Meine Obsession - Anna Zaires - E-Book
  • Herausgeber: Mozaika LLC
  • Kategorie: Erotik
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Ich habe sie in der Nacht gestohlen. Ich habe sie eingesperrt, weil ich ohne sie nicht leben kann. Sie ist meine Liebe, meine Sucht, meine Besessenheit. Ich werde alles tun, um Sara zu behalten.

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Seitenzahl:469

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Meine Obsession

Mein Peiniger: Buch 2

Von Anna Zaires

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2018 Anna Zaires

https://www.annazaires.com/book-series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover Design von Najla Qamber Designs

najlaqamberdesigns.com

e-ISBN: 978-1-63142-319-2

Print ISBN: 978-1-63142-320-8

Inhalt

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Teil II

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Teil III

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Teil IV

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Auszug aus Twist Me - Verschleppt

Auszug aus Capture Me – Ergreife Mich

Auszug aus Die Gefangene des Krinar

Über die Autorin

Teil I

1

Sara

Tränen aus Panik und bitterer Frustration laufen über mein Gesicht, als die Räder des Jets von der Landebahn abheben und die Lichter des kleinen Flughafens in der tiefschwarzen Dunkelheit verblassen. In einiger Entfernung sehe ich das Lichtermeer Chicagos und seiner Vororte, aber nach kurzer Zeit verschwinden auch diese und lassen mich mit dem vernichtenden Wissen zurück, dass mein altes Leben verschwunden ist.

Ich habe meine Familie, meine Freunde, meine Karriere und meine Freiheit verloren.

Mein Magen ist vor Übelkeit ganz aufgewühlt, während Scherben meine Schläfen durchbohren, und meine Kopfschmerzen werden durch das verschlimmert, was Peter mir gespritzt hat, um mich zu betäuben. Am schlimmsten ist aber das erdrückende Gefühl in meiner Brust, das schreckliche Gefühl, dass ich nicht genug Luft bekommen kann. Ich atme tief ein, um dagegen anzukämpfen, aber es wird nur schlimmer. Die Decke ist wie eine Zwangsjacke, die meine Arme an meine Seiten fesselt, wodurch ich nicht genug Luft in meine Lungen bekommen kann.

Mein Peiniger hat seine Drohung wahrgemacht.

Er hat mich entführt, und vielleicht sehe ich mein Zuhause nie wieder.

Er ist jetzt nicht neben mir – sobald wir abgehoben waren, ist er aufgestanden und im hinteren Teil der Passagierkabine verschwunden, wo zwei seiner Männer sitzen – und ich bin froh. Ich kann es nicht ertragen, ihn anzuschauen, zu wissen, dass ich dumm genug war, um ihn zu warnen, als er alles schon wusste.

Als er diese Spritze bereitliegen hatte und mit mir spielte.

Wie konnte er es wissen? Gab es Kameras und Abhörgeräte in der Umkleidekabine des Krankenhauses, in der Karen mit mir gesprochen hat? Oder haben die Männer, die Peter darauf angesetzt hatte, mir zu folgen, meine FBI-Beschattung bemerkt und ihm davon erzählt? Oder vielleicht hat er Verbindungen zum FBI, genau wie der eine Kontakt von ihm Verbindungen zum CIA hatte? Ist das möglich oder gehe ich zu weit? Jetzt ist das sowieso egal; der Punkt ist, dass er es wusste.

Er wusste es, aber er hat so getan, als wisse er es nicht und mit meinen Gefühlen gespielt, während er darauf gewartet hat, dass ich zerbreche.

Gott, wie konnte ich nur so doof sein? Wie konnte ich ihn warnen, obwohl ich wusste, dass so etwas passieren könnte? Wie konnte ich nach Hause gehen, wenn ich vermutet habe – nein, wenn ich wusste –, was mein Stalker wahrscheinlich tun würde, wenn er von der bevorstehenden Gefahr erfahren würde? Ich hätte Karen alles erzählen sollen, als ich die Chance dazu hatte, hätte sie die Beamten zu mir nach Hause senden lassen sollen, während das FBI mich in Schutzhaft genommen hätte. Ja, Peter hätte immer noch entkommen können, aber er hätte mich nicht mit sich genommen – nicht jetzt zumindest. Ich hätte mehr Zeit zum Planen gehabt, hätte den besten Weg finden können, wie meine Eltern und ich in Sicherheit bleiben könnten. Er wäre höchstwahrscheinlich für mich zurückgekommen, aber es bestand zumindest die Möglichkeit, dass das FBI uns beschützt hätte.

Stattdessen tappe ich direkt in Peters Falle. Ich bin nach Hause gegangen und habe mich anlügen lassen. Ich habe mir von ihm vorspielen lassen, dass es in ihm etwas Menschliches gibt – etwas Gutes. »Ich liebe dich«, hat er gesagt, und ich bin darauf hereingefallen, habe ihm die Illusion abgekauft, dass wir etwas Echtes hätten, dass seine Zärtlichkeit bedeutete, dass ich ihm wirklich etwas bedeute.

Ich habe mich von meiner irrationalen Verbindung zu dem Mörder meines Mannes über die Realität dessen, was wirklich ist, täuschen lassen, und alles verloren.

Das Engegefühl in meiner Brust wächst, und meine Lungen ziehen sich zusammen, bis jeder Atemzug ein Kampf ist. Wut und Verzweiflung vermischen sich, bis ich schreien will, aber alles, was ich herausbekomme, ist ein gequältes Keuchen, da die Decke um meinen Körper so erstickend ist wie eine Schlinge um einen Hals. Mir ist zu heiß, ich fühle mich zu eingeengt, und mein Herz schlägt zu schnell. Ich fühle mich, als würde ich ersticken, sterben, und ich möchte meinen Hals umklammern, ihn aufreißen, damit ich Luft einsaugen kann.

»Hey, alles ist in Ordnung.« Peter kauert vor mir, auch wenn ich nicht gesehen habe, dass er überhaupt zurückgekommen ist. Seine starken Hände lockern die Decke und streichen meine Haare aus meinem schweißnassen Gesicht. Ich zittere und keuche, da ich gerade eine ausgewachsene Panikattacke habe, aber seine Berührung ist eigenartig beruhigend und nimmt mir einen Großteil des Gefühls, zu ersticken.

»Atme, Ptichka«, drängt er mich, und das tue ich auch, da meine Lungen genauso sehr auf ihn hören, wie sie sich mir verweigern. Meine Brust weitet sich für einen vollen Atemzug, danach für einem weiteren, bis ich halbwegs normal atme, da sich mein enger Hals öffnet, um den kostbaren Sauerstoff hereinzulassen. Ich schwitze und zittere immer noch, aber mein Puls wird langsamer, und die Angst, zu ersticken, verschwindet, als Peter meine Arme aus der Decke befreit und mir ein schwarzes Herren-T-Shirt reicht.

»Es tut mir leid. Ich hatte keine Chance, einige deiner Sachen einzupacken«, sagt er, während er mir hilft, das riesige T-Shirt über meinen Kopf zu ziehen. »Zum Glück hatte Anton Wechselklamotten im Kofferraum. Hier, du kannst auch diese Hose anziehen.« Er steckt meine zitternden Füße in schwarze Herrenjeans, hilft mir dabei, ein Paar schwarze Socken anzuziehen, und nimmt die Decke komplett von mir herunter, um sie auf den Tisch neben uns zu werfen.

Die Hose ist genau wie das T-Shirt zu groß für mich, aber sie hat einen Gürtel, den Peter fest um meine Hüften zieht, bevor er ihn vor meinem Bauch verknotet und die Beine hochrollt.

»So«, sagt er und schaut zufrieden seine Kreation an. »Das sollte für den Flug genügen, und danach werde ich dir eine brandneue Garderobe besorgen.«

Ich schließe meine Augen und blende ihn aus. Ich kann es nicht ertragen, sein hübsches, exotisches Gesicht anzuschauen, kann die Wärme in diesen stahlgrauen Augen nicht tolerieren. Das ist alles eine Lüge, eine Illusion. Ich bin ihm nicht wichtig, nicht wirklich. Besessenheit ist nicht Liebe, und genau das ist es, was er für mich empfindet: eine dunkle, schreckliche Besessenheit, die ruiniert und zerstört.

Er hat mein Leben bereits auf so viele Arten zerstört.

Ich höre ihn seufzen, bevor seine großen Hände sich um meine kalten Handflächen legen.

»Sara ...« Seine tiefe Stimme mit dem leichten Akzent fühlt sich auf meiner Haut wie ein Streicheln an. »Wir bekommen das hin, Ptichka, das verspreche ich. Es wird nicht so schlimm werden, wie du es dir vorstellst. Und jetzt sag mir bitte ... möchtest du deine Eltern anrufen und ihnen alles erklären?«

Meine Eltern? Überrascht öffne ich meine Augen und starre ihn an. Dann wird mir klar, dass er es schon einmal gesagt hat, ich es aber einfach nicht aufgenommen habe. »Du lässt mich meine Eltern anrufen?«

Mein Entführer nickt, ein kleines Lächeln umspielt seine geschwungenen Lippen, und seine Hände drücken sanft meine, während er weiterhin vor mir knien bleibt. »Natürlich. Ich weiß, dass du nicht möchtest, dass sie sich Sorgen machen, gerade wegen des Herzens deines Vaters.«

Oh Gott. Das Herz meines Vaters. Meine Kopfschmerzen verstärken sich nach dieser Erinnerung. Mit seinen 87 Jahren ist mein Vater bemerkenswert gesund für sein Alter, aber vor einigen Jahren hatte er eine dreifache Bypass-Operation und muss Stress vermeiden. Und ich kann mir nichts vorstellen, was mehr Stress auslöst als ... »Denkst du, das FBI hat schon mit ihnen gesprochen?«, frage ich ihn entsetzt. »Haben sie meinen Eltern gesagt, dass ich entführt wurde?«

»Ich bezweifle, dass sie die Zeit dazu gehabt haben.« Peter drückt meine Hände beruhigend, bevor er sie loslässt und sich hinstellt. Er greift in seine Tasche, zieht ein Smartphone hervor und reicht es mir. »Ruf sie an, damit sie zuerst deine Version der Geschichte hören.«

»Meine Version der Geschichte? Und was für eine Version ist das?« Das Telefon fühlt sich in meiner Hand wie ein Ziegelstein an, da sein Gewicht durch das Wissen vervielfacht wird, dass ich tatsächlich meinen Vater umbringen würde, wenn ich das Falsche sage. »Was kann ich ihnen sagen, was diese Situation hier auch nur ansatzweise akzeptabel macht?«

Mein Ton ist ätzend, aber meine Frage ist ehrlich. Mir fällt nichts ein, was ich sagen kann, um die Panik meiner Eltern über mein Verschwinden zu besänftigen, wie ich erklären kann, was das FBI ihnen sagen wird – besonders deshalb nicht, weil ich nicht weiß, was die Beamten alles enthüllen werden.

Das Flugzeug gerät genau in diesem Moment in Turbulenzen, und Peter setzt sich neben mich. »Sag ihnen, dass du einen Mann getroffen hast ... einen Mann, in den du dich verliebt hast.« Er bedeckt mein Knie mit seiner warmen Handfläche, und sein metallischer Blick ist hypnotisierend intensiv. »Sag ihnen, dass du zum ersten Mal in deinem Leben beschlossen hast, etwas Verrücktes und Unverantwortliches zu tun. Dass es dir gut geht, aber dass du in den nächsten Wochen mit deinem Freund um die Welt reisen wirst.«

»Die nächsten Wochen?« Eine wilde Hoffnung erblüht in mir. »Meinst du ...«

»Nein. Du wirst nicht in einigen Wochen zurück sein. Aber das müssen sie ja noch nicht wissen.«

Die Hoffnung verwelkt und stirbt, und die vernichtende Verzweiflung kehrt zurück. »Ich werde sie niemals wiedersehen, stimmt’s?«

»Doch, das wirst du.« Seine Hand drückt mein Knie. »Irgendwann, wenn es sicher ist.«

»Und wann wird das sein?«

»Ich weiß es nicht, aber wir werden es herausfinden.«

»Wir?« Ein bitteres Lachen entweicht meinem Mund. »Hast du den Eindruck, dass das hier eine Art Partnerschaft ist? Dass wir mich zusammen entführt haben?«

Peters Blick verhärtet sich. »Es kann eine Partnerschaft sein, Sara. Wenn du das möchtest.«

»Ach wirklich?« Ich schiebe seine Hand von meinem Knie. »Dann dreh das verdammte Flugzeug um, Partner. Ich will nach Hause gehen.«

»Das ist unmöglich, und du weißt das.« Sein durch Bartstoppeln dunkles Kinn spannt sich an.

»Ist es das? Warum? Weil du es liebst, mich zu ficken? Oder weil du mich verdammt nochmal liebst?« Meine Stimme wird lauter, als ich mit meinen an den Seiten zu Fäusten geballten Händen aufspringe. Ich kann seine Männer in den Sitzen hinter uns sehen, wie sie mit steinigen Gesichtern aus dem Fenster schauen und so tun, als würden sie nicht zuhören, aber das ist mir egal. Ich habe Verlegenheit und Schamgefühl bereits hinter mir gelassen; alles, was ich spüre, ist Wut.

Ich wollte noch nie einer lebenden Person so sehr wehtun wie Peter in diesem Moment.

Der Blick meines Peinigers ist dunkel, und sein Gesichtsausdruck hart, als er aufsteht. »Setz dich hin, Sara«, sagt er fest, während er sich nach mir ausstreckt, als das Flugzeug ein weiteres Mal durchgeschüttelt wird und ich mich an der Wand mit dem Fenster festhalte, um nicht hinzufallen. »Das ist nicht sicher.« Er nimmt meinen Arm, um mich in den Sitz zurückzudrücken, und meine andere Hand reagiert aus eigenem Antrieb.

Ich halte das Telefon immer noch fest in meiner Hand, als ich aushole – und ihn nicht verfehle, weil in diesem Moment das Flugzeug erneut wackelt und wir die Balance verlieren. Mit einem hörbaren Aufschlag trifft das Telefon auf Peters Gesicht, und der Aufprall erschüttert mich bis in die Knochen, während sein Kopf zur Seite geschleudert wird.

Ich weiß nicht, wer schockierter darüber ist, dass ich es geschafft habe, ihn zu treffen, ich oder Peters Männer.

Ich kann ihre ungläubigen Blicke sehen, als Peter langsam und sehr bewusst meinen Arm loslässt und sich das Blut abwischt, das seine Wange herunterläuft. Das Metallgehäuse des Telefons muss in seine Haut geschnitten haben; das oder die unerwarteten Turbulenzen haben meinem Schlag mehr Schwung verliehen, die Kraft hinter ihm verstärkt.

Unsere Blicke treffen sich, und mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich diese eisige Wut in den silbrigen Tiefen sehe. Ich ziehe mich vorsichtig zurück, und das Telefon rutscht aus meinen tauben Fingern und schlägt mit einem metallischen Scheppern auf dem Boden auf.

Ich habe nicht vergessen, wozu Peter in der Lage ist, was er mir angetan hat, als wir uns kennengelernt haben.

Ich kann nur zwei Schritte gehen, bevor mein Rücken sich gegen die Wand der Pilotenkabine drückt und meinen Rückzug beendet. Ich kann in diesem Flugzeug nirgendwohin flüchten, mich nirgendwo verstecken, und mein Magen zieht sich vor Angst zusammen, als sein wütender Blick mich in seinem Bann hält, während er seine Handflächen rechts und links neben meinem Kopf an die Wand legt, wodurch ich zwischen seinen muskulösen Armen eingesperrt werde.

»Ich ...« Ich sollte sagen, dass es mir leidtut, dass ich es nicht so gemeint habe, aber ich schaffe es nicht, zu lügen, also presse ich meine Lippen zusammen, bevor ich es dadurch schlimmer mache, dass ich ihm sage, wie sehr ich ihn hasse.

»Du was?« Seine Stimme ist leise und hart. Er lehnt sich zu mir und beugt seinen Kopf nach vorn, bis seine Lippen am oberen Rand meines Ohres entlangfahren. »Was, Sara?«

Ich erzittere durch die feuchte Hitze seines Atems, meine Knie werden weich und mein Puls beschleunigt sich noch mehr. Allerdings ist der Grund diesmal nicht ausschließlich Angst. Seine Nähe überwältigt meine Sinne, und mein Körper zittert in erregter Erwartung seiner Berührung. Er war erst vor einigen Stunden in mir, und ich spüre immer noch die Nachwirkungen seiner Inbesitznahme, das innere Wundsein vom harten Rhythmus seiner Stöße. Zur gleichen Zeit bin ich mir schmerzlich meiner gehärteten Brustwarzen bewusst, die sich deutlich durch das geliehene T-Shirt abzeichnen, und die warme Feuchtigkeit, die sich zwischen meinen Beinen sammelt.

Selbst bekleidet fühle ich mich in seinen Armen nackt.

Er hebt seinen Kopf, starrt auf mich hinab, und ich weiß, dass er sie auch fühlt, die magnetische Hitze, die dunkle Verbindung, die in der Luft um uns vibriert und sich jeden Moment intensiviert, bis sich eine Millisekunde anfühlt wie Stunden. Peters Männer befinden sich weniger als dreieinhalb Meter von uns entfernt und beobachten uns, aber es fühlt sich an, als seien wir in einer Blase sinnlicher Bedürfnisse und flüchtiger Spannungen. Mein Mund ist trocken, mein Körper pulsiert, da er sich seiner Gegenwart bewusst ist, und ich kann gerade noch verhindern, mich ihm entgegenzulehnen, still stehen zu bleiben, anstatt mich an ihn zu pressen und dem Verlangen nachzugeben, das mich von innen heraus verbrennt.

»Ptichka ...« Peters Stimme wird weicher und nimmt einen vertrauten Ton an, während das Eis in seinem Blick schmilzt. Seine Hand löst sich von der Wand, um sich um meine Wange zu legen, und die Fingerkuppe seines Daumens streicht über meine Lippen, während mein Atem stockt. Zur gleichen Zeit umfasst seine andere Hand meinen Ellenbogen, und sein Griff ist sanft, aber unausweichlich. »Komm, lass uns hinsetzen«, drängt er mich, während er mich von der Wand wegzieht. »Es ist gerade nicht sicher, hier zu stehen oder herumzugehen.«

Benebelt lasse ich mich von ihm zurück zum Sitz führen. Ich weiß, dass ich weiterkämpfen oder mich zumindest wehren sollte, aber die Wut, die mich erfüllt hat, ist verschwunden und hat Taubheit und Verzweiflung hinterlassen.

Trotz allem, was er getan hat, sehne ich mich nach ihm. Ich will ihn genauso sehr, wie ich ihn hasse.

Meine Füße, die nur in Socken gehüllt sind, sind durch das Laufen auf dem kalten Boden eisig, und ich bin dankbar, als Peter die Decke vom Tisch nimmt und sie um meine Beine wickelt, bevor er sich neben mich setzt. Er legt den Gurt um mich, schnallt mich an, und ich schließe meine Augen, weil ich die Wärme nicht sehen will, die jetzt seinen Blick erfüllt. So erschreckend die dunkle Seite von Peter auch ist, der Mann, der diese Dinge tut – der zarte, fürsorgliche Liebhaber – ist derjenige, der mir am meisten Angst einjagt.

Ich kann dem Monster widerstehen, aber der Mann ist eine andere Geschichte.

Warme Finger streichen über meine Hand, und kaltes Metall drückt sich in meine Handfläche. Erschrocken öffne ich die Augen und schaue auf das Telefon, das Peter mir gerade gegeben hat.

Er muss es dort aufgehoben haben, wo ich es fallen gelassen habe.

»Wenn du deine Eltern anrufen möchtest, kannst du es jetzt gern tun«, sagt er sanft. »Nicht dass sie etwas hören, bevor du es ihnen sagst.«

Ich schlucke und starre auf das Telefon in meiner Hand. Peter hat recht, es gibt keine Zeit zu verlieren. Ich weiß nicht, was ich meinen Eltern erzählen werde, aber alles ist besser als das, was die FBI-Beamten wahrscheinlich sagen werden.

»Wie rufe ich an?« Ich schaue Peter an. »Gibt es einige spezielle Codes oder etwas anderes, was ich benutzen muss?«

»Nein. Alle meine Gespräche werden automatisch verschlüsselt. Gib einfach wie immer die Nummern ein.«

Ich atme tief durch und gebe die Handynummer meiner Mutter ein. Wahrscheinlich verfällt sie eher in Panik, wenn sie einen Anruf mitten in der Nacht bekommt, aber sie ist neun Jahre jünger als mein Vater und hat keine mir bekannten Herzprobleme. Ich halte das Telefon an mein Ohr, drehe mich von Peter weg und betrachte den Nachthimmel durch das Fenster, während ich darauf warte, dass der Anruf durchgeht.

Es klingelt ein Dutzend Mal, bevor die Voicemail anspringt.

Meine Mutter muss zu tief schlafen, um es zu hören, oder sie hat ihr Telefon nachts ausgestellt.

Frustriert versuche ich es noch einmal.

»Hallo?«, die Stimme meiner Mutter ist schläfrig und verärgert. »Wer ist da?«

Ich atme erleichtert aus. Es klingt nicht so, als hätten die FBI-Beamten bereits mit ihnen gesprochen; wäre das der Fall, hätte meine Mutter nicht so tief geschlafen.

»Hallo, Mama. Ich bin es, Sara.«

»Sara?« Meine Mutter hört sich sofort wacher an. »Was ist passiert? Woher rufst du an? Ist etwas passiert?«

»Nein, nein. Alles ist in Ordnung. Mir geht es hervorragend.« Ich hole Luft, und meine Gedanken überschlagen sich, als ich versuche, mir eine weniger beunruhigende Geschichte auszudenken. Irgendwann wird das FBI Kontakt zu meinen Eltern aufnehmen, und meine Geschichte wird als Lüge entlarvt werden. Trotzdem sollte die Tatsache, dass ich angerufen und eine Geschichte erzählt habe, meine Eltern beruhigen, da ich zum Zeitpunkt des Anrufes zumindest am Leben war. Außerdem sollte er das, was die Beamten ihnen sagen, weniger schlimm machen.

Ich festige meine Stimme und sage: »Es tut mir leid, dass ich so spät anrufe, Mama, aber ich verreise spontan und wollte dir Bescheid sagen, damit du dir keine Sorgen machst.«

»Du verreist?« Meine Mutter hört sich verwundert an. »Wohin? Warum?«

»Na ja ...« Ich zögere zuerst, aber dann beschließe ich, Peters Idee zu folgen. Dadurch werden meine Eltern, wenn sie von der Entführung erfahren, vielleicht denken, dass ich aus freien Stücken mit Peter mitgegangen bin. Was das FBI denken wird, ist eine andere Sache, aber darüber werde ich mir heute keine Gedanken machen. »Ich habe jemanden kennengelernt. Einen Mann.«

»Einen Mann?«

»Ja, ich treffe mich seit ein paar Wochen mit ihm. Ich wollte noch nichts sagen, weil ich ihn noch nicht so gut kannte und mir nicht sicher war, wie ernst die Sache ist.« Ich kann spüren, dass meine Mutter gleich mit einer Befragung beginnen wird, also sage ich schnell: »Auf jeden Fall muss er unerwartet das Land verlassen, und hat mich eingeladen, mitzukommen. Ich weiß, es ist völlig verrückt, aber ich musste mal weg. Weg von allem, weißt du? Und das hier schien eine gute Gelegenheit zu sein. Wir werden einige Wochen umherreisen, also ...«

»Was?« Die Stimme meiner Mutter wird schriller. »Sara, das ist ...«

»Verrückt? »Ich weiß.« Ich ziehe eine Grimasse und bin dankbar dafür, dass sie meinen schmerzhaften Ausdruck nicht sehen kann. Dadurch, dass ich sie anlüge, und meine Kopfschmerzen immer noch da sind, fühle ich mich beschissen. »Es tut mir leid, Mama. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst, aber das ist etwas, was ich tun musste. Ich hoffe, du und Papa, ihr versteht das.«

»Warte mal ganz kurz. Wer ist dieser Mann? Wie heißt er? Was macht er? Wo habt ihr euch getroffen?« Jede Frage schießt wie eine Kugel aus ihr heraus.

Ich drehe mich um, um Peter anzuschauen, und er nickt mir mit ausdruckslosem Gesicht leicht zu. Ich weiß nicht, ob er meine Unterhaltung hören kann, aber ich nehme an, dass das Nicken bedeutete, dass ich meinen Eltern noch ein wenig mehr erzählen kann.

»Sein Name ist Peter«, sage ich und beschließe, so nah wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. »Er ist Unternehmer und arbeitet meistens im Ausland. Wir haben uns kennengelernt, als er in Chicago zu tun hatte, und seitdem haben wir uns regelmäßig gesehen. Ich wollte dir bei unserem Sushiessen von ihm erzählen, aber es schien irgendwie nicht der richtige Zeitpunkt zu sein.«

»Okay, aber ... aber was ist mit deiner Arbeit? Und der Klinik?«

Ich massiere meinen Nasenrücken. »Das werde ich alles klären, mach dir keine Gedanken.« Das werde ich natürlich nicht – selbst wenn Peter mich dort anrufen lässt, ist so etwas mit meiner Praxis im Krankenhaus nicht zu vereinbaren –, aber das kann ich meiner Mutter nicht sagen, ohne sie vorzeitig zu beunruhigen. Sie wird bald genug eine Panikattacke bekommen, wenn erst die Beamten auf ihrer Türschwelle stehen. Bis dahin können sie und mein Vater genauso gut denken, dass ich verrückt geworden bin.

Eine Tochter, die sich in letzter Zeit komisch benimmt, ist unendlich viel besser als eine Tochter, die vom Mörder ihres Ehemanns entführt wurde.

»Sara, Liebling ...« Meine Mutter klingt trotzdem besorgt. »Bist du dir damit sicher? Ich meine, du hast ja selbst gesagt, dass du nicht viel über diesen Mann weißt, und jetzt verlässt du das Land mit ihm? Das sieht dir gar nicht ähnlich. Du hast mir nicht einmal gesagt, wohin du gehst. Fliegt ihr oder fahrt ihr mit dem Auto? Und was ist das für eine Nummer, von der aus du anrufst? Sie wird als blockiert angezeigt, und der Empfang ist auch eigenartig, so als ob du ...«

»Mama.« Ich reibe mir die Stirn, da sich meine Kopfschmerzen verschlimmern. Ich kann keine weitere ihrer Fragen beantworten, also sage ich: »Hör zu, ich muss los. Unser Flugzeug wird gleich starten. Ich wollte dich das einfach nur kurz wissen lassen, damit du dir keine Gedanken machst, okay? Ich ruf’ dich noch mal an, sobald ich kann.«

»Aber, Sara ...«

»Tschüss, Mama. Bis bald!«

Ich lege auf, bevor sie etwas sagen kann, und Peter nimmt mir das Telefon ab, wobei ein zufriedenes Lächeln seinen Mund umspielt.

»Gut gemacht. Du hast wirklich Talent dafür.«

»Dafür, meine Eltern anzulügen, um ihnen nicht zu sagen, dass ich entführt wurde? Ja, mit Sicherheit ein echtes Talent.« Bitterkeit tropft aus meinen Worten, und ich mache mir nicht die Mühe, sie zu unterdrücken. Ich bin fertig damit, nett und pflegeleicht zu sein.

Wir werden dieses Spiel nicht länger spielen.

Peter sieht nicht beunruhigt aus. »Du hast ihnen etwas gesagt, was ihre schlimmsten Sorgen zerstreuen wird. Ich weiß nicht, was die Agents sagen werden, aber das sollte deinen Eltern die Sicherheit geben, dass du heute lebst und es dir gut geht. Hoffentlich wird das ausreichen, bis du dich wieder bei ihnen meldest.«

Das Gleiche habe ich auch gedacht, und es beunruhigt mich, dass wir auf derselben Wellenlänge liegen. Es ist eine Kleinigkeit, diesmal derartig gleich zu denken, aber es fühlt sich an wie ein rutschiges Gefälle, wie ein Schritt in Richtung der Partnerschaft, die Peter erwähnt hat. In Richtung der Illusion, dass es ein »wir« gibt, dass unsere Beziehung irgendwie echt ist.

Ich kann – und werde – nicht noch einmal auf diese Lüge hereinfallen. Ich bin nicht Peters Partnerin, seine Freundin oder seine Geliebte.

Ich bin seine Gefangene, die Witwe eines Mannes, den er getötet hat, um seine Familie zu rächen, und diese Tatsache kann ich niemals vergessen.

Ich muss mich anstrengen, um meine Stimme ruhig zu halten, als ich frage: »Also werde ich die Gelegenheit bekommen, mich wieder bei ihnen zu melden?« Als Peter zustimmend nickt, bohre ich weiter: »Wann?«

Seine grauen Augen leuchten auf. »Sobald sie vom FBI gehört haben und eine Chance hatten, alles zu verdauen. Also, mit anderen Worten, bald.«

»Woher willst du wissen, wann sie vom FBI ...? Ach, schon gut. Du lässt auch meine Eltern gerade überwachen, stimmt’s?«

»Ich lasse ihr Haus überwachen, ja.« Er sieht nicht so aus, als sei ihm das auch nur das kleinste bisschen unangenehm. »Und deshalb werden wir wissen, was die Agents ihnen erzählen, und wann. Dann überlegen wir uns, was du sagen solltest und wie du dich wieder bei ihnen meldest.«

Ich presse meine Lippen zusammen. Da ist dieses hinterhältige »wir« wieder. Als sei das ein gemeinsames Projekt – wie ein Haus einzurichten oder eine Flasche Wein für ein Familientreffen auszuwählen. Erwartet er, dass ich dafür dankbar bin? Ihm dafür danke, dass er so nett und umsichtig bei der Logistik meine Entführung war?

Denkt er, dass ich vergessen werde, dass er mein Leben gestohlen hat, wenn er mich die Sorgen meiner Eltern lindern lässt?

Ich knirsche mit den Zähnen und drehe mich weg, um aus dem Fenster zu starren, bis mir klar wird, dass ich immer noch nicht die Antwort auf eine der Fragen meiner Mutter weiß.

Ich drehe mich wieder zu meinem Entführer um und erwidere seinen kühlen amüsierten Blick. »Wohin fliegen wir?«, frage ich und zwinge mich dabei dazu, ruhig zu sprechen. »Wo genau werden wir uns das alles überlegen?«

Peter grinst und legt dabei seine weißen Zähne frei, die unten leicht schief sind. Deswegen, und wegen der kleinen Narbe auf seiner Unterlippe, sollte sein Lächeln abstoßend sein, aber diese Makel unterstreichen seine gefährlich sinnliche Ausstrahlung nur noch.

»Wir werden es in Japan herausfinden, Ptichka«, sagt er und streckt sich über den Tisch aus, um meine Hand in seine große Handfläche zu nehmen. »Das Land der aufgehenden Sonne ist unser neues Zuhause.«

2

Peter

»Sie holen auf«, sagt Ilya, als das Heulen der Sirenen und das Dröhnen der Hubschrauber lauter wird. Lichter von den Autos auf der anderen Seite der Autobahn werden von seinem rasierten Kopf reflektiert und erschaffen die Illusion, dass die Tattoos auf seinem Schädel tanzen, als er mit einem besorgten Stirnrunzeln in den Rückspiegel blickt.

»Stimmt.« Ich ignoriere das Adrenalin in meinen Adern und ziehe Sara mit meinen Arm fester an mich, um zu verhindern, dass ihr Kopf von meiner Schulter gleitet, während Ilya schwungvoll ein langsameres Auto überholt. Ich habe natürlich erwartet, dass wir verfolgt werden – man stiehlt nicht so einfach eine Frau, die vom FBI bewacht wird –, aber jetzt, da es geschieht, bemerke ich, dass ich mir Sorgen mache.

Meine drei Teamkollegen und ich kommen problemlos mit einer High-Speed-Verfolgungsjagd zurecht, aber ich darf Sara nicht gefährden.

Ich treffe eine Entscheidung und sage zu Ilya: »Fahr langsamer. Lass sie näher kommen.«

Anton auf dem Beifahrersitz dreht sich um, und sein bärtiges Gesicht sieht ungläubig aus, als er seine M16 ergreift. »Bist du wahnsinnig?«

»Wir können sie nicht zum Flughafen führen«, meint Yan, Ilyas Zwilling. Er sitzt auf der anderen Seite von Sara und muss meinen Plan verstanden haben, denn er durchwühlt bereits den großen Seesack, den wir unter dem Rücksitz unseres Geländewagens verstaut haben.

»Denkt ihr, dass die FBI-Agenten wissen, dass wir sie haben?« Anton schaut auf die bewusstlose Frau, die ich an meine Seite gedrückt halte, und ich fühle einen irrationalen Anflug von Eifersucht, als sein dunkler Blick über Saras Gesicht fährt und einen Moment länger als nötig auf ihren vollen rosa Lippen verweilt.

»Sie müssen. Die Jungs, die sie beschattet haben, waren dumm, aber nicht völlig unfähig«, sagt Yan, der sich mit einem Granatwerfer in seinen Händen wieder aufrichtet. Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder bevorzugt er eine konservative Frisur und ordentlich gebügelte Business-Kleidung – seine Banker-Verkleidung, wie Ilya sie nennt. Überhaupt sieht Yan wie jemand aus, der nicht mit einem Schraubenschlüssel, geschweige denn mit einer Waffe umgehen kann, aber er ist eine der tödlichsten Personen, die ich kenne – genau wie der Rest meines Teams.

Unsere Kunden zahlen uns aus gutem Grund Millionen, und der hat nichts mit unserem Kleidungsstil zu tun.

»Ich hoffe, du hast recht«, sagt Ilya und verstärkt seinen Griff am Lenkrad, während er erneut in den Rückspiegel blickt. Zwei schwarze Geländewagen der Regierung und drei Polizei-Kreuzer sind jetzt vier Autos hinter uns, und blaue und rote Lichter blinken, als sie langsamere Fahrzeuge überholen. »Amerikanische Polizisten sind weich. Sie werden es nicht riskieren, zu schießen, wenn sie wissen, dass wir sie haben.«

»Und sie werden auch nicht das Feuer mitten auf einer Autobahn eröffnen«, sagt Yan und drückt einen Knopf, um das Fenster nach unten zu fahren. »Es sind zu viele Zivilisten hier.«

»Warte einen Moment«, sage ich ihm, als er sich mit dem Granatwerfer in der Hand näher zum Fenster bewegt. »Der Hubschrauber soll so niedrig wie möglich über uns fliegen. Ilya, fahr noch etwas langsamer und ordne dich in der richtigen Spur ein. Wir nehmen die nächste Ausfahrt.«

Ilya macht, was ich sage, und wir wechseln auf die langsamere Spur, während unsere Geschwindigkeit unter das vorgegebene Limit fällt. Ein grauer Toyota Camry schießt auf der linken Seite an uns vorbei, und ich drücke Sara näher an mich, als ich Yan sage, sich bereitzuhalten. Der Lärm des Hubschraubers ist ohrenbetäubend – er schwebt jetzt fast direkt über uns – aber ich warte.

Wenige Augenblicke später sehe ich es.

Das Zeichen für die Abfahrt, die in vierhundert Metern kommt.

»Jetzt«, schreie ich und Yan reagiert sofort. Sein Kopf und sein Oberkörper schießen aus dem Fenster, und er hält den Granatwerfer in seinen Händen.

Bumm! Es hört sich an, als sei die Mutter aller Feuerwerke über uns losgegangen. Bremsen kreischen um uns herum, aber wir sind bereits an der Ausfahrt, und Ilya fliegt in dem Moment vom Highway, in dem die Hölle ausbricht und Autos auf beiden Fahrspuren mit einem metallischen Kreischen kollidieren, als der Hubschrauber über uns wie ein metallener Feuerball explodiert.

»Scheiße«, sagt Anton schwer atmend, als er auf die Verwüstung starrt, die wir zurückgelassen haben. Als die brennenden Hubschrauberstücke herunterregnen, ist ein riesiger Walmart-LKW dabei, umzukippen, und mindestens ein Dutzend Autos sind bereits ineinandergefahren, und mit jeder Sekunde stoßen weitere in den Haufen. Die Geländewagen der Regierung gehören ebenfalls zu den Opfern, und die Polizei-Kreuzer sitzen dahinter fest. Jetzt ist es unmöglich, dass unsere Verfolger uns weiterhin folgen, und obwohl ich nicht glücklich über die verletzten Zivilisten bin, weiß ich, dass wir dadurch unsere Flucht ermöglichen.

In der Zeit, die sie brauchen, um ihre Pläne anzupassen und weitere Polizisten zu uns zu schicken, werden wir lange verschwunden sein.

Niemand wird mir Sara wegnehmen.

Sie hat sich für mich entschieden, und sie wird bei mir bleiben.

Wir kommen bei der Unterführung an, wo wir unser anderes Fahrzeug, das nicht verfolgt wird, abgestellt hatten, und als wir die Autos gewechselt haben, atme ich ein wenig leichter. Ich zweifle nicht daran, dass die FBI-Beamten unsere Spur finden werden, aber wenn sie das tun, sollten wir bereits sicher in der Luft sein.

Wir sind fast am Flughafen, als Sara leise stöhnt und ihre Augenlider sich öffnen, während sie sich an meiner Seite bewegt.

Das Medikament, das ich ihr gegeben habe, hat nachgelassen.

»Schscht«, sage ich beruhigend und küsse ihre Stirn, als sie versucht, sich aus der Decke zu winden, die sie vom Hals an bedeckt. »Es geht dir gut, Ptichka. Ich bin hier, und alles ist gut. Hier, trink das.« Mit meiner freien Hand öffne ich eine mit Wasser gefüllte Trinkflasche und drücke sie an ihre Lippen, damit sie etwas Flüssigkeit zu sich nehmen kann.

»Was … wo bin ich?«, krächzt sie heiser, als ich die Flasche wegnehme und meinen Arm fester um ihre Schultern lege, damit sie die Decke nicht abnimmt und ihren nackten Körper entblößt. »Was ist passiert?«

»Nichts Schlimmes«, versichere ich ihr und stelle die Flasche ab, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. »Wir gehen nur auf eine kleine Reise.«

Auf Saras anderer Seite schnaubt Yan und murmelt in russischer Sprache etwas über größere Untertreibungen.

Saras Blick schnellt in Richtung Yan, dann im Auto umher, und ich sehe den genauen Moment, in dem sie versteht, was geschieht.

»Bitte sag mir, dass du nicht …« Ihre Stimme wird höher. »Peter, sag mir, dass du nicht gerade …«

»Schscht.« Ich drehe sie ganz zu mir herum und lege zwei Finger auf ihre weichen Lippen. »Ich konnte weder bleiben noch dich zurücklassen, Ptichka. Das weißt du auch. Alles wird gut werden. Dir wird nichts Schlimmes passieren. Ich werde für deine Sicherheit sorgen.«

Sie starrt mich an, und ihre braunen Augen sind voller Schock und Entsetzen, so dass sich meine Brust unangenehm verengt, obwohl ich weiß, dass ich das Richtige tue.

Sara hatte mich vor dem FBI gewarnt, obwohl sie wusste, dass ich sie höchstwahrscheinlich mit mir nehmen würde, aber sie hatte wohl nicht erwartet, dass ich es auf diese Weise tun würde. Und vielleicht gab es einen anderen Weg, etwas, was ich getan haben könnte, ohne sie zu betäuben und sie mitten in der Nacht zu stehlen.

Nein. Ich schüttele diese uncharakteristischen Selbstzweifel ab und konzentriere mich auf das Wesentliche: Sara zu beruhigen und sie dazu zu bewegen, die Situation zu akzeptieren.

»Hör mir zu, Ptichka.« Ich lege meine Handfläche um ihren zarten Kiefer. »Ich weiß, du machst dir Sorgen um deine Eltern, aber sobald wir in der Luft sind, kannst du sie anrufen und ...«

»In der Luft? Also sind wir immer noch ...? Oh, Gott sei Dank.« Sie schließt die Augen, und ich fühle ein Zittern durch ihren Körper laufen, bevor sie ihre Augen öffnet, um meinen Blick zu erwidern. »Peter ...« Ihre Stimme wird weich und schmeichelnd. »Peter, bitte. Das brauchst du nicht zu tun. Du kannst mich einfach hierlassen. Es wäre so viel sicherer für dich ... so viel einfacher, zu entkommen, wenn sie nicht nach mir suchen. Du könntest einfach verschwinden, und sie würden dich nie fangen, und dann …«

»Sie werden mich auch so nie fangen.« Meine Stimme ist hart, aber ich kann den aufflackernden Ärger nicht unterdrücken, als ich meine Hand herabsinken lasse. Sara hatte ihre Chance, mich loszuwerden, aber sie hat sie nicht genutzt. Als sie mich gewarnt hat, hat sie ihr Schicksal besiegelt, und jetzt ist es zu spät, um sich zurückzuziehen. Ja, ich habe ihr Drogen verabreicht und sie ohne zu fragen mitgenommen, aber sie hätte wissen müssen, dass ich sie nicht zurücklassen würde. Ich habe ihr gesagt, wie sehr ich sie liebe, und auch wenn sie nicht das Gleiche erwidert hat, weiß ich, es ist ihr nicht egal. Vielleicht ist das nicht genau das, was sie wollte, aber sie hat sich für mich entschieden, und dass sie mich jetzt bittet, sie zurückzulassen, versucht, mich mit ihren großen Augen und ihrer süßen Stimme zu manipulieren ... Sie tut weh, ihre Zurückweisung, auch wenn sie es nicht tun sollte.

Ich habe ihren Mann getötet und meinen Weg in ihr Leben erzwungen.

»Wir sind da«, sagt Anton auf Russisch, als das Auto bremst, und ich drehe meinen Kopf um und sehe unser Flugzeug etwa zwanzig Meter vor uns.

»Peter, bitte.« Sara beginnt, sich in der Decke zu bewegen, und ihre Stimme wird lauter, als das Auto stehen bleibt und meine Männer herausspringen. »Bitte tu das nicht. Das ist falsch. Du weißt, dass das falsch ist. Mein ganzes Leben ist hier. Ich habe meine Familie und meine Patienten und meine Freunde ...« Sie weint jetzt und wehrt sich stärker, als ich mich herunterbeuge, um ihre mit der Decke umwickelten Beine zu umfassen und sie aus dem Auto zu heben. »Bitte, du hast gesagt, dass du das nicht tun würdest, wenn ich kooperativ bin, und das war ich. Ich habe alles getan, was du wolltest. Peter, bitte, hör auf! Lass mich hier! Bitte!«

Jetzt ist sie hysterisch, dreht und windet sich in ihrer Decke, als ich sie gegen meine Brust gedrückt aus dem Auto heraushebe, und Anton wirft mir einen unangenehm berührten Blick zu, während er den Zwillingen dabei hilft, die Waffen unter der Rückbank hervorzuholen. Obwohl mein Freund mir bei mehr als einer Gelegenheit nahegelegt hat, dass ich Sara einfach nehmen sollte, wenn ich sie wollte, muss die Realität grausamer sein, als er gedacht hatte.

Andere Menschen könnten uns für Monster halten, aber wir können fühlen – und man müsste ein Herz aus Stahl haben, um nichts zu fühlen, als Sara weiterhin bettelnd und flehend in dem Deckenkokon kämpft, während ich sie zum Flugzeug trage.

»Es tut mir leid«, sage ich zu ihr, als ich sie in die Passagierkabine bringe und sie sanft auf einem der breiten Ledersitze vorn absetze. Ihre Verzweiflung ist wie ein vergiftetes Messer in meiner Seite, aber der Gedanke, sie zurückzulassen, ist noch quälender. Ich kann mir ein Leben ohne Sara nicht vorstellen, und ich bin rücksichtslos – und egoistisch – genug, um sicherzustellen, dass ich es nicht muss.

Sie mag gerade ihre Entscheidung bereuen, aber sie wird sich damit abfinden und die Situation akzeptieren, genauso wie sie gerade damit begonnen hat, unsere Beziehung zu akzeptieren. Und dann wird sie wieder glücklich sein – sogar glücklicher. Wir werden zusammen ein Leben aufbauen, und es wird eines sein, das sie auch genießen wird.

Ich muss das glauben, weil das der einzige Weg ist, sie zu haben.

Das ist der einzige Weg für mich, wieder zu lieben.

3

Sara

Ich spreche den Rest des Fluges nicht mit Peter. Stattdessen schlafe ich ein, und mein Gehirn schaltet sich aus, so als wolle es der Realität entfliehen. Ich bin dankbar dafür. Der Kopfschmerz ist unerbittlich, und jedes Mal, wenn ich versuche, meine Augen zu öffnen, spielen Schlagzeuger in meinem Kopf, und erst als wir mit der Landung beginnen schaffe ich es, genügend aufzuwachen, um mich ins Bad zu schleppen.

Als ich zurückkomme, finde ich Peter, der an einem Laptop arbeitet, in meinem Nachbarsitz vor. Ich kann mir vorstellen, dass er dort den ganzen Flug lang gesessen hat, aber ich bin mir nicht sicher. Ich erinnere mich daran, dass ich eingeschlafen bin, als er meine Hand gehalten hat und seine starken Finger meine Handfläche massiert haben. Ich erinnere mich auch daran, dass er mich fester in die Decke gewickelt hat, als es in der Kabine kühler wurde.

»Wie fühlst du dich?«, fragt er und schaut von seinem Laptop hoch, als ich um ihn herumgehe und mich in meinen weichen Ledersessel setze. Jetzt, da der anfängliche Schock über die Entführung vorbei ist, fällt mir auf, dass das Flugzeug ziemlich luxuriös, wenn auch klein ist. Im hinteren Bereich des Flugzeugs gibt es neben unserer Sitzreihe zwei weitere, und jeder Sitz ist groß und kann vollständig nach hinten geklappt werden. In der Mitte der Kabine steht ein beigefarbenes Sofa mit zwei an ihm befestigten Beistelltischchen.

»Sara«, hakt Peter nach, als ich nicht antworte, und ich zucke als Antwort mit den Schultern, da ich nicht vorhabe, sein Gewissen damit zu beruhigen, dass ich zugebe, mich nach meinem langen Schlaf besser zu fühlen. Das Medikament muss seine Wirkung vollständig verloren haben, weil die Übelkeit und der Kopfschmerz, die mich gequält haben, verschwunden sind.

Ich habe allerdings Hunger und Durst, weshalb ich nach der Wasserflasche und der Schale mit den Erdnüssen greife, die auf dem kleinen Tisch zwischen unseren Sitzen stehen.

»Wir werden bald eine richtige Mahlzeit bekommen«, sagt Peter und schiebt die Schüssel zu mir. »Wir hatten nicht erwartet, das Land so plötzlich zu verlassen, und das ist alles, was wir an Bord hatten.«

»Aha.« Ohne ihn anzublicken, trinke ich die halbe Flasche Wasser, esse eine Handvoll Nüsse und spüle mit dem Rest des Wassers nach. Ich bin nicht überrascht, von dem Mangel an Essen im Flugzeug zu erfahren; das Wunder ist, dass er ein Flugzeug im Standby-Modus hatte, Punkt. Ich weiß, dass ihm und seinem Team unglaublich hohe Geldsummen dafür bezahlt werden, um Verbrecherbosse und dergleichen zu ermorden, aber die Kosten für diesen mittelgroßen Jet müssen gut im achtstelligen Bereich liegen.

Da ich meine Neugier nicht länger zügeln kann, werfe ich einen Blick auf meinen Entführer. »Ist das deins?« Ich bewege meine Hand durch den Raum, um auf meine Umgebung zu zeigen. »Hast du das gekauft?«

»Nein.« Er schließt den Laptop und lächelt. »Ich habe es als Bezahlung von einem unserer Kunden bekommen.«

»Ich verstehe.« Ich schaue weg und konzentriere mich auf den dunklen Himmel außerhalb des Fensters anstatt auf sein magnetisches Lächeln. Jetzt, da ich mich besser fühle, ist mir noch bitterer bewusst, was Peter getan hat – und wie hoffnungslos meine Situation ist.

War ich zu Hause meinem Peiniger ausgeliefert, als ich Angst davor hatte, was passieren könnte, wenn ich zu den Behörden ginge, bin ich es jetzt doppelt. Peter Sokolov kann alles mit mir machen, mich gefangen halten, bis ich sterbe, wenn er das möchte. Seine Männer werden mir nicht helfen, und ich bin gerade dabei, in ein Land zu reisen, dessen Sprache ich nicht spreche und in dem ich nichts und niemanden kenne.

Ich liebe Sushi, aber damit hört das, was ich über Japan weiß, auch schon auf.

»Sara?« Peters tiefe Stimme dringt in meine Gedanken ein, und ich drehe mich instinktiv um, um ihn anzuschauen.

»Schnall dich an.« Er nickt in Richtung des Sicherheitsgurts, der geöffnet neben mir liegt. »Wir werden in Kürze landen.«

Ich lege den Sicherheitsgurt über meinen Schoß und schließe ihn, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Fenster schenke. Ich kann nicht viel in der Dunkelheit sehen – wir müssen lange genug geflogen sein, um Japan trotz des Zeitunterschieds in der Nacht zu erreichen – aber ich lasse meine Augen weiterhin auf den Himmel draußen gerichtet, da ich hoffe, etwas zu sehen und eine Unterhaltung mit Peter zu vermeiden.

Ich werde mich nicht so benehmen, als seien wir wirklich ein Liebespaar, das eine Reise macht, nicht vorgeben, dass das hier irgendwie in Ordnung für mich ist. Das Druckmittel, das er hatte – seine Androhung, mich zu entführen, wenn ich nicht bei seiner häuslichen Glücksfantasie mitspiele – gibt es nicht mehr, und ich habe nicht vor, weiterhin sein folgsames Opfer zu sein. Ich hatte gerade begonnen nachzugeben, mich in seinen kranken Bann ziehen zu lassen, aber das ist jetzt vorbei. Peter Sokolov hat mich gequält, meinen Ehemann getötet, und jetzt hat er mich entführt. Zwischen uns gibt es nichts außer einer beschissenen Vergangenheit und einer noch beschisseneren Zukunft.

Vielleicht hat er mich, aber er wird das nicht genießen.

Das werde ich sicherstellen.

4

Peter

Als wir auf einem privaten Flughafen in der Nähe von Matsumoto landen und in einen Hubschrauber steigen, der dort bereits auf uns wartet, schmerzt mein Wangenknochen immer noch von Saras Schlag. Morgen werde ich ein blaues Auge haben – ein Gedanke, den ich jetzt, nachdem der anfängliche Schreck und die Wut verschwunden sind, amüsant finde. Die Schmerzen, die mir Sara zugefügt hat, sind recht leicht – selbst in einem Routinetraining habe ich schon mehr gelitten – aber die Überraschung, dass meine hübsche, kleine Ärztin mich körperlich angegriffen hat, beschäftigt mich.

Es war so, als würde man von einem Kätzchen blutig gekratzt werden, einem Kätzchen, das man einfach nur beschützen und streicheln will.

Sie ist immer noch wütend auf mich. Das ist ganz deutlich in ihrer steifen Haltung und daran zu erkennen, dass sie weder mit mir spricht noch in meine Richtung schaut, während der Hubschrauber abhebt. Auch wenn es immer noch dunkel ist, sehe ich, wie sie auf den Anblick unten starrt, und ich weiß, dass sie versucht, sich zu merken, wohin wir fliegen.

Ich weiß, dass sie zum frühestmöglichen Zeitpunkt versuchen wird, zu entkommen.

Anton fliegt den Hubschrauber, und Ilya sitzt hinten bei mir und Sara, während Yan vorne ist. Wir erwarten keine Schwierigkeiten, aber wir sind bewaffnet, also behalte ich Sara sorgfältig im Auge, um sicherzugehen, dass sie nichts Dummes tut, wie zu versuchen, sich eine Waffe von mir oder Ilya zu schnappen.

Sie ist in einer Stimmung, in der ich ihr alles zutraue.

Unser japanischer Unterschlupf befindet sich in der dünn besiedelten, bergigen Präfektur Nagano an der Spitze eines steilen, stark bewaldeten Berges mit Blick auf einen kleinen See. An einem klaren Tag ist die Aussicht atemberaubend, aber der Hauptgrund, warum ich diese Immobilie erworben habe, ist, dass diese Bergspitze nur auf dem Luftweg zu erreichen ist. Früher gab es einen Feldweg am Westhang – auf diesem Weg hat ein wohlhabender Geschäftsmann aus Tokio sein Sommerhaus dort oben in den neunziger Jahren gebaut –, aber ein Erdbeben löste einen Erdrutsch aus, und der Hang wurde zu einer Klippe, wodurch der Zugang zu dem Grundstück abgeschnitten wurde und sein Wert verfiel.

Die Kinder des Geschäftsmannes waren mehr als dankbar, als eine meiner Briefkastenfirmen das Haus letztes Jahr kaufte und sie von der Bezahlung von Steuern für einen Ort befreit wurden, den sie nicht wollten, zumal sie auch nicht die Mittel hatten, ihn regelmäßig zu besuchen.

»Also, warum Japan?«

Saras Ton ist flach und desinteressiert, während sie aus dem Fenster des Hubschraubers blickt, aber ich weiß, dass sie vor Neugier sterben muss, um das einstündige Schweigen zu brechen und tatsächlich mit mir zu sprechen.

Entweder das – oder sie sucht nach Informationen, die ihr bei der Flucht helfen könnten.

»Weil es der allerletzte Ort ist, an dem irgendjemand nach uns suchen würde«, antworte ich, weil ich mir denke, dass es nichts schadet, ihr die Wahrheit zu sagen. »Nichts verbindet mich mit dem Land. Russland, Europa, der Nahe Osten, Afrika, Amerika, Thailand, Hong Kong, Philippinen – im Laufe der Zeit bin ich an allen diesen Orten irgendwann auf dem Radar der Behörden aufgetaucht, aber niemals hier.«

»Außerdem ist es ein schönes Versteck«, sagt Ilya auf Englisch und spricht damit zum ersten Mal mit Sara. »Viel besser, als sich in irgendeiner Höhle in Dagestan zu verkriechen oder sich in Indien die Eier abzuschwitzen.«

Sara wirft ihm einen unleserlichen Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Ausblick widmet. Ich mache ihr keinen Vorwurf daraus. Der Himmel erhellt sich mit den ersten Anzeichen des Sonnenaufgangs, und es ist möglich, die Berghänge und Wälder unten auszumachen. Wenn wir erst einmal unseren Rückzugsort auf dem Gipfel des Berges erreichen, wird sie die volle Wirkung des Ausblicks zu spüren bekommen – und ihr wird klar werden, dass sie alle Hoffnungen auf eine Flucht begraben kann. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass ich Japan ausgesucht habe: die Abgelegenheit dieses speziellen Hauses.

Der neue Käfig meines kleinen Vögelchens ist so hübsch wie ausbruchssicher.

Wir landen vierzig Minuten später auf einem kleinen Hubschrauberlandeplatz direkt neben dem Haus, und ich beobachte Saras Gesicht, als sie den Anblick unseres neuen Zuhauses aufnimmt – eine umwerfende, moderne Holz-Glas-Konstruktion, die sich nahtlos in die unberührte Natur einfügt, die sie umgibt.

»Magst du es?«, frage ich, als ich ihren Blick einfange, während ich ihr aus dem Hubschrauber helfe, aber sie schaut weg und zieht ihre Hand aus meiner, sobald ihre in Socken gehüllten Füße auf dem Boden stehen.

»Ist das wichtig? Wenn ich Nein sagen würde, würdest du mich dann zurückbringen?« Sie dreht sich um und beginnt, zum Rand des Hubschrauberlandeplatzes zu gehen, wo der Berg als Klippe zu dem darunterliegenden See abfällt.

»Nein, aber wenn du es hier hasst, können wir überlegen, zu einem anderen Versteck zu reisen.« Ich folge ihr, um ihr Handgelenk zu ergreifen, bevor sie zum Rand des Platzes kommt. Ich glaube nicht, dass sie wütend genug ist, um von einer Klippe zu springen, aber ich werde es nicht riskieren.

»Wohin? Nach Dagestan oder Indien?« Endlich sieht sie mich an, und ihre Augen sind zu Schlitzen verengt. Auch wenn es bereits später Frühling ist, ist es in dieser Höhe kalt wie im Winter, und der leichte Morgenwind bewegt die braunen gewellten Haare, die ihr Gesicht umgeben, und drückt das zu weite schwarze T-Shirt gegen ihren schlanken Oberkörper. Ich kann spüren, dass sie zittert und wie schlank und zerbrechlich ihr Handgelenk in meinem Griff liegt, aber ihr zartes Kinn ist stur nach vorne geschoben, während sie meinen Blick erwidert.

Sie ist so verletzlich, meine Sara, aber gleichzeitig so stark. Ein Überlebenskünstler, wie ich, auch wenn ihr der Vergleich wahrscheinlich nicht gefallen würde.

»Dagestan und Indien wären auch zweite Möglichkeiten, ja«, sage ich und lasse sie in meiner Stimme hören, dass mich diese Unterhaltung amüsiert. Sie versucht, gegen mich anzukämpfen, sie will, dass ich bedaure, sie mitgenommen zu haben, aber kein Sarkasmus und kein Schweigen dieser Welt wird das hinbekommen.

Ich brauche Sara, wie ich Luft und Wasser brauche, und ich werde es niemals bedauern, sie bei mir zu behalten.

Ihr weicher Mund presst sich zusammen, und sie dreht ihren Arm, weil sie versucht, meinen Griff um ihr Handgelenk zu lösen. »Lass mich los«, zischt sie, als ich sie nicht sofort loslasse. »Nimm deine verdammte Hand von mir.«

Trotz meiner Entschlossenheit, unberührt zu bleiben, überkommt mich ein Anflug von Wut. Sara hat mich gewählt, wenn auch nicht genau das hier, und ich habe nicht vor, mich von ihr wie ein Aussätziger behandeln zu lassen.

Anstatt ihr Handgelenk loszulassen, festige ich meinen Griff und ziehe sie zu mir, weg vom Rand des Hubschrauberlandeplatzes. Als sie weit genug von dem Abhang entfernt ist, beuge ich mich nach unten und hebe sie hoch, wobei ich ihr erschrockenes Protestquieken ignoriere.

»Nein«, sage ich grimmig und drücke sie an meine Brust. »Ich werde dich nicht gehen lassen.«

Ich ignoriere ihre Versuche, sich aus meinem Griff zu winden, und trage die Frau, die ich liebe, zu unserem neuen Zuhause.

5

Sara

Peter lässt mich nicht los, bis wir im Haus sind, und selbst dann, als er mich hinstellt, bleiben seine Finger wie ein Stahlband um mein Handgelenk gewickelt und ketten mich an seine Seite, während ich mein umwerfendes neues Gefängnis betrachte.

Und es ist umwerfend. Trotz der Wut und Frustration, die mich innerlich ersticken, kann ich die klaren, modernen Linien des offenen Schnittes und die postkartenreife Ansicht der Berge und des Sees durch die riesigen Fenster vom Boden bis zur Decke bewundern. Mitten im Raum, neben einer ultramodernen Küche, führt eine Hartholzwendeltreppe in den zweiten Stock – und dahin zieht mich Peter, während seine Hand immer noch besitzergreifend mein Handgelenk umfasst.

»Ein japanischer Geschäftsmann hat das vor zwanzig Jahren gebaut, aber ich habe es renoviert, nachdem ich es letztes Jahr gekauft habe«, sagt Peter, als wir die Stufen hinaufgehen. »Ich wusste nicht, dass wir sobald hierherkommen würden, aber ich habe mir gedacht, dass es besser fertig wäre«

Ich antworte nicht, da ich zusammenbrechen und weinen könnte, wenn ich versuchen würde zu reden. In diesem Augenblick könnte das FBI meinen Eltern von meinem Verschwinden erzählen, und zweifellos habe ich ein Dutzend verpasster Anrufe und Nachrichten von meiner Arbeit und von der Klinik, in der ich freiwillig arbeite. Bei einer meiner Patientinnen werden diese Woche die Wehen einsetzen, und ich habe einen Kaiserschnitt für morgen angesetzt. Oder für heute? Es ist früh am Morgen in Japan, bedeutet das, dass es zu Hause gerade Abend ist? Ich weiß nicht, wie groß der Zeitunterschied ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es weniger als zehn Stunden sind. Wenn das so ist, muss ich bereits einen ganzen Tag verpasst haben, und die Menschen zu Hause werden mich suchen. Vielleicht fragen sie sogar bei meinen Eltern nach, um herauszufinden, wo ich bin und warum ich weder auf ihre Anrufe noch auf Ihre Nachrichten reagiere.

Meine armen Eltern müssen vor Sorge ganz krank sein.

»Kann ich sie anrufen?«, frage ich mit belegter Stimme, als Peter mich in ein großzügiges Schlafzimmer führt. Eine der Wände ist komplett aus Glas und gibt einen atemberaubenden Blick auf die schneebedeckten Berge in einiger Entfernung und den See frei, der sich unter uns erstreckt. Oder zumindest wäre der Blick atemberaubend, wenn ich mich auf ihn konzentrieren könnte, anstatt auf den Kloß in meinem Hals, an dem ich zu ersticken drohe.

Bitte lass mit meinem Vater alles in Ordnung sein.

»Noch nicht«, antworte Peter, und sein Gesichtsausdruck wird weicher, als er mein Handgelenk freigibt. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass er sich ebenfalls Sorgen über meine Eltern macht. »Wir müssen uns zuerst die Aufzeichnungen der Kamera ansehen, um herauszufinden, was geschehen ist, damit wir einen Weg finden können, deine Familie zu kontaktieren, ohne jemandem unseren Aufenthaltsort zu verraten.

Ich schlucke und drehe mich weg, bevor er die Tränen sehen kann, die meine Augen füllen. Das ist alles meine Schuld. Wenn ich nicht nach Hause gekommen wäre, wenn ich mich Karen in diesem Umkleideraum anvertraut hätte, wäre alles anders gekommen. Ja, meine Eltern und ich hätten in Schutzhaft gehen und wahrscheinlich umziehen müssen, aber das wäre diesem Albtraum immer noch vorzuziehen gewesen. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, als ich gestern Abend vom Krankenhaus nach Hause gefahren bin. Hatte ich gedacht, dass Peter nicht wissen würde, dass das FBI mit mir gesprochen hat, wenn ich normal zu Hause auftauchte? Dass das FBI vielleicht nicht bemerken würde, dass der Mann, den sie jagen, die ganze Zeit bei mir gelebt hat und wir weitermachen würden wie bisher?

Dass, wenn ich meinen Peiniger vor der drohenden Gefahr warnen würde, er mir danken und ruhig seines Weges gehen würde?

»Nicht, Sara.« Er tritt vor mich und zwingt mich, nach oben zu schauen, um seinem Blick zu begegnen. Sein Kiefer ist angespannt, und seine Augen glänzen dunkel, als er mit leiser, harter Stimme sagt: »Tu nicht so, als ob du das nicht gewollt hättest. Ich weiß, dass du Angst und Zweifel hast, aber du hast dich für mich entschieden; du hast dich für uns entschieden. Deswegen hast du mir gesagt, dass sie hinter mir her sind, deswegen bist du überhaupt nach Hause gekommen, anstatt dich von ihnen weit wegbringen zu lassen. Ich habe auf dich gewartet. Ich wusste, dass sie in der Nähe waren, und ich habe trotzdem gewartet, weil ich sehen musste, ob du mich wirklich gehasst hast ... ob du wirklich wolltest, dass ich aus deinem Leben verschwinde. Aber das wolltest du nicht, stimmt’s?« Er nimmt mein Kinn in seine Hand und streicht mit seinem Daumen über meine Wange. »Oder doch, Ptichka?«

»Doch, das habe ich.« Meine Stimme bebt, und zu meiner Schande laufen heiße Tränen über mein Gesicht. Ich möchte keine Schwäche zeigen, aber ich kann nichts gegen das Gift tun, das in meiner Brust brodelt. »Ich war kaputt und hatte Kopfschmerzen. Ich habe nicht nachgedacht. An jedem anderen Tag ...«