Messi - Jordi Punti - E-Book

Messi E-Book

Jordi Punti

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15,99 €

Beschreibung

Lionel Messi ist schon jetzt eine Legende. Mit seinen Erfolgen, Rekorden und Auszeichnungen belegt er die obersten Plätze in den Statistiken des Weltfußballs. Viel wichtiger aber ist das Glück, das Messis Spielkunst den Zuschauern schenkt. Jordi Puntís feine Stilkunde bringt es auf den Punkt. Manche vergleichen ihn mit Mozart, andere mit Picasso, aber niemand zweifelt daran, dass Lionel Messi einer der besten Fußballer der Welt ist. Seit er mit dreizehn Jahren beim FC Barcelona auf einer Papierserviette unter Vertrag ging, wurde er jeweils sechs Mal mit dem Goldenen Schuh und als Weltfußballer des Jahres ausgezeichnet sowie fünf Mal mit dem Ballon d’Or; zehn Mal gewann er die spanische 1. Liga, vier Mal die Champions League, und er ist bester Torschütze der Vereinsgeschichte von FC Barcelona. Mit seinem erstaunlichen Talent auf dem Rasen hat er sogar eine eigene Poesie des Fußballs entwickelt: Dribblings, die der Schwerkraft spotten, Spielzüge wie Polarlichter am Himmel, unglaubliche Tore, die wie mühelose Fingerübungen aussehen. Fans auf der ganzen Welt sind jedes Mal von Neuem begeistert, wenn sie Messi beim Spielen zuzusehen. Elegant und pointiert beschreibt der katalanische Schriftsteller, ­Fußballexperte und FC-Barcelona-Fan Jordi Puntí Messis Genie und Antrieb, die Schönheit und die Besessenheit seines Spiels: von der nahezu mythischen Szenerie seiner Anfänge als junger Fußballer in Argentinien über seine Leichtigkeit, Schnelligkeit und seine Rivalität mit Cristiano Ronaldo bis zu Messis fantastischer Fähigkeit, historische Tore zu schießen. Eine literarische Hommage.

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Seitenzahl: 158

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Lionel Messi ist schon jetzt eine Legende. Mit seinen Erfolgen, Rekorden und Auszeichnungen belegt er die obersten Plätze in den Statistiken des Weltfußballs. Viel wichtiger aber ist das Glück, das Messis Spielkunst den Zuschauern schenkt. Jordi Puntís feine Stilkunde bringt es auf den Punkt.

Manche vergleichen ihn mit Mozart, andere mit Picasso, aber niemand zweifelt daran, dass Lionel Messi einer der besten Fußballer der Welt ist. Seit er mit dreizehn Jahren beim FC Barcelona auf einer Papierserviette unter Vertrag ging, wurde er jeweils sechs Mal mit dem Goldenen Schuh und als Weltfußballer des Jahres ausgezeichnet sowie fünf Mal mit dem Ballon d’Or; zehn Mal gewann er die spanische 1. Liga, vier Mal die Champions League, und er ist bester Torschütze der Vereinsgeschichte von FC Barcelona. Mit seinem erstaunlichen Talent auf dem Rasen hat er sogar eine eigene Poesie des Fußballs entwickelt: Dribblings, die der Schwerkraft spotten, Spielzüge wie Polarlichter am Himmel, unglaubliche Tore, die wie mühelose Fingerübungen aussehen. Fans auf der ganzen Welt sind jedes Mal von Neuem begeistert, wenn sie Messi beim Spielen zuzusehen.

Elegant und pointiert beschreibt der katalanische Schriftsteller, Fußballexperte und FC-Barcelona-Fan Jordi PuntíMessis Genie und Antrieb, die Schönheit und die Besessenheit seines Spiels: von der nahezu mythischen Szenerie seiner Anfänge als junger Fußballer in Argentinien über seine Leichtigkeit, Schnelligkeit und seine Rivalität mit Cristiano Ronaldo bis zu Messis fantastischer Fähigkeit, historische Tore zu schießen. Eine literarische Hommage.

Über den Autor

Jordi Puntí, geboren in Manlleu, Katalonien, ist Autor und Journalist. Er war verantwortlicher Redakteur der katalanischen Literaturbeilage von »El País«, hat u.a. Paul Auster und Amélie Nothomb ins Katalanische übersetzt und war drei Jahre lang der spanische Korrespondent von »The Fifa Weekly«. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch »Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz«.

JORDI PUNTÍ

MESSI

EINE STILKUNDE

AUS DEM KATALANISCHENVON MICHAEL EBMEYER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VERLAG ANTJE KUNSTMANN

Der Verlag dankt dem Institut Ramon Llullfür die Förderung der Übersetzung

 

© der deutschen Ausgabe: Verlag Antje KunstmannGmbH, München 2020

© der Originalausgabe: Jordi Puntí, 2018

Titel der Originalausgabe Tot Messi: Exercicis d’estil,erschienen bei Empúries/Grup62, Barcelona

Die deutsche Ausgabe erscheint mit freundlicher

Unterstützung von MB Agencia Literaria, SL., vertretendurch Anoukh Foerg Literarische Agentur, München

Umschlaggestaltung: Heidi Sorg und Christof Leistl, in Anlehnung andas Originalcover von David und Rachael Eldridge (Two Associates)

Titelfoto: gettyimages

eBook-Produktion: HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH

ISBN 978-3-95614-380-9

INHALT

Vorrede

  1 Das Debüt

  2 Ein Kind

  3 Die Papierserviette

  4 Adjektive

  5 Cristiano Ronaldo

  6 Opfer

  7 Davor und danach

  8 Elfmeter

  9 Das 21. Jahrhundert

10 Diego Armando

11 Aerodynamik

12 Maradona

13 Der Gang

14 Ronaldinho

15 Verletzungen

16 Keine Fiktion

17 Lachen und Weinen

18 Fiktion

19 Tätowierungen

20 Ich erinnere mich

21 Die WM 2018 oder: Was kommt nach Russland?

22 Unsterblich

Danksagung

 

 

 

Wie schön es wäre, fünf Sekunden lang er zu sein, um zu wissen, wie es sich anfühlt.

Javier Mascherano

Manchmal frage ich mich, ob Messi ein Mensch ist.

Thierry Henry

Der beste Spieler der Welt ist Messi. Der zweitbeste Spieler der Welt ist Messi mit Verletzung.

Jorge Valdano

Sir Isaac Newton betrachtet uns von dort oben und sagt: »Ich habe mich geirrt, und Messi hat recht. Er widerlegt das Gesetz der Schwerkraft.«

Ray Hudson

Barças Erfolg hängt immer davon ab, ob Messi glücklich ist.

Ramon Besa

VORREDE

Es gibt viele Arten, einem Lieblingsfußballer zu huldigen. Sei es die Sammelkarte, die du seit deiner Kindheit aufbewahrst und die in einer Kiste verborgen liegt wie ein König im Exil; in einem Anfall von Nostalgie holst du sie ab und zu hervor. Sei es das verwaschene Trikot mit seinem Namen auf dem Rücken, das du tausendmal getragen hast und das dir bei jedem wichtigen Spiel Glück bringt. Oder seien es die Youtube-Clips mit seinen Toren und genialen Momenten, die irgendein Verrückter wie du – aber mit mehr Freizeit – zusammengestellt hat, damit du sie dir in Endlosschleife anschauen kannst.

Eine Zeit lang war Romário mein Lieblingsspieler, und damals besaß ich eine Videokassette mit den dreißig Toren, die er für die Saison versprochen und dann auch tatsächlich geschossen hatte. Immer mal wieder, wenn Barça verloren oder schwach gespielt hatte, sah ich mir dieses Video an, als würde ich ein Schmerzmittel einnehmen. Und es wirkte. Ich spreche von der Saison 1993/94, als Romário den Pichichi holte, also Torschützenkönig der ersten Liga in Spanien wurde. Heute erscheinen uns dreißig Tore fast normal, weil Messi uns an ganz andere Dimensionen gewöhnt hat. Damals wirkten sie überirdisch. Viele der Treffer und der sie einleitenden Aktionen kamen uns wie neu erfunden vor, so, als hätte sie vor Romário niemand vollbringen können: sein cola de vaca-Dribbling gegen Rafael Alkorta von Real Madrid (ein blitzartiges Stop-and-go, mit dem er den Verteidiger umkurvte), seine Lupfer und seine Blitzsprints; seine geschmeidigen und präzisen Ballberührungen oder sein Hochgeschwindigkeits-Slalom; die Art, wie er den Oberkörper vorbeugte, während er dem Spiel folgte, wie ein lauerndes Raubtier …

Es mag blasphemisch klingen, aber heute empfinde ich dieses Repertoire von Spielzügen und Toren als einen Vorgeschmack auf das, was wir in den letzten zehn, zwölf Jahren erlebt haben. Als wäre das Dream Team der Neunziger unter Trainer Johan Cruyff nur die Vorgruppe gewesen für das Spektakel, das uns Xavi, Iniesta, Puyol, Messi und Kollegen geboten haben; vor allem in den Jahren, als Pep Guardiola und Tito Vilanova ihre Trainer waren.

Auch wenn der Kalender uns nahelegt, den Fußball als ein lineares Phänomen zu begreifen – dem Lauf der Zeit unterworfen und mit jedem Spiel neu formuliert, mit einer Handlung aus Siegen und Niederlagen und immer nur für eine Saison gültigen Meistertiteln –, sehe ich ihn als ein Feld, auf dem Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen; und wo sie manchmal sogar, wie in T. S. Eliots berühmten Versen, in die Zukunft eingreifen. Diese Macke von mir wird sich in den folgenden Kapiteln zwangsläufig immer wieder bemerkbar machen.

Der Fußball ist ein Raum der Erinnerung. Und wenn er uns mit Leidenschaft erfüllt, dann deshalb, weil er es uns erlaubt, in der Zeit zurückzuspringen, große Momente immer wieder zu erleben, verlorene Endspiele zu vergessen, uns in unsere Idole hineinzuversetzen, Wahres und Erträumtes zu vermengen. Es gibt Tore, die in Wahrheit gar keine waren, sondern gegen den Pfosten oder wenige Zentimeter daneben gingen, die dann aber ein paar Jahre später ein anderer Spieler in einem anderen Spiel für mein Gedächtnis doch noch machte. Er schoss ein Tor, aber eigentlich schoss er zwei: eins in der Gegenwart, über das er jubelte, und ein weiteres in der Vergangenheit, über das ich jubelte. Damit will ich sagen, dass der Fußball am meisten Freude macht, wenn wir ihn als Parallelwelt behandeln. Als eine Religion meinetwegen, oder als ein philosophisches System oder als Kampf gegen den blinden Zufall. Jeder nimmt das Match anders wahr, und in jedem von uns steckt ein Trainer. Es ist per se unmöglich, dass ein Schachprofi und ein Lyriker beide dasselbe Fußballspiel sehen.

Doch zurück zum Anfang. Einer der vielen Gründe für meine Gewissheit, dass Lionel Messi mein Lieblingsfußballer aller Zeiten ist, liegt in der Tatsache, dass ich manchmal von ihm träume. Soweit ich weiß, habe ich davor allenfalls von irgendeinem Spielzug von Ronaldinho geträumt oder von einer Partie im Kollektiv, ohne einzelne Spieler zu unterscheiden – am Vorabend eines Duells Barça gegen Real Madrid, und natürlich haben wir gewonnen. Von Messi hingegen habe ich schon etliche Male geträumt. Ich habe geträumt, ich sei sein Vater und würde ihm an der Theke einer Cafeteria das Frühstück hinstellen, vermutlich in Rosario, wo ich noch nie gewesen bin. Ich habe geträumt, es gebe eine Blutsverbindung zwischen uns, ich sei so etwas wie ein großer Bruder, der ihm in einem leeren, vor einem verlassenen Fußballfeld geparkten Bus Gesellschaft leistete. Ich habe geträumt, wie er spektakuläre Tore schoss, Dribblings vollführte, die der Schwerkraft spotteten, und Spielzüge, die sich mir so wundervoll darboten wie Polarlichter am Himmel.

Oft war Messi in meinen Träumen allein, und ich vermute, anhand dieses Details könnte ein freudianischer Psychiater mir mehr über mich selbst als über den argentinischen Fußballer erklären. Doch ich will darin gerne eine Verbindung sehen, die über die fassbare Wirklichkeit hinausreicht in die ätherischen Sphären der Träume und der Einbildungskraft. Er weiß es nicht, aber mit seinem Spiel hat er mich gleichermaßen im wirklichen Leben wie in der Fabelwelt der Träume sehr oft glücklich gemacht.

Dieses Buch nahm seinen Anfang vor geraumer Zeit als persönlicher Versuch, dieses Glück zu verlängern, und nicht so sehr, es begreifen zu wollen. Mir kam dabei Italo Calvinos Liste von Eigenschaften in den Sinn, die die Literatur des 21. Jahrhunderts ausmachen sollten. Auf seine Weise erfüllt Messi sie alle: Leichtigkeit, Schnelligkeit, Genauigkeit, Anschaulichkeit und Vielschichtigkeit; ich komme später dar auf zurück.

In der Zeit, als ich Fußballkarten sammelte, waren auf ihnen jeweils zwei Bilder zu sehen: eins vom Spieler in der Hocke, für die Kamera posierend, und eins in Aktion, beim Schuss, bei der Ballbehauptung oder bei einer Parade, wenn es ein Torwart war. Messi verkörpert beide Zustände wie kein anderer: die Ruhe mitten auf dem Feld, das gelassene Schreiten. Und die kontrollierte Explosion der Geschwindigkeit. Vielleicht lässt sich dieses Buch als eine Fußballkarte in Bewegung auffassen, so ähnlich wie die kurzen Clips im Internet, die einen Spielzug auf fünf Sekunden zusammenschneiden. Nur dass ich die Bewegung mit meinen Worten erzeuge. Vage inspiriert von einem Modell des französischen Schriftstellers Raymond Queneau, versuche ich hier anhand der Figur Lionel Messi ein paar Stilübungen zu vollführen. Deconstructing Messi. Messi réécrit.

Er wird der Protagonist eines jeden der Texte sein, die tausend Gesichter des Stils sind hier alle er, und meine Übungen werden Versuche sein, die Schönheit, die Kraft, das Genie, die Neuartigkeit, die Besessenheit und den Instinkt des besten Fußballers der Geschichte einzufangen. Gut möglich daher, dass Messi, Tor und Barça die häufigsten Wörter sein werden – na ja, und Argentinien –, aber darum geht es eben.

Dieses Buch hat das Glück, unvollendet zu sein. Es ist ein work in progress, ein noch nicht abgepfiffenes Spiel. Messi ist weiterhin als Fußballprofi aktiv, manche der Sätze hier können sich ändern, werden sich ändern müssen. Damit meine ich nicht nur die Statistiken, die seine Einzigartigkeit kühl zusammenfassen, sondern auch Sätze über das Gefühl, die Begeisterung, die Fähigkeit, in jedem Spiel Neues zu zeigen und mit dem Ball Lösungen zu finden, die niemandem zuvor in den Sinn gekommen sind. Wie ein Maler, der imstande ist, eine Farbe zu erfinden, weil ihm die vorhandenen nicht ausreichen.

Ich überarbeite diese Vorrede gut anderthalb Jahre nach dem Erscheinen der katalanischsprachigen Erstausgabe im April 2018. In der Zwischenzeit hat Messi mit dem FC Barcelona eine Reihe weiterer Titel gewonnen. Vor allem aber durchlebte er die herbe Enttäuschung, mit seiner Nationalmannschaft in Russland wieder nicht Weltmeister geworden zu sein – das höchste Streben eines Argentiniers –, sowie das neuerliche Scheitern bei der Copa América 2019. Die Serie seiner denkwürdigen Auftritte mit Barça setzt sich allerdings fort, sodass Fans und Journalisten nicht aufhören sich zu fragen, wo seine Grenzen liegen.

Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit ist der Sieg gegen Tottenham Hotspur in der Champions-League-Vorrunde, Oktober 2018. Barça gewann im Wembley-Stadion mit 4 : 2, dank einer Glanzleistung von Messi, die zwei Tore umfasste, zwei Pfostenschüsse und vor allem den Eindruck hinterließ, er dirigiere ein Team, das sich verschworen hatte, brillanten und hochwirksamen Fußball zu zeigen. In jener Nacht haben viele Briten – die traditionell die Nummer 10 von Barça mit einer gewissen inseltypischen Herablassung betrachten (»So toll ist er nun auch nicht«) – Messi wiederentdeckt.

Man könnte meinen, solche Sternstunden würde er sich für die großen Anlässe aufbewahren. Doch auch im Liga alltag zeigt er immer wieder Geniestreiche von der Sorte, die um die Welt geht. Soll ich einen Moment aus der letzten Spielzeit benennen, der im kollektiven Fußballgedächtnis haften bleiben wird, so ist es die Begegnung mit Betis Sevilla im Stadion Benito Villamarín im März 2019 – 1 : 4 ging sie aus Sicht der Gastgeber aus. Messi gelang ein Hattrick, gekrönt von einem Spielzug, an dem man sich nicht sattsehen kann: Er nimmt einen Pass von Rakitić an, leicht linksseitig an der Strafraumgrenze, und sowie der Ball kommt, erweist er ihm seine Zuneigung mit einem fabelhaften, einem undenkbaren Schuss, von einer nanotechnischen Genauigkeit. Sanft erhebt sich die Kugel, fliegt über den Torhüter Pau López hinweg und schlägt unhaltbar im langen Eck ein. Das sieht so mühelos aus, als täte er nichts Besonderes – aber wir alle, die wir es sehen, wissen: Es ist atemberaubend, das Werk eines Virtuosen. Selbst die Fans von Betis applaudieren, der schmerzlichen Niederlage zum Trotz, und skandieren seinen Namen: Messi, Messi, Messi! Sie danken ihm für das Privileg, ihm zuschauen zu können.

Im selben Spiel erzielte übrigens Luis Suárez ein Tor nach einem Slalom durchs Mittelfeld, bei dem er vier Gegenspieler stehen ließ. Der Treffer hätte Messi in seinen besten Momenten zur Ehre gereicht. Damit bringt er nicht nur die Seelenverwandtschaft dieser beiden Spieler zum Ausdruck, sondern lässt sich auch als ein Stellvertreter-Tor betrachten: als Demonstration der Kühnheit und Inspiration, die die Mitspieler erfasst, wenn sie an der Seite von Messi antreten.

Eine Frage, die wir Barça-Fans und überhaupt Fußballfans uns immer öfter stellen, ist, was Messi nach dem Ende seiner Profikarriere tun wird. Da dieser Sport in einer Gegenwart lebt, die sich mit jedem Spiel erneuert, scheint der Zeitpunkt jetzt noch weit weg und unvorstellbar. Zugleich wissen wir, es ist das Gesetz des Lebens, und eines Tages werden wir vor der großen Leere stehen.

Im Juni 2019 ist Messi 32 geworden. Seit über 15 Jahren spielt er auf höchstem Niveau. Manchmal schaue ich mir ältere Videos an und erschrecke: Da sehe ich ihn an der Seite von Ronaldinho, von David Villa, von Xavi, von Andrés Iniesta, von Dani Alves, von Neymar. Ich sehe ihn seine Tore feiern und denke, diese Bilder haben etwas Unwirkliches. Messi verändert sich, das ist ja klar, er entwickelt sich körperlich weiter und passt sich den neuen Gegebenheiten an. Doch sein Gesichtsausdruck und sein Stil machen eine Art Dorian Gray aus ihm – als würden das Toreschießen und das Rekordebrechen ihn jung halten. Tatsächlich zählt zu den auffälligsten Erscheinungen der Spielzeit 2018/19 seine Freude auf dem Feld: eine Entschlossenheit, die fröhlicher wirkt als früher, dem Wettbewerb zum Trotz. Als hätte er sich vom Druck des fortschreitenden Alters befreit und begriffen, dass es jeden Augenblick zu genießen gilt.

Deshalb kann ich mir, wenn ich versuche, mir die letzte Etappe von Messis Karriere auszumalen, nicht vorstellen, dass sein Fußball schlechter wird. Im Lauf der Jahre hat er es immer wieder verstanden, sich anzupassen und seine Kräfte neu zu dosieren. Er hat gezeigt, wie er instinktiv das Maximum herausholt aus den Fähigkeiten, über die er im jewei ligen Moment verfügt: sei es die Schnelligkeit, die Hellsicht beim Passspiel oder das Gespür für die Schwachstellen des Gegners. Diese fortwährende Neuerfindung seiner selbst in jedem Spiel weiter zu beobachten, ist eine der großen Verlockungen der kommenden Jahre.

Danach wird uns die Erinnerung bleiben. Die Freude, immer wieder davon zu erzählen.

Barcelona, November 2019

1

 

DAS DEBÜT

Um es gleich vorwegzunehmen: Messis Debüt in der ersten Mannschaft von Barça endete mit einer unbedeutenden 0 : 2-Niederlage. Ein Freundschaftsspiel gegen den FC Porto, aus Anlass der Einweihung von dessen neuer Arena, dem Estadio do Dragão. Es war Sonntag, der 16. November 2003, und heute würden sich viele Portugiesen wünschen, Messi hätte an diesem Tag und in diesem Stadium das erste Tor seiner großen Karriere geschossen. Aber nein.

Sein Debüt verlief nicht anders als bei jungen Fußballern üblich. Es kommt der Tag, an dem du für ein Freundschaftsspiel mit der ersten Mannschaft eingeteilt wirst, du bist mit den Großen auf Reisen, siehst ihnen schüchtern und bewundernd zu, und für die letzten 20 Minuten der Partie wechselt der Trainer dich ein. Vor dem Spiel kommt dir diese Gelegenheit wie ein Geschenk der Götter vor. Nach dem Spiel grämst du dich, was du alles hättest tun können, wenn es dir bloß gelungen wäre. So war es auch bei Messi: Die Nacht zuvor tat er vor Aufregung kein Auge zu, und am Morgen danach ärgerte er sich über eine vergebene Torchance.

Obwohl. Vor Kurzem habe ich mir dieses Spiel noch einmal angeschaut. Im Wissen um all das, was seither geschehen ist, sieht man gleich, dass dieser schmächtige Bursche im zu großen Trikot, ohne sich im Geringsten aufzudrängen, doch einen gewissen Schwung hineinbrachte in einen eher behäbigen Abend in Portugal, das ja ohnehin kein besonders schwungvolles Land ist. Und unwillkürlich frage ich mich, was geschehen wäre, hätte er länger mitgespielt oder vielleicht schon von Beginn an.

Da die meisten Spieler aus der ersten Mannschaft an dem Abend mit ihren jeweiligen Nationalteams unterwegs waren, hatte Trainer Frank Rijkaard eine Behelfs-Elf aufgestellt: Albert Jorquera, der Torwart, Oleguer, Rafael Márquez, Fernando Navarro, Gabri, Xavi und Luis Enrique waren die bekannten Namen, die restlichen Spieler kamen aus der Reserve. In der zweiten Halbzeit wurde der bei Freundschaftsspielen übliche Auswechsel-Reigen aufgeführt, und so kam es schließlich, in der 74. Minute, zum Gründungsmoment, zum Anfang, zur Initiation, zum Ursprung: Messi, eingewechselt für Navarro, tat seine ersten für uns alle sichtbaren Schritte auf dem Rasen. Er trug die Rückennummer 14, wie der große Johan Cruyff. Während er auf die ihm zugewiesene Position lief, merkte der Kommentator im portugiesischen Fernsehen an: »In Katalonien sagen sie, er erinnere sie an Maradona.«

Heute erscheint uns dieser Hinweis logisch, fast zwingend, aber damals muss er ziemlich waghalsig geklungen haben. Messi war 16 Jahre, 4 Monate und 23 Tage alt – und damit der drittjüngste Spieler, der je in der ersten Mannschaft von Barça debütiert hatte: hinter Haruna Babangida, den Louis van Gaal im Alter 15 Jahren, 9 Monaten und 11 Tagen auflaufen ließ, und der Legende Paulo Alcántara, der bei seinem Debüt im Februar 1912, als er 15 Jahre, 4 Monate und 18 Tage zählte, gleich drei Tore schoss.

Solche Rekordzahlen, eine Konstante in Messis Karriere, vernebeln vielleicht den Blick auf bemerkenswertere Aspekte seines ersten Auftritts. Als wollte die Vergangenheit der Zukunft einen Streich spielen, hieß der Trainer von Porto seinerzeit José Mourinho. Kapitän bei Barça war Luis Enrique, der als Mittelstürmer spielte. Messi ordnete sich hinter ihm im offensiven Mittelfeld ein – als enganche, »Haken«, wie er es selbst gern nannte. In der 80. Minute nahm er einen Pass in die Tiefe von Enrique an und schoss beinahe ein Tor. Kurz danach stibitzte er dem gegnerischen Keeper den Ball und stand frei vor dem Kasten, doch er passte zu einem Mitspieler, der die Chance vergab.

Man kann sagen, dass Messi seine ersten 20 Minuten so gut wie möglich ausnutzte. Er war sehr aktiv, erzeugte Unruhe und Gefahr. Am nächsten Tag gab ihm die Zeitschrift Mundo Deportivo in ihrer Bewertungsrubrik drei Sterne, nannte ihn einen »Techniker« und hielt fest: »Gab den Ronaldinho. Hatte zwei Tore auf dem Fuß.«