Mesmer oder Die Erkundung der dunklen Seite des Mondes - Thomas Knubben - E-Book
Beschreibung

Der historische Fall des Förstersohns vom Bodensee, der in Wien zum Wunderdoktor aufsteigt und dann gar zum Mittelpunkt der Pariser Gesellschaft kurz vor der Revolution avanciert. Franz Anton Mesmer (1734 – 1815): ein Aufklärer, der den Kosmos zum Ausgang nimmt für seine Erkundungen – und der Licht bringt ins Dunkel der Seele. Ein faszinierender, glänzend erzählter Essay über Versuch und Irrtum – und über das Leben als Rätsel mit offenem Ausgang. Mesmer ist eine schillernde Figur. Ohne Zweifel hochbegabt, bestens ausgebildet, ehrgeizig und charismatisch nimmt er akute Entdeckungen und Fragestellungen seiner Zeit auf und transferiert sie auf sein Terrain als praktizierender Arzt und empirisch operierender Wissenschaftler. Die Zeitgenossen verfolgen sein Wirken mit Begeisterung und Skepsis. Der König von Frankreich beruft gleich zwei Kommissionen, um seine Lehre vom 'Animalischen Magnetismus' überprüfen zu lassen. Vorsitzender wird Benjamin Franklin.

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Seitenzahl:238

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Franz Anton Mesmer, um 1784

Thomas Knubben

Mesmer

oder

Die Erkundung der dunklen Seite des Mondes

Wir irren allesamt,

nur jeder irrt anders.

Georg Christoph Lichtenberg

© 2015 Klöpfer und Meyer, Tübingen.

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-86351-094-7

eISBN 978-3-86351-237-8

Korrektorat: Waldemar Wolf, Ludwigsburg.

Herstellung: Horst Schmid, Mössingen.

Einbandgestaltung: Christiane Hemmerich

Konzeption und Gestaltung, Tübingen.

Satz, Layout: Uli Braun, Konstanz.

Mehr über das Verlagsprogramm von Klöpfer&Meyer

finden Sie unter www.kloepfer-meyer.de

Inhalt

1Das Vermächtnis

2Eine exzentrische Lebensbahn

3Vom Einfluss der Planeten

4Wien, Landstraße 261

5Messerschmidt

6Der erste Fall: Jungfer Oesterlin

7Magnetkur und Elektrotherapie

8Der zweite Fall: Die Austreibung des Teufels

9Der dritte Fall: Peter von Osterwald

10Das Baquet

11Kosmische Harmonie

12Der vierte Fall: Maria Theresia Paradis

13Die Krise

14Paris

15Das Urteil von Paris

16Irdische (Dis)Harmonie

17Magnetischer Somnambulismus

18Der letzte Fall

19Die Anerkennung in Berlin

20Die Erkundung der dunklen Seite des Mondes

Anhang

Zitatnachweis

Abbildungsverzeichnis

Literatur

Die 27 Merksätze Mesmers

Chronologie

1Das Vermächtnis

DAS ENDE kam schnell, aber nicht unerwartet. Am 5. März 1815, morgens um Viertel vor Elf, raffte ihn der Schlagfluss dahin. Sein Schweizer Altersfreund und Kollege Dr. Heinrich Hirzel sah sich »vom Schicksal bestimmt, dem größten der Menschen, welchen je Jahrhunderte geboren haben, die Augen zu schließen«. Seine Kräfte hatten sich in unendlichen Auseinandersetzungen mit Anhängern und Gegnern erschöpft. Sein Lebensfeuer, das Wechselspiel von physischer und psychischer Energie, war erloschen, sein Lebensfaden endgültig abgerissen. Das Werk jedoch war vollendet, in dem Maße vollendet, wie es von ihm überhaupt vollendet werden konnte. Sein Vermächtnis war, im doppelten Sinn, geschrieben.

Er hatte seine Sachen wohl geordnet. Noch im Tod erwies er sich dabei als ein ebenso bescheidener wie neugieriger Mann. Ein Aufklärer bis ins Grab hinein. Denn er bestimmte in seinem nur wenige Monate zuvor verfassten Testament, dass er wünsche, da er »im Leben kein Amt oder Titel geführt habe, (…) wie ein jeder gemeine Mann beerdigt zu werden«. Er verlangte aber auch, »daß vorher mein Körper aufgeschnitten und geöffnet werde, und besonders in der Gegend der Blase gesehen werde, was die Ursache des vieljährigen Leidens gewesen« sei.

Noch im Tod wollte Franz Anton Mesmer, Sohn eines Försters des Fürstbischofs von Konstanz, Doktor der Philosophie der Universität Ingolstadt sowie Doktor der Medizin der Universität Wien, weltberühmter Arzt und hochumstrittener Forscher, Entdecker des von ihm so genannten Animalischen Magnetismus, den Dingen auf den Grund gehen, wollte wissen, welche organischen Gründe sein Leiden gehabt hatte, wollte empirisch überprüft haben, ob seine Vermutung, dass es an der Blase gelegen habe, tatsächlich zutraf.

Sein letzter Wille geschah. Ihm wurde nicht nur ein einfaches Grab zugewiesen, auch die geforderte Sektion wurde vorgenommen. Und tatsächlich konnte der Landchirurg Maurer feststellen, dass »sich die Blase sehr krankhaft zeigte und solche Zeichen schon älteren, starken Leidens sich vorfanden, daß sich zu verwundern ist, wie er«, Mesmer, »sich dabei so lange hat erhalten können«.

Das Ergebnis verwundert nicht, und noch weniger die Überraschung des Pathologen. Denn kaum ein Jahrzehnt zuvor war Friedrich Schiller genau dasselbe widerfahren. Auch sein Körper war geöffnet worden, bei ihm hatte man gleichfalls die Ursache seines Ablebens erfahren wollen, und auch bei ihm zeigte man sich vom Obduktionsbefund verblüfft. Die Lunge erwies sich »brandig, breiartig und ganz desorganisiert«, das Herz »ohne Muskelsubstanz«, die Gallenblase und die Milz unnatürlich vergrößert, die Nieren »in ihrer Substanz aufgelöst und völlig verwachsen«. Der Obduzent kam folglich zu der fast wortgleichen Schlussfolgerung: »Bei diesen Umständen muß man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können.«

Der übereinstimmende Befund dürfte freilich weniger am gleichermaßen fatalen Zustand der beiden Körper gelegen haben als vielmehr am fatalen Zustand der zeitgenössischen Medizin. Ihre Kenntnisse von der Beschaffenheit der menschlichen Organe und deren Zusammenspiel war noch nicht gesättigt, ihre Erfahrung in der pathologischen Analyse noch nicht ausgereift, ihre Diagnostik noch recht unsicher. Der menschliche Körper war in weiten Teilen unergründetes Terrain, ein differenziertes System der Krankheiten noch nicht entwickelt, das Instrumentarium der medizinischen Intervention vielerorts auf Schröpfen und Aderlass beschränkt. Zwar war das Präparieren menschlicher Körper mittlerweile in die Ausbildung der angehenden Ärzte aufgenommen worden – von Schiller selbst ist das betont sachliche Protokoll einer Leichenöffnung überliefert, die er auf der Karlsschule an einem Mitschüler hatte vornehmen müssen, der mit 17 Jahren an Lungentuberkulose und Herzbeutelentzündung gestorben war –, doch kam solchen Erkundungen nur eine Nebenrolle in dem ansonsten weitestgehend theoretisch angelegten Studium zu. Noch war die aus der Antike überkommene Humoralpathologie oder Lehre von den vier Säften maßgeblich, wonach gelbe und schwarze Galle, Blut und Schleim als die Lebensträger im Körper galten. Galen von Pergamon hatte das hippokratische Konzept in ein geschlossenes System überführt und die vier Körpersäfte, den Vorgängern folgend, den vier Jahreszeiten und den vier Lebensphasen von Kindheit, Jugend, Mannes- und Greisenalter zugeordnet, darüber hinaus aber auch noch durch die vier Elemente und die vier Temperamente ergänzt. Das System war so elegant und deshalb so plausibel, dass daraus bis ins 19. Jahrhundert hinein kein Entkommen war. Vor allem war es nach allen Seiten hin anschlussfähig. Es konnte theologisch durch die vier Evangelien, geografisch durch die vier Himmelsrichtungen, in der Ernährungslehre durch die vier Geschmackswahrnehmungen und musikalisch durch die vier Kirchentonarten ergänzt werden.

In diesem Konzept der Humoralpathologie kam alles darauf an, die Säfte, denen spezifische Eigenschaften von warm oder kalt und trocken oder feucht zugeordnet wurden, in der Balance zu halten. Blut galt als warm und feucht, Schleim hingegen als kalt und feucht, die gelbe Galle war trocken und warm, die schwarze Galle trocken und kalt. Der Mensch war gesund, wenn die Säfte in einem ausgewogenen Verhältnis waren. Wurde er krank, musste die Harmonie des Körpers durch eine Dyskrasie, ein Ungleichgewicht der Körpersäfte, gestört sein, und es galt, die Balance durch die Gabe von Arzneien, durch eine veränderte Ernährung und, wenn es unausweichlich war, durch chirurgische Eingriffe wiederherzustellen. Die Verabreichung von Brech- und Abführmitteln zur Ausschüttung der Gallenflüssigkeit oder der Aderlass zur Reduktion eines Übermaßes von Blut waren deshalb probate Mittel.

Schillers 1780 in Latein verfasste Dissertation Über den Unterschied entzündlicher und fauliger Fieber ist noch tief durchdrungen von der Viersäftelehre. Die Entstehung des heißen oder entzündlichen Fiebers schreibt er einer »Blutüberfülle« zu, die den Druck auf die Gefäßwände verstärke und langfristig zu einer Stauung in den Adern führe. Sie sei durch das Ansetzen von Blutegeln oder eben durch Aderlass zu kurieren. Das kalte Fieber hingegen rühre von »Entartungen der Säfte her«, die durch faulige Gallenflüssigkeit, Eiterabfluss aus Geschwüren oder Störungen des Verdauungsapparats entstünden. Hier sei die Gabe eines Brechmittels angezeigt.

Mesmer wie Schiller, beide ausgebildete Mediziner, waren in diesem aus der Antike überlieferten, in der Frühen Neuzeit verfeinerten medizinischen System unterrichtet worden. Schiller hatte sich eine Zeit lang sogar mit dem Gedanken getragen, »Professor in der Physiologie und Medicin zu werden«, sich dann aber doch bald der Schriftstellerei zugewandt. Dass er in seinen Plänen die Medizin mit der Physiologie verbindet und bei dieser Gelegenheit auch erklärt, diese »durchstudieren« zu wollen, deutet an, dass er für sich und wohl auch für seine Kollegen noch erheblichen Aufklärungsbedarf sah. Für Mesmer hingegen wurde die Medizin Profession und die herrschende Medizintheorie Hintergrund und Herausforderung für seine eigenen waghalsigen wie wegweisenden Spekulationen.

Mesmers Lehren waren Zeit seines Lebens hoch umstritten. Immerhin hatte er im Dezember 1814, nur wenige Monate vor seinem Tod, noch sein letztes Werk, sein wissenschaftliches Vermächtnis, entgegennehmen können: Mesmerismus Oder System der Wechselwirkungen, Theorie und Anwendungen des thierischen Magnetismus als die allgemeine Heilkunde zur Erhaltung des Menschen. Er hatte es auf Französisch verfasst, viele Jahre war es als Manuskript dagelegen, mehrfach von Verlegern abgelehnt worden. Nun aber war ein Adept seiner Lehre, Karl Christian Wolfart, eigens aus Berlin angereist, hatte es übersetzt und in der berühmten Nicolaischen Buchhandlung untergebracht. Sein eigenes Menschsein hatte Mesmer nicht mehr zu erhalten vermocht, Anregungen und Anleitungen für andere hinterließ er aber zuhauf. Sie sollten erst allmählich ihre Wirkkraft entfalten, heftig diskutiert, oftmals auch diffamiert, letztlich aber, wenn nicht in ihrer ganzen vorgelegten Systematik anerkannt, so doch als Ausgangspunkt für weitergehende Überlegungen und Konzepte insbesondere der Hypnose- und der Psychotherapie höchst wertgeschätzt.

Justinus Kerner, der Arzt und Dichter aus Weinsberg, der als junger Mediziner in Tübingen bereits Hölderlin pharmakologisch behandelt hatte und Mesmers Hinterlassenschaften Mitte des 19. Jahrhunderts, als der gänzlich in Vergessenheit zu gelangen drohte, in einem Erinnerungsband versammelte, nannte Mesmer einen »merkwürdigen, ja mißkannten Mann«, einen Märtyrer gar der »von ihm zuerst erkannten Naturwahrheit«. Auf seinem Grab sprossen, als Kerner es besuchte, »keine Blumen, nur Gras und Dornen, ward ihm ja selbst im Leben mehr die Dornenkrone als der Lorbeer zu Theil«.

Wer war dieser merkwürdige Franz Anton Mesmer? Was hat es mit dem mißkannten Mann auf sich? Wie kam es, dass er als Wunderheiler gepriesen und als Scharlatan und Spekulant abgetan wurde? Und was ist von ihm, von seinen Impulsen und Theorien geblieben?

Über sein Äußeres informieren eine Aufenthaltserlaubnis von Paris aus dem Jahr 1798 und ein Ölbild von 1810. Mesmer war demnach 1 Meter 76 groß, hatte braune Augen, mit 64 Jahren auch noch braune Haare und braune Augenbrauen, ein volles Gesicht, ein echtes Doppelkinn, eine hohe Stirn sowie Nase und Mund von mittlerer Größe. Noch im Alter von knapp 80 Jahren erweckte er den »Eindruck eines Mannes von körperlicher und geistiger Kraft, Festigkeit des Willens und einer mit Ernst gepaarter Menschenfreundlichkeit«. So jedenfalls erschien er Justinus Kerner auf dem Ölbild, das er ein halbes Jahrhundert nach Mesmers Tod bei dessen Verwandten aufspürte und das er »für Geld und gute Worte« an sich brachte. Das Ölgemälde kann nach Ausweis von Kerners Zeitgenossen, die Mesmer noch persönlich gekannt haben, als einziges Porträt des alten Mannes gelten, das ihm in Physiognomie und Ausdruck nahe kam. Für den jüngeren Mesmer, den gerade promovierten Arzt im Alter von 36 Jahren, gibt es hingegen eine Büste seines Landsmannes und Freundes Franz Xaver Messerschmidt aus dem Jahr 1770. Sie zeigt einen ehrgeizigen, selbstbewussten, aufstrebenden Mann, der unlängst eine gute, ja eine sehr gute Partie gemacht hatte und sich nun anschickte, die Wiener Gesellschaft zu erobern.

In den vierzig Jahren zwischen diesen beiden Porträts, von 1770 bis 1810, entfaltet sich ein Leben, das »an den Himmel hinauf« und »in den Meeresgrund hinab«, zu größten Triumphen und schlimmsten Demütigungen, zu immensem Reichtum und aberwitzigen finanziellen Verlusten, an die überladenen Tafeln von Fürsten und in die Kargheit eines Gefängnisses führte.

Mesmers Biografie ist exemplarisch für das Zeitalter der Aufklärung. Sie zeugt von einem unerhörten Drang zur Verwirklichung der eigenen Ideen. Hier wagt es einer, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen, Grenzen der Herkunft zu überwinden, seinem Leben ungeheuren Schwung zu verleihen. Zugleich trägt die Biografie Züge des Schicksalhaften, eines Geworfenseins in die Mühlen einer Zeit, der manches dämmert, in der vieles aber auch schemenhaft bleibt und mancher Höhenflug in einen grotesken Absturz mündet. Talent wird zu Tragik, Begabung zu Verblendung, der exzessive Gebrauch der Vernunft zur Unvernunft, das Festhalten an der einen Idee zum Verlust an neuer Imagination und geistiger Freiheit. Es ist diese dialektische Dimension der Aufklärung, die Mesmer zu einem interessanten, ja paradigmatischen Fall macht.

Zeitlebens hat er sich für seine Idee des Animalischen Magnetismus aufgerieben, hat sich geradezu versteift darauf. Was präzise darunter zu verstehen war, hat er indes nie ganz eindeutig erklären können, vor allem hat er es nie vermocht, diese seine Entdeckung einwandfrei zu belegen. Und doch hat er Epoche gemacht, hat ein bereits aufgeregtes Zeitalter förmlich magnetisiert, es noch aufregender und noch aufgeregter gemacht.

Als Mesmer 1734 geboren wurde, nahm die Aufklärung gerade ihren Anfang, als er 1815 starb, ging eine Epoche des Umbruchs zu Ende, kam ein Kontinent nach langen Jahren von Revolution und Krieg ganz allmählich wieder zur Ruhe. Mesmers Leben entfaltete sich weitgehend parallel zu seinem Zeitalter. Er nahm die Impulse der Aufklärung, ihre philosophischen und naturwissenschaftlichen wie ihre gesellschaftspolitischen Ansätze, mit Begierde auf und nützte die Gelegenheiten, die sich ihm für sein Fortkommen boten, mit einigem Geschick und Ausdauer. Mit der Revolution von 1789 sank auch sein Stern. Den Verwicklungen, die in ihr und mit ihr drohten, entzog er sich durch den geordneten Rückzug in die Provinz. Der Mann, dessen Ideen und Konzepte in tausenden von Flugschriften und Artikeln verhandelt worden waren, wurde plötzlich unsichtbar, verschwand so vollkommen von der öffentlichen Bühne, dass ihn die Berliner Akademie der Wissenschaften, als sie sich 1812 wieder mit ihm und seiner Lehre beschäftigte, erst einmal in seiner Schweizer Einsiedelei aufstöbern musste.

Mesmer hatte zu diesem Zeitpunkt seinen inneren wie äußeren Frieden gefunden. Er war – anders, als es die Legende lange wollte – auch am Ende seines Lebens ein vermögender, im Vergleich zu seiner Herkunft sogar ein reicher und gesellschaftlich anerkannter Mann. Er verbrachte seine letzten Monate wohlversorgt im Spital in Meersburg, in dem Ort also, wo seine Eltern geheiratet und er seine ersten großen öffentlichen Erfolge gefeiert hatte und wohin er immer wieder zurückgekehrt war, wenn ihm der Wind zu sehr ins Gesicht geblasen hatte. Hier konnte er schließlich in der Nähe seiner Nichten und Neffen, denen er sein ganzes Vermögen vererbte, zur Ruhe, der letzten und der allerletzten, kommen. Seine Hinterlassenschaft musste den Erben in Meersburg wie ein Geschenk des Himmels und als ein Wink aus einer anderen Welt erscheinen. Zwar war das Millionenvermögen, über das Mesmer in seinen besten Zeiten in Paris verfügt haben soll, längst verloren gegangen, doch verwies sein Hausstand hie und da noch auf jene vergangene Zeit, die weit vom Erfahrungsraum der Meersburger entfernt war.

Das gilt erstaunlicherweise nicht für seinen Bücherbesitz. Hier hatte Mesmer gerade mal »Acht Bände von verschiedenen Schriftstellern« in seiner Pfründnerstube bewahrt, ein kleines Indiz dafür vielleicht, dass seine intellektuellen Interessen im Laufe der Zeit doch weitgehend eingeschlafen waren und er sich zuletzt mit der Lektüre der »Allgemeinen Zeitung« begnügte. Dass es mit ihm schon einmal anders bestellt war, er vornehmeren Umgang gepflegt hatte, davon zeugten neben Goldener Taschenuhr und Fingerring mit antiker Gemme insbesondere sein Kleiderbestand und sein edles Geschirr. Mit zwölf Röcken in allerlei Farben von Violett über Königsblau und Dunkelgrün bis Grau und Schwarz, teilweise mit Pelz besetzt, sowie mit Westen und Gilets aus Samt und Seide, Atlas und Musselin, silberbestickt, gestreift und gepunktet, dazuhin achtunddreißig Hemden und allen zugehörigen Accessoires von Tüchern und Schnallen zeigt sich Mesmer wahrlich herrschaftlich ausgestattet. Auch sein Hausrat umfasste, obwohl zuletzt nur noch Bewohner einer Pfründnerstube, alles, was ein Mann von seinem Rang und seiner Kultur beanspruchen durfte – eine eigene Kutsche, Silbergeschirr, Schokoladenkanne und Konfektteller, Ölbilder, darunter das eigene Porträt, sowie allerlei Kupferstiche. Das eigentümlichste und wertvollste Objekt in seiner Hinterlassenschaft war eine »Harmonika mit Glas«. Mit der wussten die Erben freilich am wenigsten anzufangen, sie haben sie sogleich für 88 Gulden, den Preis von zwei Pferden, verkauft. Die sechs Erben konnten mit ihrem Onkel zufrieden sein, zumal sie auch noch von den 3.000 Francs profitierten, die die französische Regierung ihm als Leibrente ausgesetzt hatte.

Viel wichtiger freilich als die materielle Hinterlassenschaft war sein medizinisches und kulturelles Vermächtnis. Hier war ihm vergönnt, die Summe seiner Erfahrungen und Erkenntnisse für die Berliner Akademie noch einmal zusammenzufassen und damit den letzten Stand seiner Erkundungen mitzuteilen. Um sie verstehen zu können und um begreifen zu lernen, warum dieser Mann die ganze Generation seiner Zeitgenossen und auch seine Nachwelt bis heute fasziniert und beschäftigt hat – Musiker wie Mozart und Gluck und Haydn, Philosophen wie Hegel und Schopenhauer, Mediziner wie Christoph Wilhelm Hufeland, den Chef der Berliner Charité, und Samuel Hahnemann, den Erfinder der Homöopathie, Schriftsteller wie Jean Paul und Heinrich von Kleist, E.T.A. Hoffmann und Edgar Allen Poe, Charles Dickens und Victor Hugo –, um dies nachvollziehen zu können, muss man seinen turbulenten Lebensweg vor dem Horizont seiner turbulenten Zeit nachzeichnen. Und auch dann bleibt er nicht weniger erstaunlich.

2Eine exzentrische Lebensbahn

MESMERS UNGEHEURE Karriere nahm einen langen Anlauf, bis sie endlich in Schwung kam. Dass sie überhaupt einen Anlauf nehmen konnte, ist erstaunlich genug. Denn als Sohn eines einfachen Försters wäre es das Naheliegende gewesen, dass er selbst wieder Förster geworden wäre, nicht nur weil es der Vater, sondern weil es auch schon der Großvater gewesen war. Oder aber ein Handwerk zu erlernen wie in der Familie von mütterlicher Seite. Im besten Fall war bei dieser Abkunft, sofern das nötige Talent vorhanden war, zu hoffen gewesen, dass er zunächst eine höhere Schule hätte besuchen und anschließend auf Kosten des apostolischen Landesherrn ein Studium der Theologie hätte absolvieren dürfen. Am Ende wäre es dann auf eine Stelle als Dorfpfarrer in irgendeinem Flecken in der großen Diözese hinausgelaufen. Und wenn es zur Theologie nicht gereicht hätte, dann hätte er eben Schullehrer irgendwo und Organist oder kleiner Dienstmann in einer kleinen Amtsstube werden können. Das war das Höchste, was sich einer wie Franz Anton Mesmer, geboren am 23. Mai 1734 in dem kleinen Dörfchen Iznang am Bodensee nahe bei Radolfzell als drittes Kind eines Försters und gehorsamen Untertan des Fürstbischofs von Konstanz, als Lebensweg erhoffen durfte.

Und genau so geht es zunächst. Mesmer zeigt Talent, er entkommt der kleinen Dorfschule. Der Pfarrer findet Gefallen an dem Jungen und schickt ihn zur besseren Ausbildung in Musik und Latein in ein nahe gelegenes Kloster. Mit zwölf Jahren darf er auf das Jesuitenkolleg nach Konstanz wechseln, und damit eröffnet sich der Weg für eine nicht nur solide, sondern exquisite akademische Ausbildung. Sie sollte volle 16 Jahre, von 1750 bis 1766, in Anspruch nehmen und alle klassischen Fächer der Universität – Philosophie, Theologie, Jurisprudenz und Medizin – umfassen. Ein unerhörtes Programm, das indes weniger als ein sorgsam geplantes und ausgeklügeltes Vorhaben zu verstehen ist, dazu standen ihm weder Mittel noch Wege zur Verfügung. Mesmer scheinen vielmehr auf allen Stationen seines solitären Aufstiegs vom einfachen Naturburschen zum Pariser Wunderarzt zwei, insbesondere in ihrer Kombination bemerkenswerte Talente zugutegekommen zu sein – der Sinn für zeittypische, hochaktuelle Fragen des wissenschaftlichen Diskurses und eine höchst ausgeprägte persönliche Fähigkeit zur Empathie. Sie verschafften ihm eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung und machten ihn interessant im Gespräch. Sie weckten dazuhin bei den allermeisten Menschen, die ihm begegneten, ihrerseits Gefühle der Empathie und Zugewandtheit, unverzichtbare Grundlage für jeden, der nur mit dem Kapital seiner Bildung vorankommen kann und deshalb Gleichgesinnte und Förderer braucht. Mesmer wird in allen Charakterisierungen, die auf persönlichem Umgang beruhen, als ein sympathischer, zuvorkommender und letztlich bescheidener Mensch beschrieben. Allein der Streit um die Anerkennung seines wundersamen Heilkonzepts lässt ihn als einen anfangs vehementen, später erbitterten, zuletzt verbitterten Kämpfer und unverbesserlichen Sturkopf erscheinen.

Dreimal in seinem Leben haben glückliche Konstellationen sein persönliches Fortkommen bewirkt. Eine Konstellation ist, dem Begriff und dem Grundgedanken nach, eine bestimmte Stellung der Sterne zu einem bestimmten Zeitpunkt. Relevant wird sie freilich nur, wenn sie zum Geschehen auf der Erde in Beziehung gebracht wird. Eben diese Frage nach dem Einfluss der Planeten wird Mesmer später in seiner Dissertation De planetarum influxu zum Gegenstand haben. Deren Ergebnis wird zwar ein zentraler Ausgangspunkt für seine Theorie werden, doch trotz des Anscheins gelehrt-wissenschaftlicher Ausarbeitung, die sie sich gibt, immer hochspekulativ bleiben. Fassbarer als der Gang der Gestirne ist für Mesmers Lebensbahn daher die Konfiguration seiner unmittelbaren Umgebung. Und diese weiß er sich immer wieder in seinem Leben zunutze zu machen.

Das erste Sprungbrett für seine Karriere sind die Jesuiten. Sie bringen ihm in Konstanz das elementare Wissen auf dem Stand der Zeit bei. Die Jesuiten sind die idealen Steigbügelhalter für ihn. Auch sie setzen ganz auf Bildung, freilich nicht als Selbstzweck. Ihr Ziel ist die »Ausrottung der Häresie«, die Umgestaltung der Gesellschaft im Zeichen des sich reorganisierenden Katholizismus. Sie sind die Speerspitze der Gegenreformation, und ihre Armee sind die Kinder und Jugendlichen, die sie unterrichten. Mit ihrer Konstanzer Jesuitenschule bilden sie das »Rückgrat der Klerikerausbildung« im deutschen Teil der Diözese, denn die fünfjährige Ausbildung im Gymnasium umfasst, neben den studia inferiora, auch studia superiora mit Moraltheologie, Philosophie und Kirchenrecht und damit ein theologisches Grundstudium. Mesmer hat Glück, dass er diese Schule, gewiss die beste weit und breit und die einzige, die ihn weiterbringen kann, besuchen darf. Und er hat das doppelte Glück, dass sie überhaupt noch existiert, denn einige Jahre später, mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773, kommt auch die Konstanzer Schule in Bedrängnis, und es dauert lange, bis sie ihren alten Status wiedergewinnt. Jesuitenschulen hatten im Allgemeinen einen guten Ruf. Descartes, Voltaire und Diderot, sie alle waren Zöglinge der Jesuiten gewesen und hatten nicht zuletzt von ihnen das strenge Denken gelernt. Vor allem aber boten die Jesuiten auch talentierten Köpfen aus dem einfachen Volk eine gediegene schulische Erziehung. Denn neben ihrer eindeutigen konfessionellen Orientierung standen sie für eine vorzügliche Bildung auf wissenschaftlicher Grundlage. Dazu unterhielten sie eigene Universitäten wie jene in Dillingen, die der 16-jährige Mesmer nach Abschluss des Gymnasiums als Stipendiat des Fürstbischofs von Konstanz bezog, »um allda peripatetische Philosophie und Theologie zu studieren«.

Klassische Philosophie sollte also zunächst sein Studienfach sein. Tatsächlich ist er im Studierendenkatalog von 1751/52 unter Logici, im Jahr darauf unter Metaphysici und 1753/54 unter Theologi eingetragen. Dann wechselt er auf die bayerische Landesuniversität Ingolstadt, wo er als Student der Theologie und des Kirchenrechts am 3. November 1754 immatrikuliert wird. In Dillingen erfährt er die Impulse, die seinen wissenschaftlichen und persönlichen Neigungen die entscheidende Richtung geben, hier kommt er mit der Idee des Magnetismus und seiner vielfältigen Anwendungen erstmals in Berührung. In Ingolstadt hingegen lernt er das systematische Denken im Gefolge des aufklärerischen Philosophen Christian Wolff, der von Halle stark in den katholischen Süden ausstrahlt.

Talent und Bildung, Besitz und Prestige, Publikum und Publizität – das sind die Komponenten, aus denen Mesmer sein Leben konstituiert. Die Möglichkeit einer umfassenden akademischen Bildung hatte ihm der heimatliche Kirchenfürst verschafft, Mesmer hat sie weidlich genutzt. Besitz und Prestige sollte ihm gleich nach der Promotion die überraschende und vor allem die himmlisch gute Partie mit einer vermögenden Witwe verschaffen. Sein Publikum und die ungeheure Anerkennung, nach der es ihn immer verlangte, beide fand er schließlich in Paris. Gerade Paris, die Stadt in Europa, die die Aufklärung wie keine andere zu ihrem Programm gemacht hatte, die gegen Aberglaube und alle absoluten Gewissheiten wetterte, sie öffnete sich einem Mann, der nichts anderes behauptete, als im Besitz einer absoluten Gewissheit zu sein. Mesmer traf aber auch hier auf eine einmalige Konstellation. Voltaire, nach dem die Franzosen das Jahrhundert benannten, war gerade gestorben, als Mesmer auftauchte. Das Zeitalter der Aufklärung war damit nicht vorbei, es nahm aber eine neue Wendung, und Mesmer profitierte davon.

So klar und konsequent sich der Aufstieg Mesmers darstellt, so unruhig und unstet erweist sich das letzte Viertel seines langen Lebens. 16 lange Studienjahre braucht es, bis er sich als angesehenes Mitglied der medizinischen Fakultät zu Wien einrichten kann, zwölf Jahre kann er in der Kaiserstadt brillieren und Hof halten, zehn weitere Jahre ist er der große, wenn auch umstrittene Star in Paris. Dann zieht er sich, von Widrigkeiten bedrängt, wieder in die Provinz zurück, wechselt von Ort zu Ort in seiner heimatlichen Region, zwischen dem Schweizer und dem deutschen Ufer des Bodensees hin- und herpendelnd. Als die Akademie der Wissenschaften in Berlin zum Ende der Napoleonischen Kriege schließlich wieder auf den wundersamen Arzt mit seinen wundersamen Thesen aufmerksam wird, ist sie verblüfft, dass dieses Fossil des aufklärerischen Zeitalters überhaupt noch lebt. Sie kommt dann auch mit der offiziellen Anerkennung seiner zentralen Leistung genau ein Jahr zu spät. Ihr Urheber war gerade hochbetagt und durchaus im Reinen mit sich selbst in seiner Pfründnerstube in Meersburg verstorben.

Konstanz, Wien, Paris, Meersburg – das sind die entscheidenden Koordinaten auf der Lebensbahn des Franz Anton Mesmer. Aus der ländlichen Provinz des westlichen Bodenseeraumes über die Universitätsstädte Dillingen und Ingolstadt nach Wien; von dort in einer langgezogenen Kurve nach Paris und schließlich wieder an den Bodensee zurück. Es ist eine exzentrische Lebensbahn in Form einer Ellipse, bei der die Metropolen Wien und Paris, Orte der größten Triumphe und der bittersten Niederlagen, die beiden Brennpunkte darstellen. Das Bild ist im doppelten Sinn stimmig für Mesmer. Es spiegelt im Mikrokosmos seines individuellen Lebens den Makrokosmos, wie ihn Kepler mit den elliptisch verlaufenden Bahnen der Planeten um die Sonne beschrieben hat, und erfüllt so, wie wir sehen werden, die kosmischen Vorstellungen Mesmers aufs Trefflichste. Zugleich erinnert es an einen Satz von Mesmers Zeitgenossen Friedrich Hölderlin: »Wir durchlaufen alle eine exzentrische Bahn, und es ist kein anderer Weg möglich von der Kindheit zur Vollendung.« Für Hölderlin war das Bild der exzentrischen Bahn zu einem Leitmotiv in seiner Lebensphilosophie und in seiner Dichtung geworden. Inspiriert von den Erkenntnissen Keplers und Newtons, die er in einem Gedicht gemeinsam preist, wird ihm das astronomische Bild zu einem Gleichnis für menschliches Streben und menschliches Schicksal in einem. Wie die Planetenbahnen beeinflusst werden von zwei Kräften, ihrer eigenen Trägheit und der von außen auf sie wirkenden Gravitation, so sieht er auch den Menschen hin- und hergerissen wie »ewig Ebb’ und Flut«, empfindet er den permanenten Wechsel der eigenen Empfindungen, der »Grillen und Launen und wie die Plaggeister alle heißen«. Die bipolare Verfasstheit des Menschen entspricht der Bipolarität von Nähe und Ferne zu den Zentren der Kraft, die für ihn erfahrbar waren in der Natur, in Freundschaft und Liebe, in der Idee der Freiheit, im Dichterischen und im Lebendigen schlechthin. Hölderlin hat in der poetischen Figur der exzentrischen Bahn ein allgemein menschliches Gesetz gesehen, dem jeder ausgeliefert ist, der die beschränkten Kreise des Herkömmlichen verlässt und sich auf neue, ungewohnte Bahnen begibt. Für Mesmer trifft es gewiss zu. Die exzentrische Bahn, der regelmäßige Wechsel zwischen Nähe und Ferne zu den Zentren der Welt, das ständige Hin und Her zwischen Anerkennung und Ablehnung, die Wechselfälle eines exponierten Lebens wurden für ihn zur existenziellen Grunderfahrung. Immer wieder aus der Bahn geworfen, bedurfte es mehrfach glücklicher Konstellationen, die ihn auf seine Spur zurück und schließlich ans Ziel brachten.

3Vom Einfluss der Planeten

AM 27. MAI 1766 tritt Mesmer, da ist er bereits 32 Jahre alt, zum ersten Mal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Er hat seine medizinische Doktorarbeit vor einer hochkarätigen Kommission der Universität Wien zu verteidigen. Die Dissertation hat einen eigentümlichen Gegenstand zum Thema. Sie handelt nicht, wie von einer medizinischen Abhandlung zu erwarten, von einer spezifisch in Augenschein genommenen Krankheit und wie sie zu kurieren sei. Ihr Titel lautet: De planetarum influxu. Worauf die Gestirne Einfluss haben könnten – auf das biologische Wachstum, auf den menschlichen Schlaf oder auf die weibliche Menstruation? –, wird zunächst nicht verraten. Auf dem prachtvollen Doktordiplom, das Mesmer nach der Disputation ausgestellt bekommt, wird jedoch ergänzt stehen in corpus humanum – Vom Einfluss der Planeten auf den menschlichen Körper.

Die Abhandlung ist ebenso skurril wie folgenreich. Skurril, weil sich Mesmer darin, statt mit medizinischen Problemen, weit mehr, dazuhin hochspekulativ, mit kosmologischen Fragen beschäftigte, und folgenreich, weil die Überlegungen den Ausgangspunkt für das ganze spätere Mesmerische System des Animalischen Magnetismus bildeten. Mesmer ist sich bewusst, dass er sich mit seiner Dissertation auf ein gefährliches Terrain begibt, droht er mit ihr doch in bedenkliche Nähe zu Sterndeutern, Wahrsagern und Quacksalbern zu geraten, die ihre Überzeugungskraft von ihrer astrologischen Deutungskunst ableiteten. Über Jahrhunderte hinweg hatten deren Prophezeiungen, hatten Kometenglaube und Kometenangst die Menschen erfüllt und ganze Bibliotheken mit Streitschriften durchaus auch ernst zu nehmender Kommentatoren gefüllt. Diesen Bewusstseins- und Erkenntnisstand glaubte man, mit den modernen Geistes- und Naturwissenschaften, mit Logik und Astronomie, gerade überwunden zu haben. Mesmer läuft daher Gefahr, eine kaum vernarbte Wunde wieder aufzureißen. Er muss sich deshalb erklären und tut dies gleich mehrfach. Um seine Schrift passend einzuordnen, bezeichnet er sie als eine Physikalisch-medizinische Dissertation, und um einer vorschnellen Verurteilung zu entgehen, stellt er ein Wort des Horaz voran: »Vieles wird wiedergeboren, was längst schon untergegangen, was heute geschätzt wird, wird wieder vergehen …« Zwar bezieht sich Horaz in seinem Text, der von der Dichtkunst handelt, lediglich auf die Konjunktur von Wörtern und Begriffen – Mesmer unterschlägt kurzerhand das Wörtchen vocabula, lässt es also buchstäblich selbst untergehen – der Satz wird ihm aber so sehr zum Leitmotiv, dass er ihn später noch zweimal, 1799 und 1814, seinen Schriften beigibt. Und um wirklich alle Missverständnisse definitiv auszuschließen, betont er im Vorwort: »Um mir ihre Gewogenheit nicht schon von vorneherein zu verscherzen, hielt ich es für notwendig, darauf hinzuweisen, daß ich mir nicht die Aufgabe gestellt habe, jenen Einfluß der Gestirne zu verteidigen, den die Astrologen einst vertreten haben, sodaß sie sich rühmten, man könne aus ihm heraus sowohl die zukünftigen Ereignisse als auch das Schicksal der Menschen wahrsagen, und ihnen zugleich mit gleisnerischen Lügen das Geld aus der Tasche zogen. Dagegen habe ich nur das eine vor Augen gehabt, zu zeigen, daß die Himmelskörper auf unsere Erde und auf alle in ihr enthaltenen Körper einwirken, sie bewegen, beeinflußen und verändern, und daß unser Organismus denselben Einflüssen unterliegt. Wenn mir das gelungen ist, folgt daraus offensichtlich, daß es einen Einfluß der Gestirne auf uns gibt und daß er die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der Ärzte nicht nur verdient, sondern sogar erfordert.«