Mein wirst du sein - Katrin Rodeit - E-Book
Beschreibung

Eine Frau ist verschwunden. Die Privatdetektivin Jule Flemming soll sie für einen Freund aufspüren, der unter Tatverdacht steht. Der Fall sieht nach Routine aus, doch dann wird die Frau tot aufgefunden, und weitere Ermittlungen ergeben, dass sie einem Serienkiller zum Opfer gefallen ist. Ehe Jule sich versieht, gerät sie selbst in das Visier des Mörders …

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Seitenzahl:349

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Katrin Rodeit

Mein wirst du sein

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © anja ciomer – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4226-1

Vorbemerkung

Die Geschichte sowie die handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung mit realen Personen ist zufällig und nicht gewollt. Die erwähnten Schauplätze in Ulm gibt es wirklich. Lediglich der ›Jazz-Keller‹ sowie das ›Jungle‹ sind meiner Fantasie entsprungen.

Prolog

Er blickte in ihre starren Augen, die ihn aus dem toten Gesicht wie anklagend ansahen, streichelte über ihr glänzendes Haar, die seidigen Wangen hinunter bis zu ihrem Hals. Sie saß auf seinem Schoß. Er hatte die Arme um sie gelegt und sah sie bewundernd an.

In diesem Moment gehörte sie ihm. Nur ihm.

Er konnte sich an ihr nicht sattsehen, denn inzwischen waren nur Reinheit und kindliche Unschuld geblieben, die ihrer Schönheit ein beinahe madonnenhaftes Aussehen verliehen. Am Ende hatte er den längeren Atem behalten.

Er lachte in sich hinein, als ihm die Doppeldeutigkeit dieser Worte bewusst wurde.

Dann küsste er sie zärtlich auf die Lippen, die mittlerweile blau und kalt geworden waren. Es störte ihn nicht.

Für einen Moment spürte er wieder den Hass in sich aufwallen, als er sich erinnerte, wie sie ihn kokett angelächelt und dann das Gesicht zur Seite gedreht hatte. Für sie war er nichts weiter als ein Zeitvertreib in einem langweiligen Leben gewesen. Sie hatte ihn zurückgewiesen, ein Spiel mit ihm gespielt.

Nun hatte es sich ausgespielt. Er hatte den Zorn über die erneute Zurückweisung gefühlt. Stärker als je zuvor, eine nie geahnte Kraft. Er hatte diesen Mund, der ihn verhöhnt hatte, zum Schweigen bringen müssen. Nicht nur mit Worten, auch ihr Blick hatte ihn ausgelacht. Und er hatte es nicht mehr ertragen, so behandelt zu werden.

Seine Hände hatten sich wie von selbst um ihren Hals gelegt. Er hatte mit ansehen können, wie das hämische Lachen von ihren Lippen verschwunden war und Angst sich ihrer bemächtigt hatte, und er hatte nicht aufhören können. Wie von Sinnen hatte er zugedrückt, bis es ein Ende gefunden hatte.

Eine Ewigkeit, so schien es ihm, verweilte er in dieser Haltung, den toten Körper auf seinem Schoß. Immer wieder strich er über die weiche Haut und das seidige Haar.

Er seufzte auf, es musste irgendwann vorbei sein. Einen letzten Blick warf er auf das Mädchen, sog jede Einzelheit ihres Aussehens in sich auf und versuchte, ihren Anblick für die Ewigkeit in seinem Gedächtnis zu konservieren.

Nie wieder, so schwor er sich mit zusammengebissenen Zähnen, würde er sich von einem Mädchen zum Narren halten lassen.

Mit diesem Eid auf den Lippen gab er sie frei und warf einen letzten Blick auf ihr Gesicht, ehe er sich umwandte und ging.

14 Jahre später

Montag

Wenn ich damals geahnt hätte, wie der heutige Tag mein Leben durcheinanderbringen, geradezu aufwirbeln würde, wäre ich im Bett geblieben. Hätte das bohrende Klingeln ignoriert und mir, statt fluchend nach dem Hörer zu suchen, die Bettdecke über die Ohren gezogen und mich tot gestellt wie ein Opossum.

Aber natürlich wusste ich nicht, was kommen würde. Wie auch? Ich hatte keine Ahnung, dass ich drauf und dran sein würde, den letzten Atemzug zu tun, und nicht die geringste Idee davon, dass Männer auftauchen sollten, die mein Privatleben in seinen Grundfesten erschüttern würden.

Stattdessen streckte ich nichtsahnend die Hand unter der Bettdecke in die Richtung aus, in der ich das Telefon vermutete, und fegte dabei den Wecker vom Nachttisch, der sich mit einem ohrenbetäubenden Klingeln beschwerte und erst Ruhe gab, als ich ihm einen Schlag versetzte.

Das Telefon läutete noch immer. Nachhaltig und grauenvoll hörte ich das Echo wie Donnerschläge in meinem Inneren widerhallen.

Langsam setzte ich mich auf und hielt mir die Hand gegen den pochenden Schädel. Als ich den Lichtschalter drückte, schloss ich die schmerzenden Augen in dem hellen Licht meiner Nachttischlampe. War es schon immer so grausam kalt und gleißend gewesen? Dann endlich hatte ich es geschafft und hielt den Hörer in Händen. Es war eine Wohltat, als das Gebimmel endlich verstummte.

»Jule? Ich brauche dich hier.« Die Stimme klang schrill und war hysterisch laut, und für einen Moment fragte ich mich, ob das Klingeln nicht leichter zu ertragen gewesen wäre als das Gekreische, das aus dem Hörer kam.

Ich stöhnte und hielt mir den Kopf. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Als ich die Augen öffnete, die ich bis dahin eisern geschlossen gehalten hatte, fiel mein Blick auf das rote, bodenlange Kleid, das ich am gestrigen Abend getragen hatte. Es war von schlichter Eleganz, ohne Rüschen oder Abnäher, dafür mit raffiniert weitem Rückenausschnitt und atemberaubend schön.

Die Erinnerung an letzte Nacht kämpfte sich mühsam durch den Nebel zurück.

»Jule? Bist du da?« Ängstliches Gewinsel. Noch immer in einer Tonlage, die Fensterscheiben zerspringen lassen könnte.

»Was willst du?«

»Ich brauche dich.«

Eine Pause entstand.

»Nett von dir. Aber ich kann heute Abend beim besten Willen nicht schon wieder auftreten.«

Ich legte auf, löschte das Licht und zog mir die Decke über die Ohren.

Das Klingeln begann erneut, und ich schwankte, ob ich es ignorieren oder den Hörer abnehmen sollte. Mein schmerzender Kopf gab den Ausschlag.

»Ich habe Urlaub, Lou. Das war eine Ausnahme gestern. Und heute bin ich nicht in der Lage aufzutreten.« Es waren die ersten zusammenhängenden und klar verständlichen Sätze, die ich sprach. Wenn sie auch eher krächzend aus meinem Inneren gekommen waren.

»Bitte, Jule. Du weißt, dass ich dich nicht anrufen würde, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.«

»Frag Cosima. Die wird sich bestimmt freuen.« Ich konnte und wollte nicht verhindern, dass sich leiser Spott in meine Stimme schlich.

»Es geht doch gar nicht um die Singerei! Ich habe ein Problem.«

Gedanklich stöhnte ich laut auf. Nicht schon wieder!

»Hast du Stress mit Hannes?«

Lou seufzte theatralisch.

»Ach der … der versteht das nicht. Nein, ich habe Ärger mit der Polizei.«

Unwillkürlich straffte ich mich und öffnete die Augen. Ich war wach. Wenn ich mich auch noch immer nicht gut fühlte.

»Bitte, Jule, es ist wirklich dringend. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich brauche den Rat einer erfahrenen Privatdetektivin.«

»Lou, ich habe Urlaub.«

»Es ist nichts Schlimmes. Aber ich wusste nicht, an wen ich mich so schnell wenden sollte.«

Nun war es an mir, zu seufzen. Er wusste genau, welche Knöpfe er drücken musste.

»Bitte, Jule.«

»Also gut. Was ist los?«

»Du musst jemanden für mich finden.«

Etwas in seiner Stimme sagte mir, dass er wirklich Hilfe benötigte. Außerdem war ich neugierig, auch wenn ich das nie zugegeben hätte.

»Okay, gib mir eine Stunde, ich komme.«

Fluchend hievte ich mich aus dem Bett und schlurfte ins Bad. Den Blick in den Spiegel vermied ich. Ich hatte eine ungefähre Ahnung, was mich erwartete. Und dass ich so lang brauchte, mein borstiges, widerspenstiges Haar in einen Pferdeschwanz zu zwingen, bestätigte meine düstersten Vermutungen. Vermutlich sah ich aus, als hätte ich mit der Hand in der Steckdose übernachtet.

Nicht, dass sich meine halblangen, brünetten Locken sonst zu einer brauchbaren Frisur formen ließen. Aber wenigstens hatte ich normalerweise für fünf Minuten das trügerische Gefühl, Herrin über das Chaos auf meinem Kopf zu sein.

Ich schluckte zwei Aspirin und ging duschen.

Der Frühling hatte über Nacht Einzug gehalten, draußen schien die Sonne, und das schmutzige Wetter, das in den letzten Wochen für ausgiebigen Regen und Schneefall gesorgt hatte, gehörte der Vergangenheit an. Vögel zwitscherten, und alles sah grün aus.

Doch es hätte Pflastersteine hageln können, es hätte mich nicht interessiert. Ich musste die verdammten Kopfschmerzen loswerden. So konnte ich unmöglich Auto fahren.

Ich ging in die Küche und kochte Kaffee. Ein Tag ohne meinen heißgeliebten Muntermacher war für mich wie ein Morgen ohne Sonnenaufgang, und ich wäre ernsthaft in Versuchung geraten, über den Weltuntergang zu sinnieren. Kaffee war eine Konstante in meinem Leben. Die einzige, wenn man so wollte.

Als der aromatische Duft durch den kleinen Raum zog, atmete ich erleichtert auf. Das Gurgeln der Maschine war Musik in meinen Ohren, und der Geruch allein sorgte dafür, dass ich mich augenblicklich besser fühlte.

Doch die Freude währte nur einen kurzen Moment. Auf der Suche nach Essbarem öffnete ich das Schränkchen über dem Herd. Neben Mehl und Kakao sollte eigentlich eine Schachtel Cornflakes stehen. Verdammter Mist, ich war nicht einkaufen gewesen.

Ohnehin hätte ich sie trocken essen müssen, denn auch die Milch war alle, wie mir ein Blick in den Kühlschrank zeigte. Und ob die Flocken mit Bier geschmeckt hätten, wagte ich zu bezweifeln. Als ich mir vorstellte, wie das Gebräu durch meine Kehle rann und im Magen auf die Reste der Cocktails von gestern Abend traf, verwarf ich den Gedanken schnell, ehe ich ein stilles Örtchen aufsuchen musste.

Der Tag fing denkbar schlecht an, denn auch die letzten beiden Scheiben Toast hatten einen grünlichen Pelz. Dabei war es erst halb neun. Eigentlich hätte ich spätestens jetzt wissen müssen, dass Unheil drohte.

Aber ich trank in Ruhe meinen Kaffee und freute mich, dass die Lebensgeister langsam zurückkehrten, wenn ich auch nichts zum Frühstücken im Haus hatte.

Schließlich stand ich auf, nahm meinen Lederbeutel und verließ die Wohnung. Sorgfältig schloss ich ab und vergewisserte mich, dass die Tür richtig geschlossen war. Über die Sinnlosigkeit dieser Geste dachte ich keinen Augenblick nach, denn die alte, zerkratzte Tür bot niemandem Einhalt, der hineingelangen wollte. Aber es gab mir ein Stück Sicherheit in meinem Leben.

Ich ging die beiden Stockwerke nach unten, grüßte murmelnd Frau Beierlein, die 86-jährige Dame, die im ersten Stock wohnte und altersgebeugt die Zeitung aus dem Briefkasten fischte. Ich beeilte mich, an ihr vorbeizukommen. Auf ein längeres Gespräch über das Wetter oder die junge Frau, die im ersten Stock mit ihrem Jungen eingezogen war, hatte ich keine Lust.

Vor der Tür stolperte ich beinahe über den kleinen Kerl. Er mochte vielleicht acht Jahre alt sein und sah ein bisschen verwildert aus. Ein trotzig anklagender Blick aus fast schwarzen Augen streifte den meinen.

»He, guten Morgen«, grüßte ich überrascht. »Was machst du denn hier? Keine Schule heute?«

Er sah mich einfach nur an. Dann drehte er sich um und ging zu seinem Fahrrad, das an der Hauswand lehnte.

Da war wohl noch jemand anderes mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden.

Ich zuckte die Achseln, überquerte den Hof und ging über die Straße zu meinem alten Golf. Trotz 174.000 km sprang er problemlos an. Das mochte sich albern anhören, aber ich war stolz darauf.

Ich hielt mich exakt an Tempo 30, als ich die Brenzstraße entlang fuhr. Zu viele Strafzettel hatten sich in letzter Zeit angesammelt, und manch einer wartete noch auf seine Bezahlung. In der Karlstraße fädelte ich mich in den fließenden Verkehr ein und ließ mich durch die Stadt nach Neu-Ulm treiben.

Auf der Fahrt überlegte ich, was Lou widerfahren sein mochte.

Wie lang kannte ich ihn jetzt schon? Zwei Jahre vielleicht? Ich wusste, dass er eine kriminelle Vergangenheit hatte, und dass er im Knast gewesen war. Was genau damals vorgefallen war, entzog sich meiner Kenntnis. Lou sprach nicht gern darüber. Das Wenige, das ich in Erfahrung gebracht hatte, hatte er mir in angesäuseltem Zustand selbst erzählt. Er hatte nur gesagt, dass es um Drogen gegangen war, und dass er damit abgeschlossen hatte. Ich glaubte ihm.

Im ›Jazz-Keller‹ hatten wir alle eine Vergangenheit, auf die wir nicht gerade stolz waren. Überhaupt war der ›Jazz-Keller‹ ein Sammelbecken für eine recht illustre Gesellschaft. Böse Zungen behaupteten, dass wir verkrachte Kreaturen seien. Mich kümmerte das nicht. Umso überraschter war ich nach dem Anruf gewesen, als ich gehört hatte, dass Lou Probleme mit der Polizei hatte.

Er musste bereits auf mich gewartet haben, denn er öffnete meine Autotür, noch ehe ich den Motor abgestellt hatte.

»Endlich!« Er keuchte, als habe er einen Marathonlauf hinter sich. Dabei war er lediglich von seinem Büro auf den Parkplatz gelaufen.

Sein schwarzes Hemd hatte verdächtig nasse Flecken nicht nur unter den Achseln, und ich fragte mich, ob die von der Angst vor der Polizei oder seiner beachtlichen Körperfülle herrührten.

Er streckte seinen feisten Kopf mit dem weißen Panamahut zum Auto herein und atmete hastig und abgehackt.

»Du musst mir helfen, Jule«, flehte er und klang schon wieder hysterisch, als er den Panamahut ein wenig zurückschob. »Es ist schrecklich, eine Katastrophe! Für mich ein Weltuntergang!«

So gern ich Lou mochte, sein Hang zum maßlosen Übertreiben und zur Hysterie ging mir gehörig auf den Senkel.

Lou hieß eigentlich Gregor Falke und war Besitzer des ›Jazz-Kellers‹, eines kleinen aber feinen Clubs in Neu-Ulm, der sich ganz dem Jazz verschrieben hatte. Es gab nur eine Ausnahme: mich. Wenn ich sang, sang ich, was mir gefiel. Nur keinen Jazz.

Das lag nicht daran, dass ich Jazz nicht mochte. Im Gegenteil. Aber singen konnte ich das nicht, dafür hatte ich nicht genügend Soul in der Stimme.

Mit den weißen Anzügen, die Lous enorme Figur auch nicht mit viel gutem Willen verbergen konnten, und dem Panamahut sah er aus wie eine zu klein geratene Kopie von Lou Bega.

Seufzend zog ich die Handbremse an, stellte den Motor ab und zog den Schlüssel aus dem Schloss. Dann wandte ich mich ihm zu und sah direkt in ein Paar panischer Augen.

»Ich würde dir ja gern helfen, Lou. Aber du könntest mich wenigstens aussteigen lassen.«

»Ja natürlich, entschuldige«, murmelte er. Statt auf mich zu warten, bis ich den Wagen verschlossen hatte, lief er bereits in sein Büro. Lou war immer in Hektik, bisweilen chaotisch, und obwohl er beleibt war, konnte er sich erstaunlich schnell bewegen.

Ich schüttelte den Kopf und trabte gemächlich hinterher. Nur kein Schritt zu viel. Ich musste an meinen armen Kopf denken.

Der kleine Raum, der Lou als Büro diente, war vollgestopft mit Ordnern, Papieren, Kartons und allerlei Krimskrams. An der Wand hingen Fotos von ihm und seinen Gästen oder von Jazz-Bars in Amerika, die er besucht hatte.

Der Jazz war Lous große Leidenschaft und nahm ungefähr den gleichen Stellenwert ein wie gutes Essen und Trinken.

Ich quetschte mich am Kopierer vorbei und ließ mich ermattet hinter einem frei stehenden Regal auf den Stuhl ihm gegenüber sinken. Ich verschränkte die Arme und sah ihn mit schief gelegtem Kopf an.

»Also, Lou, was ist los, dass du mich um diese Uhrzeit aus dem Bett klingeln musstest?«

»Es ist entsetzlich! Wirklich eine Katastrophe! Ich weiß nicht, was ich machen soll.«

»Zuerst einmal mit dem Gejammer aufhören. Ich habe einen beschissenen Kater und noch nicht gefrühstückt. Wäre es möglich, dass du mir einfach sagst, was los ist? Damit ich entscheiden kann, ob und wie ich dir helfen kann. Wenn du weiter jammerst, gehe ich.«

Er verschränkte die Finger ineinander und dachte mit geschlossenen Augen nach. Ein Zustand, der nie lange anhielt. Also wartete ich einfach ab.

Doch diesmal überraschte er mich. Er stand auf und verließ das Büro, um gleich wieder zurück zu sein.

»Also?«

Er beugte sich vor und sah sich vorsichtig um, bevor er leise zu sprechen begann.

»Es ist so: Eine Frau wird vermisst.«

»Ja. Und?«

»Sie wurde zuletzt hier bei mir im Club gesehen.«

Hm. Das war zwar interessant, aber nicht wirklich beunruhigend.

»Kenne ich sie?«

»Ich weiß es nicht. Sie heißt Susanne Dauber.«

Nie gehört.

»Wie sieht sie aus?«

»Na, eine Frau halt. Mit so langen, blonden Haaren.«

Ich seufzte in mich hinein. Lou war zwar stockschwul, aber er war ein Mann. Welche Antwort hatte ich erwartet?

Ein Klopfen an der Tür enthob mich einer bissigen Antwort. Fanny Mahler, die Kellnerin und eine gute Freundin, streckte ihren Kopf mit der Stupsnase und den haselnussbraunen Augen zur Tür herein. Ihr Gesicht war umrahmt von blondem, halblangem Haar mit Ponyfrisur.

Sie hatte auffallend dunkle Schatten unter den Augen.

»Wie siehst du denn aus?«, begrüßte sie mich.

»Danke der Nachfrage, mir geht’s wunderbar. Ich habe gut geschlafen und hatte ein wunderbares Frühstück. Wie geht’s dir?«

Während ich an meinen Worten würgte und versuchte, sie überzeugend vorzutragen, zog sie eine Grimasse und streckte mir die Zunge heraus. Geschah ihr recht, sie hatte angefangen mit der Sauferei.

Sie schwenkte eine Brötchentüte und hatte eine Kanne Kaffee bei sich. Lou strahlte.

»Ah, das Frühstück ist da. Fanny, du bist einfach ein Schatz! Danke.«

Er nahm die Tüte entgegen und scheuchte sie wieder hinaus. Gierig holte er belegte Semmeln hervor und warf mir eine zu. Er hatte die erste verputzt, noch ehe ich wusste, mit was meine belegt war.

»Weiter.« Das Brötchen schmeckte wider Erwarten gut. Herzhafter Schinken und eine Essiggurke waren genau das Richtige für meinen angeschlagenen Magen.

»Ja also, sie wird vermisst.« Lou rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und vergaß sogar für einen Moment sein Frühstück. »Sie ist mit ihrer Freundin hier gewesen. Marina Waldner. Beide sind wohlhabende Gattinnen von Ärzten.«

Auch das war kein Grund, vor Ehrfurcht zu erstarren. Vielleicht lag ja gerade darin die Lösung des Problems.

»Liiert? Außerhalb der Ehe, meine ich?«

»Woher soll ich das wissen?« Lou hatte die Augen zusammengekniffen und die Stirn in Falten gelegt. Ich fragte mich, wieso ich an einen Mops denken musste. »Das sind Gäste. Wenn sie gehen, gehen sie nach Hause. Und ich bleibe hier. Es geht mich nichts an, und es ist mir auch egal, was sie machen.«

Er kaute an seinem Brötchen.

»Die Polizei war bei mir.«

»Das sagtest du bereits. Und was wollten sie?«

Er rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her und mied meinen Blick.

»Na ja, sie haben angedeutet, dass ich etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte.«

Ich konnte ein Prusten nicht unterdrücken.

»Und wie kommen sie darauf? Oder bildest du dir das vielleicht nur ein?« Ich strich mir eine Locke aus der Stirn, die mich kitzelte. Schon hatten sich meine Haare selbstständig gemacht, es war zum Verzweifeln!

»Sie haben es nicht mit Worten angedeutet«, gab er zu und sah nach unten. »Aber ich habe es gespürt. Auf ganz subtile Art wollten sie mir zu verstehen geben, dass ich unter Beobachtung stehe.«

Auf subtile Art, so, so.

»Du weißt, dass ich vorbestraft bin«, würgte er heraus, dass ich ihn kaum verstehen konnte.

»Das hat aber doch nichts mit vermissten Frauen zu tun, oder?« Allein die Vorstellung ließ mich erneut schmunzeln, und ich trank hastig einen Schluck Kaffee. Ich wollte ihn nicht kränken.

»Nein, nein. Aber du weißt ja, wie das ist.« Seine Stimme wurde wieder eine Oktave höher. »Einmal am Pranger, immer am Pranger.«

»Das ist aber erledigt, oder?«

»Ich habe meine Lektion gelernt. Ich habe gesessen und auf eine Neuauflage bin ich nicht scharf.«

Etwas in seiner Stimme ließ mich aufhorchen. Aber ich sagte nichts. Lag es an der Panik, erneut mit der Polizei zu tun zu haben?

»Okay, dann erzähl mir einfach alles, was du weißt, und ich verspreche, dass ich dir helfen werde. Ich mache mich auf die Suche nach der Frau.«

Lou war erleichtert und erzählte alles, was er wusste. Es war nicht besonders viel.

Susanne Dauber war zuletzt am vergangenen Mittwoch mit ihrer Freundin Marina Waldner im ›Jazz-Keller‹ gewesen. Vor der Tür hatten sie sich verabschiedet, Frau Waldner war nach Hause gefahren, und Frau Dauber hatte sich auf den Weg zu ihrem Auto im Parkhaus gemacht. Dort war sie nie angekommen. Am nächsten Morgen hatte ihr Mann sie als vermisst gemeldet. Das Fahrzeug stand noch im Parkhaus, und Frau Waldner und Lou, der beide vor der Tür verabschiedet hatte, waren die Letzten gewesen, die sie gesehen hatten. Seither fehlte von Frau Dauber jede Spur.

Ich erhob mich, die Tasse noch in der Hand.

»Okay, Lou, ich fahre zu Frau Waldner. Bestimmt klärt sich alles schnell auf, und Frau Dauber ist mit ihrem Tennislehrer nach Ibiza durchgebrannt.«

Ich zwinkerte ihm zu, doch heute war er nicht zu Scherzen aufgelegt.

»Lou«, hob ich einer Eingebung folgend an und fixierte ihn mit einem strengen Blick. »Ist das alles?«

Er wackelte mit dem Kopf. Immer schön auf und ab, sah kurz zu Boden und blickte mich dann treudoof an.

»Wirklich. Sonst gibt es nichts.«

Langsam nickte ich und ging mit meiner Kaffeetasse hinaus.

Ich rieb mir über die noch immer schmerzende Stirn und trank einen weiteren Schluck Kaffee.

»War eine lange Nacht, was?«, sprach mich Fanny aus einer Ecke hinter dem Tresen an. Der ›Jazz-Keller‹ lag ruhig und verwaist in der Dunkelheit. Meine Schritte hallten in dem niedrigen Raum, als ich die Bühne überquerte und einen Moment stehen blieb. Gestern Abend hatte ich noch hier gestanden und gesungen. Und zu viel ›Canchanchara‹ getrunken. Viel zu viel.

»Warum tue ich mir das jedes Mal wieder an?«, fragte ich, mehr zu mir selbst.

Fanny antwortete trotzdem. Mit einem Achselzucken.

»Vermutlich, weil du süchtig bist. Nach Ruhm und Erfolg.« Ihre Stimme klang scherzhaft. Wie viel davon entsprach der Wahrheit?

Ich seufzte.

»Du hast aber fantastisch gesungen. Cosima ist vor Neid grün angelaufen, ich habe sie genau beobachtet.«

Obwohl ich es nicht wollte, stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen.

Cosima war fest angestellte Sängerin im ›Jazz-Keller‹, aber nicht halb so gut wie ich. Sie wusste das, ich wusste das. Alle Welt wusste das. Und genau deswegen hasste sie mich, weil sie die gesangliche Alleinherrschaft für sich beanspruchte.

»Hat Lou mit dir über die verschwundene Frau gesprochen?«, wollte ich wissen.

»Die Polizei ist letzte Woche schon einmal hier gewesen. Und heute Morgen wieder.«

Sie polierte Gläser und hob immer wieder eines gegen das spärliche Licht.

»Was hältst du davon?«

»Keine Ahnung. Lou hat auf jeden Fall nichts damit zu tun. Aber irgendwie ist er komisch.«

Ich wusste nicht, wie viel sie über seine Vergangenheit wusste und hatte nicht vor, darüber zu reden, obwohl Fanny so etwas wie meine Freundin war. Natürlich nicht die beste und engste. Das war Conny. Aber gleich danach kam Fanny. Und dann lang nichts. Trotzdem würde ich Lous Vergangenheit für mich behalten.

Sie setzte das Glas ab, das sie in der Hand gehalten hatte, warf sich das Geschirrtuch lässig über die Schulter und sah mich an.

»Ich weiß, dass er früher Probleme mit der Polizei hatte.«

Ich antwortete nicht.

»Aber sicher hat er nichts mit verschwundenen Frauen zu tun. Lou! Ich bitte dich! Das ist doch ein Witz!« Sie nahm das Handtuch von der Schulter, um ein weiteres Glas zu polieren.

Sie hatte recht.

»Er benimmt sich trotzdem seltsam. Als habe er etwas zu verbergen.« Hatte mich mein Gefühl also nicht getrogen.

»Weißt du irgendetwas?«

»Nicht mehr als das, was Lou dir sicher schon erzählt hat. Sie ist mit ihrer Freundin hier gewesen. In letzter Zeit beinahe jede Woche einmal. Komisch, dass sie dir noch nicht aufgefallen ist. Aber wer merkt sich schon alle Gäste, die ein und aus gehen.«

Sie kniff die Augen zusammen und legte den Kopf schief.

»Wir haben einen neuen Stammgast. Er heißt Erich und ist – irgendwie anders.«

»Wie anders?«

»Nun, er sitzt da, immer allein, trinkt seinen Whiskey und redet nicht viel.«

»Fehlt noch ein Hund, dann ist es Andreas.«

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Andreas redete auch nicht viel. Er saß allein in der Ecke, lauschte der Musik, und zu seinen Füßen lag eine große, sabbernde, rotbraune dänische Dogge. Das hässlichste Vieh auf Erden.

»Nein, er ist viel älter als Andreas. Aber irgendwie ist er ein komischer Typ, finde ich. Und er ist so ungefähr zur gleichen Zeit hier aufgetaucht wie die beiden Frauen. Ich will niemanden verdächtigen, aber seltsam ist das schon.«

Ich schwieg und dachte nach.

»Weißt du etwas über ihn?«

»Nichts.«

Prima. Das roch nach jeder Menge Arbeit. Ich hatte Urlaub.

Gerade als ich in mein Auto steigen wollte und mir überlegte, welchen Platz dieser Tag auf meiner persönlichen Geht-gar-nicht-Skala einnehmen würde, klingelte mein Handy.

›Aquarius‹, ein entsetzlicher Klingelton. Das Grauen aus der Handtasche. Und noch während ich überlegte, wusste ich, dieser Tag würde noch schlimmer werden.

Ich räusperte mich. Dann noch einmal. Und meldete mich. Förmlich, mit vollem Namen.

»Aber Kind, du weißt doch, wer dran ist.«

Ich schloss die Augen. Wieso hatte ich nur abgenommen?

»Mama.«

»Geht es dir nicht gut? Hast du etwa getrunken?«

Warum musste sie den Finger immer genau in die Wunde legen und dann auch noch darin herumbohren, bis sie am Grund angelangt war? Der Grund war in diesem Fall mein malträtierter Kopf, der augenblicklich wieder zu pochen begann.

»Ich muss mit dir reden.«

Und da, sie tat es schon wieder. Meine Antwort interessierte sie nicht. Sie hatte sie nie interessiert.

Ausnahmsweise war ich diesmal dankbar. Ich öffnete vorsichtig die Augen.

»Was gibt es denn?«

»Ich hatte Kontakt. Zu einer Seele.«

Zu was?

Ich war gewohnt, dass meine Mutter sich mit Dingen beschäftigte, die, nun sagen wir einmal, nicht zum Gros der Freizeitbeschäftigung der Normalbevölkerung gehörte. Und hinter ihrer letzten Äußerung vermutete ich eine ebensolche.

»Ich war bei einer Séance.«

Mein Kopf schmerzte.

»Und ich hatte Kontakt zu einer Seele. Zu einer unruhigen Seele. Und davon wollte ich dir erzählen. Weil du das doch beruflich machst.«

Sie war gegen meinen Beruf. Und sprach ihn nie aus. Was sie jedoch nicht davon abhielt, mich ständig damit zu triezen, denn brauchen konnte sie meine Verbindungen ab und zu doch.

Und ich kleine, dumme Gans war nicht in der Lage, ihr zu widersprechen. Sie war meine Mutter. Seiner Mutter widerspricht man nicht. Auch wenn sie sich nie um mich oder meinen Bruder gekümmert hatte. Aufgewachsen waren wir bei unseren Großeltern.

»Du hattest was?«

»Ich war bei einer Séance.« Sie sprach langsam und geduldig. »Da hatte ich Kontakt zu einer unruhigen Seele, die wollte, dass ich ihr helfe. Und dabei bist du mir eingefallen.«

Natürlich. Wer auch sonst?

»Sie heißt Susanne.«

Ich zuckte zusammen.

»Dauber?«

Im selben Moment hätte ich mir am liebsten die Zunge abgebissen. Ich schloss die Augen. In der Hoffnung, Geschehenes ungeschehen werden zu lassen. Dass das heute nicht funktionieren würde, hätte mir eigentlich klar sein müssen.

»Kennst du sie etwa?«

Vorsichtig öffnete ich wieder die Augen und fügte mich in mein Schicksal. Es ließ sich ohnehin nicht mehr rückgängig machen.

»Hast du damit zu tun? Beruflich meine ich.«

Das Verhör hatte begonnen.

»Ja und nein«, antwortete ich vage und hoffte, dass es damit erledigt war.

»Was nun? Ja oder nein?«

»Nicht direkt beruflich. Ich helfe einem Freund.«

Ich musste irgendetwas unternehmen. Ich stieg ins Auto und drehte den Schlüssel im Schloss.

»Dann müssen wir uns treffen, ich muss dir davon erzählen.«

Der Motor heulte auf.

»Mutter, ich verstehe dich kaum noch. Ich glaub, ich komme gleich in ein Funkloch.«

»Jule? Ich muss mit dir über diese Frau reden! Es ist wichtig!«

»Hallo? Hallo? Ich verstehe dich nicht mehr, ich lege jetzt auf.«

Als ich die rote Taste gedrückt hatte, glitt mir das Telefon beinahe aus der schweißnassen Hand. Ich steckte es in meine Handtasche und rieb mir die Stirn.

Toll hatte ich das gemacht. So erwachsen.

Ulm ist meine Heimatstadt. Hier bin ich geboren, und hier werde ich vermutlich auch sterben. Früher oder später. Hier habe ich mein erstes Leben gelebt, und mein zweites hat mich nicht fortgeführt.

Ulm ist eine Stadt in Süddeutschland mit rund 100.000 Einwohnern. Nicht zu verwechseln mit Neu-Ulm, was zwar nur einen Steinwurf entfernt durch die Donau getrennt ist, aber in Bayern liegt, während Ulm zu Baden-Württemberg gehört.

Ein echter Ulmer unterscheidet da sehr genau. Das Schönste an Neu-Ulm, sagt er, ist der Blick auf Ulm mit dem höchsten Kirchturm der Welt.

Freilich halten es die Neu-Ulmer umgekehrt nicht anders. Es ist eine Frotzelei, aus der auch in 100 Jahren noch kein Sieger hervorgegangen sein wird.

Verkehrstechnisch günstig gelegen ist Ulm ein spießiges Städtchen, wie man mit einem einzigen Blick in die Tageszeitung feststellen kann. Hausfrauen messen sich in Wettbewerben um den besten Kuchen der Stadt, und der einzige Skandal um das renovierungsbedürftige Schwimmbad in der Stadt ist keiner mehr, seit der Pächter gewechselt hat. Höchstens findet sich noch eine Kleingartenanlage, deren Hobbygärtner sich lautstark über die Golfbälle des nahe gelegenen Clubs beschweren, die ihre Gartenzwerge zerdeppern. Aber auch dieser Streit ist mittlerweile beigelegt.

Trotz allem eine liebenswerte Spießigkeit. Es war ein Stück heile Welt. Die jäh zerstört wurde, als Terrorfahnder am 4. September 2007 zuschlugen und Verdächtige aus Ulm verhafteten. Plötzlich rückte die Stadt in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und war nicht mehr das, was sie für deren Einwohner war: ein Geheimtipp.

Die Promenade lag versteckt zwischen der Neuen Straße, die zum Innenstadtring gehörte und zum Rathaus führte, und der Donau, etwas erhöht auf der alten Stadtmauer. Ein lauschiges, ruhiges Plätzchen. Kopfsteinpflaster führte durch einen verkehrsberuhigten Bereich, Parken war nur mit Anwohnerausweis erlaubt.

Ich schnaubte beim Anblick des Schildes und fuhr weiter bis zur angegebenen Hausnummer. Sämtliche Hinweise ignorierend parkte ich dicht an der Stadtmauer.

Ich angelte meine Tasche vom Beifahrersitz und schaltete das Handy aus. Es hatte noch zweimal geklingelt, und ich hatte es ignoriert. Einer weiteren Konfrontation mit meiner Mutter fühlte ich mich heute nicht mehr gewachsen.

Ich stieg aus und verschloss die Tür.

Auf einem einsehbaren Grundstück mähte ein Gärtner den Rasen. Er warf mir einen mitleidigen Blick zu. Wahrscheinlich fuhr sogar er ein neueres Modell als ich.

Trotzig biss ich die Zähne zusammen, hob den Kopf und ging auf das mondäne Haus zu.

Um mich herum war es ruhig, nur das Zwitschern der Vögel war zu hören und das leise Rascheln der Bäume, die die ersten grünen Blätter der Sonne entgegen reckten. Die Donau konnte ich vor mir nur erahnen. Kaum zu glauben, dass man in fünf Minuten eine der verkehrsreichsten Straßen Ulms zu Fuß erreichen konnte.

Ich erklomm die zwei Stufen zur Eingangstür und klingelte bei Marina und Alfred Waldner. Die Namen sagten mir nichts. Allerdings verkehrte ich auch nicht in Kreisen, in denen sie mir begegnet wären. Unsere Wege kreuzten sich allenfalls im ›Jazz-Keller‹.

Eine junge, sportlich schlanke Frau mit langen, blonden Haaren öffnete die Tür. Sie trug ein ausgeleiertes T-Shirt und alte Leggins.

»Sie müssen die Privatdetektivin sein«, sagte sie, und ihr Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass sie in etwa so erfreut war wie bei einem Zahnarztbesuch mit bevorstehender Wurzelbehandlung. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich mit gerunzelter Stirn an.

Das fing ja gut an.

»Dann sind Sie wohl Marina Waldner?«, fragte ich zurück und lächelte mit zusammengebissenen Zähnen. Dabei legte ich Enthusiasmus in meine Stimme, als würde ich mich um eine begehrte Stelle bewerben.

»Ich habe leider Ihren Namen vergessen.«

Den ersten Preis für Überzeugung gewann ich also nicht. Klasse Einstieg für ein solches Gespräch.

»Dann wissen Sie aber sicher, worum es geht. Sollen wir uns vor der Tür unterhalten?«

Widerwillig trat sie zur Seite und ließ mich ein. Ob es an meinem Aussehen lag, dass ich nicht willkommen war? Ich wusste, dass ich mich heute nicht von meiner besten Seite zeigte. Mein Haar war struppig, die Jeans ausgeleiert, das T-Shirt schlabbrig und die Boots grob. Und natürlich hatte ich ein Piercing in der Lippe.

Oder wollte sie einfach nicht mit mir reden, weil ich Privatdetektivin war? Hatte sie am Ende etwas zu verbergen?

Das Haus war großzügiger, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Der Boden war mit hellen Fliesen gekachelt, und die Möbel waren dezent cremefarben.

Sie bot mir Platz an, aber nichts zu trinken.

Frau Waldner strich die langen, glatten Haare zurück. Sie war nicht viel älter als ich. Anfang 30 vielleicht. Ob sie einem Beruf nachging? So von morgens acht bis abends um fünf? Mit Überstunden? Manchmal an den Wochenenden?

Sicher hatte sie nicht wie ich die Polizeischule besucht und war dort gefeuert worden. Sie kannte bestimmt keine Unsicherheit im Leben, und ihr Kühlschrank war vermutlich stets mit edlen Dingen gefüllt.

Ich hatte beschlossen, unserem Kennenlernen eine zweite Chance zu geben und fasste kurz zusammen, was ich von Lou erfahren hatte. Trotzdem wollte ich ihre Version der Geschichte hören.

»Seit wann wird Ihre Freundin vermisst?«

Sie antwortete nicht, hatte das Kinn nach vorn gereckt und sah mich einfach nur an. Wie ein trotziges kleines Kind.

»Frau Waldner?«, sagte ich langsam und sah sie an. Sie erwiderte meinen Blick auf herausfordernde Weise. Am liebsten hätte ich ihr eine geknallt. »Eigentlich sollte Ihnen daran gelegen sein, dass Ihre Freundin schnellstmöglich wieder auftaucht. Susanne Dauber ist doch Ihre Freundin, oder?«

Keine Antwort. Dumme Pute! Okay, ich musste es anders versuchen.

»Ich wurde beauftragt, nach Ihrer Freundin zu suchen, und ich pflege meine Aufträge zu erfüllen. Sie müssen mich nicht mögen, wir müssen nicht zusammen zum Kaffeetrinken gehen. Wenn ich ehrlich sein soll, wären Sie auch nicht meine erste Wahl für einen gemütlichen Kneipenabend. Aber ich habe einen Beruf, und dem gehe ich nach. Und wenn ich Fragen stelle, die Sie mir nicht beantworten wollen, dann seien Sie sicher, dass ich die Antworten auch anderswo herbekomme. Allerdings drängt sich mir dann die Frage auf, warum Sie nicht mit mir reden möchten. Und ehe Sie sich’s versehen, gehören Sie auf die eine oder andere Weise zum Kreis der Verdächtigen.«

Sie blickte zur Seite.

»Nun?«

Ich sah förmlich, wie sich die Rädchen hinter ihrer Stirn drehten. Es dauerte eine Ewigkeit, dann blickte sie auf. Ohne jedoch etwas zu sagen. Ich seufzte.

»Frau Waldner, egal, was Sie mir erzählen, ich behalte es für mich.«

Ihre Augen flackerten. Hatte ich es mir doch gedacht.

»Sie erzählen niemandem davon? Nicht der Polizei? Und nicht meinem Mann?«

Ich versuchte, ein überzeugendes Gesicht zu machen. Bis zu einem gewissen Punkt niemandem, versicherte ich ihr stumm und schüttelte den Kopf.

»Herr Dauber hat seine Frau also bei der Polizei als vermisst gemeldet. Und was haben die dazu gesagt?«

»Dass die meisten vermissten Personen innerhalb kurzer Zeit wieder auftauchen. Sie haben noch nicht viel unternommen.«

Jetzt hatten wir eine Basis.

»Heute ist Montag, vermisst wird sie seit Mittwoch vergangener Woche. Das ist eigentlich über die Zeit hinaus, in der Verschwundene von allein wieder auftauchen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte niemandem zu nahe treten, aber ich muss dazu einige Fragen stellen. Besteht die Möglichkeit, dass Frau Dauber Selbstmord begangen hat?«

Sie sah mich an, als hätte ich mich von ihrem Girokonto bedient.

»Im Leben nicht!«, antwortete sie. Dann hob sie die Hand vor den Mund, als ihr der Sinn ihrer Worte bewusst wurde. »Sie hat alles im Leben, was man sich wünschen kann. Einen Mann und ein Haus, sportliche Aktivitäten, sie ist sehr beliebt, in verschiedenen Vereinen tätig und ein freundlicher, aufgeschlossener Mensch. Sie lebt gern und mit Freude.«

»Kein Selbstmord also. Ist sie vielleicht mit einem Freund durchgebrannt?«

Sie zögerte mit einer Antwort. Kurz nur, aber lang genug, dass ich es bemerkte.

»Ist das möglich?«, hakte ich nach.

»Eigentlich nicht. Ich kann es mir nicht vorstellen. Sie hatte keinen festen Freund oder so. Sie ist ja verheiratet.«

»Das ist ein Grund, aber kein Hindernis. Also, wie sieht es aus?«

»Nein. Ich meine …«

Ich schwieg einen Moment und sah sie mit schief gelegtem Kopf forschend an. Etwas in ihr war zerrissen. Sie wusste etwas, aber nicht, wie viel und was sie mir anvertrauen sollte.

»Frau Waldner, wenn ich Ihnen helfen soll, müssen Sie ehrlich sein. Unehrlichkeit hilft niemandem weiter. Am wenigsten Frau Dauber.«

»Susanne und ich haben Kontaktanzeigen aufgegeben«, sagte sie leise.

Ja und? War das alles? Bei dieser Ankündigung hatte ich eher an außereheliche Treffen im Swingerclub gedacht.

»Haben Sie diese Männer getroffen?«

Frau Waldner nickte.

»Natürlich haben uns teilweise dieselben Männer geantwortet. Aber wir haben nie die gleichen getroffen. Wir haben das auch nicht getan, weil wir Bettgefährten gesucht haben, sondern weil einfach einmal etwas passieren sollte.«

»Wenn das Verschwinden Ihrer Freundin überhaupt mit den Anzeigen zusammenhängt. Gibt es eine Liste der Männer, mit denen sich Frau Dauber getroffen hat?«

»Ja. Viele waren es ja noch nicht. Ich habe die Briefe hier. Susannes Mann hätte sie sonst längst gefunden. Meiner ist weniger ordentlich.«

Täuschte ich mich, oder klang sie verbittert?

»Ihre Männer wussten also nichts davon.«

»Was glauben Sie denn? Natürlich wussten sie nichts.« Sie sah mich empört an. »Deswegen möchte ich auch nicht, dass Susannes Mann etwas davon erfährt. Wenn sich ihr Verschwinden aufklärt und das nur ein dummes Missverständnis war, möchte ich nicht an einem Ehekrach schuld sein. Trotz allem mache ich mir Gedanken. Vielleicht haben die Kontaktanzeigen ja doch etwas mit ihrem Verschwinden zu tun.«

»Gut. Wie viele Männer hat sie getroffen?«

»Ich weiß nur von Dreien.«

Eilig stand Frau Waldner auf, öffnete die Schublade einer Kommode und wühlte darin herum. Dann reichte sie mir einen Umschlag.

»Mit denen hat Susanne sich getroffen.«

Ich blätterte oberflächlich in den Antwortbriefen und nickte.

»Die nehme ich mit.« Ich steckte den Umschlag in die Tasche, ohne eine Antwort abzuwarten. »Hat Frau Dauber etwas von den Treffen erzählt, die sie hatte?«

»Nicht viel. Daniel Schönborn hat sie erwähnt. Er schien ihr sympathisch zu sein. Sie wollte sich noch einmal mit ihm treffen. Er ist Arzt. Von den anderen beiden weiß ich nichts. Außer, dass sie sie getroffen hat.«

»Okay.« Ich erhob mich und sah die Erleichterung auf ihrem Gesicht. »Ich glaube, jetzt weiß ich erst einmal genug, um mir ein Bild zu machen.«

»Und wie geht es jetzt weiter?«

»Ich beginne mit meinen Ermittlungen und zunächst werde ich mich mit Herrn Dauber in Verbindung setzen.« Mit innerer Genugtuung nahm ich ihren ängstlichen Blick zur Kenntnis. »Keine Angst. Ich werde nichts verraten.«

Damit öffnete ich die Tür und trat nach draußen in die warme Frühlingsluft. Ich atmete tief durch. Grußlos ging ich zu meinem Auto, das unangetastet noch immer an seinem Platz stand, und schloss die Tür auf. Nicht einmal einen Strafzettel hatte ich bekommen. Als wäre mein Auto selbst in den Augen der Politesse nicht würdig, in dieser Gegend ein Ticket hinter den Scheibenwischer geklemmt zu bekommen.

Da ich außer ein paar Tassen Kaffee und einigen Aspirin nur Lous Brötchen gefrühstückt hatte und es bereits später Vormittag war, stellte ich mein Auto vor der Tür ab und ging in dem Supermarkt um die Ecke einkaufen.

Der Laden war kleiner als die üblichen Geschäfte, aber weit davon entfernt, ein Tante-Emma-Laden zu sein. Und er hatte alles, was ich brauchte: Kaffee, Milch und jede Menge Auswahl in der Tiefkühltruhe. Zwar konnte ich nicht schlecht kochen, es wäre manch einer überrascht gewesen, aber meistens war ich einfach zu faul. Für mich allein lohnte es die Mühe nicht, und Besuch bekam ich nie. Zumindest keinen, der zum Essen blieb. Wozu also die Mühe?

Ich deckte mich mit Milch, Joghurt, Bier, Brot und einigen Tiefkühlpizzas ein und schleppte alles nach Hause.

Das Fahrrad lehnte noch immer an der Hauswand, der kleine Nachbarsjunge stand davor und begutachtete es. Als er mich kommen hörte, wandte er sich erschrocken um. Dann entspannte er sich, als er sah, mit wem er es zu tun hatte.

»Hallo«, grüßte ich und versuchte, ganz freundliche Tante zu sein. »Immer noch keine Schule?«

Wütend verzog er das Gesicht.

»Bist du von der Polizei?«

»Nein, kleiner Neunmalklug. Ich bin Privatdetektivin. Und mir ist es ziemlich egal, ob du in der Schule bist oder schwänzt. Ich wollte nur freundlich sein. Das machen Nachbarn manchmal so.«

Ich öffnete die Tür und ging hinein.

»Cool«, hörte ich ihn hinter mir murmeln und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Achtlos warf ich meinen Lederbeutel in den Flur und die Schlüssel auf das Schuhschränkchen. Ich verstaute die eingekauften Sachen, schob eine Pizza in den Ofen und setzte mich mit einer Flasche Wasser und den Antworten auf die Kontaktanzeigen an den Küchentisch.

Sonne fiel durch das Fenster, auf dessen Sims ein vertrockneter Kaktus sein trauriges Dasein fristete. Ich sollte ihn endlich wegwerfen.

Während die Pizza im Ofen brutzelte, las ich die Briefe durch, die Marina Waldner mir mitgegeben hatte. Auf den ersten Blick konnte ich nichts Besonderes entdecken.

Ich fertigte für jeden der Kandidaten ein Blatt an, auf das ich alles schrieb, was ich von ihm wusste. Viel war es nicht.

Daniel Schönborn war 38 Jahre alt und von Beruf Arzt. Susanne hatte ihn so sympathisch gefunden, dass sie ihn noch einmal treffen wollte, wie ich von Frau Waldner wusste.

Tobias Goldmann war 32 Jahre alt. Er hatte keinen Beruf angegeben, doch er hatte ein Foto beigelegt. Unwillkürlich pfiff ich bei seinem Anblick durch die Zähne. Er sah nicht schlecht aus. Fast wie ein Model für Aftershave oder Gesichtscremes. Vielleicht ein bisschen zu glatt und lackiert, aber sehr ansprechend. Das zumindest würde ein optisches Highlight werden.

Rafael Winter war mit 39 Jahren der älteste. Er war ausgebildeter Sozialpädagoge und arbeitete als Streetworker. Kein Foto. Schade. Andererseits konnte ich mir dann selbst ein Bild machen.

Die drei Blätter waren bis jetzt nur dünn beschrieben, und ich konnte nur hoffen, in Kürze einiges hinzufügen zu können.

Insgesamt waren die potenziellen Flirtkandidaten ein illustrer Haufen. Unterschiedlicher hätte die Mischung nicht sein können. Das versprach interessant zu werden.

Fest stand, dass ich mich mit allen treffen musste, um mir ein Bild zu machen.

Allerdings durfte ich mich nicht nur darauf verlassen, dass Susannes Verschwinden mit den Kontaktanzeigen zu tun hatte, auch wenn Marina da einen Zusammenhang vermutete. Ich musste in sämtliche Richtungen ermitteln.

Vielleicht hatte die Vermisste doch Selbstmord begangen? Menschen litten unter Depressionen, ohne dass ihr Umfeld davon wusste. Oder Frau Dauber war verunglückt und lag hilflos irgendwo in einem Wald, abseits des Weges, und niemand hörte ihre Rufe. Unwahrscheinlich. Wieso war sie zu Fuß nach Hause gegangen? Ihr Auto hatte noch im Parkhaus gestanden.

Und dann bestand noch immer die Möglichkeit, dass sie hatte verschwinden wollen. Vielleicht war sie mit ihrem Leben unzufrieden gewesen und hatte einen Neubeginn gestartet. Und nicht zuletzt konnte es sein, dass sie schlicht mit einem Liebhaber durchgebrannt war. Vielleicht machten sie Urlaub in Südspanien und wollten nicht mehr zurückkommen.

Es gab eine Vielzahl von Möglichkeiten, die ich eine nach der anderen ausschließen musste.

Und auch den ominösen Erich musste ich unter die Lupe nehmen.

Ich sann darüber nach, dass ich eigentlich Urlaub hatte. Aber Freunde ließ man nicht im Stich. Auch wenn sie gelegentlich nervten. Und Lou hatte mich in einer schweren Zeit aufgefangen und mir eine Familie geboten, als ich beinahe auf dem Nullpunkt angelangt war. Ich hatte ihm viel zu verdanken. Und das würde ich ihm nicht vergessen.