Middlemarch. Band 4 - George Eliot - E-Book

Middlemarch. Band 4 E-Book

George Eliot

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Beschreibung

Dorothea Brooke heiratet Edward Casaubon, einen Gelehrten, der einige Jahre älter ist als sie, in der Hoffnung, dass ihre Verbindung eine echte Begegnung der Geister sei. Sie irrt sich. Gefangen in einer einsamen Ehe mit einem tyrannischen Mann, findet sie Gesellschaft bei Edwards Cousin, Will Ladislaw. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Verbindung, die ihren makellosen Ruf und ihre Zukunft gefährdet. Der junge Arzt Tertius Lydgate kommt voller fortschrittlicher Ideen nach Middlemarch und möchte seine Fähigkeiten im örtlichen Krankenhaus einsetzen. Durch seine dortigen Beziehungen lernt er die schöne Tochter des Bürgermeisters, Rosamond Vincy, kennen und heiratet sie, nur um durch ihren Materialismus und ihre überwältigende Eitelkeit vor dem finanziellen Ruin zu stehen. Rosamonds Bruder Fred ist für die Kirche bestimmt, um den Stand seiner Familie zu verbessern, aber seine Jugendliebe Mary Garth weigert sich, ihn zu heiraten, wenn er nicht eine geeignetere Karriere einschlägt. Vom Schicksal in unsichere finanzielle Verhältnisse gezwungen, muss Fred seine Entscheidungen und Wünsche hinterfragen, wenn er sich Marys Respekt verdienen will. Der gottesfürchtige und angesehene Nicholas Bulstrode ist ein guter Mann und ein vertrauenswürdiger Bankier – so scheint es jedenfalls, bis ein alter Feind in die Stadt kommt, der Bulstrodes zwielichtige Machenschaften aufdecken will. Aus Angst, als Heuchler entlarvt zu werden, nimmt er die Dinge selbst in die Hand, wobei ihn jede Verzweiflungstat noch tiefer in Schande und Korruption stürzt. “Middlemarch”, ein Meisterwerk der Belletristik, zeichnet die Spuren der Leben seiner Protagonistinnen und Protagonisten in einer Handlung nach, die das soziale Gefüge im England der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts beleuchtet. Eliots beliebter Roman, der die Landschaft der viktorianischen Literatur überragt, erforscht den immerwährenden Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft, Integrität und Versuchung und ist heute so aktuell wie bei seiner Erstveröffentlichung. Dieses ist der vierte von insgesamt vier Bänden. Der Umfang beträgt ca. 300 Druckseiten.

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Seitenzahl: 424

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George Eliot

Middlemarch

 

 

Aus dem Leben der Provinz

 

 

Band 4

 

 

 

Aus dem Englischen

von Emil Lehmann

 

 

 

 

 

 

MIDDLEMARCH wurde im englischen Original zuerst veröffentlicht von William Blackwood and Sons im Jahr 1871 in London.

Diese Ausgabe wurde aufbereitet und herausgegeben von

© apebook Verlag, Essen (Germany)

www.apebook.de

1. Auflage 2021

 

V 1.0

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.d-nb.de abrufbar.

 

Dieses Buch ist Teil der ApeBook Classics: Klassische Meisterwerke der Literatur als Paperback und eBook. Weitere Informationen am Ende des Buches und unter: www.apebook.de

ISBN 978-3-96130-414-1

Buchgestaltung: SKRIPTART, www.skriptart.de

 

 

 

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GEORGE ELIOT´S

MIDDLEMARCH

Roman in vier Bänden

 

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Band Eins: Dorothea Brooke | Alt und Jung

Band Zwei: In Erwartung des Todes | Drei Liebesprobleme

Band Drei: Das Codicill | Die Witwe und die Ehefrau

Band Vier: Zwei Versuchungen | Sonnenuntergang und Sonnenaufgang

 

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ROMANE von JANE AUSTEN

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Verstand und Gefühl

 

Stolz und Vorurteil

 

Mansfield Park

 

Northanger Abbey

 

Emma

 

 

 

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Die Geheimnisse von Paris. Band 1

 

Mit Feuer und Schwert. Band 1: Der Aufstand

 

Quo Vadis? Band 1

 

Bleak House. Band 1

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

MIDDLEMARCH. Band 4

Frontispiz

Impressum

BAND 4

Siebentes Buch: Zwei Versuchungen.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Achtes Buch: Sonnenuntergang und Sonnenaufgang.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Finale.

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Zu guter Letzt

Middlemarch

 

Aus dem Leben der Provinz

 

 

 

Vierter Band

 

Zwei Versuchungen

Sonnenuntergang und Sonnenaufgang

Siebentes Buch:

Zwei Versuchungen.

 

ERSTES KAPITEL.

 

These little things are great to little man.

Goldsmith: The Traveller

Haben Sie kürzlich viel von Ihrem wissenschaftlichen Phönix, Lydgate, gesehn?« fragte Herr Toller bei einem seiner Weihnachtsdiners den zu seiner Rechten sitzenden Farebrother.

»Leider nicht viel,« antwortete der Pfarrer, der sich gewöhnt hatte, Herrn Toller's Spottreden über seinen Glauben an das neue medizinische Licht zu pariren. »Ich wohne zu entfernt, und er ist zu beschäftigt.«

»So? das freut mich zu hören,« bemerkte Dr. Minchin in einem sichtlich überraschten Ton.

»Er widmet dem neuen Hospital sehr viel Zeit,« erwiderte Farebrother, der seine Gründe hatte, den Gegenstand nicht fallen zu lassen. »Ich höre das von meiner Nachbarin, Frau Casaubon, die oft dahin geht. Sie sagt, Lydgate sei unermüdlich und mache etwas Vortreffliches aus Bulstrode's Anstalt, er richtet eine neue Abtheilung für den Fall ein, daß die Cholera herkommen sollte.«

»Und hat vermuthlich Theorien für Behandlung der Kranken in Bereitschaft,« bemerkte Herr Toller.

»Kommen Sie, Toller, seien Sie aufrichtig,« sagte Farebrother. »Sie sind viel zu gescheidt, um nicht einzusehen, daß ein kühner frischer Geist, in der Medizin so gut wie in allen andern Dingen, eine Wohlthat ist; und was die Cholera betrifft, so weiß doch wohl Keiner von Ihnen recht, was dagegen zu thun ist. Wenn ein Mann auf einem neuen Wege ein wenig zu weit geht, so thut er sich selbst damit in der Regel mehr Schaden als Anderen.«

»Sie und Wrench haben, denke ich, alle Ursache, ihm dankbar zu sein,« sagte Dr. Minchin mit einem Blick auf Toller, »denn er hat Ihnen die Crême von Peacock's Patienten verschafft.«

»Lydgate lebt auf einem großen Fuß für einen jungen Anfänger,« bemerkte Herr Harry Toller, der Brauer. »Ich denke mir, er hat einen Rückhalt an seinen Verwandten.«

»Ich will es hoffen,« sagte Herr Chichely, »sonst hätte er das charmante Mädchen nicht heirathen müssen, das wir Alle so gern haben. Hol's der Henker, man kann es einem Manne nicht verzeihen, daß er sich das hübscheste Mädchen in der Stadt wegholt.«

»Ja, bei Gott! und das beste Mädchen dazu,« rief Herr Standish.

»Meinem Freunde Vincy war die Parthie gar nicht angenehm, das weiß ich,« fuhr Herr Chichely fort. »Er wird nicht viel für sie thun; was die Verwandten von der anderen Seite gethan haben mögen, kann ich nicht sagen.«

In der Art, wie Herr Chichely das sagte, lag die sehr erkennbare Absicht, etwas zu verschweigen.

»O, ich glaube nicht, daß Lydgate je auf eine Praxis, von der er leben könnte, bedacht gewesen ist,« bemerkte Herr Toller mit einem leisen Anflug von Sarkasmus, und damit ließ man den Gegenstand fallen.

Es war nicht das erste Mal, daß Farebrother Andeutungen darüber hatte hören müssen, daß Lydgate's Ausgaben offenbar zu groß seien, um sie mit seiner Praxis bestreiten zu können; aber er hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß Lydgate Ressourcen oder Aussichten habe, welche seine großen Ausgaben bei seiner Verheirathung entschuldigen könnten und welches den üblen Folgen der Unzulänglichkeit seiner Praxis vorbeugen würden.

Eines Abends, als Farebrother zu dem Zweck nach Middlemarch gegangen war, um mit Lydgate wie vor Alters ein Stündchen zu plaudern, hatte er an demselben ein gezwungen aufgeregtes Wesen bemerkt, das seiner gewöhnlichen behaglichen Weise, Schweigen zu beobachten oder dasselbe, so oft er etwas zu sagen hatte, mit einem energisch abrupten Ausdruck zu brechen, ganz unähnlich war.

Lydgate sprach, als sie in seinem Arbeitszimmer bei einander saßen, fortwährend und erging sich in einer Auseinandersetzung der Gründe für und wider gewisse physiologische Thatsache: aber er hatte kein einziges von jenen präcisen Dingen zu sagen oder aufzuweisen, welche die Merkzeichen eines geduldigen und ununterbrochenen Studiums sind, wie er sie sonst mit der Erklärung zu betonen pflegte, daß es bei jeder Untersuchung eine Systole und eine Diastole geben und daß der Geist eines Jüngers der Wissenschaft, fortwährend sich ausdehnend und zusammenziehend, zwischen dem gesammten menschlichen Horizonte und dem Horizonte eines Objectivglases sich bewegen müsse.

An jenem Abend aber schien er sich nur deshalb über diese Dinge zu verbreiten, um der Berührung jedes persönlichen Verhältnisses aus dem Wege zu gehen. Sie begaben sich denn auch bald in's Wohnzimmer, wo Lydgate, nachdem er Rosamond gebeten hatte, etwas zu musiciren, sich in einen Lehnstuhl warf und schweigend, aber mit hellen, weitgeöffneten Augen dasaß.

»Er muß ein Opiat genommen haben,« dachte Farebrother, »vielleicht hat er tic douloureux oder ärztliche Sorgen.«

Es fiel ihm nicht ein, daß Lydgate's Ehe nicht glücklich sein könne; er glaubte wie alle Uebrigen, daß Rosamond ein liebenswürdiges, gelehriges Geschöpf sei, wenn er sie auch immer ziemlich uninteressant, ein bischen zu sehr das Muster einer Schülerin aus einer Anstalt für die Vollendung junger Damen gefunden hatte und wenn auch seine Mutter es Rosamond sehr übel nahm, daß sie es nie zu bemerken schien, wenn Henriette Noble im Zimmer war.

»Indessen, Lydgate hat sich in sie verliebt,« dachte der Pfarrer, »und so muß sie doch wohl nach seinem Geschmack sein.«

Farebrother wußte, daß Lydgate ein stolzer Mensch sei; da er aber selbst sehr wenig Sinn für diese Charaktereigenschaft hatte und vielleicht zu wenig Werth auf persönliche Würde legte, außer insofern er es unter seiner Würde hielt, niedrig oder thöricht zu handeln, so konnte er kaum das rechte Verständniß für die Art haben, wie Lydgate wie vor einem Brandmal vor jeder Aeußerung über seine Privatangelegenheiten zurückschreckte. Und bald nach jener Unterhaltung bei Toller erfuhr der Pfarrer etwas, was ihn nur um so eifriger eine Gelegenheit erspähen ließ, Lydgate auf indirectem Wege wissen zu lassen, daß, falls er sich über irgend eine Verlegenheit auszusprechen wünschen sollte, er auf das offene Ohr eines Freundes rechnen könne.

Diese Gelegenheit fand sich im Vincy'schen Hause, wo am Neujahrstage eine Gesellschaft gegeben wurde, zu welcher Farebrother mit der Mahnung, daß er seinen alten Freunden, an dem ersten Neujahrstage nach seiner Erhebung zu einer höhern geistlichen Würde, nicht untreu werden dürfe, eingeladen war und daher unmöglich hatte ablehnen können.

Es ging dabei sehr freundschaftlich her; alle Damen der Farebrother'schen Familie waren da, alle Kinder aßen mit am Tische, und Fred hatte seine Mutter zu überzeugen gewußt, daß, wenn sie nicht auch Mary Garth mit einlüde, die Farebrothers, deren specielle Freundin Mary sei, das als eine Rücksichtslosigkeit gegen sich betrachten würden.

Mary kam, und Fred war in der besten Laune, obgleich seine Freude nicht ganz rein war, da sein Triumph darüber, daß seine Mutter sehen mußte, wie hoch Mary von den Hauptpersonen der Gesellschaft gehalten wurde, durch Eifersucht getrübt wurde, als Farebrother sich zu ihr setzte. Fred pflegte von den Vorzügen seiner eigenen Person viel erfüllter zu sein, als er noch nicht zu fürchten brauchte, von Farebrother ausgestochen zu werden; jetzt aber schwebte ihm diese Furcht beständig vor.

Frau Vincy, die im vollsten Glanze ihrer matronenhaften Schönheit strahlte, betrachtete mit stiller Verwunderung Mary's kleine Gestalt und ihr Gesicht mit dem rauhen krausen Haar ohne allen Schmuck von Lilien und Rosen, und versuchte es vergeblich, sich vorzustellen, wie sie sich für Mary's Erscheinung in Hochzeitskleidern interessiren oder ein Gefallen an Enkeln würde finden können, welche aussähen wie die Garths.

Indessen ging es sehr munter zu und Mary war besonders aufgeräumt; es freute sie um Fred's willen, daß seine Familie sich freundlicher gegen sie zu benehmen anfing, und es konnte ihr auch nur recht sein, wenn die Vincy's sahen, wie sehr sie von Anderen, deren Urtheil sie respectiren mußten, geschätzt werde.

Farebrother bemerkte, daß Lydgate sehr gelangweilt und verdrießlich aussah und daß Herr Vincy so wenig wie möglich mit seinem Schwiegersohne sprach. Rosamond war von der ruhigsten und anmuthigsten Freundlichkeit, und nur bei genauerer Beobachtung, zu welcher der Pfarrer aber keine Veranlassung fand, würde ihm ihr vollständiger Mangel an Interesse für die Gegenwart ihres Gatten, – einem Interesse, welches ein liebendes Weib unter allen Umständen, auch wo die Etiquette sie von ihrem Manne getrennt hält, unfehlbar zu erkennen giebt –, aufgefallen sein. Wenn Lydgate sich an der Conversation betheiligte, sah sie ihn so wenig an, als wäre sie eine den Blick nach einer anderen Seite hin richtenden Statue der Psyche, und als er, nachdem er auf einige Stunden abgerufen war, wieder in's Zimmer trat, schien sie von seinem Erscheinen, das sie vor achtzehn Monaten in die freudigste Aufregung versetzt haben würde, gar keine Notiz zu nehmen.

In Wahrheit entging ihr jedoch keine von Lydgate's Aeußerungen und Bewegungen, und ihr hübscher, freundlicher Ausdruck des Nichtbemerkens war nur eine absichtlich zur Schau getragene Gleichgültigkeit, durch welche sie ihrer innern Widersetzlichkeit gegen ihn Genüge that, ohne die Schicklichkeit zu verletzen.

Als die Damen, nachdem Lydgate vom Dessert abgerufen war, sich in's Wohnzimmer zurückgezogen hatten, sagte Frau Farebrother zu Rosamond, als diese grade in ihre Nähe kam:

»Sie müssen sehr oft auf die Gesellschaft ihres Gatten verzichten, Frau Lydgate.«

»Ja, das Leben eines Arztes ist sehr beschwerlich, besonders wenn er seinem Berufe so ergeben ist wie mein Mann,« erwiderte Rosamond, die diese correcte kleine Rede stehend hielt und nach Beendigung derselben leichten Schrittes davon ging.

»Es ist schrecklich langweilig für sie, wenn sie keine Gesellschaft hat,« sagte Frau Vincy, die neben der alten Frau Farebrother saß. »Das ist mir recht klar geworden, als Rosamond krank war und ich bei ihr wohnte. Sie wissen, Frau Farebrother, in unserem Hause geht es munter zu. Ich selbst habe ein heiteres Naturell, und Vincy mag immer gern etwas vorhaben. Daran war Rosamond gewöhnt, und jetzt hat sie es so ganz anders mit einem Mann, der zu allen Tageszeiten fort muß und von dem sie nie weiß, wann er wieder nach Hause kommt und,« fügte die indiscrete Frau Vincy in etwas leiserem Tone hinzu, »der, glaube ich, ein verschlossenes stolzes Wesen hat. Aber Rosamond hatte immer ein Temperament wie ein Engel; ihre Brüder waren oft nicht liebenswürdig gegen sie, aber sie zeigte nie etwas von übler Laune; von ihrer Geburt an war sie immer so herzensgut und hatte einen Teint, wie man nichts Schöneres sehen kann. Aber meine Kinder haben, Gott sei Dank, alle ein gutes Temperament.«

Das mußte Jedem einleuchten, der sah, wie sie jetzt ihre breiten Haubenbänder zurückwarf und ihre drei kleinen Mädchen im Alter von sieben bis eilf Jahren anlächelte.

Diesen lächelnden Blick mußte sie aber auch Mary Garth zu Gute kommen lassen, welche die drei kleinen Mädchen in eine Ecke gezogen hatten, wo sie ihnen Geschichten erzählen sollte. Mary war eben im Begriff, die reizende Geschichte von Rumpelstilzchen zu beenden, die sie in- und auswendig kannte, da Letty nie müde wurde, sie ihren unwissenden ältern Geschwistern aus einem rothen Lieblingsbuche vorzulesen.

Luise, Frau Vincy's Liebling, kam jetzt mit weit geöffneten Augen in ernsthafter Aufregung zu ihr gelaufen und rief: »O Mama, Mama, das kleine Männchen stampfte so gewaltig auf den Boden, daß es sein Bein nicht wieder heraus bekommen konnte!«

»Mein geliebtes Kindl« sagte Mama, »Du sollst mir morgen alles erzählen. Gehe nun hin und höre weiter zu,« und dabei dachte sie, indem ihre Augen dem nach der verlockenden Ecke zurückeilenden Kinde folgten, daß, wenn Fred sie bitten sollte, Mary wieder einzuladen, sie nichts dagegen einzuwenden haben würde, da die Kinder sie so gern zu haben schienen.

Im nächsten Augenblick aber wurde die Ecke noch belebter, denn Farebrother, der eben in's Zimmer getreten war, setzte sich hinter Luise und nahm sie auf den Schoß, und nun bestanden alle drei Mädchen darauf, daß er Rumpelstilzchen auch hören und daß Mary es noch einmal erzählen müsse. Auch er bestand darauf, und Mary fing ohne Umstände in ihrer niedlichen Weise, genau mit denselben Worten wieder von vorn an. Fred, der sich auch dazu gesetzt hatte, würde die ungetrübteste Freude über Mary's Erfolg empfunden haben, wenn nicht Farebrother sie mit unverkennbar bewundernden Blicken betrachtet hätte, während er den Kindern zu Liebe das lebhafteste Interesse durch begleitende Pantomimen an den Tag legte.

»Ihr werdet Euch nun gar nichts mehr aus meinem einäugigen Riesen Leo machen,« sagte Fred, als Mary mit ihrer Erzählung zu Ende war.

»O doch, erzähle uns gleich noch einmal diese Geschichte,« sagte Luise.

»O nein, ich bin ja ganz abgeschafft. Bittet Herrn Farebrother.«

»Ja,« fügte Mary hinzu, »bittet ihn Euch von den Ameisen zu erzählen, denen ein Riese mit Namen Tom ihr schönes Haus zusammen schlug und dachte, sie machten sich nichts daraus, weil er sie nicht weinen hören und nicht sehen konnte, wie sie sich mit ihren Schnupftüchern die Thränen trockneten.«

»Bitte,« sagte Luise, indem sie zum Pfarrer aufsah.

»Nein nein, ich bin ein ernster alter Pastor. Wenn ich eine Geschichte aus meinem Sack holen will, bekomme ich statt dessen eine Predigt in die Hand. Soll ich Euch eine Predigt halten?« fragte er, indem er sich durch Aufsetzen einer Brille ein kurzsichtiges Aussehen gab und die Lippen spitzte.

»Ja,« stammelte Luise.

»Nun, wir wollen einmal sehen. Also, halten wir eine Predigt gegen Kuchen. Kuchen sind gar schlechte Dinge, zumal wenn sie sehr süß, oder gar wenn Korinthen und Rosinen darin sind.«

Luise nahm die Sache ernsthaft und stieg vom Schoß des Pfarrers um zu Fred zu gehen.

»Aha, ich sehe wohl, mit dem Predigen am Neujahrtage ist es nichts« sagte Farebrother aufstehend und ging fort. Es war ihm seit Kurzem klar geworden, daß Fred eifersüchtig auf ihn sei und daß er selbst nach wie vor Mary den Vorzug vor allen andern Mädchen gebe.

»Ein charmantes junges Mädchen ist Fräulein Garth,« sagte Frau Farebrother zu Frau Vincy, welche ihren Sohn beobachtet hatte.

»Ja,« erwiderte diese, die antworten mußte, als die alte Dame sich mit einem Zustimmung erwartenden Blick zu ihr wandte. »Es ist schade, daß sie nicht hübscher ist.«

»Das kann ich nicht sagen,« entgegnete Frau Farebrother sehr entschieden. »Mir gefällt ihr Gesicht. Wir dürfen nicht immer Schönheit verlangen, wenn ein gütiger Gott es für recht gehalten hat, ein vortreffliches Mädchen ohne Schönheit zu schaffen. Ich stelle gutes Betragen höher, und Fräulein Garth wird sich in jeder Lage des Lebens zu benehmen wissen.«

Die alte Dame sagte das in einem etwas scharfen Ton, in dem Gedanken an die Aussicht, Mary zur Schwiegertochter zu bekommen. Denn das war das Unangenehme an Mary's Verhältniß zu Fred, daß es nicht wohl bekannt gemacht werden konnte, und in Folge dessen trugen sich die drei Damen in Lowick noch immer mit der Hoffnung, daß Camden Mary erwählen werde.

Es kamen neue Gäste, im Wohnzimmer wurde musicirt und wurden gesellige Spiele gespielt, während in dem gegenüberliegenden ruhigen Zimmer Whist gespielt wurde. Farebrother spielte einen Rubber seiner Mutter zu Liebe, welche eine gelegentliche Parthie Whist als einen Protest gegen das Skandalisiren der ihr verhaßten Neuerer betrachtete, aus welchem Gesichtspunkt selbst das Nichtbekennen einer Farbe ihr verdienstlich erschien. Nach Beendigung des Rubbers aber bat er Herrn Chichely, seine Karten zu übernehmen, und verließ das Zimmer. Als er über die Vorhalle ging, traf er Lydgate, der eben wiedergekommen war und seinen Ueberrock auszog.

»Sie suche ich gerade,« sagte der Pfarrer, und anstatt in das Wohnzimmer zu gehen, blieben sie in der Vorhalle, wo sie abwechselnd auf- und abgingen und sich vor das Kamin stellten, das die kalte Luft zu einer willkommenen wärmenden Zuflucht machte.

»Sie sehen,« fuhr er fort und lächelte Lydgate dabei zu, »es wird mir jetzt, wo ich nicht mehr um Geld spiele, leicht genug, vom Whisttisch aufzustehen, das verdanke ich Ihnen, sagt Frau Casaubon.«

»Wie das?« fragte Lydgate kalt.

»O, Sie wollten nicht, daß ich davon etwas erfahre, das nenne ich aber eine ungroßmüthige Verschwiegenheit. Man sollte einem Freunde, dem man einen Dienst geleistet hat, auch das Vergnügen gönnen, es zu wissen. Ich theile nicht die Abneigung mancher Leute dagegen, Jemandem verpflichtet zu sein, ich würde vielmehr gern allen Menschen dafür verpflichtet sein, daß sie sich gut gegen mich benommen haben.«

»Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen, es wäre denn, daß ich einmal über Sie mit Frau Casaubon gesprochen habe. Ich dachte aber nicht, daß sie ihr Versprechen, dieser Unterhaltung gegen Niemanden Erwähnung zu thun, brechen würde,« erwiderte Lydgate, der mit dem Rücken an die Ecke des Kamins gelehnt stand, mit einem nichts weniger als heiteren Gesicht.«

»Brooke hat es mir verrathen, und zwar erst neulich. Er war so freundlich, mir zu sagen, er freue sich sehr, daß ich die Pfründe bekommen habe, obgleich Sie seine Taktik durchkreuzt und mich als einen Ken und Tillotson, und was dergleichen Leute mehr seien, angepriesen hätten, bis Frau Casaubon von keinem Anderen mehr etwas habe hören wollen.«

»Ach, dieser Brooke ist ein so geschwätziger Narr,« sagte Lydgate verächtlich.

»Mir war seine Schwatzhaftigkeit dieses Mal erwünscht. Ich sehe nicht ein, warum Sie es nicht gern sehen sollten, daß ich von Ihrem Bestreben, mir einen Dienst zu leisten, etwas erfahre, mein lieber Freund; und Sie haben mir einen wahrhaften Dienst geleistet. Man wird in seiner Selbstgefälligkeit ziemlich stark erschüttert, wenn man zu der Erkenntniß kommt, wie viel von unserem Rechtthun davon abhängt, daß wir uns nicht in Geldverlegenheit befinden. Es wird sich keiner versucht fühlen, das Vaterunser dem Teufel zu Liebe rückwärts zu sprechen, wenn er die Dienste des Teufels nicht braucht. Ich brauche jetzt nicht mehr auf ein Lächeln des Glücks zu hoffen.«

»Ich weiß nicht, wie man ohne Glück überhaupt zu Gelde kommen soll,« sagte Lydgate, »wenn jemand es in seinem Beruf verdienen soll, so muß er auch Glück haben.«

Farebrother glaubte sich diese Aeußerung Lydgate's, die in so schneidendem Kontrast zu seiner frühern Art, sich auszusprechen, stand, durch die Verkehrung der Begriffe erklären zu müssen, wie sie bei Leuten, die mit ihren Privatangelegenheiten nicht in Ordnung sind, oft aus ihrer Verstimmung entspringt.

Er antwortete in einem Tone gutgelaunter Zustimmung:

»Ach ja, es bedarf ungeheurer Geduld, um durch die Welt zu kommen; aber es wird Einem doch soviel leichter, geduldig zu warten, wenn man treue Freunde hat, die sich unendlich freuen, Einem helfen zu können, wenn es in ihrer Macht liegt.«

»O ja!« sagte Lydgate in einem gleichgültigen Ton, indem er seine Stellung veränderte und nach seiner Uhr sah. »Die Leute machen viel mehr aus ihren Verlegenheiten, als nöthig wäre.«

Er hatte vollkommen gut verstanden, daß Farebrother ihm mit seinen letzten Worten seine Hülfe habe anbieten wollen, und das war ihm unerträglich. So sonderbar sind wir Menschen beschaffen! Nachdem Lydgate lange eine Genugthuung in dem Bewußtsein gefunden hatte, dem Pfarrer im Geheimen einen Dienst geleistet zu haben, war ihm jetzt der Gedanke, daß der Pfarrer nun seinerseits ihm gern einen Dienst geleistet hätte, so unleidlich, daß er sich dagegen in ein unnahbares Schweigen verschanzte.

Ueberdies, wozu anders konnten alle solche Anerbietungen führen, als daß er seinen Fall würde darlegen und dadurch zu verstehen geben müssen, daß er der specifica gegen seine Leiden bedürfe. In jenem Augenblick schien ihm ein Selbstmord leichter als ein solches Bekenntniß.

Farebrother war viel zu fein, um nicht den Sinn dieser Antwort zu verstehen, und in Lydgate's Manier und Ton lag eine gewisse, seinem physischen Organismus entsprechende Derbheit, welche, wenn er ein Entgegenkommen zurückgewiesen hatte, jeden Versuch, noch ferner durch Ueberredung auf ihn zu wirken, auszuschließen schien.

»Was zeigt Ihre Uhr?« fragte der Pfarrer, indem er das Gefühl der Kränkung gewaltsam zurückdrängte.

»Nach elf,« sagte Lydgate und damit gingen sie in den Salon.

 

ZWEITES KAPITEL.

 

1st Gent. Where lies the power, there let the blame lie too.

2nd Gent. Nay, power is relative; you cannot fright The coming pest with border fortresses, Or catch your carp with subtle argument. All force is twain in one: cause is not cause Unless effect be there; and action's self Must needs contain a passive. So command Exists but with obedience.

Lydgate wußte übrigens, daß, selbst wenn er geneigt gewesen wäre, sich ganz offen über seine Angelegenheiten auszusprechen, es schwerlich in Farebrother's Macht gestanden haben würde, ihm die Hülfe zu gewähren, deren er sofort bedurfte. Angesichts der Jahresrechnungen seiner Lieferanten, zu deren Entrichtung er nichts hatte als die langsam und tropfenweise eingehenden Zahlungen von Patienten, die nicht vor den Kopf gestoßen werden durften, – denn die schönen Honorare, die er von Sir James und Dorotheen erhalten hatte, waren rasch verzehrt, während Dover's Pfandrecht noch immer drohend auf seinem Mobiliar lastete –, hätte ihn keine geringere Summe als tausend Pfund aus seiner augenblicklichen Verlegenheit reißen und ihm noch einen Rest in Händen lassen können, welcher ihm, wie er es mit der in solchen Lagen beliebten hoffnungsvollen Phrase bezeichnete, Zeit gelassen haben würde, sich ›umzusehen‹.

Natürlich hatten Weihnacht und das darauf folgende Neujahr, wo unsre Mitbürger Bezahlung für die Mühe und die Waaren erwarten, welche sie für uns aufgewandt und uns geliefert haben, Lydgate's Gemüth so mit dem Druck kleinlicher Sorgen belastet, daß es ihm kaum noch möglich war, seine Gedanken ungetheilt einem anderen, wenn auch noch so gewöhnlichen oder dringenden Gegenstande zuzuwenden.

Er war kein übellauniger Mensch; seine geistige Regsamkeit, seine warme Herzensgüte und seine starke physische Organisation würden ihn unter leidlich behaglichen Verhältnissen immer von den kleinen unbezwinglichen Empfindlichkeiten frei gehalten haben, welche das Charakteristische eines übellaunigen Temperaments sind. Aber er war jetzt eine Beute jener schlimmsten Reizbarkeit geworden, welche nicht einfach aus Verdrießlichkeiten entsteht, sondern aus dem durch diese Verdrießlichkeiten wachgerufenen Bewußtsein vergeudeter Energie und einer entwürdigenden Präoccupation, welche den schärfsten Gegensatz zu all seinen früheren Anschauungen bildete.

An so etwas muß ich denken, und an etwas wie ganz Anderes würde ich sonst gedacht haben! raunte ihm unaufhörlich und bitter eine innere Stimme zu, die ihn bei jeder Schwierigkeit einen doppelten Stachel zur Ungeduld empfinden ließ.

Einige Männer haben außerordentliches literarisches Aufsehen durch ihre Kundgebungen allgemeiner Unzufriedenheit mit dem Universum, als einem jämmerlich langweiligen Neste, in welches ihre großen Seelen durch ein Mißverständniß gerathen seien, gemacht; aber das Bewußtsein eines ungeheuren Ichs einer nichtssagenden Welt gegenüber mag doch sein Tröstliches haben.

Lydgate's Unzufriedenheit war viel schwerer zu ertragen, denn sie erwuchs aus dem Bewußtsein, daß eine große Existenz im Denken und wirksamen Handeln vor ihm liege, während sein Ich sich in die armselige Isolirung egoistischer Sorgen und ängstlichen Hoffens auf Ereignisse gedrängt sah, welche solche Sorgen vielleicht beseitigen würden.

Diese Sorgen werden vielleicht erbärmlich kleinlich und des Interesses hochgestellter Leute, welche Schulden nur im großartigen Maßstabe kennen, unwürdig erscheinen. Unstreitig waren sie kleinlich, aber für den überwiegend größten Theil der Menschheit, der nicht zu den hochgestellten gehört, giebt es kein anderes Mittel, solchen kleinlichen Sorgen zu entgehen, als sich frei zu halten von Geldnoth mit allen sich daran knüpfenden niedrigen Hoffnungen und Versuchungen, als da sind: das Lauern auf den Tod, das Bitten in Form von Anspielungen, das Bestreben, nach Art des Pferdeverkäufers eine schlechte Waare für eine gute auszugeben, das Suchen nach Anstellungen, die von Rechtswegen einem Anderen zukommen sollten, das Herbeisehnen endlich des Glückes, oft in der Gestalt einer allgemeinen Calamität.

Der quälende Gedanke, sich diesem schweren Joche beugen zu müssen, war es, der Lydgate in die bittere, verdrossene Stimmung versetzt hatte, welche die Entfremdung zwischen ihm und Rosamond beständig erweiterte. Nach der ersten Enthüllung in Betreff der Verpfändungsactes hatte er häufige Versuche gemacht, ihre Zustimmung zum Zweck Versuche gemacht, zum Zweck der Beschränkung ihrer Ausgaben zu gewinnen, und bei dem drohenden Herannahen der Weihnachtszeit hatten seine Vorschläge eine immer bestimmtere Gestalt angenommen.

»Wir Beiden,« sagte er, »können mit einer Magd fertig werden und von sehr wenig leben, und ich werde mich mit einem Pferde einzurichten wissen.«

Denn Lydgate hatte, wie wir gesehn haben, angefangen, sich mit bestimmteren Vorstellungen von den zum Leben erforderlichen Ausgaben vertraut zu machen, und der Werth, den er in seinem Stolz bisher vielleicht aus äußere Dinge gelegt hatte, trat doch ganz in den Hintergrund gegen den Stolz, der ihm den Gedanken, sich als einen Schuldenmacher blosgestellt zu sehen, oder andere Leute bitten zu müssen, ihm mit ihrem Gelde zu helfen, entsetzlich erscheinen ließ.

»Natürlich kannst Du die beiden anderen Mädchen fortschicken, wenn Du willst«, erwiderte Rosamond, »aber» ich sollte denken, es könnte Deiner Stellung nur großen Schaden thun, wenn wir wie arme Leute leben. Du mußt Dich darauf gefaßt machen, daß Deine Praxis dann nur noch schlechter wird.«

»Liebe Rosamond, wir haben keine Wahl, wir haben auf einem zu großen Fuß angefangen. Du weißt, daß Peacock in einem viel kleineren Hause als dieses gewohnt hat. Es ist meine Schuld, ich hätte es besser wissen müssen, und ich verdiene Schläge dafür, – wenn es nur Jemand gäbe, der Ein Recht hätte, sie mir zu appliciren –, daß ich Dich in die Lage gebracht habe, auf einem geringeren Fuße zu leben, als Du es gewohnt gewesen bist. Aber ich denke, wir haben uns geheirathet, weil wir uns liebten. Und das muß uns helfen, es weiter mit einander auszuhalten, bis es besser wird. Komm, liebes Kind, lege Deine Handarbeit bei Seite und setze Dich zu mir.«

In Wahrheit waren seine Gefühle für sie in jenem Augenblicke von trüber Frostigkeit; aber er fürchtete sich vor einer Zukunft ohne Liebe und war entschlossen, gegen die Zwietracht, welche sich dauernd zwischen ihnen einzunisten drohte, nach Kräften anzukämpfen. Rosamond gehorchte ihm, und er nahm sie auf seinen Schoß, aber in ihrem tiefsten Innern fühlte sie sich ihm gänzlich entfremdet. Das arme Kind sah nur, daß es in der Welt nicht nach ihrem Sinne zuging und daß Lydgate auch zu dieser Welt gehöre.

Aber er umschlang sie mit dem einen Arm und legte die andere Hand sanft auf ihre beiden Hände; denn dieser etwas schroffe Mann war von großer Zärtlichkeit in seinem Benehmen gegen Frauen und schien die Schwäche ihrer Organisation und die Zartheit ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit immer vor Augen zu haben. Und wieder versuchte er durch Zureden auf sie zu wirken.

»Jetzt, wo ich ein wenig genauer auf die Sachen achte, Rosy, überrascht es mich, was für eine Masse Geld in unserem Haushalte unnütz ausgegeben wird. Ich glaube, die Dienstboten gehen sorglos zu Werke, und wir haben sehr viele Leute bei uns gesehen. Aber es muß Viele von gleicher gesellschaftlicher Stellung mit uns geben, die mit viel weniger auskommen; sie begnügen sich wahrscheinlich mit schlechteren Sachen und sehen nach dem Rechten. Und die Einnahme scheint von dergleichen sehr wenig abzuhängen, denn Wrench hat Alles so häßlich wie möglich und hat dabei doch eine sehr große Praxis.«

»O, wenn Du wie die Wrenchs leben willst!« sagte Rosamond mit einer kleinen Wendung ihres Halses, »aber früher hast Du mit Widerwillen von einer solchen Art zu ist leben gesprochen.«

»Ja, sie haben schlechten Geschmack in allen Sachen, bei ihnen sieht die Oekonomie häßlich aus. Das braucht bei uns nicht der Fall zu sein, ich wollte nur sagen, daß sie wenig Geld ausgeben, und daß Wrench doch eine famose Praxis hat«

»Und warum solltest Du nicht eine gute Praxis haben, Tertius, da doch Peacock eine gehabt hat? Du müßtest Dich mehr in Acht nehmen, die Leute nicht zu verletzen, und müßtest Arzneien verabreichen, wie es die Anderen thun. Du hast doch einen guten Anfang gemacht und hast mehrere gute Häuser bekommen. Mit Excentricitäten kommt man nicht durch, Du solltest mehr an das denken, was die Leute mögen,« sagte Rosamond mit einem kleinen entschiedenen Ton der Vermahnung.

Lydgate fing an ungeduldig zu werden; er war darauf gefaßt gewesen, nachsichtig gegen weibliche Schwäche, aber nicht gegen weibliche Geheiße zu sein. Die Leere einer Wassernixenseele mag ihren Reiz haben, bis sie anfängt lehrhaft zu werden. Aber er beherrschte sich und sagte nur mit einem Anflug von herrischer Heftigkeit im Tone:

»Was ich in meiner Praxis zu thun habe, Rosy, muß ich selbst beurtheilen. Darum handelt es sich zwischen uns nicht. Dir muß genügen zu wissen, daß unsere Einnahme wahrscheinlich für lange Zeit eine sehr bescheidene sein wird, kaum vierhundert Pfund und vielleicht noch weniger, und wir müssen versuchen unser Leben dieser Thatsache gemäß auf einen andern Fuß einzurichten.«

Rosamond sah einen Augenblick schweigend vor sich hin und sagte dann:

»Onkel Bulstrode sollte Dir für die Zeit, die Du dem Hospital widmest, ein Gehalt bewilligen; es ist nicht Recht, daß Du umsonst arbeitest.«

»Es war von Anfang an verabredet, daß ich meine Dienste unentgeldlich leisten solle. Das hat wieder nichts mit unserm Gespräch zu thun. Ich habe Dich auf das hingewiesen, was wir mit aller Wahrscheinlichkeit zu erwarten haben,« sagte Lydgate ungeduldig, nahm sich dann aber wieder zusammen und fuhr ruhiger fort: »Ich glaube, es giebt ein Mittel, uns von einem guten Theil unserer Verlegenheiten zu befreien. Ich höre, daß der junge Ned Plymdale sich mit Fräulein Sophie Toller verheirathet. Sie sind reich, und gute Häuser sind in Middlemarch nicht oft zu haben. Ich bin überzeugt, daß sie sich sehr freuen würden, wenn sie unser Haus mit dem größten Theil unseres Mobiliars bekommen könnten, und sie würden gewiß gern eine gute Miethe bezahlen. Ich kann Trumbull bitten, mit Plymdale darüber zu reden.«

Rosamond stand von Lydgate's Schoß auf und ging langsam nach dem anderen Ende des Zimmers. Als sie sich wieder umkehrte und wieder auf ihn zuging, waren die Thränen auf ihren Wangen deutlich sichtbar, und sie biß sich auf die Unterlippe und faltete die Hände, um nicht laut weinen zu müssen.

Lydgate fühlte sich tief unglücklich, erglühte vor Zorn und fühlte doch, daß es unmännlich sein würde, seinem Zorne in diesem Augenblick Luft zu machen.

»Es thut mir sehr leid, Rosamond, ich weiß, die Sache ist peinlich.«

»Ich hatte wenigstens gedacht, als ich es über mich gewann, das Silbergeschirr zurückzuschicken und es mit anzusehen, wie der Mann hier ein Inventar aufnahm – ich hatte wenigstens gedacht, daß es damit genug sein würde.«

»Ich habe Dir die Sache seiner Zeit erklärt, liebes Kind, das war nur eine Sicherheit für den Gläubiger; aber hinter dieser Sicherheit steht eben eine Schuld und – diese Schuld muß in den nächsten Monaten bezahlt werden, oder unser Mobiliar wird verkauft. Wenn der junge Plymdale unser Hans und den größten Theil unseres Mobiliars übernehmen will, so werden wir diese Schuld und noch verschiedene andere Schulden dazu abtragen können und werden ein für uns zu kostspieliges Haus auf gute Art los. Wir könnten ein kleineres Haus nehmen; ich weiß, daß Trumbull ein sehr anständiges Hans für jährlich dreißig Pfund zu vermiethen hat, und unsere Miethe hier beträgt neunzig Pfund.«

Lydgate hielt diesen Vortrag in der knappen hämmernden Weise, in der wir zu reden pflegen, wenn wir es versuchen wollen, einem unentschlossenen Sinne durch gebieterische Thatsachen einen Halt zu geben.

Thränen rannten Rosamond an den Wangen herab; sie drückte sich das Schnupftuch an die Augen und blickte nach der großen Vase auf dem Kaminsims. Einen so bittern Augenblick hatte sie noch nie erlebt.

Endlich sagte sie ohne Hast und mit wohlbedachtem Nachdruck:

»Ich hätte nie geglaubt, daß Du so gegen mich handeln möchtest.«

»Möchte?« wiederholte Lydgate heftig, indem er von seinem Stuhle aufstand und, die Hände in die Taschen drängend, bis in die Mitte des Zimmers ging; »es handelt sich hier nicht um Mögen oder Nichtmögen. Natürlich mag ich es nicht, aber es ist das Einzige, was mir übrig bleibt.« Bei diesen Worten wandte er sich wieder nach ihr um.

»Ich hätte geglaubt, es müßte viele andere Mittel als das von Dir vorgeschlagene geben,« sagte Rosamond. »Laß uns unsere Sachen verkaufen und Middlemarch ganz verlassen.«

»Um was zu unternehmen? wozu soll es nützen, daß ich meine Thätigkeit in Middlemarch aufgebe und irgend wohin gehe, wo ich keine habe. Wir würden anderswo grade ebenso arm sein wie hier,« erwiderte Lydgate in noch zornigerem Tone.

»Wenn wir in eine solche Lage gerathen sollten, so wäre das lediglich Deine Schuld, Tertius,« sagte Rosamond, indem sie sich umdrehte, im Ton der vollsten Ueberzeugung. »Du willst Dich nicht gegen Deine eigene Familie benehmen, wie Du solltest. Du warst unartig gegen Hauptmann Lydgate. Sir Godwin war sehr freundlich gegen mich, als wir in Quallingham waren, und ich bin überzeugt, er würde, wenn Du ihn mit der gehörigen Rücksicht behandeln und ihm den Stand Deiner Angelegenheiten mittheilen wolltest, Alles für Dich thun. Aber ehe Du Dich dazu entschließest, willst Du lieber unser Haus und Mobiliar Herrn Ned Plymdale überlassen.«

In noch heftigerem Tone und mit einem Ausdruck von Wildheit in den Augen antwortete Lydgate:

»Nun gut, ja, wenn Du es durchaus haben willst, es gefällt mir so. Ich bekenne frei, daß ich das lieber mag, als mich zum Narren machen und betteln, wo es mir doch nichts helfen würde. Laß Dir also gesagt sein, daß das, was ich vorschlage, das ist, was mir gefällt.«

Die letzten Worte sprach er in einem Tone, als wolle er mit seiner starken Hand Rosamond's zarten Arm packen. Bei alledem aber war sein Wille um nichts stärker als der ihrige. Sie ging sofort schweigend, aber fest entschlossen, Lydgate zu verhindern, das zu thun, was ihm gefiel, zum Zimmer hinaus.

Er ging aus; als aber sein Blut kühler geworden war, mußte er sich gestehen, daß das Hauptresultat seiner Diskussion mit Rosamond eine davon bei ihm zurückgebliebene Scheu war, sich in Zukunft wieder auf Erörterungen mit seiner Frau einzulassen, die ihn wieder zu heftigen Aeußerungen treiben könnten. Es war ihm, als ob ein zarter Kristall die erste Spur eines Bruches zeige, und er fürchtete sich vor jeder Berührung, die diesen Bruch verhängnißvoll machen könnte. Seine Ehe würde ihm nichts sein als eine fortwährende bittere Ironie, wenn sie sich nicht mehr lieben könnten.

Er hatte sich bei Rosamond schon lange in das gefunden, was er für die negative Seite ihres Wesens hielt, in ihren Mangel an feiner Empfindung, der sich in der Mißachtung sowohl seiner Wünsche als seiner allgemeinen Ziele bekundete. Diese erste große Enttäuschung hatte er mit Fassung getragen und war zu der Erkenntniß gekommen, daß er auf die zärtliche Hingebung und die gelehrige Anbetung des idealen Weibes verzichten und das Leben mit geringeren Erwartungen betrachten müsse, wie ein Mensch, der den Gebrauch seiner Glieder verloren hat.

Aber das Weib, wie es wirklich war, machte nicht nur seine Ansprüche an ihn geltend, sondern besaß auch noch sein Herz, und es war sein innigster Wunsch, daß das Verhältniß unerschüttert bleiben möchte. In der Ehe ist die Gewißheit: »Sie wird mich nie sehr lieben,« leichter zu ertragen, als die Furcht: »Ich werde sie nicht mehr lieben.«

Als daher sein erster Zorn verraucht war, war er innerlich angelegentlichst darauf bedacht, sie zu entschuldigen und die harten Umstände anzuklagen, die theilweise ihm zur Last fielen. Noch an demselben Abend versuchte er durch Liebkosungen die Wunde zu heilen, die er ihr am Morgen geschlagen hatte, und es lag nicht in Rosamond's Natur, abstoßend oder trotzig zu sein. In der That hieß sie die Anzeichen der Liebe ihres Gatten willkommen und beherrschte sich. Freilich war damit noch durchaus nicht gesagt, daß sie ihn liebe.

Lydgate würde von selbst nicht sobald auf den Plan, sein Haus aufzugeben, zurückgekommen sein. Er war entschlossen, den Plan auszuführen, aber so wenig wie möglich wieder davon zu reden. Aber Rosamond selbst berührte den Gegenstand beim Frühstück, indem sie Lydgate in sanftem Tone fragte:

»Hast Du schon mit Trumbull gesprochen«

»Nein,« erwiderte Lydgate, »aber ich will es heute Morgen thun, wo mich mein Weg doch grade bei ihm vorüber-führt. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Er faßte Rosamond's Frage als ein Zeichen auf, daß sie ihren inneren Widerstand aufgegeben habe, und küßte sie zärtlich, als er aufstand, um fortzugehen.

Sobald die passende Tagesstunde gekommen war, um Besuche zu machen, ging Rosamond zu Frau Plymdale, der Mutter des jungen Ned, und brachte durch herzliche Glückwünsche das Gespräch alsbald auf die bevorstehende Heirath. Frau Plymdale's mütterliche Ansicht war, daß Rosamond jetzt vielleicht zu einer retrospectiven Erkenntniß ihrer Thorheit gelangt sein möge, und war eine zu herzensgute Frau, um sich nicht in dem Gefühl, daß ihr Sohn jetzt entschieden im Vortheil sei, sehr freundlich gegen Rosamond zu benehmen.

»Ja, ich muß sagen, Ned ist höchst glücklich. Und Sophie Toller ist ein Mädchen, wie ich es mir nicht besser zur Schwiegertochter hätte wünschen können. Natürlich kann ihr Vater ihr eine hübsche Summe mitgeben, wie man das ja auch bei seinem Braugeschäft nicht anders erwarten konnte. Und auch die Familie ist ganz nach unserm Wunsch. Aber darauf lege ich keinen Werth. Sie ist ein so charmantes Mädchen, ohne Allüren und ohne Prätensionen, obgleich sie es mit den ersten in der Gesellschaft aufnehmen könnte, ich will nicht sagen mit den Adligen; mir gefallen auch die Leute nicht, die über ihre Sphäre hinaus wollen. Aber Sophie steht auf einer Stufe mit den besten Mädchen in unserer Stadt, und damit begnügt sie sich.«

»Ich habe sie immer sehr liebenswürdig gefunden,« sagte Rosamond.

»Ich betrachte es als eine Belohnung für Ned, der nie zu hoch hinaus wollte, daß er jetzt in eine der besten Familien heirathet,« fuhr Frau Plymdale fort, deren natürliche Schärfe durch das wohlthuende Bewußtsein gemildert wurde, daß sie die Dinge richtig ansehe. »Und von so eigenen Leuten, wie es die Tollers sind, hätte man erwarten können, daß sie gegen die Parthie gewesen wären, weil wir einige Freunde haben, die nicht zu den ihrigen gehören. Es ist bekannt, daß Ihre, Tante Bulstrode und ich von Jugend auf befreundet gewesen sind, und mein Mann hat immer auf Herrn Bulstrode's Seite gestanden. Und ich selbst neige mich einer ernsteren Richtung zu. Aber trotz alledem haben die Tollers Ned willkommen geheißen.«

»Er ist gewiß ein sehr verdienstlicher junger Mann von guten Grundsätzen,« sagte Rosamond mit einer kleinen gönnerhaften Miene, als Erwiderung auf Frau Plymdale's heilsame Zurechtweisungen.

»O, er hat nicht die Manieren eines Hauptmannes, oder die Art von Benehmen, als ob er über alle Anderen erhaben wäre, oder so eine brillante Art, zu reden und zu singen, und er hat keine großen Talente. Aber ich danke Gott, daß er das Alles nicht hat. Denn das ist doch nur eine dürftige Ausrüstung für das Leben hier und im Jenseits.«

»O du lieber Gott, ja; der äußere Schein hat sehr wenig mit dem echten Glück zu thun,« sagte Rosamond. »Ich glaube, es ist alle Aussicht vorhanden, daß sie ein glückliches Paar werden. Was bekommen sie denn für ein Haus?«

»O sie müssen nehmen, was sie bekommen können, sie haben sich das Haus auf dem St. Peter's-Platz neben Herrn Hackbutt's Hause angesehen. Es gehört ihm und er läßt es hübsch in Ordnung bringen. Sie werden wohl schwerlich etwas Besseres finden, und ich glaube, Ned will die Sache heute abmachen.«

»Es ist gewiß ein hübsches Haus, ich habe den Peters-Platz so gern.«

»Nun, es ist in der Nähe der Kirche und hat eine gentile Lage, aber die Fenster sind schmal und es geht immerfort treppauf und treppab. Sie wissen nicht etwa von einem anderen Hause, das zu haben wäre?« fragte Frau Plymdale, indem sie ihre runden schwarzen Augen mit dem Ausdruck eines plötzlichen Einfalls auf Rosamond heftete.

»Ach nein, ich höre so wenig von dergleichen.«

Rosamond hatte, als sie sich zu ihrem Besuche anschickte, weder jene Frage noch diese Antwort vorausgesehen. Sie hatte einfach beabsichtigt, sich soviel wie möglich in den Besitz von Nachrichten zu setzen, die ihr dazu verhelfen könnten, das Verlassen ihres Hauses unter ihr so höchst unangenehmen Umständen abzuwenden. Ueber die Unwahrheit ihrer Antwort dachte sie ebenso wenig nach wie über die Unwahrheit ihrer Bemerkung, daß der äußere Schein sehr wenig mit dem echten Glück zu thun habe. Ihr Zweck war nach ihrer Ueberzeugung ein vollkommen gerechtfertigter; Lydgate's Vorhaben war nicht zu entschuldigen, und sie trug sich mit einem Plane, der, wie sie meinte, wenn sie ihn ganz ausgeführt haben würde, beweisen werde, ein wie falscher Schritt es von Lydgate gewesen sein würde, sich in eine niedrigere Stellung zu begeben.

Bei ihrer Rückkehr nach Hause schlug sie einen Weg ein, der sie an Herrn Borthrop Trumbull's Büreau vorüber führte, wo sie vorzusprechen gedachte. Es war das erste Mal in ihrem Lebens daß Rosamond sich mit irgend etwas Geschäftlichem befaßte, aber sie fühlte sich den Umständen gewachsen. Der Gedanke, daß sie genöthigt werden solle, etwas zu thun, was ihr gründlichst zuwider war, verwandelte ihren ruhigen Starrsinn in erfinderische Thätigkeit. Hier lag ein Fall vor, wo es nicht genügte, einfach heiter und gelassen zu trotzen, sondern wo sie nach ihrem eigenen Urtheile handeln mußte. Und dieses Urtheil, sagte sie sich, sei richtig. Wenn es das nicht gewesen wäre, würde sie gewiß nicht danach gehandelt haben.

Herr Trumbull befand sich in dem Hinterzimmer seines Büreaus und empfing Rosamond mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, nicht nur weil er für ihre Reize sehr empfänglich war, sondern auch weil seine natürliche Gutmüthigkeit sich bei der Ueberzeugung regte, daß Lydgate in Verlegenheit sei und daß diese ungewöhnlich hübsche Frau, diese junge Dame von der distinguirtesten Erscheinung, wahrscheinlich unter dem Drucke von Umständen, über welche sie nichts vermöge, sehr empfindlich leide. Er bat sie, ihm die Ehre zu erweisen, Platz zu nehmen, und trat, an sich herum stutzend, vor sie hin, indem er dabei eine eifrige überwiegend wohlwollende Beflissenheit zur Schau trug.

Rosamond's erste Frage war, ob ihr Gatte diesen Morgen bereits Herrn Trumbull besucht habe, um mit ihm von einer Vermiethung ihres Hauses zu reden.

»Ja, Madame, ja, das hat er gethan, er' hat mit mir gesprochen,« erwiderte der gute Auctionator, der seiner Antwort durch die Wiederholungen etwas Milderndes zu geben versuchte. »Ich wollte womöglich seine Ordres schon diesen Nachmittag ausführen. Er bat mich, die Sache nicht aufzuschieben.«

»Ich komme her, um Sie zu bitten, nichts in der Sache zu thun, Herr Trumbull, und auch nicht weiter davon zu reden. Wollen Sie die Güte haben?«

»Gewiß, Frau Lydgate, gewiß. Das Vertrauen, das man mir schenkt, ist mir heilig im Geschäft wie in jeder andern Angelegenheit Soll ich also den Auftrag als zurückgenommen betrachten?« fragte Herr Trumbull, indem er die langen Enden seiner blauen Kravatte mit beiden Händen zurecht stutzte und Rosamond ehrerbietig ansah.

»Ja, bitte. Ich höre, daß Herr Ned Plymdale ein Haus gemiethet hat, das neben dem Hause des Herrn Hackbutt auf dem St. Peter's Platze steht. Es würde meinem Manne unangenehm sein, wenn seine Ordres unnützer Weise zur Ausführung gebracht würden, und überdies machen noch andere Umstände den Plan überflüssig.«

»Seht gut, Frau Lydgate, sehr gut. Ich stehe zu Ihrer Verfügung, zu jeder gewünschten Dienstleistung,« sagte Herr Trumbull, der sich in der Vermuthung gefiel, daß neue Hülfsquellen sich Lydgate eröffnet haben möchten. »Verlassen Sie sich auf mich; es soll nicht weiter von der Sache die Rede sein.«

Abends fand sich Lydgate wohlthuend berührt, als er beobachtete, daß Rosamond lebhafter war, als sie es neuerdings gewöhnlich zu sein pflegte, und sogar beflissen zu sein schien, unaufgefordert zu thun, was ihm angenehm war.

Er dachte bei sich: »Wenn sie nur glücklich ist, und ich kann mich durchschlagen, was mache ich mir dann aus Allem? Es ist nur ein kleiner Sumpf, den wir auf einer langen Reise zu passiren haben. Wenn ich nur mein Gemüth wieder frei machen kann, so soll es schon gehen.«

Er fühlte sich so aufgeheitert, daß er anfing, nach einer Erklärung von Experimenten zu suchen, mit der er sich schon lange hatte beschäftigen wollen, die er aber in jener schleichenden Verzweiflung an sich selbst, welche sich im Gefolge kleinlicher Sorgen einstellt, vernachlässigt hatte. Er empfand wieder einmal das Entzücken des sich Versenkens in eine weitreichende Untersuchung, während Rosamond schöne, ruhig hingleitende Musik spielte, die seinen Meditationen so förderlich war wie das Plätschern eines Ruders bei einer abendlichen Fahrt auf dem See.

Es war spät geworden; er hatte alle seine Bücher bei Seite geschoben und blickte, die Hände im Nacken gefaltet und ganz hingenommen von dem Gedanken an ein neues Experiment, in das Kaminfeuer, als Rosamond, welche vom Klavier aufgestanden war und in ihren Stuhl zurückgelehnt saß und ihn beobachtete, sagte:

»Herr Ned Plymdale hat schon ein Hans gemiethet.«

Lydgate blickte wie durch einen Mißton aufgeschreckt einen Augenblick schweigend auf, wie ein aus dem Schlaf gestörter Mensch; als er dann aber mit einem unbehaglichen Gefühl wieder zu sich gekommen war, fragte er:

»Woher weißt Du das?«

»Ich habe Frau Plymdale heute Vormittag besucht, und sie erzählte mir, daß er das Haus auf dem St. Peter's Platze neben dem Hause des Herrn Hackbutt gemiethet habe.«

Lydgate schwieg. Er zog die Hände vom Nacken weg, drückte sie gegen sein Haar, das, wie oft, massig über seine Stirn herab hing, während er die Ellbogen auf die Knie stützte. Er fühlte sich bitter enttäuscht, es war ihm, wie wenn er, um aus einem raucherfüllten Zimmer zu flüchten, eine Thür geöffnet und dieselbe von außen vermauert gefunden hätte; zugleich aber war er überzeugt, daß Rosamond sich über die Ursache seiner Enttäuschung freue. Er zog es vor, sie nicht anzusehen und nicht zu reden, bis er die erste leidenschaftliche Regung von Verdruß überwunden hätte.

»Was kann auch,« sagte er sich bitter, »am Ende einer Frau mehr am Herzen liegen als ihr Haus und ihre Möbel. Was soll sie ohne diese Dinge mit einem Mann anfangen?«

Als er dann aufblickte und sein Haar zurückstrich, hatten seine dunklen Augen einen jammervoll leeren Ausdruck des Verzichts auf jede Sympathie. Er fuhr aber ruhig fort:

»Vielleicht findet sich ein Anderer. Ich habe Trumbull beauftragt, sich umzusehen, wenn es mit Plymdale nichts sein sollte.«

Rosamond erwiderte nichts. Sie rechnete darauf, daß Lydgate den Auctionator nicht eher wieder sehen werde, bis ein Erfolg ihre Einmischung gerechtfertigt haben werde; auf alle Fälle hatte sie den Eintritt dessen, was sie zunächst fürchtete, verhindert.

Nach einer Weile sagte sie:

»Wie viel Geld wollen die unangenehmen Menschen von Dir haben?«

»Welche unangenehmen Menschen?«

»Die Leute, die das Verzeichniß gemacht haben, und die andern. Ich meine, wieviel Geld würde sie soweit befriedigen, daß Du Dich nicht mehr zu quälen brauchtest?«

Lydgate sah sie einen Augenblick an, als käme ihr Zustand ihm bedenklich vor, und sagte dann:

»O, wenn ich von Plymdale für die Möbel und als Aufgeld sechshundert Pfund hätte bekommen können, hätte ich mir wohl helfen wollen. Ich hätte Dover zu voll bezahlen und den Andern soviel auf Abschlag geben können, daß sie geduldig gewartet haben würden, wenn wir inzwischen unsere Ausgaben eingeschränkt hätten.«

»Ich frage aber, wie viel Du brauchen würdest, wenn wir in diesem Hause blieben?«

»Mehr als ich wahrscheinlich irgendwoher bekommen kann,« sagte Lydgate in einem beißend sarkastischen Ton.

Es verdroß ihn zu sehen, wie Rosamond noch immer unausführbare Wünsche nährte, anstatt sich mit der Möglichkeit, ihre Lage durch eigene Bemühungen erträglicher zu gestalten, vertraut zu machen.

»Warum willst Du die Summe nicht nennen?« fragte Rosamond, die dadurch milde andeutete, daß ihr seine Art und Weise, die Sache zu behandeln, nicht gefalle.

»Nun,« sagte Lydgate in einem Ton, wie wenn er einen ungefähren Ueberschlag mache, »ich würde wenigstens tausend Pfund brauchen, um wieder in Ordnung zu kommen. Aber,« fügte er sehr entschieden hinzu, »es handelt sich für mich um das, was ich ohne diese Summe, nicht um das, was ich mit derselben anzufangen habe.«

Rosamond sagte nichts weiter. Am nächsten Tage aber brachte sie ihren Plan, an Sir Godwin Lydgate zu schreiben, zur Ausführung. Seit dem Besuch des Hauptmanns hatte sie von ihm und auch von seiner verheiratheten Schwester, Frau Mengan, einen Brief, in welchem dieselbe ihr zu dem Verlust ihres Baby condolirte und in unbestimmten Ausdrücken die Hoffnung aussprach, sie wieder in Quallingham zu sehen. Lydgate hatte ihr zwar gesagt, daß diese Höflichkeitsbezeugung nichts bedeute; sie aber lebte im Geheimen der Ueberzeugung, daß Lydgate selbst jeden etwaigen Mangel an Aufmerksamkeit von Seiten seiner Familie gegen ihn durch sein kaltes geringschätziges Benehmen verschuldet habe, und hatte die Briefe so liebenswürdig wie möglich und in der vertrauensvollen Erwartung beantwortet, daß demnächst eine ausdrückliche Einladung erfolgen werde.

Als dann aber nichts erfolgte, sagte sich Rosamond, daß der Hauptmann offenbar nicht sehr gewandt mit der Feder sei und daß die Schwestern vielleicht verreist gewesen seien. Indessen war ja gerade jetzt die Jahreszeit, wo man an Besuch von Freunden denken mußte, und jedenfalls würde Sir Godwin, der sie unter das Kinn gefaßt und sie für das Ebenbild der berühmten Schönheit, Frau Croly, die im Jahre 1790 eine Eroberung an ihm gemacht, erklärt hatte, von ihrem Appell an ihn gerührt sein und sich um ihretwillen gern so, wie es sich gebühre, gegen seinen Neffen benehmen.