort danach, und ich schreie wegen der quälenden Zuckungen, der Lust, was mich auseinanderreißt, während er in mich hineinfährt, immer und immer wieder, mich durch den Höhepunkt und darüber hinaus reitet.

Ich weiß nicht, wie lange Peter mich so fickt, aber als er kommt und seinen brennend heißen Samen in mich spritzt, ist meine Kehle vom Schreien rau, und ich habe den Überblick darüber verloren, wie viele Orgasmen er aus meinem geschundenen Körper gewrungen hat. Die harten Muskeln seiner Brust glänzen vor Schweiß, als er sich von mir zurückzieht, und ich liege keuchend da, zu benommen und erschöpft, um mich zu bewegen.

Er geht weg und kommt einige Augenblicke später mit einem nassen Handtuch zurück, mit dem er die Nässe zwischen meinen Beinen auftupft. »Sara …« Seine Stimme ist rau und voller Emotionen, als er sich über mich beugt, um eine Haarlocke von meiner schweißgedämpften Stirn zu streichen. »Ptichka, ich …«

Ein hartes Klopfen an der Tür erschreckt uns beide.

»Peter.« Es ist Yan, und seine Stimme ist so scharf wie heute Morgen. »Du musst das hören. Jetzt.«

Peter flucht leise, springt vom Bett, findet seine weggeworfenen Jeans im Kleiderstapel auf dem Boden und zieht sie an, ohne sich mit Unterwäsche aufzuhalten. Der Blick, den er mir über seine Schulter zuwirft, ist grimmig, fast wütend, aber er sagt nichts, als er mit großen Schritten den Raum verlässt.

Ich setze mich auf und zwinge mich, aufzustehen und noch einmal schnell zu duschen, bevor ich mich wieder anziehe.

Ich habe keine Ahnung, was los ist, aber ich bekomme eine schreckliche Vorahnung.

7

Peter

Es ist ein Beweis für die Ernsthaftigkeit der Situation, dass niemand anzüglich grinst, als ich barfuß und ohne Hemd die Küche betrete und mich der Geruch nach Sex wie ein Parfum umgibt.

»Es ist schlimm«, sagt Yan sofort, als ich mich nähere. »Ein betrunkener Fahrer ist ihr an einer Kreuzung in die Seite gefahren, und das Auto hat sich dreimal überschlagen, bevor es auf dem Dach liegen geblieben ist. Sie hat über ein Dutzend gebrochene Knochen und innere Blutungen. Sie operieren sie gerade zum zweiten Mal, aber es sieht nicht gut aus. Angesichts ihres Alters und des Ausmaßes ihrer Verletzungen glauben sie nicht, dass sie es schaffen wird.«

Jedes Wort, das er sagt, ist wie ein Messerstich in meinen Bauch »Was ist mit Saras Vater?«, frage ich, und mein Kopf dreht sich. »Ist er …«

»Er reißt sich bis jetzt zusammen, aber sein Blutdruck ist gefährlich hoch.« Antons düsterer Blick ist ernst. »Sie haben versucht, ihn nach Hause zu schicken, damit er sich ausruht, aber er weigert sich zu gehen. Einige ihrer Freunde sind bei ihm, aber sie können ihm nur begrenzt helfen.«

»In Ordnung.« Ich starre meine Teamkollegen an, und in ihren Augen sehe ich das düstere Wissen, über das, was ich tun muss.

Das Geräusch leichter Schritte auf der Treppe zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, und als ich mich umdrehe, sehe ich, dass Sara die Treppe hinuntereilt und ihr herzförmiges Gesicht blass vor Sorge ist.

»Was ist los?« Ihre nur mit Socken bekleideten Füße gleiten über die Küchenfliesen, bis sie vor uns zum Stillstand kommt. Ihre haselnussbraunen Augen springen von mir zu meinen Teamkollegen und zurück. »Ist etwas passiert?«

»Gebt uns eine Minute«, sage ich den Jungs, und sie verschwinden sofort. Die Zwillinge gehen nach oben, während Anton auf das Regal neben der Tür zuhält.

»Soll ich den Hubschrauber vorbereiten?«, fragt er auf Russisch, als er an mir vorbeikommt, und ich nicke und halte meinen Blick auf Sara gerichtet, die mit jeder Sekunde besorgter aussieht.

»Was ist passiert?«, fragt sie noch einmal, während sie auf mich zukommt, und ich weiß, ich kann es nicht länger hinauszögern. Ich greife hinüber, nehme ihre zarte Hand zwischen meine Handflächen und vermittele so sanft wie möglich, was ich gerade erfahren habe.

Als ich fertig bin, fehlt ihrem Gesicht jegliche Farbe, und ihre Finger sind eiskalt in meinem Griff. Ihre Augen sind immer noch trocken, aber ich weiß, dass es der Schock ist, der sie davon abhält, zu zerbrechen. Meinem Singvogel wurde gerade ein verheerender Schlag versetzt, und wenn ich jetzt nicht handele, wird er sich nie davon erholen.

Ich werde sie verlieren.

Ich weiß es.

Ich fühle es.

Das ist das Schwerste, was ich je tun musste, aber ich sage ruhig: »Ich habe dich eben schon packen sehen. Bist du fertig, um zu gehen?«

Sie blinzelt verständnislos. »Was?« Ihre Stimme ist benommen, auch wenn ihr Blick mit einer plötzlichen verzweifelten Hoffnung auf mich gerichtet ist. »Wohin?«

»Nach Hause«, sage ich, während sich der ziehende Schmerz in meinem Bauch verstärkt und die Hohlheit sich ausbreitet, um mein Herz einzuhüllen. »Ich bringe dich zurück, mein Liebling, bevor es zu spät ist.«

8

Sara

Ich starre aus dem Flugzeugfenster auf die Wolken unter mir, und meine Gedanken sind zerstreut und meine Brust quälend eng. Vielleicht liegt es daran, dass ich immer noch unter Schock stehe, aber alles geschah so schnell, dass ich es einfach nicht begreifen kann, keinen Sinn in dieser Entwicklung und dem Gefühlsgewirr erkenne, das mich innerlich erstickt.

Meine Mutter hatte einen Autounfall. Sie könnte sterben.

Peter bringt mich nach Hause.

Meine Atemzüge sind flach, aber jedes Mal, wenn ich einatme, tut es weh, als wäre die Luft in der Kabine zu dick. Es fühlt sich an, als ob es nur Minuten gedauert hätte, bis wir gegangen sind, um in den Hubschrauber zu steigen und loszufliegen, als ob dies die ganze Zeit der Plan gewesen wäre, als ob wir darüber gesprochen und entschieden hätten, dass es Zeit wäre.

Zeit für mich, nach Hause zu gehen.

Zeit für meine Mutter, zu sterben.

Mein Atem stockt bei einem besonders tiefen Einatmen, und ich muss kämpfen, damit sich meine Lungen ausdehnen, um Sauerstoff durch eine Luftröhre zu ziehen, die sich nicht breiter anfühlt als eine Nadel.

Wir haben nicht darüber gesprochen. Überhaupt nicht. Peter hat mich informiert, und das war’s. Dann war da nur noch die Hektik, loszufliegen, alles zu holen, was wir brauchen, und in den Hubschrauber zu steigen. Und als wir drin waren, war er auch schon am Telefon und arrangierte etwas, wobei er viel Russisch und etwas Englisch sprach. Ich fing Teile seiner Gespräche auf, aber ich war zu sehr mit mir beschäftigt, um sie zu verstehen. Eigentlich, um irgendetwas zu verstehen. Wie kann er mich zurückbringen, wenn sie nach ihm suchen? Wenn er weiß, dass ich in dem Moment, in dem ich auftauche, irgendwohin gebracht werden könnte, wo er mich vielleicht nie findet?

Wie kann er mich gehen lassen, wenn er geschworen hat, es nie zu tun?

Ich möchte Peter das alles und noch mehr fragen, aber er ist nicht neben mir. Er sitzt auf der Couch und ist mit den Zwillingen über einen Laptop gebeugt. Ich höre eine Flut von schnellem Russisch, während sie auf etwas auf dem Bildschirm zeigen, und ich weiß, dass sie die Logistik dieser unvorhergesehenen Operation planen und herausfinden müssen, wie sie mich direkt vor der Nase der Behörden absetzen können.

Ich könnte aufstehen und Antworten von ihnen verlangen, aber das könnte sie ablenken, sie dazu bringen, ein entscheidendes Detail zu übersehen, das den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten könnte, oder zumindest zwischen Gefangennahme und Freiheit. Also sitze ich einfach da, schaue aus dem Fenster und konzentriere mich auf die anstrengende Aufgabe, zu atmen.

Einmal einatmen, einmal ausatmen. Langsam und ruhig. Ich kämpfe, um die unnatürlich dicke Luft zu verbrauchen, während ich meinen Blick auf die fluffigen Wolken draußen gerichtet halte. Es hilft mir, mich auf sie zu konzentrieren, um mit dem Wissen fertigzuwerden, dass da draußen, Tausende von Meilen entfernt, meine Mutter unter dem Messer eines Chirurgen liegt und ihr gebrechlicher Körper aufgeschnitten ist und blutet. Ich habe Hunderte von Operationen gesehen, habe selbst Dutzende von Kaiserschnitten durchgeführt, und ich weiß, wie es aussieht und sich anfühlt, dass menschliches Fleisch in diesem Moment nur Fleisch ist, etwas, was der Arzt durchtrennt und schneidet und näht, um die Person zu retten, die in diesem Moment keine Person für ihn ist, sondern eine Aufgabe, eine Herausforderung, die er zu erfüllen hat.

Mein Magen zieht sich zu einem Knoten zusammen, meine Brust wird immer enger, und ich streiche über ein lästiges Kitzeln auf meiner Wange, nur um meine Hand wieder sinken zu lassen, als es sich nass anfühlt.

Mir war nicht klar, dass ich weinte, aber jetzt, da ich es weiß, versuche ich, mich zusammenzureißen und mich auf etwas anderes als das geistige Bild von Mamas Körper auf einem OP-Tisch zu konzentrieren, deren Bauch aufgeschnitten ist, um den Verletzungen beizukommen – und auf etwas anderes als auf meinen Vater im Wartezimmer des Krankenhauses, erschöpft und schlaflos, mit seinem schlechten Herzen, das überwältigt und überarbeitet ist.

Warum tut Peter das? Ich versuche, darüber nachzudenken, denn es ist besser als die Bilder in meinem Kopf. Lässt er mich für immer gehen oder will er für mich zurückkehren? Wenn es Letzteres ist, muss er erkennen, dass es nicht so einfach sein wird, mich ein zweites Mal zu stehlen. Er geht ein enormes Risiko ein, indem er mich zurückbringt, aber trotzdem tut er es. Warum?

Könnte er von mir gelangweilt sein?

Nein. Ich verwerfe diesen erbärmlichen, unsicheren Gedanken. Was auch immer er sonst sein mag, Peter ist das polare Gegenteil von unbeständig. Wenn er einmal einen Kurs festgelegt hat, weicht er nicht davon ab, ob es nun darum geht, seine Familie zu rächen oder sich in mein Leben hineinzudrängen. Gestern hat er mir gesagt, dass er mich liebt, und ich habe ihm geglaubt. Das tue ich immer noch.

Er bringt mich nicht zurück, weil er mich loswerden will.

Er tut es für mich. Weil er mich liebt.

Er liebt mich genug, um zu riskieren, mich zu verlieren.

Wir landen auf einem privaten Flugplatz in der Nähe von Chicago, gerade als die Sonne untergeht. Ich habe keine Ahnung, wie viele Gefallen Peter einfordern musste, um das mit der Luftkontrolle zu klären, aber das Flugzeug landet ohne Störungen auf der Landebahn. Ein unscheinbares Auto wartet auf uns, als wir das Flugzeug verlassen, und Peter führt mich zu ihm, wobei seine starken Finger meinen Ellenbogen sanft festhalten.

Sein Gesicht ist wie ein Granitblock, so hart und distanziert, wie ich es noch nie gesehen habe. Wir hatten keine Gelegenheit, während des Fluges miteinander zu reden, und ich habe keine Ahnung, was er denkt. Die meiste Zeit der Reise war er am Telefon und plante mit seinen Männern, und ich wechselte zwischen unruhigen Nickerchen und stillem Weinen hin und her. Vor ein paar Stunden haben wir erfahren, dass meine Mutter die Operation überstanden hat, aber ihre Vitalfunktionen sind weiterhin instabil.

Das ist kein gutes Zeichen.

Wir halten vor dem Auto, und ich sehe einen Mann auf dem Fahrersitz.

Ich schaue zu Peters verschlossenem Gesicht hoch. »Wirst du …«

»Er wird dich am Krankenhaus absetzen«, sagt er in einem harten, flachen Ton. »Ich werde nicht mitkommen.«

Das hatte ich erwartet, aber die Worte schneiden mir trotzdem ins Herz. »Wann …« Ich schlucke den wachsenden Klumpen in meinem Hals herunter. »Wann kommst du mich wieder abholen?«

Er starrt mich an, und seine gefühllose Maske fällt für einen Moment. »Sobald ich kann, Ptichka«, sagt er belegt, »sobald ich es verdammt nochmal kann.«

Der Knoten in meinem Hals dehnt sich aus, und frische Tränen brennen in meinen Augen. »Also werde ich hier sein, bis meine Mutter sich erholt hat?«

»Ja, und bis ich damit fertig bin …« Er bricht ab und holt tief Luft. »Vergiss es. Du hast genug um die Ohren. Alles, was du wissen musst, ist, dass ich zu dir zurückkommen werde.« Seine Augen brennen sich in meine, als er mein Gesicht zwischen seine großen, rauen Handflächen nimmt. »Hörst du mich, Sara? Egal, was passiert, solange noch ein Funken Leben in meinem Körper ist, komme ich zu dir zurück. Du gehörst mir, Ptichka. Solange wir beide leben.«

Ich umschließe seine kräftigen Handgelenke mit den Händen, und brennende Tränen strömen über meine Wangen, während ich seinen Blick erwidere. Früher hätte mich seine Aussage erschreckt, aber jetzt lindert sie die quälenden Schmerzen in meiner Brust, gibt mir etwas, woran ich mich festhalten kann, wenn er geht und meine neue Welt, die sich um ihn dreht, zerfällt.

Nach Hause zu kommen ist das, wofür ich all die Monate gekämpft habe, aber jetzt empfinde ich keine Freude, nur eine schreckliche Leere in meinem Herzen, wo Peter so unbarmherzig einen Raum für sich selbst geschaffen hat.

Er lehnt sich vor und küsst mir die Tränen von den Wangen. »Geh, mein Liebling.« Er lässt mich los und tritt zurück. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Und bevor ich irgendetwas sagen kann – bevor ich ihm sagen kann, was ich fühle – dreht er sich um, geht zum Flugzeug und lässt mich am Auto stehen.

Er lässt mich allein nach Hause gehen.

9

Peter

Ich sollte mich freuen, dass wir die US-Behörden überlistet haben und diese Mini-Operation reibungslos verlaufen ist, aber der Schmerz in meiner Brust ist zu erdrückend, zu roh. Ich weiß, dass das nur vorübergehend ist, aber ich fühle mich, als hätte mich jemand aufgerissen und mein schlagendes Herz herausgerissen.

Mein Ptichka hat geweint, als ich gegangen bin. Und vielleicht ist es Wunschdenken, aber ich hatte das Gefühl, dass sie nicht überglücklich war, zu Hause zu sein – und das nicht nur wegen der Umstände. Die Art, wie sie mich fragte, wann ich zu ihr zurückkehre – wann, nicht ob –, und der Blick in ihren haselnussbraunen Augen …

Sie war das Einzige, was ich je wollte, und ich hatte keine andere Wahl, als sie gehen zu lassen. Sie gehen zu lassen, obwohl jeder egoistische Instinkt in mir schrie, sie festzuhalten, sie an mich zu ketten und sie niemals gehen zu lassen. Und über allem steht die irrationale Angst um ihre Sicherheit, die schreckliche Paranoia, dass ihr etwas passieren könnte, wenn ich nicht da bin. Das Gefühl kommt durch ihren Unfall, ich weiß, aber das macht es nicht besser.

Ich werde sie beobachten lassen, aber ich werde nicht in der Nähe sein, und das bringt mich um.

»Bist du dir sicher?«, fragt Ilya und schnallt sich auf dem Sitz neben mir an, als unser Jet abhebt und die Räder kreischend eingefahren werden. »Es ist noch nicht zu spät. Wir könnten noch umdrehen und …«

»Nein.« Ich schließe die Augen und zwinge meine Atmung, sich zu beruhigen. »Es ist vorbei.«

Ich würde alles geben, um Sara bei mir zu behalten, aber ich kann nicht – nicht ohne sie und eine eventuelle Chance für eine gemeinsame Zukunft zu zerstören.

Auf jeden Fall ist es vielleicht das Beste, dass sie nicht in meiner Nähe ist, wenn ich das Nötige tue, um diese Zukunft zu sichern.

Ich werde sie holen kommen, aber zuerst muss ich mich um Novak und Esguerra kümmern.

10

Sara

Die Fahrt zum Krankenhaus dauert fast zwei Stunden – es ist viel Verkehr unterwegs – und meine Nerven liegen blank, als der Fahrer mich am Eingang des Krankenhauses absetzt und verschwindet. Er hat auf keine meiner Fragen geantwortet, also habe ich keine Ahnung, wer er ist oder was seine Beziehung zu Peter und seinem Team ist. Und vielleicht ist es das Beste. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich verhört werde, sobald das FBI erfährt, dass ich hier bin.

Meine Hoffnung ist, meine Mutter und meinen Vater zu sehen, bevor das passiert.

Während ich darum kämpfe, meine Angst einzudämmen, eile ich durch die vertrauten Gänge. Ich brauche keine Schilder, die auf die Intensivstation verweisen. Dieses Krankenhaus ist der Ort, an dem ich meine Facharztausbildung gemacht und wo ich all die Jahre gearbeitet habe; es ist mehr ein Zuhause für mich als das Haus, in dem ich gelebt habe.

»Lorna Weisman?«, frage ich, als ich an der Rezeption der Intensivstation ankomme, und dann warte ich beinahe schreiend vor Ungeduld, während eine Rezeptionistin mittleren Alters mit einer grellroten Dauerwelle gemächlich den Namen nachschlägt.

Ich erkenne den exakten Augenblick, in dem sie den besonderen Vermerk sieht, den das FBI im System hinterlassen hat. Ihre Augen fliegen zu meinem Gesicht, sehen hinter ihrer grün umrandeten Brille groß und erschrocken aus, und sie stottert: »N-Nur einen Moment.«

Ich ergreife die Kante der Theke. »Wo ist sie?« Ich lehne mich nach vorn und imitiere Peters gruseligsten Ton. »Sagen Sie es mir jetzt.«

»S-Sie wird gerade operiert.« Die Frau zieht sich so weit zurück, wie es ihre stattliche Gestalt erlaubt. Ihre ringbeladenen Finger schieben sich zum Telefon auf dem Tisch. »Sie haben sie vor einer Stunde abgeholt.«

»Schon wieder?«