Mein Vater, die Dinge und der Tod - Rainer Moritz - E-Book

Mein Vater, die Dinge und der Tod E-Book

Rainer Moritz

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Beschreibung

Mein Vater, die Dinge und der Tod ist ein Buch über Trauer und Verlust, über eine Generation, eine Zeit, aber auch ein Buch, das erzählt, wie wir uns erinnern. »Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.« Mein Vater, die Dinge und der Tod ist ein Buch über Erinnerung, wie wir es so noch nicht gelesen haben. Ein Buch über den toten Vater, ein Buch über eine Generation, über eine Zeit, aber auch ein Buch, das erzählt, wie wir uns erinnern. Wenn die Erinnerung spricht, sprechen die Dinge. Da ist der Sessel, der von der Fußballleidenschaft des Vaters erzählt, von den Nächten, in denen der Wecker gestellt wurde, um legendäre Boxkämpfe nicht zu verpassen. Da das selbst gemalte Ölbild an der Wand, das an eine Begabung des jungen Vaters erinnert, die in seinem Leben auf der Stecke blieb. Da die Uhr, ein Geschenk, das er zu einem Firmenjubiläum bekam, da der Bierkrug, der seine bayerische Herkunft wachrief … In den Alltagsdingen vergegenwärtigt Rainer Moritz ein ganzes Leben, eine ganze Welt, besonders und unwiederbringlich. Dieses so liebevolle wie unsentimentale Portrait seines Vaters in seiner Zeit erzählt davon, wie wir uns vergewissern, wer wir sind, wenn wir mit dem Tod, mit dem Tod der Eltern konfrontiert werden.

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Seitenzahl: 176

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Zum Buch

Der Fernsehsessel, die Uhr, der Bierkrug – in den Alltagsdingen vergegenwärtigt Rainer Moritz ein vergangenes Leben: ein liebevolles Portrait des Vaters in seiner Zeit, ein Buch der Erinnerung.

»Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.«

Mein Vater, die Dinge und der Tod ist ein Buch über den toten Vater, ein Buch über eine Generation, über eine Zeit, aber auch ein Buch, das erzählt, wie wir uns erinnern. Da ist der Sessel, der von der Fußballleidenschaft des Vaters erzählt, von den Nächten, in denen der Wecker gestellt wurde, um legendäre Boxkämpfe nicht zu verpassen. Da das selbst gemalte Ölbild an der Wand, das an eine Begabung des jungen Vaters erinnert, die in seinem Leben auf der Strecke blieb. Da die Uhr, ein Geschenk, das er zu einem Firmenjubiläum bekam, da der Bierkrug, der seine bayerische Herkunft wachrief …

In den Alltagsdingen vergegenwärtigt Rainer Moritz ein ganzes Leben, eine ganze Welt, besonders und unwiederbringlich. Dieses so liebevolle wie unsentimentale Portrait seines Vaters in seiner Zeit erzählt davon, wie wir uns vergewissern, wer wir sind, wenn wir mit dem Tod, mit dem Tod der Eltern konfrontiert werden.

Über den Autor

Rainer Moritz, 1958 in Heilbronn geboren, leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Er ist Essayist, Literaturkritiker und Autor zahlreicher Bücher, darunter zuletzt: Schlager. 100 Seiten (2017) und Als der Ball noch rund war (2018).

 

 

 

Rainer Moritz

MEIN VATER, DIE DINGE UND DER TOD

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

Für meine Mutter

 

 

 

 

»So hat man über die Dinge immer auch  Kontakt mit dem Dahingegangenen.«

Gerhard Meier

DER ANRUF

Rainer, Vati ist gestorben … Hat meine Mutter das gesagt, so gesagt? Vermutlich, ein Ausdruck wie Vati ist eingeschlafen wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Das nüchterne, unpathetische Wort eher. Vati ist gestorben. Ich versuche mich an ihre Stimme, ihren Tonfall zu erinnern. An diesem Nachmittag des 12. Februar 2015, als mein Telefon im Büro klingelte und ich mit einem der üblichen geschäftlichen Anrufe rechnete. Dass sich meine Mutter während der Arbeitszeit bei mir meldet, kommt selten vor. Sie hat es lieber, wenn sie die Angerufene ist, so, als endete die Pflicht der Kinder, sich regelmäßig bei ihr zu melden, nie. Vielleicht hat sie dem Satz ein Du, Rainer vorangestellt.

Eingeschlafen sei Vater, ganz friedlich. Zur Mittagsruhe sei er ins Bett gegangen, und sie habe sich gewundert über seinen lang anhaltenden Schlaf. Nicht mehr geatmet hat er, als sie nach dem Rechten sah. Der Hausarzt ist gleich gekommen und hat seinen Tod festgestellt. Sein Ende.

Meine Mutter weint nicht am Telefon. Das wäre ihr unangenehm gewesen. In unserer Familie neigt niemand zu Gefühlsausbrüchen, zeigt sie zumindest nicht. Ich weine auch nicht, sage nur: Ich melde mich später, Mutter. Und starre auf meinen Füllfederhalter, meine Notizen, meinen Computer, meine halb ausgetrunkene Kaffeetasse, auf die Bücherstapel im Zimmer, auf den Telefonhörer, der wie ein schwarzer Knochen aufliegt. Unten an der Alster drehen die Spaziergänger ihre Runden, ein Hund jagt über den Rasen am Ufer.

Regnete es, schien die Sonne? Ich weiß es nicht mehr. Ich bleibe sitzen, eine halbe Stunde lang, kein Telefon klingelt, niemand klopft an die Tür, niemand will mich sprechen. Mein Körper fällt in einen Ruhezustand, meine Handbewegungen laufen in Zeitlupe ab, meine Gedanken verlangsamen sich, ich rauche ein Zigarillo, das mehrmals ausgeht, weil ich es vergesse, weil ich zu rauchen vergesse.

Vater ist tot. Nicht mehr da. Das konnte, durfte nicht sein. Erst wenn die Eltern sterben, ist man wirklich erwachsen, heißt es. Weil man dann in der ersten Reihe steht. Eltern, die alt werden, vermitteln das Gefühl, man könnte das eigene Altwerden, das eigene Sterben hinauszögern, auf die lange Bank schieben. Diese Familie konnte ohne meinen Vater auf keinen Fall existieren, ausgeschlossen. Dachte ich. Diese Lücke, dieser leere Platz, diese Absurdität, nicht mehr mit ihm sprechen zu können.

Rainer, Vati ist gestorben. Geglaubt habe ich ihr erst Stunden später, obwohl ich am Telefon so tat, als hätte ich begriffen, was Mutter gesagt hatte.

WAS BLEIBT?

Am Ende bekommt Francesca Johnson ihren letzten Willen. Wie sie es sich gewünscht hat, verstreuen die Kinder ihre Asche in alle Winde, in den Fluss unterhalb der Roseman Bridge in Madison County, Iowa. Clint Eastwoods Film Die Brücken am Fluss (1995) schließt mit dieser Szene. Er erzählt die Geschichte zweier Menschen, die der Zufall für ein paar Tage zusammenführt, die sich Hals über Kopf ineinander verlieben, ohne dass ihnen eine gemeinsame Zukunft beschieden ist. Als Francescas Mann mit den Kindern für ein paar Tage zu einer Landwirtschaftsausstellung fährt, macht der Fotograf Robert Kincaid halt auf der Farm und erkundigt sich nach dem Weg. Er will die überdachten Brücken in Madison County fotografieren, und als Francesca ihn kurzerhand zur Roseman Bridge begleitet, kommen sie sich näher. Sie erzählen sich ihre – sehr unterschiedlichen – Leben, essen miteinander, tanzen miteinander und schlafen miteinander. Als die Rückkehr der Familie naht, muss sich Francesca entscheiden, und sie tut, schweren Herzens, woran eine in Entsagung geübte Farmersfrau gewohnt ist: Sie lässt Robert ziehen und bleibt bei den Ihren. Anvertrauen kann sie ihr Geheimnis niemandem, außer ihren Tagebüchern, die die Kinder nach ihrem Tod lesen werden.

Was bleibt von Francesca Johnson? Kein Grabstein, vor dem sich die Angehörigen und Freunde versammeln. Ihre Asche vermischt sich mit dem Wasser des Flusses, der – Jahre zuvor – bereits die Asche ihres Geliebten Robert Kincaid aufnahm. Und ihre Tagebücher bleiben, in denen sie festhielt, was sie bewegte, wovon sie keinem erzählte. Und vielleicht ihre Farm, wo sie jahrzehntelang die Familie umsorgte, einem gedämpften Rhythmus folgend, den sie manchmal schwer akzeptierte. Zu leben, wie man nicht leben möchte. Irgendwann – davon erzählt Die Brücken am Fluss nicht mehr – bewohnen andere Menschen dieses Haus, fängt niemand mehr etwas mit den Möbeln und Gerätschaften der Johnsons an. Irgendwann erinnert sich keiner mehr an Francesca Johnson, will keiner mehr etwas mit ihren Dingen zu tun haben, weil sie keinem etwas sagen. Was bedeuten die über viele Jahre angehäuften Objekte ihren Besitzern? Machen sie die Menschen aus? Was sagen sie den Übriggebliebenen?

Mein Vater hat nie Tagebuch geschrieben. Soweit ich weiß. Er wollte sein Leben nicht schriftlich festhalten. Das wäre ihm wichtigtuerisch vorgekommen. So wie er in Fernsehtalkshows wenig mit Menschen anfangen konnte, die weitschweifig ihre Biografien ausbreiteten. Er erzählte gern, von Reisen, die er mit Mutter unternommen hatte. Je älter er wurde, desto mehr in Wiederholungen und Variationen. Manchmal sah er sich Fotos an, aus jener Kiste, die ein-, zweimal im Jahr hervorgekramt wurde, die jene schwarz-weißen Bilder enthält, die es nicht ins offizielle Fotoalbum geschafft haben.

Ein Mensch lebt, solange sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was verbinde ich mit ihm, was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, über dessen Leben ich viel zu wenig weiß, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir. Von ihnen will ich, durch seine, durch unsere Wohnung gehend, in diesem Buch erzählen. Und von Vater.

DER GRABSTEIN

Verbrannt werden wollte er nicht. Als Mutter mir das wenige Tage nach seinem Tod sagte, zuckte ich zusammen. Zu intim klang das für unsere Familienverhältnisse, zu eindeutig. Einmal habe sie mit ihm darüber gesprochen, kurz nur. Feuer, das habe ihnen beiden Angst gemacht. Was wohl, fügte ich in Gedanken hinzu, mit den Bombenangriffen im Krieg, mit den Feuerstürmen zu tun haben mochte. Nein, verbrannt zu werden wie Francesca Johnson, das kam nicht infrage. Ein Reihengrab stattdessen, wie eh und je, auf Heilbronns Hauptfriedhof an der Wollhausstraße, der Ende des 19. Jahrhunderts eingeweiht wurde, nachdem der Platz auf dem Alten Friedhof an der Weinsberger Straße nicht mehr ausgereicht hatte und dessen »Bestattungsbetrieb«, wie es heißt, eingestellt worden war. Ein neunzehnjähriger Graveur soll der erste Tote gewesen sein, den man auf dem neuen Friedhof beisetzte.

Ein ruhiger, schattiger Platz für Vaters Grab, nur wenige Minuten vom Eingangsportal entfernt. Damit ich es nicht weit habe, sagte Mutter. Zwischen Leichenhalle und Krematorium führt ein leicht ansteigender Weg zu den Grabfeldern, überschattet von hohen Bäumen. Bekannte Heilbronner Industrielle liegen hier, die Knorrs, die Clussens, die Ackermanns. Nicht weit von Vaters Grab ist sein alter Chef begraben, in dessen Baufirma er jahrzehntelang für den Einkauf zuständig war.

Wünsche, wie sein Grab aussehen sollte, hat Vater nie geäußert. Als Mutter und ich bei einem der Steinmetze, deren Betriebe an der Zufahrtsstraße zum Friedhof liegen, vorsprechen und unsicher das Angebot prüfen, wissen wir, was Vater nicht gewollt hätte: goldene Schriftzüge, aufgeschlagene Bibeln, Engelsflügel, Rosenapplikationen. Und gewiss keinen glänzenden Marmorquader. Als ließe sich damit die Existenz verlängern. Wir gehen durch die Grabsteinreihen, der Inhaber gibt Erläuterungen, wir wundern uns darüber, was alles in Betracht zu kommen scheint, wie pompös Menschen an ihre Verstorbenen erinnern wollen, und wir sind froh dar über, auf einen kaum bearbeiteten, hellen Findling zu stoßen, der wie ein Hinkelstein aussieht. Aus einem Schweizer Bergbach stamme der. Was Mutter und mir gefällt, was zu Vater passt, der zeitlebens ein Bergwanderer, später ein Spaziergänger war, wenngleich selten in der Schweiz. Ein Stein, den seit ewigen Zeiten klares Bergwasser umspülte, dessen Ecken und Kanten sanft abgeschliffen wurden. Damit könnte der tote Vater leben, sage ich beinahe.

Der Findling aus der Schweiz statt des provisorischen Holzkreuzes, nach fast einem Jahr. Erst müsse sich das Grab »setzen«. Weiß umrandete, schwarze Metalllettern teilen das Nötige mit:

KURT MORITZ

*1.2.1926 † 12.2.2015

Seinen zweiten Vornamen Ferdinand denken wir uns dazu. Verwendung fand er selten, für die Verwandten war Vater »der Kurt« gewesen. Den »Ferdinand« trägt mein Sohn Konrad Ferdinand weiter. Bei der Beerdigung »im Familienkreis«, im gepflegten Restaurant, saß er neben mir. Meine Geschwister, die Ehepartner, die Enkelkinder. Als Konrad vom Tod seines Opas hörte, den er Opa-ki nannte, weil Oma ihn als Kleinkind mit kräftigen Hahnen-Kikerikis aufheiterte und er diesen Zunamen auch tragen durfte, brach er in helle Tränen aus. Als wir nach der Ansprache des Pfarrers, der Vater gekannt und persönliche Worte gefunden hatte, dem Sarg folgten, ging ich Hand in Hand mit dem neunjährigen Konrad, der mich beobachtete, meine feuchten Augen bemerkte. Weinst du, Papa? Ja, Konrad, fast hätte ich geweint, wie zuvor in der Leichenhalle, als der hergerichtete, gepuderte Tote fremd und weit entfernt erschien. Ein entrückter Mann, der nicht mehr wie Vater aussah. Ihn noch einmal betrachten, bevor sich der Sargdeckel schließt. Den Leichnam berühren wollte ich nicht. Was machen diejenigen, die die zu ihnen Gehörenden bei einem Unfall, einem Brand verlieren, sie nicht einmal mehr als hergerichtete Tote zu sehen bekommen?

Ein Glück, wie wir uns einander tröstend sagten, dass wir knapp zwei Wochen zuvor alle in Heilbronn zusammengekommen waren, zu Vaters neunundachtzigstem Geburtstag. Mühsam hatten wir ihn ins Auto verfrachtet, um hinaufzufahren in einen Gasthof am Waldrand, ins Jägerhaus, eine der althergebrachten Adressen am Ort. Lange, quälende Minuten dauerte es, bis Vater die wenigen Schritte vom Wagen ins Lokal bewältigte, ängstlich sich vorantastend, fürchtend, dass seine Hose den mager gewordener Körper hinabgleiten würde. Erleichterung kam auf, als er seinen Platz am Tischende gefunden hatte. Im kommenden Jahr, sagte Vater, da gäbe es etwas zu feiern, seinen Neunzigsten und Mutters Fünfundachtzigsten. Da müsse er aber, erwiderte Mutter trocken, schön durchhalten bis dahin. Knapp vierzehn Tage später war Vater tot.

Der Findling auf Vaters Grab macht sich gut. Er verdüstert es nicht, fügt sich ein in die graue steinerne Umrandung. Wenn wir davorstehen, Mutter und ich, winterfeste Pflanzen eingraben, Unkraut zupfen, spricht sie mit ihm, mit ihrem Mann. Warum hast du mich allein gelassen? Ein rhetorischer, ein trotziger Vorwurf, der ihre Einsamkeit spiegelt. Manchmal schickt sie ihm ein Mach es gut! hinterher, ehe wir vorsichtig zurückgehen zur Friedhofspforte, Arm in Arm.

DIE WOHNUNG

1969 sind wir in die Hundsbergstraße gezogen, in eine bessere Gegend, wie es hieß, im Osten der Stadt, in ein Haus mit weniger »Parteien«, nicht weit vom Pfühlpark entfernt, einer Anlage mit prächtigen Bäumen, einem verwinkelten Rosengärtchen, einer Fußballwiese und einer Voliere, einem Bächlein und einem See, auf dem man früher im Winter Schlittschuh lief. Eine Wohnung im Souterrain mit lang gezogener Terrasse, Garage und einem geräumigen Zimmer unterm Dach, das die Kinder nacheinander zu ihrem Reich machten, fernab der elterlichen Aufsicht. Anfangs störte der ungewohnte Lärm der Züge, die den Karlstor-Bahnhof passierten. Bis die Gewöhnung eintrat, bis der Zugbetrieb eingestellt wurde.

Eine Wohnung in einem Haus, das der Baufirma gehörte, mit günstiger Miete für die Angestellten. Vater war stolz über diese Veränderung, diesen Aufstieg. Eine Lage im Übergang, zwischen den einfacheren Wohnungen in der Kerner- und Schillerstraße und den noblen Häusern und Villen am Hang. Ein Haus bauen, das wollen wir nicht, sagten die Eltern, mit einem leisen Ton der Verteidigung, wenn sie hörten, wie Bekannte alles Geld zusammenkratzten und sich ein Eigenheim auf dem Land, in Sülzbach oder Schwaigern, anschafften. Wer kein eigenes Haus besaß, hatte es vielleicht nicht geschafft. Vor allem in Schwaben. Unsere drei Kinder durften studieren. Dieser Satz stach alle Argumente aus. Vater und Mutter schienen nicht darunter zu leiden, keine Hausbesitzer zu sein. Ich auch nicht.

Bis zu Vaters Tod, sechsundvierzig Jahre lang, lebten meine Eltern in dieser Wohnung zusammen, auf einhundert Quadratmetern. Sie spiegelt wider, was zu dieser Ehe, was zu den beiden gehört, was sie anschafften, was sie zu ihrem Zuhause machten, was Sicherheit gab und Halt. Wohnungen gehören zu uns, sind Teil unserer Biografie. Jahrzehnte später noch erinnern wir uns daran, wie die Küchen und Esszimmer, in denen wir gelebt haben, geschnitten waren. Ich sehe den weißen Badeofen in unserer ersten Heilbronner Wohnung vor mir, den winzigen Balkon, auf dem ich, an Röteln erkrankt, als Sechsjähriger verloren mit einer Schultüte stand, weil ich bei der Einschulung zu Hause bleiben musste.

In den letzten Jahren seines Lebens verließ mein Vater das Haus kaum noch. Seine Sehkraft hatte er zu weiten Teilen eingebüßt; zaghaften Schrittes ertastete er sich seinen Weg, halbwegs sicher nur, wenn er sich auf vertrautem Terrain bewegte, in unserer Wohnung. Wenn er einen Arzttermin hatte oder wenn wir alle paar Monate ein Restaurant oder eine Besenwirtschaft aufsuchten, fühlte er sich unwohl, sträubte sich sein Körper dagegen, sich fremdem Gebiet auszuliefern. So bezog er wohl oder übel ein Schneckenhaus, das Verlässlichkeit bot. Die Wohnung war sein Ruhepunkt. Seine Welt schmolz auf deren Dimensionen zusammen; sein Leben reduzierte sich von Jahr zu Jahr. Da meine Mutter ihn bis zuletzt versorgte, blieb es ihm erspart, in ein Heim zu ziehen, seine vier Wände in der Hundsbergstraße zu verlassen. Für nichts mehr war er seiner Frau, mit der er fast dreiundsechzig Jahre verheiratet war, dankbarer.

Noch Monate nach seinem Tod, bis die Haustüre ausgetauscht wurde, signalisierte ein Messingschild, wer hier wohnte. K. Moritz stand da, sein Name nur, kein Gedanke daran, alle Familienmitglieder, die Kinder und Haustiere darauf zu verewigen. Hat sich meine Mutter jemals darüber beklagt, nicht genannt zu sein? Hat sie die patriarchalische Übergehung schweigend hingenommen, vielleicht sogar, ohne sich an ihr zu stören? »Chef« hat mein Bruder häufig zu Vater gesagt.

Die beiden anderen Parteien des Hauses hatten mit der Baufirma meist nichts zu tun, waren »normale« Mieter. So fühlte sich Vater in besonderem Maße zuständig für die Belange, wachte darüber, dass alle ihre Pflichten sorgfältig wahrnahmen, die Haustüre abends abschlossen, die Kehrwoche einhielten, keinen Unrat im Treppenhaus stehen ließen. Vermutlich war Vater bei den Nachbarskindern gefürchtet, denn wenn sein Zorn anschwoll, weil die schmale Rasenfläche zwischen der Terrasse und den Garagen als Spielplatz genutzt wurde, kam es vor, dass er wütend die Terrassentür aufriss und lautstark den Kindern ihr Treiben untersagte. Im Mietvertrag stehe, dass die Grünflächen dafür nicht genutzt werden dürften. Wenn Vater roten Gesichts auf die Terrasse sprang, zog ich mich in eine Ecke zurück. Zwiespältige Gefühle rangen in mir: da der einflussreiche Vater, der Anweisungen gab, hier die Peinlichkeit, ihn so heftig gegenüber anderen Kindern auftreten zu sehen. Zum Glück verrauchte Vaters Zorn so schnell, wie er kam. Wir schwiegen bei Tisch, warteten auf das Versiegen des Vulkans.

Die Wohnung und ihre Dinge sprechen zu mir von meinem Vater. Seitdem er tot ist, sehe ich sie anders, haben sie eine Starre erlangt, als hätten sie mit dem Alltag nichts mehr zu tun, frage ich danach, was sie ihm bedeuteten. Je älter die Gegenstände, desto verschlüsselter und verborgener die Geschichten, die sie erzählen. In Marilynne Robinsons Roman Lila, der irgendwo im tief religiösen Mittleren Westen der USA spielt, erhält die Hauptfigur Lila Dahl, ein Findelkind, das einen viel älteren Reverend heiraten wird, ein Geschenk, ein Messer: »Der Griff war aus Hirschhorn, grade so sehr nur gebogen, dass er gut in der Hand lag, glatt und speckig und geprägt von den vielen Händen, die ihn schon gepackt hatten.« Ein Messer mit einer Biografie, mit vielen Vorbesitzern, ein Gegenstand, der allein deshalb Respekt einflößt: »Alles war so geprägt und abgegriffen vom Gebrauch und vom Zufall wie eine Hand oder ein Gesicht. Es gab Dinge, vor denen musste man einfach Respekt haben, und zu denen gehörte das Messer (…) Manche Dinge fühlst du mit dem ganzen Körper.« Respekt vor den Dingen, die das Leben meines Vaters begleiteten, die ihm etwas bedeuteten, an die er sich gewöhnt hatte. Die Spiegelungen meines Vaters in den Dingen seines Alltags.

DER SESSEL

Eine jener Polstergarnituren, wie sie sich in vielen deutschen Wohnzimmern finden, als Zeichen für wirtschaftliches Wohlergehen, für ein Gemütlichkeit ausstrahlendes Zuhause. Ein Teppich, dessen orientalische Herkunft Eindruck machte, machen sollte, beste Qualität, handgewebt, wie Vater hervorhob. Manchmal drehte er ihn an einer Ecke um, damit wir das Markenzeichen, das Echtheitszertifikat sahen.

Ein Couchtisch mit cremefarbener, schwerer Marmorplatte, deren Wert man den Kindern eigens erläuterte. Anschaffungen wurden nicht nebenbei getätigt, sondern durchgesprochen, sorgsam entschieden. Anschaffungen leistete man sich, machte sie in einem gediegenen Fachgeschäft. Wenn man sich etwas leistete, dann Wertbeständiges, das langlebige Qualität verhieß, ohne auffällig oder protzig zu sein. Ein Sitzkissen, ein Sofa, helle Wollbezüge, ein wenig empfindlich. Alles beherrscht von glatten, dunklen Holztönen, wie die Schrankwand mit ihren Schubladen für das selten benutzte Silbergeschirr, für die Fotoalben und die großformatigen Bücher, die auf den zwei Regalbrettern der Schrankwand keinen Platz fanden, wie das in grobes, helles Leinen eingeschlagene Wilhelm-Busch-Hausbuch. Und die Hausbar, deren Bestände die Eltern nie offen ausgestellt hätten. Spirituosentischchen wie in anderen Haushalten, das wäre ihnen ordinär vorgekommen. Stattdessen versteckten sich die Weinbrand- und Obstlerflaschen in der Bar, deren Klappe bei Bedarf langsam nach unten glitt. Und die beiden Sessel mit ihren hohen Rückenlehnen, zum Fernseher ausgerichtet. Links saß meine Mutter neben der Lesekrippe, rechts mein Vater an der Schrankwand.

Haben sie jemals die Sitzposition gewechselt? Ich erinnere mich nicht daran. Vielleicht wenn Besuch kam. Vater pochte auf seinen Stammsessel, den ihm ohnehin nie jemand streitig gemacht hätte. Die Lehnen und die Polster umschlossen seinen Körper, der zunehmend zarter wurde. Als ihm das Gehen schwerzufallen begann, verbrachte er Stunden in seinem Sessel, hielt seinen Nachmittagsschlaf darin und legte die Füße auf die Marmorplatte, was er in seinen aktiven Jahren nie getan hätte. Füße hatten damals nichts auf dem Tisch zu suchen. Als die an die Kinder gerichteten Ermahnungen nichts mehr nutzten, passte sich Vater an. Sich gehen zu lassen, das nicht, aber das erfreuliche Gefühl, die Füße während seiner Siesta hochzulegen, gestattete er sich irgendwann selbst. Eine leichte Nachlässigkeit. Manchmal ermahnte ich ihn deswegen, auf den Sittenverfall in unserer Familie verweisend. Er verstand die Ironie.

Heute steht Vaters Sessel leer. Die Armlehnen zeigen die Spuren jahrelanger Nutzung; wo seine Handgelenke und Unterarme auflagen, ist das Dunkelbraun heller geworden. Die Farbe auffrischen zu lassen lohnte sich nicht mehr. Der Sessel hat sich ihm angeglichen, er gehörte zu ihm. Hier konnte ihm nichts geschehen. Bei meinen Besuchen zuletzt, wenn er mich in seinem Stammplatz erwartete, legte ich ihm die Hand auf die Schultern und dann auf den fleckigen Arm. Froh über die Abwechslung, über das Kommen seines Sohnes, drehte er sich lachend mit unsicher blickenden Augen zur Seite. Rainer, grüß dich. Bist du da?

Manchmal meinte ich, dass er mich nur mehr an der Stimme erkannte. Er erkundigte sich nach der Anfahrt, Bahnverspätungen, nach Staus auf der Autobahn, legte seine tastende Hand auf meine. Eine kurze, feste Berührung, vielleicht intensiver als alle Körperkontakte, die ich je mit ihm hatte. Wie oft haben wir uns im Leben um armt? Wie oft bin ich als Kind auf seinem Schoß gesessen? Fotos zeigen mich beim Wandern auf seinen Schultern sitzend, doch von zahlreichen Zärtlichkeiten zwischen Vater und Sohn ist kaum eine in Erinnerung geblieben. Das war nicht üblich in unserer Familie. Wenn ich heute meinen Sohn umarme, ihm morgens einen Abschiedskuss aufdrücke, was er noch nicht ablehnt, denke ich an Vater. Was hat seine Generation verpasst, weil sie auf Innigkeit verzichtete, weil sie dachte, sie müsse darauf verzichten? Wie war sein Vater mit ihm umgegangen?