Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Meine Heimat Tamarán - Claudia Bittau

Tamarán ist der Name von Gran Canaria zu einer Zeit, als die Kanareninsel noch von den Ureinwohnern, von den Aborígenes, bewohnt war. Ein junger Künstler reist auf die Insel, um seine biologischen Eltern zu suchen. Er trifft Linda Hernández, die ihn damals auf die Welt geholt hat, aber niemandem das Geheimnis seiner Geburt offenbarte. Ihr Tagebuch erzählt von der Aborígen Faya, die Ende des 15. Jahrhunderts während der Eroberung der Insel durch die spanische Krone erkennt, was ihre wahre Bestimmung ist. Obwohl die beiden Frauen in verschiedenen Epochen leben, wird ihre Verbindung für David Bauer der Schlüssel zu seiner Herkunft und Tamarán für alle zur wahren Heimat.

Meinungen über das E-Book Meine Heimat Tamarán - Claudia Bittau

E-Book-Leseprobe Meine Heimat Tamarán - Claudia Bittau

Buch

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter erhält David Bauer einen Brief in dem sie ihm gesteht, dass sie und sein Vater nicht seine biologischen Eltern sind.

Er sei auf der Kanareninsel Gran Canaria zur Welt gekommen, mehr über seine Herkunft könne sie ihm nicht sagen.

David beschließt, sich auf die Suche nach seinen Wurzeln zu begeben und erfährt, dass nur die Hebamme Linda Hernández Licht ins Dunkel bringen kann.

Ihr Tagebuch führt den jungen Mann durch die Geschichte der Insel und in eine längst vergangene Zeit, als Gran Canaria noch Tamarán hieß und die Ureinwohner um ihre Freiheit und ihre Heimat kämpfen mussten.

Autorin

Claudia Bittau (Jahrgang 1952) hat seit ihrer Kindheit Geschichten erzählt. Nach der Schule entschied sie sich für eine Verwaltungslaufbahn, die sie dann aber aufgab. Sie wurde Heilpraktikerin, Lehrerin für Körperenergiearbeit, Seminarleiterin, schrieb Bücher und veröffentlichte Artikel in Fachzeitschriften.

Ende der 90er Jahre zog sie nach Spanien, wo sie auf Mallorca, in Andalusien und schließlich auf Gran Canaria lebte und als Autorin arbeitete.

Zurück in Deutschland widmet sie sich auch im Rentenalter dem Schreiben. Genauso, wie sie es immer getan hat.

Weitere Bücher bei BoD Norderstedt:

Agdato Surient – Eine phantastische Geschichte Im Bann der Aegis – Eine Liebesgeschichte

Ich widme das Buch allen Menschen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die tapfer ihr Leben bewältigen, die sich für ewig gültige Werte, für Menschlichkeit und Solidarität einsetzen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und dabei auch über ihren eigenen Schatten springen können.

Wie die Aborígenes von Tamarán, von denen diese Geschichte handelt.

Denn Tamarán bedeutet »Land der Tapferen«.

C. B.

Wie es zu dieser Geschichte gekommen ist

Sie nahm ihren Anfang während eines Besuches im Archäologischen Museum in Gáldar, einer Gemeinde im Nordwesten von Gran Canaria.

Ich wohnte damals schon viele Jahre auf der Insel und kam natürlich immer wieder mit ihrer Geschichte in Berührung. Das lässt sich nicht vermeiden, denn überall kann man ihnen begegnen, den Ureinwohnern und der Zeit in der sie lebten – Dokumentationen im Fernsehen, Bücher, Ausgrabungsstätten und Museen erinnern daran.

Kein Wunder, denn die Kanaren sind stolz auf ihre Vorfahren und so ist es nicht verwunderlich, dass bei vielen fiestas Wettkämpfe, Tänze und Musik aus dieser Epoche aufgeführt werden.

Interessengemeinschaften halten all diese Traditionen, Handwerkskunst, Sprache und Kultur am Leben und erzählen die alten Legenden, von denen einige auch mir zu Ohren gekommen waren. Und mich als Erzählerin natürlich faszinierten!

Während meiner »Spurensuche« schaute ich mir eines Tages auch die größte Attraktion der Insel auf dem weitläufigen Ausgrabungsgelände in Gáldar an – die Cueva Pintada mit einer ausgesprochen gut erhaltenen Höhlenmalerei, die vermutlich aus dem 10. Jahrhundert stammt.

Ich hatte schon viele Orte dieser Art, verschiedene Museen und Ausstellungen besucht, hatte viel über die Ureinwohner gelesen und gehört – doch dies war nichts im üblichen Sinne.

Diese Malerei ist eine Rarität, gemalt mit den ursprünglichen Naturfarben auf der Wand einer Höhle, die noch immer den Geist, die Seele der Aborigenes ausstrahlt.

War es eine Wohnstatt, ein Versammlungsraum oder eine Kultstätte?

Man weiß es nicht, doch in mir wurde ein Funke entzündet. Und ich wusste ganz tief in meinem Herzen, dass ich über diese Zeit und ihre Menschen schreiben wollte.

Zunächst aber war Arbeit angesagt, denn das Thema »Vergangenheit« war ab sofort keine Freizeitbeschäftigung mehr, sondern es wurde zur intensiven Recherche.

Dabei konnte ich mir gut vorstellen, wie sie gelebt und empfunden haben müssen und wie es wohl für mich gewesen wäre, zu einem ihrer Stämme zu gehören.

Ich konnte regelrecht das Flair dieser Zeit spüren, schmecken und ihn riechen – den Duft der Wiesen und Wälder, der Kräuter, der Früchte und den Rauch, der bei rituellen Handlungen das Böse vertreiben sollte.

Ich wurde immer mehr Teil dieser Welt und ertappte mich sogar manchmal dabei, mich als eine von ihnen zu empfinden – als ob sie für mich ein Stück »Heimat« geworden seien.

Und eines Tages war sie da, die Geschichte.

Zunächst nur als ein vages Gefühl – als eine Handlung, die zwar noch nicht greifbar war, aber sich irgendwo in mir entwickelte.

Bis zum fertigen Buch lag dann ein langer Weg vor mir mit vielen Ideen und Entwürfen, aber auch mit starken Emotionen und manchmal sogar dem Impuls, das berühmte Handtuch zu werfen.

Doch irgendetwas hielt mich bei der Stange, auch und besonders dann, wenn die Geschichte wegen anderer Projekte, die erstmal Vorrang hatten, beiseite gelegt und ›vertagt‹ werden musste.

Und manchmal dachte ich, es würde nie etwas – aber dann war es endlich so weit! Das Buch ist fertig und kann veröffentlicht werden…

Die Geschichte reist durch die Geschichte der Insel und spielt in verschiedenen Epochen.

Die »Gegenwart« habe ich im Jahr 2010 angesiedelt, also in dem Jahr, in dem ich durch die Höhlenmalerei der Cueva Pintada zum Buch inspiriert wurde.

Die Geschichte spielt aber auch in den 50er, 60er und 70er Jahren, als Spanien unter der Francodiktatur zu leiden hatte und eine große Kluft zwischen der armen, durch Staat und Kirche unterdrückten Bevölkerung und den privilegierten Reichen klaffte.

Und natürlich beleuchtet sie das Leben der Ureinwohner – in einer schweren Zeit, im 15. Jahrhundert, vor und während der Eroberung der Insel durch die spanische Krone.

Aus dieser Zeit gibt es viele Berichte von Zeitzeugen, die allerdings nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen. Denn derartige Aufzeichnungen sind immer geprägt vom Verfasser und spiegeln die sittlich-moralischen Auffassungen der Epoche sowie des Chronisten, oder vielmehr derer, die ihm den Auftrag zur Geschichtsschreibung erteilten.

Eine andere Quelle sind die archäologischen Funde. Sie lassen ziemlich genaue Rückschlüsse auf Leben und Kultur der Ureinwohner zu.

Und natürlich habe ich alte Legenden studiert, die »von Mund zu Mund« erzählt die Jahrhunderte überdauert haben.

Einige Personen und Ereignisse stimmen mit den historischen Daten der Eroberung des Archipels überein.

Dazu gehören die Namen von Königen, Offizieren und Gouverneuren auf Seiten der Ureinwohner und der Eroberer sowie die angegebenen Jahreszahlen.

Ansonsten sind Personen und Handlung frei erfunden und ein Produkt meiner Phantasie.

Vielleicht sind sie aber auch aus der Geschichte selber entstanden, aus einer Geschichte, die einfach nur erzählt werden wollte …

Claudia Bittau, im Sommer 2018

Zum besseren Verständnis der verwendeten Namen, Orte und Begriffe habe ich ab Seite → ein Glossar zusammengestellt.

Einen geschichtlichen Überblick bis zur Eroberung der Kanarischen Inseln finden Sie auf Seite →.

Sie sitzt auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und döst vor sich hin.

In ihrem Haar, das sie im Nacken zu einem dicken Knoten gewunden hat, steckt eine Blüte. Das lange weiße Hemd bedeckt den gesamten Körper. Nur die nackten Füße schauen heraus und ihre schmalen Hände, die locker übereinander in ihrem Schoß liegen. Es dauert eine Weile bis sie bemerkt, dass sie nicht mehr alleine ist. Sie schaut auf und erkennt ihre alte Freundin sofort:

»Du bist da. Ich freue mich. Es ist viel Zeit vergangen!«

Dabei lächelt sie und streckt zur Begrüßung ihre Arme aus. Die Besucherin setzt sich zu ihr und die Frauen umarmen sich.

Beide sind alt geworden im Laufe der Jahre und das Alter hat Spuren in ihren Gesichtern hinterlassen.

Wie früher brauchen sie keine Worte um sich zu verstehen, doch dann bricht eine von ihnen das gemeinsame Schweigen und sagt leise:

»Es ist so weit, er wird kommen. Er sucht seine Eltern.«

Der Mann stieg aus dem Auto, sah sich um und lächelte. Nie würde er es vergessen können, sein Oberbayern, das er als Student so geliebt und genossen hatte. Seit seiner Landung und der Fahrt nach München war sie wieder da, die Erinnerung an die schönste Zeit seines Lebens!

Und nun stand er vor einem dieser typischen Bauernhäuser, sah die mit buckligen Steinen gepflasterte Einfahrt und das uralte Gebäude, seine dicken Mauern und die kleinen Fenster.

Die Bewohner hatten es zwar renoviert, aber alles so gelasssen, wie es seit Generationen immer gewesen ist. Der grobe Putz war weiß gestrichen und bildete einen Kontrast zu dem dunklen Holzgiebel und dem ebenfalls dunklen, breiten Holzbalkon, der im Sommer sicherlich von bunten Hängegeranien eingehüllt sein würde.

Du alter Narr, dachte er. Dieses Haus macht dich sentimental und er spürte, vielleicht zum ersten Mal, wie alt er geworden war und dass er trauerte um den Verlust seiner Jugend und seiner großen Liebe.

Was war seit damals alles geschehen! Doch rasch wischte er Gedanken und Gefühle fort und ging zur Tür. Schließlich hatte er eine Mission zu erfüllen!

Über der Klingel stand auf einem schlichten Messingschild ›Atelier David Bauer‹ und darunter in kleineren Buchstaben ›Steinmetz-Steinbildhauer‹.

Er drückte den Klingelknopf, aber drinnen rührte sich nichts. Er drückte nochmal, es läutete, aber wieder keinerlei Reaktion.

Von der hinteren Seite des Hauses hörte er ein dumpfes Klopfen und Hämmern und er ging dem Geräusch nach. Es kam aus der Werkstatt. Die Tür war offen und er sah einen jungen Mann, der hoch konzentriert einen groben Stein mit Hammer und Meißel bearbeitete. Der Künstler war so sehr in seine Arbeit vertieft, dass er den Fremden zunächst nicht bemerkte und erst aufmerksam wurde, als dieser »Hallo!« rief.

»Oh! Guten Tag, was kann ich für Sie tun?« David Bauer legte sein Werkzeug beiseite und ging auf den Fremden zu. Dieser erwiderte entschuldigend:

»Bitte, verzeihen Sie. Aber ich hatte geklingelt...«

Der Mann war Ausländer. Er sprach zwar sehr gut Deutsch, aber sein spanischer Akzent war unüberhörbar.

»Ach!« David Bauer schlug sich mit der Handfläche gegen die Stirn.

»Nein – verzeihen Sie! Meine Sekretärin hat heute frei und ich habe total vergessen, die Klingel in die Werkstatt umzustellen. Bitte, was kann ich für Sie tun?«

»Nun...« Der Fremde wußte nicht, wie er anfangen sollte. Er hatte sich seine Mission nicht leicht vorgestellt, aber dass es ihm so schwer fallen würde...

»Ich weiß nicht. Es ist... Es ist etwas... eher Privates, wissen Sie. Ich habe etwas für Sie und...«

David bat ihn mit einer einladenden Handbewegung durch die Verbindungstür ins Wohnzimmer und fragte:

»Darf ich Ihnen etwas anbieten, einen Kaffee vielleicht?«

Der Fremde schüttelte den Kopf:

»Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Sergio. Sergio Rodríguez. Ich bin Notar in Las Palmas. Sie kennen Las Palmas?«

»Nicht persönlich. Meine Eltern haben in den 70er Jahren dort gelebt. Ich selber war nie auf den Kanarischen Inseln. Aber was haben Sie für mich? Sie machen mich wirklich neugierig!«

Die beiden Männer setzten sich gegenüber in zwei bequeme Ohrensessel.

»Ja – Ihre Eltern habe ich gut gekannt. Mit Ihrer Mutter war ich in meiner Studentenzeit in München viel zusammen.

Anne...«

Wie liebevoll und gleichzeitig voller Wehmut Sergio den Namen seiner Mutter aussprach!

»Ihren Vater habe ich dann in Las Palmas kennengelernt. Die beiden waren – wie sagt man – sehr in Liebe, sehr glücklich.

Wir haben uns dann aus den Augen verloren. Erst durch die Krankheit – Anne hat mir davon geschrieben, wie sie ihn verzehrt hat und dass der Tod eine Erlösung war.

Aber deshalb bin ich nicht hier. Es ist...

Es ist mir sehr peinlich...

Es ist... Nun, ich habe etwas aus dem Nachlaß Ihrer Mutter.«

Der Notar zog einen schmalen Umschlag aus der Jackentasche und legte ihn auf den Tisch.

»Ihre Mutter hat dies bei mir hinterlegt und verfügt, dass der Nachlassverwalter mich nach ihrem Tod umgehend benachrichtigt.«

»Aber meine Mutter ist seit zwei Jahren tot!« David schüttelte erstaunt den Kopf.

»Ja, das weiß ich aber erst seit einigen Tagen. Der Nachlaßverwalter hat mich angerufen. Es war ihm schrecklich unangenehm, aber die Verfügung ist irgendwie... nun... einfach vergessen worden und jetzt zufällig wieder aufgetaucht.

Wenn Sie rechtlich gegen ihn vorgehen wollen? Ich könnte Sie verstehen...«

David kannte den Anwalt seit seiner Kindheit und nannte ihn ›Onkel‹.

Er war alt geworden, alt und datterig und – vergesslich. Was sollte, was konnte er ihm vorwerfen? Daher antwortete er rasch:

»Nein, nein – ist schon gut...«, und Sergio fuhr fort:

»Da ich ab morgen an einer Tagung in Zürich teilnehme habe ich mir gedacht, ich bringe es Ihnen persönlich vorbei. Das bin ich Ihnen – Anne – schuldig.«

»Warum hat sie den Umschlag bei Ihnen hinterlegt? Wissen Sie, was drin ist?«

Die Verwirrung war David anzusehen.

»Wir waren befreundet, Ihre Eltern und ich, sie hat mir vertraut...

Der Inhalt...«

Sergio Rodríguez stockte, als ob er nicht antworten wolle oder könne und fuhr dann fort:

»Wenn Sie Fragen haben – ich wohne im Bayerischen Hof. Bis morgen Mittag. Und hier ist meine Handynummer. Sie können mich jederzeit anrufen.

Es tut mir leid...«

Der Notar stand abrupt auf. Um seine Ergriffenheit zu verbergen, verließ er ohne Abschied schnell das Haus, stieg ins Auto und fuhr davon, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

Doch David hatte die Tränen in seinen Augen gesehen.

Wie lange war es her, dass Sergio Rodríguez, der Freund seiner Eltern, ihm gegenüber saß? Eine Stunde – zwei?

Der Umschlag lag noch immer unberührt auf dem Tisch, genau so, wie ihn der Notar hingelegt hatte. David starrte ihn an, unfähig, ihn in die Hände zu nehmen oder gar zu öffnen. Ihm war kalt, er fühlte sich unbeweglich, wie gelähmt, versteinert aber gleichzeitig auch völlig aufgewühlt, denn der Tod seiner Eltern war noch längst nicht verarbeitet. Und der Brief seiner Mutter rührte an all die damaligen Empfindungen, erinnerte ihn an all das, was er damals versucht hatte zu verdrängen, als er sich innerlich abtötete, um den Schmerz nicht zu spüren – und die Angst vor Einsamkeit. Denn mit ihrem Tod war er völlig allein auf der Welt!

David hatte nicht weinen können, damals. Er war nicht einmal traurig gewesen, denn um traurig zu sein, hätte er Trauer empfinden müssen.

Aber in ihm war nichts, nur eine unsagbare Leere.

Wie eng waren sie miteinander verbunden, seine Eltern und er! Sie waren immer für ihn da, ihm immer nah.

Auch dann, wenn sie nicht zusammen sein konnten, wenn er im Internat oder bei den Großeltern war.

Durch ihren Beruf hielten sie sich die meiste Zeit des Jahres im Ausland auf. Sie hatten sich als junge Architekten in Bremen in der Zweigstelle eines weltweit agierenden Unternehmens kennengelernt, das auf Planung und Gestaltung von Hotelanlagen, Themenparks und Einkaufszentren spezialisiert war.

Von Anfang an bildeten sie ein Team, verstanden sich auf Anhieb und nach gar nicht langer Zeit verliebten sie sich ineinander. Sie heirateten und Ende der 60er Jahre wurde ihnen ein Großprojekt im Süden von Gran Canaria übertragen, der sich damals im touristischen Aufschwung befand.

Hotel- und Apartmentanlagen und die dazugehörige Infrastruktur wurden buchstäblich nicht nur aus dem Boden, sondern auch aus dem Sand der weiten Dünen von Maspalomas gestampft und der Markt boomte.

1976 gingen sie nach Bremen zurück. Ihr Sohn David war auf der Insel geboren worden, sollte jedoch in Deutschland aufwachsen.

Und in Bremen verbrachte David dann auch die ersten Jahre seines Lebens. Die Mutter arbeitete zu Hause, wo sie sich ein kleines Büro eingerichtet hatte. So konnte sie in seiner Nähe sein und die wenigen Reisen übernahm der Vater. Mit ihrem Arbeitgeber war vereinbart worden, ihnen zunächst keine Aufgaben im Ausland zu übertragen.

Man brachte den Eltern viel Verständnis entgegen und gönnte ihnen die Zeit mit ihrem Sohn. Denn ihr erstes Kind, ein Mädchen, war kurz nach der Geburt gestorben.

Sie waren alle drei glücklich miteinander und David fühlte sich in seiner Familie rundum geborgen.

Doch dann kam eine schwere Zeit, kam Krankheit ins Haus. Die Eltern waren längst in Rente gegangen, David war erwachsen und lebte sein eigenes Leben, als das Schicksal mit einer niederschmetternden Diagnose zuschlug:

Seine Eltern hatten sich eine schwere Hepatitis irgendwo auf einer ihrer vielen Reisen eingefangen.

Die Behandlung schlug zunächst gut an bei der Mutter, doch für den schon vorher gesundheitlich labilen Vater kam jede Rettung zu spät. Nach einem halben Jahr fürchterlichen Leidens starb er in den Armen seiner Frau.

Anne hatte nur noch für ihn gelebt, denn sie wollte die wenige Zeit, die ihnen gemeinsam blieb, mit ihm verbringen und pflegte ihn selber. Es schien ihr Kraft zu geben und die auch in ihr schwelende Krankheit aufzuhalten. Aber nach dem Tod des Vaters brach sie innerlich und äußerlich zusammen. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst und zog sich vom Leben in ihre Wohnung zurück.

David wußte, dass sie nur noch den einen Wunsch hatte, ihrem geliebten Mann zu folgen und am ersten Todestag des Vaters erhielt er den Anruf.

Damals konnte er nicht weinen, aber heute stiegen die Tränen in ihm hoch.

Heute konnte er sie zulassen und der jahrelang unterdrückte Schmerz über den Verlust der geliebten Menschen brach aus ihm heraus. Er schluchzte, stöhnte und schrie und in ihm brodelte eine Mischung aus Verzweiflung, Wut und Ohnmacht.

Am liebsten hätte er irgendetwas kurz und klein geschlagen.

Sogar die Statue, an der er gerade arbeitete, schoss ihm in den Sinn!

Doch mit den Tränen kam auch die Erleichterung, die Wut ließ nach und David spürte, dass der Eisblock in ihm langsam zu schmelzen begann.

Der Umschlag lag immer noch unberührt auf dem Tisch, aber er wirkte nicht mehr so bedrohlich.

David nahm ihn in die Hände und erkannte die schwungvolle Schrift seiner Mutter, mit der sie geschrieben hatte »Für meinen Sohn David« und auf der Rückseite stand »Annegret Bauer«.

David brach das Siegel des Notars. In dem Umschlag befand sich ein Brief, am Computer geschrieben und auf zartrosa Briefpapier ausgedruckt:

»Geliebter David, du wirst dich fragen, warum ich dir schreibe, warum ich dich nicht einfach anrufe, dich bitte, mich zu besuchen und wir nicht so wie früher miteinander reden, alles miteinander teilen können.

Nun – das, was ich dir zu beichten habe, kann ich dir nicht persönlich sagen.

Vielleicht bin ich feige, aber ich kann es dir nur auf diesem Wege mitteilen und dafür sorgen, dass du die Wahrheit erst nach meinem Tod erfährst.

Es war eine schwere Entscheidung, eine Entscheidung, die ich gemeinsam mit Papa getroffen habe, kurz bevor er gestorben ist.

Eigentlich wollten wir dir all das niemals offenlegen, wollten alles so belassen wie es ist, wie es war.

Doch durch die Krankheit, durch den bevorstehenden Tod, hat es eine andere Wertigkeit bekommen und ich weiß nun, dass eine Mutter, dass Eltern ihr Kind über derart wichtige Dinge nicht im Unklaren lassen dürfen. Auch das gehört zu ihrer Verantwortung ihren Söhnen und Töchtern gegenüber. Denn jeder Mensch hat ein Recht darauf, seine wahre Herkunft zu erfahren.

Und so schwer es mir fällt – ich muss das Risiko eingehen, dass du mir, dass du uns Vorwürfe machen, dass du uns verachten wirst. Und das ist auch der Grund, warum ich die Verfügung getroffen habe, dir den Brief erst nach meinem Tode auszuhändigen. Denn ich würde es nicht ertragen können, wenn du dich von mir abwendest.

Obwohl es nur allzu verständlich wäre...

Ich will nichts beschönigen, will nichts entschuldigen aber eines sollst du wissen:

Wir haben dich sehr, sehr geliebt und du warst zeitlebens unser Sohn, unser David.«

David erschrak – was bezweckte seine Mutter mit dieser langen Vorrede. Sie war immer ein Mensch der klaren Worte gewesen! Eine Ahnung beschlich ihn, er bekam feuchte Hände und sein Puls raste, als er die Seite umblätterte:

»Auch wenn wir nicht deine biologischen Eltern sind. So – jetzt ist es raus. Jetzt steht es hier schwarz auf weiß und ich will es auch nicht mehr rückgängig machen.

David – wir haben dich damals in Las Palmas als unser Kind angenommen.

Unser Freund Sergio, den du ja inzwischen kennengelernt hast, hat uns von dir erzählt, davon, dass ein ihm bekannter Arzt ein Zuhause für einen Säugling suche, einen Jungen. Er würde das Baby gerne in guten Händen wissen, nicht in einem dieser schrecklichen Waisenhäuser.

Es sei irgendwas mit den Eltern, mit der Mutter, passiert, soviel konnte uns Sergio sagen, aber nichts über deine Herkunft. Die genauen Hintergründe haben wir daher nie erfahren und wir haben auch nie weiter danach geforscht, das gehörte mit zur Vereinbarung.

Denn um das langwierige und unsichere Verfahren einer Adoption – zumal an Ausländer – zu vermeiden schlug Sergio vor, dich als unser eigenes Kind auszugeben. Der Arzt habe die entsprechenden Möglichkeiten, und wir willigten ohne großes Zögern ein.

Der Arzt meldete dich also auf unseren Namen im Register an und es gab keinerlei Probleme.

All das war im Oktober 1975, aber für uns war es wie Weihnachten.

Und du warst das Geschenk, du warst das schönste Geschenk, das wir je erhalten haben.

Schon vorher war ich in ein kleines Landhaus gezogen. Dort hatte die angebliche Hausgeburt stattgefunden und dort war alles für uns vorbereitet. Alles, was ein Säugling benötigt, lag bereit und wir konnten uns unbehelligt und in Ruhe aneinander gewöhnen. Papa erledigte sämtliche Formalitäten mit der Firma und im Frühjahr waren wir wieder in unserer Wohnung in Bremen.

Natürlich wunderten sich viele Leute über den plötzlichen Nachwuchs, aber wir erzählten überall, dass wir die Schwangerschaft bewußt geheim gehalten hätten. Wir wollten abwarten, ob diesmal alles gut ausgehen würde.

Das verstand jeder und keiner kam auf die Idee, dass ich nicht schwanger gewesen bin. Denn ich hatte seinerzeit viel gesündigt und in kurzer Zeit ziemlich zugenommen. Es war sehr stressig auf den Baustellen und du kennst meine ›süßen Phasen‹!

Außerdem habe ich schon damals mit Vorliebe weite Kleidung getragen. Du weißt, dass ich mich nicht gerne einschnüre...

Niemandem ist etwas aufgefallen!

Ja, David. So bist du als unser Kind, als unser Sohn aufgewachsen und glaube es mir – wir haben die Entscheidung, uns auf eine Urkundenfälschung einzulassen, nicht einen Augenblick unseres Lebens bereut! Und nun kann ich nur hoffen, dass du uns irgendwann verzeihen, dass du uns verstehen kannst! Denn wir mussten zu unserem eigenen und zu deinem Schutz Sergio fest versprechen, niemals darüber zu reden und auch niemals mehr auf die Kanaren zu reisen, besser sogar, Spanien ganz zu meiden. Wir haben unser Versprechen gehalten. Bis heute.

Sergio habe ich bereits darüber informiert, dir nun doch die Wahrheit sagen zu wollen und natürlich will ich diesen Brief an keinem anderen Ort als bei Sergio hinterlegen und ihn auch nur persönlich übergeben wissen. Sergio wird also den Umschlag bei mir abholen und versiegeln und ihn dir zu gegebener Zeit aushändigen.Wir werden dann hier endgültig voneinander Abschied nehmen, keinen Kontakt mehr haben und er wird sich erst mit dir in Verbindung setzen, wenn ich endlich wieder mit Papa zusammen bin.

Vielleicht hältst du mich jetzt für sentimental – früher habe ich mir kaum Gedanken darüber gemacht und du kennst mich als einen eher realistischen Menschen. Aber im Angesicht des Todes glaube ich immer mehr daran, dass es ein Leben ›danach‹ gibt – ein Leben, in dem wir alle wieder vereint sein werden. Es tröstet mich und vielleicht ist es auch ein Trost für dich...

Mein geliebter David – ich weiß, ich habe dir mit meiner Beichte sehr weh getan. Du wirst verwirrt, traurig, enttäuscht und mit Sicherheit wütend sein. Ich kenne dich, du warst immer ein wahrhaftiger Mensch und fühlst dich jetzt belogen und betrogen. Aber vielleicht kannst du den Grund für unser Handeln nachvollziehen, wenn sich der erste Schreck, der erste Zorn, der erste Schmerz gelegt haben.

Unser Geheimnis ist bei dir gut aufgehoben und ich weiß, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst. Ich kenne dich, ich bin deine Mutter. Und wenn du dich auf die Suche nach deinen biologischen Eltern begeben willst, wende dich an Sergio. Er hat viele Verbindungen auf der Insel und wird alles tun, sie zu finden. Doch gleich wie du dich entscheidest, denke immer daran, dass wir, Papa und ich, auf deiner Seite sind.

Ich segne dich!«

Der Airbus verlor langsam an Höhe, der Landeanflug auf Gran Canaria hatte begonnen. Es sei schönes Wetter auf der Insel, Sonnenschein und 25 Grad.

Die Passagiere, überwiegend Urlauber, nahmen die Information unterschiedlich auf. Einige strahlten, denn in Deutschland regnete es in Strömen. Aber viele schienen die Stimme des Piloten gar nicht wahrzunehmen. Sie waren schon ewig lange auf den Beinen und einfach nur kaputt.

Die Maschine startete pünktlich um 6 Uhr in Düsseldorf und viele Fluggäste hatten ein stundenlanges Warten in der Halle vor den Abfertigungsschaltern hinter sich. Öffentliche Verkehrsmittel in die Stadt gab es zu so früher Stunde nicht von überall aus dem weiten Umland.

Manch einer musste daher mit dem letzten Zug am Abend anreisen, um sich pünktlich zu der vom Reiseveranstalter vorgegebenen Zeit ›zwei Stunden vorher‹ am Gepäckschalter einfinden zu können.

Junge Familien mit kleinen Kindern, die noch nicht zur Schule gingen, aber auch Ehepaare, Rentner und Cliquen von jungen Leuten, Clubs und Vereine hatten den Mai gewählt wegen seines angenehmen Klimas auf den Kanaren und außerdem war Nebensaison mit vielen supergünstigen Angeboten.

David konnte so kurzfristig keinen Flug ab München buchen und nur von Düsseldorf aus fliegen. Mit dem Zug mitten in der Nacht am Hauptbahnhof angekommen, gehörte er zu den Wartenden in der ungemütlichen, kalten Halle.

Im Zug war er hellwach gewesen und im Flughafen hätte er sich gerne auf einer der Bänke ausgestreckt, um ein wenig zu schlafen. Aber die von all den genervten Reisenden verbreitete Unruhe und die Quengelei völlig übermüdeter Kinder ließen ihn kein Auge zutun. Doch im Flugzeug sind sie ihm zugefallen, wie von selbst, und er wurde erst durch die Stimme des Piloten wach:

»Wir befinden uns im Landeanflug.«

Drei Wochen waren vergangen, seit der fremde Notar ihm den Brief auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte. Seit drei Wochen kannte David die Wahrheit und wußte, dass seine Eltern nicht seine Eltern gewesen sind.

Den Entschluss, sich auf die Suche nach seinen biologischen Eltern zu begeben, fasste er während eines intensiven Gespräches mit Sergio vor dessen Rückflug nach Las Palmas. Sie verstanden sich prächtig, der alte Herr bot dem jungen Mann das Du an und versprach, gleich nach seiner Ankunft auf der Insel die Adresse des Arztes ausfindig zu machen, der damals Eltern für einen Säugling suchte.

Dr. García sei nämlich nach Südamerika, nach Venezuela, ausgewandert.

David kannte den Brief inzwischen auswendig. Er verstand sie immer besser, die Beweggründe seiner Eltern, ihn nicht in das Geheimnis einzuweihen, es aber auch nicht mit ins Grab nehmen zu wollen.

Für diese Entscheidung war er ihnen sehr dankbar und er ahnte, wie schwer sie ihnen gefallen sein musste. Entgegen der Befürchtung seiner Mutter war kein Schmerz in ihm, keine Wut, keine Verachtung. Er fühlte sich weder belogen noch betrogen oder hintergangen.

Im Gegenteil – er war innerlich völlig ruhig und es fühlte sich so selbstverständlich an! Dieses Gefühl hätte ihn eigentlich erschrecken müssen, aber David war auf eigenartige Weise erleichtert. Vielleicht, weil er sich immer als Fremder im eigenen Land empfunden hatte, er nie wirklich dazu gehörte.

Er sei so anders, sagten sie. Schwierig sei er, verstockt und unzugänglich.

Ein verwöhntes Einzelkind, ein Traumtänzer und voller Flausen im Kopf.

Bildhauer wolle er werden und ständig schnitze er an irgendwelchen Holzstücken rum. Habe ihm der Opa beigebracht, erklärte er ihnen, wenn sie ihn fragten und dass man genau sehen könne, welche Form, welche Figur – welche Seele sich im Holz verberge.

Sie verstanden ihn nicht, lachten ihn aus und alle waren sich einig:

Was kann man erwarten, wenn die Eltern ständig durch die Weltgeschichte zigeunern und er kein richtiges Zuhause, keine ordentliche Erziehung habe!

Die Eltern seien außerdem ja auch nicht mehr die Jüngsten und mit diesem Kind völlig überfordert.

Einige versuchten, ihm das scheinbar fehlende Zuhause, die scheinbar fehlende Erziehung dadurch zu ersetzen, dass sie ihm ihre Vorstellungen von einem anständigen Leben einzubleuen versuchten.

Aber all ihre Bemühungen schlugen fehl.

David wollte nichts davon wissen, wandte sich von ihnen ab und lebte in seiner eigenen Welt, die aus seinen Eltern, den Großeltern, ihrem Bauernhof und der Holzschnitzerei bestand. Alles andere, wie Nachbarn, Verwandte, Schule und Internat waren notwendige Übel, die man mit stoischer Ruhe, Gelassenheit und der nötigen Portion Starrsinn über sich ergehen lassen musste. Mehr nicht. Denn erwarten konnte er von ihnen nichts – außer Nörgeleien und ständiger Kritik.

Richtig wohl fühlte er sich erst in der Karibik. Seine Eltern übernahmen dort ein neues Projekt, das sie mehrere Jahre auf Kuba beschäftigen würde und sie beschlossen, ihren Sohn diesmal mitzunehmen.

David war 15 Jahre alt und hatte inzwischen gute Spanischkenntnisse, denn Spanisch war seit der ersten Klasse Hauptfach im Internat. So konnte er eine ganz normale Schule besuchen, spielte bald schon in einer Band, hatte eine Menge Freunde und war wie umgewandelt.

Seine Eltern freuten sich und zogen ihn oft damit auf, dass er Kubaner sein müsse und wohl Salsa im Blut habe. Doch er lachte nur und ließ sich, braungebrannt und glücklich, in die Wellen des Atlantiks fallen.

Seit dieser Zeit krankte er nie mehr daran, keinen Anschluss in Deutschland zu finden. Denn ihm war klar geworden, dass er wirklich ›anders‹ war.

David schaute sich um. Er konnte Sergio nirgendwo in der Ankunfthalle entdecken, aber die Maschine war überpünktlich gelandet und der Notar wahrscheinlich noch unterwegs.

Doch dann tippte ihm jemand auf die Schulter:

»Hola – Hallo, ich habe dich gar nicht rauskommen sehen...

Wie war der Flug?«

Sergio strahlte und seine dunklen Augen leuchteten. Er hatte ein paar Tage im Süden der Insel ausgespannt, war gut gelaunt, braungebrannt und wie immer vom Scheitel bis zur Sohle Gentleman.

Das vom Wind zerzauste weiße, wellige Haar, die legere Leinenhose, das Sporthemd mit den lässig hochgekrempelten Ärmeln und die flachen Mokassins unterstrichen seine natürliche Eleganz – alles in beigebraun, alles Ton-in-Ton:

Sergio wirkte sehr jugendlich und man sah ihm nicht an, dass er die 75 schon lange überschritten hatte.

»Ich freue mich, dass du da bist! Und Loli auch. Sie ist schrecklich aufgeregt, dich endlich kennenzulernen...

Aber sie weiß nichts von den wahren Gründen. Nur, dass ich dir was aus Annes Nachlaß gebracht habe und dich überredet, endlich die Insel anzuschauen. Dabei wollen wir es auch belassen, nicht wahr?«

David nickte nur, denn der Notar erwartete augenscheinlich keine Antwort und redete munter weiter, als sie zum Auto gingen:

»Wir fahren nicht auf direktem Weg nach Santa Brígida, sondern über La Atalaya.

Müssen den Kuchen abholen. Meine Frau bringt mich um, wenn ich das vergesse...

Weißt du, da gibt es eine kleine Bäckerei und die machen alles casera – wie sagt man? Alles – ja – hausgemacht. Leckere Sachen.

Und morgen kommen die Kinder. Sonntag ist bei uns oft Familientag. Es macht dir doch nichts aus? Wenn es dir zuviel wird, musst du es sagen...«

Sie waren beim Auto angelangt und Sergio unterbrach seinen Redefluss, um den Koffer zu verstauen und am Parkautomaten das Ticket abstempeln zu lassen.

David atmete tief durch. Sie hatten am Telefon vereinbart, dass er bei Sergio wohnen würde.

David stimmte dem Vorschlag gerne zu, doch jetzt war er sich nicht mehr sicher, ob er sich richtig entschieden hatte.

Er lebte alleine und war es nicht gewohnt, mit anderen Menschen zusammen zu sein.

›Familientage‹ strengten ihn daher immer sehr an und außerdem befürchtete er, dass er sie alle nicht mehr verstehen, nicht mehr mit ihnen reden könne. Denn seit seiner Schulzeit, seit Kuba, seit dem Abitur hatte er nichts mehr mit dieser ihm früher so vertrauten Sprache zu tun und auch keine Zeit mehr dafür gehabt. Andere Dinge waren einfach wichtiger gewesen!

Vor seiner Reise auf die Kanaren wollte er sich damit beschäftigen und versuchen, wieder so weit wie möglich hineinzufinden.

Das hatte er sich fest vorgenommen, aber ein komplizierter Auftrag nahm in völlig in Anspruch und kostete ihn viele Nerven.

Es war einer dieser Kunden, die jeden Tag etwas anderes wollen, jegliche Vorschläge für die Gestaltung der Skulptur und die Auswahl des Steines gar nicht hören oder sofort als untauglich abtun.

David war ein geduldiger Mensch, aber dieser Kunde brachte sogar ihn an seine Grenzen und beinahe aus der Fassung.

Am liebsten würde er solche Aufträge ablehnen, aber das könnte seinem Ruf schaden. Und wenn er ehrlich war, verstand er auch diese Schwierigkeiten als eine persönliche Herausforderung, eine Aufgabe, der er sich zu stellen habe um als Künstler und als Mensch zu wachsen.

Aber als dieser unleidliche, uneinsichtige und irgendwie auch unverschämte Kunde telefonisch den Auftrag zurücknahm – ihm mit beleidigenden Worten seine Unfähigkeit vorwerfend – atmete David dann doch erleichtert auf. Und auch seine Sekretärin war froh, diesen Querulanten endlich los zu sein. Er hatte sie oft genug tyrannisiert!

David nahm es als einen Wink des Schicksals und buchte kurz entschlossen den Flug nach Gran Canaria. Seiner Sekretärin erklärte er, dass er Urlaub machen wolle und dort vielleicht sogar neue Kontakte knüpfen könne. Doris nahm es gelassen hin und würde wie so oft den Laden schmeißen. Denn ihr Chef verreiste öfter, eigentlich tat er es vor jedem neuen Projekt. Er schaute sich immer das Umfeld des späteren Standortes genau an, stets versuchte er, die Skulptur harmonisch mit den dortigen Vorgaben in Einklang zu bringen.

David hatte nur den Hinflug gebucht denn er konnte ja nicht absehen, wieviel Zeit er auf der Insel benötigen würde. Aus diesem Grunde nahm er auch dankend das Angebot des Notars an, in seinem Haus zu wohnen und saß nun in dem alten Montero neben Sergio, der sich schweigend auf’s Fahren konzentrierte und versuchte, sich in den dichten Verkehr der Schnellstraße einzufädeln.

In Telde bog er ab und über eine breite Palmenallee nahmen sie Kurs Richtung La Atalaya.

Während sie auf einer kurvigen, schmalen Straße über Land fuhren, vorbei an Feldern und Orangenhainen und wilden Olivenbäumen, erklärte Sergio seinem Gast, dass es in diesem Winter und Frühjahr viel geregnet habe und deshalb alles so grün und saftig sei.

Den Barranco entlang kletterten sie immer höher und unter ihnen breiteten sich fruchtbare Täler aus, umrandet von Drachenbäumen und Palmen. Die Straße schlängelte sich vorbei an Gemüsegärten, Blumenwiesen, Geranienbüschen und mit Sträuchern, Kakteen und Farn bewachsenen Steilhängen.

David fielen die Häuser auf, diese bunt gestrichenen kanarischen Häuser, kubusförmig, meist nur eingeschossig und mit Flachdächern, den Dachterrassen, die sie ›azoteas‹ nennen. Diese Bauweise erinnerte ihn an Kuba und Sergio, der seine Gedanken gelesen hatte, erklärte ihm, dass sie ›casa terrera‹ heißen.

»Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil sie so niedrig sind, so nah an der Erde?«

Sergio lachte und warf einen flüchtigen Blick auf David, der sich kaum sattsehen konnte. Die Überlegung, mit dem Jungen diese Route zu nehmen, war genau richtig gewesen!

»Gefällt dir unsere Insel?«

David nickte:

»Es erinnert mich an Kuba. Die Häuser, aber auch die ganze Atmosphäre...«

»Na, dann wirst du dich sicher schnell heimisch fühlen!

Es hat dir dort sehr gefallen, nicht wahr? Kuba meine ich. Wo habt ihr gelebt?«

David nickte:

»In Varadero, aber meine Eltern hatten auch anderswo zu tun.

Ja, das war eine tolle Zeit! Ich habe Bongos gespielt, in einer Band. Varadero war damals bekannt für seine Musikszene...

Ja, da war richtig was los!«

»Welche Musik habt ihr denn gespielt? Sicher so modernes Zeugs, was die jungen Leute so mögen!«

David lachte und fragte sich, was Sergio unter ›modernem Zeugs‹ wohl verstand und klärte ihn auf:

»Kubanische Rhythmen, Salsa, Cha-Cha-Cha, Rumba und Bolero, aber auch Bluesrock und etwas Popmusik – aber das meiste im typischen Musikstil, dem Son Cubano.«

»Und – spielst du noch?«

»Nee – nicht wirklich. Ich habe vieles aufgeben müssen, durch die Ausbildung, dann das Atelier, die Arbeit...«

»Dein Atelier – ich habe im Internet nachgeschaut... Du bist ja wirklich ein gefragter Skulpteur, alle Achtung!«

David reagierte ein wenig verlegen:

»Naja, das hat sich so ergeben. Wenn man mal für eine bekannte Persönlichkeit was macht und das dann gesehen und angenommen wird...

Dann wird man eben berühmt.

Ich mag den ganzen Kult darum nicht. Aber es gehört irgendwie dazu.«

Und amüsiert fuhr er fort:

»Weißt du, als Künstler hast du dann ja auch gewisse Freiheiten, kannst dich vor langweiligen Veranstaltungen und Events drücken und sogar völlig zurückgezogen leben. Weil – nun, schließlich musst du irgendwie exzentrisch sein, das wird erwartet...«

›Humor hat er, der Junge‹, dachte Sergio schmunzelnd und wäre beinahe an La Atalaya vorbeigefahren.

Die Bäckerei war in einem unscheinbaren Haus untergebracht und das Schild war kaum noch zu lesen. Aber das war auch nicht wichtig, denn hier wussten die Leute, wo sie gute Backwaren bekommen!

David mochte das dörfliche Flair. Er blieb im Auto und schaute sich um. Es war ruhig auf der Straße. Die Sonne schien und viele Menschen waren wohl am Meer, vermutete er. Denn wahrscheinlich war auch das wie auf Kuba!

David brauchte nicht lange zu warten, denn Sergio kam schon nach wenigen Minuten mit einem gigantischen Kuchenpaket aus dem Laden.

»Große Familie – und postre, Nachtisch, ist hier das Wichtigste vom Essen...«

»Wie auf Kuba...«

David lachte, als er sich zum wiederholten Male bei demselben Vergleich ertappte, doch Sergio schien das völlig normal zu finden:

»Du wirst noch mehr Ähnlichkeiten entdecken, denn es gibt viel Gemeinsames.

Die gleiche Sprachmelodie, die Liebe zur Musik, die Mentalität – manchmal jedenfalls...

Und wir haben für einige Dinge dieselben Worte, wie ›guagua‹ für Autobus oder ›puros‹ für Zigarren, obwohl sie im Spanischen ›autobús‹ und ›cigarros‹ heißen!«

Inzwischen hatten sie den Ortskern von Santa Brígida hinter sich gelassen und waren über eine schmale Zufahrt vor dem Anwesen der Familie Rodríguez gelandet.

Sergio öffnete das breite Eisentor und parkte den Offroad vor dem Haus, einem zweigeschossigen Gebäude mit schlichter Fassade.

Sergios Ehefrau Dolores, Loli genannt, hatte sie wohl kommen gehört. Die zierliche alte Dame lief mit ausgebreiteten Armen auf David zu, der inzwischen aus dem Auto gestiegen war. Begleitet wurde sie von einem kleinen, krummbeinigen, hellbraunen Hund mit weißer Brust, Schlappohren und einer feuchten, schwarzen Nase. Zur Begrüßung wedelte er mit dem hochgestellten Ringelschwanz, bellte fröhlich, hüpfte um David herum und sprang an seinem Hosenbein hoch. David streichelte und kraulte ihn und Sergio, der ohne Kuchenpaket wieder aus dem Haus kam, stellte ihn vor:

»Das ist Tobi, ist uns vor einigen Monaten zugelaufen, eine schreckliche Nervensäge aber wir wollen ihn nicht mehr missen!«

Dann hob er ihn lachend hoch, damit Loli endlich ihren Gast umarmen konnte. Sie hatte Tränen in den Augen und sagte immer wieder ergriffen:

»Mi niño, me alegro mucho... Mein Junge, ich freu’ mich so...«

Dann löste sie die Umarmung und schaute David tief in die Augen:

»Dieselben blauen Augen wie Anne...«

David war überrascht. Sergios Frau sprach spanisch mit ihm, langsam und deutlich und er konnte sie sehr gut verstehen. Aber als er antworten wollte, war totale Leere in seinem Kopf. Er drehte sich verwirrt und hilfesuchend zu Sergio um:

»Sag’ bitte deiner Frau, dass ich mich freue, sie kennenzulernen und dass viele sagen, ich hätte dieselben Augen wie meine Mutter...

Mir fallen einfach die Worte nicht mehr ein – es tut mir leid. Verstehen kann ich alles, das ist seltsam...«

»Ach, du wirst dich wieder an die Sprache gewöhnen. Wenn du verstehst, wirst du beim Zuhören lernen, die Worte fallen dir wieder ein und in ein paar Tagen sprichst du wieder so perfekt wie auf Kuba...«

Und während er den strampelnden Tobi auf den Boden setzte, sagte er mit einer einladenden Handbewegung:

»Jetzt komm’ herein.

Bienvenido, herzlich willkommen!«

Durch die Diele gelangten sie in einen großen, hellen Raum, in dessen Zentrum die gemütliche Sitzgruppe um den niedrigen Glastisch eine Wohnlandschaft aus Sofas, Sesseln und einer Chaiselongue bildete, die zum Lümmeln einlud.

An den ockerfarben gestrichenen Wänden hingen Bilder mit Inselmotiven, alles Originale einheimischer Künstler und die wenigen dunklen Holzregale zierten Trockenblumen in alten Vasen und Keramikgefäße mit dunkler Patina in allen möglichen Formen und Größen. Die Dekoration unterstrich den Landhausstil des Raumes und durch die eher spartanische Einrichtung kamen die groben Terracottafliesen und die hohe Decke mit den dunklen Holzbalken besonders gut zur Geltung.

»Durch den Salón – wie sagt man? – Ja, das Wohnzimmer kommt man ins Esszimmer und von dort in die Küche.

Das Haus bildet einen Innenhof und wir können von überall den Patio betreten. Also vom Salón, vom Esszimmer, von der Küche und von meinem Büro. Das ist im alten Teil des Gebäudes. Ich zeige es dir später.

Oben sind die Schlafräume, waren früher die Kinderzimmer, denn damals hatten wir unser Schlafzimmer hier unten.

Als die Kinder aus dem Haus gingen, sind wir nach oben gezogen und haben hier unten alles erweitert.

Die oberen Räume haben die Fenster zum Innenhof und natürlich Balkone, obwohl es eigentlich nur ein einziger ist, der die Zimmer außen miteinander verbindet.

Das ist typisch kanarisch!«

Sergio lachte und schob David hinaus. Grüne Kübelpflanzen wohin man schaute und in der Mitte plätscherte ein dreistöckiger Brunnen, in dessen unterem Becken bunte Fische schwammen.

Die Terrassen unter den Balkonen waren gefliest, der Innenhof eine Rasenfläche.

»Der Patio mit seinen Pflanzen ist Lolis ganzer Stolz!

Und hier ist es angenehm im Sommer, denn der Balkon spendet Schatten.«

Alle Räume des neuen Teiles hatten breite Fensterfronten und die Terrassentüren waren offen.

Vor dem Wohnzimmer standen Terrassenmöbel, dunkelgrüne schmiedeeiserne Stühle mit geschwungenen Lehnen und mit dicken, grünen Polstern aus grobem Stoff. Auf dem runden Tisch lag eine handgearbeitete weiße Decke mit kunstvoller Lochstickerei und als Farbklecks in der Mitte stand ein kleiner Feldblumenstrauß in einer Keramikvase.

Sergio war derart in seinem Element, dass er Davids Staunen gar nicht bemerkte und enthusiastisch fortfuhr:

»Dort ist das Esszimmer und dort die Küche und dort geht es in mein Büro.«

Er zeigte auf eine Glastür in der ansonsten fensterlosen Wand des alten, mit halbrunden Tonziegeln gedeckten Hauses.

Um die kunstvoll in die Wand eingelassenen größeren und kleineren Natursteine war das Haus weiß gestrichen. Dieser Stil setzte sich übereck fort, jedoch handelte es sich dort um ein wesentlich neueres Mauerwerk.

Sergio hatte Davids interessierten Blick gesehen und erklärte ihm, während er weiter durch den Patio spazierte:

»Dies ist die Abgrenzung zum Eingang, zum Hof. Dort sind wir gerade angekommen.«

David folgte Sergio entlang der Terrassen und schaute kurz in die Räume.

Das Esszimmer hatte dieselben Terracottafliesen und Holzbalken wie das Wohnzimmer und war ebenfalls in ocker gestrichen. Die Einrichtung bestand aus wenigen, aber antiken Möbeln – einer wuchtigen Anrichte, einem massiven Holztisch und acht Holzstühlen mit hoher Lehne, die unter den Tisch geschoben waren. Auf dem Tisch stand eine große Obstschale.

Die weiße, funktionell eingerichtete moderne Einbauküche fiel aus dem rustikalen Ambiente.

Aber das war heutzutage überall auf dem Lande üblich und kaum eine Hausfrau – oder ein Hausmann, so wie David – wollte auf die Errungenschaften der Technik verzichten!

Sergio schob ihn durch das Wohnzimmer zurück in den Flur. Er zeigte auf eine schmale Tür neben dem Eingang:

»Hier ist das Gäste-WC, so sagt man doch? Ein zweites haben wir bei der Terrasse.

Die geht nach hinten raus und da ist der Grillplatz und der Pool und der Garten – naja, das siehst du ja alles noch.

Die Treppe führt zu den Schlafräumen.

Die waren früher alle belegt – aber seit die Kinder aus dem Haus sind, wohnen wir beiden alten Leute alleine dort oben.«

Sergio lachte und stieg vor David die Treppe hinauf, nachdem er auf einen Lichtschalter gedrückt hatte:

»Der Flur oben hat keine Fenster, da brauchen wir Licht.

Ich geh’ dann mal voran...«

Ein breiter, mit Strahlern beleuchteter Korridor führte entlang der oberen Räume.

»Das Elternschlafzimmer ist hier, gleich am Anfang. Früher waren das hier die Zimmer der Mädchen, mit dem Bad in der Mitte. Das haben wir dann für uns umgebaut. Und so gibt es hier oben nur noch ein weiteres Zimmer, das hauptsächlich dann genutzt wird, wenn mal die Enkel hier übernachten.«

Sie waren am Ende des Flures angelangt.

»Und das ist es. Es ist jetzt dein Zimmer, war früher das Zimmer vom Junior.«

Sergio öffnete die Tür, ging hinein und zog den schweren Vorhang auf. Davids Blick fiel auf die Fensterfront mit dem Balkon und er fühlte sich wie magisch davon angezogen. Er wollte gleich einen Blick in den herrlichen Patio werfen und bemerkte, dass das Gästezimmer einen Winkel zu den anderen Schlafräumen bildete und sich über der Küche befinden musste.

Dann fielen ihm die Holzarbeiten der Balkone auf und jetzt, aus der Nähe betrachtet, sah er, dass sie von einem Kunsthandwerker geschaffen worden sein mussten und mit handgeschnitzten Ornamenten verziert waren. Und er erinnerte sich – irgendwo hatte er gehört oder gelesen, dass die Kanaren für ihre kostbaren Balkone berühmt sind!

Sein Zimmer war ein rechteckiger, hell gestrichener Raum mit hellen Bodenfliesen, ohne Deckenbalken und mit modernen Möbeln eingerichtet – einem Kleiderschrank, einem Wandregal, einem Sessel mit einem kleinen Tisch neben der Balkontür und einer frisch bezogenen, breiten Bettcouch, neben der eine Art Würfel mit einem Wecker und einer Nachttischlampe oben drauf stand und als Nachttisch diente.

»Tagsüber kannst du das Bettzeug in den Bettkasten tun, wenn du willst.

Und hier geht es ins Bad.«

Es war ein kleines Duschbad, vor dem die Balkonfront endete und die aus dem Bad führende letzte Balkontür gleichzeitig genügend Licht hereinließ.

Sergio war nachdenklich geworden:

»Tja – aus Kindern werden Leute und sie leben ihr eigenes Leben.

Aber morgen kommen sie alle, mit den Enkeln...

Was rede ich, du willst dich nach der langen Reise sicherlich frisch machen?

Und auspacken und ausruhen – lass’ dir Zeit.

Wir sind unten, wenn du etwas brauchst!«

David legte sich wie er war auf’s Bett und versuchte, all die Eindrücke zu verdauen.

Es gelang ihm nur bedingt, daher stand er auf und ging ins Bad. Eine Dusche würde ihn erfrischen! Im Bad lagen hellblaue Handtücher in allen Größen bereit und ein weißer Frotteemantel hing am Haken neben der Dusche.

David packte seinen Kulturbeutel aus, rasierte sich, zog das Gummi aus seinen dunklen, halblangen Haaren, die er meistens glatt zurückgekämmt und im Nacken zusammengebunden trug, und stellte sich unter die Dusche. Welch ein Genuß!

Das Wasser spülte den Staub einer langen Reise herunter und mit ihm alle Bedenken und Befürchtungen, die sich im Gepäck versteckt hatten.

Es würde alles gut gehen – er spürte es genau, obwohl er inzwischen wusste, dass es nicht einfach sein würde. Denn bisher hatte Sergio nicht viel in Erfahrung bringen können.

Sicher, er hatte den Arzt in Venezuela ausfindig gemacht und lange mit ihm telefoniert. Ihm ginge es gut dort, alt sei er geworden, aber er sei gesund, habe seine Familie um sich und könne die letzten Jahre, die ihm noch blieben, mit ihnen zusammen genießen.

An den Säugling könne er sich noch gut erinnern, aber über seine biologischen Eltern wisse er nichts. Nein, leider – da könne er Sergio und dem Jungen wirklich nicht weiter helfen.

Das Baby sei ihm damals von einer Hebamme übergeben worden, seiner langjährigen Mitarbeiterin Linda Hernández.

Sie sei wohl bei der Entbindung dabei gewesen und habe den Eltern, nein, der Mutter – es gab wohl nur eine Mutter, wenn er es recht erinnere – also der Mutter helfen wollen. Ja, so sei es gewesen. Wo Linda sich jetzt aufhält, wisse er nicht.

Seit seiner Auswanderung habe er keinen Kontakt mehr zu der Insel, auch nicht zu ihr.

Das war alles, was Dr. García über Davids Herkunft wusste und die beiden Männer verabschiedeten sich, nachdem sie die eine oder andere Erinnerung aus vergangenen Zeiten ausgetauscht hatten.

Nachdem Sergio die Adresse der Hebamme in Erfahrung gebracht hatte, fuhr er zu ihr nach Hause. Er wollte Linda persönlich sprechen und nicht am Telefon alles erklären.

Das erschien ihm angebracht und vernünftig. Aber dann stand er einer schrulligen alten Jungfer gegenüber, die ihn unfreundlich gleich an der Tür abwimmelte.

Nein, sie könne sich nicht mehr erinnern, aber sie wolle darüber nachdenken.

Und nun müsse sie weitermachen. Sie sei sehr beschäftigt...

Der Notar gab ihr seine Handynummer und befürchtete, nie von ihr zu hören – so abweisend, wie sich die Hebamme verhalten hatte und wie sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Doch einige Tage später rief sie an.

Ja, es seien immer mal Säuglinge zu anderen Familien gegeben worden. In welchem Jahr das denn war, mit dem Jungen? Und welcher Monat? Hmmmm, ja – das kann sein, da war sie mal zu einer Entbindung ohne den Doktor. Aber wie die Frau geheißen hat? Sie war keine Patientin und daher müsse sie herumfragen, doch sie wolle sich darum kümmern. Aber es sei eine heikle Angelegenheit, wie er wisse, und es könne dauern, bis sie etwas in Erfahrung bringen könne.

»Ich tue, was ich kann und melde mich, sobald ich was weiß.«

Sergio verstand die Sprache – energisch verbat Linda sich auf diese Weise Nachfragen telefonischer oder persönlicher Art.

Aber in ihrer Stimme lag etwas, das ihn irgendwie berührte...

Er versuchte, ihr zu vertrauen. Und wartete.

Bis zu Davids Anruf, dass er den Flug auf die Insel ganz spontan gebucht habe und schon am Samstag ankäme, hatte er nichts mehr von Linda gehört und er nahm die Ankunft des ›Jungen‹, wie sie ihn genannt hatte, als Anlaß, erneut mit ihr Kontakt aufzunehmen und rief sie an.

»Schön, dass er kommt«, war ihre knappe Antwort und dass sie ihn gerne persönlich kennenlernen würde. Vielleicht sei da ja eine Familienähnlichkeit auszumachen.

Allerdings sie sei erstmal verreist. Der Junge könne sie aber am Kanarentag in Telde treffen, da helfe sie am Stand einer Freundin. Wenn das für den Kleinen in Ordnung sei, solle er einfach dort vorbeikommen.

Und sie nannte ihm den Namen der Freundin und die Nummer des Standes…

Als eine schrullige alte Jungfer hatte Sergio die Hebamme beschrieben. Ob sie sich wirklich nicht erinnern kann?

Oder nur Zeit gewinnen will?

David war jedenfalls fest entschlossen, am Kanarentag nach Telde zu fahren!

Nachdem er seine Sachen im Schrank verstaut und sich ein frisches Hemd angezogen hatte, ging er die Treppe hinunter und durch die halboffene Haustür in den Hof, in dem Sergio bei ihrer Ankunft den Montero geparkt hatte. Den konnte er aber nicht entdecken. Vermutlich brauchte Sergio ihn heute nicht mehr und hatte ihn in eine der beiden Garagen gefahren.

Der Hof war umgeben von einer hohen Hecke aus Bougainvilleen, die in einem Blütenmeer von lila, weiß, dunkelrot und rosa in der Abendsonne leuchteten.

So stellt man sich den Süden vor!

David atmete tief durch, aber dann lenkte Tobi seine Aufmerksamkeit auf sich. Der kleine Hund hatte ihn bemerkt, kam schwanzwedelnd um die Ecke geflitzt und sprang an ihm hoch. David warf einen Stock. Das Spiel kannte Tobi, suchte und apportierte ihn postwendend, legte ihn auf den Boden, setzte sich davor, schaute David mit schräg gehaltenem Kopf bittend an und schien zu sagen: »Das gefällt mir – nochmal, bitte...«

David lachte und warf den Stock mit aller Kraft so weit er konnte. Und wieder rannte Tobi freudig bellend hinterher, kam mit dem Stock zurück und begleitete David, den Stock nicht aus der Schnauze legend, um das Haus herum.

Über einen Plattenweg gelangten sie in den Garten, der sich in mehreren breiten Terrassenbeeten den Hügel herunter zog.

Es war ein sehr großes Grundstück von mehreren Hektar und von oben hatte man einen fantastischen Blick auf den Ort, den Barranco mit seinem Palmengarten und normalerweise wohl auch auf’s Meer, das allerdings im Moment im Dunst lag.

Es gab eine Obstplantage mit Zitrusfrüchten und dicken Bananenstauden und einem gewaltigen Feigenbaum. Den Hügel hinunter wuchsen Kartoffeln und Zucchini und Auberginen, Paprika, Tomaten, Stangenbohnen und ein wenig Kohl und Salat. Viele Beete waren abgeerntet und noch nicht wieder neu bestellt.

Der obere Teil des Gartens war als Ziergarten angelegt mit einer großen Weinlaube, blühenden Sträuchern, einem gepflegten Rasen und einem Pool vor der großen, mit Naturstein gepflasterten Terrasse, auf die man vom Esszimmer und von der Küche aus gelangte.

Das Haus wurde rechts und links von Nebengebäuden flankiert. Die Schuppen wurden als Lager und für all die Gerätschaften genutzt, die man im Garten benötigte.

Sie bildeten einen guten Windschutz und waren mit üppigen Kletterpflanzen bewachsen.

Seitlich der Terrasse war neben einem alten Holzbackofen ein Grillplatz eingerichtet.

»Bei großen Festen garen wir darin den Braten – pata de cerdo...«

Loli kam aus der Küche, wo sie das Familienessen vorbereitet hatte und zeigte auf den Ofen und ihr Hinterteil.

David verstand – sie meinte Schinkenbraten. Pata... »Früher haben wir auch oft unser Brot darin gebacken und das Obst getrocknet. Jetzt nutzen wir ihn eigentlich viel zu wenig.

Für den Garten haben wir einen jungen Mann engagiert. Wir können das nicht mehr, in unserem Alter. Carlo ist ein richtiger Glücksfall, er liebt die Gartenarbeit – und das spürt man...«

David verstand wie bei der Begrüßung beinahe jedes ihrer Worte, aber er konnte immer noch nicht antworten.

Wieder war nur diese Leere in seinem Kopf, und er nickte nur.

»Sergio hat mir das erklärt, dass du die Sprache nicht mehr findest – in deinem Kopf.«

Sie lächelte ihn an und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.

David lächelte auch – ihre sanfte Berührung tat gut und die Leere verschwand.

Er ging mit ihr ins Haus. Sergio hörte sie kommen und rief aus dem Wohnzimmer:

»Willst du Fußball gucken? Es ist ein einziges Drama: Las Palmas wird schon wieder verlieren!«

David hatte gut geschlafen und als er aufwachte, war es schon hell. Es würde ein schöner und sonniger Tag werden, so war es vorausgesagt und so sah es draußen auch aus.

Er war früh ins Bett gegangen, nachdem sie mit Rotwein auf seine Ankunft angestoßen hatten. Dazu gab es Brot und Käse – das Brot von einer Landbäckerei, ganz traditionell aus dem Holzbackofen und einen leckeren Käse der kleinen Käserei in der Nähe.

Auch die Oliven waren nicht aus dem Supermarkt, sondern von einem Freund, der eigene Olivenbäume hatte und die Früchte für sich, seine Familie und einige wenige Stammkunden einlegte.

David hatte Hunger und langte kräftig zu. Es schmeckte ihm, und seine Gastgeber strahlten zufrieden über seinen guten Appetit.

Nach dem Frühstück schlug Sergio vor, dem jungen Mann den alten Teil des Hauses zu zeigen, in dem sein Büro untergebracht war.

Sie gingen aus der Haustür nach rechts über den Hof, bis zur Vorderfront des alten Gebäudes und Sergio öffnete die schwere Holztür aus Tea, dem harten Kernholz der kanarischen Pinie.

»Und das hier, das ist mein Refugium – mein Arbeitszimmer.

Siehst du die dicken Wände? Alles Naturstein – so hat man früher gebaut. Das Mauerwerk war nach wie vor ziemlich gut in Schuss, als wir das Haus erstehen konnten. Wir wohnten damals noch in Las Palmas, in einer Wohnung.

Die Kinder waren gerade in die Schule gekommen und unser Traum war ein Haus auf dem Lande.

Nun – eines Tages bekam ich ein Angebot, wir schauten uns das alte Bauernhaus an und ich verhandelte wegen des Anbaus mit der Gemeinde. Weil das Grundstück so groß ist, gab es keinerlei Probleme. Und unsere Kinder hatten endlich Platz zum Spielen und den nötigen Auslauf.

Später haben wir dann die Terrassenbeete und den Garten angelegt. Alles so nach und nach. Das Haus ist mit uns gewachsen, aber der alte Teil blieb erhalten.

Nur die Innenwände haben wir herausgenommen und damit den Raum vergrößert. Früher bauten sie ja viele kleine Räume, um die ganze Familie unterbringen zu können!«

David staunte. Es war wirklich ein uraltes Haus, genau wie sein Bauernhof in Tutzing. Aber der Stil war ein völlig anderer, eben ›kanarisch‹. Die dicken und ziemlich buckligen Wände waren grob verputzt und weiß gestrichen, aber immer wieder, wie an der Außenfassade, waren Steine vom Putz und vom Anstrich ausgespart, Steine in verschiedenen Tönen von rotbraun bis schwarz.

»Das ist Lavagestein. Das war früher üblich, es versetzt in die Wände einzumauern. Kann sich heutzutage kaum noch einer leisten!«

David schaute nach oben. Der Raum war hoch und reichte bis zum Dachfirst.

Die alten Balken lagen offen und ihre Zwischenräume waren mit passendem Holz verkleidet.

»Ursprünglich hatte das Haus ein weiteres Geschoß.

Aber das war durch die Schrägen so niedrig...

Wir hätten alles irgendwie anders ausbauen können, aber wir haben uns für einen einzigen hohen, großen Raum entschieden.

Mehr Wohnraum brauchten wir ja wirklich nicht! Und trotzdem glauben wir, dass der Charakter ganz gut erhalten geblieben ist.

Im Winter machen wir den Ofen an. Der ist neu, den haben wir vor einigen Jahren eingebaut.«

Sergio zeigte auf einen schweren Kaminofen aus Gusseisen, dessen Tür aus Glas war.

»Das ist gemütlich im Winter, man kann sogar die Tür öffnen und ins offene Feuer schauen.

Im Wohnzimmer haben wir auch einen. Der heizt sogar das Esszimmer mit!«

»Ich habe immer geglaubt, auf den Kanaren braucht man keine Heizung!«

»Im Süden nicht, das ist wahr.

Aber je weiter nördlich du kommst, je weiter in die Berge, desto kälter wird es im Winter. Da muss zumindest am Abend geheizt werden. Du wirst sehen, dass die meisten Häuser in den Bergen Schornsteine auf den Dächern haben!

Die Kinderzimmer haben wir früher mit Radiatoren geheizt. Das tun wir heute auch noch – bei Bedarf, wenn die Enkel mal hier übernachten oder Besuch da ist. Du hast übrigens einen neben dem Kleiderschrank stehen!

Unser Schlafzimmer heizen wir nicht. Loli und ich, wir schlafen auch im Winter bei offenem Fenster. Wir mögen frische Luft!«

David schaute sich im Büro um. Ein alter, schwerer Schreibtisch, zwei gemütliche Sessel vor dem Kaminofen, an den Wänden die Regale vollgestopft mit Büchern.

»Hierhin ziehe ich mich auch zum Lesen zurück, seit ich nicht mehr regelmäßig im Notariat bin.

Das hat seit Jahren schon der Junior übernommen und ich fahre nur noch hin, wenn sie Hilfe brauchen oder wenn mir hier oben die Decke auf den Kopf fällt.«

Sergio lachte, wurde dann aber sehr ernst:

»Ich muß dir was sagen – etwas sehr Wichtiges. Dieses Haus, das alte Haus, hat Dr. García gehört, von ihm habe ich es gekauft. Anfang der 80er Jahre, als er sich entschieden hatte, nicht mehr auf die Insel zurückzukehren und sein Eigentum hier zu veräußern.

Und noch was sollst du wissen:

Es ist das alte Landhaus, von dem deine Mutter in dem Brief gesprochen hat – das Haus, in dem sie einige Monate lebte, bevor ihr alle nach Bremen zurück gegangen seid.

In diesem Haus haben deine Eltern dich zum ersten Male in die Arme genommen, hier habt ihr die erste Zeit miteinander verbracht...

Ich wollte es dir gestern schon sagen – habe mich dann aber entschieden, dich erstmal ankommen zu lassen...«

David war blass geworden, ihm wurde schwindelig und er musste sich setzen.

Sergio sah David besorgt an:

»Wie geht es dir? Hätte ich damit noch warten sollen?«

»Nein, nein – ist schon gut. Es ist nur...

Es ist mir wohl jetzt erst so richtig bewußt geworden, warum ich überhaupt hier auf der Insel bin. Bisher war es...

Es war... alles so neu... und...«

»Ja, ich verstehe. Am besten also, wir beschäftigen uns mit etwas anderem!

Das Büro ist übrigens vom Patio aus immer offen – du kannst jederzeit hinein, ohne zu fragen. Wenn dir danach ist...«

David stand auf und folgte Sergio durch die breite Glastür in den Patio. Sie war die einzige natürliche Lichtquelle des Raumes, der durch kleine, in Wände und Decke eingelassene Strahler beleuchtet wurde, die ihm ein ganz besonderes, ein geheimnisvolles Ambiente bescherten.

Sie überquerten den Patio und gingen durch die Küche in den Garten. Loli wässerte Fisch und Sergio erklärte, dass es heute Sancocho gäbe.

»Das ist ein Leibgericht für die Kanaren. Wir lassen dafür alles stehen und liegen und manchmal vergessen wir sogar unsere guten Manieren...«

Man sah ihm an, dass er sich an einige Szenarien aus der Vergangenheit gut erinnern konnte und sich dabei köstlich amüsierte!

»Sancocho wird aus gesalzenem und getrocknetem Fisch zubereitet. Cherne – das ist ein Wrackbarsch...«

Er lachte wieder:

»Du wunderst dich, was ich alles weiß, nicht war? Wahrscheinlich hast du gar nicht gewußt, dass es einen Fisch mit diesem Namen gibt?

Naja, ich habe das mal für einen deutschen Klienten recherchiert. Und manche Dinge vergisst man nie!

Jedenfalls wird der Fisch ein oder zwei Tage lang gewässert, damit das Salz herausgezogen wird. Das Wasser muss mehrmals gewechselt werden...«

»Das kenne ich!«

David unterbrach ihn aufgeregt:

»Das macht man in Deutschland mit Salzheringen so. Aus denen macht man dann einen unheimlich leckeren Heringssalat...«

»Siehst du, so klein ist die Welt...