Meine Wahrheit 04-2019 - Diverse Autoren - E-Book

Meine Wahrheit 04-2019 E-Book

Diverse Autoren

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Beschreibung

Hier sind die dramatischen Geschichten aus dem wahren Leben, authentisch und voller Emotionen! Jede Menge ergreifende Schicksale und aufregende Bekenntnisse – aktuell, ehrlich und persönlich. Jetzt wird endlich mal deutlich Klartext geredet! Geschichte 1: Erschütternde Erkenntnis Ja, er lebt mit mir, aber er wird sich nie scheiden lassen." Sich in einen verheirateten Mann zu verlieben, ist immer ein heikles Unterfangen, besonders dann, wenn man vorher keine Ahnung hatte, dass er bereits vergeben ist… Ich hatte nie vor, eine Geliebte zu sein. Geplant hatte ich das jedenfalls nicht. Was ich dagegen wollte, war mir schon früh klar: eine feste, dauerhafte Beziehung zu einem Mann, dem ich vertrauen konnte und der mit mir durch dick und dünn ging. Nach dem Abitur zog es mich erst einmal in die große, weite Welt hinaus. Ich lebte in Südafrika, Australien und beendete mein Studium in den Vereinigten Staaten. Ich kam also ganz schön rum, wie man so sagt. Ein Kind von Traurigkeit war ich dabei nicht unbedingt. Doch die ganz große Liebe, jene, die Schmetterlinge im Bauch zum Leben erweckt und einen auf rosa Wolken schweben lässt, die blieb aus. Also kehrte ich irgendwann in die Heimat zurück, auch, weil ich ein sehr gutes Jobangebot bekam. Ich sollte das Finanzcontrolling eines großen Krankenhauses übernehmen – die Karrierechance für mich schlechthin. Gleich an meinem ersten Tag dort traf ich Martin, Arzt in der Chirurgie, sehr groß, sehr gut aussehend mit sehr blauen Augen. Geschichte 1: Zutiefst geschockt Geschichte 2: Ich schäme mich Geschichte 3: Ein Mann gesteht Geschichte 4: Vertraulich Geschichte 5: Zu sehr verwöhnt Geschichte 6: Sie sind Dealer Geschichte 7: Dem Dunkel so nah Geschichte 8: Mysteriös Geschichte 9: Familiengeheimnis Geschichte 10: Nichts geahnt Geschichte 11: Erschütternde Erkenntnis Geschichte 12: Böse Prophezeiung

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Inhalt

Zutiefst geschockt

Ich schäme mich

Ein Mann gesteht

Vertraulich

Zu sehr verwöhnt

Sie sind Dealer

Dem Dunkel so nah

Mysteriös

Familiengeheimnis

Nichts geahnt

Erschütternde Erkenntnis

Böse Prophezeiung

Meine Wahrheit 2019 – 04-2019–

Meine Wahrheit

Diverse Autoren

Zutiefst geschockt

»Die dunkle Seite meines Bruders wollte ich nicht sehen.«

Roman von Z., Maria (28)

»Die dunkle Seite meines

Bruders wollte ich nicht sehen.«

Er war mein Beschützer, derjenige, dem ich am meisten vertraute! Sascha war der Held meiner Kindheit, er war da, wann immer ich ihn brauchte, beschützte mich und brachte mir so vieles bei. Er war eine strahlende Lichtgestalt, der ich einfach nichts Böses zutraute. Als es dann doch zutage trat, unvermittelt und in einem Ausmaß, das meine Vorstellung sprengte, wäre ich daran fast zerbrochen…

Mein Bruder Sascha und

ich sind Scheidungskinder. Nicht, dass das eine Entschuldigung für irgendwas sein könnte, aber es erklärt vielleicht, warum es mir so schwerfiel und -fällt, loszulassen und einzusehen, dass mein Bruder zu Dingen fähig ist, die ich ihm nie zugetraut hätte.

Unsere Eltern ließen sich scheiden, als ich noch sehr klein war. Sascha, acht Jahre älter als ich, bekam da viel mehr mit als ich: die Streitereien, Papas Verschwinden, Mamas Existenz-

angst und ihre Schwäche.

Er las mir vor, während im Rest der Wohnung die Fetzen flogen, und wenn es ganz schlimm wurde, gingen wir spazieren. Später war Mama damit beschäftigt, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, die Trümmer zu beseitigen und Geld zu verdienen. Einen neuen Mann gab es nie und gibt es bis heute nicht.

Sascha sprang in die Bresche. Er brachte mich in die Schule und holte mich wieder ab, wenn Mama arbeitete. Er sorgte dafür, dass ich Geld fürs Mittagessen mitnahm, und ging ab der 5. Klasse sogar zu den Elternversammlungen, wenn Mama es zeitlich nicht schaffte. Und sie schaffte es meist nicht.

»Ich kümmere mich, Mäuschen, mach dir keine Sorgen!«, sagte Sascha dann immer. Und er tat es. Ohne zu murren oder sich zu beschweren.

Andere große Brüder finden ihre kleinen Schwestern lästig oder nervig, dieses Gefühl hat mir Sascha nie gegeben, im Gegenteil. Ich durfte ihn immer stören und in sein Zimmer platzen, auch wenn er mit seinen Freunden Fußball guckte, Bier trank oder sie draußen an ihren Motorrädern rumschraubten. Später nahm er mich sogar mit ins Tattoostudio, weil es draußen gewitterte und ich mit meinen damals elf Jahren nicht allein bleiben wollte.

»Hab keine Angst, Mara-Maus, ich bin da!«, tröstete er mich, wenn ich Angst bekam.

Und wenn mich jemand ärgerte, weil ich nicht die neuesten Klamotten anhatte, war es Sascha, der sich meine Mitschüler vorknöpfte und die Sache regelte.

»Ist effektiver, als die Lehrer einzuspannen!«, erklärte er mir.

Mir war es recht, ich wollte meine Ruhe und keinen Streit, und Sascha sorgte genau dafür. Zugegeben, er war auch eine Erscheinung, vor der andere Respekt hatten: Gut einen Meter neunzig groß, fast hundert Kilo Muskelmasse, großflächig tätowiert, und das mit zwanzig Jahren.

Wenn wir mit seinem schweren Motorrad durch die Stadt fuhren, fielen wir auf. Dass mit ihm nicht gut Kirschen essen war, wenn man sich ihm widersetzte, bekam ich am Rande mit, als einer seiner Kumpel mich heftig anflirtete und auch ein paar Mal wie zufällig meinen Po berührte. Ich war damals 16 Jahre alt und hatte eine Vorliebe für kurze Röcke.

Sascha sah es, und ihm rutschte sofort die Hand aus. Nicht gegenüber mir, nein, er prügelte seinen Kumpel krankenhausreif, was für ihn fast mit einer Anzeige endete. Doch ich sah damals nichts Schlechtes darin, im Gegenteil! Er war mein Held, er hatte sich für mich eingesetzt, mich beschützt.

Ich sah ihn als Frauenversteher und ging davon aus, dass er alle Frauen so behandeln müsse, weil er ja mich so behandelte. Deshalb glaubte ich auch seiner Exfreundin kein Wort, als sie mich ein paar Jahre später an der Uni abpasste.

Ich studierte zu der Zeit noch, Sascha unterstützte mich finanziell, sodass ich mir das auch leisten konnte. Nach einer Marketingvorlesung stand sie mit verweinten Augen auf dem Parkplatz und wartete auf mich.

»Mara, du musst mit Sascha reden, bitte! So geht das nicht, er kann mich nicht einfach sitzenlassen. Das Kind ist doch von ihm…« Sie redete und redete und war total aufgelöst.

Natürlich rief ich noch am gleichen Abend meinen Bruder an. »Wenn das Kind von dir ist, musst du dich doch kümmern!«, erklärte ich ihm. »Und wenn es das nicht ist, dann wird ein Test es zeigen. Du wärst jedenfalls ein großartiger Papa!«, schwärmte ich.

Und mein Bruder versprach, sich mit ihr zu treffen.

Dass ich danach ewig nichts von Lisa hörte, nahm ich als Hinweis darauf, dass sie wohl doch nicht ganz ehrlich zu mir gewesen war. Darauf angesprochen, versicherte mir Sascha, dass alles geklärt sei.

»Maus, du musst dir keine Sorgen machen!«, beruhigte er mich.

Und ich sah keinen Grund, ihm nicht zu glauben.

Zu meinem Abschluss machte mir Sascha ein Geschenk, mit dem ich nie gerechnet hätte, er kaufte mir eine Eigentumswohnung!

»Meine kleine Maus muss doch ein richtiges Zuhause haben!«, lachte er und weidete sich an meinem überraschten Gesichtsausdruck. »Und so viel wirst du ja erst mal nicht verdienen. Das hier ist ein gutes Viertel, da kannst du abends auch mal aus dem Haus gehen, ohne gleich überfallen zu werden. Sei aber trotzdem vorsichtig!«, bat er.

Mit dem Verdienst lag er richtig, ich hatte zwar meinen Master in Marketing und Öffentlichkeitsarbeit gemacht und auch sofort einen interessanten Job gefunden, allerdings bei einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich für die Kinderalphabetisierung in der Dritten Welt einsetzte. Die zahlten natürlich kein üppiges Gehalt. Aber ich kam zurecht, die Arbeit machte mir jede Menge Spaß, und Sascha betonte auch immer, wie wichtig das war. Es kam mir zu keiner Zeit komisch vor, dass ich von ihm unterstützt wurde, Mama das aber für sich ablehnte.

»Sie ist zu stolz, Mama eben. Sie denkt, sie müsse für uns sorgen, nicht umgekehrt!«, lieferte mir Sascha eine Erklärung, die ich sofort glaubte.

Unser inniges Verhältnis blieb auch bestehen, als ich mit meinem Freund Eric zusammenzog. Eric war Betriebswirt in einem großen Konzern. Er verdiente entsprechend und legte größten Wert darauf, sich finanziell an der Wohnung zu beteiligen. Sascha imponierte das.

*

Es war ein Dienstag, als alles zusammenbrach. Eric und ich waren längst im Bett, als Sascha in der Tür stand. Er blutete und war sichtlich angeschlagen.

»Was ist passiert?«, rief ich entsetzt. Ich wollte einen Krankenwagen rufen, doch Sascha verbot es.

»Lass das!«, herrschte er mich an. Ich erschrak, schob seine Reaktion jedoch auf die Schmerzen. Und während ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung stolperte, nachts um halb zwei, hielt mich irgendwann Eric am Arm fest.

»Du, das ist eine Schusswunde!«, stellte er leise fest. »Streifschuss, mein Onkel ist Pathologe, und so was hat mich früher mal interessiert. Verdammt, Mara, wer weiß, in was er da verwickelt ist!«

Ich ließ Eric gar nicht ausreden. Ein Streifschuss, lächerlich, dachte ich. Bis eine halbe Stunde später ein Sondereinsatzkommando unsere Wohnung stürmte. Der Anblick von einem halben Dutzend schwer bewaffneter Polizisten machte mir richtig Angst.

Sie zerrten Sascha mit Gewalt aus der Wohnung, ich schrie, hatte Angst, so konnten sie doch nicht mit ihm umgehen! Er war schließlich verletzt!

»Beruhigen Sie sich!«, redete ein Beamter auf mich ein. »Ihr Bruder ist ganz sicher kein harmloses, unschuldiges Opfer!«

»Das können Sie lassen, das glaubt sie Ihnen sowieso nicht!«, fuhr Eric dazwischen.

Wir mussten aufs Polizeipräsidium, dort wurden wir wie Schwerverbrecher vernommen. Man wollte, so erklärte man uns, herausfinden, ob wir in Saschas Machenschaften verwickelt waren. Ich verstand kein Wort.

»Was für Machenschaften denn?«, schrie ich den Beamten morgens um fünf an.

Es war kalt, stockfinster, und ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Außerdem war Sascha verletzt! Meine Nerven lagen absolut bloß, doch die Beamten stellten immer wieder die gleichen Fragen: Wann er gekommen war, wieso er einen Schlüssel hatte, ob mir etwas aufgefallen war? Und ich erklärte ihnen wieder und wieder, dass ich keine Ahnung hatte, woher er die Schussverletzung hatte.

»Sie wollen mir doch nicht ernsthaft einreden, dass Sie nicht wissen, womit Ihr Bruder sein Geld verdient?«, fragte eine junge Beamtin, die mir irgendwann einen Kaffee hinstellte, verwundert. »Ihr Bruder ist eine Größe im Rotlichtmilieu! Prostitution, Geldwäsche, Drogen, das ganze Programm. Wir konnten ihm nur bislang nichts nachweisen. Aber nun haben wir einen Zeugen. Ihr Bruder hat sich der Festnahme entzogen und ist geflohen – zu Ihnen. Und nun sagen Sie mir, dass Sie keine Ahnung hatten?«

»Was reden Sie denn da?«, fragte ich ungläubig. »Mein Bruder ist doch nicht kriminell! Das ist bestimmt ein riesiges Missverständnis! Dass er so aussieht, wie er aussieht, ist doch noch lange kein Zeichen dafür, dass er was Illegales macht! Sie müssen ihn mit jemandem verwechseln! Das ist Sascha Hensler, mein Bruder handelt mit Motorrädern, er hat sogar eine Werkstatt dafür!«, beteuerte ich.

Die Beamtin schüttelte lachend den Kopf. »Meine Liebe, träumen Sie weiter! Ihr Bruder hat einen Motorradhandel, ja, aber er handelt auch noch mit ganz anderen Dingen! Er ist für seine Rücksichtslosigkeit bekannt, mit der er Konkurrenten und Feinde ausschaltet!«

Wir kamen nicht weiter, ich glaubte ihnen kein Wort. Den Mann, den die Beamten beschrieben, kannte ich jedenfalls nicht. Er hatte nichts gemein mit meinem Bruder Sascha, dem liebsten und fürsorglichsten Menschen, den ich mir vorstellen konnte.

Sascha ein zwielichtiger Zuhälter, wenn es nicht so traurig und ernst gewesen wäre, hätte ich darüber gelacht! Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit gehen konnte, zu meiner großen Verzweiflung ohne meinen Bruder, wartete Eric draußen. Er sah mich mitfühlend an, dann sagte er: »Ich habe ja immer geahnt, dass mit dem was nicht stimmt!«

Ich schnappte nach Luft. »Mit Sascha? Spinnst du? Das ist ein Missverständnis! Sascha ist doch kein Zuhälter! Und kriminell ist er auch nicht! Er ist der liebste Mensch der Welt!« Ich funkelte ihn mit einer Mischung aus Wut und Ungläubigkeit an.

»Mara, bitte, die Beweise sind doch eindeutig! Er wurde angeschossen! Was glaubst du, wie das passiert ist? Zudem mitten in der Nacht und vor einem bekannten Bordell, an dem er übrigens beteiligt ist!«

»Mein Bruder ist nicht an einem Bordell beteiligt!«, stellte ich klar. »Du kennst ihn doch!«

Eric nickte vielsagend. »Ja, ich kenne ihn. Und ehrlich, ich würde ihm nicht im Dunkeln begegnen wollen. Und viele andere wohl auch nicht. Wo der hinhaut, wächst kein Gras mehr, frag mal deine Mutter! Sie hat mich vor ihm gewarnt!«

»Mama? Dich? Vor Sascha?« Ich fiel aus allen Wolken. Was waren das denn für Töne? »Das glaub ich jetzt nicht!«

»Mara, bitte!« Eric blieb stehen und drehte mich an den Schultern zu sich herum. »Mit ihm ist nicht zu spaßen, Mara, das sieht jeder außer dir!«

Ich glaubte Eric kein Wort und weiterhin fest an ein Missverständnis. Sascha war mein Held, jemand, der anderen zu Hilfe eilte, wenn es denen schlecht ging, er war kein Verbrecher, da war ich mir absolut sicher.

*

Doch meine Wahrheit bröckelte, jeden Tag ein bisschen mehr. Denn nun, da Sascha in Untersuchungshaft saß, auch wenn er mit der Verletzung erst einmal in ein Krankenhaus gebracht wurde, trauten sich plötzlich so viele aus der Deckung und erhoben Vorwürfe, von denen mir ganz schlecht wurde.

»Was glaubst du, warum ich nie etwas gegen Sascha gesagt habe, Mara?«, fragte sogar meine Mutter. »Weil ich schon Angst vor ihm hatte, als er noch ein Teenager war! Sascha hat eine gewalttätige Seite, die du nie mitbekommen hast. Für dich war er immer der liebe große Bruder, der Retter, der Heilsbringer, für alle anderen war er eine Landplage. Was glaubst du denn, was er mit denen gemacht hat, die dich geärgert haben? Er hat sie verprügelt, und als sie drohten, zur Polizei zu gehen, hat er die Eltern bedroht, sie zu verprügeln, wenn sie nicht dafür sorgen würden, dass ihre Kinder damit aufhören, dich zu ärgern! Und nun frag nicht, woher ich das weiß! Er hat es mir stolz erzählt und sich damit gebrüstet, dass er dich beschützen kann, anders als ich. Ich war zu schwach, mich gegen meinen eigenen Sohn zu wehren, also habe ich es nie versucht!«

Ich glaubte Mama nicht, auch wenn ich tief in mir drin spürte, dass sie die Wahrheit sagte. Es war ein Gefühl, das ich nicht zulassen wollte. Und während immer neue Dinge hochpoppten, an denen Sascha beteiligt gewesen sein sollte, lief ich mir die Hacken ab. Ich suchte einen guten Anwalt und besuchte Sascha. Zum Glück bekam ich recht unbürokratisch eine Besuchs-

erlaubnis. Vor dem ersten Besuch hatte ich etwas Bammel, doch Sascha machte einen gefassten Eindruck.

»Hey, Kleine, das wird wieder! Mach dir keine Gedanken. Die paar Kratzer sind verheilt, und den Rest sitze ich auch aus!«, tröstete er mich. Eigentlich war er wie immer. Nur dass mich alle komisch anschauten, weil ich ihn besuchte.

»Sascha ist mein Bruder, ich lasse ihn doch nicht fallen, weil jetzt irgendjemand irgendwas behauptet!«, musste ich mich sogar vor Eric rechtfertigen.

Wir waren jetzt seit zwei Jahren ein Paar, aber nun entdeckte ich Seiten an ihm, die mich zweifeln ließen. Und ihm ging es genauso, wie er mir gestand.

»Mara, ich verstehe wirklich nicht, wie du immer noch zu deinem Bruder halten kannst! Er ist ein Verbrecher! Menschenhandel und Drogen sind doch kein Pappenstiel, das sind Kapitalverbrechen! Und so wie ich ihn einschätze, zeigt er auch keinerlei Reue! Im Klartext, der macht weiter, wenn er wieder raus ist! Rede mal mit deiner Mutter oder mit seinen ehemaligen Geschäftspartnern, kannst ja alles in der Zeitung nachlesen. Ich erkenne dich nicht wieder! Du bist doch sonst so eine Gerechtigkeitsfanatikerin! Wo bleibt dein Gerechtigkeitsgefühl, wenn es um die thailändischen und ukrainischen Frauen geht, die er in seinem Bordell hat anschaffen lassen? Hast du mal gehört, was er mit denen gemacht hat?«

»Das sind doch alles nur Gerüchte und Unterstellungen!«, warf ich ein. Wie konnte Eric nur annehmen, dass das, was jetzt über Sascha behauptet wurde, auch stimmte? Ich kannte doch meinen Bruder!

»Sascha ist kein Verbrecher, die wollen ihm was anhängen!«, sagte ich.

Eric schüttelte den Kopf. »Mensch, Mara, das glaubst du doch selbst nicht! Warum sollten die Frauen ihm denn was anhängen wollen?«

»Aus Rache vielleicht?«, tobte ich.

»Denen ist doch egal, wer ins Gefängnis wandert oder ob das überhaupt einer tut, solange sie da rauskommen!«, sagte Eric. »Zwei Frauen haben deinen Bruder astrein identifiziert. Und zwar als den Mann, der sie vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen hat. Andere sprechen hinter vorgehaltener Hand sogar darüber, dass er Frauen zur Abtreibung gezwungen haben soll. Wenn das stimmt, dann bleibt er noch länger hinter Gittern. Und der ganze Drogensumpf? Da sterben Menschen, und zwar im echten Leben, nicht in irgendeiner Parallelwelt! Mann, ich hatte einen Mitschüler, der auf Crack war! Zum Glück hat er es überlebt und ist

clean geworden, aber da zuzusehen war kein Spaß! Und dein Bruder vertickt das Zeug auch an Schulkinder, super, so jemanden braucht man auch ganz dringend in seiner Familie!«

»Ich würde Sascha jederzeit mein Kind anvertrauen!«, sagte ich und funkelte Eric kampflustig an. »Mir hat er nie was getan, im Gegenteil, ich kenne nur gute Seiten von ihm und weiß auch nur Gutes zu berichten!«

»Da bist du aber die Einzige!«, brüllte Eric mich unvermittelt an. »Verdammt, Mara, ich kann keine Beziehung mit dir haben, wenn du an ihm festhältst, merkst du das nicht? Er macht alles kaputt! Ich trau dem Kerl nicht von hier bis zur Tür…«

»Du machst alles kaputt!«, unterbrach ich ihn.

Ich spürte, wie mir das Herz schwer wurde. Was verlangte Eric da eigentlich von mir? Dass ich meinen Bruder fallen ließ? Allein der Gedanke trieb mir die Tränen in die Augen.

»Mara, denk an uns, unsere Zukunft, daran, dass wir beide noch Träume haben! Wir wollten doch zusammen für ein oder zwei Jahre ins Ausland, irgendwas Karitatives tun! Willst du das auch deinem Bruder opfern? Das ist er nicht wert, glaub mir!«

Ich sagte kein Wort mehr, konnte es gar nicht, ohne in Tränen auszubrechen.

*

Ich kann Sascha nicht einfach aus meinem Leben verbannen, wie du das offenbar kannst!«, hielt ich meiner Mutter vor, als diese vorbeikam und mir riet, meine Beziehung mit Eric nicht leichtfertig wegzuwerfen.

Ich grübelte fast drei Wochen, dann hatte ich mich entschieden. Für Sascha. Eric nahm es hin. Am gleichen Abend stand eine Frau vor der Tür, ich schätzte sie auf Mitte dreißig.

»Entschuldig bitte die Störung«, sagte sie sichtlich nervös. »Deine Mutter bat mich, bei dir vorbeizuschauen. Ich bin’s, Lisa. Erinnerst du dich an mich?«

Ich nickte, klar, Saschas Ex, mit der er lange wegen Unterhalt gestritten hatte, weil sie ihm ein Kind hatte anhängen wollen, und ob ich mich erinnerte! Unwillig ließ ich sie ein, eigentlich auch nur, weil ich keinen Tratsch im Haus wollte.

»Auch wenn Sascha sich nie gekümmert hat, deine Mutter hat mich immer unterstützt!«, sagte sie und lächelte. »Und Rosalie liebt ihre Oma auch heiß und innig. Dass ihr Vater sich nicht kümmert, bekommt sie jetzt langsam mit, sie wird ja schon vier!«

Ich stutze. Mama kümmerte sich um Lisas Kind? Oma?

»Rosalie ist Saschas Tochter, ich habe einen Test, der das bestätigt, da kann er behaupten, was er will. Immerhin zahlt er seit dem Prozess Unterhalt, wenn auch nur den Mindestsatz. Aber es ging mir nie ums Geld, sondern darum, einen Vater für Rosalie zu haben. Sie hat es verdient, sie ist so ein tolles Mädchen! Deine Mutter sagt immer, dass sie wie du ist. Und was sie bei dir versäumt hat, will sie an Rosalie wiedergutmachen. Das nützt dir zwar auch nichts mehr, aber ich will, dass du weißt, wie sehr ich das zu schätzen weiß. Ich habe ja keine Mutter, die sich so um mich kümmert!«

Sie wedelte mit einem Papier, ich las es, und mir wurde ganz schwummerig. Da stand wirklich, dass Sascha der Vater der kleinen Rosalie war. Als ich hochschaute, hielt mir Lisa ein Foto unter die Nase, und ich stockte. Das kleine Mädchen im dem pinkfarbenen Mäntelchen war mir wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.

»Ich hatte ja keine Ahnung!«, stotterte ich.

*

Lisa ließ mir das Foto da, und ich nahm mir vor, meinen Bruder beim nächsten Besuch darauf anzusprechen. Seine Reaktion weckte erste Zweifel in mir. Trotz Vaterschaftstests stritt er alles ab, bestand darauf, dass Lisa ihn reingelegt hatte. Wie betäubt verließ ich die JVA. Wieso machte er das denn? Ich fand es so unnötig, eine zweifelsfrei feststehende Tatsache zu bestreiten. Zumal er ja Unterhalt zahlte.

Ich bekam keine Erklärung dafür, nur Saschas Standardsprüche. »Mach dir keine Sorgen, Schätzchen, ich kümmere mich um dich!«, sagte Sascha, wann immer ich ihn anrief oder besuchte.

Der Prozess war kurz und schmerzlos verlaufen, er hatte jegliche Aussage verweigert, keine Schuld anerkannt. Verurteilt wurde er trotzdem. Zu insgesamt unfassbaren 18 Jahren Haft. Ich war absolut fassungslos. Mein Bruder zeigte keine Reaktion. Mama war geschockt. Eric war auch gekommen, ging mir aber aus dem Weg. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich Sascha hinterher, als sie ihn wegbrachten. Er war ein verurteilter Verbrecher, die Beweise waren erdrückend gewesen. Und er hatte kein Wort der Reue gesagt. Wie war das möglich, dass ich das nicht bemerkt hatte? Wie konnte er Frauen belästigen, sogar auf den Strich schicken, ohne dass ich Verdacht geschöpft hatte?

Mir fiel eine Schulfreundin ein, die ab der neunten Klasse nicht mehr zu uns nach Hause kommen wollte, weil sie Angst vor Sascha hatte. Damals schon! Sie hatte es mir gesagt, doch ich hatte es beiseite gewischt. Wie alles andere auch.

Ich schleppte mich mühevoll nach Hause. Was sollte ich denn jetzt machen? Wo konnte ich noch hingehen? So groß war unsere Stadt nicht, alle wussten Bescheid und sahen mich mitleidig an. Bislang hatte ich an Saschas Unschuld geglaubt, daran, dass man ihm was anhängen wollte, weil man ihm seinen Erfolg nicht gönnte. Die komischen Blicke der Nachbarn und Kollegen hatten mich bislang ärgerlich gemacht.

Doch nun wendete sich das Blatt, ich fühlte mich auf einmal mitschuldig. Es hätte mir doch auffallen müssen, warf ich mir selbst vor. Dann fegte mich ein Infekt von den Beinen, ich musste das Bett hüten und fühlte mich unsagbar allein. Ich wollte meinen Bruder anrufen, so wie ich es immer getan hatte, doch das konnte ich nicht. Ich konnte ihm nicht mal schreiben.

Stattdessen rief ich Mama an. Sie kam sofort vorbei, mit Rosalie, auf die sie gerade aufpasste. Die Kleine war so erfrischend heiter und fröhlich, dass ich gar nicht anders konnte, als mich darauf einzulassen. Und sie war Saschas kleines Mädchen.

»Er verpasst so viel!«, flüsterte ich Mama zu.

Die nickte. »Vielleicht solltest du deinen Einfluss auf ihn nutzen, um ihm das klar zu machen!«, schlug Mama vor. »Egal, was er getan hat, du darfst ihn gern haben, Mara, er ist dein Bruder! Aber du musst einsehen, dass er anderen Menschen schlimme Dinge zugefügt hat!«

Ich nickte. Mama hatte recht, und ihre Worte beruhigten mich auch ein bisschen. Nach und nach schaffte ich es, mir jeden Beweis gegen meinen Bruder anzusehen und ihn neutral zu betrachten. Es waren unfassbar viele. Auf die Art entstand das Bild eines Mannes, den ich überhaupt nicht kannte. Und den ich nie hätte kennenlernen wollen.

Das war nicht mein Sascha, diese beiden Männer waren komplett verschiedene Personen. Dass die Person, die ich liebte und die sich immer wunderbar um mich gekümmert hatte, zu anderen Menschen so brutal und gewalttätig sein konnte, war die härteste Lektion, die ich in meinem Leben lernen musste.

Ich kann und will den Kontakt zu Sascha nicht abbrechen. Inzwischen komme ich zurecht.

*

Letzte Woche traf ich Eric in der Stadt. Erst war es komisch zwischen uns, aber nur kurz, schnell landeten wir in unserem kleinen Lieblingscafé und redeten. Über unseren Traum, gemeinsam nach Südamerika zu gehen, den wir nie verwirklicht hatten.

Wir trafen uns noch ein paar Mal, gestern Abend auch. Es war schon fast wieder wie früher zwischen uns. Da wir das Thema Sascha erst mal aussparten, kamen wir immer wieder auf Südamerika zurück.

»Warum haben wir das eigentlich nie gemacht?«, fragte ich Eric, als er sich verabschiedete.

Er zuckte mit den Schultern, dann legte er plötzlich den Arm um mich.

»Lass es uns jetzt tun, Mara. Es könnte uns wieder zusammenbringen, und einen perfekten Zeitpunkt gibt’s ohnehin nicht!«, schlug er vor.

Und nun sitze ich hier und kann wieder träumen: von Eric und Südamerika und davon, irgendwann wieder unbefangen mit Sascha umgehen zu können.

-ENDE-

Ich schäme mich

»Um Mutter loszuwerden, wollte ich sie verkuppeln.«

Roman von P., Sylvia (41)

»Um Mutter loszuwerden, wollte ich sie verkuppeln.«

Mein Verhältnis zu meiner Mutter war nie besonders gut. Ich hatte sie schon immer als egoistisch, herrisch und anstrengend empfunden. Als ich sie nach einem Unfall plötzlich in meiner Familie aufnehmen musste, brachte sie unser ganzes Leben durcheinander. Ich sah nur eine Möglichkeit, um sie schnell wieder loszuwerden: Mutter brauchte einen neuen Mann…

Du siehst ja ganz weiß aus«, stellte mein Mann Bruno fest, als ich das Telefonat beendet hatte und an den Frühstückstisch zurückkehrte.

»Mutter hatte einen Unfall«, erwiderte ich tonlos. »Sie ist in ihrer Wohnung gestürzt.«

Bruno begleitete mich danach ins Krankenhaus. Unsere Kinder Leon und Julia waren mit ihren dreizehn und fünfzehn Jahren inzwischen alt genug, um allein zu bleiben. Und warum sollte ich sie auch mitnehmen, schließlich kannten sie ihre Großmutter ja kaum.

Meine Mutter wohnte zwar nicht weit von uns entfernt, aber mein Verhältnis zu ihr war nie sehr gut gewesen. Schon in meiner Kindheit und erst recht in meiner Jugendzeit habe ich mich eigentlich immer nur mit meiner Mutter gestritten. Sie hatte immer versucht, mein Leben und auch das Leben meines Vaters zu dominieren und über uns zu bestimmen, nur um ständig ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

So lange mein Vater noch lebte, war er bemüht, mich aus der Schusslinie zu nehmen. Aber als er ganz plötzlich starb und ich mit meiner Mutter allein war, war es mit ihr kaum noch auszuhalten. Ihr ständiger Egoismus, ihr herrisches Auftreten und ihre Art, mich dauernd kleinzumachen, konnte ich irgendwann nicht mehr ertragen. Daher zog ich schon bald nach meiner Volljährigkeit aus.

Als ich dann Bruno kennenlernte und wir mit unseren Kindern Leon und Julia unsere Familie komplett gemacht hatten, war ich endlich glücklich mit meinem Leben.

Zwar luden wir meine Mutter zu den wichtigsten Familienfeiern ein, doch sonst hatten wir keinen großen Kontakt miteinander. Denn auch bei diesen kurzen Aufeinandertreffen konnte es meine Mutter einfach nicht lassen, sich ständig in alles einzumischen, und zu allem ihre gehässigen Kommentare abzugeben.