Menschenfischer - Markus Veith - E-Book

Menschenfischer E-Book

Markus Veith

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Beschreibung

Kurz vor Ostern wird der Volontär Patric spontan und unvorbereitet in ein Interview geschickt. Die Künstlerin Elisa Hain will die Hintergründe des Rosenmontagsanschlags aufdecken, der Wochen zuvor verübt wurde. Bei dem noch nicht identifizierten Todesopfer, so behauptet sie, handele es sich um ihre Nichte Susanne. Während die Künstlerin den bizarren Leidensweg ihrer Nichte beschreibt, führt sie den Volontär zu Orten, an denen sich Susannes Lebensgeschichte zugetragen haben soll. Patric bemerkt, dass Elisa panisch auf stadtbekannte Gestalten reagiert, die allgemein als Spinner belächelt werden. Schließlich weiht sie Patric in das mysteriöse Wirken des "Klubs der Menschenfischer" ein, in dessen Kreis auch Susanne aufgenommen worden war. Sie hatte eine Geheimidentität entwickelt: die "Eule". Durch ihre Liebesbeziehung mit dem "Prediger", einem Ex-Menschenfischer, zerstritt sich Susanne mit dem Geheimbund, was zu einem skurril-dramatischen Kleinkrieg führte, der darin gipfelte, dass Susanne bei jenem Bombenanschlag ums Leben kam. Da Patric Beweise verlangt, führt Elisa Hain ihn zum abgelegenen Klubhaus der Menschenfischer. Eine grausige Entdeckung lässt ihn Hals über Kopf flüchten.

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Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Über dieses Buch

Kurz vor Ostern wird der Volontär Patric spontan und unvorbereitet in ein Interview geschickt. Die Künstlerin Elisa Hain will die Hintergründe des Rosenmontagsanschlags aufdecken, der Wochen zuvor verübt wurde. Bei dem noch nicht identifizierten Todesopfer, so behauptet sie, handele es sich um ihre Nichte Susanne. Während die Künstlerin den bizarren Leidensweg ihrer Nichte beschreibt, führt sie den Volontär zu Orten, an denen sich Susannes Lebensgeschichte zugetragen haben soll.

Als Patric von dem Klub der Menschenfischer erfährt, einem skurrilen Geheimbund stadtbekannter Gestalten, wittert er einen Knüller. Doch bald kann er nicht mehr zwischen Schein und Sein unterscheiden.

Markus Veith

Menschenfischer

© 2014

Die handelnden Personen und ihre Schicksale sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt.

1. Auflage März 2014

©2014 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung:

OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

Printed in Germany

ISBN 978-3-942672-24-5

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Inhaltsverzeichnis

Zitat

Ostern 2005

Gründonnerstag

Karfreitag

Karsamstag

Ostern 2006

Ostersonntag

Über den Autor

„Mache dir auf jeden Vers

deine eigene Melodie,

und auf jede Melodie

deinen eigenen Vers,

und lass sie

– wenn es geht –

andere singen.“

S. J. L.

Ostern 2005

Gründonnerstag

Damit hatte Patric nicht gerechnet. Und er hasste es, unvorbereitet zu sein.

Er war noch damit beschäftigt, die Artikel aus dem Archiv zu überfliegen, da erschien Elisa Hain bereits in der Redaktion. Bei der Begrüßung streifte sein Blick die Wanduhr: neun Uhr vierzig. Sie war zwanzig Minuten zu früh!

Aus den alten Reportagen wusste er immerhin, dass Frau Hain das Hans-Köppchen-Haus leitete. Von Beruf Sozialpädagogin, hatte sie sich nebenher einen nicht unbedeutenden Namen als bildende Künstlerin gemacht. Bei den Artikeln waren allerdings ausschließlich Fotos von den Werken der Künstlerin, nicht von ihr selbst. ‚Darauf hat sie bestanden‘, hatte ihm Britta erklärt, bevor sie zu einem Pressetermin musste. ‚Die Hain betont immer ausdrücklich, sie wolle ihre Kunst präsentieren, nicht sich selbst.‘

Patric verstand nicht viel von Kunst, aber ungeachtet dessen, dass er den tieferen Sinn dieser Werke – sofern es ihn gab – nicht begriff, hätte er keine ästhetischen Bedenken gehabt, sich eine Hain-Skulptur in die Wohnung zu stellen.

Er hatte schon befürchtet, sie sei eine aufgetakelte Fregatte, die ihn mit esoterisch-kreativen Impulsen zumüllt. Aber sein Klischeedenken hatte ihn in die Irre geleitet. Sie war überraschend jung, Mitte dreißig etwa. Rein äußerlich betrachtet hätte er sie durchaus als interessant bezeichnet, ohne es als Floskel zu meinen. Vor allem das resolute Auftreten der Künstlerin beeindruckte den jungen Mann. Sie hatte kurze, schwarze Locken und ein schmales Gesicht mit energischem Kinn. – Energisch. Ja, das Wort passte. Ihr Händedruck hatte sich wie eine Schnappfalle angefühlt. Ihre Bewegungen und ihre Kleidung, Jeans und Leder, wirkten maskulin, doch weder übertrieben noch aufgesetzt. Keine Handtasche oder Ähnliches. Das einzige, an ihr eher unschlüssig wirkende Accessoire war eine rote Nelke, die am Kragenaufschlag ihrer Lederjacke steckte. ‚Auch gewerkschaftlich aktiv, hm? Elisa dampft in allen Gassen‘, mutmaßte Patric. ‚Liebhabern fordert sie sicher ein hohes Maß an Selbstbewusstsein ab. Sofern sie Männer bevorzugt.‘

Als er die Frau in den Besprechungsraum führte, blieb sie im Türrahmen stehen. „Hier ist es ungemütlich“, äußerte sie nach einem Blick durch das nüchterne Zimmer. „No chance. Gehen wir woanders hin.“

Patric hob die Brauen, konnte aber nicht behaupten, dass ihm dieser offen und direkt geäußerte Wunsch (vielmehr Befehl) ungelegen kam. Sollte er sich, schlecht vorbereitet wie er war, vor der Dame blamieren, bekam es in der Redaktion wenigstens niemand mit.

„Unten an der Ecke ist ein Café, wo wir uns …“

„Great“, nickte die Künstlerin.

Sie ging voraus und hielt dem Jüngeren die Tür auf, während der noch seine Umhängetasche auf Vollständigkeit durchwühlte. Im Hausflur nahm sie die Treppe statt des von ihm bevorzugten Lifts. Patric vermerkte geistige Notizen: Wie die Riemann in den meisten ihrer Filme und anglizismenverliebt. Die Idee, sie in einem späteren Artikel zu gebrauchen, verwarf er schnell.

Draußen überließ sie ihm die Führung. Es war Gründonnerstag. Der Frühling hielt sich kühl zurück, als fände er Sonnenwärme noch nicht angebracht. Weiter oben pulsierte der Betrieb der Innenstadt, doch das Café Clochard befand sich in einer benachbarten Gasse und war um diese Tageszeit kaum besucht.

Elisa Hain wählte kurz entschlossen einen Tisch am Fenster. Die Lederjacke schwang sie über die Stuhllehne, setzte sich, kramte sofort eine Gauloises-Packung aus der Innentasche und öffnete sie. Etliche Zigaretten fehlten bereits, ein Feuerzeug steckte in der Lücke. Sie zog es heraus.

Patric nahm den Stuhl ihr gegenüber. „Kaffee?“

Das Feuerzeug verharrte in ihrer Hand, die Flamme vibrierte wie eine Fackel vor dem Zigarettenende. Die Künstlerin schien die Frage nicht gehört zu haben. Ihre Miene hatte sich plötzlich verfinstert.

Der junge Mann folgte ihrem Blick in die hinterste Ecke der Kneipe, wo außer den zwei Opas, die wie üblich Schach spielten, nichts Ungewöhnliches zu sehen war. Er wandte sich wieder ihr zu. „Frau Hain?“

Sie zuckte zusammen, sah verwirrt um sich, als habe er sie aus einem Tagtraum gerissen. „Ja?“

„Entschuldigung … Möchten Sie einen Kaffee?“

Sie nickte, entzündete endlich die Gauloises und unterdrückte ein Husten.

Patric orderte zwei Kaffee bei der Kellnerin. Dann begann er, in der Tasche nach seinem Aufnahmegerät zu kramen.

Als er vor vier Wochen sein Volontariat beim Westfälischen Kurier begonnen hatte, war sein MP3-Player den technikbegeisterteren Redaktionskollegen sofort aufgefallen. Das Gerät war nicht größer als zwei aneinandergelegte Finger, besaß eine Diktierfunktion und sogar Lautsprecher. Andere Mitarbeiter hatten Patric eher belächelt. Ihm war klar, dass bei Lokalreportagen Block und Stift voll ausreichten. Er hätte sich dieses zierliche Wunderwerk auch niemals selbst gekauft, aber seine Tante hatte es bei eBay ersteigert und ihrem Neffen zum Geburtstag geschenkt. Inklusive einer Handvoll USB-Stecker. Sie war der Meinung, ein guter Reporter müsse auch gut ausgerüstet sein. Patric seinerseits sah den größten Vorteil des Gerätes immer noch darin, unterwegs Musik hören zu können. Er hatte die Aufnahmefunktion des Players bisher erst ein Mal gebraucht, als er, am Morgen nach einer Fete noch ziemlich verkatert, in einer Pressekonferenz hatte sitzen müssen. Er stellte den kleinen technischen Gehilfen auf die Tischplatte. Als er die Aufnahmetaste drücken wollte, wurde seine Hand festgehalten.

„Warten Sie.“

„Worauf?“, fragte er irritiert.

„Wer sind diese beiden Männer da?“ Sie wies mit der Zigarette zu den Schach spielenden Opas. „Kennen Sie die?“

„Die? Och, die sind immer hier. Gehören quasi zum Inventar.“ Er schmunzelte. „Jedes Mal, wenn wir für Besprechungen oder Interviews herkommen, brüten die zwei über ihren Figuren. Kann mich nicht erinnern, mal ihre Stimmen gehört zu haben. Keine Ahnung, ob sie auch miteinander reden.“ Er neigte sich vor und sprach gedämpft weiter, wobei er belustigt gluckste: „Neulich äußerte ein Kollege den Verdacht, man habe das Clochard bestimmt um die beiden herum gebaut. Und ein anderer behauptete, jedes Mal, wenn er sie beobachte, gewinne der mit den weißen Figuren. Komisch, oder?“

Elisa Hain lächelte nicht einmal. Muskeln wölbten sich an ihrer Schläfe. Sie sog hektisch am Filter und musste erneut husten. Ihre bisherige Souveränität schien wie fortgewischt.

„Ist was nicht in Ordnung?“

„Doch, doch“, murmelte sie fahrig. „Wahrscheinlich …“ Der Satz versiegte. Schroff winkte sie ab.

Während die Kellnerin die Getränke brachte, wühlte Patric erneut in seiner Tasche. Diesmal nach Block und Kuli. Er wollte beides zusätzlich parat haben.

Dies war natürlich nicht sein erstes Interview. Schon vor seinem Volontariat hatte er als freier Mitarbeiter für den Kurier gearbeitet, doch war es ihm bisher gelungen, solche Termine nie völlig blind anzugehen. Die Order für dieses Treffen hier war ihm aber erst vor einer Stunde durch Britta vermittelt worden.

‚Bleib ruhig‘, hatte die erfahrenere Kollegin ihm geraten. ‚Die Hain ist keine Riesennummer. Sie ist bestenfalls lokalprominent. Sorry, aber Brechtmann sagt, du bist der Einzige, der momentan frei ist.‘ – ‚Ich kenne die Frau gar nicht. Nie von ihr gehört. Du darfst zu deiner Stadtratsitzung und mich hängt man in die Seile. Super!‘ – ‚Sieh es als Kaltstart-Praxis. Wirst’e hier noch häufiger erleben.‘

Britta war fünf Jahre älter als er und seine Ausbildungsredakteurin. Patric mochte die attraktive Reporterin sehr und glaubte auch bei ihr ein gewisses Interesse an ihm zu erkennen. Sie hatte ihm oft geholfen. Aber heute war auch ihr Terminkalender voll.

‚Schau mal im Archiv nach‘, hatte sie ihm noch eilig geraten. ‚Szporniak hat einiges über sie verfasst. Die Hain kümmert sich um die Jugendlichen in der Nordstadt. Brennpunkt-Kids und so. Wirkt ziemlich resolut. Macht manchmal auf exzentrisch, wenn es um ihre Kunst geht. Manfred meinte aber, das täuscht.‘ – ‚Du hast sie zumindest mal kennengelernt.‘ – ‚Ja. Aber nur flüchtig und am Telefon. Ich sag dir gleich: Die Gute kann ziemlich aufbrausen, wenn sie falsch zitiert worden ist. Schreib Hain bloß mit a-i!‘

Elisa Hain (‚mit a-i!‘) hatte sich wieder im Griff. Sie saß zurückgelehnt, rauchte und beobachtete ein wenig belustigt, wie der Volontär mit Block und Kuli und Tasche hantierte, bis endlich alles an seinem Platz war.

„Also gut.“ Unbehaglich rutschte Patric auf dem Stuhl hin und her. Er hatte sich vorgenommen, seine Karten auf den Tisch zu legen und seine Unwissenheit zuzugeben, selbst wenn dies unprofessionell wirken sollte. „Ich weiß, Sie sind der Redaktion durch Ihre Projekte bekannt. Unser Feuilletonist, Herr Szporniak, hat ja schon mehrmals über Sie geschrieben, aber … nun ja, er ist derzeit im Urlaub …“ Er ärgerte sich selbst über seine behutsame Formulierung. „Daher sitze ich jetzt mit Ihnen hier. Aber, und nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Frau Hain, ich …“

„Sie sitzen hier nicht, weil Sie Herrn Szporniak vertreten“, unterbrach ihn die Künstlerin und ließ zum ersten Mal so etwas wie ein dünnes Lächeln erkennen. „Ich habe explizit darum gebeten, dass Sie sich mit mir treffen.“

Patric war baff. Das hatte man ihm nicht gesagt. „Aber …“, er räusperte sich, „eigentlich ist Kultur nicht mein Ressort. Jedenfalls noch nicht. Was Sie machen, ist mir zwar bekannt, aber nur …“

Sie schüttelte den Kopf. „No problem. Was ich Ihnen erzählen werde, hat nichts mit einem meiner Projekte zu tun. Ich möchte Ihnen eine Geschichte anvertrauen. Und ich will mit Ihnen darüber sprechen, da ich weiß, dass Sie auch literarisch tätig sind.“

Der junge Mann sank gegen die Stuhllehne.

In der Tat hatte er Ende des vergangenen Jahres seinen ersten Roman veröffentlichen können. Das war durchaus bekannt. Erst vor einigen Wochen hatte es im Kurier gestanden (natürlich mit der Erwähnung, dass Patric Kolbe seit Jahren als Mitarbeiter der Redaktion tätig sei) und in der Stadtbibliothek hatte er bei einer offiziellen Buchpremiere einige Kapitel vorgelesen. Die Veranstaltung war recht gut besucht gewesen; schon möglich, dass die Hain unter den Zuhörenden gesessen hatte. Wollte sie ihm jetzt etwa …

Patric schob seinen Argwohn rasch beiseite. Nein, Elisa Hain dürfte es sich in ihrer Position kaum leisten können, ihm auf solch dubiose Weise eine Romanidee anzubieten.

„Sie wollen also gar nicht, dass ich einen Artikel schreibe?“

„Ob die Story als Artikel oder Roman oder überhaupt an die Öffentlichkeit kommt: Whatever, diese Entscheidung überlasse ich Ihnen.“ Die Künstlerin betrachtete die Glut ihrer Gauloises, als rede sie mit ihr. „Nun?“

Der Volontär atmete durch. „Worum geht es denn?“

Sie warf den beiden Schachspielern einen flüchtigen, deutlich ablehnenden Blick zu und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. „Was wissen Sie über den Rosenmontagsanschlag?“

Patric runzelte die Stirn. Dieser Vorfall lag schon fast sechs Wochen zurück und war landesweit durch die Presse gegangen. Damals hatte er sein Volontariat noch nicht begonnen, war nicht in der Stadt, sondern bei seinen Eltern im Sauerland gewesen, um seinen neuen Roman zu vollenden. Abseits des Karnevaltrubels. Er ärgerte sich immer noch darüber, dass etwas so Spektakuläres ausgerechnet dann geschehen war, als er woanders die Ruhe hatte genießen wollen. In Gedanken spulte er die Fakten ab, die er damals aus den Nachrichten gesaugt hatte:

Die Bombe war gegen fünfzehn Uhr an der Claaßenpassage detoniert. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Umzug sich jedoch bereits über die Wallstraße Richtung Friedensplatz bewegt. Die meisten Jecken, die für das Spektakel in die Innenstadt gepilgert waren, hatten sich also am anderen Ende der City aufgehalten. Trotzdem gab es ein Opfer: eine Frau. Zunächst war man davon ausgegangen, dass sie etwas mit dem Anschlag zu tun habe, aber dann hatten Spezialisten festgestellt, dass die Kofferbombe von jemand anderem gezündet worden sein musste.

„Soweit ich weiß, sind die Ermittlungen noch im Gange. Das Letzte, was die Kripo verlauten ließ, war, dass die Bombe vermutlich unkontrolliert und zu früh losgegangen sei, bevor die Täter sie irgendwo in der Menschenmenge platzieren konnten. Es dürften also kaum Profis am Werk gewesen sein. Oder es war nur eine Warnung. Meines Wissens hat sich bisher keine Organisation zu dem Anschlag bekannt.“ Er kicherte. „Vielleicht schämen die sich, weil es schief gelaufen ist. Aber diese Frau soll es übel zerrissen haben. Angeblich ist ihre Identität noch immer nicht sicher. Wird scheinbar von niemandem vermisst. Oder sie war eine Touristin, die niemandem erzählt hat, wo sie hinfährt und dann zur falschen Zeit am falschen Ort war. Dumm gelaufen. Die Ecke an der Claaßenpassage sieht jedenfalls ziemlich ramponiert aus. Wenn man bedenkt, dass alles viel schlimmer hätte ausgehen können …“

Elisa Hain atmete scharf ein. „Meiner Meinung nach“, sagte sie gedehnt und drehte langsam die Tasse in ihrer Hand, „werden Vorfälle dieser Art nach zweifelhaftem Maß gewertet. Ich bin jedes Mal irritiert, wenn es heißt: Gott sei Dank, nur eine Tote.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch“, wandte Patric behutsam ein, „aber ich möchte ebenfalls behaupten, dass es glimpflich abgelaufen ist. Verhältnismäßig. Bedenkt man, dass sich zur selben Zeit auf dem Friedensplatz annähernd zweitausend Menschen aufhielten, eher noch mehr. Der Anschlag hätte auch gelingen können.“

Er bemerkte, wie Elisa Hain bei seinen Worten die Zähne zusammenbiss. „Und ich behaupte“, sagte sie, und ihre Stimme klang fest wie die eines Staatsanwalts während seines Plädoyers, „ich behaupte, dass das Attentat durchaus gelungen ist. Das Ziel war nicht der Rosenmontagszug. Die Bombe hat exakt die Person getötet, für die sie gedacht war.“

Der junge Mann starrte sie an. Eine Ahnung beschlich ihn. „Sie wissen, wer diese Unbekannte gewesen ist?“

„Sie hieß Susanne Nemus.“ Sie schluckte. „Meine Nichte.“

Patric schimpfte sich stumm einen Volltrottel.

„Ich nehme es Ihnen nicht übel“, fuhr die Künstlerin leise fort. „Bisher habe ich bei der Kriminalpolizei keine Aussage gemacht und bin noch unschlüssig, ob es nicht besser ist, es dabei zu belassen. Anyway: Ich weiß genau, dass es Susanne gewesen ist. Sie sollte zum Schweigen gebracht werden. Alles andere drum herum war nur Augenwischerei.“

Der Herzschlag des jungen Reporters wechselte in einen Spurt. Wenn das wahr sein sollte und sich beweisen ließe … Nie im Leben hätte er sich träumen lassen, während seines Volontariats auf eine solche Sensation zu stoßen. Und er schätzte die Leiterin des Köppchen-Hauses nicht als Klatschtante ein, die irgendeinen Quatsch erzählte, um sich interessant zu machen. Innerlich jauchzend versprach er dem Gott des Journalismus ein Dankesopfer.

Doch ermahnte er sich zur Besonnenheit. Er bemühte sich, nicht zu zittern, als er das Aufnahmegerät einschaltete. „Also gut. Dann erzählen Sie mal.“

Sie zögerte, zündete sich eine neue Zigarette an. „Ich muss weit ausholen, fürchte ich. Es ist komplizierter, als Sie sich vorstellen.“

Patric sah, wie auch ihre Finger zitterten. Ihr Blick schien in der Luft nach Zeilen zu suchen, die sie ablesen konnte. Er kam auf den Gedanken, dass Elisa Hain ihre Geschichte nicht nur aufdecken‚ sondern sie vor allen Dingen jemandem erzählen wollte. ‚Um sie sich selbst zu erklären. Wenn sie schon zögert, zur Polizei zu gehen, kann es wirklich nicht leicht sein.‘

Die Künstlerin blies den Rauch empor. „Ich lernte Susanne auf der Bestattung meines Bruders – ihres Vaters – kennen …“

„Moment“, unterbrach der junge Mann sofort.

Frau Hain hob die Hand. „Ich weiß: Wieso kennenlernen, wenn wir verwandt gewesen sind. – Meine Beziehung zu Harald konnte man lange als … gereizt bezeichnen. Eine dumme Streiterei. Längst passé und hier nicht von Belang. Sie wissen vielleicht, wie sich so etwas hochschaukeln kann. Vor allem zwischen Geschwistern, die ein großer Altersunterschied trennt. – Jedenfalls hatte ich meine Nichte zuvor zehn Jahre nicht gesehen. Zuletzt siebenundachtzig, zu ihrer Kommunion. Da war Susanne neun. Ein ungemein hübsches Kind. Ich weiß noch, wie ihr früher oft gesagt wurde, dass sich später sicherlich erst die Jungs und dann die Männer um sie reißen würden. Ihre Augen … sie waren fantastisch. Wie zwei Bergseen: blau und geheimnisvoll, unergründlich. Aber zehn Jahre später …“ Ein missmutiger Laut entrang sich ihr. „Diese Entwicklung konnte nicht allein von Trauer herrühren. Ihre Eltern lebten bereits über acht Jahre getrennt und …“

„Stop, Moment!“, schaltete Patric sich erneut ein. „Bitte. Nicht durcheinander.“

„Okay.“ Sie nickte gefasst. „Susannes Eltern lebten seit neunundachtzig nicht mehr zusammen, haben sich aber nie scheiden lassen. Fragen Sie mich nicht nach Details. Ich habe mich erst wieder mit meinem Bruder versöhnt, als er nicht mehr bei seiner Familie wohnte. Dagmar und er vollführten eine Schlammschlacht, die an Scheußlichkeit kaum zu überbieten war. Vorwürfe, Ehebruch, die ganze Palette. Zuerst wurde Susanne monatelang hin und her geschoben wie eine Blumenvase, dann riss die Mutter sie schließlich an sich.“

„Es kam zu einem Prozess?“

„Ja.“ Sie strich ihre Zigarette am Aschenbecherrand ab, spitzte sie wie einen Bleistift an. „Zugegeben. Mein Bruder war kein Unschuldslamm; kann man nicht behaupten. Es gab Zeiten, da habe ich ihn ein Schwein geschimpft. Doch wenn ich heute daran denke, dass er schließlich mit Dagmar verheiratet war“, sie rollte mit den Augen, „dann kann ich seine frühere Lebensweise sogar nachvollziehen.“

„Susannes Mutter hat also die Vormundschaft erhalten?“

„Nicht nur das. Harald besaß eine florierende Spedition. Der Anwalt, der Dagmar im Prozess vertrat, war ein gerissenes Kerlchen. Er erstritt für sie das Haus am Weilerwäldchen. Vielleicht kennen Sie es: diese alte Villa in Weilersbach. Darüber hinaus erhielt sie gepfefferte Alimente und das Urteil berechtigte sie, Harald den Kontakt zu seiner Tochter zu untersagen. Really, dieser kleine Winkeladvokat muss wie ein Wirbelsturm prozessiert haben. Weiß der Kuckuck, wie er das hinbekommen hat. Und Dagmar hat diese Entscheidung rigoros ausgenutzt. Sie hat Susanne abgeschottet und ihr jeglichen Umgang mit der väterlichen Verwandtschaft verboten. Auch mit mir.“

Patric wollte den Überblick behalten. „Zur Zeit der Trennung … da war Susanne wie alt?“

„Elf. Der Prozess muss schrecklich für sie gewesen sein. Und die Folgen …“ Elisa Hain verharrte. Als sie zu heftig an der Zigarette sog, musste sie husten. „Es war falsch“, krächzte sie. „Es war einfach falsch.“ Sie räusperte sich, verzog dabei das Gesicht, als müsse sie einen Frosch verschlucken. „Ich glaube, Harald hatte einfach irgendwann die Schnauze voll von dieser Misere und wollte endlich seine Ruhe haben. Außerdem hatte er Karin kennengelernt. Eine sehr nette Person und nach diesem Debakel genau die richtige Frau für ihn. Bei ihr wurde er zahm und liebenswert wie ein Schoßhündchen. – Na ja, eher wie ein Bernhardiner. Bis zu seinem Tod lebte er mit ihr zusammen.“

„Wann ist Ihr Bruder gestorben?“

„Vor sieben Jahren. Siebenundneunzig. Krebs.“ Sie hatte die Zigarette ausgedrückt, rührte nun nachdenklich in ihrer Tasse. „Wissen Sie, ich habe mich niemals gern mit den Toten beschäftigt. Ich mache Kunst, um etwas zu erschaffen. Und ich arbeite mit Jugendlichen, um ihnen ein besseres Vorankommen zu ermöglichen. Mein ganzes Wirken ist Leben. Beerdigungen finde ich abscheulich. Ich muss immer daran denken, wie schmucklos der Sargdeckel auf der Seite des Verbrauchers ist. Aber ich wollte meine Nichte wiedersehen. Das war für mich der Grund, zu der Trauerfeier zu gehen.“

Patric wollte ihr sagen, dass sie sich vor ihm gewiss nicht rechtfertigen müsse, hielt es dann aber für besser, wieder auf die Geschichte einzulenken. „Susanne dürfte zu dem Zeitpunkt …“ Er kniff die Augen zusammen.

„Sie war neunzehn“, kam Elisa Hain ihm zuvor.

„Und war ihre Mutter auch bei der Beisetzung?“

„Sure. Schließlich war sie die Witwe.“ Sie sprach die Worte wie den Titel eines Theaterstückes aus. „Formell war dem leider nicht zu widersprechen. Ich unterstelle dieser Frau aber, dass sie nur kam, um Susanne im Auge zu behalten. – Es war beschämend: Jeder wusste genau, wie dreist damals die Unterhaltsforderungen aus Harald herausgewrungen worden waren, und ich vermute, der eigentliche Grund, weshalb sie ihr albernes Geschluchze ins Taschentuch heuchelte, war der, dass sie sich nicht sicher war, ob sie jetzt noch Anspruch auf Fortzahlungen hatte. Sein Vermögen erben konnte sie nämlich nicht. Dafür hatte Harald gesorgt. Und Karin … Ach, sie war zu höflich. Sie brachte es nicht fertig, Dagmar zu sagen, dass sie beim anschließenden Essen im Lokal nicht erwünscht sei. Aber vielleicht tat sie es Susanne zuliebe nicht.“

Ihr Mund verbog sich missmutig und ihr Blick verlor sich in der Fensteraussicht. „Auf der Straße hätte ich meine Nichte nicht wiedererkannt. Ich war entsetzt, was aus dem Mädchen geworden war. Impossible. Sie war so hübsch. Früher. Und ihre Augen“, sagte sie schwärmerisch, „diese Augen …“

„In welcher Weise hatte sie sich verändert?“

„Sie war … füllig geworden. – Nein. Nein, sie war fett“, verbesserte sie sich. „Richtig fett. Sie kennen den Unterschied; er gilt für Frauen wie für Männer: Es gibt Üppige oder Mollige, denen steht ihre Figur. Sie passt zu ihnen, solange sie offensiv mit ihren Pfunden umgehen. Und es gibt Fette, denen das einfach nicht gelingt. Die sich ungünstig kleiden und dadurch noch unförmiger aussehen. – Und Susanne … In ihrem schwarzen Schlabberlook sah sie aus wie ein Schlackehaufen. Ihre natürliche Schönheit war total verhunzt. Sie wirkte … unästhetisch.“ Elisa würgte das Wort förmlich aus. „Absolut inakzeptabel.“

‚Die typische Äußerung einer Künstlerin.‘ Patric verkniff sich ein Schmunzeln. „Sie sagten, Dagmar habe ihre Tochter im Auge behalten.“

„Ja. Solange sich das Mädchen im Saal aufhielt, ist ihr das gelungen.“ Die Frau lächelte spitzbübisch. „Aber sie auch auf die Toilette zu begleiten, ging wohl selbst ihr zu weit. Ich habe Susanne abgefangen und kam mit ihr ins Gespräch.“ Sie wurde wieder ernst. „Ich hatte mir gedacht, sie würde mich vielleicht nicht gleich erkennen. Schließlich waren seit ihrer Kommunion zehn Jahre vergangen. Aber ich war ihr völlig fremd. Wie jeder andere der Gäste auch. Susanne sagte, sie sei gekommen, weil ihre Mutter es für richtig gehalten habe, bei der Trauerfeier des Ehemannes dabei zu sein.“ Elisa Hains Redefluss wurde erneut von plötzlichem Grübeln gehemmt. „Sie sagte nicht meines Vaters. Sie sagte tatsächlich des Ehemannes.“

„Ihre Nichte und Sie sind sich dann aber wieder näher gekommen?“

„Wir sprachen nur etwa fünf Minuten miteinander. Das hat genügt, mir zu zeigen, dass Susanne dringend Hilfe benötigte. Sie sprach ganz eigenartig. Irgendwie … wimmernd. Mir schien es erst eine Art nervöser Tick zu sein.“

„Wimmernd?“

„Ja. Ihre Stimme vibrierte bei jedem Atemzug. Horrible. Wenn man ihr zuhörte, bekam man eine Gänsehaut. Ich bot ihr an, wir könnten uns mal verabreden und treffen. In Ruhe. Vor allem woanders, nicht auf einer Toilette. Sie sagte, ihre Mutter werde bestimmt etwas dagegen haben und ich merkte, wie unruhig sie wurde. Also gab ich ihr meine Telefonnummer. Schon am nächsten Tag hat sie angerufen. Dagmar sei unterwegs, sagte sie und … Es war seltsam: Ich hatte den Eindruck, mit einer Sechsjährigen zu reden, die ohne Erlaubnis der Mutter das Telefon benutzte. Dabei stand Susanne in einer Telefonzelle.“

„Haben Sie sich mit ihr getroffen?“

Elisa Hain nickte langsam. „Sie kam am Nachmittag darauf. Wieder ganz in Schwarz. Ich vermutete, dass sie diese Schlabbersachen immer trug.“

„War sie eine Art … Gothic?“, wollte Patric wissen.

Aber die Künstlerin verneinte. „Sie haben doch sicherlich auch Kleidungsstücke, die Sie nur an bestimmten Tagen tragen oder wenn Sie in besonderer Stimmung sind. Lieblingsklamotten.“

„Sie meinen einen Wohlfühlpullover?“ Er lachte leise. „Ja, so einen hab ich.“

„Sehen Sie. Ich auch. Welche Farbe hat Ihrer?“

„Blau. Ziemlich verwaschen.“

„Wie der Himmel.“ Sie lächelte sanft, sah ihn aber nicht an, schaute zum Fenster hinaus. „Sie sind ein Träumer. Kein Wunder, dass Sie Geschichten schreiben.“

Der junge Mann schluckte verlegen. ‚Bin ich ein Träumer?‘, fragte er sich. Es widerstrebte ihm, dem zuzustimmen. Er schrieb zwar Geschichten, aber er erfand sie nicht. Seine Erinnerung lieferte bisher genug Stoff. ‚Verträumter Realist vielleicht? Wie auch immer …‘ Er ließ sie weitererzählen.

„Susanne träumte auch. Aber anders. Sie sagte, wenn sie träume, dann davon, blind zu sein. Oder in einem Raum ohne Licht. Ihre Träume seien schwarz. Sie tappe durch Dunkelheit. – Können Sie sich das vorstellen?“

Ja, das konnte Patric. Und es passte ihm ganz und gar nicht, daran erinnert zu werden: ein hässliches Erlebnis seiner Jugend. Seitdem konnte er geschlossene und dunkle Räume nicht mehr ertragen. In Dunkel, seinem ersten Roman, hatte er darüber geschrieben.

„Schwer“, log er. „Was meinte sie damit? Und wieso erzählte sie Ihnen das?“

Frau Hain zuckte mit den Schultern. Sie hatte sich erneut eine Zigarette angezündet. „Ich habe mich für sie interessiert, mich bemüht, sie zu begreifen. Obwohl sie sich zunächst immer noch nicht an mich erinnern konnte, hatte ich offenbar ihr Vertrauen gewonnen. Jedenfalls kam Susanne in der folgenden Zeit häufiger zu mir. Ich habe sie nie zu einem Treffen gebeten, geschweige denn überredet, sondern ihr nur die Erlaubnis gegeben, sich jederzeit selbst einladen zu dürfen. Also kam sie immer dann, wenn Dagmar unterwegs war und von unseren Treffen nichts mitbekommen konnte. Ich war gerade erst umgezogen und wohnte nicht weit von Weilersbach entfernt. Susanne konnte zu Fuß gehen. Ich glaube nicht, dass meine werte Schwägerin meine neue Adresse kannte und je von diesen Treffen erfahren hat.“ Sie blies eine Qualmwolke wie eine Salve über den Tisch. „Das war auch gut so“, fügte sie grimmig an. „Wenn Susanne bei mir auf dem Wohnzimmersofa saß, hatte ich oft das Gefühl, eine verstopfte Schleuse gebe dem angestauten Druck nach und spüle sich endlich frei. Sie redete wie ein Wasserfall. Viel unzusammenhängendes Zeug, aber ich ließ sie reden, ohne sie zu unterbrechen oder viel zu hinterfragen. Ich spürte, es war nötig und nahm in Kauf, dass mich ihre Berichte zunächst verwirrten. Susanne schien anzunehmen, dass mir als Verwandten sämtliche Zusammenhänge klar sein müssten, automatisch, trotz der Entfremdung. Nach und nach versuchte ich, alles zusammenzureimen.“

Sie nahm die Kaffeetasse, trank aber nicht. „Meine Nichte war eine sehr stille Schülerin“, murmelte sie gedankenverloren. Die halbe Zigarette ragte zwischen ihren Fingern und umnebelte ihr Gesicht. „Schon vor der Trennung ihrer Eltern. Im Unterricht machte sie nur dann den Mund auf, wenn sie direkt gefragt wurde. Im Unterricht, wohlbemerkt. Vor oder nachher kümmerte sich niemand um sie. Erst recht nicht in den Pausen. Es sei denn, man suchte jemanden zum Hänseln oder Ärgern.“ Sie nahm einen Schluck. „Die Pubertät machte aus ihr einen Hefekloß, was die Sache nicht erleichtert haben dürfte. Wo keine Akzeptanz, da kein Respekt. So what? Wer spricht schon mit einer unansehnlichen Schülerin, die kaum was sagt, und wenn, dann nur rumwimmert?“ Wirsch stampfte sie die Kippe in den Aschenbecher. „Kein Mädchen schloss Freundschaft mit ihr. Und an einen Freund oder gar eine Liebesbeziehung war überhaupt nicht zu denken. – Die sechste und die achte Realschulklasse musste sie wiederholen, kam auf die Hauptschule und drehte in der neunten eine weitere Extrarunde. Als wir uns wiedertrafen, war sie gerade mit Ach und Krach fertig geworden. Mit ihrem Zeugnis hätte sie nirgendwo eine Chance gehabt. Es gab allerdings auch keine Ausbildung, zu der sie sich hatte entschließen können. Schlimmer noch: Ich bezweifle, dass sie für irgendeinen Beruf geeignet war.“

Patric hatte schweigend zugehört. Mit einem Male überkam ihn ein beklemmend schlechtes Gewissen.

Er selbst hatte glücklicherweise nie Erfahrungen jener Art machen müssen, wie Elisa sie beschrieb, konnte sich aber gut an etliche Gestalten seiner Schulzeit erinnern. ‚Es hat sie wohl immer gegeben‘, überlegte er. ‚Sie sind rezessiv, trotzdem sterben sie nie aus.‘

Vor allem einer stach aus dieser Schattengruppe heraus: Stefan Lammhaar. Irgendwann hatte sich damals aus dem Namen dieses kleinen Bastards automatisch ‚Lahmarsch‘ gebildet, was wunderbar gepasst hatte. Er war der typische Im-Sport-immer-Letzte und vor allem Patric hatte ihn leidenschaftlich gerne verhöhnt. Nur ein einziges Mal war Lahmarsch der Schnellere gewesen. Und dafür hatten sie beide büßen müssen. Er hoffte inständig, dass Stefan sein Buch in die Finger bekam und las. ,Soll sich dieser Wichser erkennen und im Boden versinken.‘

Der Volontär blinzelte. ‚Reiß dich am Riemen, Patric! Du bist im Interview.‘ – „Also eine Außenseiterin auf der ganzen Linie“, sagte er schnell.

Elisa Hain schmunzelte humorlos. „Bezüglich Schule und berufliche Aussichten mögen Sie recht haben. Zuhause hätte ihr jedoch etwas weniger Aufmerksamkeit bestimmt weniger geschadet.“

„Inwiefern?“

„Dagmar …“, setzte sie an, hielt dann aber inne, als müsse sie erst überlegen, ob oder wie sie den Satz vollenden sollte. „Ich bin keine Psychologin“, erklärte sie schließlich. „Aber wenn Sie mich fragen, so war meine Schwägerin krank. Verhaltensgestört, was weiß ich. Ich habe keine Ahnung wodurch, halte es aber für möglich, dass die Ehe mit meinem Bruder einen Teil dazu beigetragen hat. Gläubig war Dagmar schon immer. Aber ihr Glaube hatte sich zu einer Art … katholischem Zwang entwickelt.“

Elisa Hains Finger spielten mit dem Kaffeelöffel. Es sah aus, als sei es ihr peinlich, nicht genau Bescheid zu wissen. „Ich sagte ja, dass sie sich bis zuletzt gegen eine Scheidung gewehrt hat. Bis dass der Tod euch scheidet. Das war Gebot, und Dagmar hat es unerbittlich eingehalten. Mein Bruder konnte seine Karin nie heiraten. War Dagmars Verhalten schon extrem zu nennen, als sie noch mit Harald zusammengelebt hatte, so muss es noch weitaus schlimmer geworden sein, nachdem er ausgezogen war. Päpstlicher als der Papst.“

Wieder versank sie in Grübelei. Obwohl Patric wie auf heißen Kohlen saß, drängte er die Erzählerin nicht, fortzufahren. Er konnte förmlich sehen, wie hinter Frau Hains Stirn Erinnerungsbrocken aneinander schmirgelten.

„Blinder Glaube hat einen bösen Blick“, murmelte sie geheimnisvoll. „Dagmar eckte mit ihrem übertrieben gottesfürchtigen Verhalten überall an. Sogar an ihrem Arbeitsplatz. Und das war eine kirchliche Einrichtung. Dort wurde sie zuletzt so bösartig gemobbt, dass sie die Stelle aufgeben musste. Können Sie sich das vorstellen?“ Sie prustete spöttisch. „Katholiken!“

„Musste sie in Therapie?“, fragte Patric.

„Sie hätte allenfalls gesollt. Gemusst! Jeder Therapeut dürfte sich die freudschen Finger nach ihrem Fall geleckt haben. Aber Dagmar hätte sich eher die eigenen Finger abgebissen, als an ihrer Seele herumklempnern zu lassen.“

„Und Susanne? Hätte sie denn nicht auch … Ich meine, ich bin auch kein Psychologe, aber ich weiß …“

„Sie wissen nichts“, unterbrach sie ihn schroff. Dann lehnte sie sich zurück und starrte grimmig die Tasse an. „Dagmar hätte ihrer Tochter nie zugestanden, was sie sich selbst verweigerte. Sie forderte Susanne Unerträgliches ab: Strikt eingehaltene Tagesabläufe, die mit dem Aufstehen begannen und mit dem gemeinsamen Nachtgebet endeten; minutiös abgestimmt auf Susannes Stundenpläne und Dagmars Arbeitszeiten – sie fand eine neue Anstellung als Köchin in einer Missionsküche. Sonst keinerlei Einflüsse von außen: kein Fernsehen, kein Telefon, keine Zeitung. Nicht mal Musik oder Bücher. Jedenfalls keine Literatur. Es sei denn, Sie bezeichnen auch die Bibel als solche. Dagmar hätte Ihnen für diese Zuordnung jedoch den Kopf abgerissen.“

Patric konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Das ist nicht witzig!“, zischte Elisa Hain, ohne ihn dabei anzublicken. „Dagmar war Hardcore. Jeden Morgen in die Kirche. An Wochenenden zusätzlich in die Abendmessen. Susanne immer im Schlepptau. Ich glaube nicht, dass das Mädchen jemals Einwände äußerte. Es hätte auch keine Chance gehabt, selbst wenn es sich getraut hätte. Die beiden müssen wie Nonnen gelebt haben. Und Dagmar war die Mutter Oberin.“

„Du lieber Himmel.“

Die Künstlerin schnaufte verärgert. „Ich habe meine Zweifel, ob selbst der Himmel so intensive Aufmerksamkeit verlangt. – Aber whatever, ich bin überzeugt, dass Dagmar es nicht böse gemeint hat. Nicht wirklich. Sie war nicht direkt streng. Sie war bestimmend. Genauso wenig kann man behaupten, dass sie geizig war. Eher … extrem sparsam, wenn es um Ausgaben ging, die sie nicht für nötig hielt. Woran ja grundsätzlich nichts auszusetzen ist. Aber die Betonung lautet: die sie nicht für nötig hielt. In ihrem Portemonnaie stapelte sich eine ganze Palette dieser Karten, mit denen man überall Rabattpunkte sammeln kann. Was diese Frau im Vorbeigehen an Give-aways einsackte, ging auf keine Kuhhaut. Keine Sonderangebotsaktion wurde ausgelassen. Neue Kleidung? Nicht ohne Preisnachlass. Shopping, einfach mal aus Spaß? No chance. Aber Portokosten für Preisausschreiben: kein Thema. Höchst peinlich. – Susanne erzählte mir, dass ihre Mutter sich einmal versehentlich statt eines Joghurts einen Becher Schmand kaufte, den Irrtum aber erst beim ersten Löffel bemerkte. Sie würgte das Zeug trotzdem runter.“

„Pur?“ Patric verzog das Gesicht. „Das schmeckt doch nicht.“

„Sie hatte dafür bezahlt. Mehrere Pfennig. Und Lebensmittel, die nicht verdorben sind, schmeißt man nicht weg. Dabei war diese ganze Sparsamkeit überhaupt nicht nötig, denn auch nach Haralds Tod bekam sie weiterhin Unterhalt. Und hier beginnt Dagmars eigentliches Problem.“

„Nämlich?“

„Raffgier. Was sie kriegen konnte, das musste sie bekommen. Unter allen Umständen. Selbst auf der Straße war ihr Blick immer auf der Suche. Wenn sie im Supermarkt eine verlorene Münze unter Verpackungscontainern entdeckte, war sie sich nicht zu fein, auf dem Boden zu rutschen und sie hervorzuklauben. Oder diese Villa: Sie wollte den schönen, alten Kasten einfach haben. Nachher standen viele der Zimmer leer. Und Karin, dieses gute Herz … Ich wage nicht, mir vorzustellen, auf welche Weise Dagmar es geschafft hatte, von ihr monatliche Fortzahlungen aus dem Nachlass zu erhalten. Noch während der Trauerfeier hat sie Karin darauf angesprochen und ich wette, sie ist dafür entweder durch eigenen Speichel gewatet oder sie hat Karins liebenswerte Naivität ausgenutzt und es einfach gefordert. Beides dürfte ziemlich widerlich gewesen sein. Ich war froh, dass sich das Thema Witwenunterhalt kurze Zeit darauf erledigte und Karin von etwaigen Verpflichtungen und Gutmütigkeiten absehen konnte.“ (Patric machte sich eine Notiz, um Elisa Hain nicht zu unterbrechen: Fortzahlungen Wie?) „Dagmar arbeitete nicht deshalb in der Missionsküche, weil sie das mickrige Gehalt benötigte. Dennoch nahm sie es. In erster Linie dürfte es ihr um das Kochen gegangen sein; ihre einzige Passion neben ihrem Glauben. Doch ehrenamtlich arbeiten, nein, das wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass sie sich dort einiges an Lebensmitteln hat abzwacken können. – Das war Dagmar.“

Da Elisa Hain eine Pause einlegte, fragte Patric: „Und Susanne?“

„Tja, das erscheint widersprüchlich und ist es doch nicht“, murmelte sie und für einen Moment bildete ihr Mund eine verbissene Linie. „Trotz der Tagesabläufe und festen Regeln, mit denen Dagmar sich und Susanne förmlich ummauert hatte, überschüttete sie ihre Tochter mit Liebe. Ja, sie erdrückte sie förmlich mit Zärtlichkeit. Abgesehen von wirklich wichtigen Zuwendungen – schulischer Unterstützung zum Beispiel – hat Susanne von ihrer Mutter alles in den Arsch geschoben bekommen.“

„Sie meinen, Dagmar hat es zu gut gemeint?“

Elisa Hain wiegte unschlüssig den Kopf. „Wissen Sie, Harald hatte sich einst unter anderem deshalb anderen Frauen zugewandt, weil Dagmar nach Susannes Geburt auseinanderging. Mein Bruder schwärmte zwar für üppige Frauen, aber seine Gattin wurde … na ja, schwammig. Und nach der Trennung muss Dagmar den irrationalen Plan gefasst haben, ihre Tochter zu bewahren.“

„Zu bewahren? Wovor?“

„Vor Sünde. Vor Kränkung. Vor Enttäuschungen. Weiß der Kuckuck.“ Sie stopfte, scheinbar um ihre Finger zu beschäftigen, das Feuerzeug hinter die Folie der halb leeren Zigarettenpackung.

Patric hatte das Gefühl, dass Elisa Hain ihm gegenüber nur höflich sein wollte. „Vor Männern?“, fragte er forschend.

Sie zuckte mit den Schultern. „Zumindest vor jenen, die wie Harald dachten.“

„Und darum mästete sie Susanne?“

Erneutes Schulterzucken. „Letztendlich glichen sich Mutter und Tochter einander wie zwei Germknödel.“ Ihre Stimme bekam einen parodistisch sakralen Tonfall. „Das ist der größte Schutz gegen Männer, Kind. Wenn ein Mann dich lieben wird, dann liebt er dich, weil du bist, wie du bist, und nicht so wie eines dieser Modepüppchen.“

„Meine Güte“, keuchte Patric.

„Tja.“ Elisa Hain atmete tief durch. „Für Menschenkinder, die mit Lügen aufgezogen wurden, wird Wahrheit ein Krankheitserreger. Susanne hatte nicht den Mumm, sich gegen diese Mästung zu wehren. Während der Pubertät wurde sie das Gegenbeispiel des hässlichen Entleins: Aus dem hübschen Küken wurde ein unansehnlicher Plusterbeutel, ein schüchternes, fettes, pickliges Mädchen, das von seiner Mutter verhätschelt wurde wie von einer Glucke. Dadurch wurde Susanne aber nicht etwa ein verwöhntes oder egoistisches Einzelkind. Ihr Selbstwertgefühl war das eines Gespenstes, das noch nie jemandem erschienen war.“

Sie schaute versonnen in ihre leere Tasse. Patric gab der Kellnerin ein Zeichen.

„Wie nennen Sie Ihre Mutter?“

„Wie bitte?“

Elisa hatte sich schon wieder eine Zigarette angesteckt. Das Feuerzeug landete auf dem Tisch. Es plinkte gegen den Zuckerstreuer. „Wie nennen Sie Ihre Mutter?“, wiederholte sie und blies den Rauch in die Höhe. „Wie sprechen Sie sie an?“

„Na, Mama … glaube ich.“ Patric war es peinlich, dass er tatsächlich erst hatte nachdenken müssen. „Wieso fragen Sie?“

„Die meisten Kinder sagen Mutti oder Mama“, erklärte die Künstlerin. „Andere Mom oder Mum. Bei Vätern ist es ähnlich: Papa, Vati, Daddy, Paps.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Macht es Sie nicht stutzig, wenn ein Kind anstelle eines Koseworts den Vornamen der Mutter benutzt?“

„Nicht unbedingt.“ Der Volontär verzog den Mund. „Hab ich oft gehört.“

„Es kann ja verschiedenste Gründe dafür geben“, lenkte Elisa ein. „Die Mutter könnte vom Kind mehr als Freundin denn als Erziehungsperson gesehen werden. Oder Mutti will nicht Mutti genannt werden, weil es sie alt macht. Anyway: Wenn Susanne über Dagmar und von ihrem Zusammenleben mit ihr sprach, dann klang es, als erzähle sie von einer Art … WG-Genossin, von der sie abhängig ist. Mit der sie leben musste, weil jene Miete und Nahrung für sie mitbezahlte. Ich bezweifle sogar, dass Susanne ihre Mutter überhaupt irgendwie nannte. Möglich, dass sie in ihrer Gegenwart möglichst eine Anrede vermied. So, wie man sich im Gespräch darum drückt, wenn man den Namen des Gegenübers vergessen hat oder nicht weiß, ob man duzen oder siezen soll.“

„Sie meinen, Susanne konnte Dagmar nicht Mutter nennen?“ Patric zog die Stirn kraus. „Das ist doch Blödsinn.“

Elisas Augen wurden schmal. Trotzdem klang sie ruhig: „Susannes Verstand“, sagte sie, „war wie ein riesiges Schienennetz: Dutzende von Weichen. Viele Strecken und Abzweigungen und Ausweichmöglichkeiten. Aber allesamt unverrückbar und festgelegt und einer sehr starren Struktur folgend. Wir beide, Sie, ich, wir hätten uns hoffnungslos in diesem Gewirr verfahren. Susanne selbst war sich dieser verworrenen Struktur in ihrem Kopf natürlich nicht bewusst. Aber ihr Instinkt muss ihr irgendwann deutlich gemacht haben, dass Dagmars Zuwendung nicht gut für sie war. Nicht in dieser erdrückenden Weise. Es war eine für das Mädchen logische Folgerung, Dagmar nicht mehr Mutter zu nennen. Der Begriff Mutter war Susanne für die Person, zu der er gehörte, zu … zu nah geworden. So nah, dass es zwischen ihnen keinen Platz mehr gab für Gefühle. Die Bezeichnung Dagmar wurde der kleinstmögliche Bezug.“

Elisa verstummte, als die Bedienung den Kaffee brachte. Sie beobachtete sämtliche Bewegungen der jungen Kellnerin, schaute ihr nach, bis diese in der Küche hinter dem Tresen verschwand.

Patrics Mund war trocken geworden. Er fühlte sich benommen und das Klimpern und Scheppern der Tassen und Löffel, die hinten in eine Maschine gestellt wurden, drang wie aus einer anderen Zeit zu ihm durch. „Macht eine Neunzehnjährige so etwas?“, fragte er.

„Neunzehn?“, wiederholte die Frau ihm gegenüber spöttisch. „Glauben Sie, Susanne hätte eben erst damit angefangen, als ich sie wiedertraf?“

Patric erschrak über seine Geistesabwesenheit, in der er seine Frage unbewusst ausgesprochen hatte.

Elisa Hain nahm die Tasse in beide Hände und schaute über den Keramikrand hinweg. „Wenn eine Neunzehnjährige so etwas macht, dann macht sie es bereits seit mehreren Jahren. Aber wenn im Elternhaus nichts mehr stimmt, dann …“ Sie zuckte vor dem heißen Kaffee zurück, zwang sich aber zu einem Nippen. „Gehen Sie von einer Zwölf- oder Dreizehnjährigen aus.“

„Warum ist sie nicht ausgezogen? Mit neunzehn ist das doch keine …“

„Ach, Bullshit! Wie denn?“, knurrte sie. „Dazu war sie überhaupt nicht in der Lage. Mal abgesehen von der Abhängigkeit, die sie bei der Mutter gefangen hielt: Wie und wovon hätte Susanne denn leben sollen? Natürlich war sie fit in allen möglichen häuslichen Tätigkeiten: Putzen, Nähen, Waschen, Bügeln und so weiter. Dagmar hatte eine Hausjungfer aus ihr gemacht. Aber sozial war Susanne absolut unterentwickelt. Sie wäre in der Welt gar nicht zurechtgekommen. Sie hatte weder Freunde oder Bekannte, noch war sie fähig, welche zu gewinnen. Sie wog annähernd hundert Kilo und wankte wie ein Nilpferd durch die Gegend. Und ihre Arme … normalerweise schwingen sie beim Gehen ja vor und zurück. Susanne aber hielt sie meist angewinkelt, die Hände zu kraftlosen Fäusten geballt. Ihre Bewegungen wirkten so verkrampft und steif, als rechne sie jederzeit mit Angriffen aus dem Hinterhalt. Sprach man sie an, so kam weder ein Gespräch zustande, noch erhielt man klare Antworten. Das Wimmern in ihrer Stimme war kaum zu ertragen. Es klang unheimlich, manisch, und es dürfte jeden sofort verunsichert haben, der sie nicht kannte. Die Befürchtung, Susanne klinke jeden Moment aus, drängte sich förmlich auf. Aber sie blinzelte einen nur mit ihren großen Augen an. Wie eine Eule.“

Sie machte es vor: eine eigenartig mechanische Mimik. Ein überweites Starren. Sie behielt die Augen unnatürlich lange geschlossen, bevor sie sie wieder öffnete. Patric musste unwillkürlich lachen.

„Sehen Sie“, sagte Elisa Hain leise. „Selbst Sie lachen.“

„Na ja, zugegeben, es wirkt schon etwas …“ Er wollte komisch sagen, entschied sich aber schnell um: „… eigenartig.“

„Natürlich. Auf jeden. Wenn man Susanne etwas fragte, dauerte es mehrere Sekunden, bis sie reagierte. Als müsse sie in ihrem Kopf das Gehörte erst einmal analysieren. Als vermute sie hinter jeder Aussage eine verbale Falle.“

„Ist so was zu erklären?“

Elisa hob die Schultern. „Wie gesagt: Ich bin keine Psychologin.“ Sie rührte wieder in ihrer Tasse, obwohl sie weder Milch noch Zucker hineingetan hatte.

Patric bemerkte, dass am Diktiergerät die Leuchtdiode blinkte, die den Batteriezustand anzeigte. Er griff nach seiner Tasche, in der er Ersatzbatterien hatte. Während er sie wechselte, wirkte Elisa Hains Beschreibung ihrer Nichte in seinem Kopf nach. Das Bild bereitete ihm Schwierigkeiten. Obwohl es ihn an jemanden erinnerte: Stefan Lammhaar. Schon wieder. Zumindest ansatzweise. Auch ihn hatte damals niemand ernst nehmen können. Weder Schüler noch Lehrer. Aber womöglich lag hier der Unterschied zu Susanne Nemus: Niemand hatte je herausfinden können, ob Stefans obskure Ticks unabsichtlich waren. Vielleicht sogar krankhaft. Aber für viele, inklusive Patric, war Stefan nur ein gerissenes Arschloch gewesen, dem es ganz beabsichtigt gelungen war, als Idiot zu gelten. – Zum Beispiel hatte Lahmarsch die verwirrende Angewohnheit gehabt, Äußerungen silbengenau wörtlich zu nehmen oder den Kontext von Kommentaren und Antworten wie ein Klatschreporter zu verdrehen. Man musste nicht nur genau aufpassen, was man ihm sagte, sondern auch, wie man es ihm sagte. Tat man es nicht, war man vor Überraschungen nicht sicher.

Patric erinnerte sich an den Vorfall, als Stefan von Frau Pockler (Biologie) die Anordnung erhalten hatte, den Mülleimer zu leeren. Die Plastiktüte darin war gefüllt mit im Unterricht sezierten Schweinenieren. – Zugegeben, die Anweisung hatte gelautet: Entleere den Eimer; nicht: Entsorge die Mülltüte im Container. – Statt den Behälter in den Hof zu tragen, was Frau Pockler sicher erwartete, hatte Lahmarsch den Eimer genommen … und ihn entleert. An Ort und Stelle. Im Klassenraum. Dieses Ereignis hatte der Lehrerin die geistreiche und später oft zitierte Bemerkung entlockt: ‚Du würdest auch Eulen und Meerkatzen backen, oder?‘ Woraufhin neben den bestehenden Schimpfnamen zusätzlich die Bezeichnung Eulenspiegels Enkel in das interne Schulvokabular eingeführt worden war.

Später war das Gerücht umgegangen, Stefan habe in der Fahrschule für einen ordentlichen Blechschaden gesorgt, weil ihn der Lehrer gedankenlos aufforderte: „Die nächste Verkehrsinsel locker umfahren.“ – Er könne nichts dafür, habe Stefan anschließend erklärt, er habe nur die Anweisung befolgt. Der Fahrlehrer habe eindeutig umfahren gesagt und er sei davon ausgegangen, dass damit das Schild gemeint sei.

Lammhaar-Storys dieser Art waren damals massenhaft in Umlauf. In Dunkel hatte Patric etliche verwendet. Mit abgeänderten Namen, versteht sich. Er fragte sich, was aus Stefan geworden sein mochte und merkte plötzlich, wie tief er in seine Erinnerungen abgedriftet war. ‚Hier spielt die Musik!‘, mahnte er sich.

Elisa hatte aufmerksam jeden Handgriff des Batteriewechsels beobachtet. „Funktioniert es?“

Der Volontär warf einen Blick auf die grün leuchtende Diode. „Ja.“ Er drückte den Aufnahmeknopf.

„Funktionieren Sie auch?“

Patric hob die Brauen. „Ich?“

War das nun Frechheit oder Kalkül? So überrumpelt wusste er nicht, ob er tatsächlich antworten oder aufstehen und gehen sollte. „Sie fragen mich, ob ich funktioniere?“

Sie senkte den Blick. – Patric war schon aufgefallen, dass Frau Hain, selbst wenn sie ihn anredete, ihn nur selten direkt anschaute. Während sie erzählte, blieb ihr Blick meist an einem Gegenstand haften, schweifte umher oder pendelte in der Luft, als lese sie Text von unsichtbaren Tafeln ab.

„Ich frage nicht, ob richtig oder falsch“, entgegnete sie nun. „Jeder von uns funktioniert irgendwie. Jeder Mensch hat seine Aufgabe. Ein Ziel. Eine Arbeit, die er zu erledigen hat, ob nun für sich oder andere. – Was ist Ihre Aufgabe?“, fragte sie den Zuckerstreuer auf dem Tisch, in dessen Glasrillen sie mit dem Fingernagel entlang fuhr. Für einen kurzen Moment hob sie den Kopf. „Funktionieren Sie als Reporter? Oder mehr als Schriftsteller?“

Der junge Mann verengte die Augen. „Ich verstehe immer noch nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.“

„Auf Funktion“, sagte die Künstlerin. „Sie setzt eine bestimmte Begabung voraus. Und damit meine ich nicht Talent. Ich bin bis heute unschlüssig, ob der Unterschied darin liegt, dass Talent angeboren ist und Begabung verliehen wird, also von Geben kommt.“

„Sie meinen Gene oder Erziehung?“

Sie lächelte geheimnisvoll. „Ein Nashorn braucht unter besondere Kennzeichen nicht Horn auf der Nase einzutragen“, orakelte sie.

„Hübscher Satz“, äußerte Patric humorlos.

Sie zog nachlässig die Schultern hoch. „Poetische Metaphern gelingen oft nur deshalb, weil die verglichenen Dinge sich nicht wehren können. Anfangs hatte ich keine Ahnung von meiner Nichte. Da waren so viele Macken und Eigenarten, die mir seltsam erschienen und mich verwirrten. Erst nach vielen Gesprächen mit ihr kam ich allmählich dahinter, wie sie funktionierte. Ja, das ist durchaus das passende Wort.“

Der Reporter in Patric schlug Alarm, rief ihm ins Gedächtnis, dass psychologische Mutmaßungen irrelevant seien. Doch sein Schriftstellerherz bestand auf weiterer Aufmerksamkeit. Mit einem Male wusste er, wie er Elisa Hains Frage beantwortet hätte … ‚Zu realistisch für Poesie und zu gedankenverloren fürs Hier und Jetzt. Ich bin eine schreibende Amphibie. – Hallo, Kolbe! Nicht ablenken lassen!‘ – „Abgesehen von diesen komischen Bewegungen, welche Eigenarten waren das?“, nahm er den Faden wieder auf.

Ein Hauch von Belustigung huschte über das Gesicht der Frau, verschwand aber sofort wieder. „Wenn Susanne von ihrem Alltag berichtete, kam sie mir wie eine Nachrichtensprecherin vor. Sah man von ihrem wimmernden Tonfall ab, wirkte sie absolut sachlich. Nahezu emotionslos. Als lese sie aus einem Protokoll. Weder beklagte sie sich, noch schien sie wütend oder frustriert zu sein.“

„Vielleicht hat sie ihren Alltag nicht als schlimm empfunden“, äußerte Patric.

Elisa Hain sog scharf die Luft ein.

„Na, schlimm ist doch relativ“, sagte der junge Mann schnell. „Ich meine …“

„Oh, ja klar!“ Ein Unterton von ätzender Süße schwang mit. „Immerhin hatte sie ein Heim, satt zu essen, eine liebende Mutter und lebte in einem seebebenfreien Land. Und in Afrika sterben Kinder im Dreisekundentakt, außerdem bedenke man die Frauen in Afghanistan und, by the way, die ständig steigenden Benzinkosten. Und nachdem in den Fünfzigern der erste Gorilla in Unfreiheit geboren wurde, hätte eigentlich mal jemand nachrechnen können, seit wie vielen Jahren der Mensch existiert. So what? Meinen Sie das? Ich sag Ihnen was, Herr Kolbe: Wenn schlimm ein relativer Begriff ist, darf es Freiheit ebenfalls sein. Jedenfalls im Falle von Susanne.“

Patric war rot geworden. Er wollte etwas sagen, aber Elisa zeigte ein Schmunzeln von jener seltsamen Art, mit der jemand etwas hinnimmt, das zum Lachen ist, wäre es nicht traurige Realität. „Hatte ich erwähnt, dass es in der Nemus-Villa außer in den Eingängen keine weiteren Türen gab? Susanne erzählte, Dagmar habe sie gleich nach dem Einzug aushängen und in den Keller schaffen lassen. Die Männer vom Umzugsunternehmen dürften sich über diesen kleinen Zusatzauftrag ziemlich gewundert haben. Es blieb keine Möglichkeit, eine Tür hinter sich zu schließen, geschweige denn zu verriegeln. Im ganzen Haus nicht. Weder zu Susannes noch zu Dagmars Schlafzimmer, weder zur Toilette noch zum Badezimmer. Das Mädchen konnte nicht einmal kacken, ohne dass seine Mutter es dabei hätte beobachten können. Dafür war das Haus nach außen verrammelt, als herrsche in der Stadt Bürgerkrieg.“

„Dann konnte Susanne nie für sich sein, wenn ihre Mutter zu Hause war?“, fragte der junge Mann ungläubig.

„Korrekt. Dagmar brauchte das nicht, wozu sollte ihre Tochter das also brauchen?“ Ihre Hände zitterten vor Wut. „Keine Geheimnisse zwischen der liebenden Mutter und ihrem gehorsamen Kind. Ich vertraue dir, also hast du mir zu vertrauen.“ Sie wollte zur Zigarettenpackung greifen, verharrte aber und zog die Hand wieder zurück, als habe sie sie wie ein gieriges Kind wortlos zur Mäßigung gemahnt.

„Du meine Güte“, brachte Patric hervor. Er lebte zwar allein, aber bei ihm daheim standen immer alle Türen auf. Aus gutem Grund. Drei Tage Hölle hatten das einst bewirkt. ‚Schon wieder Lahmarsch. – Bitte! Bitte keine Keller-Geschichten!‘

„In der Hölle ist der Teufel eine positive Gestalt“, murmelte Elisa.

Der junge Mann fuhr zusammen. „Aber …“, er bemühte sich um Konzentration, „hat das denn keine Auswirkungen gehabt? Ich meine, ständig unter Beobachtung zu stehen, muss doch auf die Dauer …“

„Klar“, versicherte Elisa. „Aber nicht so, wie Sie vielleicht denken. – Leben Sie noch bei Ihren Eltern?“

„Nein. Seit fünf Jahren nicht mehr. Mit zwanzig bin ich ausgezogen.“

„Wenn Sie als Teenager keinen Raum gehabt hätten, in den Sie sich hätten zurückziehen können, wäre Ihnen das irgendwann auf die Nerven gegangen, oder? Sie hätten rebelliert.“

„Natürlich.“

„Natürlich. Das wäre natürlich gewesen“, betonte die Künstlerin. „Aber Susannes Art zu handeln und zu denken war nicht natürlich zu nennen. Sie hatte einen skurrilen Weg gefunden, sich anders … einzuschließen.“

„Und wie?“

„Nun, sicherlich: Objektiv gesehen ging es ihr nicht schlecht. Wer die Hintergründe nicht kannte, hätte nicht behauptet, das Mädchen sei arm dran, jedenfalls nicht in finanzieller Hinsicht. Susanne wurde von ihrer Mutter mehr Geld zugesteckt, als sie ausgeben konnte. Wie gesagt: Geizig war Dagmar nicht.“

Elisa Hain verstand es vortrefflich, Worte wie Säure aus ihren Sätzen hervorätzen zu lassen. „Susanne besaß daher keinerlei Wertsinn für Geld. Es bedeutete ihr nichts. Wer sie kennenlernte, mochte zwar den Eindruck gewinnen, sie sei verfressen, aber das war sie gar nicht. Sie war eine Mastgans, die brav schluckte, was ihr hineingeordert wurde. Zwischen den Mästungen daheim kaufte sie sich nie Süßigkeiten oder Sonstiges. Sie war kein Modegirl, das in Boutiquen rennt. Ihre Freizeitgestaltung bestand aus Kirchengängen. Bescheiden wie sie war, brauchte sie Geld so notwendig wie Heuschnupfen. Was man von ihren Mitschülern nicht behaupten konnte. Die Jugendlichen in ihren Klassen fanden schnell heraus, dass die Dicke stets Geld bei sich hatte, und dieses nie für den eigenen Bedarf ausgab. Und Susanne war viel zu unbedarft, um Dreistigkeiten zu erkennen. Wenn man sie scheinheilig darum bat, bezahlte sie im Laden an der Schulhofecke für alles, was man ihr aufs Laufband stapelte. Sie können sich vorstellen, wohin das führte: Sie wurde nach Strich und Faden ausgenutzt. Diese Saublagen schreckten nicht einmal davor zurück, ihre Goldeselin anzuschwärzen: Dass nämlich die Zigaretten, mit denen sie erwischt worden waren, die fette Nemus gekauft habe. Als ihre Mitschüler noch sechzehn waren, war meine Nichte schließlich bereits achtzehn. Diese kleinen Teufel luden sich sogar hemmungslos auf Susannes Kosten in Eisdielen und Pizzerien ein. Das Mädchen gehorchte, ging mit und zahlte. Kann mir nicht vorstellen, dass sich eine der Hyänen um sie kümmerte, wenn sie dort stumm zwischen ihnen hockte. Wahrscheinlich wurde sie von den anderen schlicht ignoriert und nach dem Begleichen der Rechnung einfach sitzen gelassen. Ihrer Mutter erzählte das Mädchen natürlich nichts davon. Und nach Hause lud es nie jemanden ein. Wäre eh keiner gekommen. Hätten doch nicht den Ruf aufs Spiel gesetzt.“

„Warum hat Susanne sich nicht gewehrt?“

Elisa lachte auf. „Susanne? Gewehrt? Sie machen Witze. Der Umgang mit kannibalischen Zwergen krümmt das Rückgrat. Und Kannibalen bevorzugen Menschen ohne Rückgrat.“

„Ja. Mag ja stimmen! Aber es gibt doch Klassensprecher, Vertrauenslehrer. Sie hätte notfalls die Schule wechseln können.“

„Damit es an einer anderen ebenso verläuft?“, gab die Künstlerin brüsk zurück. „Man kann sich nicht einfach umschulen lassen, wenn man zum Leben unfähig ist.“

„Klar, natürlich, aber …“, stammelte Patric aufgebracht. Er versuchte sich zu zügeln. „Also, ehrlich gestanden: Das, was Sie da Ausnutzen nennen, das erscheint mir mehr wie … wie Gunstheischerei. Und zwar von Susannes Seite.“

„Sie kennen Susannes Seite gar nicht“, erwiderte Elisa vorwurfsvoll. „Sie stand allein gegen alle. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig, als zu resignieren. Zu Hause, na ja, da war eben Dagmar. Und in der Schule … Wenn sich nicht jeder Abel einen eigenen Kain leisten kann, dann müssen mehrere halt mit einem kollektiven vorlieb nehmen. Das Mädchen hat während ihrer Schulzeit übelste Boshaftigkeiten einstecken müssen. Sprüche, Lästereien, Beschimpfungen, die ganze Palette. Ablehnung war da noch der ehrlichste Akt. Sie wurde erniedrigt, gekränkt, bestimmt auch parodiert. Auch von Lehrern; die verstehen sich schließlich auf Ironie. Die ganze Welt beobachtete Susanne durch ein Vergrößerungsglas, um sie klein zu kriegen. Ich bin sicher: Was sie auch tat, sie hat es niemandem recht machen können. Dabei erhoffte sie sich nichts weiter als ein Quäntchen Anerkennung. Sie wollte geachtet werden, nur ein wenig. Stattdessen wurde sie geächtet. – Ach, zum Kuckuck.“ Mit einem wütenden Aufstöhnen griff Elisa nach ihren Zigaretten. „Wenn man die Worte nebeneinander betrachtet: Geachtet, geächtet …“ Sie ließ das Feuerzeug aufflammen. „Kaum ein Unterschied. Nur zwei Punkte. Über einem Buchstaben. Susanne hat es nie geschafft, diese zwei Punkte loszuwerden. Und sie konnte nicht begreifen, weshalb sie ihr aufgedrückt wurden. Es erschien ihr … menschlich unlogisch.“ Sie sog den Qualm zu tief ein und musste husten. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wischte sie hektisch weg.

‚Quarzt ganz schön was weg‘, dachte Patric. ‚Da muss sie sich nicht wundern, dass es ihr auf die Lungen schlägt.‘ – „Geht’s?“, fragte er laut.

Elisa nickte, räusperte sich gequält. „Sorry. Falscher Kanal.“ Ihre Stimme war belegt.

„Was meinten Sie mit menschlich unlogisch?“

Die Künstlerin überlegte eine Weile. „Ihr Leben“, sagte sie schließlich, während ihr Blick über die Straße schweifte, „bestand aus zwei Welten, die so krass voneinander getrennt lagen, dass Susanne sie nicht zu einer Einheit zusammenbringen konnte. Als sie mit mir darüber sprach, erwähnte sie ein Erlebnis, das sie sehr nachhaltig beeinflusst haben muss: Sie war ungefähr vierzehn, da ging sie eines Tages in den Keller, um etwas zu holen oder … unterzubringen, whatever. Jedenfalls war sie zuvor in dem Gewölbe nie weiter als bis zur ersten Kammer gekommen. Nun drang sie, irgendeinem Impuls folgend, weiter vor und fand da unten in einem Gang die vielen alten Türen der Villa. Die Möbelpacker hatten sie, weil sonst kaum Platz war, in einer Reihe an der langen Wand angelehnt und irgendein Scherzkeks hatte einen alten, mannshohen Spiegel, den er wohl im Keller gefunden hatte, am Ende des Ganges aufgestellt. Susanne muss es einen unglaublichen Schrecken eingejagt haben. Sie wollte schreien, konnte es aber nicht, da sie der Anblick so ergriffen hatte … Nein. Nicht ergriffen. Sie sagte umklammert. Ein Gang, matt beleuchtet von einer einzelnen Glühbirne an der Decke. Lauter Türen. Rechts und links. Alle leicht schräg. Es sah aus wie ein Flur, an den viele Räume grenzten, sich hinter den Türen verbargen. Und am anderen Ende sah das Mädchen eine Gestalt stehen. Über alle Maßen erschreckt. Ängstlich. Schließlich traurig. Denn Susanne wusste: Es gibt keine weiteren Räume. Die Türen waren nicht echt. Keine Ausgänge. Nichts als Steinwand dahinter. Alles Kulisse. Nicht einmal dies Mädchen am Ende des Flures war real. Der einzige Weg in die Realität führte zurück. Nach oben, ins Haus. In die befohlene Offenheit. Dieses Mädchen – das war Susannes Gedanke in diesem Moment: Dieses Mädchen da am Ende des Flures bleibt hier im Keller zurück. Für immer.“

Elisa Hain saß vornüber gebeugt. Ihre Hände hielt sie unterm Tisch im Schoß. Ihr Blick pendelte hin und her, als studiere sie das Bild vor ihrem geistigen Auge.

Patric schauderte. „Ein Albtraum.“

Die Frau schüttelte langsam den Kopf. „Susannes Träume waren schwarz. Wahrscheinlich schützte sie diese Blindheit davor, nachts noch Schlimmeres zu durchleben. Ausweglosigkeit, Anfeindung, Ignoranz, beengende Nähe – all das war für Susanne Realität. Sie brauchte keine Albträume. Sie hatte ihren Alltag.“

Elisa Hain zog an der Zigarette, lehnte sich zurück. Der Qualm aus ihrem Mund zog eine längliche Wolke. „Susanne … Sie hat es mir nicht selbst beschrieben; ich habe es mir so erklärt: Ganz instinktiv hat sie dieses Bild als Beispiel genommen, als Eingang zu einer neuen, nur ihr zugänglichen Welt genutzt: das Mädchen im Keller. Sie hatte es dort unten gelassen. Es war eingesperrt. Aber es wurde auch in Ruhe gelassen.“

„Welchen Einfluss hatte das?“, fragte Patric immer noch leise.

„Sie sprach von einer unüberwindbaren Mauer. Hoch. Massiv. Ein gigantisches steinernes Gewicht. Und sie stellte sich selbst in einem Gang direkt darunter vor. In der Mauer. Auf der einen Seite: ihre Eltern. Ihr Vater … er mochte im Hintergrund stehen, weit entfernt, unerreichbar. Trotzdem war er immer noch da, verborgen hinter irgendeiner der Türen. – Hinter einer anderen auf derselben Flurseite: Dagmar, deren Muttersein sie nicht mehr als Liebe wahrnehmen konnte. Es war Forderung geworden. Druck. Fessel. Hitze statt Wärme. Reibung statt Nähe. Susanne hat aber zumindest gespürt, dass es da noch etwas anderes geben … dass ihre Beziehung zu Dagmar anders möglich sein musste. Und ihr fehlte dieses Andere. Man kann sagen, sie vermisste es, ohne es jemals kennengelernt zu haben.“

Ihre Zigarette war unbemerkt erloschen. Am Ende hielt sich ein gebogener Aschestängel. „Das alles stand auf der einen Seite ihrer Mauer. Auf der anderen: der Alltag. Das Draußen. All die Ignoranz und Skrupellosigkeit, die sie sich in ihrer kindlichen Unschuld nicht erklären konnte. Beide Seiten waren unerträglich. Rechts Sodom, links Gomorrha. Deshalb hatte sie sich diesen Ort eingerichtete. Auf der Mitte. In … unter der Mauer. Dort konnte sie ihr Ich sicher aufbewahren.“

„Sie sperrte es ein“, warf Patric leise ein.

Elisa Hain verzog den Mund, als sei sie mit seiner Äußerung nicht einverstanden. „Mit der Zeit wandelte sich dieses Bild“, erzählte sie weiter. „Wenn Susanne allein zu Hause war, ging sie häufig hinunter in das Gewölbe, stellte sich an die Abzweigung und betrachtete das Mädchen am anderen Ende des Flures. Jede Tür barg einen Anteil, eine Schuld an der Kellerhaft. Und in ihrer Vorstellung vermochte sie, die einzelnen Türen zu öffnen und einen Blick auf das Dahinter zu werfen, wo sich ihr statt kahler Mauer die verschiedenen Seiten ihrer Welt offenbarten. Und sie gab Acht, nie zwei Türen gleichzeitig zu öffnen. Sie wusste: Das gäbe in ihrem Kopf Durchzug. Aber vor allem war ihr wichtig: Sie konnte die Türen eben auch verschlossen halten.“

Eine Pause entstand.

Patric beobachtete die Künstlerin, konnte in ihrem starren Gesicht erkennen, wie exakt sie das surreale Bild von der inneren Welt ihrer Nichte für sich nachgezeichnet hatte. Er versuchte es selbst – und schauderte erneut. „Sie war unfähig zu begreifen, wie die Menschen beiderseits ihrer Mauer funktionierten. Also machte sie dicht“, murmelte er. „Aber das konnte doch keine Lösung sein.“

„War es auch nicht.“ Elisa sah ein wenig verwirrt auf ihre erloschene Kippe und legte sie behutsam in den Aschenbecher. „Sie betrachtete die Welt mit zugekniffenen Augen; so ließen sich die Tränen leichter verbergen, die den Scheiterhaufen ihrer realen Gegenwart eh nicht löschen konnten. Susanne erlitt Schaden unter dem Druck ihrer eigenen Mauern. Sie verknöcherte, wurde psychisch labil. Ihr Gewimmer war plausibel. Sie hätte eine Therapie machen müssen. Aber Dagmar war gegen therapeutische Hilfe.“

Elisa Hains Miene wurde unsicher. Sie schien ihre Worte erst vorsortieren zu müssen. „Ich habe Susanne erst viel zu spät begriffen“, gestand sie nach einer Weile. „Als wir uns wiedertrafen, war es für sie bereits zu spät. Sie hatte die Schule, die größte Marter ihres Lebens, endlich hinter sich gelassen. Im Gespräch sagte sie mir, sie habe sich schon recht früh, noch vor der ersten Klassenwiederholung, ausschließlich aufs Lernen konzentriert. Es gelang ihr nicht. Sie vermochte nur noch in ihrem Hirn abzuspeichern.“

Patric sah sie fragend an. „Wie ist das zu verstehen?“

„Tja.“ Die Hain faltete die Hände ineinander. Es sah aus, als würden ihre Finger miteinander ringen. „Sehen Sie, genau das ist es: Sie wollen verstehen und begreifen. Susanne gab dies auf.“

„Was denn? Neugierig zu sein?“

Sie lächelte. „Wie viel ist vier mal sieben?“

„Was?“

„Antworten Sie! Fix!“

„Vier mal sieben? Achtundzwanzig.“

„Acht mal zwei?“

„Äh, sechzehn.“

„Sechs mal neun? Schnell!“

„Vierundfünfzig.“ Obwohl er sich sicher war, gab er die Antwort schon vorsichtiger. Beklommenheit überkam ihn. Das ungute Gefühl, an ein Testgerät angeschlossen zu sein. Er kam sich plötzlich unsagbar dämlich vor. „Was soll das, Frau Hain?“

„Haben Sie gerechnet?“

„Wie bitte?“