Mich sollst du fürchten - Katrin Rodeit - E-Book
Beschreibung

Hat Privatdetektivin Jule Flemming die Stimme des Mörders ihres Vaters wiedererkannt oder spielt ihr ihre Fantasie einen Streich? Sie greift nach diesem Strohhalm, denn sie hat sich geschworen, den Mann zur Strecke zu bringen. Gleichzeitig erhält sie einen neuen Auftrag. Sie soll ein verschwundenes Mädchen in Ulm aufspüren. Dabei gerät sie nicht nur zwischen die Fronten, auch ihre Gefühlswelt wird auf den Kopf gestellt. Bis sie merkt, dass sie in Gefahr ist, steckt sie bereits selbst in einer tödlichen Falle.

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Seitenzahl:316

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Katrin Rodeit

Mich sollst du fürchten

Kriminalroman

Impressum

Ausgewählt durch Claudia Senghaas

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www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © cat_arch_angel – Fotolia.com

und © andrey7777777 – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4718-1

Vorbemerkung

Die Geschichte sowie die handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung mit realen Personen ist zufällig und nicht gewollt. Die erwähnten Schauplätze in Ulm gibt es wirklich. Lediglich der »Jazz-Keller« und die erwähnten Firmen sind meiner Fantasie entsprungen.

Prolog

Ich weiß, dass ich Ärger bekomme. Der Puls pocht in meinem Hals. Ich darf nicht hier sein.

Aber ich habe Papa so lange nicht gesehen und Sehnsucht nach ihm. Nach seinen Armen, die mich drücken, seinem stoppeligen Gesicht, wenn er mir einen Kuss auf die Wange gibt. Und nach seinem Lächeln.

Leise Stimmen dringen aus seiner Garderobe. Er muss das Radio laufen haben. Es ist nicht seine Art, sich vor einem Auftritt ablenken zu lassen. Normalerweise braucht er Ruhe und möchte allein sein. Nicht einmal seine Familie will er um sich haben.

Aber mein Verlangen nach einer kleinen Aufmerksamkeit ist zu groß, als dass mich das kümmert. Ich weiß, dass er ähnlich denkt. Immerhin haben wir uns fast drei Monate nicht gesehen, nur telefoniert. Das ist nicht dasselbe.

Ich lächle in mich hinein, als ich mir sein Gesicht vorstelle, wenn er mich sieht, und schleiche näher an die Kabine heran. Die Stimmen werden lauter. Eine gehört Papa, die andere ist mir fremd. Hat er Besuch? Ein Fan? Sein Manager?

Was wird er Augen machen, wenn er mich sieht! Ich gebe der Tür einen Schubs und betrete den Raum auf Zehenspitzen.

In diesem Moment verändert sich etwas. Ich kann es nicht greifen. Es ist ein Gefühl der Bedrohung, das mich wie ein Nebel einhüllt. Instinktiv suche ich Schutz hinter dem Kleiderschrank, der im Flur steht. Ich fröstle in meinem kurzen Rock und dem dünnen T-Shirt, obwohl es draußen sommerlich warm ist.

»Das ist nicht dein Ernst!«, höre ich die fremde Stimme sagen. Sie ist erfüllt von Ungläubigkeit, klingt drohend.

Mein Herzschlag beschleunigt sich.

»Mein voller Ernst.« Die Stimme meines Vaters. Ruhig und gelassen.

»Ich dachte, wir hätten einen Deal.«

»Existiert nicht mehr. Ich habe es mir anders überlegt.« Wieder mein Vater. Es ist beruhigend, ihn zu hören. Eine Festung im Sturm.

»Anders überlegt! Wenn ich das schon höre!« Eine Pause entsteht. Dumpfe Schritte, das Geräusch vom Teppichboden beinahe verschluckt. »Hör mal, so geht das nicht. Du bist mir etwas schuldig.«

»Ich? Dir? Sicher nicht!« Mein Vater klingt spöttisch. Wie ich ihn kenne. Dafür liebe ich ihn. Nichts ist so schlimm, dass es ihn aus der Bahn werfen könnte.

Ich zaubere ein Lächeln auf mein Gesicht. Gerade will ich hinter dem Schrank hervortreten, als sich der Ton wieder verschärft.

»Steck das Ding weg!« Mein Papa.

Ich spüre, wie mir die Panik den Rücken hinaufkriecht, ducke mich beim Klang seiner Stimme. Sie macht mir Angst. Er hat Angst.

»Das werde ich nicht tun. Überleg es dir noch einmal. Du hast eine Familie, Kinder.«

»Lass meine Familie aus dem Spiel!« Er wird lauter. »Und jetzt mach, dass du hier rauskommst. Ich will dich nicht mehr sehen. Hörst du? Nie wieder will ich deine Visage sehen!« Stuhlfüße schaben über den Boden, das Geräusch gedämpft. Er muss aufgestanden sein. »Und wenn ich dich auch nur in der Nähe meiner Familie erwische, wirst du mich kennenlernen.«

Die Worte stehen im Raum. Die lastende Bedeutung ist selbst mir bewusst, obwohl ich den Inhalt nicht verstehe. Ich beiße mir auf die geballte Faust.

»Du weißt zu viel.« Die fremde Stimme klingt kalt.

Dann zerreißt ein Knall die Stille. Ich zucke zusammen, unterdrücke den Aufschrei, der sich durch meine Kehle einen Weg bahnt, und beiße noch einmal in meine Hand, bis es schmerzt. Es schluckt den Schrei, der mir im Hals steckt.

Einen Moment herrscht Stille, ehe ein dumpfer Laut den Raum ausfüllt. Der Widerhall des Schusses dröhnt in meinem Kopf.

Montag

Ich schreckte hoch, setzte mich auf. Versuchte, mich in der Dunkelheit zu orientieren. Mein Gesicht war nass, das Herz klopfte zum Zerspringen.

Mühsam kämpfte ich die Panik nieder. Ich war zu Hause. In meinem Bett. Alles war gut.

Nichts war in Ordnung.

Mit zitternden Fingern tastete ich über den Nachttisch, dann flammte Licht auf und erhellte den Raum. Gleichzeitig ein Scheppern, ich zuckte zusammen und stieß einen Schrei aus. Der Wecker lag auf dem Boden.

Ich schüttelte mich und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht, während ich versuchte, meine Atmung unter Kontrolle zu bekommen.

Es dauerte, ehe ich die Decke zurückwerfen und aufstehen konnte. Ich lief im Schlafzimmer umher, dann ging ich ins Bad und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht.

Langsam hob ich den Kopf und betrachtete das Gesicht, das mich aus dem Spiegel heraus anstarrte. Das sollte ich sein? Blass wie der Novembernebel, die Augen tief in den Höhlen mit dunklen Schatten darunter. Ich wandte mich ab und griff nach dem Handtuch.

Ziellos tigerte ich durch die Wohnung. Nahm in der Küche die Zeitung von der Arbeitsplatte, um sie auf dem Tisch wieder abzulegen, gab dem Kaktus ein paar Tropfen Wasser und blätterte in der Fernsehzeitung, ohne darin zu lesen.

Schließlich setzte ich mich mit einer Flasche Wasser auf das Sofa und umschlang die angezogenen Beine mit den Armen.

Früher am Abend

Mark und ich waren in der »Hundskomödie« gewesen, einer Pizzeria mitten in der Friedrichsau. 1980 war Landesgartenschau in Ulm gewesen und damals war alles hübsch bepflanzt und hergerichtet worden. Die Bevölkerung profitiert noch heute davon: Im Sommer war es herrlich, an der Donau entlang oder zwischen den Au­seen hindurch spazieren zu gehen. Biergärten aber auch Sitzbänke luden zum Verweilen und Entspannen ein. Kleine Kinder rannten kreischend zwischen den wunderschön angelegten Blumenbeeten herum, auf dem Weg zum Spielplatz oder zum Tiergarten, der sich vom Aquarium zum Kleintierzoo gemausert hatte. Und an allen Ecken und Enden war es bunt und farbenfroh, wenn die Blumen in voller Blüte standen.

Wir wollten es uns gut gehen lassen. Das Zusammensein genießen, unbekümmert wie verliebte Teenager in einer warmen Sommernacht.

Ich befand mich auf einer wilden Achterbahnfahrt der Gefühle, ständig in Gefahr, aus der Kurve geschleudert zu werden. Aber im Moment war mir das egal, ich wollte glücklich sein, ohne an morgen denken zu müssen. Man konnte nie wissen, wann das nächste Gewitter hereinzog und alles mit sich fortriss. Und dass bei uns eines kommen würde, war so sicher, wie der Morgen auf die Nacht folgt.

Wir saßen da, scherzten, unterhielten uns über den zurückliegenden Fall und darüber, dass wir jetzt quitt waren, was das gegenseitige Retten von Leben anbelangte. Mark hat als Kriminalkommissar andere Ermittlungsmethoden als ich, die ich meine Brötchen als Privatdetektivin verdiente. Wir waren nicht immer einer Meinung, verfolgten aber stets das gleiche Ziel. Und letztlich war es uns seit Marks Rückkehr nach Ulm gelungen, zwei Fälle gemeinsam zu lösen. Und eine heiße Affäre zu beginnen.

Den Tisch hinter uns belegte eine Horde Geschäftsleute in Feierabendlaune. Die Krawatten abgelegt, die Ärmel hochgekrempelt. Es gab Gestoße und Getöse, bis endlich alle einen Platz gefunden hatten. Dann kam der Kellner und einer der Männer bestellte Prosecco.

Diese Stimme. Sie raubte mir seit Jahren den Schlaf. Hinterhältig und lauernd. Ich erkannte in ihr die Stimme des Mannes wieder, der vor 14 Jahren meinen Vater umgebracht hatte. Die Stimme von damals, die ich als Jugendliche, hinter dem Schrank versteckt, gehört hatte, kurz bevor der Schuss fiel.

Irgendwo stritten zwei Kinder, ein Hund bellte. Kellner eilten mit Pizzatellern durch die eng bestuhlten Reihen, riefen »Scusa!«. Aus der Küche drangen italienische Worte zu mir herüber, Besteck klapperte.

»Und da dachte ich mir, dass du doch eigentlich zurückkommen könntest. Was hältst du davon?« Mark lächelte und sah mich an.

Der Sinn der Worte drang nicht zu mir durch.

»Hallo? Erde an Jule? Alles okay?« Er winkte mir zu, grinste.

»Was?«

»Du könntest zur Polizei zurückkommen. Ich finde, das ist eine hervorragende Idee. Wir würden zusammenarbeiten. Was meinst du?«

Einen Moment starrte ich ihn entgeistert an, versuchte, den Sinn der Worte zu verstehen. »Sicher nicht.«

Was passierte gerade? Ich musste mich getäuscht haben. Meine Fantasie hatte mir einen Streich gespielt. Ich versuchte, auf weitere Worte vom Nebentisch zu lauschen und gleichzeitig Marks Ansinnen zu begreifen.

»Warum nicht? Denk doch mal in Ruhe darüber nach. So abwegig finde ich das nicht. Wir kommen uns sowieso ständig in die Quere. Da könnten wir doch gleich zusammenarbeiten. Außerdem könnte ich ein bisschen auf dich aufpassen.« Er zwinkerte mir zu.

»Das ist jetzt ein Witz, oder? Warum solltest du auf mich aufpassen?«

Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht, wich Verunsicherung. »Na, deine letzten beiden Fälle waren nicht ganz ungefährlich.«

»Aber du hättest sie nicht gelöst.«

»Das stimmt nicht, wir waren dran. Ich habe mich nur nicht selbst in Gefahr gebracht, um sie aufzuklären.«

Ich schüttelte den Kopf. Fragte mich noch immer, was für eine Stimme ich da gehört hatte. »Lass gut sein, Mark. Wir können nicht zusammenarbeiten. Das würde nie gut gehen.«

»Warum denn nicht?«

»Weil wir beide viel zu eigensinnig sind.«

»Du vielleicht, ich nicht.«

Da war ich mir nicht so sicher. Für mich war das Thema beendet.

»Überleg es dir einfach mal in Ruhe. Wir müssen ja nichts übers Knie brechen.«

Und dann wieder. Diese Stimme! Der Mann sprach mit jemandem am Tisch, lachte laut auf. Er war es!

Mein Kopf zuckte zu ihm herum und gleich wieder zurück. Unter Marks verwundertem Blick zerrte ich meinen Geldbeutel aus der Tasche, holte einen 20-Euro-Schein hervor und legte ihn auf den Tisch.

»Was …?« In seiner Miene spiegelten sich Verständnislosigkeit und Entsetzen. »Spinnst du? So schlimm fand ich den Vorschlag jetzt nicht!«

»Ich muss weg«, sagte ich und stand auf.

»Bist du plötzlich verrückt geworden?«

»Hat nichts mit dir zu tun.«

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, hastete ich ins Restaurant zur Bedientheke. Dabei stieß ich beinahe eine Kellnerin um, die drei mit Pizza beladene Teller balancierte. Mein gemurmeltes »Entschuldigung« ließ sie aufschnauben, dann eilte sie weiter.

»Bitte, die Leute da hinten …« Ich deutete vage in die Richtung des Tisches, an dem ich eben noch gesessen hatte.

Der Kellner hinter dem kleinen Stehpult musterte mich und hob unwirsch die Hand. Zwischen Schulter und Kopf hatte er das Telefon eingeklemmt, einen Kugelschreiber quer im Mund und blätterte in einem großen Buch. Es dauerte ewig, ehe er das Gespräch beendete, und ich fragte mich, ob er das absichtlich tat.

»Ja?« Ein unverbindliches Lächeln auf den Lippen.

»Der Tisch da hinten, an dem die Geschäftsleute sitzen.«

Er runzelte die Stirn und blickte in die angezeigte Richtung.

»Kennen Sie die Leute?«

»Ich habe keine Ahnung, wer die Herrschaften sind«, sagte er, die Ruhe selbst.

»Könnten Sie nicht vielleicht in Ihrem Buch da nachsehen?«

Er schüttelte den Kopf, sah mich fest an, als ich mich halb über das Pult zu beugen versuchte, und klappte das Buch zu. Der Luftzug strich mir über die Nase. Seine Hände lagen zwei riesigen Pranken gleich auf dem glatten Leder.

Ich nickte langsam, drehte mich weg und wollte gehen. Dann sah ich mich noch einmal um. »Könnten Sie nicht vielleicht für mich eine Ausnahme machen? Es ist nämlich wirklich wichtig. Es geht sozusagen um Leben und Tod.«

Er schüttelte wieder den Kopf, nahm das Buch und legte es unter den Tisch. »Wenn Sie das so brennend interessiert, dann gehen Sie doch hin und fragen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu tun.«

Beim bloßen Gedanken daran brach mir der kalte Schweiß aus. Fluchtartig verließ ich die »Hundskomödie«.

Ruhig bleiben, ermahnte ich mich. Es nutzt niemandem, wenn du jetzt panisch wirst. Du bist schon panisch, erinnerte mich meine andere Hälfte, und ich zwang mich, durchzuatmen.

Ich musste herausfinden, wer er war.

Mein Auto stand bei Mark vor der Tür. Bis dorthin brauchte ich bestimmt zehn Minuten zu Fuß, selbst wenn ich rannte.

Ich wog ab. Die Entscheidung war riskant, aber ich hatte keine Wahl.

Ich nahm die Beine unter den Arm und schaffte den Weg in siebeneinhalb Minuten. Während der Zeit betete ich ununterbrochen, dass die Runde sich nicht auflöste, während ich unterwegs war. Drei weitere Minuten später stand ich auf dem öffentlichen Parkplatz der Friedrichsau. Zwölf Minuten nachdem ich losgerannt war, überzeugte ich mich atemlos davon, dass die Herrenrunde noch an ihrem Tisch saß. Ich war um das Gebäude herumgeschlichen und hatte mich dem Biergarten von hinten genähert. Nun stand ich hinter einem Gebüsch und linste zwischen den Ästen hindurch.

Auch Mark saß noch an unserem Tisch. Ein bisschen tat er mir leid, ich hätte nicht so abrupt davonrennen sollen. Ihm wenigstens erklären müssen, was geschehen war. Vielleicht hätte er mir sogar helfen können. Ich würde das nachholen, nahm ich mir vor. Würde ihn anrufen und ihm alles schildern.

Den Appetit hatte es ihm bei meinem überstürzten Aufbruch auf jeden Fall nicht verschlagen. Die Pizza war aufgegessen, gerade trank er sein Bier aus.

Wie kam er nur auf die absurde Idee, dass ich zurück in den Polizeidienst gehen könnte? Schlimmer noch, dass wir zusammenarbeiten würden. Das ginge niemals gut. Außerdem mochte ich meinen Job. Nichts zog mich zurück in das strukturierte Dasein eines Achtstundentages. Dafür schätzte ich die Annehmlichkeiten, die mir meine freie Zeiteinteilung bot, zu sehr.

Viel eher vermutete ich, dass er mich unter Kontrolle haben wollte. Seine Motive mochten ehrenwert sein, vielleicht hatte er sogar Angst um mich. Aber ich war mein eigener Herr. Niemals würde ich zulassen, dass jemand anderes über mein Leben bestimmte.

Eine Blondine näherte sich seinem Tisch, und ich kniff die Augen zusammen. Weiße Bluse mit tiefem Ausschnitt, enge Röhrenjeans, die ihre Beine noch länger wirken ließen, und hellbraune hochhackige Pumps, bei deren bloßem Anblick meine Füße zu schmerzen begannen.

Ich schnappte nach Luft. Zielstrebig steuerte sie auf Mark zu, der jetzt aufsah. Ein Missverständnis, durchzuckte es mich. Das konnte nicht sein. Ein Strahlen glitt über sein Gesicht, als er sie wahrnahm. Er stand auf und breitete die Arme aus.

Moment mal, was tat sie hier? Und wie sahen die beiden sich an? Jetzt küssten sie sich auf die Wange! Und als ob das nicht genug wäre, umarmte Mark sie auch noch. In welchem Film war ich jetzt gelandet?

Ich wartete darauf, dass sie sich voneinander lösten. Dass Mark sich wieder setzte und Barbie ihres Weges ging.

Weit gefehlt, sie strahlten sich an wie zwei Honigkuchenpferde, und jetzt bot Mark ihr einen Platz an. War es zu fassen! Nicoles Hintern landete auf den Zentimetern, auf denen ich eben noch gesessen hatte!

Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf stieg, und fühlte mich wie ein Drucklufttopf kurz vor der Explosion.

Sie stellte ihre zu den Schuhen passende Handtasche neben ihrem, meinem, Platz ab und legte die Sonnenbrille auf den Tisch. Ein Kellner fragte nach ihren Wünschen, und Mark bestellte etwas. Wenig später kehrte der Ober zurück und brachte zwei Gläser Prosecco.

Ich schäumte derweil vor mich hin und musste tatenlos zusehen, wie die Frau, mit der mein Ex-Mann mich betrogen hatte, ungeniert mit meinem Freund zu flirten begann. Mark fiel in ihr Lachen ein, und die beiden unterhielten sich prächtig. Als die Gläser leer waren, bezahlte er die Rechnung. Beide erhoben sich und verließen gemeinsam das Restaurant. Marks Hand lag auf ihrem Rücken, und er führte sie durch die Menge.

Ich duckte mich hinter dem Busch, was nicht nötig gewesen wäre. Mark und Nicole waren so ins Gespräch vertieft, dass sie mich nicht einmal bemerkt hätten, wenn ich aus dem Gebüsch auf den Weg gesprungen wäre.

Wo gingen sie hin? In eine Bar, einen draufmachen? Zu Mark nach Hause? Wiederholte sich die Geschichte, und ich musste wieder tatenlos zusehen?

Sie verschwanden aus meinem Blickfeld. Na warte, Mark Heilig! Um dich und Nicole würde ich mich später kümmern. Aber so was von!

Die Gesellschaft an dem großen Tisch war zwischenzeitlich mit essen beschäftigt und hatte eine neue Runde Getränke geordert. Gedanklich richtete ich mich auf einen langen Abend ein.

Es wurde ein sehr langer Abend. Bis kurz nach halb zwölf musste ich ausharren, ehe sich die Herrschaften mehr oder weniger angesäuselt von ihren Plätzen erhoben und das Restaurant unter lautstarken Bemerkungen verließen.

Ich pickte mir den Mann heraus, in dessen Stimme ich den Mörder meines Vaters erkannt haben wollte, und betrachtete ihn aus sicherer Entfernung. Er war kleiner, als seine volltönende Stimme hatte vermuten lassen. Kaum 1,65 Meter groß, sonnengebräunt, sportlich elegantes Hemd und gut sitzende Anzughose. Er führte die Gruppe an, die vor der Tür weiterpalaverte. Dann setzten sich alle in Richtung des Parkplatzes in Bewegung, auf dem auch mein alter Golf stand.

Mit etwas Abstand trabte ich hinterher. Die Herren zerstreuten sich und stiegen in ihre Fahrzeuge. Autos, bei deren bloßem Anblick der Neid in mir hochkroch. Kein Vergleich zu meiner alten Schüssel.

Mein Mörder, wie ich ihn insgeheim nannte, fuhr einen Audi Q7, neueste Baureihe. Ich ließ ihm den Vortritt, notierte mir das Kennzeichen und fädelte hinter ihm in den Stadtverkehr ein. Ich war im Tunnel, außer dem Audi vor mir gab es nichts mehr.

Sein Weg führte ihn durch Neu-Ulm auf die B10 Richtung Günzburg. Zu so später Stunde war nicht mehr viel los, und er schien es nicht eilig zu haben. Vielleicht aus Angst vor einer Kontrolle? Ich wusste nicht, wie viel er getrunken hatte, ob er sich noch hinter das Steuer hätte setzen dürfen. Ich vermutete, nicht.

Unsere Fahrt endete in Nersingen, einer kleinen Gemeinde im Bayerischen. Am Ende der Ortschaft bog er rechts ab, folgte einer schmalen Straße. Ich schaltete die Scheinwerfer aus und ließ meinen Golf langsam hinterher rollen. Der Q7 bog auf eine Hofauffahrt und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich rollte an dem Haus vorbei, als das Garagentor die Rücklichter des Fahrzeuges gerade verschluckte.

Die Straße endete auf einem Feldweg. Ich fuhr ein paar Meter hinein, stellte den Motor ab und stieg aus. Vorsichtig schlich ich zurück. Die Nacht war dunkel, wir hatten Neumond. Ein Hund bellte in der Nähe. Ich näherte mich der Hofeinfahrt entlang einer dicken Thujahecke. Sie war mindestens drei Meter hoch, ich konnte unmöglich erkennen, was sich dahinter verbarg. Nur eines war sicher: Sie war lang. Sehr lang!

Dann erreichte ich die Garageneinfahrt. Genauer gesagt waren es drei. Eine Doppelgarage und eine Einzelgarage, das Haus daran angeschlossen. Es musste einen Durchgang zur Villa geben. Welche Schätze sich dahinter verbargen? Von dem Q7 einmal abgesehen. Ich biss die Zähne zusammen. Wer war er?

Über den Toren war eine Kamera angebracht. Klein und gut versteckt, aber für das geschulte Auge sichtbar. Ich blieb zurück, um nicht in ihren Aufnahmewinkel zu geraten.

Rechts neben der Auffahrt war ein hohes stählernes Tor. Keine Möglichkeit, einen Blick dahinter zu werfen. Zumal auch dort eine Kamera ihr Auge auf den Weg richtete. Direkt über der Computertastatur für das Schloss, das den Eingang sicherte. Ein Namensschild konnte ich nirgendwo sehen.

Wer lebte hier? Ein Filmschauspieler? Ein bekannter Musiker? Ein Unternehmer? Oder ein Gangsterboss?

Plötzlich flammte Licht auf. Scheinwerfer tauchten die Hofeinfahrt und einen Teil der Straße in gleißende Helligkeit. Ich stand mittendrin wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines Autos und bewegte mich nicht. Mein Verstand sagte mir, dass es zu spät war, obwohl mein Herz mich drängte, zu verschwinden. Ich war wie gelähmt, blieb stehen, wo ich war, und hielt die Luft an.

Das stählerne Tor öffnete sich nach innen, und der Mann, der kurz zuvor den Q7 in die Garage gefahren hatte, trat heraus. Er hatte sich umgezogen, trug jetzt eine teuer aussehende Jogginghose und ein Polohemd, und musterte mich, die Hände beulten seine Hosentaschen aus. Ob er darin etwas verbarg?

Ich schluckte und starrte zurück, wusste nicht, was ich denken oder sagen sollte. Stand ich dem Mörder meines Vaters gegenüber? Alles in mir drängte danach, es ihm ins Gesicht zu schreien, mich auf ihn zu stürzen.

Ich ballte die Hände zu Fäusten und zwang mich, ruhig durchzuatmen.

»Wer sind Sie?«

Die Stimme. Sie jagte mir Schauer über den Rücken und ließ mich frösteln. War sie es?

Luft holen. »Wer? Ich?« Ich krächzte mehr, als dass ich sprach.

»Sehen Sie sonst noch jemanden?«

Ich räusperte mich. »Ich war spazieren.« Das kam schon deutlicher.

»Mitten in der Nacht?« Er klang lauernd. Hatte er Angst? Wovor?

»Haben Sie ein Problem damit?«

»Wieso schleichen Sie auf meinem Grundstück herum?«

Wir musterten uns abschätzend.

»Ich stehe auf der Straße und nicht auf Ihrem Grundstück. Mein Freund hat mich rausgeschmissen«, schob ich hinterher und sah zu Boden. Meine Schultern sackten nach unten, die Stimme wurde leiser. »Ich bin herumgelaufen. Und dabei wohl zu weit gegangen. Ich kenne mich hier nicht aus.« Vorsichtig sah ich auf. Kaufte er mir das ab?

Er schwieg einen Moment, sah mich einfach nur an. Ich sagte nichts, hielt stand.

»Dann gehen Sie wohl mal besser zurück«, sagte er schließlich und verlagerte das Gewicht vom linken auf das rechte Bein. Die Hände hielt er noch immer in den Taschen. Verbarg er eine Waffe? »Nicht, dass Sie noch verhaftet werden. Es gibt Menschen, die kommen auf dumme Gedanken.«

War das eine Drohung? »Ja, da haben Sie wohl recht. Gute Nacht.«

»Viel Glück mit Ihrem Freund!«

Kam es mir nur so vor, oder schwang ein misstrauischer Unterton in seiner Stimme mit?

Das Tor fiel ins Schloss, ich stand allein auf der Straße. Mir blieb nichts anderes übrig, als meinen Weg fortzusetzen, wenn ich nicht noch mehr auffallen wollte.

Er sollte nicht sehen, wohin ich ging. Also trottete ich zur Hauptstraße zurück, bog links ab, dann noch einmal. Und versuchte dabei, meine Gefühle und Gedanken unter Kontrolle zu bekommen. Es gelang mir nicht.

In einer weiten Schleife war ich zu meinem Auto zurückgekehrt. Ich hatte keine Ahnung, wer der Typ war und wie er hieß. Und ich konnte nur hoffen, dass er mir meine Vorstellung abgenommen hatte.

In den frühen Morgenstunden

Nur langsam beruhigte ich mich wieder.

Man vergisst die Stimmen verstorbener Menschen, kann sich schon nach kurzer Zeit nicht mehr daran erinnern. Die meines Vaters war längst nicht mehr präsent.

Oder waren sie im Unterbewusstsein noch vorhanden, gut verborgen, ohne dass man es ahnte? Und wenn man sie hörte, kehrte die Erinnerung zurück?

Aus dem Kühlschrank nahm ich mir ein Bier, öffnete es am Küchentisch und fügte ihm eine weitere Kerbe zu. Der Kronkorken, den ich normalerweise auffing, fiel zu Boden. Das Geräusch war nicht laut, aber in der nächtlichen Wohnung reichte es, mich zusammenzucken zu lassen.

Ich ging ins Wohnzimmer und öffnete den linken Hochschrank. Ich wusste genau, wo ich hingreifen musste, obwohl ich die Unterlagen seit Jahren nicht mehr in der Hand gehalten hatte.

Vertraut verstaubter Geruch stieg mir in die Nase, als ich den Deckel der Akte öffnete. Sie war dünn. Das war alles, was von meinem Vater übriggeblieben war. Eine schmale Ermittlungsakte. Weil damals nicht viele Fakten zusammengetragen werden konnten. Es gab nichts.

Ich blätterte die Papiere langsam durch. Sie sahen zerlesen aus. Wie oft hatte ich sie in den letzten Jahren in den Händen gehalten? Als ich meine Ausbildung bei der Polizei begonnen hatte, hatte ich die Akte zum Kopieren heimlich an mich genommen. Es war der einzige Grund für meinen Berufswunsch gewesen. Die Akte, und weil ich insgeheim gehofft hatte, den Mörder meines Vaters irgendwann zu finden.

Mit den Jahren hatte ich immer weniger darin gelesen. Ich kannte jedes Detail auswendig, hätte es zu jeder Tages- und Nachtzeit herunterbeten können. Auch heute noch, da ich den Inhalt seit Längerem nicht mehr angesehen hatte.

Seite für Seite blätterte ich durch die Mappe und spürte wieder die Hoffnung, die ich jedes Mal dabei gehabt hatte. Die Hoffnung, etwas zu finden, einen kleinen Hinweis, der bisher übersehen worden war.

Die Fakten eines kurzen Lebens auf wenige Blätter in sachlichem Amtsdeutsch reduziert. Name, Alter, Beruf, Familienstand, Lebenslauf. Der Autopsiebericht. Ein Schuss ins Herz. Das Projektil war in die rechte Herzkammer eingedrungen, hatte sie durchschlagen und war in der Brustwirbelsäule steckengeblieben. Der Tod war in kürzester Zeit eingetreten. Mein Vater hatte keine Chance gehabt.

Als er gefunden wurde, kurz, nachdem ich das Zimmer verlassen hatte, fehlten seine Brieftasche und ein goldenes Feuerzeug in Form eines Goldbarrens, weswegen die Theorie des Raubmordes kurzzeitig im Raum gestanden hatte. Dagegen sprach, dass ein Päckchen Kokain bei ihm gefunden worden war. Weit mehr als die zum Eigenbedarf übliche Menge.

Schnell war von einem Mord im Milieu die Rede gewesen, mein Vater habe sich mit Kriminellen eingelassen, sei ein Dealer gewesen.

Das hatte mir einen Stich versetzt. Mein Vater und Drogen? Niemals! Für ihn war die Familie über alles gegangen, auch wenn die Ehe meiner Eltern längst nur noch auf dem Papier bestanden hatte. Aber seinen Kindern hätte er das nicht angetan, da war ich mir sicher.

Wo waren die Drogen hergekommen? Hatte der Mörder sie verloren? Unwahrscheinlich. Ein Päckchen Kokain fiel nicht mal eben so jemandem aus der Tasche. Selbst dann nicht, wenn dieser Jemand ein Mörder war.

Wieso waren sie im Büro meines Vaters gefunden worden? Waren sie absichtlich dort platziert worden? Um eine falsche Spur zu legen? Warum? Und wieso hatte er meinen Vater umgebracht? Wo war das Motiv?

Ich hatte das Unterste zuoberst gekehrt. Mehr noch als die Polizei, obwohl auch die akribisch gearbeitet hatte. Weder im beruflichen noch im privaten Umfeld hatte sich ein Hinweis gefunden, der einen Feind meines Vaters identifiziert hätte. Es musste etwas Persönliches sein. Das war dem Gespräch zu entnehmen gewesen, das die beiden geführt hatten. Sie hatten sich gekannt, waren per Du gewesen.

Im Stillen verfluchte ich mich, dass ich nicht hinter dem Schrank hervorgekommen war und nachgesehen hatte. Warum hatte ich mich weggedreht, als der Mann an mir vorbei zur Tür hinausgelaufen war? Und warum hatte ich den Raum selbst Hals über Kopf verlassen, statt dort zu bleiben?

Die Antwort war ebenso einfach wie logisch: weil ich Angst gehabt hatte. Ich war ein 14-jähriges verstörtes Mädchen gewesen, das den Mord am Vater miterlebt hatte. Instinktiv hatte ich mir die Hand zuerst auf die Ohren, dann auf das Gesicht gepresst. Sehe ich dich nicht, siehst du mich nicht.

Noch immer machte ich mir Vorwürfe, dass ich nicht hingesehen hatte. Ich hätte ihn identifizieren können.

In meinem Zorn und meiner Hilflosigkeit schlug ich die Akte auf den Tisch. Sie schlitterte davon, segelte samt Inhalt zu Boden. Papiere lagen in wildem Durcheinander auf dem Teppich.

Ich würde sie wieder einsortieren, ich wusste, wo welches Blatt seinen Platz hatte.

Irgendwann musste ich doch eingeschlafen sein. Das Läuten des Telefons riss mich aus dem Schlaf, und ich hatte Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Ich setzte mich auf, sah mich verwirrt um, weil ich auf dem Sofa lag.

Auf dem Boden lag die leere Bierflasche inmitten der Papiere, die ich nicht weggeräumt hatte. Die Erinnerung an letzte Nacht holte mich ein.

Ich schüttelte den Kopf, das Telefon lag in der Küche und läutete erbarmungslos. Ich stand auf und warf einen Blick auf die Nummer. Unbekannt.

»Flemming?« Meine Stimme glich dem Krächzen eines Raben im Novembernebel. Genauso fühlte ich mich.

»Hier ist deine Mutter«, flötete es aus dem Hörer.

Ich schloss die Augen und unterdrückte den Impuls, gleich wieder aufzulegen.

»Warum wird deine Nummer nicht angezeigt?« Wäre es so gewesen, ich hätte nicht abgenommen.

»Ich habe den Anbieter gewechselt und muss solche Dinge erst wieder einrichten lassen. Das dauert ein wenig, und du weißt ja, wie ungeschickt ich in solchen Dingen bin …?«

Ich wusste es. Und überhörte das Fragezeichen am Ende des Satzes. Sollte Sebastian sich darum kümmern, er war der Techniker in der Familie.

»Kind, ich habe über uns nachgedacht«, sprach meine Mutter weiter, als sie verstanden hatte, dass ich ihr nicht helfen würde.

»Bloß das nicht«, entfuhr es mir. Erneut kniff ich die Augen zu. Wann hatte sie das zuletzt getan? Über mich nachgedacht?

Einen Moment überlegte ich, ob ich ihr Störgeräusche in der Leitung vorgaukeln sollte. Immerhin hatte sie einen neuen Anschluss. Aber das hatte ich zuletzt öfter getan, irgendwann würde sie misstrauisch werden.

»Hast du schlecht geschlafen? Oder einen Kater?«

»Worum geht es?«

»Um Kunst.«

Oh, bitte nicht!

»Und um dich und um mich.«

Das beunruhigte mich noch mehr. »Mutter, du sprichst in Rätseln.«

»Na, du hast doch so toll gesungen am Samstag. Warum hast du mir das eigentlich nie erzählt? Ach, egal. Auf jeden Fall fand ich das so schön! Das muss an den Genen liegen. Die Kunst liegt uns einfach im Blut.«

Ich dachte an die Bilder, die sie malte, und schüttelte mich.

»Nächste Woche ist meine Vernissage, und da dachte ich mir …«, sie schob eine kunstvolle Pause ein, während der ich überlegte, einfach aufzulegen, »… du könntest etwas singen.«

»Nein.«

»Das würde meinen Gästen sicher gefallen … Wie, ›nein‹?«

»Nein«, wiederholte ich.

»Was soll das heißen?«

»Dass ich keine Zeit habe.« Bestimmt hatte ich etwas vor. Vielleicht musste ich auf Connys Kinder aufpassen. Oder auf Leons Wellensittich.

»Aber wir könnten uns doch gegenseitig unterstützen. Du könntest bei mir singen, und ich könnte bei deinen Auftritten meine Bilder ausstellen. Da hätte jeder was davon. Eine Win-win-Situation sozusagen.«

Seit wann schmiss meine Mutter mit betriebswirtschaftlichem Wortgut um sich? »Das kommt überhaupt nicht infrage. Jeder macht sein eigenes Ding. Ich singe, du malst. Fertig. Das wird nicht vermischt.« Ich stellte mir gerade vor, wie Lou seinen »Jazz-Keller« in einen Ausstellungsraum für die Bilder meiner Mutter verwandelte. Ich war mir sicher, dass nicht nur mir übel wurde bei dem Gedanken.

»Aber …«

»Basta!«

Das Klingeln an der Tür enthob mich weiterer Diskussionen. Welch ein Segen! Wer immer das war, ihn schickte der Himmel.

»Mutter, ich muss jetzt Schluss machen. Wir können später noch mal telefonieren.«

»Aber Jule …«

Ich legte auf und rauschte zur Tür. Es hatte oben an der Wohnungstür geklingelt. Bestimmt wollte Leon mir seine neueste Legokreation zeigen. Vor nicht einmal einer Woche hatte ich ihm seinen heiß ersehnten X-Wing Starfighter geschenkt, und seither bastelte er wie ein Weltmeister, um mit den bunten Plastiksteinen ganze Welten aus Star Wars nachzubauen.

»Dich schickt der Himmel«, freute ich mich, als ich die Tür aufriss. Sogar neue Schokoküsse hatte ich für meinen kleinen Freund gekauft.

Dann gefroren meine Gesichtszüge, mein Mund öffnete sich und wurde trocken. Heraus kam nichts.

Mark starrte mich einen Moment an, dann drückte er die Tür auf und ging an mir vorbei in die Küche. Er hatte wirklich Nerven, hier aufzutauchen!

»Komm doch rein«, murmelte ich und folgte ihm. »Was kann ich für dich tun?«

»Was du für mich tun kannst?« Seine Stimme war leise, er hatte die Hände auf der Tischplatte abgestützt und nagelte mich mit seinem Blick fest. »Kannst du mir bitte sagen, was das für ein Auftritt war gestern Abend? Wir sitzen gemütlich beim Pizzaessen, alles ist gut. Dann siehst du plötzlich aus, als hättest du ein Gespenst gesehen, springst auf und lässt mich einfach sitzen. Hast du eine Ahnung, wie lange ich dort gesessen und auf dich gewartet habe?«

»Bis kurz nach acht«, antwortete ich bissig.

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte ich ihn mit meiner Antwort aus dem Konzept gebracht. Gut so.

»Ich habe versucht, dich anzurufen«, fuhr er fort, ohne auf meine Worte einzugehen oder wegen Nicole wenigstens ein bisschen schuldbewusst zu sein. »Du hattest dein Handy ausgeschaltet und zu Hause bist du auch nicht gewesen.«

»So sehr kann dich das ja nicht interessiert haben. Hattest du einen netten Abend?«

»Wie bitte?« Seine Wagenknochen traten deutlich hervor.

»Du hast dich ja schnell getröstet. Wenigstens war der Platz noch warm, als Nicole sich hingesetzt hat.«

Mark atmete tief durch. »Ich weiß zwar nicht, warum dich das etwas angeht, aber ich kenne Nicole schon eine Ewigkeit, und wir haben uns länger nicht gesehen.«

»Das habe ich bemerkt.«

»Woher kennst du sie überhaupt?«

»Das tut im Moment nichts zur Sache.« Wir funkelten uns an.

»Spionierst du mir nach?«

»Und wenn? Immerhin habe ich interessante Dinge herausgefunden.«

»Jule, was unterstellst du mir da?«

»Nichts. Müsste ich?« Zum Beispiel dass Nicole mir zum zweiten Mal einen Mann ausspannte?

»Mach dich nicht lächerlich.«

»Aber da war mal was«, riet ich aufs Geratewohl.

Dass er nichts sagte, war mir Antwort genug.

»Willst du mir jetzt sagen, warum du gestern Abend verschwunden bist?«

Es machte mich so verdammt wütend, dass er mir keine Antworten gab. Nach den letzten Tagen war ich der Meinung, ein Recht darauf zu haben. »Nein.« Nicht nach der Nummer. Nicht, wenn er mir nicht sagte, woher er Nicole kannte und was es mit ihr auf sich hatte.

Außerdem würde er darauf bestehen, mir den Fall abzunehmen. »Persönlich involviert« hieß das im Polizeideutsch. Wenn er mir überhaupt glaubte.

Sein Blick fiel durch die offene Tür ins Wohnzimmer und blieb an den am Boden verstreuten Papieren hängen. Er machte einen Schritt darauf zu. Ich war schneller, schob mich in den Rahmen.

»Was ist das?«, hob er an, und sein Tonfall ließ mich den Atem anhalten.

»Nichts!« Er durfte die Akte nicht sehen. Schon gar nicht deren Inhalt.

»Das ist doch …«

»Das geht dich nichts an!« Ich machte mich so breit, wie es eben ging, um ihm den Blick zu versperren. »Du willst mir ja auch nicht sagen, woher du Nicole kennst.«

Mit kalten Augen sah er mich an. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das ist lächerlich, Jule, und das weißt du auch.«

Das hatte mir mein Ex-Mann damals auch gesagt. Nachdem ich ihn im Bett mit Nicole erwischt hatte. »Dann sag es mir einfach.«

Wir blitzten uns an, dann drehte er sich wortlos um und verließ die Wohnung.

Das Büro der Privatdetektei Werner Simon lag in der Nachbarstadt Blaustein. Die Entfernungen sind in Ulm und Umgebung nicht nennenswert, und so brauchte ich kaum zehn Minuten, bis ich dort war. Draußen war es dunkel. Dicke Wolken hingen am Himmel, das Wetter passte zu meiner Stimmung.

Gegen halb zwölf stapfte ich mit zusammengebissenen Zähnen die Treppen ins Büro hinauf, umgeben vom Geruch orientalischer Gewürze aus der Wohnung darunter.

Ich wollte Werner davon überzeugen, dass ich Urlaub brauchte.

Vor einer halben Stunde hatte ich zu meinem Q7-Fahrer einen Namen erhalten. Meinem ehemaligen Kollegen Jochen Eigner vom Polizeirevier Ulm-Mitte hatte ich vorgeflunkert, dass ich vergangene Nacht einen Unfall gehabt hatte. Er wusste, dass ich log. Und ich wusste, dass er das wusste. Aber ich hatte ihn nie in Schwierigkeiten gebracht, und er mochte mich. Also hatte er eine Halterabfrage veranlasst und mich eine halbe Stunde später zurückgerufen.

Er hieß Martin Strohm und wohnte in Nersingen. In dem Haus, vor dem ich letzte Nacht im Scheinwerferlicht gestanden hatte.

Martin Strohm. Ich kramte in meinen Erinnerungen, ob der Namen etwas in mir hervorrief. Immer und immer wieder sagte ich ihn mir vor. Aber da war nichts.

Anna Jost, unser Sofia-Loren-Double mit der rauchigen Whiskey-Stimme, saß hinter dem Empfangstresen über ihre Tastatur gebeugt und klapperte in Blitzgeschwindigkeit darauf herum. Mir war es ein Rätsel, wie sie das schaffte, arbeitete ich doch selbst seit Jahren mit dem Zweifinger-Adler-Suchsystem. Okay, mittlerweile hatte ich mich zu drei Fingern hochgearbeitet.

Als sie die Tür klappen hörte, hob sie die Augen über den Rand ihrer Brille hinweg. Dabei runzelte sie die Stirn. Als sie mich sah, erwärmte ein Lächeln ihr Gesicht und gleich darauf mein Herz. Die gutmütige Seele im Büro, Herrscherin über das Chaos.

»Flapsi, bleib hier!«, kommandierte sie mit strenger Stimme und sah unter den Tisch, doch es war zu spät. Ein kleiner brauner Langhaardackel fegte um die Ecke des Tresens und sprang an meinem Bein hoch. Augenblicklich verbreitete sich ein unangenehmer Geruch in dem kleinen Büro. Flapsi hatte ein Problem mit seinem Verdauungsapparat.

»Entschuldigung«, sagte Anna und ging zum Fenster, um es zu öffnen.

Das braune Fellknäuel gehörte noch nicht lange zum Team, aber er hatte bereits einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Sommer war das nicht schlimm, aber ich fragte mich, wie wir im Winter damit umgehen wollten.

»Jule, wie praktisch, dass du hier bist!«, tönte eine tiefe Stimme hinter mir.

Wie praktisch, dass er gerade hier war. Ich setzte ein entwaffnendes Lächeln auf und drehte mich um. »Werner, guten Morgen!«

Mein Chef grinste mich an und legte mir eine Hand auf die Schulter. Augenblicklich fühlte ich mich wie in einen Schraubstock gezwängt. Entweder spürte er meine Absichten, oder das war seine Art, mir zu sagen, wie sehr er mich mochte.

Werner überragte mich einen guten Kopf. Mit seiner Statur und der dunklen Stimme erinnerte er an einen gutmütigen Brummbär. Ich wusste, dass das Fassade war. Dahinter konnte er ungemütlich werden, wenn ihm etwas nicht in den Kram passte.

»Du kannst gleich mitkommen«, fuhr er fort und verstärkte den Druck seiner Hand auf meinem Oberarm. Langsam aber unnachgiebig schob er mich in den kleinen Flur, an dessen Ende das Besprechungszimmer lag.

Warum gingen wir nicht in sein Büro? Mir blieb nichts anderes übrig, als mitzugehen, denn er plapperte unablässig auf mich ein. Ich warf einen Blick zurück zu Anna, die Flapsi wieder unter den Schreibtisch verfrachtet hatte. Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern, ein mitleidiges Lächeln auf den Lippen. Ich ahnte nichts Gutes.

»Ich stelle dir gleich Alicja Golla vor. Du musst langsam mit ihr sprechen. Sie kann zwar einigermaßen gut Deutsch, aber wenn wir zu schnell reden, versteht sie uns nicht. Sie kommt aus Polen.«

Stopp! Wer war Alicja Golla? Und wieso sollte ich mit ihr reden? Ich war gekommen, um Urlaub einzureichen.

»Werner, ich …«, hob ich erneut an. Doch er schubste mich ins Besprechungszimmer und schnitt mir damit das Wort ab.

»Hier wären wir schon«, sagte er langsam betont und überlaut. War Frau Golla auch schwerhörig?

Ich sah mich nach der Dame um. Sie hatte sich hinter dem Besuchertisch verkrochen. Den Kopf zwischen den Schultern eingezogen, die Arme vor der Brust verschränkt hatte ich den Eindruck, sie wollte sich unsichtbar machen. Dabei hatte sie das nicht nötig. Sie war eine hübsche junge Frau, kaum 20 Jahre alt, mit langen blonden Haaren. Sie war schlank und hatte eine Figur mit Rundungen an den richtigen Stellen. Trotzdem stand sie da wie eine Musterschülerin, die der Lehrer in die Ecke gestellt hatte.

Von hinten stupste mich die Pranke, die noch kurz zuvor auf meinen Schultern gelegen hatte, und ich machte einen Satz nach vorn.