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Zehn Kurzgeschichten, die Profile von Tätern und Opfern versammeln, deren Eigensinn bizarre Todesfolgen hat - oder in denen Menschen teils absonderlich auf absonderliche gesellschaftliche Zustände reagieren. 1. Ein nicht nur um Flora und Fauna sondern überhaupt um das Überleben der Welt besorgter Ökofreak kommuniziert mit den wahren Schöpfern des Universums und zieht drastische Konsequenzen bezüglich der Verursacher eines drohenden Unheils... 2. Eine missbrauchte Frau entledigt sich nicht nur ihres Vaters sowie ihrer Mutter, die sie nicht geschützt hat, sondern später noch weiterer Missbraucher...3.Ein ehemaliger Student der Geisteswissenschaften, den merkwürdig auffällig das Pech verfolgt, rächt sich an jenen, die ihn verraten haben... 4.Ein Mädchen, das wirklich Klavier spielen kann und das sich weigert, an Casting Shows teilzunehmen, spricht nicht mehr mit ihren Altersgenossen sondern lieber mit alten Berühmtheiten - eine Arroganz, die nach Bestrafung schreit...5. Ein kleiner Zuhälter wird unheimlich reich und will ein unverkäufliches Bauwerk erwerben; seine Frau sieht eine moralischere Verwendung für den prekären Reichtum...6. Ein Hartz-IV-Empfänger kämpft mit Briefen gegen Behörden und schreibt ein an Goethe angelegtes Theaterstück, in dem er sich als womöglicher Massenmörder outet; natürlich muss man ihn aufhalten... 7. Ein pubertierender Junge entledigt sich eines Mitkonkurrenten um eine Angebetete und bringt danach noch eine weitere Sache in Ordnung. 8. In einem in fröhlich sozialdemokratischem Schweinchenrosa getünchten Jazzclub weht ein merkwürdig autoritärer Wind, der eher an braune Zeiten gemahnt; als ein junger Musikschüler Hintergründe aufdeckt, wird es brenzlig... 9. Eine zeitgenössische Günderode sowie ein sozial isoliertes Pärchen leiden an der Not der Zeit; das Paar hat wenig Hoffnung, er findet eine Lösung, die Romantikerin auch... 10. Er sucht sie, sie findet ihn, zuerst vor allem großartig.
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Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Wolfgang Dahlke
Menschenlos
Zehn Geschichten über Mord und andere lebensrettende Maßnahmen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Der Indianer oder: nichts als ein Modellversuch
2 Selbstinitiation oder: wie er damals man wurde
3 Frau Äh oder: die Ordnung im Leben der Corinna Schade
4 Der Club oder: Kleingeistige Nachtmusik
5 Die Zeckenfalle oder: Wenn zusammenkommt was zusammengehört
6 Lo Relay oder: Neues Echo vom alten Ufer der Romantik
7 Keine einzige Melodie oder: Nieder mit dem Hochmut des Könnens!
8 Der Tragödie allerletzter Teil oder: Sich in Einsamkeit verlieren oder lieber mit den Massen irren ?
9 Den Westen testen oder: Geld riecht kaum merklich
10 Womanizer oder: allein die Gesetze der Physik
Impressum neobooks
Taternbruch
Er hatte anlässlich seines Fünfzigsten eine Feier geplant. Es gab am Hang eines der Hügel der bis an die Stadt grenzenden Mittelgebirgskette einen Steinbruch. Manche fanden diesen idyllisch, andere bezeichneten ihn gar als anheimelnd... einigen jedoch schien er unheimlich. Wenn es stimmte, dass es Energiepunkte gab, die Menschen anzogen, dann, fand er, wäre der Taternbruch einer.
Ein Geschichtsort war er allemal. Hatte man einen zu Beginn des Sechzehnten Jahrhunderts offenbar schon stillgelegten Steinbruch mit einem mittelalterlich anmutenden Namen belegt, der zudem auf eine längere Geschichte verwies, musste der Ort unheimlich alt sein.
Unheimlich, wie gesagt, war er manchem sowieso. Allerdings vorrangig, war man hier allein - nachts insbesondere. Saß man aber vorm knisternden Lagerfeuer eng zusammen, redete, sang, trank und aß von Stockspitzen Kartoffeln aus der Glut, hörte den Wind in den Bäumen rauschen, Tiere im Gebüsch, die letzten Vögel im Laub der Bäume rascheln, wurde er all das, was Cameo Abyme als Kind in den Häusern seiner Großeltern als Inbegriffe der Gemütlichkeit und Geborgenheit kennengelernt hatte: Küche mit warmem Kachelofen. Stube mit weichen Sitzpolstern auf dem Boden und einem Sofa mit ausgeleierten Spiralfedern, in dem man versank. Klöndeele, wo Opas, Omas, Tanten, Onkel, sonstige Verwandte und Nachbarn bei Kaffees und Likören, in blaue Rauchschwaden gehüllt über Geschäftliches durcheinander palaverten, während im Musikschrank Beethovens Eroica holprig schraulte.
Tagsüber fielen verhalten vereinzelt Sonnenstrahlen in das Rund aus schroffen, scharfen Schieferklippen, weichen Mooshängen, elend einsamen knorrigen Birken und satten Matten von Raugras. Dessen Blätter konnten die Haut blutig ritzen. Die Leute der Gegend hatten es darum Schneidegras getauft. Blies man die scharfen Kanten kräftig an, konnte man auf den Blättern, zwischen die Daumen gepresst, machmal Sopransax- meist jedoch nur Frosch-ähnlich quänglich quäkende Kazoogeräusche hervorbringen.
Stand man in der Mitte des Steinbruchs, war man rundherum, wie in einem Amphitheater, überall erstaunlich gut zu hören. Wie er (früher Leo, heute Cameo Abyme) jetzt gerade, in diesem Moment. Taucher alias Walther hatte ihm aus dem Holz eines zerfallenen Jägerstands ein erstaunlich robustes Lesepult mit schrägem Manuskripttisch, Sitzbank und sockelähnlicher Erhöhung gezimmert. Man hörte ihn überall gut, vorausgesetzt, es röhrte keine enervierende muzak aus mitgebrachten Transistorradios.
Selbst die wenigen, die auch hier dauer-erreichbar sein zu müssen glaubten, hatten wenigstens ihre doofen Handyjingles durch tonloses Buzzen ersetzt. Und dämpften jetzt zumeist wenigstens (nahmen sie doch eines dieser entsetzlich dämlichen "reach me any time any place"- Nonsensegespräche an) ihre rostig krächzenden Analog-Kommunikationsorgane. Nachdem Cameo ein paarmal einfach "Klappe jetzt!" gebrüllt hatte.
Cameo hatte das bisweilen kopfschüttelnd beobachtet, in der Welt der Alltagsexistenzen, die sich auf den "Kunden im Menschen" hatten reduzieren lassen: Leute kamen zusammen in ein Café, setzten sich an einen Tisch, um dann jeder für sich mit einem Nicht-Anwesenden in einer Art und Weise dreistlaut dummzutexten, dass er den Eindruck gewann, sie wussten nicht, was sie redeten. Oder es war ihnen schnurzpiepe. Er hatte für die laute sinn-imitierende Hohlrede den (vom lateinischen Begriff für Papagei abgeleiteten) Terminus "Psittakismus" geprägt. Interessant immerhin, dachte Cameo, dass andere Kultursprachen wie das Französische und das Englische für ebendieses Phänomen der Rede ohne Gehalt ganz ähnliche Begriffe bereits besaßen - nur eben wir nicht. Na jedenfalls, wer hier in sein Handy blökt und ihm damit auf den Sender geht, hatte Cameo verlauten lassen, der kann sich gleich wieder verpissen!
Keiner kam außerdem mit einem Auto, Motorrad oder Moped. Auch kein Düsenjäger schnitt dröhnend weiße Streifen in die blaue Firmamentdecke. Aber das war eine andere Geschichte ? darauf hätten sie ja ohnehin keinen Einfluss gehabt.
Insofern, nach kurzer freundschaftlicher Begrüßung aller Gäste durch Leo, alias Cameo Abyme, und einer kleinen Festansprache auf das Geburtstagskind, die Freund Ulle, alias Ulrich, hielt, die erste Erzählung bereits zu bester Wanderzeit ab circa 16 Uhr am Nachmittag des Geburtstages, am Donnerstag dem 17. Juni, stattfand, kam es während seines freien Vortrags der ersten Geschichte zu diversen Störungen.
Einmal wunderte sich eine laut krakeelend hereinströmende, blau uniformierte Motor-Fahrradgruppe ebenso laut, dass eine sehr ärmlich gekleidete Gruppe von augenscheinlich beschäftigungslosen Altfreaks eine vermutlich politisch motivierte Geheimveranstaltung an just jenem Ort abhielt, an dem sie in vierzehn Tagen ihr Firmenjubiläum zu zelebrieren gedachten. Und sie befürchteten, dass durch ebendiese Veranstaltung ihr Partyrefugium gewissermaßen entweiht werde. Allein schon durch den Umstand, dass es denen (offenbar ohne finanzielle Auflagen) einfach so verfügbar war. Was eine mittelgroße kommunalpolitische Schweinerei darstellte!
So war es denn auch nicht überaus verwunderlich, dass gegen vielleicht 18 Uhr eine Kleindelegation städtischer Ordnungshüter den Veranstalter zu sprechen begehrte. Oder einen sonstwie Verantwortlichen!
Man war auf Toto, die stattlichste Figur unter den Umstehenden, zugeschritten. Der schüttelte den Kopf und wies Richtung Bühne (legte dabei den Zeigefinger über die Lippen: schließlich sprach er gerade, der Verantwortliche!) Das kümmerte niemand, man unterbrach schroff.
"Wie heißen Sie?"
"Cameo! "
"Nur Cameo?"
"Cameo Abyme!"
Das ist kein Name, wie er richtig heißt!
Leo!
Nur Leo? Wie noch?
Bothe! Wieso?
Wer die Veranstaltung genehmigt habe.
Der Förster!
Der ist nicht befugt! Gibt es ein amtliches Formular?
Nein!
"Dann dürfen wir Sie bitten, den Platz noch heute Abend zu räumen!"
"Wird er denn gebraucht?"
"Das steht hier nicht zur Debatte! Wenn Sie keine Genehmigung haben, sowieso schon mal nicht. Also, gehen Sie bitte!"
"Warum denn?!"
Weil, erläutert einer der Abgesandten einfühlsam kulant (er müsse diese Auskunft zwar nicht geben, nur): es finde hier ab morgen über's Wochenende (ob sie das denn nicht in den Ankündigungen gelesen hätten?) das von DeadHead Concerts alljährlich veranstaltete Ein bunter Topf überlebter... äh...
"Nein, Quatsch", mischt ein weiterer Offizieller sich ein: "Ein bunter Strauß beliebter Heimatmelodien...!"
"Genau. Das findet hier ab morgen statt. Gäste sind Inge und Heinz ... oder so, wie heißen die nochmal, Kurt?"
"Gabi und Alexander, oder?"
"Marianne und Michael!" sagt ein Dritter.
Um es kurz zu machen: Trotz der bereits eintretenden Abenddämmerung müsse der Umzug stattfinden. Und, weil sie bald die Hand nicht mehr vor Augen sehen würden, möglichst hopp hopp!
"Welcher Umzug, wohin denn?" hatte Cameo verzweifelt gebrüllt. Mit Mühe hatte er seinen ersten Text zuende erzählen dürfen.
"Na, in den kleinen Bruch nebenan!"
Cameo kannte den nicht, war nie so weit gekommen. Der zweite, kleinere Bruch lag vielleicht zwei- bis dreihundert Meter weiter den immer enger werdenden Waldpfad bergan.
Sie bahnten sich den Weg durch Dornengestrüpp und dichtes Unterholz, das einen von den Seiten her einschnürte. Duckten sich unter ein tiefhängendes Laubdach, das sich wie ein klösterlicher Säulengang über einem wölbte. Vorbei an vereinzelten knorrigen Fichten, über eine am Eingang zum Bruch wie eine Barriere quer über dem Pfad liegende modernde Buche hinweg.
Sie hatten sein Lesepodest mitgeschleift, vier Mann, vier Ecken, eine ähnlich zünftig gezimmerte Theke, jeder sein Zelt, Proviant. Wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fort. Freilich auch das eine oder andere Büchsenbier.
Aber, wir wollen dem Lauf der Ereignisse nicht weiter vorgreifen und Cameos erste Geschichte anhören...
Der Indianer
Nichts als ein Modellversuch
Die meisten nannten Bernd, alias Berni, nur noch den Indianer. Das mittlerweile vollgraue Haar hing ihm dürr und fettig bis an die Hüften. Früher, als er noch Bass spielte, war er der erste in der kleinen Stadt gewesen: das pechschwarze Haar hatte ihm schon strähnig bis an die Nieren gereicht, als die anderen sich vielleicht hier und da schonmal vorsichtige Pilzköpfe zutrauten. Die meisten jedoch weiterhin durch übliche Façonschnitte, manche gar von Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-Frisuren verunziert wurden. Damals hatte er noch einen einzigen Lederanzug besessen.
Später, als es ihm selbst noch um die Tiere Leid tat, die bereits dafür gestorben waren (die jetzt, im Nach hinein, zwar nicht mehr gerettet werden konnten, allenfalls in Zukunft alle weiteren), nähte er sich per Hand ein Hemd und eine Hose aus Leinenstoff.
Er hätte auch gerne Hanffasern verwendet. Aber zu der Zeit, als er sich seine beiden einzigen Kleidungsstücke (abgesehen von einem schweren Lodenmantel seines Vaters, für den Winter, und einem alten Paar Tennisschuhe) selbst herstellte, gab es gerade keinen Hanf. Und das nur, weil einige ihn neuerdings gern rauchten, was wiederum den anderen, die weiterhin lieber, um sich zu benebeln, vergorenen Saft aus Reben oder Gerste und Hopfen tranken, so zuwider war, dass sie seinen Anbau verboten.
Man konnte den Indianer angeblich bisweilen dabei beobachten, wie er mit Tieren sprach; und die alte Dame, die im Haus nebenan wohnte, bemerkte, dass er sogar seinen Blumen gut zuredete, wenn es donnerte oder kalt war. Er kannte jeden heimischen Pilz, sammelte Kräuter für alle möglichen Malaisen und besaß eine Sammlung an Steinen, die er als Heilsteine bezeichnete und denen er unterschiedlich starke und verschieden wirkende Energien zusprach. Er wusch sich mit Wasser aus einer Regentonne vor seinem kleinen Haus, fuhr nur Fahrrad, kompostierte alle natürlichen Abfälle in einer Kuhle im Garten. Anderer Müll fiel fast überhaupt nicht an. Er hielt sich an die zwanzig Hühner, ein Schwein, ungezählte Katzen und einen Labrador.
Er wurde belächelt aber geduldet. Bis er diese Maschine erfand. Er bezeichnete sie als seinen Universal-Naturenergetischen Sprach-Konverter. Es handelte sich um eine "ulkige" (befand ein Experte von der Technischen Universität Braunschweig), um eine "groteske Konstruktion aus Holzbrettchen" (fand das Patentamt in seiner schroffen Ablehnung), die er zu einem Kasten zusammengefügt hatte. Der erinnerte entfernt an die alten Spielkraftwerke für Kinder, in denen man ein Brikett verbrannte, woraufhin eine Lampe glühte oder ein Rad sich drehte und ein Schornstein rauchte. In ihrer Mitte befand sich ein, wie er sich ausdrückte, hoch potenter Laserkristall. An den vorderen Teil musste eine Antenne montiert werden, für die er Draht hätte nehmen können. Er verwendete aber lieber einen getrockneten Reetgrashalm, ähnlich dem ersten Glühfaden, den Edison benutzt hatte.
Mit dieser "lachhaften Konstruktion" (hatte die Zeitung in einer späteren Richtigstellung zu einem "Artikel, den ein junger Volontär versehentlich ungeprüft übernommen hatte", formuliert) redete er angeblich mit der Natur und mit Wesen aus fernen Galaxien. Genauer: mit den "wahren Schöpfern alles irdischen Seins", wie er sich ausdrückte.
Der Volontär hatte den Text, den der Indianer in einem Kuvert in den Nachtbriefkasten geworfen hatte, ungekürzt abgeschrieben und in die bis zuletzt aufgesparten zwei Spalten für späte Aktualitäten eingepasst (zum Beispiel die Ergebnisse der Champions-League und Uefa-Cup-Paarungen mit deutscher Beteiligung. Oder einfach Unfälle, die sich nach Redaktionsschluss, jedoch noch vor Druckbeginn zutrugen).
Geschehen konnte dies Malheur ohnehin nur, weil der Chef vom Dienst im Urlaub, sein verantwortlicher Vertreter, der diensthabende Redakteur, krank und der Rest der Redaktion die Nacht betrunken und übermüdet war. Und weil Heinz vom Druck nur zusieht, dass er Text und Bild in die dafür vorgesehenen Aussparungen des Layouts richtig einpasst.
"Wir wissen, dass uns niemand zuhört. Wir haben ihnen wirklich oft genug die Chance gegeben. Sie könnten es hören, sie könnten es sehen, fühlen, riechen, schmecken. Sie haben es verlernt, über die Jahrhunderte ..."
hieß es da unter der Überschrift: "Die wahren Schöpfer klagen an".
Insofern sich heute in Zeitungen alles Mögliche und in einigen weit verbreiteten Blättern zudem allerlei Unmögliches anfindet, dürften die meisten Leser die Kolumne gänzlich übersehen oder vielleicht nur kopfschüttelnd übergangen haben.
Nicht so Dr. Wolf D. Moyer, Gymnasialdirektor im Ruhestand, ehemals Deutschlehrer, pensionierter Schriftgelehrter also, Sprecher des Kirchenvorstands der Evangelischen Gemeinde Sankt Georg, passionierter Vielleser noch immer, im Fall des Morgenblattes sogar: So-ziemlich-alles-Leser!
Ihn hatte bereits die Anmerkung aufhorchen lassen: der Indianer habe den Text als intergalaktische Tree-Mail, über World-Wide-Wood als Empfangs- und Verbreitungssystem, aus Richtung eines unbekannten Planeten nahe dem Stern Sirius empfangen.
"Einige wenige von euch verstehen das Prinzip noch, die australischen Ureinwohner zum Beispiel ..."
las er weiter. Darunter stand wiederum:
"Die nordamerikanischen Indianer wussten im Großen und Ganzen auch, was sie zu tun und zu lassen hatten. Aber man hat ihnen ihr Land weggenommen und sie fast vollständig ausgerottet. Es ist vielleicht übertrieben zu sagen, dass sie eins mit ihrer Natur gewesen seien. Sie waren zuerst einmal ziemlich in Einklang mit sich selbst und somit ganz selbstverständlich und mit der nötigen Einfühlsamkeit und Demut ein nicht allzu störender Teil unserer Schöpfung..."
Doch dann:
"Klar, auch die Menschen heute sind ein Teil von ihr. Allerdings so, wie ein Krebsgeschwür Teil von ihnen ist!"
Hier räusperte der Korrektor a.D. sich erstmals und legte den Text beiseite. Seine Frau war kürzlich erst an Krebs verstorben. Nach einer Zigarette besann er sich und las weiter:
"Sie kämpfen gegen die Schöpfung, haben begonnen, indem sie diese zu verbessern trachten, sie und damit sich selbst auszulöschen. Man gründet Vereine zu ihrem Schutz, das hört sich gut an. Je mehr man aber glaubt, nach den zugrundeliegenden Gesetzen zu handeln und alte Fehler zu korrigieren, desto mehr neuer Schaden wird angerichtet.
Viele sagen, sie glauben an Gott und dass er die Welt und damit sie selbst geschaffen habe. Indem sie sich aber bemühen, ihm - der Erfindung wohlgemerkt ihres eigenen Geistes - gleich zu werden, unsere Kreation also weiter zu schaffen, zerstören sie das, was sie für seine Schöpfung halten. Sie haben uns, also vermeintlich ihm, einige Tricks abgeluchst, haben Teile des Vorgangs des Wachsens und Sich-Veränderns erforscht, ohne überhaupt dessen eigentliches Wesen erkannt zu haben. Sie modeln Früchte, Tiere, schließlich sich selbst um, nach ihrem Gutdünken. Sie brauchen immer mehr, und wie sie glauben: immer bessere, gesündere Nahrung, nicht, weil sie sich mit dem, was wir, ihre wahren Schöpfer, für sie entwickelt hatten, nicht hätten ernähren können, sondern weil sie besserwisserisch, selbstherrlich und egozentrisch geworden sind. Sie haben das Prinzip der natürlichen Auswahl, der Verbesserung der Arten und ihrer Überlebenskraft durch Mischung, aber auch durch natürliche Begrenzung eines hinlänglich gelebten oder eines von vorne herein nicht möglichen Lebens, außer Kraft gesetzt - aus humanitärer, wie sie sagen, Weltsicht. Humanitär heißt aber nur: menschenzentriert, nicht: naturgerecht, also aufs ganze System bezogen. Und selbst dann, wenn sie glauben, als menschengerecht Handelnde sich zugleich auch naturgerecht zu verhalten, sind sie zuallererst einmal selbstgerecht.
Sie wollen zeigen, dass sie zum Beispiel ein Leben verlängern oder retten können. Sogar erzeugen, sagen sie, können sie es. Das können sie natürlich nicht, sie verwenden nur die vorhandenen Bausteine des Lebendigen. Das einzige, was sie damit wirklich erreichen wollen, ist: sie möchten ihr eigenes Leben, allenfalls noch das ihrer Kinder, Ehepartner und Freunde, beliebig verlängern können. Das Ziel ist ihnen von ihrer anmaßenden Religion vorgegeben: ewiges Leben - nur für die paar Menschen, die sie mögen und kennen, nicht alle, versteht sich, nicht die Tiere (außer natürlich ihren Lieblingshaustieren, ihren Pferden und so weiter) und eigentlich ausschließlich für sich selbst und für ihre Angehörigen und Freunde, nicht für all die anderen!"
Dr. Moyer gießt sich noch einmal Kaffee nach, blickt kurz versonnen vom Text auf, wischt sich eine letzte Träne (hartnäckig anhaftende Folge seiner kurzen Gefühlsaufwallung von eben) aus dem Auge.
Was aber, fragt der Text an anderer Stelle weiter, soll denn diese niedliche Ewigkeit der Menschen überhaupt sein? Zweihundert, fünfhundert, zehntausend Jahre mehr als üblich? Die Menschen lebten aber doch, ohne sich dessen bewusst zu sein, in dem weiter, was sie ihrer Nachkommenschaft hinterlassen: Erfahrungen, Begabungen, die genetischen Verbesserungen, die jene besagten Schöpfer an ihren Nachfahren vornehmen, nicht in ihren eigenen welken, morschen Körpern, die sie liften und genmanipulieren lassen, in denen sie Organe wie Autoersatzteile vom Schrottplatz austauschen. Gerade in dieser Selbstsucht zeigten sie aber, dass sie nicht einmal Achtung vor sich selbst haben. Und weil sie keinen Respekt aufbringen, schätzen sie genauso wenig die anderen Geschöpfe, mithin die Pflanzen, ihre Luft, ihr Wasser.
Sie machten sich alles nur untertan, auch die Menschen anderen Glaubens; so stehe es ja schließlich als Programm in ihrem Glaubensmanifest.
Aber sie können, schließt das Pamphlet, alle Schätze des Bodens fördern, alle Kohle verbrennen und alles Erdöl verpuffen oder gleich in die Meere pumpen. Sie können alle ihre Bomben gleichzeitig zünden, alle ihre Giftgasfabriken in die Luft jagen und sämtliche Haarsprays in einer letzten großen Silvesterparty sich gegenseitig in die schüttere Haarpracht sprühen...
"In wenigen Millionen Jahren, die für uns so lange dauern wie für Euch ein Wimpernschlag, werden die Würmer und Kakerlaken, die nicht die Hybris besitzen zu glauben, sie allein seien vernünftig oder hätten eine Vormachtstellung, Parlamente wählen. Also was wir, in den Worten Eurer naturverachtenden Profitanhäufer, Rohstoffverschwender und Umweltvernichter, Warenüberschusshersteller und Kaufverrückten, Neubauzwangsgestörten und Umwälzneurotiker, die allesamt glauben, ausgerechnet sie seien gut und wichtig für die Welt und könnten sie noch verbessern... kurz, was wir also in deren zynischen Worten sagen möchten, ist: Wir haben noch jede Menge andere, lohnendere Projekte laufen."
Der junge Volontär hatte ins Zentrum des Artikels schließlich noch das beiliegende Foto (Indianer umarmt Baum; Untertitel: "Sein Brieffreund, der Baum") eingescannt, was als optischer Widerhaken in diesem Fall zumindest Gymnasialdirektor a.D. Dr. Moyer frühzeitig, noch vor der zweiten Tasse Kaffee, in die Lektüre des Morgenblattes zurückgeholt hatte.
Zwei Seiten zuvor hatte die Firma Rohde Hilfsarbeiter zum Baumfällen angeworben, sechs Euro die Stunde. Als sich tags darauf kaum jemand meldet, beschwert sich Ralf Rohde, Juniorchef, persönlich beim Bürgermeister: Über dreißig Prozent Arbeitslose in diesem Kaff, und zwei schlappe Würstchen kommen heut morgen angetrabt.
Dieser schwachsinnige Waldschrat habe die Leute mit seinem esoterischen Naturgefühl-Gesabbele völlig kirre gemacht. Das war um zehn Uhr morgens, am nächsten Montag.
Dem Bürgermeister war der Artikel am Samstag früh überhaupt nicht aufgefallen. Er fragt daraufhin beim stellvertretenden Chef vom Dienst nach, ob sie noch ganz dicht sind und ob man vielleicht erwäge, demnächst ins Internet zu gehen oder auf Mikrofilm zu erscheinen.
Wie jetzt?
Na, weil sie ja schließlich diesen Dünnschiss auf den zu Pulpe verkochten und plattgewalzten beklagenswerten Opfern eben jener Naturmisshandlung verbreitet hätten.
Hä?
"Ich meine, ihr druckt auf Papier, oder? Ihr sägt doch sozusagen an eurem eigenen Ast, buchstäblich, wenn ihr so'n Mist schreibt, Menschenskind!"
Durch den Bürgermeister erfuhr der Chefredakteur per Handy an seinem Urlaubsort von dem Skandal. Was denn da los gewesen sei, fragt der telefonisch zurück. Nicht bei seinem Stellvertreter, ganz bewusst - den kann er nicht ab und er misstraut ihm. Vielmehr ruft er direkt bei ihrem ehemaligen Korrektor, Dr. Moyer, an, der früher, nach seiner Pensionierung (als man sich bei der Postille diesen Job noch leistete), die Texte vor der Drucklegung überflogen und hier ein überflüssiges Wort gestrichen oder ausgetauscht, dort ein Komma durch ein Semikolon ersetzt hatte. Er wusste, der Moyer hatte das gelesen.
Der Umweltquatsch sei gar nicht mal so sehr das Problem, berichtet Dr. Moyer. Ärgerlich, geradezu beunruhigend sei vielmehr der blasphemische Aspekt, dass hier von irgendwelchen obskuren Schöpfern geredet wurde. Nicht aber von unserem wahren einen.
Und dann natürlich der drohende Weltuntergang, Sodom und Gomorrha. Das soll die Leute gefügig machen. So'ne Art neu-esoterischer Umweltfaschismus mit Ufo-Komponente.
Steckt da die NPD hinter?
Wohl kaum! Es geht nicht um das deutsche Volk und auch nicht um Ausländer.
Die Grünen?
Äh-äh, nee, die wohl auch nicht! Weder die Partei noch die Marsianer.
Gysy, Lafontaine?
Schwer zu sagen!
Sonstige Kommunisten?
Eher nicht, es ist nicht von Arbeitern, Produktions- oder Besitzverhältnissen die Rede.
Der Volontär bekam erstmal, als der Chef aus dem Urlaub zurück war, einen ganz unglaublichen Anschiss. Jetzt durfte er eine gehörige Zeit über nichts als das Jahrestreffen des Broichter Taubenzüchtervereins berichten und wie am Samstag Wiedensaal gegen Örpen gespielt hat, und vor allem: warum! Verdammt noch eins!
"Und zeigen Sie mir das vorher, sonst steht vielleicht bei Ihnen noch Jesus von Nazareth im Tor und seine Jünger abseits! Raus jetzt!"
Weitere Publikationen ähnlichen Inhalts lagen später auf fotokopierten Handzetteln in Buchläden, Kneipen und hingen am schwarzen Brett des Gymnasiums. Es handelte sich um vervielfältigte handgeschriebene Manuskripte, offenbar ursprünglich auf selbstgemachtem Papier verfasst, wie die noch sichtbare Faserstruktur verriet. Diese gab zugleich auch den Urheber preis.
Der Betreiber des Copyshops räumte ein, diese wohl in einer größeren Stückzahl vervielfältigt zu haben. Wie viel genau? Das weiß er doch jetzt nicht mehr, vielleicht so 500.
Das kostet ja Geld, oder? Was macht der denn beruflich? Die Nachfrage des Bürgermeisters beim Leiter des Arbeitsamtes ergibt, dass der Indianer von dort Hartz IV erhält, obwohl er wohl beim Sozialamt Hilfe zum Lebensunterhalt beantragt hat.
Offenbar hat der immer noch zu viel Zaster. Kann man ihm da nicht noch was streichen?
Nur, solange er noch nicht Arbeitsunfähigkeitsrente beziehe. Der Hartz IV Betrag sei zwar auch in etwa mit der Sozialhilfe identisch und liege somit an der errechneten untersten Grenze des Überlebensnotwendigen, klärt ihn der Amtsleiter auf. Sollte er sich allerdings weigern, angebotene Jobs anzunehmen oder ein gewisses Maß an Bewerbungen pro Monat nachzuweisen, kann man ihm den Betrag noch um bis zu ein Drittel kürzen.
Dann soll er da mal was unternehmen, poltert der Bürgermeister. Und: da zeigt sich, was auf uns zukommt, wenn wir einen vom Steuerzahler finanzierten Freizeitpark einrichten für arbeitsscheues Gesindel.
*
Der Indianer hatte seinerzeit, nach seiner Einlieferung in die Heilanstalt Liesenberg, die idyllisch gelegen und von Wiesen und Wäldern umgeben ist, überhaupt erst mit diesen Dingen angefangen und seine Ausgänge genutzt, seinen Konverter in die unendlichen Tiefen des Raumes jenseits der Stratosphäre zu richten. Als ihn also jetzt seine alte Psychiatrie als Hilfskraft für einen Euro die Stunde und für leichtere Gartenarbeiten wieder einstellt, kann er in den Pausen und während unbeobachteter Momente bei der Arbeit Gleichgesinnte gewinnen und informieren, kann die Ruhe im Anstaltspark zu weiteren orbitalen Horchaktivitäten nutzen.
Seine Beweise hatte er seinerzeit bereits dem Stationsarzt vorgelegt. Der hatte wohlwollend genickt, ein stärkeres Neuroleptikum verordnete und die Blätter, nachdem der Indianer den Raum verlassen hatte, in den Papierkorb geworfen.
Das wusste der Indianer nicht.
Da er dem Stationsarzt noch immer vertraut, lässt er seine handgeschriebenen Aufzeichnungen diesem nun erneut zukommen. Auch jetzt landen sie ungelesen im Papiermüll.
Dort findet sie die Putzfrau, die sie heraussortiert, weil sie schön sind. Der Indianer hat die Blätter selbst geschöpft und gepresst. In das Zentrum jedes Bogens ist ein Zweig, eine Blüte oder ein Baumblatt eingearbeitet. Auf den Rückseiten kann ihre kleine Tochter malen. Die Werke des kleinen Mädchens landen in einem Ordner, immer zwei bemalte Blätter so in einer Klarsichthülle zusammengesteckt, dass sie je eine bemalte Vor- und Rückseite bilden und die beschriebenen Seiten unsichtbar nach innen aufeinander zu liegen kommen.
So bleiben einige der Dokumente der Nachwelt erhalten, ohne dass dieser der Umstand zur Kenntnis gelangt. Der Indianer weiß es nicht, der Stationsarzt nicht und auch der Bürgermeister hat keinen Schimmer.
Letzteren könnten die Texte womöglich interessiert haben. Schließlich sind sie nicht nur Protokolle ganz unglaublicher Vorkommnisse. Aus ihnen ließen sich mitunter Andeutungen auf spätere Handlungen ablesen. Ob das Wissen um sie das Schicksal des Bürgermeisters abgewendet oder auch nur positiv beeinflusst hätte, bleibt indes reine Spekulation.
*
Auf der Lichtung, auf der der Indianer sich des Öfteren abends nach der Arbeit für längere Zeit aufhält, muss irgend etwas geschehen sein. In der darauffolgenden Zeit stellen die Ärzte bei ihm einen merkwürdigen Gleichmut fest, der anfänglich als Depression diagnostiziert, später als ebenso harmloser wie erfreulicher Glückszustand interpretiert wird. Unter der Hand war er also wieder zum Patienten geworden, der vorübergehend unter Beobachtung stand. Allerdings kriegte er jetzt keine Medikamente und konnte abends raus; und da ging er nach Hause ? wie man zumindest annahm.
Er verbringt aber meist die Nächte auf der Lichtung. Er hat keinen Appetit, spricht mit niemandem mehr, stellt nach und nach seine Besuche bei Patienten, die er kennt, schließlich die beim Stationsarzt ganz ein.
Er fragt auch bei diesem nicht mehr nach, ob der seine Dokumente, wie erbeten, an den Bundespräsidenten weitergeleitet oder wenigstens an die Zeitung geschickt habe.
Hätte jemand die Gedächtnisprotokolle des Indianers, die der Arzt ungelesen im Papierkorb hat verschwinden lassen, zur Kenntnis genommen, könnte in etwa folgender Sachverhalt rekonstruiert werden:
Der Indianer wartet geduldig auf der Lichtung. Er weiß, sie werden kommen. Sie haben sich schon einmal dort getroffen, er und die anderen. Sie hatten ihr Eintreffen angekündigt, aber keine genaue Zeitangabe gemacht. Jetzt ist es tiefe Nacht. Plötzlich kommt ein Sturm auf, dann schießt ein greller Suchstrahl auf ihn zu, eine in gleißendes Licht gehüllte Maschine landet lautlos, eine graue, blass umrissene Figur steht in einer Tür, die sich geöffnet hatte, sie hält ihm etwas entgegen oder zielt auf ihn.
Danach weiß er vorübergehend nichts mehr. Später ist er in einem Raum. Sie untersuchen ihn, stecken Nadeln in ihn hinein, ziehen Flüssigkeiten aus ihm heraus: Blut, Wasser, Sperma; er weiß nicht, was. Sein Gesprächspartner vom letzten Mal ist nicht dabei. Überhaupt redet keiner mit ihm. Die Person, die die Untersuchungen an ihm vorgenommen hatte, war höchstens einen Meter fünfzig groß, besaß einen überproportioniert großen Kopf, in dem sich auffallend dunkle, riesige Mandelaugen befanden. Nach irgendwelchen Geschlechtsmerkmalen war dieses wie auch die anderen Wesen nicht einzuordnen.
Jetzt, da sie offenbar fliegen, ist nur eine Person mit ihm im Raum, die an einer Art Bordcomputer sitzt und ihm den Rücken zuwendet. Auch diese Person spricht ihn nicht an, scheint ihn nicht einmal zu beachten. Zuvor schon haben sie höchstens über ihn gesprochen, nicht mit ihm. Sie wissen nicht, dass er seinen Sprachkonverter in der Tasche an seinem Gürtel hat. Dass er sie versteht und ihr Gespräch belauscht.
"Melde: Haben den Beschluss der Test-Koordinationszentrale 3/VI ausgeführt und Versuch 763 087 abgebrochen."
"Gut, danke. Ihre Meldung ist registriert und wird dann mit Ihrem Abschlussbericht zur späteren Datenlöschung weitergegeben. Eine Frage noch: warum gleich Abbruch?"
"Waren Sie auf der Sitzung 3578 der orbitalen Hauptversammlung des letzten Planungsquartals?"
"Nein, wieso? Erzählen Sie!"
"Une décision a été prise..."
"Scheiße, was ist jetzt wieder? Lasst euren Konverter ganz aus, wir machen das von hier! Warum müsst ihr überhaupt in einer komischen fremden Sprache, die zwischen Du und Sie unterscheidet, mit uns reden, die entweder ihr oder wir erst wieder rückübersetzen müssen, hat das einen Sinn?"
"Ja, während wir senden, empfangen wir auch terrestrische Informationen über ein und dasselbe System. Zum Beispiel haben wir gerade so einen Idioten an Bord, der offenbar früher mal Kontaktmann für euch war und uns für Leute von der Testkoordination hält. Wir arbeiten also, wie ihr, mit dem linguistischen Autokonverter..."
"Na gut, aber warum dann dieses Code-Chaos bei euch?"
"Wir fliegen über einem sehr dichten Code-Massierungsbereich. Der Konverter passt sich fließend der zu erwartenden linguistischen Majorität an, je nachdem, über welchem nationalsprachlichen Segment wir uns gerade befinden. So können wir, wie gesagt, deren Nachrichten sofort dechiffrieren und gegebenenfalls selbst mit ausgesuchten Individuen, denen man trauen kann, in Kontakt treten. Im Moment befinden wir uns noch innerhalb des Reaktionsbereichs, also weniger als dreißigtausend Meter über dem sogenannten deutschsprachigen Raum. Wollt ihr die Länder wissen...?"
"Nein, danke..., sehe ich hier auf dem Monitor!"
"Bewegt man sich auf Sprachgrenzen zu, beginnt das System zu spinnen und mischt schon mal Fragmente des benachbarten Kommunikationssystems mit rein, die aber nicht automatisch angeglichen werden, weil unser Modell im Übergangsbereich etwas schwerfällig reagiert."
"Dann schaltet doch auf manuell um!"
"Das erzeugt mitunter noch größere Probleme, die in die Untersuchungsberichte über den Planeten als das Babel-Phänomen eingegangen sind. Es betraf größere Städte wie..."
"Erspar' mir die Namen..."
"Und es betraf übernationale, also mehrsprachige Massenmanifestationen wie zum Beispiel Fußball..."
"Was ist das?"
"Ein Spiel mit einem aufgepumpten Stück Leder, zweiundzwanzig Hauptspielern, einer jeweils festzulegenden Anzahl von Ersatzspielern, einem Schiedsrichter, zwei Linienrichtern..."
"Danke, genügt! Und da gehen so viele von denen hin, dass euer Sprachcomputer spinnt?"
"Wenn er zu sensibel eingestellt ist, ja. Oder wenn man eben durch manuelle Angleichung versucht, jedes Segment zu erfassen."
"Das muss man doch verbessern können, verdammt!.... Was war jetzt mit der letzten Hauptversammlung?"
"Wir hatten damals für das Weiterbetreiben eines Versuchsplaneten eine Entropiegrenze festgelegt."
"Was bedeutet das nun wieder?"
"Wir haben beschlossen, Systeme, die aus dem Ruder laufen... Warte 'ne Sekunde, ich muss eben mal den Code-Bereich etwas einengen. Scheint sich um eine Sprache zu handeln, in der man dasselbe mit sehr unterschiedlichen Wörtern und Sätzen ausdrücken kann... Also, nochmal: es geht um Systeme, über die
wir die Kontrolle verlieren, weil sie zu kompliziert werden. Die stoßen wir ab. Also, eine Art Chaos-Filter... So kann man das wohl nennen..."wir die Kontrolle verlieren, weil sie zu kompliziert werden. Die stoßen wir ab. Also, eine Art Chaos-Filter... So kann man das wohl nennen..."
"Ich sehe hier gerade, dass ihr das auf dem Planeten schon mehrere Male gemacht habt. Was war da los?"
"Handelte sich meist um Vernichtung chaotischer Teilsysteme durch Nuklearreaktionen, künstlich eingeleitete Umweltkatastrophen. Maßnahmen zur Schadensbegrenzung"
… ("Sodom, Gomorrha, Atlantis, Sintflut?") hatte der Indianer offenbar als eigenen Kommentar hinzugefügt.
Dem Manuskript des Indianers wäre, läse es jemand, anzusehen, dass er in einem protokollartigen Kurzschriftstil ganz eigener Prägung schreibt, was die Authentizität der Notizen insofern unterstreicht, als ein Gespräch in Echtzeit stattgefunden zu haben scheint, dessen Mitschrift eine gewisse Eile erforderte. Gewinnt, so hat es den Anschein, der Gesprächsinhalt an Brisanz, spiegelt sich Erregung des Protokollanten (Indianer) in fetterer Schrift, die von zunehmender Schreibdruckstärke herrührt. Im Gegensatz dazu leidet die Satzstruktur.
"Das betraf damals immer nur Teilsysteme, sozusagen als Lernprogramme für die Überlebenden."
"Hattet ihr ihnen denn ein Verarbeitungsrelais implantiert?"
"Wenn du damit die Fähigkeit meinst, zu lernen und begrenzt selbst Lösungen zu suchen, ja!"
"Das ist aber doch gefährlich, weil solche Systeme anfangen, sich selbst zu regulieren und dadurch das Chaos erst erzeugen, das ihr dann nicht mehr kontrollieren könnt."
"Es war ein einmaliger Modellversuch..."
… ("erregt? resigniert?") Der Indianer vermerkt hier, dass die sprechende Person im Kontrollraum des Raumschiffs offenbar menschlich verstehbare Gefühle zeigte.
"Also, die Versuchsanordnung war: hochkomplexes System, Chaos- oder Entropieabmilderung durch Teilvernichtung als regulierende Maßnahme. Als Lernprogramm, wie du sagst, für die Überlebenden, die dann zu einer Neuordnung des Systems hätten beitragen sollen. Haben sie denn jemals gelernt?"
"Einzelne haben die richtigen Lösungen gefunden, die Mehrheiten haben meist falsche Konsequenzen gezogen."
"Was wäre richtig gewesen?"
"Grob gesagt: keine Eingriffe, so wenig Regulation wie möglich."
"Also: nichts tun und alles sich selbst ordnen lassen?"
"Wie gesagt, grundsätzlich: ja!"
"Ich sehe hier noch etwas: ihr habt schon einmal komplexe Systeme ohne hochgradig selbstregulative Kompetenz vernichtet."
"Ja, das stimmt; das ist nach terrestrischer Auffassung lange her. Das Beispiel, auf das du gerade angespielt hast, betrifft die großen Echsen, Kaltblüter also, deren Anpassung wir unter veränderten klimatischen Bedingungen getestet haben."
"Warum?"
"Versuchsweise veränderte Anordnung. Nur so. Wir wollten sehen, ob Lebewesen, die exotherm sind, also ihre lebensnotwendige Körperwärme von außen beziehen, weiterleben können, wenn wir ihnen die Quelle ihrer Erwärmung, ihrer Energie also, nehmen."
"Aber es war doch völlig klar, dass das nicht funktionieren konnte!"
"Na ja, wir haben vielleicht Fehler gemacht. Aber zuerst einmal wollten wir das System unwesentlich ändern, um sie dazu zu bringen, auf endotherm umzustellen, also auf Wärmeerzeugung durch Bewegung."
"Und, haben sie umgestellt?"
"Die allermeisten nicht, das weißt du doch nun schon."
"Was sollte das Ganze dann?!"
"Ich habe ja bereits eingeräumt: wir haben Fehler gemacht.... Wenn man so großen Tieren, die sich mit Sonnenwärme aufheizen, die Energiequelle vorübergehend durch eine künstlich herbeigeführte Katastrophe abschirmt, hätten sie mehr essen und sich mehr bewegen sollen, dachten wir, um die fehlende äußere Zufuhr auszugleichen."
"Ihr wusstet doch aber genau, dass viele von ihnen das nicht konnten, in so kurzer Zeit. Ich hasse diesen Aktionismus und Wissenschaftszynismus, und ich werde darauf drängen, dass Beispiele einer solchen blinden, folgenschweren und gleichgültigen Forscherei auf dem nächsten interstellaren Ethiksymposium zur Sprache kommen."
"Das Ganze war Folge der damaligen Energie-Haushaltsdebatte. Wie du dich erinnerst, war das Betreiben der Sonnen früher privatwirtschaftlich organisiert. Sinn der Tests war, herauszufinden, wie viel Energie notfalls eingespart werden könnte. Zumal ja, direkt nach dem Meteoriteneinschlag, die Temperatur zuerst einmal erheblich anstieg. Nicht wenige der damaligen Spezies verbrannten leider. Schließlich aber, wie du ja auch wohl weißt, haben nicht wenige Lebewesen die Krise gemeistert."
"Ja schon, aber zu welchem Preis! Es war, genau genommen, überhaupt kein Test, sondern die rücksichtslose Durchsetzung eines Sparprogramms, wodurch ein Massensterben billigend in Kauf genommen wurde."
"Also, Moment! Zuerst einmal wurde zu keinem Zeitpunkt überhaupt irgendwelche Energie eingespart, sondern nur eine ihrer kostspieligen Quellen vorübergehend durch aufgewirbelten Staub verdunkelt!"
"Wie das?"
"Durch diesen besagten gezielten Meteoriteneinschlag..."
"...der den Lebewesen, die sich durch Sonnenenergie erwärmten und die jetzt auf weitgehend eigene Energieerzeugung durch Bewegung umstellen sollten, deren Energiespender wiederum vermehrter Verzehr von vornehmlich pflanzlicher Nahrung gewesen wäre, diese genau wegnahm, weil nämlich die Pflanzen ihrerseits Sonnenlicht in Wachstumsenergie umwandeln! Klingt das logisch?"
"Nein, zuerst einmal klingt es hauptsächlich kompliziert, wie du das ausdrückst. Muss an dieser Sprache hier liegen! Aber das System war viel komplexer. Erstens gab es schon viele Warmblüter, Säuger zumeist, die sich anpassen konnten. Dann kannten wir nicht genau die Anzahl der Aasfresser, die es bereits unter den Echsen gab, beziehungsweise wie viele von ihnen vorübergehend auf den Verzehr von Kadavern hätten umsteigen können, um die Krise zu überstehen."
"Schon wieder so ein windiger verbaler Schachzug. Wo sollten denn die vermehrt anfallenden toten Tiere herkommen, wenn nicht genau von denen, die ins Gras bissen, weil sie nämlich genau das nicht mehr konnten, im buchstäblichen Sinne. Hör auf, Mann, Thema beendet!"
… Hier geraten entweder die Gesprächspartner selbst oder der Protokollant der Unterredung (Indianer) in so heftige Erregung, dass der Text zerrissen wirkt und sich in wenige unzusammenhängende Fragmente und Zeichen verliert. Weiter unten geht der Dialog einigermaßen geordnet wie folgt weiter:
"Gut, noch einmal: das damalige System hattet ihr aus den bekannten Energiegründen aufs Spiel gesetzt. Was waren später die Probleme?"
"Wir haben eine Gattung künstlich erzeugt, von der wir hofften, dass sie selbst Steuerungsfunktionen übernehmen könnte... Um die aufwendigen Supervisionen einzuschränken."
"Verstehe ich das richtig: Ihr habt eine Tierrasse in den Rang von Funktionsträgern gehoben, um Kontrollarbeit einzusparen?"
"So ungefähr. Wir haben erdgebundenes Material sublimiert, indem wir einen künstlichen Evolutionssprung erzeugt haben. Vereinfacht ausgedrückt: wir haben einen irdischen Affen im Design leicht verändert und ihm beschränkte Steuerungs-Kompetenz gegeben, also das, was sie Intelligenz nennen."
"Worin genau besteht das neue Problem?"
"Grob ausgedrückt: das arrogante Neuaffenmodell überschätzt sich und überschreitet permanent Kompetenzen."
"Wenn die ihre Aufgabe fehlinterpretieren, ist das eine Panne in eurer Konstruktionsabteilung! Wer hat die Oberaufsicht?"
"Die gibt es nicht mehr; wir haben mehrheitlich beschlossene Planungsperioden; und die Durchführung der Beschlüsse wird von einer ständig wechselnden Kommission überwacht."
"Na großartig! Ich hasse diese Verteilung von Verantwortung und Kompetenz. Alle reden mit, keiner blickt durch und niemand ist es hinterher gewesen! Haben die da unten übrigens eine Ahnung, welchem Reagenzglasversuch sie ihre bescheidene Sonderstellung verdanken?"
"Nicht die Bohne! Das sollen sie ja auch gar nicht. Wir haben sie zu beschränkt mitverantwortlichen Mitarbeitern einer Ordnung gemacht, die sie nicht verstehen können und sollen; und einige intelligentere Einzelwesen dieser Spezies beginnen, das zumindest zu ahnen und zu erwägen. Insgesamt, kann man feststellen, haben sie die störende Neigung zu einer sehr selbstherrlichen Welt- und Sinnerklärung. Sie beziehen alles auf sich und interpretieren es mit ihren bescheidenen Erkenntnismöglichkeiten."
"Gibt es Beispiele?"
"Zu der Zeit, als wir noch häufiger Supervisionsbesuche abstatteten, ließ es sich mitunter nicht vermeiden, dass sie uns begegneten. Es war zwar allgemein verbindlicher Beschluss, dass dies möglichst zu vermeiden sei, da Schockreaktionen oder gar tätliche Angriffe seitens der 'Menschen' genannten Primativos nicht ausgeschlossen werden konnten. Genau weiß ich nicht, wie und warum es dann zu diesen Encountern kam. Aber sie sind geschehen, das ist belegt. Und eines der Beispiele dieser Kontaktversuche habe ich ja gerade hier an Bord sitzen, hinter mir..."
"Kann das Wesen uns hören?"
"Wohl schon. Aber was nützt es ihm, es versteht uns ja nicht. Ohne Konverter!"
"Wie werdet ihr überhaupt später diesen einen Menschen los?"
"Mal sehen..."
.. An dieser Stelle weist das Manuskript des Indianers eine fast zerbrechlich dünne Schrift auf, wodurch es geradezu den Anschein hat, der Protokollant flüstere quasi beim Schreiben, um sozusagen nicht "gehört", eventuell gar ganz “vergessen“ zu werden.
"Woher weiß man das übrigens, das mit den Zusammentreffen?"
"Unsere Kommandanten jedenfalls haben es nicht zugegeben, später sogar in Anhörungen abgestritten, selbst angesichts einer erdrückenden Beweislast. Wir wissen es aus den eigenen primitiven Schriftzeugnissen der Hybridspezies, die wir uns beschafft und archiviert haben. Beispielsweise muss sich ein Kommandant erlaubt haben, in einem Gebirge zu landen, an dessen Fuß ein ganzes Volk, das sich auf der Flucht vor einem anderen befand, lagerte und ganz offenkundig auf weitere Weisungen wartete. Das bedeutet folgerichtig, dass es zuvor schon pflichtverletzende Besuche, eventuell gar Beredungen desselben Kollegen bei und mit dieser Gruppe beziehungsweise einem ihrer Sprecher gegeben haben musste. Der Sachverhalt konnte nie genau geklärt werden. Fest steht nur, dass der Betreffende - sei's unaufgefordert oder auf Verlangen seines irdischen Gegenüber - ein weiteres Wunder statuierte. Er brannte mit seiner Laserpistole einige Regeln in Steinplatten. Primitive Verhaltensgrundsätze, die zum Beispiel der Arterhaltung dienen, und allerhand dummes Zeugs, das er sich ausgedacht hat, um sich nicht allzu weit von den damaligen Moralprinzipien der nackten Affen zu entfernen, die, wie gesagt, alles gern auf sich beziehen, die Dinge nur so sehen, wie sie sie nun mal sehen können, und die sich gern von einer ihnen überlegenen Intelligenz bestätigen lassen, dass sie selbst zumindest fast ebenso schlau sind."
"Wurde der betreffende Kommandant gerügt?"
"Wie gesagt, es konnte ihm letztlich nicht hundertprozentig nachgewiesen werden. Aber das Schlimmste kommt noch: diese eitle Show war im Zusammenhang mit weiteren ähnlichen Vorkommnissen der Beginn der Theorie der Gotteserwähltheit dieser einzelnen Gruppe, was die ganze Spezies in kleine Sekten zerbrechen ließ und verheerende Folgen wie Glaubenskriege nach sich zog, die sie für oder gegen diese Theorie führten."
"Wie das?"
"Das ist nicht ganz leicht zu erklären. Zuerst einmal scheinen sie anzunehmen, dass alles auf ihrem Planeten von einem höheren Wesen geschaffen wurde, das sie Gott nennen. Diese Theorie nennen sie Glauben oder Religion."
"Damit liegen sie ja so verkehrt nicht, oder?"
"Na-ja, aber diese spezielle Gruppe nun nimmt darüber hinaus für sich in Anspruch, dass dieser Gott sie besonders bevorzugt. Dazu muss man wiederum wissen, dass diese Art zu einem lachhaften Stolz neigt, zu Eitelkeit, Begriffe, die wir in unseren etymologischen Lexika unter überwundenes Urempfinden nachlesen müssen."
"Nur dass unser besagter Kommandant diese Emotionen offensichtlich auch noch kannte! Gibt es dafür weitere Beispiele!"
"Jeder von denen ist gern besser als der andere, teils individuell, das geht noch halbwegs, teils als ganzes Volk, als Nation oder gar Rasse, wie sie es nennen; dann wird es gefährlich, für die anderen. Sie haben nämlich, das sollte ich vielleicht erwähnen, leicht abweichende Hauttönungen, über deren tiefere Bedeutungen sie sich Gedanken machen. Ein kleines Kind schon, das eine hellere Haut hat als ein anderes, zeigt, sofern diese Tönung nicht durch Sonneneinstrahlung oder künstliche Strahlung erzeugt und dann zu gegenteiliger Bewertung führt, bereits eindeutig Anzeichen solcher Empfindungen. Zumal diese von seinen biologischen Realisationsagenten, Eltern genannt, lebhaft unterstützt werden. Oder jemand ist stärker oder kann schneller Lösungen finden als ein anderer. Dann ist er stolz oder wird eitel. Oder er ist schöner..."
"Was bedeutet das?"
"Kurz gesagt: weil wir sie nicht immer wieder selbst aus den Grundelementen zusammensetzen wollten, aus denen sie bestehen, haben wir sie, wie auch die anderen Arten, mit einer eigenen Reproduktionsfähigkeit versehen, die sie halbwegs beherrschen."
"Nur, letztlich begreifen tun sie den Mechanismus nicht, oder?"
"Keineswegs! Das hindert sie aber nicht daran, einzugreifen und die Vorgänge hier und da schon mal zu manipulieren..."
"Aber, du wolltest von der Theorie der Gotteserwähltheit reden und was das mit dieser, wie du sagst, Eitelkeit zu tun hat..."
"Moment, gedulde dich; da komme ich gleich drauf zurück. Erst noch einmal zu diesem Hauptgrund für Eitelkeit: Schönheit. Es handelt sich bei den Erdianern um paradoxe Wesen, grundsätzlich primitiv und nur rudimentär vernunftbegabt. Schönheit ist ein auf ihre primitivsten Systemanteile ausgerichteter Paarungsanreiz. Fällt er weg, bleibt die Zeugung aus. In den meisten Fällen jedenfalls. Vereinfacht ist das Phänomen mit körperlicher Wohlausstattung identisch, also einem sichtbar einfacheren und regelmäßigeren Design und Konstruktionsprofil, das ihnen Stärke und Gesundheit suggeriert, also größere Überlebenswahrscheinlichkeit der Nachkommen. Darauf springen die Wesen am ehesten an. Die (übrigens von nicht wenigen unter ihnen selbst sonst höher eingeschätzte) Denk- und Erkenntnisbegabung spielt bei der Suche nach einem Vervielfältigungspartner paradoxer Weise fast keine Rolle. Wichtig sind: Größe und Ausformung primärer und sekundärer Geschlechtsteile, sowie Größe und Formung ihrer ursprünglich zu körperlicher Arbeit vorgesehen Kraftüberträger, Muskeln genannt. Dies, obwohl es körperliche Arbeit immer weniger noch gibt. Wir bezeichnen dieses Auseinanderfallen von Form und Ausstattung und deren Bewertung als offenkundiges Nichtverstehen (wie im Fall der Hauttönung) als die Fetischneigung der Spezies."
"Das musst du mir erläutern!"
"Na gut, ein, zwei Beispiele, das muss reichen. Also, stell dir vor: Ein kleines Kind, das wir nach seiner Geburt extra noch eine Weile in Abhängigkeit von seinem weiblichen Erzeuger halten, damit es schon außerkörperliche soziale Erfahrungen machen kann und trotzdem den Schutz seiner sogenannten Mutter genießt, dieses kleine Kind also wird an deren Brust genährt, die wir aus Gründen der besseren Erkenn- und Ertastbarkeit etwas mit Fettgewebe ausgepolstert haben, und zwar rechts wie links."
"Es handelt sich also um zwei Höcker?"
"So könnte man die nennen, ja! Nun wächst vor allem bei den Männchen in deren Phantasie dieser Quell des Lebens in der Weise mit, wie sie selbst wachsen und größer werden. Sind sie also zwanzigmal größer, muss auch später dieses Organ zwanzigmal größer sein, obwohl sie gar nicht mehr daran nuckeln sollen. Die Weibchen fangen nun mitunter an, es sich um das Mehrfache künstlich vergrößern zu lassen. Sonst würden die nur körperlich größer gewordenen Jungmännchen nicht auf sie reagieren..."
"Unglaublich! Also Fetisch ist, wenn etwas für etwas steht, es vertritt, das es gar nicht mehr ist...?"
"Oder nie war! So könnte man sagen, ja. Noch ein Beispiel: die männlichen Exemplare haben in der früheren Entwicklungsphase dieser Art öfter gejagt als die Weibchen, die den Nachwuchs beschützten, haben möglicherweise insgesamt häufiger körperlich gearbeitet. Jedenfalls können sie etwas mehr Muskelmasse ansammeln und sind durchschnittlich unwesentlich kräftiger und auch größer. Daraus entstand in vielen Kulturen der Eindruck, sie seien generell tüchtiger und zäher und für die Arbeit und das Kämpfen geeigneter. Nun ist durch Maschinen, die sie entwickelt haben, damit sie ihnen Arbeit abnehmen, die Herausbildung großer Muskelmassen zunehmend unnötig geworden. Da aber nun umgekehrt bei den Weibchen oft das sexuelle Interesse an die veraltete Körperform der Männchen gebunden ist, wird das unnötig gewordene Design künstlich hergestellt."
"Wie das?"
"Das musst du dir so vorstellen: Männchen, die tagsüber, also wenn es bei ihnen hell ist, in einem Büro sitzen, wo, weil es dort nicht hell genug ist, zusätzlich ein künstliches, nicht bräunendes Licht scheint, und wo die schwersten Objekte leichte Zettel und Stifte sind, fahren nach der Arbeit, wie sie das nennen, in ein Muskelstudio, um durch Heben und Senken schwerer Objekte die Kraftüberträgermasse künstlich anzusammeln, die ihre Väter früher bei schwerer körperlicher Tätigkeit ganz natürlich erwarben und die sie dafür auch brauchten. In diesen Studios holen sie auch die Hautfärbung durch artifiziell generierte UV-Strahlung nach, die beim Hocken in den geschlossenen Räumen ausbleibt. Und sie fahren auf künstlichen Fahrrädern und rennen auf Laufbändern, weil sie sonst nur mit Fahrmaschinen, Automobile genannt, herumgondeln."
"Also geht es bei diesen Fetischen auch immer darum, etwas, das mal Gültigkeit hatte und später unnötig geworden ist, weiterzumachen?"
"In vielen der Beispiele sieht es so aus. Es gibt aber, wie gesagt, auch unerklärliche Fixierungen. Früher war man gern weiß, heute ist braun als Schönheitsideal bevorzugt. Aber nicht durch Vererbung, die nichts kostet, sondern nur als durch diese künstlichen Lichtquellen erzeugte Tönung der Haut, für die man Geld bezahlen muss. Früher war man gern etwas dicker, heute muss man schlank sein, um ein Recht zu haben, auf seinen Körper stolz oder allgemein: eitel zu sein. Das führt sie zum Beispiel zu der unverständlichen Sichtweise, dass der optimierte Metabolismustyp, also der Typ, dessen Stoffwechsel langsamer läuft, der mehr sammelt und weniger verbrennt und ausscheidet, dadurch nicht mehr so leicht vom Verhungern bedroht ist, sich wünscht, der rückständige Vielverbrenner-Typ zu sein. Er könnte einfach weniger essen und bliebe schlank. Da sie aber alles genießen wollen und unheimlich gern essen, entwickeln sie so eine merkwürdig zwiespältige Logik."
… Hier weist das Manuskript des Indianers merkwürdige Lücken auf, zum Teil durchgestrichene, neu angefangene oder einfach nur wiederholte Satzanfänge, so als denke er selbst oder als dächten die von ihm Belauschten länger nach, verwerfe er einen Gedanken beziehungsweise korrigierten die Sprecher einen.
"Wie sind wir eigentlich auf dieses Thema gekommen?"
"Ich wollte dir erklären, was Stolz und Eitelkeit bedeuten."
"Ja, aber wie kamen wir darauf?"
"Sie sind zum Beispiel Grund für diese Theorie, die sie haben, diesen Glauben oder besser Irrglauben der Erwähltheit durch ihren Gott."
"Ach ja, das wollte ich überhaupt die ganze Zeit schon fragen: wenn sie ohnehin beschränkte Erkenntnismöglichkeiten haben, kann es dann zwischen Theorie, Glauben, Irrglauben, bloßer Annahme und so weiter klare Abgrenzungen geben? Wird das nicht alles mehr oder weniger immer dasselbe? Und warum werden sie so aggressiv und gefährlich, wenn sie mal eine Theorie, einen Glauben oder was auch immer haben?"
