menschenAngst & Menschenmut - Susanna Wahl-Flint - E-Book

menschenAngst & Menschenmut E-Book

Susanna Wahl-Flint

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Beschreibung

Das Leben ist Entwicklung. Es zeigt uns, dass es ein Kommen und Gehen ist, und doch halten wir oft an der Vorstellung fest, dass es doch das Beste wäre, nichts herzugeben, alles zu behalten. Dann ist unser Fokus weit entfernt von unserem Inneren und von der Entwicklung unserer Potenziale, denn so wird es beschränkt auf die materielle Entwicklung und auf die Erhaltung des Bestehenden. Das Leben will Entwicklung. Das Leben will in seiner Vielfalt gelebt werden. Dazu sind wir da. Dieses innere Streben des Menschen nach Verbundenheit (wir würden Liebe und Mitgefühl dazu sagen), wird durch unsere weltweit menschen- und lebensfeindlichen Strukturen unterdrückt. Vom Anfang an lernen wir, dass es für uns günstig ist, wenn wir besser als die anderen sind, dass es darauf ankommt, dass wir mehr als die anderen haben. Wir sind die ganze Zeit mit Anpassung an neue Regeln oder neue Produkte beschäftigt, sodass wir unseren Fokus selten auf unser Inneres richten. Wir verpassen quasi uns selbst. Kennen wir nicht alle die Sprüche von Menschen am Ende ihres Lebens, «Ach, hätte ich doch ...»? Puh, was für ein anstrengendes Leben. Wenn jeder einzelne Mensch den Mut aufbringt, dieser angelernten Angst ins Auge zu blicken, dann verschwindet sie und die Materie verliert ihre Macht über uns Menschen. Das Leben kann dann in relativer Freiheit gelebt werden und es unterstützt andere Menschen, den Mut in ihrem Leben fließen zu lassen: den Mut, sich selbst nahe zu sein; den Mut, sich selbst zu lieben; den Mut, sich zu erkennen und den Mut, dem Leben zu antworten.

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Seitenzahl: 316

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Susanna Wahl-Flint hat ihre Geschichte mit der vieler anderer Lebensgeschichten verwoben, sodass die Lesenden das «Salz in der Suppe des Lebens» schmecken können.

Geboren 1959 in der schwäbischen Kleinstadt Backnang, wurde sie bis zum elften Lebensjahr zwischen einem kleinen Dorf in der Steiermark, Österreich, und Backnang vom Leben hin und her gewiegt.

Mit 18 wurde sie Mutter einer Tochter und studierte Sozialpädagogik in Tübingen. Nach dem Examen arbeitete sie als Jugendhausmitarbeiterin in Sindelfingen.

Später lebte sie viele Jahre als Sannyasin, Schülerin von Osho, in verschiedenen Kommunen (München, Stuttgart, USA), übte sich in unterschiedlichen Meditationen und in vielen Arbeitsfeldern wie Küche, Rezeption, LKW-Fahrerin, Türsteherin in einer Disko, Bardame, Büroarbeit, Organisieren von Events, Geldverwaltung ...

Nach ihrem Austritt aus der Osho-Kommune gründete sie eine Familie und gebar eine zweite Tochter, die durch einen Schlaganfall bei der Geburt halbseitig gelähmt ist. Mit 38 wurde sie ein drittes Mal Mutter, diesmal gebar sie einen Jungen.

Sie war als Antiquitätenhändlerin tätig und sehr erfolgreich damit. Auch studierte sie Heilpädagogik, Traumatherapie sowie systemische Beratung und arbeitete sozialpädagogisch in unterschiedlichen Einrichtungen der Jugend- und Berufshilfe. In diesem Rahmen entwickelte und leitete sie verschiedene Angebote – Fahrradwerkstatt «Bike Hospital»; Mittelalterstand und Schauspiel «Leuteschinder» sowie «Über der Straße», ein Jugendhilfeprojekt für männliche Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren, aus dem Strafvollzug oder von der Straße.

Susanna Wahl-Flint lebt heute mit ihrem Mann, George, auf der kanarischen Insel La Palma. Gemeinsam gestalten sie dort das Projekt «Finca Artesano-Vida», als Ort für Menschen, die den Schritt vom TUN ins SEIN erleben wollen. Im Rahmen der Freiberuflichkeit «Bodhi Zeiten – Bewusste Zeiten» unterstützen sie Menschen dabei, ihren individuellen Meditationsweg zu finden.

Dies ist ein Mutmacherbuch für Suchende

mit Menschengeschichten,

Frauengeschichten,

Männergeschichten,

Mutmachergeschichten,

Angstgeschichten,

Suchgeschichten,

Fokusgeschichten,

Meditationsgeschichten.

INHALT

Dank

Vorwort

Einleitung

Anfangszeit

Intuitionsgeschichten

Albert, der Mann, der mein Vater war

Dorfleben in Österreich

Der Schutz der Frauen

Sozialistische Jugend

Erkenntnisse

Finale Entscheidung: Deutschland

Gegen das Establishment

Hausdurchsuchungsgeschichten

Auszug aus dem Elternhaus

Schwanger mit 18

Katie und das Guillain-Barré-Syndrom

Erste Kontakte mit der Osho-Welt

FrauenPOWER

Bhagwan – Osho – auf der Spur

Geschichten aus der Osho-Kommune

Zurück in die Gesellschaft

Angstsysteme und Geld für das Gute

Ärzte-«Wahrheiten»

Antiquitätengeschichten

Sterbensangst

Sozialarbeiterin

Alltagsgeschichten

Schwanger mit 38

Satori mit Goethe

Neue – alte – Liebesgeschichte

Tiefere Meditationsebene

George, der Mann aus Hawaii

Schwabenseele

Potenzialentwicklung

Den Körper verlassen

Mitzi, die Frau, die meine Mutter war

Bike Hospital und Mittelalter

La Palma

Das Geschäft mit der Jugendhilfe

Servus Mitzi I

Finca Artesano

Servus Mitzi II

«Super-Oma»

Zwei Jahre im «Meditationsretreat»

Bodhi Zeiten – Bewusste Zeiten

Rückblick

Schwestern und Brüder

Schwäbisches Nachwort

Meditation

Hilfreiche Meditationsübungen

Glossar

Literaturhinweise

Weitere Bücher der Autorin

DANK

Ich danke meinen Kindern Katie, Dora und Moritz, die mich das Mutter-Sein lehrten, und George M. F., an dessen Seite ich lernte, bei mir zu bleiben.

Ich danke allen Unterstützern und geduldigen Zuhörerinnen und Zuhörern, die teilgenommen haben am Entstehungsprozess dieses Buches.

Ich danke meinem Freund und welterfahrenen Journalisten, Jogi Spieß, der mir wöchentlich geduldig zugehört und mit seinen professionellen Ratschlägen zur Seite gestanden hat.

VORWORT

Nachdem mich mal wieder ein lieber Mensch gefragt hatte, warum ich denn nicht ein Buch schreibe, wo ich doch soviel erlebt habe, reagierte ich cool mit den Worten, dass er doch dies für mich tun könne. Doch in der diesem Gespräch folgenden Nacht wachte ich auf und die Worte purzelten in englischer Sprache nur so aus mir heraus. Ich tauchte ein in meine eigene Vergangenheit – eine ziemlich spannende Angelegenheit. Die englische Sprache half mir, all die persönlichen Geschichten aus mir herauszubringen und mit meinen heutigen Augen zu betrachten, doch gleichzeitig so nah wie möglich bei den damals gelebten Gefühlen zu verbleiben.

Als ich all die heiklen und schmerzhaften Geschichten aus mir draußen hatte, übersetzte ich diese in meine Muttersprache, Deutsch, und dann erst konnte ich beginnen, ein Buch zu schreiben.

Während des Schreibens wurde mir der Tenor dieses Buches immer klarer: Es geht darin um Angst, Mut, Meditation, Intuition und die innere Befreiung als Mensch – als Frau. Denn solange wir Menschen auf Mutter Erde nicht in gleichwertiger Würde unser Leben leben, solange die Waage zwischen der weiblichen und der männlichen Energie nicht in Balance ist, ist der Frieden unserem Planeten fern. Dazu genügt es nicht nur, dass die Männer zurücktreten, es ist elementar wichtig für Mutter Erde, dass wir Frauen nach vorne treten, dass wir Mütter unseren Kindern den friedlichen, den weiblichen Weg zeigen. Dazu gehört, dass wir uns zum Ausdruck bringen, dass wir unsere Lust auf das Leben und die Kraft, die dahintersteckt, nicht verleugnen.

Wenn wir uns so wichtig nehmen, dass wir täglich mehrmals innehalten, dann bleiben wir in Kontakt mit unserem Inneren, dann erkennen wir, dass wir unserer Angst nicht ausgeliefert sind, als Mensch nicht und besonders als Frau nicht.

Wie vielen Menschen bin ich in meinem Leben begegnet, die die Schritte in ein selbstbestimmtes Leben nicht machten, sondern getrieben waren von der Angst, es falsch zu machen. Diese Angst hindert Frauen und Männer und auch schon Kinder, ihr Potenzial zu entdecken. Diese Angst hindert uns alle, in ein selbstbestimmtes Leben zu schreiten.

Es ist aber jetzt die Zeit, in der große Veränderungen auf Mutter Erde möglich sind.

Die weibliche Energie zum Fließen gebracht, kann die Lage auf Mutter Erde verändern, denn es ist die Energie der Liebe und nicht die Energie des Krieges. Dazu stünde es uns Frauen gut an, unsere Scham zu überwinden und uns selbst zu zeigen – dies in einer Weise, in der die Männer verstehen, die Frau die Fackel tragen und vorne laufen zu lassen. Denn die Frau kennt den Weg. Und als Mann gibt es keinen Grund, vor der weiblichen Lebenslust Angst zu haben. Die Angst der Männer vor der Weiberlust, führt dazu, dass sie weltweit unterdrückt wird und die Frauen, ja die Frauen, wissen gar nicht, dass sie ein eigenes Leben und eine eigene Lust haben.

Um all das in dieser Schärfe zu erkennen, war mir meine Freundin, die Meditation – der meditative Zustand –, eine wunderbare Stütze im Entwickeln von Mut und um aus dem gesellschaftlich normierten Rahmen zu springen, sodass ich viele Facetten des Lebens kennenlernen durfte. Dankbar lernte und lerne ich daraus.

Ohne die Möglichkeit des täglichen leeren Seins mit mir selbst – den Zugang zur Meditation –, wäre mir dieses Erkennen der Zusammenhänge des Lebens nicht möglich und niemals könnte ich mich so sehr lieben und mir so stark vertrauen. Dadurch gelingt es mir, über den Tellerrand hinauszuschauen und nicht nur das eigene kleine Ich im Fokus zu haben. – Ein wunderbares Gefühl der Freiheit, mit der Möglichkeit, das eigene Leben zu gestalten und mutig neue wie auch neue-alte Wege zu beschreiten.

Das Leben ist Entwicklung. Es zeigt uns, dass es ein Kommen und Gehen ist, und doch halten wir oft an der Vorstellung fest, dass es doch das Beste wäre, nichts herzugeben, alles zu behalten. Dann ist unser Fokus weit entfernt von unserem Inneren und von der Entwicklung unserer Potenziale, denn so wird es beschränkt auf die materielle Entwicklung und auf die Erhaltung des Bestehenden.

Das Leben will Entwicklung. Das Leben will in seiner Vielfalt gelebt werden. Dazu sind wir da.

EINLEITUNG

DIE KRAFT DER FRAUEN DIE KRAFT DER MÄNNER DIE KRAFT DER MENSCHEN

Schon als kleines Mädchen sah ich die Unterdrückung, die den Frauen weltweit jeden Tag geschieht. In meinem Kinderleben waren es die Frauen der Familie, die die Last des Lebens trugen: Sie bedienten ihre Männer, sie ließen sich von ihnen in die Küche schicken und als das Essen dann auf dem Tisch stand, war es nicht gut genug. Die Frauen waren den Tränen nahe, doch sie ließen sich nichts anmerken. Oft habe ich meine Mutter erlebt, wie sie den abwertenden Worten meines Vaters fassungslos gegenüberstand. Wenn ich den Gesprächen der Männer lauschte, konnte ich nicht glauben, was ich da hörte: Für sie waren die Frauen nicht mehr als etwas, das sie zu ihrem eigenen Wohl benutzen konnten. Die Männer verhielten sich so, weil sie es nicht anders gelernt hatten, sie konnten das Leid der Frauen nicht sehen, sie mussten die Frauen erniedrigen, damit sie sich selbst fühlen und erleben konnten. Die Frauen, die ihr Leben lang gelernt hatten, dass Unterdrückung in ein Frauenleben gehört, waren schon froh, wenn sie nicht täglich körperlichen Misshandlungen ausgesetzt waren. Als ich den Frauengesprächen lauschte, war ich wieder ungläubig: Sie beschrieben ihre Männer als Arbeitstiere. Außerdem waren sie froh, wenn sie nicht geschlagen wurden und wenn die Kasse stimmte, machte «frau» dann dafür dreimal die Woche die Beine auseinander – damit der «Alte» zufrieden war. Egal welchen Gesprächen ich lauschte, empfand ich immer dasselbe: «Hier stimmt etwas nicht und so möchte ich nicht leben, wenn ich kein Kind mehr bin.» Damals beschloss ich, neutral zu bleiben: Keine Frau und kein Mann, ich wollte einfach beides sein.

Es waren keine leichten Zeiten für mich, als ich erkannte, dass kein Weg daran vorbeiführte: Ich würde wohl in einem Frauenkörper leben müssen. Der einzige gangbare Weg war, in Frieden zu kommen damit, dass dies nun mal so ist. Als das erste Blut floss, saß ich auf Tante Ellis Klo. Elli und Mutter Mitzi saßen in der Küche, tranken Kaffee und sprachen über ihre Männer. Das Blut in der Kloschüssel beängstigte mich und ich schrie wie am Spieß. Mutter Mitzi und Tante Elli rannten zu mir aufs Klo, beide schauten wissend und sprachen, dass dies nun jeden Monat so wäre und dass ich jetzt ein Kind bekommen könne und dass ich mich vor den Männern schützen müsse, denn die Männer wollen nur das Eine und dass ich jetzt gejagt werden würde, denn ich wäre schön und würde den Männern gefallen ... So, da stand ich nun mit meinem «Talent». Mir schwirrte der Kopf, mir war schlecht, Bauch und Rücken schmerzten. Mutter Mitzi brachte mir eine Wärmeflasche und packte mich auf Tante Ellis Sofa. So dämmerte vor mich hin, war verwirrt und lauschte den Worten der beiden Frauen. Sie sprachen darüber, wie ich mich doch verändert hätte und dass so langsam aber sicher eine Frau aus mir werden würde. Schlagartig wurde ich wach: Eine Frau, mit allem, was dazu gehört? – Nein danke.

Ich wollte doch beides: In einem Frauenkörper zu leben, war schon ok, aber wie ein Tier gejagt zu werden, nicht. Frei wie ein Mann wollte ich sein. Das Leben leben, war seit Kindesbeinen mein tägliches Bestreben. Ein «normales» Frauenleben, wie ich es in meiner damaligen Umgebung sah, gab dies nicht her.

Es kam die Zeit, als die Kinderspiele hinüberflossen in die ersten erotischen Erfahrungen. Mit Anna, Edith und Carmen erlebte ich das erste Mal die erotische Seite des Menschseins. Es waren aufregende Momente in der damaligen Zeit meines Lebens. Es war die Schwellenzeit, die Zeit, in der sich der Menschenkörper verwandelt, die Zeit, in der das Kind nach innen geht.

Diese Zeit floss hinüber in die Zeit, in der die ersten Angebote der Jungs, der Männerwelt kamen. Eine große Verwirrung kam über mich: Was sollte ich nun damit anfangen? Scheinbar hatte ich etwas an mir, das die Männerwelt anzog. Es war mir wirklich unverständlich, was die Männer an mir fanden, und so wurstelte ich mich durch die Anfangsjahre meines Frau-Seins durch und machte allerhand interessante Erfahrung. Alles, was sich zeigte, wollte gelebt werden. Oft zeigte sich das Begehren der Männer, das sie meinem Körper entgegenbrachten, doch genau so oft ging es dabei nicht um die innere Begegnung der Wesenheiten – wogegen mich das am meisten interessierte: Mich im anderen zu erkennen, die Verbundenheit als Mensch spüren, egal ob Mann oder Frau.

Seit frühester Kindheit schwang das Gefühl in mir, dass hier, auf Mutter Erde, etwas nicht stimmt. Die Balance der männlichen und weiblichen Energie war aus den Fugen geraten. Doch wie sollte ich mich da zurechtfinden? Ich steckte doch in einem Frauenkörper, dem auch noch viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Der einzig gangbare Weg für mich war, mich mitten ins Geschehen zu stürzen. So kam es, dass ich vielen Menschen in unterschiedlichen Situationen begegnet bin. Viele davon waren Männer und viele von diesen Männern haben ihre Aufmerksamkeit auf meinen Körper gerichtet, sodass dieser arme Körper manchmal recht verwirrt war und sein eigenes Begehren gar nicht finden konnte. Dieser Körper, der so damit beschäftigt war, sich zu schützen, hatte gar keine Zeit, die eigene Lust zu entwickeln. Unter all den vielen Begegnungen, die dieser Frauenkörper hatte, waren es nur sehr wenige, die die meine innere Wesenheit berühren konnten. All die Männer, die nur meinen Körper sahen, all die Männer, die ihrer eigenen Lust so ausgeliefert waren, dass sie die stillen Signale nicht wahrnahmen und oft versuchten, die Grenzen zu überschreiten. – Was gab es daraus für mich zu lernen?

Die Dinge einfach einzunehmen war keine Option. Als Frau in der westlichen Hemisphäre geboren zu sein, bietet immerhin die Chance, ein Leben in relativer Freiheit zu leben. Die Gleichstellung der Frau, zumindest auf dem Papier, bietet relativen Schutz für ein Leben im Patriarchat.

So wuchs über die Zeit das Bewusstsein in mir, dass es in mir ist, wie ich das Leben, das ich lebe, bewerte und plötzlich ergaben Sprüche wie «Ein jeder kehre vor seiner Tür» oder «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert» wie auch «An ihren Taten sollt ihr sie erkennen» Sinn.

Das innere Bestreben nach einem freien Leben schwang stark in mir, ebenso die Bereitschaft, vieles dafür zu tun. Schon in jungen Jahren erlebte, erfuhr und erkannte ich, dass der Fokus in uns Menschen liegt und nicht im Außen. Dies gab mir die Chance, meine Ängste und die der anderen Menschenwesen wahrzunehmen, und das, was ich da wahrnahm, hat sich nicht besonders voneinander unterschieden.

Dieses innere Streben des Menschen nach Verbundenheit (wir würden Liebe und Mitgefühl dazu sagen) wird durch unsere weltweit menschen- und lebensfeindlichen Strukturen unterdrückt.

Vom Anfang an lernen wir, dass es für uns günstig ist, wenn wir besser als die anderen sind, dass es darauf ankommt, dass wir mehr als die anderen haben. Wir sind die ganze Zeit mit Anpassung an neue Regel oder neue Produkte beschäftigt oder mit der vermeintlichen Sicherheit, die uns die Medizin, Pharma-, Versicherungs- und Bankenindustrie verspricht, sodass wir unseren Fokus selten auf unser Inneres richten. Wir verpassen quasi uns selbst. Kennen wir nicht alle die Sprüche von Menschen am Ende ihres Lebens, «Ach, hätte ich doch …»? Schon als Kind habe ich mich gefragt, warum wir Menschen – wenn wir dies doch alles wissen – in der Anhäufung von Materie (Dinge, Geld) stecken bleiben.

Seit Albert Einstein, spätestens seit Werner Heisenberg, wissen wir – die Menschen –, dass es mehr gibt als das, was wir sehen: Durch das Doppelspaltexperiment wurde dies mehrfach wissenschaftlich bewiesen und da wir in einer «links-hirnig» gesteuerten Welt leben, ist der Zusatz, also quasi das Label «wissenschaftlich bewiesen» wichtig für die Akzeptanz in den Gesellschaften der Welt. Dieses Wissen über die Zusammenhänge des Lebens erreicht jedoch immer noch nicht den Mainstream, der sich nach wie vor erschöpft, im Anhäufen von Materie und dem sich Wiegen in vermeintlicher Sicherheit.

Puh, was für ein anstrengendes Leben. Wenn jeder einzelne Mensch den Mut aufbringt, dieser angelernten Angst ins Auge zu blicken, dann verschwindet sie und die Materie verliert ihre Macht über uns Menschen. Das Leben kann dann in relativer Freiheit gelebt werden und es unterstützt andere Menschen, den Mut in ihrem Leben fließen zu lassen: den Mut, sich selbst nahe zu sein; den Mut, sich selbst zu lieben; den Mut, sich zu erkennen und den Mut, dem Leben zu antworten.

ANFANGSZEIT

Für dieses Leben auf Mutter Erde wurde im Jahr 1959 eine schwäbische Kleinstadt mein Geburtsort.

Die Geburt war traumatisch für meine Mutter Mitzi und mich. Eine Saugglocke zog mich heraus und verletzte mich im Nacken. So wurde in meinen ersten Lebenswochen eine große Beule am rechten Hinterkopf mein Markenzeichen.

Aufzuwachsen zwischen dieser schwäbischen Kleinstadt und einem kleinen Dorf in der Steiermark in Österreich, gab mir viel Freiheit und einen großen Spielplatz, die mystischen Geheimnisse des Lebens zu erkunden.

Einfache Menschen als Eltern, die sich nicht viele Gedanken über ihre Elternrolle machten, gaben mir die Freiheit, nicht immer in ihrer Nähe sein zu müssen. Dies eröffnete mir einen großen Raum, um mit den anderen Kindern in eine magische Welt eintauchen zu können. Ich entfaltete mich frei in einer großen Familie mit Großeltern, Onkeln, Tanten und vielen Kindern.

Meine Mutter stand meist hinter all den Ideen, den Verrücktheiten und Aktionen, die ich produzierte, und sie gab mir sehr früh im Leben die Möglichkeit, mich selbst zu entdecken. – Auch wenn sie mich nicht immer verstand, war ihre Liebe groß genug, mich stets zu unterstützen.

In diesem kleinen Kinderleben war mein elf Jahre älterer Bruder eine große Stütze, denn er konnte sehen, wenn wieder einmal düstere Wolken am Familienhorizont aufzogen – so nahm er mich öfter unter seine Fittiche. Er nannte mich seinen «Klotz am Bein», denn oft musste er auf mich aufpassen. Dann nahm er mich im Kinderwagen mit seinen Freunden in den Wald, parkte mich unter einem Baum und ging mit seinen Freunden spielen. Da saß ich dann, angeschnallt im Kinderwagen, und lauschte den Vögeln.

Einen großen Bruder zu haben, hat mein Kinderleben sehr bereichert, denn er war so viele Jahre älter, dass er in meiner Kindheit, fast so etwas wie ein zweiter Vater war: Ihm konnte ich vertrauen und seine Späße, die er mit mir machte, habe ich geliebt. Wenn mein Vater ihm das Gefühl gab, dass er etwas nicht richtig mache, fühlte ich mich mit ihm. Als mein Bruder viele Jahre vor mir aus unserem Elternhaus auszog, fühlte ich mich sehr allein und für viele Monate lag eine Postkarte von ihm unter meinem Kopfkissen, weil ich ihn so vermisste. Die Postkartenworte sind auch heute noch ganz gegenwärtig in mir: «Sei nicht traurig, du schaffst das jetzt allein.»

Mein großer Bruder hat immer zu den Menschen in meinem Leben gehört, die meinen Pfad in die Freiheit nicht verurteilten. Er war immer bereit, zu verstehen und mich walten zu lassen und in mir war die Sicherheit, dass ich ihn immer um Hilfe bitten konnte. – Welch großartiges Geschenk des Lebens!

Auch der Schutz meiner Mutter war mir sicher. Im Alter von acht Jahren schlug mir eine Lehrerin ins Gesicht, ich lief nach Hause und unter Tränen erzählte ich meiner Mutter, was passiert war. Am nächsten Tag suchte sie den Schulleiter auf, beschwerte sich über die Lehrerin und drohte mit der Polizei. Da ich neben meiner Mutter stand, konnte ich das ganze Szenario in vorderster Reihe miterleben. Ohne zu zögern, schrie sie voller Empörung: «Wenn jemand mein Kind schlägt, dann bin ich das und ich mach‘ so etwas nicht.»

Obwohl es damals nicht mehr erlaubt war, die Schülerinnen und Schüler zu schlagen, wurde es von einigen Lehrkörpern immer noch – meist ungestraft! – praktiziert.

Ihre Kraft, ihr Mut haben mich sehr beindruckt. Mitzi, hat einen echt guten Job als Mutter gemacht. Sie hat mich, so gut sie konnte, und mit allem, was sie hatte, beschützt. Sie hat mir und an mich geglaubt.

Danke, Mama! Heute im Rückblick kann ich noch klarer sehen, wie stärkend es für mich war, dass meine Mutter in dieser – ihrer! – Zeit eine mutige Frau war.

SCHLÄGE

Mit ungefähr neun Jahren erlebte ich das erste Mal, wie es sich anfühlt, der Aggression eines Mannes ausgeliefert zu sein. Mein

Vater, der Mann mit den zwei Gesichtern: Er war ein liebevoller, interessanter Mensch, doch als trockener Alkoholiker neigte er zu cholerischen Anfällen.

Bis zu diesem Abend hatte er mich noch nie geschlagen, sodass ich vollkommen überrascht war, als er mich ins Haus zog und sofort begann, auf mich einzuprügeln. Der Grund dafür war, dass ich den Salat, den ich hatte kaufen sollen, zu spät nach Hause brachte.

Meine Mutter, die Gute, wollte mich beschützen und stürzte vor lauter Aufregung die Treppe hinunter. Anstatt meiner Mutter zu helfen und von mir abzulassen, wurde mein Vater jedoch noch wütender auf mich und machte mich auch noch für den Sturz meiner Mutter verantwortlich. – Es dauerte lange, bis sich meine Mutter Mitzi aufrappelte, doch als sie endlich die Diele, den Ort des Geschehens erreichte, hörte ich sie schreien: «Albert du bringst mein Kind um!» Dies war wohl ein Weckruf. Er ließ von mir ab und verließ den Raum.

Für mich war dieses Erlebnis ein wahrer Schock, ich fühlte mich so wund – das große Spiel rund um Gewalt und Männer war hiermit eröffnet.

Ein paar Tage später, es war ein Sonntag, wachte ich morgens auf und konnte mich nicht mehr bewegen. Am nächsten Tag brachte meine Mutter mich zum Arzt und dieser veranlasste eine sofortige Aufnahme in eine orthopädische Klinik. Die nächsten vier Monate verbrachte ich in diesem Krankenhaus, zweimal wurde ich am Hals operiert. Spritzen, Gewichte, Gipsbetten und Co. bestimmten diese vielen Wochen meines Lebens. Dreimal in der Woche nahm meine Mutter den Zug, um mich zu besuchen. Nach zwei Wochen besuchte mich mein Vater das erste Mal. Ich hatte Angst vor ihm. Niemand sprach über das Geschehene.

Es war normal, dass ich im Krankenhaus war. Ich war das Kind und nachdem, was meinem Körper widerfahren war, war es auch für mich normal. Doch tief in mir ahnte ich den Zusammenhang zwischen dem Gewaltausbruch meines Vaters und meinem Klinikaufenthalt. Auch als ich wieder zu Hause war, kam der Vorfall nie zur Sprache – das Leben ging weiter.

Später flippte mein Vater noch zweimal mir gegenüber aus. Die Anlässe waren banal und seine Ausbrüche kamen aus heiterem Himmel. So fand die nächste Gewaltsituation mit ihm etwa ein Jahr nach der Klinikzeit statt: Er bat mich, ihm einen Kugelschreiber zu reichen, und ich warf ihm den Kuli zu, dabei traf ihn dieser an der Stirn. Mein Vater stand vom Wohnzimmertisch auf und wir lieferten uns eine Jagd um den Tisch. Er war viel schneller und rasch hatte er mich am Wickel. Die Folgen waren nicht so verheerend wie beim ersten Mal, doch auch die haben mir voll und ganz gereicht. Offensichtlich hat meine Mutter anschließend mit ihm gesprochen, denn ich kann mich nur noch an eine letzte Ohrfeige von ihm am Küchentisch erinnern: Meinem Vater war die politische Bildung seiner Kinder sehr wichtig. Er wollte, dass ich die Tageszeitung las. Er legte großen Wert darauf, dass ich informiert bin. Immer wieder hörte ich seine Worte, «Wissen ist Macht» und «Schönheit vergeht, Wissen besteht». Während eines gemeinsamen Frühstücks las ich die Zeitung, doch dies, dass ich dieser Familienzeit nicht genug Aufmerksamkeit schenkte, gefiel ihm nicht und aus heiterem Himmel riss er mir die Zeitung aus der Hand und schlug mir ins Gesicht.

Damals war ich vierzehn Jahre alt. Nach diesem Vorfall sprach ich wochenlang nicht mit ihm, bis meine Mutter Mitzi mich um Einlenkung bat. Sie wollte Frieden in der Familie und da sie meine Mutter war, tat ich ihr den Gefallen.

Es war manchmal sehr verwirrend mit diesem Kerl – Albert –, der mein Vater war: Da war seine große Liebe zu mir und das große Verständnis, das er für mich hatte, wie auch sein Eifer, mir das Leben zu erklären und dann war da diese große Unberechenbarkeit, die von ihm ausging.

In der Rückschau betrachtet, war er ein großartiger Lehrer für mich, besonders, wenn es darum ging, zu lernen, Menschen zu lesen. Das tägliche Zusammensein mit ihm war wie eine große Lektion aus der Schule der Intuition.

INTUITIONSGESCHICHTEN

Die große Freiheit, die ich als Kind hatte, gab mir einen fast endlosen Raum, viele spannende und aufregende Abenteuer erleben zu können, in denen es meistens darum ging, den Weg im eigenen Erleben zu finden und dem eigenen Inneren zu vertrauen. Ein großes Glück, das mir in diesem Leben beschert wurde, ist der Umstand, dass ich ein sehr geliebtes Kind war, besonders die Mutterliebe, die ich erfahren habe, war bedingungslos. Ein Gradmesser für Mutterliebe, ist die Erfahrung, dass das Kind die Mutter alles frei fragen kann und die Mutter diese Frage nicht bewertet, sondern sie auch frei beantwortet. Mutter Mitzi gab ihr Bestes, meine Fragen zu beantworten, dadurch entstanden manchmal äußerst interessante Situationen. Während eines sonntäglichen Mittagessens, mit Vater Albert und Bruder Dieter am Tisch, fragte ich sie, was denn die Worte «schwul» und «geil» bedeuteten. Lässig und ungezwungen erklärte sie mir die Worte. Mein Vater zuckte mit dem Mund und mein Bruder grinste und Mutter Mitzi brachte es auf den Tisch, wie sie auch den Sonntagsbraten und die Spätzle auf den Tisch brachte.

Diese Liebe gab mir die Freiheit und die Basis, einzutauchen, in eine Welt voller tiefer, spiritueller Erfahrungen. Dadurch übte ich ganz natürlich, mich auf meine Intuition zu verlassen und ihr zu vertrauen. Dadurch lernte ich, den Mut gegen die Angst im Leben zu entwickeln. Ich lernte auch, dem, was ich wahrnahm, zu vertrauen und es als Meterstab in meinem Leben zu nutzen.

DER MANN AN DER BUSHALTESTELLE

Mit circa zehn Jahren war ich allein im großen, alten Fachwerkhaus, in dem meine Familie lebte. Auf der anderen Straßenseite war eine Bushaltestelle. Ich schaute aus dem Fenster, an der Haltestelle stand ein Mann mit Mantel und Hut, er hielt sich einen Schirm über den Kopf, es regnete, unsere Blicke kreuzten sich. In diesem Moment sah ich in die Zukunft, ich konnte sehen, was jetzt gleich passieren würde, und ich vertraute in das, was ich sah und fühlte. So war ich in der Lage, zu handeln. Ich rannte und verschloss alle Fenster und Türen im Haus, und als ich an der letzten Tür ankam, stand er da: Er wollte ins Haus. Doch die Türen waren zu, das Kind – ich – war in Sicherheit.

Wieder und wieder erlebte ich in meinem Leben diese Momente, in denen ich klar sehen konnte, was nun gleich passieren wird. Ich war beeindruckt von der Klarheit der Bilder und so kam es, dass ich übte, ihnen zu vertrauen. Heute verstehe ich, dass es mein intuitives Sehen und Verstehen war, das ich mein ganzes Leben trainierte. Sehr früh in meinem Leben lernte ich, diesen inneren Bildern mehr zu vertrauen, als den Worten, die aus unser aller Münder kommen.

DER MANN MIT DER AXT

Im Alter von ungefähr sieben Jahren, ich schlief noch im Schlafzimmer meiner Eltern, hatte ich einen Traum. Der Traum war stark und intensiv und ich wachte davon auf.

Meine Eltern saßen im Wohnzimmer, laut weinend rannte ich zu ihnen, um sie zu warnen. Denn im Traum sah ich einen Mann mit einer Axt, der durch das Schlafzimmerfenster, vor dem schwere Fensterläden hingen, in das Haus meiner Eltern kommen wollte. Meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen, aber ich blieb dabei, dass vor dem Schlafzimmerfenster ein Mann mit einer Axt stünde und ins Haus wollte.

Mein Bruder hörte ein Geräusch, sodass er meinen Vater dazu brachte, zu schauen, was draußen im Garten los war. Beide nahmen sie Stöcke – Besenstiele –, und als sie in der Dunkelheit in den Garten liefen, sahen sie, wie ein Mann mit einer Axt die Fensterläden öffnen wollte. Mit lautem Geschrei und den Besenstielen vertrieben sie ihn. Trotz dem sie mich lobten, konnte ich deutlich spüren, dass alle drei auch irritiert waren, dass ich das alles geträumt – und somit gesehen – hatte.

Immer öfter hatte ich solche oder ähnlich starke Erlebnisse und mein Vertrauen in die eigenen inneren Bilder wuchs. Ich konnte mir selbst schon früh vertrauen und zugleich verstand ich früh, dass dies nicht bei jedem Menschen so ist. Durch die freiheitliche Haltung meiner Eltern, sie ließen meinen Bruder und mich im Großen und Ganzen in Ruhe und mischten sich nicht so sehr in unser Leben ein, hatte ich den Raum und die Zeit, meinem Inneren zu folgen und mein Bewusstsein zu trainieren.

ALBERTS UNFALL

Eines Nachts, es war in Österreich, ich war sieben oder acht Jahre alt, wachte ich mitten in der Nacht von meinem eigenen Schreien auf. Mutter Mitzi war sofort zur Stelle und ich erzählte ihr, was ich gesehen hatte. Es war Vater Albert; er saß im Auto, dieses lag aber im Fluss.

Eine große Angst überfiel mich, ich wusste sicher, dass mein Vater in großer Not war.

Meine Mutter und ich waren in Österreich und mein Vater in Deutschland zum Geldverdienen und in dieser Nacht wollte er nachkommen. Am Abend nach der Arbeit plante er, mit dem Familienkäfer über die Berge nach Österreich zu fahren, und meine zwei geliebten Puppen mitzubringen.

Meine Mutter hatte große Schwierigkeiten, mich zu beruhigen. Doch als Vater Albert am nächsten Morgen nicht zur vereinbarten Zeit erschien, wurde sie sehr nervös.

Sie schickte zwei ihrer Brüder los, um Albert entgegenzufahren, und 30 Kilometer entfernt fanden sie den Käfer im Fluss liegen, der über eine lange Strecke neben der Straße fließt. Albert saß neben dem Auto im Gras, er hatte einen Schock. – Gustl und Franz zogen den Käfer aus dem Fluss und brachten Albert und das Auto nach Hause.

Als Albert die Tür öffnete, war ich sehr glücklich, doch als er mir sagte, dass stattdessen meine zwei Puppen gestorben seien, weinte ich sehr. Er wiegte mich in seinen Armen und ich fühlte seine Vaterliebe und Fürsorge.

AM FLUSS

Wieder in Österreich, ich war circa zwölf Jahre alt, hingen meine Cousine und ich am Fluss herum. Besonders Spaß machte es uns, mit alten aufgepumpten LKW-Schläuchen den Fluss hinunter zu düsen. Neben der Flussaue waren die Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, dort hingen die älteren Jungs ab. Den Jungs war es offensichtlich langweilig und so kamen sie zu uns rüber.

Edith, eine Freundin von uns, sah, wie sie kamen und hörte, was sie miteinander sprachen, und sie sagte zu mir, «Renn, die wollen das deutsche Mädchen!» Wow, sofort wurde mein inneres Tier wach, mit einem Handtuch, im Bikini und barfuß, fing ich zu rennen an. Wo auch immer diese her kam, irgendwie spürte ich eine Art Superkraft in mir. Als mich die fünf Jungs rennen sahen, nahmen sie mit voller Kraft die Verfolgung auf. Im Übrigen wurde das von den Männern gejagt werden, für viele Jahre eine meiner Haupterfahrungen mit der Männerwelt.

Die Stärke, die sich in mir aufbaute, den Jungs zu entkommen, kam daher, dass ich mich total auf das Entkommen, in diesem spezifischen Moment fokussieren konnte. Mein ganzes Bewusstsein war im Entkommen und in der Bereitschaft, alles dafür zu tun. So war es mir möglich, dem Moment des Lebens zu antworten und die richtigen Schritte zu tun. Als die Jungs sahen, dass ich bereit war, barfuß durch Kloaken und Müllkippen zu rennen, war ihnen der Preis zu hoch – mir nicht. Meine Bereitschaft, alles zu riskieren, um ihnen zu entkommen, war zu 100 Prozent wach. Sie spürten dies und gaben auf.

Den Geruch von Gefahr erkennen und schnell rennen können, wurde, besonders im Zusammenhang mit der Männerwelt, eine meiner Lebensstrategien.

KINDERGEFÜHLE

Diese und viele andere starke Erfahrungen meiner Kindheit und Jugend, gaben mir die Möglichkeit, mit meiner Intuition zu spielen. Dieses ursprüngliche Vertrauen in meine Intuition hat mich immer auf dem mystischen Weg gehalten und mir geholfen, den Mut fürs Gute in mir weiterzuentwickeln.

Mit sechs Jahren lernte ich das Fahrradfahren und ich liebte es, mit meinem roten «Hercules»-Klappfahrrad durch das Städtchen zu fahren. Es war die große Freiheit für mich. Eine Erinnerung, die immer wieder auftaucht, ist die Spannung und Aufregung auf dem Fahrrad und in gefährlichen Situationen, sprach ich zu mir selbst: «In solch einer Situation war ich noch nie.» Sehr früh in meinem Leben, war in mir das klare Bewusstsein für den Moment des Lebens; ich konnte den Moment wahrnehmen und täglich übte ich, zu hören und zu antworten.

In meiner früheren Kindheit gab es viele Situationen in denen ich unter dem Wohnzimmertisch saß. Dies waren für mich ein sicherer Ort und eine konfliktfreie Zone. Da saß ich und beobachtete die Erwachsenen. Was ich da sah, das hat mir Angst gemacht und so gar nicht gut gefallen.

Die Eckbank meiner Oma war im Gegensatz zu unserem Wohnzimmertisch ein Ort der Angst und Verwirrung. Da presste ich mich in die letzte Ecke und zog meine Beine und Füße hoch, denn unter dem Tisch war Caesar, ein großer Wolfshund. Er gehörte einem meiner Onkel, einem der Brüder meines Vaters. Die männlichen Erwachsenen machten sich einen Spaß aus meiner Angst vor Caesar, sodass sie sich selbst groß und mächtig fühlen konnten.

Wenn ich mich recht erinnere, tauchte schon damals so etwas wie Mitgefühl in mir für die Männer auf; irgendetwas stimmte nicht in dem Spiel, das sie spielten.

Wie sich die Männer zu den Frauen verhielten, gefiel mir nicht. Da beschloss ich, dass ich niemals eine Frau werde oder dass ich wenigstens neutral bleibe. Überall sah ich, das Unrecht, das Frauen angetan wird – nicht nur meiner Mutter, ich konnte es überall in meiner kleinen Kinderwelt fühlen.

Nein, nein, nein. Nicht mit mir …

Über die Jahre verstand ich, es führt kein Weg daran vorbei, ich werde als Frau leben müssen. Da ich mich für die Anpassung an die klassische Frauenrolle nicht gut eignete und niemals ein willenloses Weibchen aus mir werden konnte, war es wohl das Beste, jede Gelegenheit zur Flucht zu nutzen und zu lernen, das Schwert zu führen.

Heute lebe ich gerne als Frau und mag es, das Leben von dieser Seite zu leben, doch immer noch trifft mich das Unrecht, das meinen Schwestern in aller Welt angetan wird, tief ins Mark.

ALBERT

DER MANN, DER MEIN VATER WAR

Meine Eltern haben nie ein Haus gekauft oder gebaut, meist sind sie mit dem Geld, das sie verdient haben, zwischen Österreich und Deutschland hin- und hergefahren oder mein Vater half anderen Menschen und gab etwas von seinem Geld ab.

Albert war ein sozial, politisch engagierter und ein sehr großzügiger Mensch. Dies hat er versucht, an seine Kinder weiterzugeben.

Albert verpasste die Kindheit seines Sohnes, meines Bruders, weil er während dieser Zeit sehr viel Alkohol trank. Als er mein Vater wurde, hatte er eine Therapie hinter sich und trank nicht mehr.

In meiner Kindheit war er viel wacher und präsenter. Und er wollte, dass ich ein politisches Verständnis entwickelte. Albert kam aus einer Arbeiterfamilie, die im Widerstand gegen Hitler war – er war Sozialist. Alle Männer der Familie verbrachten viele Jahre, aus politischen Gründen im Konzentrationslager. Um dem Konzentrationslager zu entkommen, meldete sich Albert freiwillig zur Marine; zweimal wurde das Schiff, auf dem er war, abgeschossen und er verbrachte viele Stunden allein mit seiner Schwimmweste im Mittelmeer. Später erzählte er mir von seinen Erkenntnissen, die er während dieser Momente in seinem Leben hatte. Es waren die Momente, in denen er verstand, dass jeder Mensch allein in seiner eigenen Realität ist und dass jeder somit seine eigene Realität hat. Viele Jahre später sollten mir diese Erkenntnisse, im Rahmen der Quantenphysik und der Bewusstseinsforschung, wieder begegnen.

Alle Männer der Familie überlebten den Zweiten Weltkrieg und alle Männer der deutschen Seite der Familie verfielen nach dem Krieg dem Alkohol und schlugen ihre Frauen. Onkel Robert schlug Tante Minna, Onkel Adolf schlug Tante Marie, Onkel Albert schlug Tante Gerda und so weiter.

Auch Albert, mein Vater verfiel dem Alkohol. Als er das erste Mal auf meine Mutter losging, war er sehr betrunken. Sie erzählte mir, dass er sie mit einem Messer in der Hand angriff, doch ein alter, harter Brotlaib war ihre Rettung. Sie entriss ihm das Messer und schlug ihm das alte harte Brot auf den Kopf. Das war ein klares Statement, sollte er noch einmal versuchen, auf sie loszugehen, würde sie ihn sofort verlassen und den gemeinsamen Sohn würde sie mitnehmen.

Albert hat nie wieder versucht, meine Mutter zu schlagen, und so wurde sie die einzige ungeschlagene Frau in der Familie. In dieser Beziehung war sie ein großes Vorbild für mich, sie hat als einzige Frau in dieser schwäbischen Arbeiterfamilie, den Durchbruch geschafft, denn sie konnte die Schamseite von Albert zum Klingen bringen, sodass er nie wieder die Hand gegen sie erhob. Das machte sie auch in den Augen der anderen Frauen zu einer mutigen Frau und als sie dann auch noch im Alter von 50 Jahren den Führerschein machte, war ihr die Bewunderung der anderen Frauen sicher.

Als Gerbermeister arbeitete Albert in einer Lederfabrik und war der Vorsitzende des Betriebsrates und der örtlichen Gewerkschaft.

Als die ersten italienischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen, hieß Albert sie willkommen und empfing sie in unserem Wohnzimmer. Er war immer willens, zu helfen. Er liebte es und mich lehrte dies die Freude des Gebens und Teilens. Außerdem liebte Albert andere Länder und Kulturen, mich lehrte dies eine Offenheit für das andere. Wahrscheinlich wurde damals die Basis dafür geschaffen, dass mich bis heute das Zusammensein mit Menschen aus anderen Kulturen, sehr inspiriert. Es hat mich immer unterstützt, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen. Wenn es darum ging, außerhalb der Familie zu helfen, war Albert immer bereit für das Gute und er war gewillt, den Weg der Gerechtigkeit zu gehen. Sein bester Freund in diesen Tagen war Nico, ein italienischer Kollege von ihm, und so wurde Anna, Nicos Tochter, meine beste Freundin. Schon damals war «Multikulti» mein Ding.

Alberts Haltung innerhalb der Familie war nicht immer so eindeutig und oft litten wir Kinder und meine Mutter unter seinen unvorhersehbaren cholerischen Ausbrüchen. Er war ein sehr schöner, interessanter und charismatischer Mann mit einer tiefen Ausstrahlung, der sich für die Gerechtigkeit in seiner Welt einsetzte. – Manchmal nahm er mich mit zu den Erster-Mai-Demonstrationen und einmal musste ich Willy Brandt ein Sträußchen Blumen übergeben und seine Hand schütteln. Für Albert war dies sicher sehr aufregend – für mich als Kind auch, denn ich wollte es für ihn richtig machen.

Albert mietete ein Jagdhaus am Waldrand, es stand auf einer Lichtung unterhalb einer mittelalterlichen Burg, dort hat die Familie viele Wochenenden verbracht, es war eine gute, friedvolle Zeit. Die Familienschildkröten Schilli und Max durften jedes Mal mit und manchmal auch meine Freundin Inge. Dann spielten wir Tarzan und Jane und die zwei Schildkröten waren die wilden Tiere. Albert staute den Bach,