Beschreibung

John Peel ist der liebe Gott eines musikalischen Universums, das er eigenhändig geschaffen hat. Seine obsessive Suche nach dem Neuen in der Musik und seine Abneigung gegen Mittelmaß und Mainstream machten den Briten zum einflussreichsten DJ der Musikgeschichte. Mit seinen BBC-Sendungen, die weltweit zu hören waren, prägte er vierzig Jahre lang Musikfans und Musiker. Unzählige Bands haben ihm ihren Erfolg zu verdanken, ganze Genres wie Punk, Rap, Techno oder Hiphop hätten ohne ihn ein anderes Gesicht. Die Liste von Musikern, die er bekannt machte, ist endlos. Jimi Hendrix, David Bowie, Roxy Music, Grateful Dead, The Smiths und The White Stripes sind nur einige Namen. Während der Arbeit an seiner Autobiografie, für die der englische Verlag über zwei Millionen Euro hinblätterte, starb John Peel unerwartet an einem Herzinfarkt. Seine Frau, die er liebevoll »The Pig« nannte, schrieb das Buch zu Ende.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 716

Sammlungen



R & B

JOHN PEEL

und Sheila Ravenscroft

Memoirendes einflussreichsten DJsder Welt

Aus dem Englischenvon Christoph Hahn

ROGNER & BERNHARD

Copyright ©2005 by Sheila Ravenscroft.

Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel Margrave of the Marshesbei Bantam Press, London.

This edition is published by arrangement with Transworld Publishers,a division of The Random House Group Ltd. All rights reserved.

© der deutschen Ausgabe 2006

by Rogner & Bernhard GmbH & Co.Verlags KG, Berlin.

ISBN-10: 3-8077-1021-3

ISBN-13: 978-3-95403-079-8

www.rogner-bernhard.de

»Stranger Blues«: Text und Musik by Elmore James, Morris Levy and Clarence Lewis

© 1993 EMI Publishing (WP) Limited.

Mit freundlicher Genehmigung von Music Sales Limited.

Alle Rechte vorbehalten.

»The Lonesome Fugitive«: Text und Musik by Anderson & Anderson

© Sony/ATV Music Publishing.

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Lektorat: Hollow Skai, Hamburg.

Mitarbeit: Rainer Kolbe, Tating/Eiderstedt, sachregister.de

Umschlag: Philippa Walz und Andreas Opiolka, Stuttgart.

Umschlagabbildung: © VG Bild-Kunst, Bonn 2006. Foto: Simon Danby.

Satz und Herstellung: Dieter Kohler GmbH, Wallerstein.

Gesetzt aus der Garamond.

E-Book Konvertierung von Calidad Software Services, Puducherry, Indien

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Es war Johns Wunsch, dass dieses BuchReverend R. H. J. Brooke gewidmet wird.

Wir möchten dieses Buch John widmen –mit all unserer Liebe.

Inhalt

Held wider WillenVorwort von Wolfgang Doebeling

Prolog

Erster Teil

Zweiter Teil

Epilog

Anhang

Danksagungen

Bildnachweis

Register

Vorwort

Held wider Willen

Mein erstes Treffen mit John Peel endete beinahe tragisch, im Keller eines Plattenladens in Schöneberg. John war nach Berlin gekommen, um sein Radioprogramm für BFBS vor Ort zu produzieren, und wollte die Stadt keinesfalls wieder verlassen, ohne zuvor ein paar obskure und abseitige Platten in seinen Besitz gebracht zu haben. Möglichst solche lokaler Provenienz, hatte er am Telefon sein Begehr präzisiert, »you know, the kind of stuff I can’t get in London«. Also verabredeten wir uns beim Zensor, der im Hinterzimmer eines Schuhgeschäfts in der Belziger Straße residierte. Mehr Loch als Laden, bargen diese paar trostlosen, ewig eingestaubten, mit Kisten bis unter die Decke vollgestellten Quadratmeter ein großes Versprechen. Das wöchentlich eingelöst wurde, wenn der Postmann klingelte, nicht selten zweimal, weil er mit der beladenen Sackkarre nicht an den Teds vorbeikam, die vorne im Blue Moon ihre Creepers anprobierten. Die regelmäßigen Importe waren unsere Nabelschnur nach London, des Zensors Kabuff fungierte als Nachschubbasis. Für 7inch-Singles vor allem, als Tonträger unschlagbar, wenn es um akute Musik ging, um kreative Schnellschüsse aus der Hüfte, um Mitteilungswut. Punk hatte seinen Zenit zwar bereits überschritten, denn wir schrieben 1978, aber die Singles-Flut hielt unvermindert an, wollte bewältigt sein.

Es war John Peel, der hier mit leuchtendem Beispiel voranging. Ihm vor allem war es zu verdanken, dass die Welt diese Platten von kleinen und kleinsten Labels zur Kenntnis nahm, die irrlichternde Vielfalt von Bands, die weit unterhalb des Radars etablierter Labels ihrer Leidenschaft frönten, unerhörte neue Klänge kreierend, unbotmäßige Botschaften verbreitend. Peel war Inspirator und Katalysator zugleich, als Radio-DJ natürlich, aber auch als Kolumnist und Kritiker. Und nun war er es, der mit leuchtenden Augen hereinkam, seinen Blick mit Wohlgefallen über das leidlich organisierte Chaos von unausgepackten Paketen und überfüllten Regalen schweifen ließ, über Myriaden von Scheiben, die ihm alle wohlvertraut sein mussten. Peel begrüßte uns, fragte den Zensor nach Reggae-Neuheiten aus Jamaica, der verwies ihn ans andere Ende der Theke. Wir schauten ihm nach, er winkte noch herüber, als er des Reggae-Angebots gewahr wurde, dann war er urplötzlich verschwunden. Und in die schweren Dub-Sounds vom Plattenspieler mischte sich ein unheilvolles Poltern und Krachen.

Peel war die enge, steile Treppe hinuntergefallen, die ins Souterrain führte, das dem Zensor als Lager diente und zum Glück nicht aufgeräumt war. Und so bot sich uns nach dem ersten Schreck ein eher komisches Bild im Halbdunkel des Kellers. John lag leicht verrenkt in einem Berg leerer Kartons, die seinen Sturz gebremst hatten, und gab, noch kreidebleich, mit fester Stimme Entwarnung. »Don’t worry«, schallte es herauf, »I’m perfectly alright.« Er hätte sich das Genick brechen können, mutmaßte ich eine halbe Stunde später, als wir Richtung U-Bahn strebten, beide mit gut gefüllten Zensor-Tüten in Händen. O ja, gab John zurück, vor seinem geistigen Auge seien schon einige Schlagzeilen vorbeigezogen, die sich die Gazetten im UK garantiert nicht hätten entgehen lassen. DJ findet Tod im Plattenladen. Peel stirbt beim Plattenkauf. John Peel wird Opfer seiner Plattengier. Mehr als genug Stoff, um die 20-minütige Fahrt zum Ernst-Reuter-Platz mit Gelächter zu füllen.

Meine früheste Erinnerung an John Peel reicht ins Jahr 1967 zurück. Peel hatte auf dem Piratenschiff von Radio London angeheuert und moderierte ein merkwürdiges Programm, das er The Perfumed Garden nannte, nicht von ungefähr. Sounds aus dem embryonalen Underground, mäandernde LP-Tracks von Quicksilver Messenger Service und Psychedelia von Pink Floyd. Ein wilder und wundersamer Trip durch völlig unbekannte musikalische Gefilde, unterbrochen nur von Johns tiefer, unaufgeregter und lakonischer Stimme, die selten ohne selbstironischen Unterton an mein Ohr drang. Eine Wohltat, denn die meisten anderen DJs buhlten um Aufmerksamkeit, hyperventilierten in transatlantischem Kauderwelsch. Peel sagte überhaupt nicht viel, vermied jugendforsche Dampfplauderei und vermittelte so nachhaltig, wenngleich unabsichtlich den Eindruck von Coolness und Souveränität. Selbst wenn er eine Platte mit der falschen Geschwindigkeit abfuhr, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen, brummte ein trockenes »Sorry, folks« und schob den Regler an die richtige Stelle. Während oft genug heftiger Seegang den Kahn zum Schlingern brachte und Peels Contenance auf harte Proben stellte.

Schlag Mitternacht begann The Perfumed Garden, doch leider oft ohne mich. Wenn der Wind ungünstig blies oder das Wetter Kapriolen schlug,war das Mittelwellen-Signal von Radio London zu schwach, um den Weg von der Themsemündung bis zum Transistorempfänger unter meinem Kopfkissen zu schaffen. In besonders klaren oder regnerischen Nächten aber schien John ganz nah zu sein, ein Freund ohne Gesicht, der mir Jefferson Airplane vorstellte und Lightnin’ Hopkins, Musik, die sonst nirgendwo im Radio vorkam. John Peel erweiterte Horizonte, schon damals.

Das Ende von Radio London war einTrauerspiel. Im August verabschiedete die Labour-Regierung von Harold Wilson den Marine Offences Act, der den Pirate Stations nur die Wahl ließ, in die Illegalität zu gehen, mit harten strafrechtlichen Konsequenzen, oder die Segel zu streichen. Radio Caroline tat Ersteres, Radio London gab auf,wie im Übrigen die restlichen Radiopiraten. Um den Unmut über das unpopuläre Verbot zu dämpfen und die Pop-Begeisterung Britanniens zu ventilieren, brachte die alte Tante BBC mit Radio 1 eine neue Welle an den Start, die rund 20 DJs einen festen Arbeitsplatz bot. Die meisten von ihnen hatten sich bereits als Pirate-DJs einen guten Ruf erworben und mussten sich nun von erbosten Free-Radio-Fans alsVerräter titulieren lassen. Darunter auch John Peel, der durchaus unter den Invektiven litt, die bei Demonstrationen skandiert wurden, der aber noch 30 Jahre später nur ungern Auskunft gab über seinen seinerzeitigen Gefühlshaushalt. Es habe keine gangbare Alternative für ihn gegeben, beschied er bündig.

Als die Radio-1-DJs ihren Dienst antraten, frohsinnige und karrierebewußte junge Männer zumeist, die es verstanden, sinnfrei draufloszuplappern, war John belächelter Außenseiter. Niemand hätte damals wohl einen Shilling auf seine Zukunft als Broadcaster gesetzt. Immerhin schloss seine neue Show namens Top Gear nahtlos da an, wo der parfümierte Garten geendet hatte. Der Rest ist nicht nur Radiogeschichte, John Peel veränderte die Topografie der Musiklandschaft. Indem er unzählige Talente aufspürte und förderte, von Tyrannosaurus Rex und David Bowie über die Undertones und Smiths bis zu Pulp und den White Stripes. Ganzen Stilrichtungen ebnete er den Weg, weltweit. Denn seine Sendungen reichten via BBC World Service in die letzten Winkel des globalen Dorfes. In die deutschen zumal. Nicht im Traum würde mir einfallen, mich als Radiomacher auf eine Stufe mit ihm zu stellen, doch waren wir etliche Jahre lang Kollegen, teilten uns Frequenzen. Bei Radio 4U etwa, wo John Peel’s Music nach meiner Sendung lief und es mir zur Ehre gereichte, an ihn übergeben zu dürfen. Zuletzt auf Radio Eins, wo er seinen irrwitzigen Eklektizismus so lange kredenzte, bis ihn ein verblüffend lukratives Angebot zum Kürzertreten bewog. Man hatte ihm einen Millionenbetrag für seine Autobiografie geboten.

Die Peel-Gemeinde, wie gerne gefrotzelt wurde in den Korridoren der BBC, litt nie an Mitgliederschwund. Weil Johns Interesse stets dem Neuen galt, dem Riskanten. So gelang es wohl nur wenigen, mit ihm älter zu werden. »Die meisten meiner Hörer halten mich fünf Jahre aus«, wusste er, »dann wird es ihnen zu anstrengend, und sie ziehen sich auf ihre Plattensammlung zurück.« Wenn diese Schätzung stimmt, hat Peel als Radio-DJ mehrere Generationen informiert, verunsichert, vor den Kopf gestoßen. Das Problem der Überalterung des Zielpublikums kannte er mithin nicht, es wuchs immer eine Generation nach, die ihn für sich entdeckte und durch ihn Entdeckungen machte. Dafür wurde er geschätzt. Geliebt wurde John Peel, weil er John Peel war. Aufrichtig und unbestechlich, ohne Allüren, den Bullshit-Detektor stets in Betrieb. Peel verabscheute Pomp, hasste Personenkult. Erst recht, wenn es um seine Person ging. Er selbst verfing sich nur darin, wenn die Rede auf die »Reds« kam, auf den FC Liverpool im Allgemeinen oder auf Kenny Dalglish im Besonderen. Dann nahm Johns Stimme einen weicheren, fast schwärmerischen Ausdruck an, und ein »terribly exciting, of course« kam ihm über die Lippen, das keinen Raum mehr bot für den kleinsten Zweifel.

So allergisch John auf Hybris und Hype reagierte, so offen und ungeschützt ließ er seiner Begeisterung freien Lauf. »Best to stay a fan, isn’t it?«, fragte er rhetorisch, ob es nun seine leidgeprüfte Passion für die Geschehnisse an der Anfield Road betraf oder sein sonderbares Faible für The Fall. Oder seine nie versiegende Neugier auf neue Musik, vorzugsweise in seinem favorisierten Format. »I can’t get enough of those 7inch-Singles by bands I’ve never heard of before«, muss er so oder ähnlich tausendmal bekundet haben, »because they contain elements of surprise.« Ebenso entschieden lehnte er die dubiosen Segnungen digitaler Klangreproduktion ab. »Jeez, how I hate CDs«, rief er dann aus, »the clinical, airbrushed sound, the horrid little plastic boxes, the idea that the sodding things are good for us.« Um als Nächstes eine Dub-12inch aufzulegen, gefertigt in Kingston, unter freiem Himmel, aus recyceltem Vinyl. »That’s more like it«, schnaufte er dann zufrieden, wenn die Nadel knisternd in der Auslaufrille zum Stehen gekommen war.

Peel war eine Anomalie. Ein kluger, humorvoller, freundlicher und bescheidener Mann, ein Dissident, Kulturkritiker, Mahner. Einer, der nie Vorbild sein wollte oder gar Held, der nur unbeirrbar tat, was er für richtig hielt. Einer, dem klar war, dass sein Mut zum Risiko die Möglichkeit des Irrtums einschloss. »Hero. Legend. Good Bloke.«, so titelte der NME nach Johns Tod. Man wird kaum einen finden, der das für Übertreibung hielte. Bestimmt keinen, der John Peel kannte.

Wolfgang Doebeling, im September 2006

Prolog

Der Eintritt in die literarische Welt kam für unsere gesamte Familie unerwartet und wurde von gemischten Gefühlen begleitet, zumal die Umstände, die dazu führten, nicht gerade begrüßenswert waren. Unser Vater hatte zum Zeitpunkt seines Todes die erste Hälfte dieses Buches fertig gestellt, und obwohl es uns möglich gewesen wäre, lediglich seine Zeilen zu veröffentlichen, erschien es uns wichtig, die Geschichte zu Ende zu erzählen, und sei es nur, um klarzustellen, dass er unsere Mutter nicht in jenem Etablissement kennen gelernt hat, in dem seine Aufzeichnungen enden. Darin enthalten sind seine Erlebnisse in Amerika bis kurz vor seiner ersten Radiosendung. Über die sieben Jahre zwischen seinem Radiodebüt und seinem Zusammentreffen mit unserer Mutter gibt es keinerlei Berichte aus erster Hand, und auch für die Ereignisse in der Zeit danach ist nicht jedes Detail hundertprozentig verbürgt, doch wir haben uns bemüht, die Fakten, so gut es ging, zu sammeln und uns auf das ausgesprochen gute Erinnerungsvermögen unserer Mutter zu verlassen.

Unser Vater war von verschiedenen Leuten bedrängt worden, seine Autobiografie zu schreiben, und er hatte es dreißig Jahre lang immer wieder versprochen. Wir hatten sogar schon ein extra Zimmer anbauen lassen, das nur diesem Zweck dienen sollte, das er aber augenblicklich mit Schallplatten vollstellte, sobald es fertig war. Irgendwann kam er, nachdem diverse Altersvorsorgen sich in Luft aufgelöst hatten, zu der Einsicht, dass es nun vielleicht doch eine gute Gelegenheit war, damit anzufangen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wollte er das Buch mit der Zeile beginnen: »Die jungen Offiziere tauschten Blicke aus. Mrs. Bradshaw war wieder an Bord.« Keine Ahnung, wieso und weshalb. Sobald er einen Arbeitsrhythmus entwickelt hatte, war er sehr produktiv, wobei die Früchte seiner Bemühungen allerdings eines Montagmorgens infolge einer Unachtsamkeit gelöscht wurden – er war nicht gerade ein Ass am Computer. Gewöhnlich saß er mit seinem Laptop am Küchentisch und tippte unter den aufmerksamen Augen von Bill Shankly auf dem Foto an der Wand vor sich hin. Um ehrlich zu sein, waren wir entsetzt, als wir erfuhren, dass unser Vater ein Buch schreiben würde. Nicht, dass er sich Sachen einfach so ausgedacht hätte, aber er hatte in der Vergangenheit häufig irgendwelche Geschichten über uns völlig übertrieben oder Situationen falsch interpretiert und, na ja, sich Einiges einfach nur ausgedacht. Wir sind allerdings einigermaßen sicher, dass dies hier nicht der Fall war. Wir hätten allerdings gerne gelesen, was er, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte, noch so alles aus dem Ärmel gezaubert hätte.

Der Titel des Buches stand, soweit uns bekannt ist, noch nicht fest. Es bereitete ihm ein großes Vergnügen, mit ebenso witzigen wie teilweise verwirrenden Titeln aufzuwarten: How’s Your Flow?, Wet Echo, Flying Cream Shots, Goatman Codds, If He Ever Hits Puberty, Buckskins and Buggery, The Wotters Won the Wace, A History of the Iodine Trade 1847–1902, An ABC of High-Jumping, The Questing Stemel Garamond: How He Overcame the Gelks and Punished the Dwellers Within the Well und Jesus Wasn’t Made of Fish. (Wie ist dein Panorama?, Nasses Echo, Die Fliegenden Sahneschüsse, Wenn er jemals die Pubertät erreicht, Lederhosen und Analverkehr, Die Wäuber Gewannen dasWennen, Eine Geschichte des Iod-Handels von 1847–1902, Ein ABC des Hochsprungs, Der strebsame Stemel Garamond: Wie er die Gelks besiegte und die Schläfrigen im Schacht bestrafte und Jesus bestand nicht aus Fisch) Wir fanden diese Titelvorschläge in seinem Koffer, den er nach Peru mitgenommen hatte, neben einer Notiz: »Im Bett gelegen und unglaublich vulgäre Wayne-Rooney-Gesänge komponiert. Darunter ist ein wahres Prachtexemplar, aber dies ist nicht der Ort, um mich weiter darüber auszulassen.« Was nahelegt, dass er sich nicht hundertprozentig auf seine eigentlichen Pflichten konzentriert hat. In demselben Notizbuch befanden sich weitere Einträge, Erinnerungen und Beobachtungen:

Um drei Uhr aufgewacht,

die anderen werden um fünf geweckt,

ein Amerikaner brüllt irgendwas um 5:30,

der Mann in der Kabine nebenan furzt überaus laut,

dann Stille,

hat’s einen Staatsstreich gegeben?

6:45 – völlige Stille.

Der Hauptunterschied zwischen der politischen Situation hier und bei uns besteht darin, dass wir besser – oder vielleicht eher subtiler – sind, was Korruption und Vetternwirtschaft angeht. Es gibt in der peruanischen Politik keinen Peter Mandelson.

Buch über finnische Hütten in die Autobiografie mit einarbeiten.

Wir haben sämtliche Entscheidungen, die das Buch betrafen, hintangestellt, da wir keinen Schimmer hatten, was unserem Vater vorschwebte, wenn es überhaupt etwas gab, das ihm vorschwebte. Doch wir sind ziemlich sicher, dass er damit einverstanden gewesen wäre, die albernen Zeichnungen, die unsere Mutter von sich und ihm gemacht hatte, an den Beginn jedes Kapitels zu stellen. Unser Vater sagte immer, dass diese Zeichnungen das Erste wären, das er retten würde, falls das Haus jemals in Brand geraten sollte. Das hat er allerdings von allem und jedem behauptet.

Die Familie zu Hause in Suffolk anlässlich Johns 65. Geburtstag.Von links nach rechts: Thomas, Florence, Alexandra, Sheila, John, William

Die Nachforschungen, die wir alle für den zweiten Teil des Buches anstellen mussten, waren – natürlich – eigenartig, boten aber auch eine Gelegenheit, die vielen Artikel zu lesen, die unser Vater für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften verfasst hatte. Manche davon sind wirklich gut, andere wiederum doch recht dämlich. Versteckt zwischen all seinen obszönen Stickern, deutschen Schundmagazinen und alten Radio-1-Postkarten fanden wir seine altenTagebücher, durch die wir uns in den letzten sechs Monaten kämpften. Diese decken, allerdings mit Lücken, die Jahre zwischen 1967 und 1983 ab, und aus ihnen wird ersichtlich, wie hart unser Vater gearbeitet hat – ständig unterwegs, von einem Auftritt zum nächsten, kreuz und quer durch das ganze Land, unterbrochen von Schlafpausen an Autobahnraststätten. Wir stießen auf einige Details, die wir offen gestanden lieber nicht erfahren hätten, aber auch auf etliche Geschichten über unsere eigene Kindheit, die wir überaus amüsant fanden, mit denen wir Sie aber lieber nicht langweilen wollen. Jedenfalls hat Thomas wohl irgendwann eine Maus gegessen.

Im Verlauf des Buches werden Sie auf die Berichte unseres Vaters über seine Begegnungen mit einigen Präsidenten der USA stoßen. Die Fotos, die er in diesem Zusammenhang erwähnt, also der Beweis für diese Zusammentreffen, sind nicht, wie er lange Zeit glaubte, verloren gegangen, sondern sie wurden vom Bruder seiner ersten Frau vierzig Jahre lang aufbewahrt, der ihm irgendwann anbot, sie ihm aus Amerika zuzusenden. Als unser Vater diese Dias nach all den Jahren in die Finger bekam, strahlte er vor Freude über das ganze Gesicht. Er konnte es kaum fassen, endlich den Beweis in Händen zu halten, dass seine Geschichten doch wahr gewesen waren.

Es gibt in unserem Haus keinen physischen Hinweis darauf, dass unser Vater nicht mehr unter uns ist. Der Stapel mit den Schallplatten, die er noch anhören wollte, steht nach wie vor neben dem Plattenspieler, daneben ein kleinerer Stapel mit Platten, die er für eine Sendung sortieren wollte. Sämtliche Gerätschaften und Bestandteile seines über die Jahre ausgetüftelten Systems sind nach wie vor an Ort und Stelle, auch wenn sie nicht benutzt werden. Wir haben keine Ahnung, was wir mit den Stapeln von Demo-CDs machen sollen, die sich in sämtlichen Ecken auftürmen. »Darunter könnte ein zweiter Elvis stecken«, hören wir ihn noch immer sagen, und wir haben ein ebenso schlechtes Gewissen wie er bei dem Gedanken, sie einfach wegzuwerfen. Es ist klar, dass wir seine Arbeit nicht fortsetzen können, die ganzen Demos zu hören und diese Bands zu fördern, aber wir dachten, dass wir zumindest versuchen sollten, dieses Buch fertig zu stellen.

Wir können nicht so tun, als seien diese Erinnerungen die Lektüre, die unserem Vater vorgeschwebt hat, sondern nur hoffen, dass wir genügend Originaltöne von ihm recycelt haben, damit seine Stimme durch das ganze Buch hallt. Etliche seiner Geschichten hat er nicht oft genug erzählt, dass wir sie uns gemerkt haben, doch wir haben versucht, all das unterzubringen, was ihm wichtig war. Wir hoffen, dass sich in der Mühe, die unsere Mutter und wir investiert haben, um dies zu einer lesenswerten Chronik seines Lebens zu machen, auch spiegelt, wie viel er uns allen bedeutet hat.

William, Alexandra, Thomas und Florence

ERSTER TEIL

 

Es ist offensichtlich, dass Discjockeys im Grunde genommen eine Kaste von Parasiten darstellen. Wir sind – mit beklagenswert wenigen Ausnahmen – weder kreativ noch produktiv. Unser Umgang mit den Schöpfungen anderer (Schallplatten) versetzt uns allerdings in die Lage, uns zu Lenkern des öffentlichen Geschmacks aufzuschwingen, doch es gibt keinen Grund, der dafür, aber auch keinen, der dagegen spricht, dass ausgerechnet ich diese Kolumne schreibe und nicht Sie. Dessen ungeachtet liegen die Dinge nun mal so, wie sie liegen, auch wenn meine Position unverdient ist. Ich habe einen festen Glauben an das Radio als ein Medium, dessen Möglichkeiten tragischerweise bei Weitem nicht ausgeschöpft werden, und ich glaube an die Musik, die ich spiele. Im Bewusstsein der Tatsache, dass ich mich in einer heiklen Situation befinde, die eigentlich grundfalsch ist, tue ich alles, was in meiner Macht steht, um das zu verbreiten, was ich zu hören bekomme und gut finde. Dass Sie diese Musik zu hören bekommen und sich daran freuen können, haben Sie den Musikern zu verdanken, die sie machen – nicht J. Peel.

John Peel, Disc and Music Echo, 1969

Kapitel 1

Sheila und ich müssen heute babysitten, und unser Enkel Archie ist alles andere als glücklich. Der Brei aus Tomaten, Süßkartoffeln und Basilikum, den seine Mutter, unsere Tochter Alexandra, heute Morgen mit ihm zusammen abgeliefert hat, schmeckt ihm nicht. Mir würde er wohl auch nicht schmecken. Was ihm darüber hinaus nicht recht zu behagen scheint, sind die ganzen Gurte, mit denen er an seinem Kinderstuhl festgezurrt ist. Auch da hat er mein vollstes Verständnis. Ich bin mir nicht sicher, aber kann es sein, dass ich mich an den Druck, das Scheuern, ja sogar an die verschiedenen Gerüche erinnere, mit denen der junge John Robert Parker Ravenscroft gebändigt wurde? Es gab, und das weiß ich noch ganz genau, ein braunes Lederband, das Nanny benutzte, wenn sie mit mir spazieren ging, und ich kann mich noch gut an seinen Geruch erinnern – vielleicht sogar an den Geschmack. Kann sogar sein, dass kleine Glöckchen daran waren.

Ich wurde, so habe ich es den Leuten immer erzählt, im Alter von vier Jahren in einer Holzfällerhütte im Schwarzwald geboren, doch die Wahrheit ist leider, dass ich ein paar Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Heswall Cottage Hospital zur Welt kam. Das Cottage Hospital ist mittlerweile ein Privathaus, und die Familie, die dort wohnt, hat zweimal Kontakt mit mir aufgenommen. Das eine Mal, als der Familienvater mir einen Ziegelstein aus einer Mauer schickte, die sie hatten einreißen lassen, und das zweite Mal, als ich vor Kurzem in Liverpool war, wo ich im Chibuku auflegen sollte – das ist ein Club, kein Brettspiel –, und seine Söhne mich eingeladen hatten, dort zu übernachten, wo ich das Licht der Welt erblickt hatte. Wäre nicht bereits ein Zimmer im Raquette für mich gebucht gewesen und wären nicht Unmengen von Rotwein nötig gewesen, um mich während der langen Nacht über Wasser zu halten, hätte ich das Angebot bestimmt angenommen. Sie würden staunen, wie viele Leute einen Zusammenhang zwischen meinem Geburtsdatum und dem Ausbruch des Krieges herstellen. »Dann ist das alles Ihre Schuld«, lachen sie, aber ich lache nicht mit ihnen, ebenso wenig wie ich in letzter Zeit das Amüsement von Leuten teile, die mich mit den Worten »Kennen Sie zufällig John Peel?« begrüßen. Etliche von ihnen sind unter einer dünnen Erdschicht auf den Feldwegen abseits der A 505 begraben, und die Polizei erklärt, dass sie vor einem Rätsel steht.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass ich kaum Erinnerungen an den Krieg habe. Mein Vater war fort und kämpfte in Nordafrika gegen die Deutschen. Mutter war im Schlafzimmer. Manchmal wurde ich durch die Verandatüren des Wohnzimmers über den seltsamen Fußweg und den ehemaligen Tennisplatz, den wir immer den »Großen Rasen« nannten, in den Luftschutzkeller am oberen Ende des Gartens getragen. Später bekam ich dann Gesellschaft von Francis Houghton Leslie Ravenscroft, der, wie mir Jahre später erklärt wurde, in London gezeugt wurde, als mein Vater Heimaturlaub hatte. Aus dem großen blauen Radio im Luftschutzraum drangen Meldungen über den Krieg in Europa, die wir nicht verstanden. Wobei wir allerdings dann doch irgendwie eine Verbindung herstellen konnten zwischen diesen Meldungen und den Silhouetten von Kampfflugzeugen in den Büchern, die man uns von Zeit zu Zeit zeigte, dem Sperrballon, der auf dem Feld nebenan niederging, den seltsamen gepuderten Lebensmitteln, die wir zu essen bekamen, und mit der Tatsache, dass Vater nicht da war. Vater, so entschied ich irgendwann, existierte vermutlich überhaupt nicht. Zumindest in den ersten sechs Jahren meines Lebens war er so unerreichbar und unwirklich wie die Gestalten aus The Blue Fairy Book, weniger wirklich als der Pfannenmann oder Mondgesicht und die anderen Gestalten aus Enid Blytons Wunderweltenbaum.

Johns Eltern, Harriet und Bob Ravenscroft

Die Bücher zur Identifizierung von Flugzeugen waren ganz nützlich. Ich wusste, dass man nach schwarzen Kreuzen auf den Flügeln Ausschau halten musste, und man hatte mich ausdrücklich gewarnt, dass ich mich auf gar keinen Fall in der oberen Hälfte des Gartens herumtreiben sollte, der in Größe und Form ungefähr einem Fußballfeld entsprach, auf dessen Mittellinie ein Pfad verlief, der sich von der Sandsteinmauer am einen Ende bis zu dem Hühnergehege erstreckte, das mein Vater nach seiner Rückkehr anlegte. Eines Nachmittags war ich zusammen mit Francis, der damals noch eine auffällig gelbe Hautfarbe hatte und die meiste Zeit schlief, zur Küchentür hinausgetrottet und den Pfad entlanggewackelt, vorbei an dem Werkzeugschuppen, dem Gewächshaus, der Jauchegrube und dem Misthaufen, vorbei an den Reihen von Bohnen, Erbsen und Rhabarber, bis wir schließlich zu dem kleinen Pfad kamen, der den Garten in zwei Hälften teilte. Hier bedeutete ich meinem Bruder, dass ich nun eine Exkursion in die verbotene Zone unternehmen würde. Er beobachtete meinen ersten Schritt als freier Denker mit Skepsis, soweit es einem achtzehn Monate alten Kind möglich ist, so etwas wie Skepsis zu äußern, und kaum hatte ich diesen einen Schritt getan, rauschte auch schon ein Flugzeug – ein deutsches Flugzeug – im Tiefflug über den Garten. Es dauerte einige Jahre des Friedens, bis ich wieder einen Fuß über den Begrenzungspfad setzte.

Ich war, so ist mittlerweile klar geworden, als Kind ein Einzelgänger. Zu Hause vertrieb ich mir, wenn das Wetter mitspielte, die Zeit damit, auf Bäume zu klettern oder zu lesen. Dank Nanny, die eigentlich Florence Horne hieß und von unserem Vater zu Ehren des berühmten Seefahrers den Namen Trader verpasst bekam, konnte ich schon lesen, bevor ich in die Vorschule kam. Mein Lieblingsbaum zum Lesen war eine knorrige alte Kiefer, von der aus man einen Blick über das Feld hatte, das unser Haus von dem unseres Nachbarn trennte und auf dem zu bestimmten Zeiten des Jahres deutsche Kriegsgefangene arbeiteten. Diese Gefangenen arbeiteten unbewacht, vermutlich weil sie wenig Ehrgeiz an den Tag legten, die relative Sicherheit einer Farm in Cheshire gegen ein doch überaus ungewisses Schicksal, sagen wir mal: an der Ostfront einzutauschen. In ihrem gebrochenen, aber nicht uncharmanten Englisch warnten sie mich vor den Gefahren, die mit dem Klettern auf Kiefern einhergingen, und seitdem erzähle ich immer wieder gerne die Geschichte, dass sie mir und Francis an Feiertagen selbst geschnitzte Holzfiguren schenkten, doch eine innere Stimme sagt mir, dass ich mir das nur ausgedacht habe.

Abgesehen von den Whittimores, die die Felder jenseits der Straße zum Haus der Behrends bewirtschafteten, das in einiger Entfernung inmitten von Bäumen stand, und Mr Hughes, dessen Felder auf der anderen Seite der Hauptstraße lagen, kam kaum jemand mal zu Besuch. Colin und Martin Whittimore waren etwa genauso alt wie Francis und ich, und weil es sonst keine anderen Kinder gab, spielten wir häufig zusammen. Francis und Colin waren sogar irgendwie miteinander verheiratet, eine Ehe, die zwar nicht den Segen einer der großen Religionen fand, die aber heutzutage von der englischen Kirche vermutlich wohlwollender betrachtet würde als damals. (Randnotiz: Herausfinden, welche Position die Kirche in Bezug auf gleichgeschlechtliche Ehen von Dreijährigen einnimmt.)

Wenn wir nicht mit den Whittimores zusammen waren, blieben Francis und ich uns größtenteils selbst überlassen. Und da Francis die meiste Zeit schlief, bedeutete dies, dass ich viel Zeit hatte, im Garten herumzustreunen und mich mit meinem imaginären Freund Boo Boo zu unterhalten. Boo Boo hatte sein ungemütliches Zuhause unter einem Busch im Steingarten, nur einen Steinwurf entfernt vom Flaggenmast und gerade mal um die Ecke von der Stelle, wo ein Aushilfsgärtner, ein Kerl knapp unter zwanzig, der mit dem Rad aus Burton kam, um die Felder zu pflügen und zu säen, mir anbot, einen Blick auf seinen Penis zu werfen. Ich erinnere mich daran, dass ich von dessen Größe ebenso beeindruckt war wie von der Fähigkeit des Kerls, ihn scheinbar beliebig wachsen und schrumpfen zu lassen, doch lehnte ich in der Folgezeit sämtliche Einladungen ab, mir das gute Stück noch einmal anzusehen. Obwohl es wirklich ziemlich groß war.

Außer auf Bäume zu klettern, mich mit Boo Boo zu unterhalten und das Geschlechtsteil einer Aushilfskraft zu begutachten sowie Mutter beim Hissen des Union Jack zu helfen, der für die gesamte Dauer des Krieges über unserem Garten wehte, gab es kaum Aufregendes außer unseren regelmäßigen Spaziergängen nach Burton in Begleitung von Nanny. Je nach Laune führte sie Francis, der in seinem Kinderwagen schlief und dessen gelbliche Gesichtsfarbe bei sämtlichen Passanten aufgeregte Kommentare hervorrief (notabene: Francis ist mittlerweile nicht mehr gelb, ein Zustand, der schon seit einigen Jahren anhält), und mich, der ich neben ihnen her hopste, entweder die Denhall Road entlang in Richtung Bahnhof Burton Point und die Marschen, die dahinter lagen, oder sie bog nach links in die Burton Road ein, die zum Dorf führte. Wenn sich Nanny für die erste – und längere – Strecke entschied, musste sie nach zwei Dritteln des Wegs zum Fluss,wenn wir zur Eisenbahnbrücke kamen, eine weitere Entscheidung treffen. Hier konnte man entweder links ein Tor durchqueren und auf einem Pfad bis zum Bahnhof und noch weiter laufen oder geradeaus den Hügel hinab zu den Marschen gehen.

An einer Biegung am Fuß des Hügels lag der Eingang zum Anwesen der Summers. Die Summers rangierten gesellschaftlich einige Etagen höher als wir. Soweit wir das mitbekamen, gehörte ihnen das Stahlwerk, das wir durch den blauen Dunst am gegenüberliegenden Ufer des Dee sehen konnten. Doch was noch wichtiger war, sie hatten anscheinend Dutzende von Gärtnern, die offensichtlich scheu wie Rehe im Unterholz verschwanden, sobald Besucher auftauchten, und sie hatten einen Swimmingpool. Von Zeit zu Zeit durften wir diesen benutzen, und jedes Mal wurden wir ganz neidisch angesichts der Umkleidekabinen, der hölzernen Boote und des unglaublich blauen Wassers. Gelegentlich leistete uns ein Mitglied der Familie Summers dabei Gesellschaft, er war der Einzige aus der Familie, den wir je zu Gesicht bekamen und der ebenfalls in Shrewsbury war, als ich einige Jahre später dort eingeschult wurde. Dieser Summers – ich glaube nicht, dass wir ihn je mit Namen kannten – sah aus wie ein Abziehbild jener gespenstisch gut aussehenden Jungs, die mit einer an Lust grenzenden Detailtreue von den Zeichnern in jene Abenteuergeschichten eingebaut wurden, denen ich mich zuwandte, als ich die Wesen des Wunderweltenbaums hinter mir gelassen hatte. Er hatte das, was man in jenen Geschichten als ein offenes, freundliches Gesicht beschrieben hätte, und silbernes Haar, wie es heute offensichtlich für jeden Kandidaten unabdingbar ist, der sich in den USA für ein Amt bewirbt.

Egal welchen Weg Nanny, Francis und ich auch nahmen, wir landeten immer in Burton. Dort, bei Mrs Boyle’s oder bei Jackson’s, klatschte Nanny mit anderen Kindermädchen. Jackson’s, der Lebensmittelladen, war derart überwältigend, dass ich damals der Meinung war, ein Leben als Lebensmittelhändler müsste aufregender sein als alles andere auf der Welt. Mrs Boyle’s hingegen war, soweit ich mich entsinne, ein Zeitungsladen, der von einer, wie der Name schon sagt, Mrs Boyle geleitet wurde. Beide Geschäfte stellten ihren Betrieb in grauer Vorzeit ein, und Burton ist mittlerweile eine Schlafstadt, durch die man tagsüber fahren kann, ohne eine Menschenseele zu erblicken. Ich weiß dies, weil ich es bereits mehr als einmal getan habe.

Es begab sich vor Jackson’s, dass Nanny einer Ansammlung von wetteifernden Nannys die Details einer Begebenheit ausbreitete, die prägend sein sollte für die nächsten zwanzig Jahre meines Lebens. Ich will Ihnen nichts vormachen und behaupten, dass ich bereits im Alter von fünf Jahren darum bemüht war, eine Identität zu finden, etwas, das mich vom Rest der Menschheit unterschied. Doch während Francis immerhin gelb war und dauernd schlief, der junge Summers silbernes Haar hatte und der Gärtner ein enormes Glied, gab es an mir nichts, was mich für meine Mitmenschen sonderlich interessant gemacht hätte.

Der Tag brach an, und wie damals anscheinend an allen Tagen schien die Sonne, wirbelten Schmetterlinge vor dem Fenster des Esszimmers umher, und das Gezwitscher der Vögel war so laut, dass man sich kaum unterhalten konnte. Und so kam es, dass ich nach einem Blick aus dem Fenster befand, es handele sich um einen ausgezeichneten Morgen, und den Entschluss fasste, mit dem Dreirad eine Runde durch den Garten zu drehen. Der Höhepunkt dieses Unternehmens sollte in einer wilden Abfahrt vom Komposthaufen entlang einer langen Geraden bestehen, an die sich eine leichte Biegung anschloss, die amGewächshaus vorbeiführte, wo der Dreiradfahrer dann sozusagen zurückschaltete, um den verzwickten Teil der Strecke am Werkzeugschuppen und der Hintertür vorbei durch das Tor zur Auffahrt in Angriff zu nehmen. Zu meinem Pech spielte mir das Schicksal an der Stelle mit der leichten Biegung einen Streich, denn die Lenkung versagte und ich schoss durch die Wand des Gewächshauses. In dem Augenblick, als ich merkte, dass ich die Kontrolle über mein Gefährt verloren hatte, und mir bewusst wurde, dass ich demnächst durch eine Wand aus Glas rauschen würde, riss ich instinktiv den linken Arm hoch, um mein Gesicht zu schützen, und so kam es, dass Nanny mich fand – mitten in den Scherben, während das linke Hinterrad meines Fahrzeugs sich vermutlich noch immer drehte, mit einer klaffenden Wunde auf der Höhe des Ellbogens und einer weiteren an der Innenseite meines Handgelenks. Wenn ich die Narben heute betrachte, wundere ich mich noch immer, wie es mir damals gelungen ist zu vermeiden, mir eine Schlagader aufzutrennen und daran zu verbluten. Falls sich die Gelegenheit je ergeben sollte, werde ich Ihnen mit großem Vergnügen meine Wunden präsentieren. Ich stand unter Schock, doch seltsamerweise spürte ich keinen Schmerz, und so führte Nanny mich ins Haus, wo Mutter den Schaden in Augenschein nehmen und die weiteren Schritte in die Wege leiten konnte. Sie entschloss sich, Dr. Gunn zu holen.

An Dr. Gunn erinnere ich mich aus zwei Gründen: wegen seines Koffers, der voll war mit chirurgischen Instrumenten und kleinen Flaschen, die mit Flüssigkeiten in allen möglichen Farben gefüllt waren, und weil er ein wahrhaft seltsames Auto fuhr, dessen Marke und Modellname ich bis zum heutigen Tag nicht herausgefunden habe. Es war so seltsam, dass ich meine gesamte Kindheit über ein frühes Spielzeugauto von Dinky-Toys gehütet habe wie meinen Augapfel, denn es war absolut einmalig, und keiner meiner Freunde hatte so eines in seiner Sammlung, weshalb ich davon ausgehe, dass Sie heutzutage Tausende von Pfund dafür bezahlen müssten – und dieses Spielzeugauto wurde bei uns zu Hause immer nur als Dr. Gunns Auto bezeichnet. Ich saß also auf dem Esszimmertisch – der Lieblingsplatz meiner Mutter, wenn es darum ging, mir eine meiner zahlreichen Abreibungen zu verpassen – und betrachtete, während ich auf den Doktor wartete, meine Wunden. Ich weiß noch, dass mir auffiel, wie groß die Ähnlichkeit zwischen dem Inneren einer Tomate und dem Inneren eines menschlichen Armes war. Ich stand immer noch zu sehr unter Schock, um zu weinen, und ich vergoss auch keine Träne, als der Doktor mir den Arm – ohne Betäubung, versteht sich – wieder zunähte, um mich anschließend wieder auf die Menschheit loszulassen.

An jenem Nachmittag vor Jackson’s wurde ich Zeuge, wie Nanny vor der versammelten Kindermädchenschar von Burton die Geschichte erzählte, dass ich all dies hinter mich gebracht hätte, ohne eine einzige Träne zu vergießen. Die übrigen Nannys waren mächtig beeindruckt. So beeindruckt, dass ich beschloss, von nun an als Der-Junge-der-niemals-weint durchs Leben zu gehen. Um ehrlich zu sein, habe ich vermutlich schon bei der einen oder anderen Gelegenheit geheult: am ersten Tag im Internat vielleicht, oder als der kleine Welpe, den ich mir schon bei seiner Geburt gewünscht hatte und den ich an Weihnachten 1947 auch tatsächlich geschenkt bekam, mir in der ersten Woche des Jahres 1948 wieder weggenommen und an Mr Hughes, den Farmer, weitergegeben wurde. Doch im Großen und Ganzen weinte ich ziemlich selten, bis ich Sheila begegnete. Von da an – und ich habe keine Ahnung, wie ein Psychoanalytiker diese Tatsache deuten würde – habe ich nahezu ohne Unterlass und bei allen Gelegenheiten geweint, die sich mir boten, bei der Lektüre des Kinderbuches Unsere kleine Farm ebenso wie bei den Triumphen des FC Liverpool im europäischen Fußball.

Zum Zeitpunkt meines Unfalls ging ich schon in den Kindergarten von Miss Jones, der auf dem Brachland an der Grenze zwischen Neston und Parkgate lag. Moderne Erziehungskonzepte, wonach man ruhig ein bis zwei Jahre mit Action-Painting und Knetarbeiten zubringen sollte und damit, Zeichnungen von Mama und Papa anzufertigen, waren Miss Jones und ihren Walküren nicht geläufig. Am ersten Tag brachte man uns die Namen der Wochentage auf Französisch bei – einige von diesen weiß ich noch heute –, und oeine Miss Laxton gab uns eine Einführung in zeitgenössische Erziehungskonzepte, indem sie mit Tafelschwämmen nach uns warf. Sie hatte einen kräftigen Wurfarm und ein gutes Auge, die gute Miss Laxton. Trotz meiner erfolgreichen Bemühungen auf dem Gebiet der französischen Wochentage hinterließ ich in Miss Jones’ Etablissement keinen bleibenden Eindruck. Um ehrlich zu sein, ist es haargenau so auch in meinem Zeugnis am Ende des ersten Schuljahrs von der Leiterin attestiert: »Robin hat im Unterricht keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.« Was ich sehr verletzend fand.

Andererseits war es auch genau dort, wo ich mich zum ersten Mal verliebte. Und zwar in ein dunkelhaariges Mädchen namens Helen Maddox. Unsere Liebe nahm niemals körperliche Formen an – möglicherweise ein Resultat der Mangelernährung während des Krieges –, doch wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch immer Helen vor ihrem Haus in einer Gasse in der Nähe des Wheatsheaf Pub in Ness. Oder war es das Haus, in dem Jane Barker wohnte? Die war auch ganz süß. Aber egal, jedenfalls war dies die Gasse, in der Francis und ich während eines unvergesslichen Spaziergangs mit unserem Vater entlangspazierten.

Vater redete mit uns niemals über Tagespolitik – Fragen zur Gesundheit und dem Allgemeinbefinden überließ er unserer Mutter, die mit uns ebenso wenig darüber sprach. An diesem Tag jedoch waren wir mit dem Bus von Birkenhead nach Neston gefahren und hatten den Anschluss nach Burton verpasst, weshalb wir keine andere Wahl hatten, als den fünf oder sechs Kilometer langen Weg zu Fuß zu gehen. Jeden Meter dieses Weges verbrachte unser Vater damit, uns über die Bedeutung eines regelmäßigen Stuhlgangs zu informieren und darüber, welche schwerwiegenden Folgen physischer wie psychischer Natur es nach sich ziehen kann, wenn man sich diesbezüglich nicht an einen rigiden Zeitplan hält. Mittlerweile keimt in mir der Verdacht auf, dass mein laster-haftes Leben zumindest teilweise auf mein Versagen zurückzuführen ist, die Ratschläge zu befolgen, die mir mein Vater bei jenem denkwürdigen Spaziergang mit auf den Weg gab. »Geh dann, wenn du musst« war immer meine Einstellung, was all diese unsauberen Geschäfte betrifft, und diesen Rat habe ich auch an meine Kinder weitergegeben, wenn sie Rat suchend in mein Zimmer geschlichen kamen, wie es ratlose junge Menschen in ihrer Verzweiflung manchmal tun, um dann zu fragen: »Lieber Vater, bitte erkläre mir doch mal, wie das mit dem, ähem, Aufs-Klo-Gehen funktioniert.«

Dem oben stehenden Bericht wird der aufmerksame Leser entnommen haben, dass mein Vater, anders als so viele Väter und Großväter, Mütter und Großmütter, unversehrt aus dem Krieg zurückgekehrt war. Doch ebenso wie die meisten, die im Zweiten Weltkrieg gedient hatten, denen ich begegnet bin, sprach auch er so gut wie nie von dem, was er in dieser Zeit erlebt hatte. Als er zurückkehrte, bekleidete er den Rang eines Captain der königlichen Artillerie, doch er vollzog sehr rasch den Wechsel ins zivile Leben und hatte wenig übrig für die Sorte Männer, die sich für die Dauer des Krieges freiwillig gemeldet hatten und nach Kriegsende immer noch darauf bestanden, mit ihrem militärischen Rang angesprochen zu werden.

John und sein Vater

Das erste Mal, dass Francis und ich unseren Vater zu Gesicht bekamen, war während einer Ferienreise nach Tre- Arddur Bay in Anglesey, wo Alan, der damals noch gar nicht auf der Welt war, einige Jahre später zur Schule gehen sollte. Man kann es sich heutzutage kaum noch vorstellen, aber damals herrschte kaum Verkehr auf den Straßen, was daran lag, dass Autos nur etwas für die Wohlhabenden waren und darüber hinaus Benzin rationiert war, so dass Francis und ich, wann immer wir ein Motorengeräusch in der Ferne hörten, zur Straße liefen, um zu sehen, was da wohl vorbeikommen würde. Eines Nachmittags – natürlich herrschte Sonnenschein, und der Himmel war strahlend blau, und wenn Sie möchten, können Sie dazu noch ein paar Möwen herumflattern lassen – spielten wir im Garten, als wir von der Straße das Geräusch eines Motorrads hörten und zum Tor rannten, um zu sehen, was denn da an uns vorbeirauschen würde. Zu unserer Überraschung – und ich glaube, leichtem Entsetzen – fuhr das Motorrad jedoch nicht an uns vorbei, sondern verlangsamte sein Tempo und bog in die Einfahrt ein. Die war mit Kies bestreut und führte im Kreis um einen Rasen, über den ich quer rüber ins Haus lief, während der Fahrer noch dem Weg folgte. Mutter stand am Waschbecken am Fenster und wusch sich die Haare, als ich hereingestürmt kam und rief: »Mama, Mama, da ist ein Mann an der Tür, der sieht ganz komisch aus!« Sie schaute zum Fenster hinaus, brach in Tränen aus und sagte: »Das ist dein Vater.« Augenblicke später stand ich staunend mit Francis zusammen vor dem Mann, den wir von nun an als unseren Motorradfahrer betrachteten, und schauten an ihm hoch. So sah unser Vater also aus.

Jahre später fand ich mich noch einmal an der gleichen Stelle wieder und erzählte diese Geschichte einem Fernsehteam. Während ich die Situation schilderte, spürte ich, wie in mir etwas aufstieg, das sich nicht beherrschen ließ, und ich schwelgte schon in der Vorstellung, dass ich einen Herzanfall erleiden würde, sobald ich die Geschichte zu Ende gebracht hätte, doch stattdessen stieß ich, als es so weit war, nur einen theatralischen Seufzer aus und sank tränenüberströmt zu Boden. Die Fernsehcrew war so freundlich, diesen Zusammenbruch aus dem Bericht herauszuschneiden. Ich vermute, dass ihre Rücksichtnahme auf mangelnde Erfahrung auf dem Gebiet der Fernsehberichterstattung zurückzuführen ist.

Kapitel 2

Barbara von Radio Flora in Hannover wird demnächst anrufen. Als ich mich letzte Woche mit ihr unterhalten habe, äußerte sie sich etwas vage über die Sendung, die ich einmal im Monat für – wenn ich mich recht erinnere – Radio FSK in Hamburg aufnehme. Dies ist derzeit meine einzige Verbindung zu Deutschland. Mein Freund Sebastian Cording macht Kopien von dem DAT-Band, das ich an FSK schicke, und leitet sie weiter an deutschsprachige Radiosender. Der Großteil von diesen befindet sich – wie sollte es auch anders sein – in Deutschland, obwohl es auch in Österreich und der Schweiz einige Abnehmer der Sendung gibt. Was aus den Sendungen – zwei Stunden konkurrenzlosen Vergnügens für die ganze Familie – wird, sobald sie den Briefkasten hier im Dorf verlassen haben, bleibt irgendwie im Dunkeln. Beziehungsweise, um noch einen Schritt weiter zu gehen: Es liegt völlig im Dunkeln. Obwohl ich seit mittlerweile vier oder fünf Jahren Sendungen für FSK mache, warte ich noch immer auf den ersten Brief oder die erste E-Mail eines Hörers – wenn man die Zuschrift einer Dame nicht mitzählt, die für ein freies Radio irgendwo an der Küste in Norddeutschland arbeitet. Der Höhepunkt des Monats, so ließ sie mich wissen, sei jedes Mal, wenn sie dran ist, meine Sendung abzuspielen, und sie allein mit einem Glas Wein im Senderaum sitzt und aufs Meer hinausschaut, während sie der Musik zuhört. Einzig und allein für diese Frau nehme ich weiterhin Sendungen auf.

Barbara hingegen weiß nicht genau, ob Radio Flora meine Arbeit nach wie vor ausstrahlt – hier meldet sich die Stimme des Kritikers: »Das nennen Sie Arbeit?« Ich selbst habe auch keine Ahnung, ob das je der Fall war. Sie wird demnächst im Auftrag von Kai noch mal anrufen, dessen Englisch nicht so gut ist, weil Kai einige Fragen zu David Bowie hat.

Alle Europäer interessieren sich für David Bowie. Erst vor ein paar Wochen war ein Filmteam aus Dänemark hier, und sie fragten in diesem nicht uncharmanten tirilierenden Tonfall: »Erzählen Sie uns von David Bowie! Wie haben Sie reagiert, als Sie ›Aladdin Sane‹ zum ersten Mal hörten?« Ich versuchte vergeblich zu erklären, dass ich mich beim besten Willen nicht an meine Reaktion auf die Veröffentlichung dieser LP erinnern konnte. »Ich nehme an, sie hat mir gefallen und ich habe ein paar Stücke davon im Radio gespielt«, sagte ich lächelnd. »Aber Ihre tieferen Empfindungen, John, erzählen Sie uns davon«, beharrten sie. Und so kam es, dass ich, anstatt zu erklären, dass ich keine tieferen Empfindungen habe, ihnen von meiner Tournee mit David Bowie und Tyrannosaurus Rex erzählte. Zumal sich mir bei dieser Geschichte die Gelegenheit bot, eine kleine Nummer einzubauen, die ich mal eingeübt habe – nichts großartig Kompliziertes, einfach nur eine Mann-in-der-Telefonzelle-Nummer – und die im Allgemeinen immer ganz gut ankommt.

Von der gesamten Tour kann ich mich nur an ein Konzert erinnern – das in Brighton. Marc Bolan/Tyrannosaurus Rex waren die Headliner der Tour, und Bowie, der zwar mit »Space Oddity« einen Riesenhit hatte, war gerade nicht so angesagt und fand sich am unteren Ende des Plakats wieder; es ist zwar kaum zu glauben, aber selbst die niedrigste Kreatur aus Gottes Schöpfungskatalog, ein australischer Sitar-Spieler, war weiter oben auf dem Plakat aufgelistet. Ich saß also in der Garderobe und unterhielt mich mit Marc, als mir auffiel, dass es schon halb neun war und die Show so langsam losgehen sollte, also ging ich zur Tür und brüllte in den Korridor: »David, du bist dran!« Und dies ist der einzige direkte Kontakt, den ich auf jener Tour mit dem »Chamäleon des Pop« (Copyright: so ziemlich jeder, der je etwas über Bowie geschrieben hat) hatte. Ich meine, welchen Sinn macht es schon, sich mit einem Pantomimen zu unterhalten? Verstehen Sie, was ich meine?

Aber egal, spulen wir ein paar Jahre vor. Inzwischen ist David ein Star, er hat in Berlin und NewYork gelebt und ist groß, Groß, GROSS. Seine Plattenfirma veranstaltet einen Empfang in irgendeinem schummrig-roten Plüsch-Etablissement, wo ich in einer Ecke herumlungere, über das Leben sinniere und versuche, meine spärlichen Erinnerungen an die Tour mit Tyrannosaurus Rex zusammenzuklauben. Dabei fällt mir wieder ein, dass David mir irgendwann einen Brief geschrieben hat, in dem er fragte, ob ich mir vorstellen könnte, ein »Kunst-Labor« finanziell zu unterstützen, das er in Beckenham aufziehen wollte. Und da kam mir der Gedanke, ich könnte ja mal rübergehen und mich ein bisschen mit meinem alten Kumpel David unterhalten. Dieses bescheidene Ansinnen im Hinterkopf, verließ ich meinen Platz in der Ecke und machte mich auf den Weg zu der Stelle, wo der Star Hof hielt, umringt von einer Gruppe unglaublich glamouröser Verehrer. Ich war nur noch ein paar Schritte entfernt, als plötzlich ein riesengroßer schwarzer Typ – ein Karate-Experte, wie ich später jedem erzählte, der es hören wollte – seinen beeindruckenden Körper zwischen mich und mein Ziel schob. »Hey, du Arschloch! Du hast dich wohl verlaufen, oder wo willst du hin?«, wollte er wissen. »Ich wollt’ mich nur kurz mit David unterhalten«, erwiderte ich und setzte schnell mein übliches nervöses Lächeln auf. »Dich mit David unterhalten! Einen verdammten Scheiß wirst du«, war die Antwort. Und seitdem habe ich, auch wenn diese Langzeitwirkung von dem New Yorker Karate-Experten vermutlich gar nicht beabsichtigt war, mit David Bowie kein einziges Wort mehr gewechselt. Er ist allerdings in einem Filmbeitrag für die Sendung This is Your Life zu sehen, in der es um mich ging, und obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, was er über mich gesagt hat, nehme ich doch an, dass es etwas Nettes gewesen ist. Wie schon – war es Captain W. E. Johns? – sagte: Das Leben ist ein komisches Geschäft.

Also werde ich Barbara von Radio Flora diese Geschichte erzählen und hoffen, dass ihr das reicht. Normalerweise ist das der Fall.

Im Alter von sieben Jahren verließ ich die Anstalt von Miss Jones, nachdem ich meine Zeit dort abgeleistet hatte, ohne großartig aufgefallen zu sein – obwohl ich mir einbilde, dass sie zu dem Zeitpunkt, als ich abging, endlich bemerkt hatten, dass mein Name John und nicht Robin war –, um den Sommer zu Hause zu verbringen, bevor man mich an die Woodlands School nach Deganwy verfrachtete. Ich habe nur noch wenige Erinnerungen an jenen Sommer, doch Sie können sich hier gern einen eigenen Absatz zusammenbasteln mit endlosem Sonnenschein, Schmetterlingen, Lebensmittelknappheit und ein paar Gedanken an die heutzutage geradezu possierlich anmutenden vorsintflutlichen Techniken, die mit dem Einbringen der Ernte verbunden waren, plus, wenn Ihnen nach so was ist, einem kleinen Seitenblick auf die lachenden Mädels vom Land und ihre – wie sagt man so treffend? – kecke, freche Art. Vermutlich verbrachte ich die meiste Zeit damit, mir auszumalen, wie es wohl in Woodlands sein würde, wenn ich nicht gerade versuchte, den örtlichen Kindern aus dem Weg zu gehen, von denen meine Eltern glaubten, dass mich der Kontakt zu ihnen weiterbringen würde. Diese Jungs waren in allem, was sie taten, einfach glänzend, und ich erinnere mich ganz speziell an einen von ihnen, der das klassische Beispiel für ein Kind ist, das von Erwachsenen bewundert, von seinen Altersgenossen aber verabscheut und gehasst wurde. In Augenblicken der Verzweiflung fragte mein Vater mich immer wieder, warum ich nicht ein kleines bisschen wie dieser Junge sein könnte, doch er hörte nie zu, wenn ich ihm daraufhin erklärte, dass ich mich lieber bei lebendigem Leib verspeisen lassen würde, als so zu sein wie dieser Kerl. Er war überall ein Ass – im Cricket, im Tennis, vermutlich auch im Squash, Fives, Hockey und was weiß ich noch alles –, aber was dem Ganzen die Krone aufsetzte, war, dass er in einem meiner schwachen Momente in unserem Garten auftauchte und die Unverfrorenheit besaß, mehrmals hintereinander, und das auch noch auf meinem Fahrrad, zu versuchen, meineWeltrekordzeit auf der Strecke zu brechen, die Francis und ich in unserem Garten angelegt hatten. Als er unter großem Hallo von der Startlinie davonstob, standen Francis und ich nur da, schauten ihm mit finsteren Blicken hinterher und hofften, wenn auch vergeblich, dass er die Kurve nicht kriegen würde, wenn er an die schwierige Rechts-Links-Kombination durch das Tor bei der Küchentür kam, und wir das wunderbare Geräusch des Aufeinanderprallens von Schädel und Torpfosten zu hören bekämen, gefolgt von dem Scheppern, wenn das Fahrrad samt Fahrer gegen die Betonwand der Garage krachte.

Als der Sommer – endloser Sonnenschein, Schmetterlinge, wohin sind sie alle verschwunden – sich dem Ende näherte, machte sich die Familie daran, sich auf das Trauma der Verabschiedung des jungen Herrn vorzubereiten, der aufs Internat geschickt wurde. Ein Koffer, der gut und gerne einem Paar durchschnittlich großer Erwachsener als Behausung hätte dienen können, wurde erworben, und Mutter nahm mich mit zu Browns and Chester, um die Schuluniform zu erstehen, eine Schwindel erregende Kombination aus Rot und Grau, mit der jener Koffer gefüllt werden sollte. Ich habe mich stets bemüht, den Eindruck zu erwecken, ich sei, unabhängig von meinem heutigen Erscheinungsbild, zumindest als Kind recht ansehnlich gewesen, doch im Gegensatz dazu war Mutter der Auffassung, dass ich zumindest in einer Hinsicht ernsthaft missgestaltet war. Sobald wir in der Abteilung für Schuluniformen für Jungs angelangt waren, suchte sie bei der unterwürfig herbeieilenden Belegschaft lauthals Bestätigung und Hoffnung, dass ein Kleidungsstück gefunden werden könne, mit dem sich das, was sie als ein exzessiv großes Hinterteil bezeichnete, verhüllen ließe. Als sie diese Gedanken dröhnend in die Welt hinausposaunte, kam der Geschäftsbetrieb von Chester zum völligen Erliegen. Es war wie in einem Cartoon von H. M. Bateman: Ich versank förmlich im Boden, während gleichzeitig Kunden und Angestellte ihre Hälse reckten, um einen Blick auf den missgebildeten Körperteil und seinen unglücklichen Besitzer zu werfen, die Türen zu den Büros der Buchhaltung und der Geschäftsführung öffneten sich, und Leute linsten heraus, sorgenvolle Gesichter, erfüllt von Vorfreude auf den einzigen Lacher des Tages. Wieder zu Hause angekommen, ging ich in mein Zimmer und inspizierte dort, so gut es ging, meinen Hintern, doch ich konnte nichts Abnormes feststellen, was seine Größe anging. Ich habe es nie fertig gebracht, meiner Mutter zu erzählen, dass mein Hintern ein paar Jahre später in Shrewsbury auf einige Bewunderung seitens einer ganzen Reihe älterer Jungs stieß. Mit manchen Sachen behelligt man seine Eltern lieber nicht.

Irgendwann, nachdem der Koffer mit der Bahn vorausgeschickt worden war, kam dann der Augenblick, an dem man mich zum Bahnhof in Chester brachte, wo ich meine neuen Schulkameraden treffen und mit ihnen zusammen im Bummelzug nach Llandudno Junction fahren sollte. Damit ich mir die Zeit vertreiben konnte, hatte man mir am Bahnhofskiosk einen dünnen Band mit Witzen und Cartoons aus dem Gastronomiebereich gekauft. Einer der Cartoons ist mir seither in Erinnerung, und er erscheint mir eine tiefe universelle Wahrheit zu transportieren, obwohl ich nicht genau weiß, welche. Ein Gast in einem Restaurant wendet sich mit unzufriedener Miene an einen Ober und deutet voller Geringschätzung mit der Gabel auf den Teller vor ihm auf dem Tisch. »Herr Ober«, sagt er, »das hier ist viel zu groß. Es ist kein Omelett, sondern ein Om.«

Gleich nach unserem Eintreffen wurden wir zu Zweierreihen arrangiert und mussten die restlichen anderthalb Kilometer zu Fuß absolvieren. Mir zugeteilt war ein Junge namens Warburton, der die Aufgabe hatte, den jungen Ravenscroft in die zahlreichen Regeln und Eigenheiten des Internatslebens einzuführen. Das Erste, was Warburton mir erzählte, ließ mir das Mark in den Knochen gefrieren. Die Franzosen, so offenbarte er mir, hatten ein Wort, das sie im täglichen Sprachgebrauch benutzten, welches wir hingegen als nahezu unaussprechlich betrachteten. Als ich nicht lockerließ, bis er damit herausrückte, sagte er schließlich »Pipi« und schaute weg. Ich bewunderte ihn für sein Feingefühl, und wir schwiegen für den Rest des Weges.

Die Woodlands School in Deganwy konnte auf eine über fünfzigjährige Geschichte zurückblicken und war nur eine von einer Reihe ähnlicher Anstalten in der Umgebung. Es hätte keinen großen Unterschied gemacht,wenn ich inRydal, Epworth, Heronwater oder Tre-Arddur Bay gelandet wäre, und ich habe nie gefragt, warum man ausgerechnet Woodlands ausgesucht hatte. Der Schulleiter war ein Captain Lloyd, und die beiden Vorsitzenden des Lehrerkollegiums hießen Mr Brooke – der, wie mir erzählt wurde, mit dem verstorbenen Rupert Brooke verwandt war – und Mr Gibson, der nach einer betörenden Mischung aus Früchten und Bleistiftspänen roch. Dann gab es noch einen weiteren Mr Lloyd (nicht verwandt mit dem ersten), der einen tollen Daimler besaß mit einem auf dem Kühler angebrachten Thermometer für die Wassertemperatur.

Wesentlich bedeutsamer als das Lehrpersonal waren für mich natürlich meine Mitinsassen. Der einzige andere Junge, der in diesem Halbjahr neu an die Schule gekommen war, hieß Sparrow Harrison; er ist gleichzeitig der einzige Mensch außerhalb meiner Familie, den ich kennen lernte, bevor ich Mitte zwanzig war, und zu dem ich noch immer Kontakt habe. Sparrow war immer Sparrow – ungeachtet der Tatsache, dass niemand beim Vornamen angesprochen wurde und ich tatsächlich die Vornamen der Jungs, die ich als meine besten Kumpels betrachtete, überhaupt nicht kannte. Bis zum Sommer 2004 hatte ich stets geglaubt, mein Freund Sparrow sei auf diesen Namen getauft worden, und fand dies immer sehr faszinierend, bis ich irgendwann herausfand, dass er einen richtigen Namen hat, der zwar ähnlich klingt wie Sparrow, aber wesentlich profaner ist. Für mich wird er trotzdem immer Sparrow bleiben.

Sparrow stammt aus einer Familie, die diverse bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht hat, und er selbst litt unter schwerem Stottern, das er jedoch überwand, um später eine Organisation zu gründen, die anderen von dieser Behinderung Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite steht. Darüber hinaus war er mit den Krays befreundet, was jedoch eher mit seiner Vorliebe fürs Boxen – er war in den Sechzigern Boxer – zu tun hat als mit einer Verbindung zum organisierten Verbrechen. Seine Fähigkeiten als Boxer machten ihn zu einem wertvollen Freund in Woodlands. Schikanen und manchmal makaber ausgetüftelte Misshandlungen seitens der Mitschüler gehörten zum Alltag. Während des ersten Halbjahrs sahen Sparrow und ich mit an, wie ein Junge, von dem seine Kumpels der Ansicht waren, dass er es verdient hatte, an das eiserne Geländer festgebunden wurde, das entlang des Brachlandes verlief, auf dem die Jungs Tunnel und Schützengräben aushoben. Die waren mit Stöcken und Torf und Matsch bedeckt und dienten als »Hütten«, was von den heutigen Behörden wegen der Risiken für Sicherheit und Gesundheit an keiner Schule mehr geduldet würde. Sobald der unglückliche Junge an dem Zaun festgezurrt war, wurde ein gebogenes Stück Wellblech – vermutlich aus den Überresten eines Luftschutzkellers aus dem Krieg – an ihm befestigt, bevor es mit Erdklumpen und Steinen bombardiert wurde. Glücklicherweise habe ich selbst niemals etwas angestellt, das mir eine solche Behandlung eingetragen hätte, doch ich kann mir gut vorstellen, dass es für die Betroffenen eine fürchterliche und schmerzhafte Angelegenheit darstellte.

Eine weitere Form der Schikane wurde aus Gründen, die ich nie herausgefunden habe, »Puto« genannt. Dabei wurde das Opfer mit dem Rücken auf einen Tisch gelegt, seine Gliedmaßen an die Tischbeine gefesselt, und ein Spezialist für diese Art Behandlung trat heran und fing an, auf dem Bauch des Jungen zu trommeln – und zwar ewig lange. Anfangs gelang es dem Opfer noch, seine Bauchmuskeln anzuspannen, doch mit der Zeit ließen die Kräfte nach, und es gab keine Möglichkeit, den Trommelschlägen zu entgehen, die gar nicht mal besonders heftig waren. Auch dieses habe ich nicht selbst mitgemacht, weder als Trommler noch als Trommelfell, doch man hat mir allseits versichert, dass es eine überaus unangenehme Angelegenheit war.

Im Großen und Ganzen waren die Schikanen und Misshandlungen jedoch eher konventioneller Natur: Treten, Boxen und An-den-Haaren-Ziehen waren die gebräuchlichsten Formen. Der Junge, unter dem ich – wie der Großteil meiner Freunde – am meisten zu leiden hatte, war ein stumpfsinniger Typ namens Bardsley. Dessen Familie, so ging die Legende, besaß ein Bauunternehmen in Manchester, wie es überhaupt den Anschein machte, dass die meisten Schüler in Woodlands aus der Gegend um Manchester stammten und ein Großteil Anhänger von Manchester United waren, weshalb meine Vermutung, dass auch Bardsley ein United-Fan war, nicht so weit hergeholt scheint. Gut möglich, dass in dieser Annahme mein beständiger Mangel an Begeisterung für einen Fußballclub begründet ist, der sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem globalen Wirtschaftsunternehmen gewandelt hat.

Doch bevor ich die Manchester-Fans noch weiter in Rage bringe, sollte ich vielleicht lieber von meinen Freunden Charlie und Alison berichten.

In den Anfangstagen von Radio 1 wurde mir angedeutet, dass es nicht angemessen sei, mit Hörern, die mir Briefe schickten, in zu engen Kontakt zu treten. Was der Grund für diese Richtlinie gewesen sein mochte, konnte ich nie herausfinden, doch ich nahm an, dass es sich vielleicht um eine Form traditionellen BBC-Denkens handelte, basierend auf der Furcht, dass zu enger Kontakt zu den Hörern unter Umständen zu vorehelichem Händchenhalten oder in extremen Fällen sogar Küssen führen könnte. Aber egal, es war eine Anweisung, die ich vollständig ignorierte, mit dem Resultat, dass ich viele der Leute, die Sheila und ich als unsere engsten Freunde betrachten, auf haargenau jenem Wege kennen gelernt habe, wobei es auch einige gab, mit denen ich in der Tat Händchen gehalten habe, doch werde ich die Details über jene Beziehungen in einem versiegelten Abschnitt am Ende des Buches ausbreiten.

Es erübrigt sich zu sagen, dass der Großteil der Post, die ich bei Radio 1 bekam, Platten betraf, die ich in meinen Sendungen gespielt hatte, und hauptsächlich von Leuten stammte, die sich bis zu zehn Jahre Zeit gelassen hatten, bevor sie dem Drang nachgaben, mir zu schreiben. »Wie«, wollten die Briefeschreiber wissen, »hieß dieser Reggae-Track, den du im Herbst 1971, glaube ich, gespielt hast, in dem das Wort ›Jah‹ vorkam? Gleich danach lief ein langes Stück mit ziemlich viel Gitarrengekniedel.« Eines Tages jedoch befand sich unter all den Briefen und Postkarten dieses Kalibers ein Brief, der in Marazion in Cornwall abgestempelt war. Die Handschrift war ausladend und schwungvoll und deutete auf ein optimistisches, extrovertiertes Wesen hin. Es stellte sich heraus, dass sie einem fünfzehnjährigen Mädchen namens Alison Martin gehörte, die mehr daran interessiert war, mir ihr Leben in Cornwall zu schildern, als sich nach alten Reggae-Platten zu erkundigen, in denen das Wort »Jah« vorkam, und so schrieb ich ihr zurück, woraus sich eine langjährige Korrespondenz entwickelte, die aufrechterhalten wurde bis zu einem Abend, als die so genannte John Peel Roadshow in der Technischen Universität von Manchester Station machte und die dortigen Studenten angesichts des Repertoires mitgebrachter Schallplatten alles andere als begeistert waren. Als ich mich bei meinem frustrierten Publikum für meine Unzulänglichkeit entschuldigte, streckte sich mir eine Hand entgegen und packte mich am Arm, wobei die dazugehörige Person ausrief: »Hallo, ich bin Alison aus Marazion.« Ich schaute herunter und erblickte