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Tiere aller Arten lässt Burkhard Müller beim empathischen Gang durch den Berliner Zoologischen Garten Revue passieren. Angesichts aktueller Entwicklungen muss man Moritz Rudolphs Sinn für das Kontrafaktische loben: Er stellt den neuen Menschen vor, der Sympathien mit schöner Seele gewinnt. Vom anderen Schlag: Donald Trump, über dessen zweiten Triumph Fintan O'Toole ernüchtert sinniert. In ihrer KI-Kolumne erklärt Paola Lopez, was von den Wahrheitsansprüchen der LLM-Chatbot-Betreiber zu halten ist: wenig. Warum die real existierende Theologie zu den Krisen unserer Zeit wenig beitragen kann, erklärt Gunnar Hindrichs in seiner Philosophiekolumne. Über Risiken und Nebenwirkungen des neuen "Präsidentialismus" (also stark auf Personen fokussierter Politik) denkt Markus Linden nach. An einen Ort namens Fusse Höll führen Andreas Nentwichs Erinnerungen an die Mutter. Um die Zeit der Bäume geht es in einem Essay von Jens Soentgen, in dem nicht zuletzt Paracelsus zu Wort kommt. Sibylle Severus erzählt von einer Stradivari, genauer gesagt: ihrer Decke. Und Anke Stelling stellt sich als neue Schlusskolumnistin vor – wünschte nur, sie täte es in besserem Zustand.
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 908, Januar 2025, 79. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
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(D) 15 € (A) 15,80 € (CH) 18 SFr
ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-12437-8
Umschlag
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
Burkhard Müller: Von Tieren und Tafeln Ein Besuch im Berliner Zoo
Moritz Rudolph: Schöne Seelen
Fintan O’Toole: Trumps Wiederkehr Der Sieg der Enthemmung
KRITIK
Paola Lopez: KI-Kolumne Über die Wahrheitseigenschaft
Gunnar Hindrichs: Philosophiekolumne Keine Theologie der Krise
MARGINALIEN
Markus Linden: Le choix, c’est moi?. Fallstricke des neuen Präsidentialismus
Andreas Nentwich: Fusse Höll
Jens Soentgen: Baum und Zeit
Sibylle Severus: Über die Hochstapelei
Anke Stelling: Steigen, sinken, schweben
BurkhardMüller, geb. 1959, Hochschuldozent und Journalist. 2024 erschien Die Elbe – Porträt eines Flusses. [email protected]
MoritzRudolph, geb. 1989, Redakteur des Philosophie Magazin. 2021 erschien Der Weltgeist als Lachs. [email protected]
FintanO’Toole, geb. 1958, Redakteur bei The Irish Times und New York Review of Books. – Der Beitrag erschien unter dem Titel The Second Coming in der NYRB vom 5. Dezember 2024.
PaolaLopez, geb. 1988, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Mathematik und Informatik der Universität Bremen, assoziierte Wissenschaftlerin am Weizenbaum-Institut in Berlin. Im März 2025 erscheint der Roman Die Summe unserer Teile.
GunnarHindrichs, geb. 1971, Professor für Philosophie an der Universität Basel. 2020 erschien Zur kritischen Theorie; 2024 Abseits des Krieges. Ein philosophischer Essay.
MarkusLinden, geb. 1973, apl. Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier. 2014 erschien Einschluss und Ausschluss durch Repräsentation. [email protected]
AndreasNentwich, geb. 1959, Autor. 2020 erschien Change Ringing. Ein Londonjournal.
JensSoentgen, geb. 1967, Philosoph und Chemiker. Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg. 2024 erschienen Philosophie des Wassers und Indigenous Knowledge and Material Histories. [email protected]
SibylleSeverus, geb. 1937, Schriftstellerin. 2015 erschienen der Roman Nauenfahrt und die Erzählungen Die Große Kunst. [email protected]
AnkeStelling, geb. 1971, freie Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. www.ankestelling.de
DOI 10.21706/mr-79-1-3
Eine schöne neue Welt ist das, die uns Moritz Rudolph verspricht. Eine Welt, in der die Freundlichen und Sanften den Ton angeben. Ein fast schon mönchischer Menschenschlag, dessen Siegeszug sich da ankündigt: »Die heutige Avantgarde hat nichts Fanatisches, nichts Festes, und die einzige Maxime, auf die sie sich verständigen kann, ist, dass es sinnvoll wäre, ein angenehmer Mensch zu sein.« Den Vorschein dieser Zukunft findet Rudolph beim Kindness Content auf Youtube, aber auch in der Logik der Konjunkturzyklen, der zufolge nun die »Verschaltung aller natürlichen und künstlichen Dinge zu einem gewaltigen, selbststeuernden Produktionsprozess, der den Komfort, die Lebensdauer und -qualität erhöht und nachhaltig wirtschaftet«, anstehen könnte. Ist das nun utopisch oder dystopisch? Oder einfach verrückt, gerade angesichts der Tatsache, dass derzeit ganz andere Charaktere reüssieren? (Vgl. nur den Anschlussessay von Fintan O’Toole über den erneuten Triumph Donald Trumps.) Oder ist es, wie so oft bei Moritz Rudolph, gerade die spekulative Verfremdung, die unsere Wirklichkeit durch Kontraststoffe kenntlicher macht?
Für ihre Verfechter utopisch sind die immer wachsenden Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz – für Paola Lopez aber ganz sicher nicht. In ihrer aktuellen KI-Kolumne sieht sie sich die Wahrheitsversprechen der generativen Modelle, also von Midjourney, OpenAI & Co, einmal ganz genau an. Dass Bots oft sehr selbstbewusst Quatsch von sich geben, ist auch ihren Schöpfern bekannt. Leider sorgen deren an sich gut gemeinte Korrekturmaßnahmen aber nicht selten dafür, dass jede Menge Kontrafaktisches in die Welt gesetzt wird. Das wiederum hat, wie Lopez zeigt, systemische Gründe – was keine wirklich gute Nachricht ist.
Etwas anderes dagegen schon: Wir freuen uns sehr, dass die Schriftstellerin Anke Stelling ab diesem Heft unsere allmonatliche Schlusskolumne übernimmt.
CD/EK
DOI 10.21706/mr-79-1-5
Burkhard Müller
Ein Besuch im Berliner Zoo
Elefant. Wer in den Berliner Zoo will, tritt ein durchs Elefantentor. Zwei lebensgroße Elefanten flankieren den Eingang, knieend, aus Sandstein oder vielleicht auch Zement, es lässt sich schwer entscheiden. Über ihnen spannt sich ein lackrot akzentuierter Torbogen, im Schwung eines geträumten Orients. Ein markanter, ein guter Eingang.
Gut sind Institutionen, die Wert auf ihren Eingang legen. Nicht nur findet man seinen Weg hinein so leicht, wie man sollte. Man fühlt sich auch willkommen geheißen und erhält das Versprechen, dass man, indem man das Draußen gegen das Drinnen vertauscht, eine Steigerung des eigenen Daseins erfahren wird. Gedrängter, bunter, ernster und heiterer wird es werden als das gewöhnliche Leben.
Das Elefantentor stammt noch aus einer Zeit, wo es selbstverständlich war, Eingänge in solcher Weise zu gestalten: als Schlüsselstelle der Architektur, wo sich der Stoffwechsel eines Baus oder Gartens mit der Welt vollzieht, der lebenserhaltende Austausch der Sphären. Ein Portal, das mehr ist als bloßer Durchweg, lädt den Besucher ein, aber ermahnt ihn auch: Du bist hier Gast, mit allem, was Gastrecht und Gästepflicht mit sich bringen. Gast und Gastgeber, heute auf zwei Rollen verteilt, waren ursprünglich eins: Das ist der Doppelsinn des lateinischen Wortes »hospes«. Erst die Begegnung macht sie beide zu dem, was sie sind, und erhöht sie; ihr gemeinsamer Ort ist die Schwelle, die darum nicht festlich genug markiert werden kann.
Sifaka. Zoo, Tierpark und Tiergarten gelten gemeinhin als Synonyme. Wer aber meint, das wäre alles mehr oder weniger dasselbe, der wird in Berlin Überraschungen erleben. Es geht damit los, dass er am falschen Ort aus der S-Bahn steigt, denn »Tiergarten« und »Zoo«, das sind verschiedene Bahnhöfe, wenn auch relativ nahe beieinander. Am anderen Ende der Stadt aber liegt der Tierpark.
Als Berlin geteilt wurde, brauchte natürlich auch der Osten ein Pendant, genauso wie einen eigenen Flughafen, während umgekehrt der Westen mit Oper, Rathaus und Universität nachziehen musste; von all diesen Dingen gab (und gibt) es in Berlin immer mindestens zwei Exemplare. In dieser Liga der zentralen großstädtischen Einrichtungen spielt auch der Zoologische Garten mit; ohne ihn darf eine Metropole nicht als komplett gelten, schon gar nicht, wenn es sich um den Brückenkopf westlicher Freiheit inmitten von Feindesland beziehungsweise die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik handelt.
Der Tierpark (Ost) ist größer als der Zoo (West), aber das bezieht sich allein auf die Fläche. Am Rand gelegen, hat der Tierpark mehr Platz. Doch besitzt er geringere Attraktivität und zählt deutlich weniger Besucher. Das Verhältnis der beiden Gärten entsprach dem der beiden Halbstädte: Der zentral gelegene Zoo gewinnt seine Eigenart durch die Enge der Umfriedung, er stellt eine Insel in andersartiger Umgebung dar, deren Druck er von allen Seiten standhalten muss; er war sozusagen ein West-Berlin innerhalb West-Berlins. Der Tierpark hingegen ist kontinuierlich mit seinem Umland verbunden, was ihm Raum verschafft; dafür verliert sich seine Struktur in der Weite.
Dass ich den Tierpark überhaupt kenne, verdanke ich einer Nichte, die hier vor einiger Zeit ihr freiwilliges ökologisches Jahr ableistete und einen Rundgang organisierte. So kam ich auch in Bereiche hinein, die für Besucher normalerweise gesperrt sind, die Aufzuchtstation für Chamäleons zum Beispiel; oder ins Gehege der Guanakos zur Fütterungszeit (die Energie der Guanakos bei dieser Gelegenheit wirkt beängstigend, sie rennen alles über den Haufen, was sich zwischen sie und ihren Trog stellt). Und wie leicht so ein Sifaka wiegt, wenn er auf einem herumturnt – alles bloß Pelz und keine Substanz an die-sem madagassischen Lemuren. Solch eine privilegierte Sonderführung ginge im Berliner Zoo wohl eher nicht, weil derartige Bevorzugung unter den dortigen Raumbedingungen den anderen Besuchern auffallen und ihren Neid erregen müsste. Anders als im Tierpark kann im Zoo immer jeder alles sehen, was los ist.
Hirsch. Gar keine Tiere, das heißt keine Tiere in menschlicher Obhut, gibt es hingegen heute im Berliner Tiergarten. Er ist ein Stadtviertel der gehobenen Kategorie mit viel Grün. Das Grün stammt noch von den Zeiten her, wo er den brandenburgischen Kurfürsten als Wildgatter diente: Hier wurden Hirsche und anderes Wild gehalten und gejagt, ein Vorrecht der Aristokraten. Sehr weidgerecht im heutigen Sinn ging es dabei nicht zu. Da das Wild die Einzäunung nicht verlassen konnte, war ihm die rettende Flucht verwehrt. Es wurde weniger zur Strecke gebracht als abgeknallt. Auch ließ man alle Tätigkeiten mit Ausnahme des eigentlichen Tötungsvorgangs, von der Hege bis zum Treiben vor die Flinte, vom Personal erledigen; dem Fürsten und seinen illustren Gästen kam der Augenblick des Schusses zu. Was heute jeder Jäger in seiner neuzeitlich-ganzheitlichen Berufsehre als unweidmännisch von sich weisen würde, den Fürsten war es gerade recht: Nur so erreichten sie die unglaubliche Zahl an Trophäen, Tausende von ihnen, und nur darauf kam es an.
Im historischen Übergang vom Tiergarten zum Zoologischen Garten hatte die Menagerie ihren Ort. Hier hielt man, erst eher nebenbei, solche Tiere, die man nicht in Massen schießen, sondern im Einzelnen zeigen wollte, weil sie den höfischen Glanz nicht als Leichen, sondern lebendig erhöhten; sei es, weil man sie allegorisch mit den hochherzigen Eigenschaften des Monarchen verband, wie bei Löwe und Adler, sei es, dass sie als Exoten Erstaunen wecken sollten gleich einem kostbaren Gewand. Wo das Volk sie zu sehen bekam, musste man es fast mit Gewalt daran hindern, dass es sie wie Kriegsgefangene behandelte, piesackte und mit Steinen bewarf. Denn hatte man über diese Exoten, da sie hergebracht werden konnten, nicht einen Sieg errungen? Es waren Abzeichen des Triumphs über die Natur, zu einer Zeit, wo Natur noch nicht als bedroht, sondern als bedrohlich erschien.
Weißnacken-Fasantaube. Die Besucher der Menagerie gafften. Das Gaffen, oder sagen wir neutraler das Schauen, tritt bei den Rechtfertigungsstrategien der Zoos (denn rechtfertigen müssen sie sich heute) zurück hinter dem Bildungsauftrag. Es ist nicht leicht zu sagen, worin genau er bestünde. Das Fernsehen ist voll von Filmen, die Tiere bei einer Vielfalt von Aktivitäten zeigen – beim Beutereißen, beim Wandern, bei der Paarung –, die das Publikum im Zoo so gut wie nie beobachten kann und die den Blick in eine Intimität ge-statten, wie der Zoo sie nur in Ausnahmefällen zulässt. Diese Filme wirken weit belehrender, als der Zoo es je könnte. Dazu ist an den Gehegen und Käfigen eine Fülle von Schrifttafeln angebracht, die so ziemlich alles erklären, was an diesem Tier Beachtung verdient, so dass man es selbst kaum mehr zu sehen braucht, um Bescheid zu wissen. Das Tier wird zur Fußnote seiner selbst.
Es erinnert an die großen Rock- und Popkonzerte der Gegenwart, wo Zigtausende zusammenströmen und hohe Eintrittspreise zahlen, um Taylor Swift live zu erleben – aber was sie wirklich zu sehen bekommen, das ist, neben der playmobilhaft kleinen Figur der Sängerin selbst, vor allem ihre riesige Projektion auf einer Leinwand. Wo es solch eine Leinwand gibt, da blickt man fast nur noch auf sie. Und trotzdem verlieren die Livekonzerte nichts von ihrer Anziehungskraft, im Gegenteil: Das reale Menschlein, das da vorne singt und tanzt, dient als Unterpfand des Authentischen, als Garant von Präsenz: obwohl das Missverhältnis der beiden, von Präsenz und Projektion, erbarmenswürdig ist. So auch dienen die realen Tiere im Zoo den Besuchern als Bildungs- und Erlebnisunterpfänder.
Doch möchte ich diese erklärenden und erläuternden Tafeln nicht missen. Man könnte sagen, es sei der Pedant in mir, der diese Schilder so ausgiebig zur Kenntnis nimmt, ausgiebiger vielleicht als das zugehörige Tier selbst. Besonders gilt das von den vielen Vögeln, die immer zu mehreren Spezies auf einmal gehalten werden. Sie zu finden und zu erkennen wird, besonders in den offenen Hallen, wo sie wenigstens teilweise herumfliegen können wie in freier Natur, zu einer Schatzsuche – oder genauer, zu einer Art Memory-Spiel: Karte Nummer eins halte ich in der Hand, wenn ich die Tafeln lese; das Match, die dazu passende Karte Nummer zwei treibt sich irgendwo im Gebüsch herum; und die will ich aufspüren, um das Gefühl zu haben: Passt!
Ja, ein Spiel ist es, eines, bei dem gewiss auch das Kontroll- und Ordnungsbedürfnis seinen Anteil hat. Die Fast-Freiheit all dieser bunten Vögel in Glashäusern, die dem Auge mit ihrem dichten Grün die räumliche Begrenzung verschleiern, hat etwas vom Paradies. War nicht auch das Paradies ein solcher Garten, dessen Umfriedung den Insassen unfühlbar blieb? Das war eine heimliche Bedingung seines Glücks.
Zum Paradies gehört die Vielfalt. Sie bietet sich dem Blick nicht ohne Weiteres dar. Selbst bei der hohen Besatzdichte lässt sich zunächst einmal nur ausmachen, dass hier etwas im Blattwerk raschelt. Man muss wissen, wonach man Ausschau hält, sonst gibt die Vielfalt sich nicht preis. Zehntausend Spezies von Vögeln existieren in der Welt (und wenn man den »Splittern« folgt, die momentan mal wieder die Oberhand über die »Lumper« zu haben scheinen, sogar elftausend). Die Naturverehrer aus der Stadt, die die Vielfalt der Lebensformen als ein höchstes Gut beschwören, kennen, wie Umfragen ergeben, im Schnitt sieben heimische Arten; und wie viele davon sie im Gelände auch erkennen, sei dahingestellt. Wenn sich die beschworene Vielfalt vom leeren Abstraktum in Anschauung verwandeln soll, braucht man die Tafel. Sie bietet nicht nur das zur Ruhe gebrachte Bild des Vogels (die Vögel selbst neigen ja immer zum Entwischen), sondern nennt beim Namen.
Diese Namen sind so kaleidoskopisch wie die Benannten selbst. Ja, das Kaleidoskop scheint die angemessene Metapher für die Art, wie hier Benennung geschieht: Aus einer begrenzten Zahl von Elementen geht, dank der Möglichkeiten des Kompositums, des zusammengesetzten deutschen Hauptworts, eine nahezu unbegrenzte Fülle von Kombinationen hervor. Das ältere Deutsch hatte nur wenige Namen für Tiere; vergeblich wird man bei Walther von der Vogelweide nach Anzeichen suchen, dass er Kohl- und Blaumeise auseinanderkannte oder auch bloß eine Meise von einem Fink unterschied, obwohl diese ziemlich deutlichen Wesen täglich um ihn herumflatterten, selbst im Winter. Um 1700 kannte die Naturgeschichte vierhundert Arten von Tieren. Um 1800 waren es bereits viertausend Arten – von Schlupfwespen. Woher die Namen für sie alle nehmen?
Das Ergebnis klingt so: Malaienstar – Weißbürzelschama – Weißnacken-Fasantaube (diese als Einzige mit Bindestrich) – Chinesischer Sonnenvogel (dieser mit dem Attribuierungsmittel des Adjektivs) – Malaienente – Straußwachtel; sie finden sich sämtlich auf einer einzigen Tafel und bilden miteinander eine Wohngemeinschaft, die ihnen die Zooleitung zugewiesen hat. Andernorts hat man die Bartlett-Dolchstichtaube, den Palawan-Pfaufasan, den Blauscheitelmotmot, den Fratzenkuckuck und den Eulenschwalm zusammengebracht, dazu den Kleinkantschil, bei dem es sich um einen Vertreter aus der Familie der Hirschferkel handelt.
Nehmen wir die Weißnacken-Fasantaube. Es gibt Hunderte von Taubenarten; die alte deutsche Kernsprache kannte nicht nur 99 Prozent dieser vorwiegend tropischen Vögel noch nicht, sondern unterschied auch nicht weiter zwischen den vier oder fünf Spezies, die hierzulande vorkommen. (Lediglich die Turteltaube, aus lateinisch »turtur«, erhielt frühzeitig weniger einen spezifizierenden Vor- als einen verdeutlichenden Nachsatz, da »Turtel« als solches nicht mehr zu verstehen war.) »Fasantaube«, das hob eine einzelne Gattung aus der Fülle der Familie hervor, wobei es gar nicht so sehr darum ging, ob diese Taube wirklich Ähnlichkeit mit einem Fasan hatte, sondern nur überhaupt um Abgrenzung von den anderen Gattungen. Und dann gibt es innerhalb der Gattung noch weitere Arten oder Unterarten, wie zum Beispiel die Fergusson-Fasantaube oder die Bronzenacken-Fasantaube (die in Berlin nicht in Erscheinung treten). Über eine Kaskade von Morphemen, wie bei einer Bahnreise, wo man mehrmals auf immer kleineren Bahnhöfen umsteigen muss (Stuttgart, Ulm und Biberach – Meckenbeuren, Durlesbach), gelangt man schließlich an den umschriebenen, aber deutlichen Bestimmungsort.
Die Große Enzyklopädie der Vögel, die ich besitze, hat sich vorgenommen, allen zehntausend Spezies einen deutschen Namen zu verleihen und kennt unter anderem: den Wetarfeigenpirol; die Rußwürgerkrähe; den Braunbauchlaubenvogel; den Waglertrupial; den Burumistelfresser; den Kathalabrillenvogel; den Maskarenenparadiesschnäpper; und 9993 andere.
Sie kommentiert: »Die deutschen Namen sind in vielen Fällen lediglich als Vorschlag zu betrachten, da es bislang keine offizielle und verbindliche Liste gibt. Sie sind keineswegs immer schön, treffend oder sinnvoll, oft sogar ausgesprochen hässlich, irreführend oder wenig hilfreich.« Aber das kann dem Ernst und Sinn des Projekts nichts anhaben: Alle sollen neben dem zweiteiligen wissenschaftlichen auch ihren zusammengesetzten deutschen Namen bekommen, damit alle Teilhaber der deutschen Sprachgemeinschaft Nachricht von sämtlichen Vögeln der Welt erhalten. Insbesondere für den Fall, dass einige davon demnächst verschwinden sollten. Dann will man eine Inschrift für den Grabstein haben, Stephen-Island-Scheinzaunkönig zum Beispiel, der endemisch auf einer winzigen Insel vor der Küste Neuseelands vorkam und dessen Bestand komplett von einer einzigen Katze ausgerottet wurde. Vorläufig noch an Bord der Arche Noah sind die Scherenschwanznachtschwalbe, die Veilchenkopfnymphe und der Rotschwanzadlerschnabel. Merkt sie euch! Das tönt wie im Gedicht der Droste, wo es heißt: Vergiss nicht die Toten. Vergiss nicht die Toten.
Bärin. Ich kenne Leute, die gehen grundsätzlich in keinen Zoo, weil sie ihn auch heute noch, lange nach dem Zeitalter der Menagerie, als ein Tiergefängnis betrachten. Und zum Beweis führen sie die Gitterstäbe an, die es im Zoo (nicht an allen Stellen mehr, aber doch unübersehbar) ebenso gibt wie im Menschenknast: Nämlich als metallgewordenes Zeichen des Zwangs, der die Insassen hindert, hinzugehen, wo sie wollen. Ein Gefängnis wohlgemerkt, in dem ausschließlich Unschuldige einsitzen. Bei den menschlichen Verbrechern ist das als Strafe gedacht, bei den Tieren nicht; die Wirkung aber ist dieselbe.
Die Leute, die den Zoo ablehnen, sind nicht unbedingt Vegetarier. Und wirklich lässt sich hier ein Unterschied erkennen: Wer der Tötung von Tieren zustimmt, weil er sie essen will, hat einen vernünftigen Grund, seine Ernährung; und braucht nur auf die Anlage des menschlichen Allesfresser-Gebisses hinzuweisen, um zu demonstrieren, dass die Natur uns nicht ausschließlich, aber doch auch zum Fleischverzehr bestimmt hat. Überdies kann er geltend machen, dass die Tötung augenblicklich erfolgt, die Haft in ihrer Qual aber in aller Regel lebenslänglich dauert. (Ist nicht unter den Urteilen, die dem anderen das Leben absprechen, »lebenslänglich« im Grunde viel grausamer als die Todesstrafe? Die Todesstrafe wirkt rasch und radikal; der lebenslängliche Freiheitsentzug macht jeden Tag des aberkannten, schattenhaften Lebens zur neuen, langwierigen Tortur.)
Ja, die Zooverweigerer genießen ihr Schnitzel möglicherweise frei von Gewissensbissen. Denn die Lust zu essen liefert in ihren Augen ein stärkeres Argument als die Lust zu schauen. Diese ist frivol, mindestens so wie der Genuss eines Trauerspiels auf der Bühne; doch eher wie der Voyeurimus bei einem Unfall auf der Autobahn. In gewisser Hinsicht stellt jedes Tier in Gefangenschaft ein solches Unfallopfer dar: Von Haus aus nämlich gehört es in die freie Wildbahn.
Ich wohne in Chemnitz, wo es gleichfalls einen Zoo gibt, einen kleineren als in Berlin, aber doch einen ambitionierten. Dort waren immer Bären gehalten worden. Ich kenne noch den alten Bärenkäfig (nicht einmal einen Zwinger möchte ich ihn nennen, denn der Bärenzwinger zum Beispiel im Burggraben von Torgau gewährt den Bären viel mehr Platz). Es war ein langer, schmaler Käfig mit sehr kräftigem Eisengitter. Im Hintergrund befand sich Fels, vermutlich aus Zement modelliert, der die natürliche Umgebung repräsentieren sollte, faktisch aber den Raum für die Bären noch weiter verkleinerte, die nur direkt an den Stäben hin- und hergehen konnten. Es anzusehen war eine Qual. Dann entschloss man sich, für die letzte Grizzly-Bärin (die anderen Bären waren gestorben) ein neues, großes Freigelände anzulegen. Dorthin wurde sie umgesiedelt. Aber sie ging weiterhin nur auf einer ganz kurzen Strecke hin und her, wie sie es gewohnt war, ungefähr dem entsprechend, was ihr alter Käfig hergegeben hatte. Ein Kaspar Hauser des Tierreichs war sie, der durch das Ausweglose seiner Unfreiheit, auch wenn ihm, spät, die Freiheit geschenkt worden ist, die freien Menschen beschämt. Inzwischen ist auch diese Bärin verstorben. Eine neue wurde nicht angeschafft.
Ist also der Zoo ein Gefängnis? Im Hinblick auf die Tiere bestimmt; im Hinblick auf die menschlichen Besucher aber auch noch etwas anderes, nämlich eine Ausstellung, ein Museum. Ja, als diese Kreuzung aus Museum und Gefängnis bestimmt man die Institution des Zoos wohl am genauesten.
Doch bedeutet der Zoo ein Gefängnis wohl nicht für alle Tiere in gleicher Weise, wenn man das Leiden an der Unfreiheit als dessen zentrale Eigenschaft verstehen will. Geht man an den Terrarien vorbei, wo die Reptilien in totengleicher Starre verharren (höchstens dass der Kehlsack pulst, schwaches einzelnes Zeichen von Lebendigkeit): so drängt sich kaum der Gedanke auf, dass sie in ihrer Freiheit, das heißt Bewegungsfreiheit, eingeschränkt wären.
