Metro - Die Trilogie - Dmitry Glukhovsky - E-Book
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Metro - Die Trilogie E-Book

Dmitry Glukhovsky

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Beschreibung

Die Zukunft. Nach einem verheerenden Krieg liegen weite Teile der Welt in Schutt und Asche. Auch Moskau ist eine Geisterstadt. Die Überlebenden haben sich in die Tiefen des Metro-Netzes zurückgezogen und dort eine neue Zivilisation errichtet. Dies ist ihre Geschichte …

Dieser Band enthält die drei Romane »Metro 2033«, »Metro 2034« und »Metro 2035« sowie zwei Bonusgeschichten, eine davon bislang unveröffentlicht.

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Seitenzahl: 2357

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Die letzten Menschen sind nicht allein …

Wir schreiben das Jahr 2033. Vor gut zwei Jahrzehnten hat ein Krieg weite Teile der Welt verwüstet. Nur in den gigantischen U-Bahn-Netzen der Städte konnten die Menschen überleben. Dort unten, in der Tiefe, haben sie eine neue, einzigartige Zivilisation errichtet. Eine Zivilisation jedoch, deren Existenz bedroht ist. Artjom, ein junger Mann Anfang zwanzig, lebt seit seiner Kindheit im Untergrund der Moskauer Metro ein behütetes Leben an der Seite seines Stiefvaters. Doch obwohl Artjom weiß, dass in den Tunneln tödliche Gefahren lauern, zieht es ihn unaufhaltsam in die Ferne. Und so zögert er nicht lange, als sich ihm die Gelegenheit bietet, seine Heimatstation zu verlassen. Es ist der Beginn einer fantastischen Reise durch das weitverzweigte Netz der Metro – eine Reise, die über das Schicksal der gesamten Menschheit entscheidet.

In METRO – DIE TRILOGIE sind erstmals alle drei Metro-Romane in einem Band enthalten. Dmitry Glukhovskys Weltbestseller-Epos wurde in drei Blockbuster-Computerspielen bildgewaltig umgesetzt und ist bereits heute ein Kultklassiker. Diese Ausgabe enthält zwei Bonusgeschichten und ausführliche Anmerkungen zur Übersetzung.

»Stimmig und bildgewaltig – Dmitry Glukhovsky ist der neue russische Kultautor!«

Stern

»Eine großartige Mischung aus spannender Story und fantastischem Handlungsort – Dmitry Glukhovsky macht aus der Moskauer Metro eine mehr als atemberauende Welt!«

Moscow Times

Dmitry Glukhovsky,

geboren 1979, hat Internationale Beziehungen in Jerusalem studiert und arbeitete als Journalist für den englischsprachigen Fernsehsender Russia Today. Mit seinem Debütroman Metro 2033 und den Folgebänden Metro 2034 und Metro 2035 landete er auf den internationalen Bestsellerlisten und ist seitdem ein Star der neuen russischen Literatur. Von Dmitry Glukhovsky sind außerdem die Romane Sumerki und Futu.re sowie der Thriller Text auf Deutsch erschienen. Der Autor lebt in Moskau und Barcelona. Instagram: @glukhovsky, Twitter: @glukhovsky, Facebook: @glukhovskybooks.

Mehr über Dmitry Glukhovsky und sein Werk finden Sie auf

diezukunft.de

DMITRY GLUKHOVSKY

METRO

DIE TRILOGIE

Aus dem Russischen von David Drevs

Mit zwei Bonusgeschichten undausführlichen Anmerkungen

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Einzelausgaben sind im Original unter den Titeln Метро 2033 (Metro 2033), Евангелие от Артёма (Das Evangelium nach Artjom), Метро 2034 (Metro 2034), Конец дороги (Das Ende der Straße) und Метро 2035 (Metro 2035) erschienen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2007, 2009, 2015 by Dmitry Glukhovsky Agreement by www.nibbe-literary-agency.com

Copyright © 2019 dieser Ausgabe und der Übersetzungby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock / solarseven

Karte: Andreas Hancock

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-25158-1V005

diezukunft.de

INHALT

METRO 2033

Das Evangelium nach Artjom

METRO 2034

Das Ende der Straße

METRO 2035

ANMERKUNGEN

Liebe Moskauer und Gäste der Hauptstadt!

Die Moskauer Metro ist ein Verkehrsunternehmen,

bei dem mit erhöhter Gefahr zu rechnen ist.

Aushang in einem U-Bahn-Wagen

Wer kühn und beharrlich genug ist,

ein Leben lang in die Finsternis zu blicken,

der wird darin als Erster

einen Silberstreif erkennen.

Khan

METRO 2033

1

AM RAND DER WELT

»Wer war das? Artjom, sieh nach!« – Unwillig erhob sich Artjom von seinem Platz beim Feuer, rückte sein Sturmgewehr nach vorne und ging auf die Dunkelheit zu. Am äußersten Rand des beleuchteten Bereiches blieb er stehen, entsicherte geräuschvoll und rief heiser: »Stehen bleiben! Parole!«

Eine Minute zuvor hatten sie aus dem Dunkel ein seltsames Rascheln und dumpfes Murmeln vernommen. Nun hörte man eilig trippelnde Schritte. Jemand zog sich in die Tiefe des Tunnels zurück, aufgeschreckt von Artjoms krächzender Stimme und dem Klicken der Waffe. Hastig kehrte Artjom zum Feuer zurück und rief Pjotr Andrejewitsch zu: »Ist einfach so abgehauen, ohne sich zu erkennen zu geben.«

»Schlafmütze! Du kennst doch den Befehl: Wenn einer nicht antwortet, sofort schießen! Woher willst du wissen, wer das war? Vielleicht sind die Schwarzen im Anmarsch!«

»Nein, ich glaube, das war kein Mensch … Diese Geräusche … Und diese seltsamen Schritte. Ich werde ja wohl noch die Schritte eines Menschen erkennen? Sie wissen doch selbst, Pjotr Andrejewitsch, die Schwarzen stürmen ohne Vorwarnung heran – neulich haben sie einen Posten mit bloßen Händen überfallen, aufrecht sind sie auf das MG-Feuer zugegangen. Aber der hier hat sofort Fersengeld gegeben … Wahrscheinlich ein verängstigtes Tier.«

»Na schön, Artjom! Bist mal wieder ein ganz Schlauer. Aber wenn du Anweisungen hast, halte dich gefälligst daran und überleg nicht lange. Vielleicht war es ein Kundschafter. Hat gesehen, dass wir nur wenige sind, leicht zu überrumpeln … Am Ende machen die uns alle kalt, jedem ein Messer in den Hals, und dann massakrieren sie die ganze Station, so wie bei der Poleschajewskaja, und das nur, weil du das Schwein nicht rechtzeitig umgelegt hast … Pass bloß auf! Nächstes Mal schick ich dich durch den Tunnel hinterher!«

Artjom schauderte. Er stellte sich den Tunnel vor, jenseits der 700-Meter-Grenze. Schon der Gedanke war furchterregend. Weiter als 700 Meter nach Norden wagte sich keiner raus. Die Patrouillen fuhren mit der Draisine bis Meter 500, leuchteten den Grenzpfosten mit dem Projektor an, und sobald sie sich überzeugt hatten, dass nichts Abartiges dahergekrochen kam, machten sie schleunigst kehrt. Selbst die Aufklärer – gestandene Männer, ehemalige Marineinfanteristen – blieben bei Meter 680 stehen, verdeckten die Glut ihrer Zigaretten mit der Hand und starrten durch ihre Nachtsichtgeräte. Dann zogen sie sich zurück, langsam, leise, ohne den Tunnel aus den Augen zu lassen oder ihm gar den Rücken zuzukehren.

Der Wachposten, an dem sie standen, befand sich bei Meter 450, etwa fünfzig Meter vom Grenzpfosten entfernt. Die Grenzkontrolle erfolgte einmal pro Tag, und die letzte Begehung war bereits einige Stunden her. Sie waren jetzt also auf dem äußersten Posten, und seit der letzten Kontrolle hatten sich die Kreaturen, die die Patrouille vielleicht noch abgeschreckt hatte, bestimmt genähert. Es zog sie zum Feuer, zu den Menschen.

Artjom setzte sich und fragte: »Wie war das denn an der Poleschajewskaja?«

Eigentlich kannte er diese Geschichte, bei der einem das Blut in den Adern gefror, bereits. Fahrende Händler hatten an seiner Station davon berichtet. Dennoch reizte es ihn, sie noch einmal zu hören, so wie Kinder es lieben, wenn man ihnen schaurige Märchen von kopflosen Mutanten erzählt oder von Vampiren, die kleine Babys entführen.

»An der Poleschajewskaja? Hast du das noch nicht gehört? Eine seltsame Geschichte war das. Seltsam und schrecklich. Zuerst verschwanden ihre Aufklärungstrupps, einer nach dem anderen. Gingen in die Tunnel und kehrten nicht mehr wieder. Die Aufklärer dort sind zwar Stümper, nicht so wie unsere, aber ihre Station ist ja auch kleiner, und es leben nicht so viele Menschen dort. Besser gesagt, lebten. Jedenfalls verschwanden die plötzlich. Ein Trupp marschierte los – und weg war er. Zuerst dachte man, sie sind aufgehalten worden, der Tunnel macht bei denen ja auch so Schleifen wie bei uns« – Artjom wurde unheimlich bei dem Gedanken –, »und weder von den Wachposten noch von der Station aus ist was zu sehen, da kannst du leuchten, so viel du willst. Auf jeden Fall ist der Trupp weg, einfach so, eine halbe Stunde, eine, zwei Stunden. Nur: Wohin konnten sie denn verschwinden? Die waren doch höchstens einen Kilometer entfernt, weiter hatte man ihnen verboten, und es waren ja keine Idioten. Schließlich schickte man einen Suchtrupp hinterher. Die suchten lange herum und riefen – alles umsonst. Verschwunden. Dass keiner was gesehen hatte, war ja noch normal. Das wirklich Schreckliche war: Niemand hatte auch nur irgendwas gehört – keinen Laut. Und Spuren gab es auch nicht.«

Artjom bereute es bereits, dass er Pjotr Andrejewitsch zum Erzählen aufgefordert hatte. Denn der war entweder besser informiert oder hatte eine blühende Fantasie, jedenfalls wusste er viel mehr Einzelheiten zu berichten als die fahrenden Händler, die eigentlich berüchtigt waren für ihre leidenschaftliche Fabulierkunst. Artjom lief eine Gänsehaut über den Rücken, am Feuer wurde es ungemütlich, selbst das harmloseste Rascheln im Tunnel strapazierte seine Nerven.

»Na ja, also dachten sie erst mal, dass die Aufklärer wahrscheinlich einfach abgehauen waren – vielleicht waren sie unzufrieden gewesen und hatten sich deshalb vom Acker gemacht. Zum Henker mit ihnen! Wenn sie unbedingt ein leichtes Leben wollen, sollen sie doch mit all dem Abschaum rumhängen, den ganzen Anarchisten und so. Diese Vorstellung war jedenfalls leichter zu ertragen. Aber nach einer Woche verschwand noch ein weiteres Aufklärungsteam. Dabei durften sie nicht weiter als einen halben Kilometer von der Station weg. Und wieder dieselbe Geschichte: kein Mucks und keine Spur. Wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt wurden die an der Station unruhig. Wenn innerhalb einer Woche zwei Trupps verschwinden, ist irgendwas nicht in Ordnung. Da muss man was unternehmen. Maßnahmen ergreifen und so. Also haben sie bei Meter 300 eine Sperre aufgebaut. Sandsäcke rangeschleppt, ein Maschinengewehr aufgestellt, einen Scheinwerfer – nach allen Regeln der Befestigungskunst. Zur Begowaja schickten sie einen Eilboten – die sind ja in einer Konföderation mit der Uliza 1905 Goda. Früher war Oktjabrskoje Pole noch dabei, aber dann passierte da irgendwas, keiner weiß genau was, irgendein Unfall, jedenfalls wurde sie unbewohnbar, die Leute flüchteten von dort – aber das spielt jetzt keine Rolle. Sie schickten also jemanden zur Begowaja, zur Warnung, nach dem Motto: Da ist irgendwas im Busch, und ob sie im Notfall helfen würden. Der erste Bote war noch gar nicht richtig angekommen, nicht mal ein ganzer Tag war vergangen – die von der Begowaja dachten noch über die Antwort nach –, da kommt schon ein zweiter, schweißnass, und berichtet: Die gesamte Besatzung des Außenpostens ist tot, nicht mal einen Schuss konnten sie abgeben. Alle erstochen. Das Unheimliche dabei: Es war, als hätte man sie alle im Schlaf erwischt! Aber wie konnten sie so einfach einschlafen, nach allem, was schon passiert war, ganz abgesehen von ihren Instruktionen? Die von der Begowaja haben sofort kapiert, dass sie was unternehmen mussten, damit ihnen nicht dasselbe blüht. Also haben sie einen Stoßtrupp aus Veteranen gebildet – gut hundert Mann, MGs, Granatwerfer. Natürlich dauerte das einige Zeit, anderthalb Tage, aber schließlich schickten sie ihn los. Doch als die bei der Poleschajewskaja ankamen, gab es dort keine lebende Seele mehr. Auch keine Leichen – nur Blut überall. So war das. Der Teufel weiß, wer das angerichtet hat. Ich für meinen Teil glaube nicht, dass Menschen zu so was überhaupt fähig sind.«

»Und was ist aus der Begowaja geworden?«, fragte Artjom mit belegter Stimme.

»Nichts. Nachdem sie die ganze Chose gesehen hatten, jagten sie den Tunnel, der zur Poleschajewskaja führte, in die Luft. Jetzt ist er, hab ich gehört, auf gut vierzig Metern Länge zugeschüttet, das kriegst du ohne Maschinen nicht weg. Und woher willst du die nehmen? Die rosten doch schon seit fünfzehn Jahren vor sich hin …« Pjotr Andrejewitsch schwieg und blickte ins Feuer.

Artjom räusperte sich. »Tja … Natürlich hätte ich schießen sollen … Was bin ich bloß für ein Idiot gewesen!«

Aus südlicher Richtung, von der Station her, hörten sie jemanden rufen: »He, ihr da, Meter 450! Alles in Ordnung bei euch?«

Pjotr Andrejewitsch formte ein Sprachrohr mit seinen Händen und rief zurück: »Kommt her! Es gibt was zu bereden!«

Durch den Tunnel, den Weg von der Station mit Taschenlampen ausleuchtend, näherten sich ihnen drei Gestalten, Wachleute von Meter 300. Als sie beim Feuer ankamen, löschten sie ihre Lampen und setzten sich neben sie.

»Pjotr, bist du das? Ich hab mich schon gefragt, wen sie wohl heute an den Rand der Welt geschickt haben«, sagte der Ranghöchste der drei, ein Mann namens Andrej, lächelnd und klopfte sich eine Papirossa aus dem Päckchen.

»Hör mal, Andrjucha! Der Junge hier hat was Auffälliges bemerkt. Hat’s nur nicht geschafft zu schießen. Es hat sich im Tunnel versteckt. Er glaubt, es war kein Mensch.«

»Kein Mensch? Was denn dann?«, fragte Andrej Artjom.

»Ich konnte es nicht sehen. Als ich nach der Parole fragte, hat es sich sofort davongemacht, nach Norden. Aber seine Schritte waren nicht die eines Menschen – zu leicht und zu schnell, als hätte es nicht zwei, sondern vier Beine gehabt …«

»Oder drei!«, entgegnete Andrej augenzwinkernd und zog eine furchterregende Grimasse.

Artjom musste plötzlich husten, denn ihm fielen die Geschichten von den dreibeinigen Menschen an der Filjowskaja-Linie ein. Dort befand sich ein Teil der Stationen an der Oberfläche, und der Tunnel verlief in geringer Tiefe, sodass er praktisch keinen Schutz vor der Strahlung bot. Von dieser Linie drangen lauter dreibeinige, zweiköpfige und sonstige Missgeburten in das Netz der Metro ein.

Andrej zog an seiner Papirossa und sagte zu seinen Leuten: »Na gut, Jungs, wenn wir schon mal da sind, warum sollen wir nicht eine Weile hier sitzen bleiben? Und falls wieder irgendwelche Dreibeiner ankommen, helfen wir. He, Artjom! Habt ihr einen Teekocher?«

Pjotr Andrejewitsch stand selbst auf, goss aus einem Kanister Wasser in eine zerbeulte, völlig verrußte Kanne und hängte sie über das Feuer. Ein paar Minuten später fing sie an zu dampfen und zu pfeifen, und dieses vertraute Geräusch beruhigte Artjom etwas. Er musterte die Menschen, die um das Feuer saßen: alles kräftige Männer, gestählt von dem harten Leben hier. Ihnen konnte man glauben, sich auf sie verlassen. Ihre Station hatte schon immer als eine der wohlhabendsten der ganzen Linie gegolten – und das nur, weil es dort Menschen wie diese gab. Sie hatten ein tief empfundenes, fast brüderliches Verhältnis zueinander.

Artjom war schon über zwanzig. Zur Welt gekommen war er noch dort, oben. Aus diesem Grund war er nicht ganz so hager und blass wie jene, die in der Metro geboren waren und sich nie an die Oberfläche gewagt hatten, nicht nur aus Angst vor der Strahlung, sondern auch vor der sengenden Kraft der Sonne, die alles unterirdische Leben vernichtete. Artjom selbst war, seit er denken konnte, nur ein einziges Mal dort oben gewesen und auch nur für einen Augenblick – die Hintergrundstrahlung war so hoch, dass allzu Neugierige innerhalb weniger Stunden verbrannten, noch bevor sie sich an der wunderlichen oberirdischen Welt sattgesehen hatten.

An seinen Vater erinnerte er sich nicht. Seine Mutter war bis zu seinem fünften Lebensjahr bei ihm gewesen, damals, als sie noch an der Timirjasewskaja wohnten. Sie hatten es gut, das Leben floss gleichmäßig und ruhig dahin – bis zu dem Tag, als die Ratten die Station stürmten.

Riesige, graue, nasse Ratten wogten eines Tages ohne Vorwarnung durch einen der dunklen Seitentunnel heran. Dieser Tunnel tauchte an einer unscheinbaren Abzweigung von der nach Norden führenden Hauptstrecke tief hinab, um sich in einem komplizierten Geflecht aus Hunderten von Korridoren, in Labyrinthen voller Grauen, Eiseskälte und abscheulichem Gestank zu verlieren. Der Tunnel führte ins Reich der Ratten, einem Ort, den nicht einmal die mutigsten Abenteurer zu betreten wagten. Selbst wenn ein Wanderer die Tunnel- und Wegekarten falsch gelesen hatte und aus Versehen an den Rand dieser Welt gelangte, so spürte er instinktiv die schwarze Gefahr, die von dort ausging, und schreckte vor dem gähnenden Loch des Eingangs zurück wie vor dem Tor einer pestbefallenen Stadt.

Niemand hatte die Ratten aufgeschreckt. Niemand war in ihr Reich hinabgestiegen. Niemand hatte es gewagt, ihre Grenzen zu verletzen.

Sie waren von selbst gekommen.

Viele Menschen starben an jenem Tag, als ein Strom gigantischer Ratten, so groß, wie sie noch nie jemand gesehen hatte, erst die Absperrungen überwand und dann die ganze Station überflutete. Es waren so viele, dass sie die Menschen unter sich begruben und die Todesschreie in der Masse ihrer Körper erstickten. Sie fraßen alles, was ihnen in den Weg kam: tote und lebende Menschen ebenso wie erschlagene Artgenossen – blindlings, unerbittlich, getrieben von einer unbegreiflichen Macht, strebten sie vorwärts, weiter und weiter.

Am Leben blieben nur wenige. Nicht Frauen, Alte oder Kinder, nicht die, die gewöhnlich als Erste gerettet werden, sondern fünf starke Männer, die dem todbringenden Strom zuvorgekommen waren. Die ihm nur deshalb entrinnen konnten, weil sie im südlichen Tunnel mit einer Draisine auf ihrem Posten standen. Als sie die Schreie von der Station hörten, rannte einer von ihnen los, um zu erkunden, was geschehen war. Die Timirjasewskaja befand sich bereits im Todeskampf, als er die Station am Ende des Streckenabschnitts erblickte. Er sah, wie Ströme von Ratten auf den Bahnsteig schwappten, und begriff augenblicklich, was geschehen war. Schon wollte er wieder kehrtmachen, denn ihm war klar, dass er denen, die die Station verteidigten, nicht würde helfen können, als ihn plötzlich jemand von hinten am Arm packte. Er drehte sich um, und die Frau, die ihn hartnäckig am Ärmel zog, rief, das Gesicht vor Angst verzerrt, das vielstimmige, verzweifelte Schreien mühsam übertönend: »Rette ihn, Soldat! Hab Mitleid!«

Er erblickte eine Kinderhand, ein paar kleine, angeschwollene Finger, die sich ihm entgegenstreckten. Er ergriff die Hand, ohne darüber nachzudenken, dass er jemandes Leben rettete, sondern weil man ihn Soldat genannt und um Mitleid gebeten hatte. Und während er das Kind hinter sich herzog, es sich schließlich einfach unter den Arm klemmte, lief er mit den ersten Ratten um die Wette, ein Wettlauf mit dem Tod – vorwärts, durch den Tunnel, dorthin, wo die Draisine mit den anderen wartete. Schon von Weitem, aus fünfzig Metern Entfernung, rief er ihnen zu, sie sollten den Motor anlassen. Es war die einzige motorisierte Draisine im Umkreis von zehn Stationen. Sie fuhren los, durchquerten mit höchster Geschwindigkeit die verlassene Dmitrowskaja, auf der sich nur ein paar Einsiedler zusammengedrängt hatten. Im Vorbeifahren riefen sie ihnen zu: »Lauft! Die Ratten!«, doch war ihnen klar, dass jene sich nicht mehr würden retten können. Als sie sich den Vorposten der Sawjolowskaja näherten, mit der sie damals glücklicherweise in Frieden lebten, drosselten sie die Geschwindigkeit, damit man sie nicht für Angreifer hielt und von Weitem auf sie schoss. Aus Leibeskräften brüllten sie den Wachen zu: »Die Ratten! Die Ratten kommen!« Sie waren bereit, die Sawjolowskaja hinter sich zu lassen und weiter zu fliehen, die ganze Serpuchowsko-Timirjasewskaja-Linie entlang, immer wieder um Durchlass flehend, solange es eben noch ein Ziel gab, wohin sie fliehen konnten – bis die graue Lava schließlich die ganze Metro überfluten würde.

Doch zum Glück befand sich an der Sawjolowskaja etwas, das ihnen und der ganzen Station, ja vielleicht sogar der gesamten Linie das Leben rettete. Kaum hatten sie den Wachleuten in rasender Eile die drohende Todesgefahr geschildert, da machten sich jene bereits ans Werk und enthüllten eine eindrucksvolle Maschine: ein Flammenwerfer, von begabten Technikern zwar aus einzelnen Fundstücken zusammengebaut, aber äußerst leistungsstark.

Schon waren die ersten Ratten zu sehen, und das Rascheln und Kratzen Tausender Pfoten ertönte aus der Dunkelheit immer lauter, da warfen die Wachleute die Maschine an und schalteten sie erst wieder ab, als ihnen der Brennstoff ausging. Eine orangefarbene, meterlange Flamme schoss mit Gebrüll in den Tunnel und brannte, verbrannte Ratten, unaufhörlich, zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten lang. Der Tunnel füllte sich mit dem ekligen Gestank versengten Fleisches und dem wilden Kreischen der Ratten … Und im Rücken der Wächter der Sawjolowskaja, die später für ihre Heldentat auf der gesamten Linie gerühmt wurden, kam die Draisine zum Stehen, bereit für einen weiteren Sprung. Auf ihr befanden sich die fünf Flüchtlinge von der Timirjasewskaja – und das Kind, das sie gerettet hatten. Ein Junge. Artjom.

Die Ratten zogen sich zurück. Eine der letzten Erfindungen menschlicher Kriegskunst hatte ihren blinden Willen gebrochen. Der Mensch war schon immer ein besserer Mörder gewesen als jedes andere Lebewesen.

Die Ratten wogten davon und kehrten in ihr Riesenreich zurück, dessen wahre Ausmaße niemand kannte. All diese Labyrinthe in unvorstellbarer Tiefe waren geheimnisvoll und, wie es schien, völlig bedeutungslos für das Funktionieren der Metro. Trotz der Beteuerungen ehemaliger Metro-Angestellten war es kaum vorstellbar, dass diese Gebilde von ganz gewöhnlichen Bauarbeitern errichtet worden waren.

Von diesen Leuten, die früher in der Metro gearbeitet hatten und als echte Autoritäten galten, war kaum noch jemand übrig, weshalb sie umso höher geschätzt wurden. Sie waren als Einzige nicht in Panik ausgebrochen, damals, als die Menschen plötzlich die sichere Kapsel des Zuges verlassen mussten und sich in den dunklen Tunneln der Moskauer Untergrundbahn, dem felsigen Schoß der Metropole, wiederfanden. Alle Bewohner der Station brachten diesen Autoritäten größten Respekt entgegen und erzogen ihre Kinder in diesem Sinne. Vielleicht blieb der einzige Mann dieser Art, den Artjom je kennengelernt hatte, ein ehemaliger Hilfszugführer, ihm gerade deshalb für immer im Gedächtnis: ein ausgemergelter, hagerer Mann, verkümmert durch die jahrelange Arbeit unter der Erde, in der abgewetzten und ausgeblichenen Uniform eines Metro-Angestellten, die schon lange ihren Schick verloren hatte, aber immer noch mit demselben Stolz getragen wurde, mit dem ein Admiral a. D. sich seinen Paraderock anlegt. Artjom, damals noch ein junger Bengel, glaubte in der gebrechlichen Figur des Hilfszugführers eine unaussprechliche Größe und Kraft zu erkennen …

Kein Wunder: Die ehemaligen Mitarbeiter der Metro waren für die anderen Bewohner das, was eingeborene Führer für Teilnehmer wissenschaftlicher Dschungelexpeditionen waren. Man glaubte ihnen aufs Wort, verließ sich vollkommen auf sie, denn von ihrem Wissen und Können hing das Überleben der anderen ab. Als die einheitliche Führung der Metro zerfiel, sich dieses umfassende Zivilschutzobjekt, dieser riesige atombombensichere Luftschutzbunker, in eine Vielzahl einzelner Stationen aufsplitterte und mangels gemeinsamer Machtstrukturen in Chaos und Anarchie versank, übernahmen viele von ihnen die Leitung einer Station. Die Stationen wurden unabhängig und selbstständig. Es entstanden seltsame Zwergstaaten mit eigenen Ideologien, Regimen, Führern und Armeen. Sie bekriegten einander, schlossen sich zu Föderationen und Konföderationen zusammen. Heute noch aufstrebende Reiche, wurden sie schon am nächsten Tag von den ehemaligen Freunden oder Sklaven unterworfen und kolonisiert. Kurzfristig schlossen sie Bündnisse gegen gemeinsame Gefahren, doch sobald diese vorüber waren, fielen sie mit gleicher Heftigkeit wieder übereinander her. Blindwütig stritten sie sich um alles: Lebensraum, Lebensmittel – also Eiweißhefekulturen, lichtlose Pilzplantagen, Hühnerhöfe und Schweinefarmen, wo blasse, unterirdisch gezüchtete Schweine und schwindsüchtige Küken mit farblosen Pilzen gemästet wurden. Und natürlich um Wasser – das heißt, um die Filter. Die Barbaren unter ihnen, die ihre untauglich gewordenen Filteranlagen nicht reparieren konnten und an ihrem radioaktiv kontaminierten Wasser zugrunde gingen, rannten mit animalischer Wut gegen die Bollwerke der Zivilisation an – jene Stationen, wo Dynamomaschinen und kleine selbstgebaute Wasserkraftwerke ordnungsgemäß funktionierten, wo die Filter regelmäßig repariert und gereinigt wurden, wo sich, von sorgsamen Frauenhänden gezüchtet, weiße Champignonhüte durch feuchten Grund bohrten und die Schweine satt in ihren Koppeln grunzten.

Getrieben wurden die Menschen in diesem endlosen, verzweifelten Kampf von ihrem Selbsterhaltungsinstinkt und dem ewig revolutionären Prinzip: »Nimm und teile!« Die Verteidiger der wohlhabenden Stationen, von ehemaligen Berufssoldaten zu schlagkräftigen Verbänden ausgebildet, hielten den Angriffen der Vandalen bis zum letzten Blutstropfen stand, gingen zum Gegenangriff über, kämpften um jeden Meter Tunnel zwischen den Stationen. Sie bauten militärisches Potenzial auf, um auf Überfälle mit Strafexpeditionen reagieren zu können, um ihre Nachbarn – sofern sie nicht in Frieden miteinander lebten – von lebenswichtigen Abschnitten zu verdrängen, und nicht zuletzt um dem Bösen Widerstand zu leisten, das aus allen Löchern und Tunneln hervorkam. Jene seltsamen, missgestalteten und gefährlichen Geschöpfe, von denen jedes einzelne Darwin zur Verzweiflung gebracht hätte, so wenig entsprach es den Gesetzen der Evolution. Mag sein, dass die Strahlung aus harmlosen Vertretern der urbanen Fauna Ausgeburten der Hölle gemacht hatte; vielleicht hatten sie aber auch schon immer in jenen Untiefen gehaust und waren nun durch den Menschen aufgestört worden. Und sosehr sich diese Kreaturen von den bekannten Tierarten unterschieden, sie waren doch ein Teil des Lebens auf der Erde. Sicherlich, ein entstellter, verkommener Teil, aber doch ein Teil des Lebens. Und wie alle Organismen auf diesem Planeten wurden sie von einem einzigen Impuls beherrscht: zu überleben. Und zwar um jeden Preis …

Artjom nahm einen weiß emaillierten Becher entgegen, in dem Tee schwappte, ihr Tee, der Tee seiner Station. Eigentlich war es nur ein Sud aus getrockneten Pilzen mit irgendwelchen Zusätzen, denn echten Tee gab es so gut wie nicht mehr, weshalb man ihn nur an großen Feiertagen trank, zumal er um ein Vielfaches teurer war als der Pilzaufguss. Trotzdem mochten die Leute von der Station ihr Gebräu, waren stolz darauf und nannten es »Tee«. Fremde spuckten es anfangs angewidert aus, doch dann gewöhnten sie sich daran. Bald wurde ihr Tee über die Station hinaus bekannt, selbst fahrende Händler kamen deshalb zu ihnen. Zuerst waren es einige wenige, die ihre Haut dafür riskierten, doch dann verbreitete sich der Tee auf der gesamten Linie, sogar die Hanse begann sich dafür zu interessieren, und große Karawanen zogen nun zur WDNCh, um diesen Zaubertrank zu erwerben. Geld begann zu fließen. Und wo Geld ist, da sind auch Waffen, da sind Holz und Vitamine. Da ist Leben. Der Beginn der Teeproduktion an der WDNCh markierte den Anfang vom Aufstieg dieser Station. Von den umliegenden Stationen und Streckenabschnitten zogen Geschäftsleute hierher, und allmählich stellte sich Wohlstand ein. Auch auf ihre Schweine waren die Leute von der WDNCh stolz, ja man erzählte sich, sie seien von hier aus überhaupt erst in die Metro gekommen: Angeblich hätten sich ganz zu Anfang ein paar Draufgänger zur halb zerstörten Schweinezuchthalle auf dem Messegelände durchgeschlagen und die dort verbliebenen Tiere zur Station getrieben.

»Hör mal, Artjom. Wie geht’s Suchoj?«, fragte Andrej, der ebenfalls mit kleinen, vorsichtigen Schlucken an dem heißen Tee nippte.

»Onkel Sascha? Alles in Ordnung. Ist erst vor Kurzem von einem Erkundungsgang mit unseren Leuten zurückgekommen. Einer Expedition. Aber Sie wissen sicher Bescheid.«

Andrej war gut fünfzehn Jahre älter als Artjom. Eigentlich war er Aufklärer und selten näher als bei Meter 450 zu finden, und wenn, dann nur als Kommandeur. Diesmal war er jedoch für Meter 300 eingeteilt worden, zur Absicherung. Trotzdem zog es ihn in die Tiefe, und er nutzte den erstbesten Vorwand, den kleinsten Fehlalarm, um näher an die Dunkelheit zu kommen, näher an das Geheimnis. Er liebte den Tunnel, kannte all seine Verzweigungen. Auf der Station hingegen, unter Bauern, Arbeitern, Kaufleuten und Verwaltungsbeamten, fühlte er sich unwohl – wahrscheinlich, weil er dort nicht gebraucht wurde. Er hätte sich nie überwinden können, dünne Erdschichten für die Pilzzucht umzugraben. Oder noch schlimmer, diese Pilze dann, bis zu den Knien im Mist stehend, an fette Schweine zu verfüttern. Auch der Handel lag ihm nicht – schon von Kindheit an hatte er die Krämer nicht ausstehen können. Er war stets Soldat und Krieger gewesen, überzeugt, dass nur dieser Beruf eines Mannes würdig war. Er war stolz, sein ganzes Leben nichts anderes getan zu haben, als die stinkenden Bauern, die nervösen Händler, die oft unerträglich geschäftigen Verwalter sowie die Kinder und Frauen zu schützen. Den Frauen gefielen seine herablassende, kraftvolle Art, seine vollkommene Selbstsicherheit, seine Unbesorgtheit in Bezug auf sich selbst und diejenigen, die bei ihm waren, war er doch stets in der Lage, sie zu beschützen. Die Frauen versprachen ihm Liebe und Geborgenheit, doch geborgen begann er sich erst ab Meter 50 zu fühlen, wenn die Lichter der Station hinter einer Kurve verschwanden. Dorthin kamen die Frauen jedoch nicht mit …

Offenbar hatte ihn der Tee angeregt, denn nun setzte er sein altes, schwarzes Barett ab, wischte sich mit dem Ärmel über den feuchten Schnurrbart und begann Artjom nach den letzten Neuigkeiten auszufragen, den Gerüchten, die Artjoms Stiefvater Suchoj – Onkel Sascha genannt – von seiner Expedition mitgebracht hatte. Onkel Sascha war jener Mann, der neunzehn Jahre zuvor an der Timirjasewskaja den kleinen Buben vor den Ratten gerettet und später selbst dessen Erziehung übernommen hatte, da er es nicht übers Herz brachte, ihn fortzugeben.

»Kann sein, dass ich ein bisschen was weiß«, sagte Andrej, »aber ich hör’s mir gern noch ein zweites Mal an. Oder bist du dir zu schade dazu?«

Lange musste Andrej Artjom nicht überreden. Er gab die Geschichten seines Stiefvaters nur allzu gerne zum Besten – schließlich würden ihm dann alle gebannt zuhören.

»Also, wohin sie gegangen sind, wisst ihr wahrscheinlich …«, begann Artjom.

»Ich weiß nur: nach Süden. Die machen ja ein Riesengeheimnis aus allem, eure Gesandten.« Andrej grinste und zwinkerte einem seiner Leute zu. »Sonderaufgaben der Administration, schon klar!«

Artjom winkte ab. »Ach was, das war diesmal überhaupt nichts Geheimes. Sie sollten einfach die Lage sondieren und Informationen einholen – und zwar verlässliche Informationen. Dem Geschwätz irgendwelcher Handelsreisender, die an unserer Station haltmachen, darf man nicht glauben. Manchmal sind das ja Provokateure, die gezielt falsche Informationen verbreiten.«

»Händlern sollte man überhaupt nie glauben«, brummte Andrej. »Es sind habgierige Menschen. Wie will man sich da sicher sein? Heute verkauft er deinen Tee an die Hanse und morgen dich selbst an irgendwen, und zwar mit allem, was du hast. Vielleicht wollen sie auch nur an unsere Informationen ran. Ehrlich gesagt, nicht mal unseren eigenen Händlern vertraue ich so richtig.«

»Also, da liegen Sie aber falsch, Andrej Arkaditsch. Die sind in Ordnung. Ich kenne fast alle persönlich. Ganz normale Menschen. Sie lieben nun mal das Geld, wollen es besser haben als andere, was erreichen.«

»Sag ich doch. Sie lieben das Geld. Wollen es besser haben als die anderen. Weißt du denn, was die tun, sobald sie im Tunnel verschwinden? Kannst du mir garantieren, dass sie an der nächstbesten Station nicht von irgendwelchen Agenten angeworben werden? Kannst du das oder nicht?«

»Was für Agenten? Wem sind unsere Händler in die Hände geraten?«

»Siehst du, Artjom! Du bist noch jung und weißt vieles nicht. Hör mal lieber den Alten zu – wirst sehen, du lebst länger.«

»Aber irgendjemand muss diese Arbeit doch machen! Gäbe es keine Händler, säßen wir hier ohne Munition. Mit alten Berdanflinten würden wir Salz auf die Schwarzen feuern und unser Teechen trinken.«

»Schon gut, du Möchtegern-Ökonom … Erzähl mir lieber, was Suchoj dort gesehen hat. Was ist bei den Nachbarn los? An der Alexejewskaja? Der Rischskaja?«

»An der Alexejewskaja? Nichts Neues. Die züchten weiter ihre Pilze. Ist doch nur ein Kaff, weiter nichts. Es heißt« – Artjom senkte die Stimme – »dass sie sich uns anschließen wollen. Und die Rischskaja hätte auch nichts dagegen. Die kriegen zunehmend Druck aus dem Süden. Die Stimmung ist mies. Ständig munkelt man von irgendwelchen Gefahren, alle haben Angst vor irgendwas, aber wovor, weiß keiner. Mal soll irgendwo ein neues Reich entstanden sein, mal fürchten sie sich vor der Hanse, mal ist es wieder was anderes. Und all diese unbedeutenden Nester kratzen jetzt an unserer Tür.«

»Was wollen sie denn?«

»Dass wir mit ihnen eine Föderation bilden. Ein gemeinsames Verteidigungssystem aufbauen, die Grenze auf beiden Seiten verstärken, in den Verbindungstunneln eine ständige Beleuchtung einrichten, eine Miliz organisieren, die Seitentunnel und -korridore zuschütten, Transportdraisinen in Betrieb nehmen, Telefonkabel verlegen, auf freien Flächen Pilze züchten … Na ja, eben so eine Art gemeinsames Wirtschaftssystem, mit Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe im Fall des Falles.«

»Und wo waren sie vorher?«, knurrte Andrej. »Wo waren sie, als vom Botanischen Garten, von der Medwedkowa all diese Kreaturen daherkamen? Als die Schwarzen uns angriffen, wo waren sie da?«

»He, Andrej, mal nicht den Teufel an die Wand«, mischte sich Pjotr Andrejewitsch ein. »Noch sind keine Schwarzen da – zum Glück! Aber besiegt haben wir sie nicht. Irgendwas muss dort passiert sein, in ihren eigenen Reihen, und deswegen halten sie jetzt still. Vielleicht sammeln sie aber auch nur ihre Kräfte. Jedenfalls käme uns ein Bündnis schon recht. Noch dazu mit unseren direkten Nachbarn. Das ist doch für beide Seiten von Nutzen.«

»Und dann haben wir endlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit«, giftete Andrej und zählte demonstrativ mit den Fingern mit.

»Die Geschichte interessiert euch wohl nicht mehr?«, sagte Artjom leicht gekränkt.

»Aber nein, erzähl nur«, erwiderte Andrej. »Pjotr und ich streiten nachher weiter. Das ist zwischen uns beiden ein ewiges Thema.«

»Na gut. Jedenfalls soll unser Vorsitzender angeblich einverstanden sein. Nur die Details müssen noch diskutiert werden. Bald wird es eine Versammlung geben. Und dann ein Referendum.«

Andrej verzog den Mund. »Ja, ja. Ein Referendum. Wenn das Volk Ja sagt, ist alles klar. Sagt es aber Nein, hat es nur schlecht nachgedacht. Und soll sich die Sache bitte schön noch mal überlegen.«

»Und an der Rischskaja, was tut sich da?«, fragte Pjotr Andrejewitsch weiter, ohne auf Andrej zu achten.

»Na ja, was kommt denn dahinter? Der Prospekt Mira, unsere Grenze zur Hanse. Bei der Hanse, sagt mein Stiefvater, hat sich nichts geändert: Der Frieden mit den Roten gilt noch immer. An den Krieg erinnert sich da niemand mehr …«

Hanse – so hieß die Gemeinschaft der Ringstationen. Die Ringlinie verband alle Metrolinien miteinander. Jede ihrer Stationen lag im Schnittpunkt mit einem der Handelswege. Somit waren sie von Anfang an zu Treffpunkten für Kaufleute aus dem gesamten Metronetz geworden. Da sie sehr schnell reich wurden und schon bald begriffen, dass dieser Reichtum viele Begehrlichkeiten weckte, beschlossen sie sich zusammenzuschließen. Die offizielle Bezeichnung war viel zu umständlich, und so nannte man die Gemeinschaft bald nur noch Hanse, nach dem mittelalterlichen Bund deutscher Handelsstädte. Anfangs umfasste die Hanse nur einen Teil der Ringstationen – die Vereinigung vollzog sich erst allmählich. Zuerst gab es da den Abschnitt zwischen der Kiewskaja und dem Prospekt Mira, den sogenannten Nördlichen Bogen, dem sich die Stationen Kurskaja, Taganskaja und Oktjabrskaja angeschlossen hatten. Später kamen die Pawelezkaja und die Dobryninskaja hinzu, und es bildete sich ein zweiter Bogen: der Südliche. Das größte Problem und wichtigste Hindernis auf dem Weg zur Vereinigung der beiden war jedoch die Sokolnitscheskaja-Linie.

»Die Sache ist nämlich so«, hatte Artjoms Stiefvater einmal erzählt, »die Sokolnitscheskaja-Linie war schon immer etwas Besonderes. Wenn du auf den Plan siehst, bemerkst du das sofort. Zum einen ist sie gerade wie ein Pfeil. Zum anderen tiefrot, und zwar auf allen Plänen. Die Stationsnamen sprechen ja für sich. Da ist zum Beispiel die Krasnosselskaja, benannt nach dem ›Roten Dorf‹, das 1944 aus faschistischer Besatzung befreit wurde. Dann Krasnyje Worota, das ›Rote Tor‹, die Komsomolskaja, die Biblioteka Imeni Lenina, die Lenin-Bibliothek, und dann noch die Leninskije Gory, die Leninberge …«

Vielleicht waren es diese Namen, oder aber irgendein anderer Grund, dass sich mit der Zeit auf dieser Linie all jene Menschen versammelten, die sich nach der ruhmreichen sozialistischen Vergangenheit zurücksehnten. Verschiedene Pläne, einen Sowjetstaat wiederzuerrichten, fielen dort auf besonders fruchtbaren Boden. Als sich die erste Station offiziell zu den Idealen des Kommunismus und einer sozialistischen Regierungsform bekannte, schloss sich alsbald die daneben gelegene an. Dann ließen sich die Leute am anderen Ende des Tunnels von der revolutionären Begeisterung anstecken, stürzten ihre Administration, und nun war kein Halten mehr: Die letzten noch lebenden Kriegsveteranen, ehemalige Komsomol-Mitarbeiter und Parteifunktionäre und natürlich das »Proletariat« – alle liefen sie zu den revolutionären Stationen über.

Sie gründeten ein Komitee, das für die Verbreitung der neuen Revolution und der kommunistischen Ideologie in der gesamten Metro verantwortlich sein sollte, mit dem leninsch anmutenden Namen »Interstationale«. Dieses Komitee bildete Einheiten von Berufsrevolutionären und -propagandisten aus und ließ sie ins Lager der Feinde ausschwärmen. Insgesamt verlief alles ohne viel Blutvergießen, da sich die ausgehungerten Menschen der wenig produktiven Sokolnitscheskaja-Linie nach der »Wiederherstellung von Gerechtigkeit« sehnten – was nach ihrer Überzeugung nur durch Angleichung der Verhältnisse erreicht werden konnte. Und so loderte schon bald auf der gesamten Linie die purpurne Flamme der Revolution. Die U-Bahn-Brücke über den Fluss Jausa war wie durch ein Wunder unversehrt geblieben, sodass die Verbindung zwischen den Stationen Sokolniki und Preobraschenskaja Ploschtschad funktionierte. Zuerst war der kurze Abschnitt an der Oberfläche nur nachts und mit Draisinen in voller Fahrt zu bewältigen gewesen. Doch dann wurde die Brücke von Kriegsgefangenen und Verurteilten – unter Einsatz ihres Lebens – eingemauert und mit einem Dach versehen. Die Stationen bekamen ihre alten, sowjetischen Namen wieder: Die Station Tschistyje Prudy hieß wieder Kirowskaja, die Lubjanka wieder Dserschinskaja und der Ochotny Rjad wieder Prospekt Marksa. Stationen mit neutralen Namen wurden schnell mit ideologisch eindeutigeren Bezeichnungen versehen: Die Sportiwnaja wurde zur Kommunistitscheskaja, die Sokolniki zur Stalinskaja und die Preobraschenskaja Ploschtschad – von wo aus alles begonnen hatte – zur Snamja Rewoljuzii, dem »Banner der Revolution«. Und so wurde diese Linie, die ehemals Sokolnitscheskaja geheißen hatte, von den Moskauern aber schon immer als »rote Linie« bezeichnet worden war, ganz offiziell zur Roten Linie.

Das war es dann aber auch. Denn kaum hatte sich die Rote Linie komplett formiert, da begann sie auch schon erste Forderungen an die anderen Strecken zu stellen. Doch damit war das Maß für die anderen Stationen voll. Zu viele Menschen hatten noch in guter Erinnerung, was das Wort »Sowjetmacht« bedeutete; zu viele sahen in den Agit-Trupps, die von der Interstationale in die gesamte Metro ausschwärmten, Metastasen eines Geschwürs, das den ganzen Organismus zu vernichten drohte. Und sosehr die Propagandisten der Interstationale auch die Elektrifizierung der Untergrundbahn versprachen und behaupteten, dies in Kombination mit der Sowjetmacht ergebe den Kommunismus (kaum jemals war diese so schamlos usurpierte leninsche Devise aktueller gewesen) – die Menschen jenseits der Roten Linie ließen sich von den Verheißungen nicht verführen. Die interstationären Schönredner wurden überall abgefangen und zurück in ihren Sowjetstaat geschickt.

Nun ordnete die rote Führung an, es sei Zeit, entschlossen zu handeln: Wenn der Rest der Metro das fröhliche Feuer der Revolution nicht selbst entfachen wolle, müsse man eben etwas nachhelfen. Die benachbarten Stationen, beunruhigt von verstärkter kommunistischer Propaganda und subversiven Aktionen, kamen zu einem ähnlichen Schluss. Die historische Erfahrung hatte klar gezeigt: Es gab keinen besseren Überträger der kommunistischen Bazille als das Bajonett.

Der Sturm brach los. Eine Koalition antikommunistischer Stationen, angeführt von der zweigeteilten Hanse, die danach trachtete, den durch die Roten zerschlagenen Kreis zu schließen, nahm die Herausforderung an. Letztere hatten nicht mit organisiertem Widerstand gerechnet und ihre eigenen Kräfte überschätzt. Ein leichter Sieg, wie sie ihn erwartet hatten, war nicht abzusehen.

Tatsächlich wurde es ein langer und blutiger Krieg. Für die ohnehin nicht gerade zahlreiche Bevölkerung der Metro geriet er zur Zerreißprobe. Knapp anderthalb Jahre zog er sich hin und bestand im Wesentlichen aus Positionskämpfen, jedoch, wie in solchen Fällen üblich, mit Partisanenausfällen und Diversionsakten, mit der Zerstörung von Tunneln, der Erschießung von Kriegsgefangenen und anderen Gräueltaten auf beiden Seiten. Es gab Truppenbewegungen, Einkesselungen und Durchbrüche, Heerführer, Helden und Verräter. Das Besondere an diesem Krieg war jedoch, dass keiner der Gegner es schaffte, die Frontlinie auch nur um eine halbwegs bedeutsame Distanz zu verschieben. Manchmal, so schien es, hatte die eine Seite ein Übergewicht erreicht und eine Verbindungsstation besetzt – doch sogleich strengte sich der Gegner an, mobilisierte zusätzliche Kräfte, und die Waagschale neigte sich wieder in die andere Richtung.

Doch der Krieg verbrauchte Ressourcen. Er forderte die besten Leute. Er rieb die Menschen auf.

Schließlich hatten die Überlebenden genug. Still und heimlich ersetzten die Revolutionsführer die anfänglichen Aufgaben durch bescheidenere. War es zu Beginn das erklärte Ziel gewesen, die sozialistische Macht und kommunistische Ideologie in der gesamten Metro zu verbreiten, so wollten die Roten jetzt wenigstens ihr Allerheiligstes unter Kontrolle bringen: die Station Ploschtschad Rewoljuzii. Zum einen wegen des Namens, »Platz der Revolution«, zum anderen aber auch, weil sie sich näher als jede andere Station beim Roten Platz und beim Kreml befand, auf dessen Türmen noch immer rubinrote Sterne prangten (zumindest wenn man den wenigen ideologisch gefestigten Draufgängern glauben konnte, die sich nach oben gewagt hatten, um einen Blick darauf zu werfen). Und dann stand dort, an der Oberfläche, neben dem Kreml, in der Mitte des Roten Platzes, natürlich das Mausoleum. Ob sich Lenins Leiche noch darin befand, wusste niemand, und es spielte auch keine Rolle mehr. In den langen Jahren der Sowjetherrschaft hatte sich das Mausoleum verselbstständigt, war von einer pompösen Grabstätte zu einem sakralen Symbol für die Kontinuität der Macht geworden. Von seinem Balkon aus hatten die großen Führer der Vergangenheit die Paraden abgenommen. Kein Wunder also, dass dieser Ort auf die jetzigen Führer die größte Faszination ausübte. Und man erzählte sich, dass von der Ploschtschad Rewoljuzii verborgene Gänge zu den Geheimlabors des Mausoleums und von dort zur Grabkammer Lenins führten.

Die Roten hielten die Ploschtschad Swerdlowa, vormals Teatralnaja. Sie war befestigt worden und diente nun als Aufmarschplatz für Sturmangriffe und Attacken auf die Ploschtschad Rewoljuzii. Mit dem religiösen Eifer von Kreuzrittern riefen die Anführer der Revolution ihre Gefolgsleute immer wieder zum Sturm auf diese Station und zur Befreiung des Mausoleums. Doch die Verteidiger begriffen nur zu gut, welche Bedeutung die Station für die Roten hatte, und standen bis zum letzten Mann. Die Ploschtschad Rewoljuzii verwandelte sich in eine uneinnehmbare Festung. Die grausamsten und blutigsten Kämpfe des gesamten Krieges wurden im Umkreis dieser Station ausgefochten, dort fielen die meisten Soldaten. Diese Schlachten brachten Helden hervor, die sich, wie einst der junge Alexander Matrossow, ins offene Feuer der Maschinengewehre warfen oder mit Granaten behängten, um sich mit den feindlichen Feuerstellungen in die Luft zu sprengen. Sogar Flammenwerfer wurden damals, obwohl verboten, gegen Menschen eingesetzt – ohne nennenswerten Erfolg. Hatten die Roten die Station an einem Tag erkämpft, so gelang es ihnen nicht, sich darin festzusetzen – schon am nächsten Tag erlitten sie beim Gegenangriff der Koalition herbe Verluste und zogen sich wieder zurück.

Exakt das Gleiche, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, galt für die Biblioteka Imeni Lenina. Diese hatten die Roten besetzt, während die Streitkräfte der Koalition sie wieder und wieder zu vertreiben versuchten. Für die Koalition war die Station von enormer Bedeutung, da sie im Falle der erfolgreichen Erstürmung die Rote Linie in zwei Teile trennen würde. Außerdem gab es von dort Übergänge zu drei weiteren Linien, mit denen sich die Rote Linie sonst nirgends traf. Nur dort. Diese Station war also wie eine Art Lymphknoten: Hatte ihn die rote Pest einmal befallen, so konnte sie sich auf weitere lebenswichtige Organe ausbreiten. Um dies zu verhindern, musste die Koalition sie einnehmen, und zwar um jeden Preis.

Doch so vergeblich die Roten versuchten, die Ploschtschad Rewoljuzii in ihre Gewalt zu bringen, so fruchtlos blieben die Bemühungen der Koalition um die Bibliotheks-Station.

Die Menschen aber hatten allmählich genug davon. Schon gab es die ersten Deserteure, und immer häufiger kam es zu Fällen von Verbrüderung, wenn Soldaten auf beiden Seiten der Front die Waffen fortwarfen. Im Unterschied zum Ersten Weltkrieg kam dies den Roten aber nicht zugute. Der revolutionäre Eifer ebbte allmählich ab. Und der Koalition erging es nicht besser: Zermürbt von der ständigen Sorge um das eigene Leben, zogen ganze Familien von den Stationen im Zentrum in die Peripherie. Die Hanse leerte sich und verlor zusehends an Kraft. Der Krieg wirkte sich zudem auf das Geschäft aus, die Kaufleute mieden die Hanse, ehemals wichtige Handelswege lagen still und verlassen da.

Die Politiker begriffen, dass sie von ihren Soldaten immer weniger unterstützt wurden und schnell einen Weg zur Beendigung des Krieges finden mussten, bevor sich die Waffen gegen sie richteten. Und so trafen sich unter strengster Geheimhaltung und, wie in solchen Fällen üblich, an einer neutralen Station die Führer der verfeindeten Seiten: Genosse Moskwin von sowjetischer Seite sowie der Präsident der Hanse Loginow und das Oberhaupt der Arbat-Konföderation Kolpakow als Unterhändler der Koalition.

Der Friedensvertrag war bald unterzeichnet. Die Parteien tauschten Stationen aus. Die Rote Linie bekam den halb zerstörten Platz der Revolution zur vollen Verfügung und trat dafür die Lenin-Bibliothek an die Arbat-Konföderation ab. Für keine der Seiten war dies ein leichter Schritt. Die Konföderation verlor eines ihrer Mitglieder und damit weitere Besitzungen im Nordosten. Die Rote Linie dagegen war nicht mehr vollständig, genau in ihrer Mitte lag nun eine Station, die nicht ihrem Befehl unterstand und sie damit in zwei Teile zerhackte. Obwohl beide Seiten einander ungehinderten Transit durch ihre ehemaligen Gebiete garantierten, bereitete das Ergebnis den Roten natürlich Bauchschmerzen. Doch das Angebot der Koalition war zu verlockend, und die Rote Linie konnte nicht widerstehen. Die meisten Vorteile hatte die Hanse, die ihren Kreis schließen konnte und so das letzte Hindernis auf dem Weg zum wirtschaftlichen Aufstieg beseitigte. Man vereinbarte, den Status quo zu respektieren sowie Agitation und Sabotage auf dem Gebiet des ehemaligen Gegners zu unterlassen. Alle Beteiligten waren zufrieden. Und nun, da Kanonen und Politiker schwiegen, war es Sache der Propagandisten, den Massen zu erklären, dass es die eigene Seite war, die einen herausragenden diplomatischen Erfolg errungen und somit den Krieg eigentlich gewonnen hatte.

Jahre waren vergangen seit jenem denkwürdigen Tag der Unterzeichnung des Friedensabkommens. Beide Seiten hielten sich daran: Die Hanse sah in der Roten Linie einen attraktiven Wirtschaftspartner, diese wiederum hatte ihre aggressiven Pläne verworfen. Genosse Moskwin, seines Zeichens Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Moskauer W.-I.-Lenin-Untergrundbahn, hatte dialektisch die Möglichkeit bewiesen, dass man den Kommunismus auf einer Linie aufbauen könne, und die historische Entscheidung getroffen, ebenjenen Aufbau zu beginnen. Die alte Feindschaft war in Vergessenheit geraten.

Diese Lektion der jüngsten Geschichte hatte sich Artjom gut gemerkt, wie er sich überhaupt alles zu merken versuchte, was ihm sein Stiefvater erzählte.

»Gut, dass das Gemetzel damals aufgehört hat«, sagte Pjotr Andrejewitsch. »Anderthalb Jahre konnten wir keinen Fuß auf die Ringlinie setzen. Überall Absperrungen, ständig musste man seinen Pass zeigen. Ich war damals geschäftlich unterwegs. Anders als über die Hanse war kein Durchkommen. Also nahm ich diese Route. Und gleich am Prospekt Mira wurde ich aufgehalten. Beinahe hätten die mich an die Wand gestellt.«

»Wirklich?«, fragte Andrej neugierig. »Das hast du noch nie erzählt. Wie kam es dazu?«

Artjom ließ den Kopf hängen. Er hatte die Rolle des Erzählers offenbar endgültig eingebüßt. Die Geschichte versprach jedoch interessant zu werden, und so ging er nicht dazwischen.

»Na, ganz einfach: Die hielten mich für einen roten Spion. Komm ich beim Prospekt Mira aus dem Tunnel, noch auf unserer Linie, und siehe da: Unser Teil der Station wird von der Hanse kontrolliert. Ist sozusagen annektiert worden. Na gut, besonders streng geht es ja nicht zu – einen Markt haben sie aufgebaut, eine Handelszone. Ihr wisst ja, wie das bei der Hanse ist: Die Stationen auf der Ringlinie sind sozusagen ihr eigenes Haus. Die Grenze verläuft dann irgendwo in den Übergängen von den Ringstationen auf die Sternlinien, mit Zoll, Passkontrolle und so weiter …«

»Wissen wir doch alles«, unterbrach Andrej. »Halt keine Vorträge, komm endlich zur Sache!«

»Mit Passkontrolle und so weiter«, wiederholte Pjotr Andrejewitsch mürrisch und zog finster die Brauen zusammen. »Auf den Stationen der Sternlinien befinden sich dann die Märkte und Basare, da dürfen auch Fremde hin. Aber an der Grenze ist Schluss. Ich komme, wie gesagt, am Prospekt Mira raus, gut ein halbes Kilo Tee dabei. Ich brauche neue Patronen für mein Gewehr, also will ich tauschen. Aber die sind dort im Kriegszustand und geben keine Munition raus. Ich frag den Ersten, dann den Zweiten – aber sie schütteln nur den Kopf und verziehen sich wieder, als ob sie nichts mit mir zu tun haben wollen. Nur einer flüstert mir zu: ›Was denn für Patronen, du Idiot. Hau bloß ab, die haben dich sicher schon verpfiffen.‹ Ich bedanke mich höflich und bewege mich langsam zurück zum Tunnel. Gerade habe ich den Ausgang erreicht, da hält mich eine Patrouille auf, von der Station her pfeift es, und noch ein Trupp kommt angelaufen. ›Ihre Dokumente, bitte.‹ Ich zeig meinen Pass mit dem Stempel unserer Station. Den schauen sie sich ganz genau an und fragen: ›Und Ihr Passierschein, wo ist der?‹ Ich erstaunt: ›Was für ein Passierschein?‹ Und da stellt sich heraus, dass man ohne Passierschein die Station gar nicht betreten darf. Am Ende des Tunnels steht ein Tischchen, da haben sie ihr Büro. Zuerst wirst du überprüft, dann bekommst du, wenn alles in Ordnung ist, einen Passierschein. Einen Amtsschimmel haben sie da … Wie ich den Tisch übersehen konnte, weiß ich nicht. Warum haben diese Idioten mich nicht aufgehalten? Aber versuch das mal der Patrouille zu erklären. Vor mir steht dieser kurz geschorene Trottel im Tarnanzug und sagt: ›Durchgeschlüpft bist du, hast dich durchgemogelt, still und heimlich!‹ Blättert weiter in meinem Pass, bis er plötzlich einen kleinen Stempel von der Sokolniki entdeckt. Da hab ich früher gewohnt, die Sokolniki. Sieht der also den Stempel, und schon schießt ihm das Blut in die Augen. Wie ein gereizter Stier reißt er seine Kalaschnikow von der Schulter und brüllt: ›Hände hinter den Kopf, Arschloch!‹ Tadellose Ausbildung, das merkt man sofort. Er packt mich am Kragen und zieht mich durch die ganze Station – zum Kontrollpunkt im Übergang, wo der Stationsvorsteher sitzt. Dann brummt er: ›Warte‹, nach dem Motto: Ich brauch nur die Erlaubnis vom Chef, dann stell ich dich an die Wand, du Aufklärer. Mir wird ganz anders. Ich versuch es mit Argumenten: ›Wieso Aufklärer? Ich bin Geschäftsmann! Da, ich hab Tee dabei, von der WDNCh.‹ Worauf er mir antwortet, dass er mir mit dem Tee gleich das Maul stopft und mit dem Gewehr nachschiebt, damit noch mehr reinpasst. Ich merke, dass ich nicht besonders überzeugend wirke, und wenn seine Führung ihm jetzt grünes Licht gibt, führt er mich zu Meter 200, stellt mich mit dem Gesicht zu den Rohren und macht mir zwei zusätzliche Löcher in den Kopf. Ist laut Kriegsrecht ganz legal. Blöd gelaufen, denke ich. Jedenfalls, als wir beim Kontrollpunkt ankommen, geht der Penner sich beraten. Ich schau mir seinen Vorgesetzten an – und mir fällt ein Stein vom Herzen: Das ist doch tatsächlich Paschka Fedotow, ein Klassenkamerad von mir! Wir sind nach der Schule noch lange Freunde gewesen und haben uns dann aus den Augen verloren …«

»Alter Sack! Richtig Angst gemacht hast du mir! Und ich dachte schon, das war’s, die hätten dich umgelegt«, bemerkte Andrej grinsend, und alle, die um das Feuer bei Meter 450 saßen, brachen in Gelächter aus.

Pjotr Andrejewitsch warf Andrej zuerst noch einen wütenden Blick zu, doch dann konnte auch er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Das Gelächter rollte den Tunnel entlang und brachte irgendwo in der Tiefe ein verzerrtes Echo hervor, ein kaum definierbares, reichlich unheimliches Ächzen. Sogleich verstummten alle wieder und lauschten.

Aus der Tiefe des Tunnels, von Norden her, waren nun wieder die gleichen verdächtigen Geräusche zu hören: ein Rascheln und leichte Trippelschritte.

Andrej reagierte natürlich als Erster. Er bedeutete den anderen zu schweigen. Dann griff er nach seinem Sturmgewehr und erhob sich. Langsam entsicherte er, lud durch und entfernte sich lautlos vom Feuer. An die Wand des Tunnels gedrückt, drang er immer weiter in die Tiefe vor. Auch Artjom stand auf. Er brannte darauf zu sehen, was er da vorhin hatte entwischen lassen, doch Andrej drehte sich um und zischte ihm wütend etwas zu.

Das Gewehr im Anschlag, blieb er dann an der Stelle stehen, wo sich das Dunkel zu verdichten begann, legte sich auf den Bauch und rief: »Licht her!«

Einer seiner Leute hielt einen leistungsstarken Akku-Strahler bereit, den die Elektriker der Station aus einem alten Autoscheinwerfer gebaut hatten. Er drückte einen Knopf – ein grellweißer Lichtstrahl schnitt sich durch die Dunkelheit. Eine Sekunde lang entriss er der Finsternis eine undeutliche Silhouette. Dann jagte etwas Kleines und Unscheinbares Hals über Kopf zurück Richtung Norden. Artjom hielt es nicht mehr aus und schrie aus Leibeskräften: »Nun schieß schon! Es läuft doch weg!«

Aus irgendeinem Grund schoss Andrej nicht. Jetzt erhob sich auch Pjotr Andrejewitsch, das Gewehr schussbereit, und rief: »Andrjucha! Lebst du noch?«

Die Leute, die um das Feuer saßen, flüsterten beunruhigt, man hörte, wie sie ihre Waffen entsicherten.

Endlich erschien Andrej im Licht des Scheinwerfers und klopfte sich die Jacke ab. »Klar lebe ich noch!«, rief er lachend.

»Was gibt’s da zu gackern?«, gab Pjotr Andrejewitsch zurück.

»Drei Beine. Und zwei Köpfe. Mutanten! Die Schwarzen kommen. Sie stechen euch alle ab. Schieß, sonst läuft es weg … Einen Riesenlärm macht ihr hier, ich fass es einfach nicht.«

»Warum hast du nicht geschossen?«, fragte Pjotr Andrejewitsch wütend, als Andrej beim Feuer ankam. »Bei dem Burschen hier versteh ich das ja – er ist noch jung, hat einfach nicht rechtzeitig geschaltet. Aber wie konntest du das verschlafen? Weißt du nicht, was an der Poleschajewskaja passiert ist?«

»Ach, das mit der Poleschajewskaja hab ich schon mindestens zehnmal gehört … Ein Hund ist es! Ein ganz junger. Der schleicht sich eben schon zum zweiten Mal ans Feuer ran, zur Wärme und zum Licht. Um ein Haar hättet ihr ihn abgemurkst, ihr Tierquäler.«

»Woher sollte ich denn wissen, dass es ein Hund ist?«, sagte Artjom beleidigt. »Er hat so komische Laute von sich gegeben. Und außerdem, hab ich jedenfalls gehört, sollen die hier vor einer Woche eine Ratte gesehen haben, so groß wie ein Schwein.« Er schüttelte sich. »Ein halbes Magazin haben sie ihr in den Leib gejagt, und die war immer noch quicklebendig.«

»Glaub du nur all diese Märchen! Warte, ich bring dir gleich deine Ratte«, erwiderte Andrej, schulterte sein Gewehr und verschwand wieder in der Dunkelheit.

Nach einer Minute hörte man von dort ein leises Pfeifen. Dann ertönte eine Stimme, zärtlich, lockend: »Na, komm her … Komm schon, Kleiner, keine Angst.«

Ziemlich lange, zehn Minuten vielleicht, redete Andrej so vor sich hin, rief und pfiff. Schließlich tauchte seine Gestalt erneut im Halbdunkel auf. Zurück am Feuer lächelte er triumphierend und öffnete seine Jacke. Heraus fiel ein junges Hündchen, zitternd, jämmerlich, nass, unerträglich schmutzig, das verfilzte Fell von unbestimmbarer Farbe, die schwarzen Augen vor Schreck geweitet, die kleinen Ohren eng angelegt. Kaum fand es sich auf dem Boden wieder, da versuchte es auch schon fortzulaufen, doch Andrejs kräftige Hand packte es am Genick und hob es an seinen Platz zurück. Er streichelte das Hündchen am Kopf, zog seine Jacke aus und deckte es damit zu. »Soll sich der kleine Stinker erst mal wärmen«, erklärte er.

»Lass gut sein, Andrjucha, der ist wahrscheinlich voller Flöhe«, sagte Pjotr Andrejewitsch. »Oder vielleicht hat er Würmer. Du steckst dich noch mit was an und dann verbreitest du es auf der ganzen Station …«

»Hör auf rumzumeckern, Andrejitsch. Schau ihn dir doch erst mal an!« Andrej klappte die Jacke auf und zeigte Pjotr Andrejewitsch die Schnauze des Hündchens, das immer noch zitterte, vor Angst oder vor Kälte. »Sieh ihm in die Augen, Andrejitsch! Diese Augen können nicht lügen!«

Pjotr Andrejewitsch betrachtete den Hund skeptisch. Dessen Augen blickten ihn zwar verängstigt, aber ohne Zweifel ganz und gar aufrichtig an. Pjotr Andrejewitsch schmolz dahin. »Na gut. Immer diese jungen Naturforscher … Warte, ich such ihm was zu beißen«, brummte er und steckte seine Hand in den Rucksack.

»Tu das. Vielleicht wird ja noch was Anständiges aus ihm. Ein Deutscher Schäferhund zum Beispiel.« Andrej schob die Jacke mit dem Hündchen näher ans Feuer.

»Woher ist der denn so plötzlich aufgetaucht?«, fragte einer von seinen Leuten. »Da hinten gibt es keine Menschen mehr. Nur die Schwarzen. Und seit wann halten die sich Hunde?« Der da sprach, war ein abgezehrter, hagerer Mann mit struppigem Haar. Bisher hatte er nur schweigend zugehört. Nun blickte er misstrauisch auf das Tier, das in der Wärme vor sich hin zu dösen begann.

»Da hast du recht, Kirill«, erwiderte Andrej ernst. »Die Schwarzen halten sich überhaupt keine Tiere, soweit ich weiß.«

»Wovon leben sie dann? Was essen sie?«, fragte ein anderer, der ebenfalls mit Andrejs Gruppe angekommen war, und kratzte knisternd sein unrasiertes Kinn. Dieser war ein hochgewachsener, breitschultriger, kräftig gebauter Mann mit glattem Schädel. Er trug einen langen, stattlichen Ledermantel, was an sich schon eine Seltenheit war.

»Was sie essen? Alles Mögliche, sagt man. Aas, Ratten, Menschen. Sie sind nicht gerade wählerisch.« Andrej verzog das Gesicht vor Ekel.

»Kannibalen?«, fragte der Kahle ohne einen Anflug von Verwunderung, als hätte er schon früher mit Menschenfressern zu tun gehabt.

»Ja, Kannibalen. Es sind keine Menschen. Eher so eine Art Wiedergänger. Weiß der Teufel, was die überhaupt sind! Nur gut, dass sie keine Waffen besitzen und wir sie zurückschlagen können – noch. Pjotr, weißt du noch, wie wir vor einem halben Jahr einen von ihnen lebend gefangen haben?«

»Na klar«, sagte Pjotr Andrejewitsch. »Zwei Wochen lang ist er bei uns im Bunker gesessen, hat nichts von unserem Wasser getrunken und das Essen nicht angerührt. Am Ende ist er einfach krepiert.«

»Habt ihr ihn vernommen?«, fragte der Kahle.

»Er hat kein Wort von dem verstanden, was wir ihm gesagt haben. Du sprichst ihn ganz normal an, und er schweigt einfach. Überhaupt hat er die ganze Zeit geschwiegen. Als hätte er sich die Zunge abgebissen. Selbst als sie ihn geschlagen haben. Was zu essen haben sie ihm hingestellt – kein Wort. Nur geknurrt hat er manchmal. Und geheult, bevor er gestorben ist, dass die ganze Station davon aufgewacht ist.«

Kirill meldete sich wieder zu Wort: »Und wo kommt jetzt dieser Hund her?«

»Weiß der Geier«, erwiderte Andrej. »Kann sein, dass er vor denen weggelaufen ist. Vielleicht wollten sie ihn auffressen. Es sind ja nur gut zwei Kilometer. Wäre doch möglich, dass ein Hund es bis hierher schafft, oder? Oder er gehört irgendwem. Jemandem, der von Norden hierher unterwegs war und dann auf die Schwarzen gestoßen ist. Und der Hund hat eben rechtzeitig die Fliege gemacht. Ist doch egal, woher er kommt. Schau ihn dir an – sieht so ein Ungeheuer aus? Ein Mutant? Ein kleiner Stinker ist er, nichts weiter. Und dass es ihn zu uns Menschen zieht, heißt doch, dass er zahm ist. Warum sollte er sonst drei Stunden lang um unser Feuer schleichen?«

Kirill schwieg, wog offenbar Andrejs Argumente ab. Pjotr Andrejewitsch füllte inzwischen den Teekessel aus dem Kanister auf und fragte: »Wer will noch Tee? Eine letzte Runde, bald kommt nämlich die Ablösung.«

»Gute Idee! Ich bin dabei«, sagte Andrej erfreut, und auch die anderen lebten wieder auf.

Das Wasser im Kessel kochte. Pjotr Andrejewitsch schenkte jedem, der wollte, nach und sagte dann: »Hört mal! Redet bitte nicht so viel von den Schwarzen. Letztes Mal saßen wir auch so da, und kaum hatte jemand sie erwähnt, da kamen sie auch schon angekrochen. Andere Jungs haben mir dasselbe erzählt. Vielleicht war es Zufall, ich bin ja nicht abergläubisch, aber wer weiß? Vielleicht spüren sie das? Unsere Schicht ist fast zu Ende, was brauchen wir da jetzt noch diese Teufelsbrut, im letzten Moment?«

»Stimmt. Vielleicht sollten wir wirklich besser aufhören«, pflichtete Artjom bei.

»Nur keine Panik, Junge«, sagte Andrej. »Wir packen das schon!« Er wollte Artjom aufmuntern, klang aber selbst nicht besonders überzeugt. Auch ihm lief es beim Gedanken an die Schwarzen kalt den Rücken hinunter, obwohl er es zu verbergen versuchte. Vor Menschen hatte er nicht die geringste Angst: weder vor Banditen noch vor anarchistischen Mordgesellen oder den Kämpfern der Roten Armee. Doch der Gedanke an diese Wesen war ihm unangenehm, auch wenn er sie nicht wirklich fürchtete – immer wenn er an sie dachte, überfiel ihn eine seltsame Unruhe, ganz anders als sonst, wenn er an Gefahren dachte, die von Menschen ausgingen.

Alle verstummten. Eine schwere, bedrückende Stille hüllte sie ein. Sie drängten sich noch enger um das Feuer. Die knorrigen Holzscheite knackten in den Flammen, und bisweilen flog aus dem Tunnel von ferne, von Norden, ein dumpfes, hohles Knurren heran, als wäre die Moskauer Metro der gigantische Bauch eines Ungeheuers. Ein Geräusch, das das Grauen nur noch verstärkte.

2

DER JÄGER

Wieder kam Artjom lauter wirres Zeug in den Sinn. Die Schwarzen. In seiner Schicht waren diese Mutanten nur ein einziges Mal aufgetaucht, aber Angst jagten sie ihm mehr als genug ein. Und das war kein Wunder.

Du sitzt auf deinem Posten und wärmst dich am Feuer. Plötzlich hörst du aus dem Tunnel, irgendwo aus der Tiefe, ein gleichmäßiges, dumpfes Pochen – erst in einiger Entfernung, leise, bald näher und lauter. Und dann ertönt auf einmal ein furchtbares Friedhofsheulen, so nah, dass dein Trommelfell fast platzt. Chaos! Alle springen auf, stapeln hastig Sandsäcke und Kisten zu einer schützenden Barriere auf, und der Kommandeur brüllt aus vollem Hals: »Alarm!«

Von der Station eilt die Reserve zur Unterstützung heran, und die Wachen bei Meter 300 enthüllen das Maschinengewehr. Hier, wo der Hauptschlag abgewehrt werden muss, werfen sich die Menschen auf den Boden, richten ihre Gewehre in den Schlund des Tunnels und legen an. Endlich, als die Bestien schon ganz nah sind, macht einer den Scheinwerfer an – und in dem Lichtstrahl sehen wir sie: seltsame Silhouetten wie aus einem Albtraum. Nackt, mit schwarz glänzender Haut, riesigen Augen und weit aufgerissenen Mündern. Gleichförmig schreiten sie vorwärts, auf die Befestigungen zu, den Menschen entgegen, in den Tod, aufrecht, nicht etwa gebückt, immer näher und näher, drei, fünf, acht Kreaturen … Und der Vorderste legt den Kopf zurück und stößt wieder dieses gespenstische Heulen aus.

Kalt läuft es dir über den Rücken, du willst aufspringen und wegrennen, das Gewehr, die Kameraden zurücklassen, soll doch alles zum Teufel gehen, nur weg hier. Der Scheinwerfer ist auf die Gesichter dieser furchtbaren Wesen gerichtet, damit das grelle Licht ihre Pupillen trifft, doch sie blinzeln nicht einmal, schützen sich nicht mit den Händen, sondern blicken mit weit aufgerissenen Augen in den Lichtstrahl und gehen weiter vorwärts, immer vorwärts. Haben sie überhaupt Pupillen?