Verlag: BookRix Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Merci Paris - Rose Bloom

Paula braucht Ordnung! Ihr Leben ist geplant und sicher, vielleicht etwas eintönig, aber trotzdem ist das gut so. Denn sie ist ganz und gar nicht der Typ für Überraschungen. Vor allem hätte sie darauf verzichten können, ihren langjährigen Freund mit einer Anderen in flagranti zu erwischen. Paulas geordnetes Leben wirbelt durcheinander, als wäre ein Tornado darüber hinweg gefegt, und hätte alles mit sich gerissen. Sie muss etwas ändern! Ihr Leben soll spannend und aufregend werden, und sie beschließt, ein spontanes Jobangebot in einer absoluten Traumstadt anzunehmen. Paris! Wenn da nur nicht Nic wäre, dem sie kurz vor ihrer Abreise einfach nicht widerstehen konnte. Aber darüber muss sie sich keine Gedanken mehr machen, denn Nic ist in Frankfurt und sie bald weit, weit weg. Oder?

Meinungen über das E-Book Merci Paris - Rose Bloom

E-Book-Leseprobe Merci Paris - Rose Bloom

Merci Paris

Liebe auf den ersten Klick

Rose Bloom

Rose Bloom

c/o Papyrus Autoren-Club

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

Telefon: 030 / 49997373

info@rose-bloom.de

www.rose-bloom.de

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

Bitte beachtet: Erfundene Figuren müssen sich nicht um Verhütung oder Krankheiten kümmern! Das sieht in der Realität allerdings anders aus, deshalb seht dieses Buch in diesem Thema nicht zu eng.

1. Auflage,

Rose Bloom

c/o Papyrus Autoren-Club

Pettenkoferstr. 16-18

Inhaltsverzeichnis

1

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Epilog

Danksagung

1

Dezember 2014 Ich rieb mir die Finger, die trotz der gefütterten Handschuhe eine gefühlte Temperatur jenseits der Null-Grad-Grenze angenommen hatten. Diesmal war der Dezember wirklich kalt. Nicht wie die Jahre zuvor, in dem es im letzten aller Monate noch nicht einmal geschneit hatte. Nein, nun lag eine dicke Schneeschicht auf dem Bürgersteig und zog sich wie eine weiße Haut über den Asphalt. Unter meinen Schuhen knirschte es, während ich mich stetig über die rutschige Eisfläche vorwärts kämpfte. Auch wenn es draußen eiskalt war, glühte ich innerlich vor Aufregung. Lange hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich meinem Freund Dennis zu Weihnachten schenken könnte, bis mir das perfekte Geschenk eingefallen war. Vor einigen Monaten saßen wir beim Frühstück in seiner Wohnung. Vor ihm lag eine aufgeschlagene Zeitung und er tippte mit seinem Finger auf eine Werbung darin. »Da will ich unbedingt mal hin, Afrika!«, nuschelte er mit vollem Mund und biss erneut von dem Marmeladenbrötchen in seiner Hand ab. Afrika. Wieso nicht, dachte ich mir. Ich war bisher noch nicht sehr weit gekommen. Auch wenn meine Eltern das genaue Gegenteil von arm waren, hatten sie doch viel zu viele Verpflichtungen, als dass mein Bruder Max und ich mit ihnen jährliche Familienurlaube verbrachten. Neben den Besuchen bei meiner Oma in Paris, die für mich das absolute Highlight darstellten, hatte ich reisetechnisch nicht wirklich etwas zu bieten. Dennis und ich waren in unseren drei Jahren Beziehung einmal in Österreich gewesen. Natürlich redeten wir darüber, auch andere Teile der Welt zu entdecken, aber mein Freund war in seinem Job als Unternehmensberater mehr als eingespannt. Die Geschäfte gingen gut und Urlaub konnte man sich als Selbstständiger nur selten leisten. Ich war als Fotografin in einem Fotostudio etwas flexibler und hätte einige freie Tage sehr gut gebrauchen können. Allein schon, um meinem nervigen Chef und dem Alltagstrott zu entkommen. Aber was soll's. Dafür hatte ich die vergangenen Wochen und Monate gespart, denn meine Eltern um Geld zu bitten, kam überhaupt nicht in Frage. Normalerweise verbrachten Dennis und ich die Weihnachtsfeiertage bei unseren eigenen Familien und somit getrennt. Dennis fuhr nach Hamburg zu seinem Vater und ich blieb hier in Frankfurt und traf mich dort mit Max bei unseren Eltern. Das war für uns beide in Ordnung, denn mein Bruder und er waren wie Feuer und Eis, und sie hätten nur wieder einen Streit provoziert, den man an Heiligabend nicht unbedingt gebrauchen konnte. Außerdem hatten wir uns in den letzten Jahren dafür an Silvester gesehen und auch dort die Geschenke übergeben. Auch wenn seine Geschenkeauswahl nicht unbedingt meinen Geschmack traf, machte es mir nichts aus, denn ich legte nicht wirklich Wert darauf. Teure Geschenke bekamen wir von unseren Eltern zur Genüge und diese füllten nur eine materielle Lücke, da sie keinerlei persönliche Bedeutung trugen. Ich jedoch liebte es, passende Geschenke zu machen. Und dieses Jahr war ich mir sicher, einen Volltreffer gelandet zu haben. Aus diesem Grund hielt ich es keinen Tag mehr länger aus und musste ihn damit heute schon überraschen. Heimlich hatte ich mir vorgestern Morgen den Ersatzschlüssel seiner Wohnung, der in der Kommode im Flur lag, ausgeliehen, und wollte ihm die Flugtickets nun in meiner Mittagspause auf seinen Esstisch im Wohnzimmer legen. Er war um diese Uhrzeit meistens in seinem Büro in der Stadtmitte und so hatte ich genug Zeit, alles herzurichten. Auch wenn ich seine strahlenden Augen beim Auspacken nicht sehen konnte, war ich mir doch sicher, wir könnten morgen Abend, wenn wir ohnehin verabredet waren, bei einem Schluck Sekt darauf anstoßen. Aufgeregt öffnete ich die Haustür und ging die zwei Stockwerke in dem Altbau nach oben. Die schiefen, dunkelbraunen Treppen knarzten, bis ich endlich vor seiner Wohnung ankam und die Tür aufschloss. Ich betrat den Flur und drückte die Tür hinter mir zu, verharrte in der Bewegung, als ich leise Musik im Hintergrund hörte. War Dennis doch schon zuhause oder arbeitete er heute von daheim aus? Ich lief den langen Gang Richtung Wohnzimmer entlang, und blieb überrascht in der Mitte des Flurs stehen, als ich Stimmen und etwas Anderes vernahm. Mein Herz pochte aufgeregt und mein Hals schnürte sich zu, denn was ich hörte, war unmöglich wahr! Je näher ich der Schlafzimmertür kam, desto lauter wurden die Geräusche. Eindeutig konnte ich nun etwas innerhalb der Wohnung vernehmen und mir keinen Reim darauf machen. Mit zittrigen Fingern griff ich zur Türklinke des Zimmers, aus dem die Laute hervordrangen. Ich stockte. Wollte ich das wirklich sehen? Vielleicht war dies ein Missverständnis, denn es konnte nicht so sein, wie es sich anhörte. Es durfte nicht so sein! Fest drückte ich die Tür auf und hielt geschockt die Luft an. Dennis nackte Rückseite war zu mir gewandt und bewegte sich im Bett auf und ab, während unter seinen Seiten zwei lange, schlanke Frauenbeine hervorlugten, die sich um seine Hüften geschlungen hatten. Ekstatisches weibliches Stöhnen drang gedämpft unter ihm hervor, während Dennis schwitzend und keuchend immer wieder in sie stieß. Übelkeit stieg in mir hoch. Ich musste schlucken, um mich nicht an Ort und Stelle auf das dunkle Echtholzparkett der Wohnung übergeben zu müssen. Meine Tasche knallte lautstark auf den Boden, und ich sah diese unwirkliche Szenerie vor mir wie in Trance. Dennis drehte sich ruckartig nach hinten um, sprang von der Blondine unter ihm und fluchte laut: »Scheiße!« Am liebsten wäre ich hinübergegangen und hätte beiden ins Gesicht geschlagen. Ihm zumindest irgendeinen Spruch an den Kopf geknallt, was für ein mieses Schwein er doch war. Hätte ihn verflucht für die letzten drei Jahre, in denen er mich des Öfteren versetzt hatte. Und das vielleicht sogar aus diesem Grund? Aber in Wirklichkeit stand ich nur da. Mir langsam die Tränen wegblinzelnd und still. Ich konnte nichts dergleichen tun, noch nicht einmal gehen, so sehr hielt mich der Schock gefangen. »Paula! Was machst du hier? Ich dachte .... scheiße!« Dennis war aufgesprungen, zog sich eine Boxershorts, die neben dem Bett lag, über, und eilte zu mir. Noch bevor er mich berührte, konnte ich mich endlich aus meiner Starre befreien und zuckte zurück. »Fass mich nicht an, du widerlicher Mistkerl!«, fauchte ich ihm entgegen und bückte mich nach meiner Tasche. Ein letzter Blick auf ihn, wie er sich mit den Fingern beschämt durch die Haare fuhr. Seine blauen Augen, bei denen ich bisher gedacht hatte, ich kannte sie in- und auswendig, schauten mir mitleidig entgegen. Ich wollte ihm so viele Fragen stellen. Weshalb war er noch mit mir zusammen, wenn er schon längst eine andere vögelte? Wie lange ging das mit den beiden? War es ein One-Night-Stand? Hatte er noch andere Frauen in den letzten Jahren? Wieso? Aber ich fragte nichts dergleichen. Ich wusste, es würde nichts an meinem Entschluss ändern. Nämlich ihn zu verlassen.

2

Mai 2015 Viel zu spät stürzte ich aus meiner Wohnung, schloss ab und fluchte danach laut. »Verdammt!« Ich drehte mich um und schloss die Tür zum zweiten Mal auf. Hastig rannte ich zur Flurkommode und griff nach meinem Portemonnaie. Ohne Geld kam man in meiner Heimatstadt nicht sehr weit, vor allem nicht bei der Busfahrt zu meiner Arbeit. Mit den Fingern strich ich mir eine dunkelblonde Haarsträhne hinter das Ohr und riskierte noch einen letzten abgehetzten Blick in den Spiegel. Meine braun-grünen Augen zuckten hektisch über mein Spiegelbild und ich war relativ zufrieden, was ich dort sah. Zumindest heute, weil ich mich ein wenig schicker zurechtgemacht hatte für das, was ich nach Feierabend vorhatte. Mein Arbeitsplatz, das Fotostudio Koch, lag ungefähr 15 Busminuten von meiner Wohnung entfernt. Ich arbeitete dort seit meiner abgeschlossenen Ausbildung als Fotografin. Ich liebte es schon immer, zu fotografieren. Seit ich meine erste Kamera mit zehn Jahren von meiner Oma geschenkt bekommen hatte, knipste ich alles, was mir vor die Linse kam. Fotografin war mein absoluter Traumberuf und es kam für mich damals wie heute nichts anderes in Frage. Allerdings hatte ich mir die Arbeit in diesem Beruf dann doch etwas anders vorgestellt. Ich wollte die Welt bereisen, viele verschiedene Menschen kennenlernen, Orte sehen und auf Bildern festhalten. Um nach meiner Ausbildung in dem Beruf sicher zu werden, bewarb ich mich um die Stelle bei Herrn Koch in Frankfurt und erhielt sie direkt. Ich wollte dort viel lernen, um auf dem Markt erfolgreich einsteigen zu können, damit ich mir irgendwann etwas Eigenes aufbauen konnte. Mein Chef lockte mich, wie sich mittlerweile herausstellte, mit falschen Tatsachen, denn er erzählte mir damals, dass ich Außenshootings organisieren und ausführen sollte. Ein Traum! Leider war die Realität anders. Ich verbrachte den Tag nämlich damit, Passfotos von Teenagern zu machen oder Kinder so aufzunehmen, dass die Eltern stolz die Fotos in ihrem Bekanntenkreis herumzeigen und erzählen konnten, wie brav die Sprösslinge dabei doch gewesen waren. Auch wenn es überhaupt nicht so war und ich für solche Aufträge fast Schmerzensgeld verlangen sollte. Ich langweilte mich unendlich, hatte aber nicht den Mut, mich in die freie Welt hinauszuwagen. Lieber wollte ich noch einige Zeit hier verbringen, um mir ganz sicher sein zu können, dass ich genug Kompetenzen hatte, um draußen bestehen zu können. Wenn ich es mir jedoch eingestand, lag es nicht unbedingt an mangelndem Können, sondern mehr an meiner puren Angst. Angst, zwischen den vielen verschiedenen Fotografen unterzugehen. Angst zu versagen und ohne Job dazustehen. Angst, irgendwo anders als in meinem gewohnten Frankfurt zu sein. Mein Bruder Max versuchte ständig, mich zu ermutigen, doch einmal etwas zu wagen. Aber er hatte gut reden, war er doch ein total anderer Typ als ich. Selbstbewusst, offen und scheute nicht das Risiko. Ich bewunderte ihn, als meinen perfekten großen Bruder. Er führte ein Leben, wovon andere träumten. Hatte sich im letzten Jahr als Immobilienmakler selbständig gemacht und half seiner Freundin Isa in ihrer Bäckerei oft aus. Die beiden hatten eine ganz und gar harmonische Beziehung, liebten sich und vertrauten sich. Wenn ich da an mein eigenes vergangenes Beziehungsdrama dachte, wurde mir schon wieder übel. Endlich auf der Straße angekommen, schluckte ich diese Übelkeit hinunter, streckte den Kopf Richtung Himmel und spürte die dicken schweren Tropfen, die auf den Bürgersteig vor mir prasselten. Das Wetter spiegelte genau meinen Gemütszustand wider, den ich seit Monaten in mir trug. Ich öffnete meinen wohl wertvollsten Besitz, einen roten Regenschirm, der seine besten Zeiten eigentlich hinter sich hatte, und machte mich eilig auf den Weg zur Bushaltestelle. Jedes Mal, wenn ich diesen über mir aufspannte, dachte ich mit glücklicher Wehmut an unsere Oma Inès zurück, die ihn mir vor vielen Jahren geschenkt hatte. Vor fünf Jahren war sie von uns gegangen, was mich immer noch sehr schmerzte. Sie kam ursprünglich aus Frankreich, genau genommen Paris, und arbeitete dort in jungen Jahren als Fotomodel. Seit ihrem Tod war ich nicht mehr in der Stadt gewesen, weil es mich einfach viel zu sehr an sie erinnerte. Fest nahm ich mir vor, endlich einige Urlaubstage zu nehmen, die ich aus den letzten Jahren noch angehäuft hatte und wieder einmal dort hinzufahren. »Sie sind zu spät. Schon wieder«, donnerte mir mein Chef Dieter Koch entgegen, noch bevor ich vollständig die Eingangstür durchschreiten konnte. Beschämt strich ich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Es tut mir leid. Ich hab mein Handy vergessen, und dann musste ich nochmal zurück, weil ...« »Ist mir egal!«, unterbrach er mich und ich schluckte. »Ständig kommen Sie wegen irgendwelcher Lappalien und Ausreden zu spät. Bemühen Sie sich doch endlich um etwas Pünktlichkeit!« Ich nickte und kaute nervös auf meiner Lippe. Mein Chef war ein Ekel, wie er im Buche stand. Er selbst saß den ganzen Tag in seinem Büro und meine Kollegin Natalie und ich schufteten einen Termin nach dem anderen ab. Im Augenwinkel sah ich sie hinter der Empfangstheke sitzen und die Augen rollen. Ihre blonde, kinnlange Frisur wippte im Takt ihres Kopfes, während sie ihn hinter seinem Rücken nachäffte und ich mir ein Grinsen verkneifen musste. »Es tut mir leid«, wiederholte ich erneut. Er schnaufte wütend, drehte seinen untersetzten Körper auf dem Absatz herum und verschwand wieder in seinem Büro. Erleichtert atmete ich aus. »Morgen!«, begrüßte mich Natalie grinsend und ich erwiderte: »Morgen!« »Deine erste Kundin wartete schon im Studio. Babyshooting«, sagte sie und ich konnte mir ein Stöhnen nicht unterdrücken. »Nee oder. Wieder so eine Übermutter?«, fragte ich gedämpfter, damit die Kundin es im Nebenraum nicht hören konnte. »Schlimmer!«, bestätigte mir Natalie leise. Ich hängte meinen beigefarbenen Trenchcoat und den Schirm an den Garderobenständer neben der Tür, stellte meine Tasche hinter den Tresen und ging zum Studio, welches sich im angrenzenden Raum befand. Als ich die Tür öffnete, sah ich schon, was meine Kollegin gemeint hatte. Eine Frau in schwarzer Stoffhose und grauem Blazer stand vor der Fotoleinwand und wippte ein schreiendes Kleinkind auf ihrem Arm hin und her. Auf dem weißen Boden des Fotografiebereiches zu ihren Füßen lag eine große geöffnete Tasche. Daneben diverse Babykleidung in Blau, Dekoartikel, bunte Hütchen, Lätzchen und allerlei anderer Kram. Natürlich hatten wir im Studio eine große Sammlung an verschiedensten Zubehörartikeln, mit denen wir tolle und ausgefallene Fotos der Kinder machen konnten, aber oft hatten die Mütter ganz genaue Vorstellungen, wie sie ihren Liebling drapiert haben wollten. Und diese deckten sich nicht immer mit der Geduld der Kinder, die meistens überhaupt keine Lust auf ein stundenlanges Fotoshooting hatten. Meiner Meinung nach absolut verständlich. »Hallo, mein Name ist Paula. Ich bin Ihre Fotografin. Die Verspätung tut mir leid«, sagte ich und blieb vor ihr stehen. »Wird aber auch Zeit, dass Sie endlich hier auftauchen. Das gibt einen klaren Abzug beim Honorar, Frau ...« »Brandl«, vervollständigte ich ihren Satz und unterdrückte mir ein Augenrollen. »Ich baue schnell einige Sachen auf, dann können wir loslegen«, sagte ich versöhnlich und wollte hinüber zu unserer Zubehörtruhe gehen, als sie mich dabei stoppte. »Ich habe selbst genug dabei, und mir auch einiges dafür ausgedacht!« Sie erklärte mir in langen Sätzen, welchen Hut sie zu welchem Shirt und welcher Hose mit welchem Dekoartikel sie gerne kombinieren würde. Ich konnte mir gerade so ein genervtes Stöhnen unterdrücken und schielte im Augenwinkel in regelmäßigen Abständen zur Uhr über der Tür. Wenn sie so weitermachte, würde das alles viele nervige Stunden dauern, die mich, und vor allem ihr Kind, ganz sicher an den Rand des Wahnsinns brachten. Ich begann mit meiner Arbeit und wurde ständig von ihr unterbrochen. Irgendetwas war immer nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte und noch dazu wollte Benedikt, wie das Kind hieß, einfach nicht aufhören zu schreien. Das Baby war genauso überdreht wie seine Mutter und ich hoffte, bald ein Entkommen aus diesem Arbeitsalptraum zu finden. Glücklicherweise war ich mit guten Nerven ausgestattet, das war auch der Grund, weshalb Natalie mir die Kindershootings überließ. Mit einer Plastikente in der Hand versuchte ich zum fünften Mal, das Kleinkind zum Lachen zu bringen, hatte aber keine Chance, denn schreiend kniff dieser die Augen zu und nahm nichts in seiner Umgebung wahr. »Ich glaube, er hat Hunger«, sagte die Frau und hob das in Latzhose und Schirmmütze gekleidete Kind hoch, welches mitten in einem Haufen bunter Kuscheltiere gelegen hatte. »Halten Sie mal kurz.« Die Mutter drückte mir das Baby in die Hand und ich hielt verdutzt inne. Langsam schuckelte ich es hin und her, während ich ihm ruhige Worte zuflüsterte, und es sogar anfing, sich langsam zu beruhigen. Ich drückte es fester an meine Brust und wog es hin und her. Benedikt kniff die Augen zu und brabbelte vor sich hin, während seine Mutter im Hintergrund hektisch in der Wickeltasche wühlte, um die Nahrung vorzubereiten. Nun war ich mir sicher, dass sein Geschrei nicht unbedingt am Hunger lag. Mutiger hob ich das Kind hoch und lachte ihm entgegen. Sein Gesicht verzerrte sich, seine Augen wurden glasig und mit einem einzigen würgenden Geräusch, spuckte es mir in hohem Bogen einen grünlichen Brei auf meine weiße Bluse. Oh nein! Die Fotoausstellung heute Abend! Nun musste ich unbedingt noch nach Hause und mich umziehen. Da ich jedoch die Zeit von heute Morgen aufholen musste, ließ mich mein Chef sicherlich nicht früher nach Hause. Während Benedikt einen fast teuflisch amüsierten Ausdruck bekam, drückte ich ihn seiner Mutter in die Arme, die zu uns geeilt war. »Hätten Sie ihn nicht so rumgewackelt, wäre das gar nicht passiert. Ihm wird doch immer schlecht bei sowas!«, rief sie mir zu und meine Augen wurden zu Schlitzen. Woher sollte ich das bitteschön wissen? Sie hatte ihr Kind doch nicht unter Kontrolle. Statt sie anzuschreien, sich endlich einmal zusammenzureißen oder zu verschwinden, murmelte ich nur ein: »Komme gleich wieder, mache mich nur kurz sauber« und verschwand durch die Tür nach draußen. »Was hast du denn gemacht?«, kicherte Natalie und ich bedachte sie mit einem bösen Blick, bei dem sie augenblicklich verstummte. In der Toilette angekommen, inspizierte ich die mit grünem Brei überzogene Bluse. Ich sah meinem Spiegelbild müde entgegen. Wie ich die Nase voll hatte von diesem Job hier, in diesem kleinen langweiligen Studio. Von meinem Chef, von anstrengenden Kunden, die dachten, ihr Shooting wäre das Wichtigste unseres Lebens. Ich wollte sehr viel mehr und vor allem weg! Tief in mir drin wusste ich genau, wohin ich wollte, doch die Angst war größer, als der Mut. Nach einem letzten Seufzer griff ich nach einem Handtuch, hielt es unter das Wasser und versuchte, die Spuren von Benedikt, dem kotzenden Schreihals, zu beseitigen, um den Job so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.

3

Nach Feierabend eilte ich schnell zum Garderobenständer, griff nach meinen Habseligkeiten und schlüpfte in meine Jacke. »Ich muss los, bis morgen Natalie!«, rief ich meiner Kollegin im Rennen zu und hatte bereits den Türgriff in der Hand, als ich hinter mir die Stimme von Herrn Koch vernahm. »Frau Brandl? Bevor Sie gehen, kommen Sie bitte nochmal in mein Büro.« Resigniert ließ ich den Kopf sinken. Nein, wieso denn jetzt? Ich war sowieso schon viel zu spät dran, denn ich wollte mich in zwanzig Minuten mit meinen Freundinnen Emma und Conni vor der Ausstellung treffen. Und mit dem grünen Fleck auf meiner Bluse konnte ich mich unmöglich dort blicken lassen, also musste ich mich auf jeden Fall zuhause umziehen. »Ja, Herr Koch«, sagte ich wie eine brave Angestellte und folgte ihm in sein Büro. Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und deutete mit der Hand auf den Stuhl, der davor stand. Ich zog ihn zurück und setzte mich, legte meine Hände in den Schoß und schaute Herrn Koch ruhig entgegen, um ihn nicht noch weiter zu reizen. Mit geschürzten Lippen legte er die Stifte, die auf der breiten Schreibtischplatte neben seinem Computer lagen, alle akkurat in eine Reihe. Er war ein richtiger Erbsenzähler, der nichts gut sein lassen konnte, deshalb hatte er auch besonders ein Problem damit, wenn ich zu spät kam. Herr Koch widmete nun mir seine gesamte Aufmerksamkeit und zog die Augenbrauen zusammen, bevor er anfing zu reden: »Sie wissen sicher, weshalb ich Sie zu mir gerufen habe?« Klar, wusste ich es. »Nein, nicht wirklich.« Er schnaubte. »Sie waren das zweite Mal in dieser Woche zu spät und das vierte Mal in diesem Monat. Was meinen Sie, halte ich davon?« Beschämt räusperte ich mich. »Nicht viel?«, fragte ich schüchtern. Insgeheim wünschte ich mir, selbstbewusster zu sein, um meinem Chef endlich mal die Stirn bieten zu können. Auch wenn er natürlich recht mit diesem Thema hatte, war er doch in vielen Dingen einfach unfair seinen Angestellten gegenüber. »Sie können sich denken, was es bedeutet, wenn Sie nichts ändern? Hiermit erhalten Sie eine Abmahnung«, sagte er und schob mir ein Schreiben über den Tisch zu. Eine Abmahnung? Ein Kündigungsgrund? Und das wegen fünf Minuten Verspätung, obwohl ich die meisten Tage von morgens bis abends durchschuftete, ihm so gut wie jeden Kunden abnahm und er nur in seinem Büro sitzen und den Chef raushängen lassen musste? Unfassbar! Tief atmete ich ein und nahm äußerlich ruhig das Papier entgegen. In mir brodelte es und meine Pulsschlagader klopfte heftig an meinem Hals. »Ich werde mich bemühen, pünktlicher zu sein. Darf ich jetzt gehen? Ich habe noch eine Verabredung und müsste los.« Er nickte, lehnte sich zurück und legte, sichtlich zufrieden mit seiner Tat, die Hände gefaltet auf seinen dicken Bauch. Die Knopfleiste an seinem Hemd stand ziemlich unter Spannung und ich ging unvermittelt in Deckung, als er sich zum Abschied bewegte. »Bis morgen. Pünktlich!« »Selbstverständlich«, antwortete ich ihm und ging aus dem Raum. Natalie stand bereits mit meiner Jacke und den anderen Habseligkeiten an der Eingangstür. Ich ging hinüber zu ihr und verdrehte die Augen. »Danke! Sag nichts. Ich erzähl dir alles morgen, ich muss los.« »Klar, sieh zu, dass du wegkommst. Ich schließe ab. Schönes Wochenende!« »Danke, wünsche ich dir auch«, sagte ich zu ihr, schlüpfte hastig in meinen Trenchcoat und eilte mit meiner Tasche über der Schulter und dem Regenschirm in der Hand über den Bürgersteig. Glücklicherweise hatte es aufgehört zu regnen, aber laufen oder Busfahren würde viel zu lange dauern, um es in kurzer Zeit zu schaffen. Außerdem musste ich mir noch etwas wegen meiner dreckigen Bluse einfallen lassen. Ich hielt die Hand in die Höhe, um dem anfahrenden Taxi zu zeigen, dass ich seine Dienste benötigte. Er stoppte vor mir und ich ließ mich auf den Rücksitz fallen. »Hallo. Bitte zur Galerie Luna, danke.« Der Fahrer nickte und fuhr los. Hektisch kramte ich in der großen Handtasche und zog mein Handy heraus. Ich seufzte, als ich sah, wer mir schon wieder eine Nachricht gesendet hatte. Hallo Paula, ich hoffe, es geht dir gut. Melde dich doch! Bitte! Liebe Grüße DennisMein Exfreund hatte, nachdem ich ihn im letzten Jahr auf frischer Tat ertappt hatte, teilweise fast aggressiv versucht, mich zurückzubekommen. Glücklicherweise wurden seine Nachrichten und Anrufe in den letzten Monaten weniger. Doch obwohl ich auf keinen seiner Kontaktversuche reagiert hatte, nahmen sie weiterhin nicht ab. Obwohl meine männlichen Bekanntschaften in der Vergangenheit eher rar waren, würde ich mich ganz sicher nicht mehr mit ihm einlassen. Wer weiß, wie oft er mich bereits betrogen hatte, denn an besagtem Mittag sah es nicht so aus, als wäre es ein einmaliger Ausrutscher gewesen. Und auch wenn mir meine Eltern, die ihn sehr gut leiden konnten, deswegen ständig in den Ohren lagen. Aber mein Bruder Max hatte Recht. Dennis war von Anfang an ein Arschloch und es wunderte mich, dass ich das nicht vorher gesehen hatte. Meine Finger flogen über das Display, ich löschte zuerst die Nachricht und wählte daraufhin die Nummer von Emma. Mit der anderen Hand tippte ich nervös auf meiner Tasche, die auf meinem Schoß lag. Emma war als Betreiberin einer gutgehenden Boutique in der Stadt die Einzige, die mir in meiner Situation helfen konnte. Mal abgesehen davon, dass sie meine beste Freundin war. »Paula! Ich wollte gerade los. Bist du schon da?«, hörte ich ihre Stimme und atmete erleichtert aus. »Ein Glück! Du bist noch im Laden?« »Ja, wieso, was brauchst du?« »Ein Kind hat mir heute Vormittag auf die Bluse gekotzt und ich schaffe es nicht mehr nach Hause. Du musst mir etwas zum Wechseln mitbringen. Irgendwas das zu einem dunkelgrauen Rock passt«, bettelte ich und hörte ihr zufriedenes Brummen. Klamotten waren ihre Leidenschaft und sie liebte es, ihre Freundinnen damit auszustatten. »Nichts lieber als das! Ich habe heute eine wunderschöne, dunkelblaue Seidenbluse reinbekommen. Sie sieht sicherlich grandios an dir aus!« »Danke Emma! Ich bin in zehn Minuten da. Bis gleich« »Bis gleich, Süße« Erleichtert atmete ich aus und sank im weichen Autositz ein. Jetzt konnte nichts mehr schiefgehen. Hoffentlich ... Durch das Seitenfenster sah ich bereits den roten lockigen Schopf von Emma, und daneben Connis dunkelbraune Mähne. Meine beiden Freundinnen standen vor den großen Glasscheiben, auf denen in geklebten Buchstaben Galerie Luna stand, und winkten mir zu. Ich gab dem Fahrer sein Geld und stieg aus. Meine hochhakigen Pumps, in denen mir mittlerweile die Füße vom Arbeitstag wehtaten, klackerten auf dem Asphalt, als ich auf sie zulief. »Hallo Mädels!«, rief ich ihnen zu, woraufhin sie mir ein Stück entgegenkamen. Wir begrüßten uns mit Umarmungen und Emma hielt mir eine schwarze Papiertüte unter die Nase. »Hier! Du kannst dich in meinem Auto umziehen, es steht um die Ecke.« »In deinem Auto?«, fragte ich entgeistert und Conni und Emma kicherten. »Klar, wo denn sonst? Ist doch nichts dabei. Du bist echt manchmal total verklemmt«, sagte Emma und zog mich am Arm die Straße entlang. »Wir stellen uns auch vor die Scheiben, dann sieht dich keiner«, sagte Conni beschwichtigend und ich schüttelte den Kopf. »Klar, weil ihr so breit seid und das gesamte Auto verdecken könnt.« »Och, stell dich nicht so an«, stöhnte Emma, zog die Tür auf und drückte mich auf den Beifahrersitz ihres weißen Audi A1. Mit nervösem Blick schaute ich mich um. Ich sollte wirklich lockerer sein. Manchmal beneidete ich vor allem Emma, die sich nie Sorgen um irgendetwas machte. Sie lebte einfach ihr Leben und hatte verdammt viel Spaß dabei. Wir lernten uns mit Anfang zwanzig in einem Fitnesskurs kennen, denn wenn man einmal Seite an Seite geschwitzt und gelitten hatte, kam man sich automatisch näher. Wir tranken einen Obstsmoothie an der Saftbar und verabredeten uns wöchentlich für den Bauchkiller-Kurs. Aus den Kursen wurden dann Treffen am Wochenende in Bars und unsere Freundschaft begann. Conni war bereits mit Emma befreundet, die irgendwann zu unserem Zweiergespann dazustieß. Seitdem gingen wir regelmäßig zu dritt auf die Pirsch, wobei Conni seit ihrem Beziehungsanfang mit Sebastian im letzten Sommer nicht mehr ganz so häufig mit von der Partie war. Glücklicherweise war Emma Single mit Leib und Seele. Schnell schlüpfte ich aus der Jacke, knöpfte meine Bluse auf und zog sie mir von den Schultern. Hektisch wühlte ich, nur in schwarzem Spitzen-BH bekleidet, in der Tüte, die im Fußraum vor mir stand, und hielt kurz die Luft an, als ich den weichen Stoff zwischen den Fingern spürte. Wow, das Kleidungsstück war wirklich schön! Sanft schmiegte sich der kalte, dunkelblaue Seidenstoff an meine Haut und ich schloss die kleinen Knöpfe, die in der Mitte eine hellblaue Verzierung hatten. Zufrieden zog ich mir wieder meinen Trenchcoat über und stieg aus dem Auto. »Na siehste, war doch gar nicht schlimm, oder?«, lachte mir Emma entgegen und ich schüttelte den Kopf. »Bereit?«, fragte ich die beiden und sie nickten. Ich wusste, dass meine Freundinnen überhaupt nichts mit Fotografien am Hut hatten und nur mir zuliebe mit in die Ausstellung kamen. Und dafür war ich ihnen unwahrscheinlich dankbar, weil mich die bloße Vorstellung, alleine dort aufzutauchen, nervös machte. Wir traten durch die Tür und orientierten uns zuerst. Der Raum war komplett in weiß gehalten. Weißer Boden, weiße Wände, an denen als Kontrast bunte Fotografien von Landschaften hingen. Ich hatte vorher schon ein paar Bilder des Künstlers gesehen und war neugierig auf mehr. Emma suchte nach der Bar und zeigte auf die rechte Seite des weitläufigen Raumes: »Da! Kostenloser Sekt!« Sie ging vorwärts und Conni und ich folgten ihr. Im Laufen drehte ich den Kopf nach links und versuchte, bereits einige Bilder zu erkennen. Bis mein Blick an einem breiten Rücken, über dem sich ein schwarzer Anzug spannte, hängen blieb. Die schwarzen Haare waren gewollt zerzaust und seine Hände steckten in den Hosentaschen, während er anscheinend sehr interessiert eine Fotografie studierte. »Huch!«, ich schaute wieder nach vorne, als ich spürte, wie Emma vor mir stehen blieb und ich auflief. Sie drehte sich um und runzelte die Stirn. »Sorry. Hab nicht gesehen, dass du angehalten hast«, entschuldigte ich mich und meine Wangen nahmen eine rote Farbe an.