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In ihrem epischen Roman 'Middlemarch' entführt George Eliot die Leser in die komplexe Welt einer englischen Provinzstadt des 19. Jahrhunderts. Der Roman ist bemerkenswert für seinen tiefgründigen literarischen Stil, der psychologische Einsichten mit einem feinen Gespür für soziale Dynamiken verknüpft. Eliot behandelt Themen wie Heiratsfragen, politische Reformen und die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, und sie entfaltet die Schicksale mehrerer Charaktere, deren Leben sich in einem Netz aus Ambitionen und ethischen Konflikten verflechten. Der historische Kontext, geprägt von der industriellen Revolution und dem aufkommenden Feminismus, gibt der Erzählung eine bemerkenswerte kulturelle Tiefe. George Eliot, das Pseudonym der Schriftstellerin Mary Ann Evans, war eine der führenden Intellektuellen ihrer Zeit, die sich der Konvention ihrer Geschlechterrolle widersetzte. Ihr scharfer Verstand und ihre eigensinnige Suche nach Wahrheit spiegeln sich in den durchdachten Charakteren und ihren komplexen Beziehungen wider. Eliot war sehr an sozialen Reformbewegungen interessiert, was sich im kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Normen ihrer Epoche niederschlägt. ' Middlemarch' ist ein unverzichtbares Werk der englischen Literatur, das den Leser zum Nachdenken über die menschliche Natur und gesellschaftliche Umbrüche anregt. Eliot führt die Leser tief in moralische Dilemmata und die Herausforderungen des Lebens, was es zu einer zeitlosen Lektüre macht. Dieses Buch ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch eine Quelle der Inspiration für alle, die die Feinheiten menschlicher Beziehungen und die Komplexität des Lebens verstehen wollen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Idealismus prallt auf die zähen Gewohnheiten einer Gemeinschaft. Middlemarch entfaltet aus diesem Spannungsfeld ein Panorama des provinziellen Lebens, das intime Wünsche und öffentliche Institutionen unauflöslich miteinander verknüpft. Statt auf spektakuläre Ereignisse zu setzen, zeigt der Roman, wie kleine Entscheidungen, stille Hoffnungen und alltägliche Zwänge Biografien formen. Der Ort ist fiktiv, doch die Beobachtung der menschlichen Natur ist präzise und universell. George Eliot prüft, was Integrität im Widerstand gegen Konvention bedeutet und wie schwer es ist, den eigenen moralischen Kompass zu behaupten. So entsteht ein Werk, das zugleich nüchtern und tief bewegend bleibt.
Middlemarch gilt als Klassiker, weil es die Möglichkeiten des realistischen Romans im 19. Jahrhundert weitete. Eliots psychologische Genauigkeit, ihr Gespür für gesellschaftliche Strukturen und ihr nüchterner Blick auf Folgen und Verantwortung prägten Generationen von Autorinnen und Autoren. Das Buch verbindet große thematische Reichweite mit einer strengen, fein abgestimmten Form: mehrere Handlungsstränge, die sich gegenseitig beleuchten, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Es steht exemplarisch für literarische Modernität vor der Moderne, indem es Innenleben, Sprache und soziale Kräfte miteinander verschaltet. Viele spätere Romane über Ehe, Arbeit, Politik und Wissenschaft greifen auf diese Erzählmodelle zurück, bewusst oder unbewusst.
Hinter dem Namen George Eliot steht Mary Ann Evans, eine der bedeutendsten Stimmen der viktorianischen Literatur. Sie arbeitete als Übersetzerin und Kritikerin, bevor sie Romane veröffentlichte, und entschied sich für ein männliches Pseudonym, um in einem von Vorurteilen geprägten literarischen Feld ernst genommen zu werden. Mit Werken wie Adam Bede, The Mill on the Floss und Silas Marner etablierte sie eine Form des Realismus, die nüchterne Beobachtung und ethische Reflexion verbindet. Middlemarch markiert einen Höhepunkt dieser Entwicklung: ein Werk, das individuelle Lebensläufe und gesellschaftliche Dynamiken gleichermaßen sorgfältig in den Blick nimmt.
Middlemarch: A Study of Provincial Life erschien 1871 bis 1872 in acht Teilen. Der Roman ist in einer englischen Kleinstadt in den Jahren vor dem Reform Act von 1832 angesiedelt, einer Zeit intensiver politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Umbrüche. Der Untertitel weist die Richtung: Es geht um eine genaue Untersuchung des provinziellen Lebens, seiner Institutionen, Routinen und Reibungen. Eliot wählt die historische Distanz, um Gegenwartsthemen der Entstehungszeit zu beleuchten: Modernisierung, soziale Mobilität, neue Wissensformen. Die Publikationsform im Fortsetzungsmodus spiegelt die Struktur des Romans selbst, der in voneinander abhängigen Teilen ein komplexes Ganzes bildet.
Im Mittelpunkt steht eine Gemeinschaft, deren Schicksale sich kreuzen: eine junge Frau mit hohem ethischem Anspruch, ein Arzt mit reformerischem Eifer, Bürgerinnen und Bürger, deren Hoffnungen, Pflichten und Selbstbilder einander testen. Aus Karrieren und Beziehungen, aus Geschäft, Politik und Glauben ergibt sich ein enges Netz, in dem Entscheidungen weitreichende Konsequenzen haben. Die Handlung entfaltet sich aus glaubwürdigen Motiven und Konflikten, nicht aus Sensationen. Ohne vorzugreifen, lässt sich sagen: Der Roman verfolgt, wie Prinzipien erprobt, Irrtümer erkannt und Bindungen neu verhandelt werden. Das Ergebnis ist weniger ein Abenteuer als eine Prüfungslandschaft des alltäglichen Lebens.
Eliot verankert ihre Figuren in dauerhaften Themen: Idealismus und Anpassung, die Suche nach Berufung, die Bedingungen einer gelingenden Ehe, die Rolle des Geldes, die Verführung durch Prestige und die Macht von Selbsttäuschungen. Wissenschaft und Medizin erscheinen als Prüfstein für Fortschritt, ebenso Handel, Verwaltung und lokale Politik. Frauenbilder, Erwartungen an Männlichkeit und die Möglichkeiten sozialer Teilhabe werden nüchtern untersucht. Der Roman zeigt, wie moralische Ideale in der Reibung mit Institutionen bestehen müssen, wenn sie Wirkung entfalten sollen. Zugleich beobachtet er mit Empathie, warum gute Vorsätze scheitern können, ohne dass Menschen deshalb bloß zynisch oder verwerflich wären.
Die Erzählweise verbindet allwissende Perspektive mit psychologischer Nähe. Eliot nutzt eine fein nuancierte, oft ironisch temperierte Stimme, die Verhalten erklärt, statt es zu verurteilen. Innere Regungen, Denkfehler und Antriebe werden schrittweise entfaltet, sodass Leserinnen und Leser Motive verstehen, bevor sie Urteile fällen. Die Struktur wechselt behutsam zwischen Figuren und Milieus und baut so Resonanzen auf: Ein berufliches Dilemma spiegelt ein familiäres, eine politische Debatte erhellt einen privaten Konflikt. Diese Komposition erzeugt Spannung ohne Effekthascherei und lädt zu aufmerksamem Lesen ein, das Belohnung in Einsicht, nicht bloß in Überraschung findet.
Charaktere in Middlemarch sind weder Helden noch Schurken im herkömmlichen Sinn; sie sind Menschen, die lernen, irren, hoffen und Kompromisse schließen. Eliot zeigt, wie Selbstbild und Fremdbild auseinanderfallen können und wie schwer es ist, die eigenen Grenzen zu erkennen. Die moralische Prüfung verläuft selten in großen Gesten, sondern in Geduld, Arbeit, Rücksicht und Beharrlichkeit. Gerade diese Betonung des Gewöhnlichen macht die Tragweite der Entscheidungen sichtbar. Das Buch fragt, was es heißt, nützlich zu sein, Liebe verantwortungsvoll zu denken und Möglichkeiten nicht zu verspielen. Aus solchen Fragen erwachsen Bewegungen, die ein ganzes Gemeinwesen verändern.
Der historische Hintergrund macht die Figurenkämpfe konkret. Reformdebatten, die Ausdifferenzierung professioneller Felder, religiöse Spannungen und wirtschaftliche Risiken prägen das städtische Leben. Der Roman zeigt die Verzahnung von öffentlichem Nutzen und privater Ehre, von Kredit und Vertrauen, von Gerücht und Ruf. Medizinische Neuerungen treffen auf alte Gewissheiten; Bildungsaspirationen kollidieren mit Standesdenken. Indem Eliot die scheinbar peripheren Details des Alltags ernst nimmt, zeigt sie, wie Institutionen Charakter formen und wie Charakter Institutionen schrittweise verändert. So wird Geschichte nicht Kulisse, sondern Wirkfaktor in Biografien, die uns nahekommen.
Seit seinem Erscheinen hat Middlemarch Kritikerinnen, Autoren und Leserinnen nachhaltig beeindruckt. Es gilt weithin als Höhepunkt des englischen Realismus und steht regelmäßig im Kanon großer Romane. Sein Einfluss zeigt sich in der Bereitschaft späterer Literatur, alltägliche Erfahrung als tragfähigen Gegenstand epischen Erzählens zu begreifen, und in der Hinwendung zur moralischen Psychologie gewöhnlicher Menschen. Universitäten widmen dem Werk anhaltende Aufmerksamkeit, und zahlreiche Ausgaben und Adaptionen halten es präsent. Diese anhaltende Resonanz verdankt sich nicht nur historischem Rang, sondern der Erfahrung, dass das Buch Fragen stellt, die nicht veralten.
Die Sprache des Romans ist prägnant, überlegt, mit oft trockenem Witz. Eliot vertraut darauf, dass Genauigkeit Spannung erzeugen kann: in sorgfältigen Dialogen, feinen Beobachtungen und sorgfältig aufgebauten Kontrasten. Wer Middlemarch liest, betritt ein komplexes System von Beziehungen, dessen Bedeutung sich im Fortgang klärt. Geduld wird reich belohnt, weil Einsichten wachsen, statt bloß geliefert zu werden. Das Werk lädt dazu ein, die eigene Urteilskraft zu schärfen, indem es Daten, Gefühle und Gründe offenlegt. Es ist ein Buch, das man nicht nur konsumiert, sondern durchdenkt, und das mit jedem Wiederlesen neue Facetten zeigt.
Heute überzeugt Middlemarch, weil es zeigt, wie Charakter, Gemeinschaft und Institutionen untrennbar verbunden sind. Fragen nach gerechter Teilhabe, nach Sinn im Beruf, nach fairen Beziehungen und nach verantwortlicher Modernisierung sind weiterhin akut. Der Roman erinnert daran, dass die Verbesserung der Welt Geduld, Kenntnisse und die Bereitschaft zur Selbstprüfung verlangt. Seine zeitlosen Qualitäten liegen in der Klarheit der Beobachtung, in der moralischen Ernsthaftigkeit ohne Moralismus und in der Wärme, mit der er menschliche Fehlbarkeit betrachtet. In dieser Balance aus Strenge und Mitgefühl liegt die bleibende Gegenwartskraft eines Buches, das Provinz beschreibt und die Welt meint.
Middlemarch, ein Roman von George Eliot, spielt in einer fiktiven Provinzstadt im England der 1830er Jahre. In einem weit gespannten Panorama verknüpft die Erzählung zahlreiche Lebensläufe und untersucht, wie private Entscheidungen mit öffentlichen Umbrüchen zusammenwirken. Themen wie Ehe, Berufung, soziale Reform, Religion, Wissenschaft und Geld bilden den Rahmen, in dem sich die Figuren bewegen. Eine allwissende, analytische Erzählinstanz kommentiert mit kritischer Sympathie die Motive und Irrtümer ihrer Welt. Der Aufbau folgt keiner einzelnen Heldenreise, sondern mehreren Hauptsträngen, die einander spiegeln und beeinflussen. So entsteht eine Studie des Gemeinwesens, in der individuelle Hoffnungen auf die Widerstände einer engmaschigen Gesellschaft treffen.
Im Zentrum steht Dorothea Brooke, eine reiche junge Frau mit starkem Pflichtethos und dem Wunsch, sich über Wohltätigkeit und geistige Arbeit nützlich zu machen. Ihre Ideale treiben sie zu einer Ehe mit dem älteren Gelehrten Edward Casaubon, in der Hoffnung, Teil eines großen Forschungsprojekts zu werden. Schon früh kollidieren ihre Erwartungen mit der Realität sachlicher Kälte und sozialer Konventionen. Dorotheas Suche nach Sinn nimmt den Weg innerer Prüfungen, in denen Frömmigkeit, Selbstverleugnung und die Frage nach weiblicher Selbstbestimmung gegeneinanderstehen. Eine Reise und der Umgang mit neuem Wissen öffnen ihr zugleich den Blick auf andere Lebensentwürfe, ohne klare Entscheidungen zu erzwingen.
Parallel dazu kommt Tertius Lydgate nach Middlemarch, ein junger Arzt mit wissenschaftlichem Ehrgeiz. Er glaubt an moderne Methoden, Institutionsreform und eine neue Krankenpflege, trifft aber auf standesbewusste Kollegen, Patientenerwartungen und lokale Interessen. Lydgate will sich dem neuen Krankenhaus widmen und seine Forschung voranbringen, unterschätzt jedoch die sozialen Kosten von Unabhängigkeit. Seine Begegnung mit Rosamond Vincy, einer gebildeten, auf Aufstieg bedachten jungen Frau, bringt Gefühl und Statusfragen ins Spiel. In ihrem Werben mischen sich Bewunderung, Projektionen und Missverständnisse. Ein frühes Berufs- und Privatleben voller Versprechen verstrickt sich dadurch in finanzielle Verpflichtungen und Anerkennungsdruck, die seine Handlungsspielräume sukzessive einengen.
Will Ladislaw, ein Verwandter von Casaubon, erweitert das Panorama um einen künstlerisch-politischen Gegenpol. Als Außenseiter mit ungesicherter finanzieller Basis bewegt er sich frei zwischen Zeitgeist, Kunst und liberalen Reformideen. In Middlemarch wird er zum Mitarbeiter bei lokalen Projekten und knüpft Kontakte, die sein Ideal von Selbstentfaltung bestärken. Seine offene Art kontrastiert mit Casaubons Reserviertheit und weckt Misstrauen im Eheleben der Brookes. Zwischen Dorothea und Will entsteht eine geistige Nähe, die unausgesprochen bleibt, aber Fragen nach Loyalität, Neigung und moralischer Redlichkeit schärft. Diese Annäherung verschärft bestehende Spannungen, ohne sie zu entscheiden, und verknüpft private Empfindungen mit politischer Öffentlichkeit.
Ein weiterer Strang folgt Fred Vincy, Rosamonds Bruder, dessen jugendlicher Leichtsinn ihn in Schulden und unangemessene Erwartungen führt. Die Hoffnung auf ein Erbe nährt seine Pläne, doch seine Unbeständigkeit gefährdet Beziehungen und Ansehen. Mary Garth, pragmatisch und moralisch standfest, schätzt ihn, lehnt aber Selbsttäuschung und bequeme Abkürzungen ab. Eine gesundheitliche Krise und familiäre Spannungen konfrontieren Fred mit der Realität von Arbeit, Verantwortung und Vertrauen. Diese Nebenhandlung beleuchtet die Bedeutung beruflicher Berufung, die Rolle von Bildung und die Konsequenzen kleiner Entscheidungen. Sie dient als Kontrast und Echo zu den höheren Ambitionen anderer, indem sie alltägliche Pflicht über romantische Träume stellt.
Nicholas Bulstrode, ein einflussreicher Bankier mit frommem Auftreten, verkörpert die Macht der lokalen Elite und ihre moralischen Ambivalenzen. Sein Reformeifer im Krankenhauswesen und seine wohltätigen Projekte schaffen Abhängigkeiten, insbesondere gegenüber Lydgate, der auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Doch Gerüchte und eine dunkle Vergangenheit beginnen, an Bulstrodes Fassade zu rütteln. Die Ankunft eines Mannes, der mehr zu wissen scheint, verschiebt das Gleichgewicht und macht private Verfehlungen zu öffentlicher Angelegenheit. Lydgate gerät dadurch in den Sog von Verdacht und Loyalitätskonflikten. Die Frage, wie moralische Schuld, soziale Reputation und institutionelle Reform zusammenhängen, tritt hier scharf hervor.
Vor dem Hintergrund nationaler Veränderungen ringen die Bewohner von Middlemarch mit der Reform des Wahlrechts und der Neuordnung lokaler Strukturen. Mr. Brooke, Dorotheas Onkel, versucht sich politisch zu profilieren, während Will Ladislaw journalistisch und organisatorisch tätig wird. Öffentliche Debatten, Vereinsversammlungen und Karikaturen prägen das Klima, in dem persönliche Interessen mit Idealen konkurrieren. Die Reformfrage dient als Prüfstein, ob die Akteure Prinzipien über Bequemlichkeit stellen. Gleichzeitig entlarvt der Wahlkampf die Grenzen wohlmeinender Rhetorik, wenn soziale Bindungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten schwerer wiegen als Überzeugungen. Die Stadt wird zum Resonanzraum, in dem private Pläne auf politische Wirklichkeit treffen.
Allmählich kulminieren die Konflikte: Lydgates Schulden wachsen, sein Ruf erodiert, und berufsethische Grundsätze geraten unter Druck. Rosamonds Vorstellungen von Komfort und Status kollidieren mit knappen Mitteln und medizinischer Berufung. Casaubons Gesundheit verschlechtert sich, was Dorotheas Pflichtgefühl und ihre Sehnsucht nach sinnvoller Wirkung verschärft. Will bleibt in der Nähe, doch jedes Zeichen der Nähe birgt gesellschaftliche Risiken. Bulstrodes Vergangenheit drängt an die Oberfläche und verknüpft sich mit institutionellen Entscheidungen. Freundschaften, Eheversprechen und berufliche Allianzen werden neu austariert. Entscheidungsmomente entstehen, die Charakterstärke, Selbsttäuschung und die Bereitschaft zur Verantwortung prüfen, ohne die endgültigen Verläufe frühzeitig festzulegen.
Middlemarch entfaltet eine vielschichtige Untersuchung des moralischen Handelns im Geflecht sozialer Abhängigkeiten. Es zeigt, wie Idealismus, Ehrgeiz und Liebe an Grenzen stoßen, aber auch Wege zu reiferer Empathie und praktischer Vernunft eröffnen. Die leitende Idee ist, dass große Wirkung oft aus unscheinbarer Beharrlichkeit entsteht und dass individuelle Entwicklung untrennbar mit der Geschichte eines Gemeinwesens verwoben ist. Durch psychologische Genauigkeit und soziale Breite macht der Roman sichtbar, wie kleine Entscheidungen Kreise ziehen. Seine nachhaltige Bedeutung liegt in der nüchternen, doch menschenfreundlichen Einsicht, dass Sinn nicht allein in spektakulären Taten, sondern im verantwortlichen Alltag zu finden ist.
Middlemarch spielt in den Jahren um 1829 bis 1832 in einer fiktiven Provinzstadt in den englischen Midlands. Das gesellschaftliche Gefüge wird von Großgrundbesitzern, dem anglikanischen Klerus, lokalen Bankiers, Ärzten und Kaufleuten getragen. Politische Macht konzentriert sich in Händen weniger, vermittelt über Grundherrschaften, Kirchengüter und Magistrate. Lokale Institutionen wie Hospital, Armenverwaltung und Honoratiorenklubs strukturieren das öffentliche Leben. Vor kommunalen Reformen sind städtische Korporationen oft abgeschottet, Ämter werden durch Patronage vergeben. Diese Konstellation bildet den Hintergrund für Konflikte zwischen traditionellen Autoritäten und aufstrebenden Professionen – genau jenem Spannungsfeld, in dem sich die Figuren der Erzählung bewegen.
Zentraler historischer Horizont ist die Reformkrise, die 1832 im Reform Act mündet. Jahrzehntelang hatten „rotten boroughs“ und ungleiche Wahlkreise das Parlament verzerrt; Industriezonen waren unterrepräsentiert, Landadlige dominierten. In den späten 1820er und frühen 1830er Jahren wuchsen Petitionen, Volksversammlungen und die Presseagitation. Whigs und Tories rangen um die Richtung des Staats. Wahlkämpfe, öffentliche „hustings“ und Vereinswesen prägen auch Provinzstädte wie Middlemarch. Der Roman spiegelt diese politische Mobilisierung, indem er lokale Wahlambitionen, Wahlvereine und die rhetorische Bühne der Reformdiskussionen zeigt, ohne die Komplexität der Interessen – von Prinzipien bis zu Klientelpolitik – zu glätten.
Religiös dominiert die Church of England die Provinz, doch Dissenters und Evangelikale sind deutlich präsent. 1829 bringt die Katholikenemanzipation eine Zäsur, die religiöse Toleranz erweitert und konservative Abwehr mobilisiert. Pfarrstellen, Patronatsrechte (Advokationsrechte) und Pfründenwirtschaft verknüpfen Theologie und Besitz. Geistliche sind moralische Autoritäten, soziale Vermittler und oft Grundbesitzer. Der Roman veranschaulicht diese Gemengelage, indem er Geistliche, Gönner und Gläubige in Konflikte um Bildung, Wohltätigkeit und Gemeindeführung verstrickt und so die Spannweite zwischen religiöser Innerlichkeit, sozialen Pflichten und institutioneller Macht sichtbar macht.
Das Armenwesen folgt noch der alten Poor Law: Gemeindenahe Unterstützung, finanziert über die Grundsteuer, variiert stark nach Ortslagen. Das Speenhamland-System und lokale Sitten prägen Hilfeleistungen, oft mit Misstrauen gegenüber „Unwürdigen“. Wohltätigkeitsvereine und Hospitalverwaltungen entstehen, um Lücken zu füllen und zugleich gesellschaftliche Kontrolle auszuüben. In Middlemarch sind solche Gremien Bühne für Machtproben zwischen Notablen, die Einfluss suchen, und Reformern, die Effizienz und Professionalität einfordern. Die 1834 eingeführte New Poor Law liegt noch in der Zukunft, wird aber als drohender Strukturwandel empfunden, der lokale Selbstverwaltung und Patronage infrage stellen könnte.
Die Medizin am Ende der 1820er ist uneinheitlich: Physicians, Surgeons und Apothecaries konkurrieren, Ausbildungsstandards sind lückenhaft. Paris ist ein Zentrum der klinischen Medizin; Bichats Gewebelehre und Laennecs Stethoskop (seit 1816) stehen für empirische Diagnostik, die in Provinzen Misstrauen wecken kann. Die Cholera erreicht Großbritannien 1831/32 und befeuert Debatten um Miasmen, Ansteckung und Hygiene. Der Anatomy Act von 1832 legalisiert den Zugang zu Leichen aus Armenhäusern und Krankenhäusern und reagiert auf Skandale um Leichendiebstahl. Middlemarch greift diese Umbrüche auf, wenn ein junger Arzt fachliche Neuerungen gegen Zünfte, Aberglauben und lokale Interessen durchsetzen will.
Naturwissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Strömungen mischen sich. Positivistische Impulse, frühe Physiologie, Statistik und medizinische Fallregistrierung prägen Reformansätze; zugleich zirkuliert phrenologisches Denken, das populär, aber umstritten ist. Bibliotheken, Lesezirkel und Vorträge verbreiten Wissen in der Provinz, oft moderiert von Honoratioren. Der Roman zeigt, wie die Autorität des „neuen Wissens“ sozial verhandelt wird: Nicht die Erkenntnis allein, sondern ihre Einbettung in Netzwerke, Eitelkeiten und ökonomische Kalküle entscheidet, ob Innovationen Fuß fassen. So wird Wissenschaft als kulturelle Praxis und nicht bloß als neutrale Wahrheit erkennbar.
Ökonomisch prägen Nachwirkungen der Krise von 1825 und die Regulierung nach 1826 die Provinz. Das Land erlebt eine Ausweitung von Joint-Stock-Banken außerhalb Londons; Kreditnetze werden dichter, aber auch anfällig. Provinzbankiers verbinden Frömmigkeit, Ansehen und Risikogeschäft. Investitionen in Infrastruktur, Landwirtschaftsverbesserung und Gewerbe benötigen Vertrauen; Gerüchte können Bilanzen erschüttern. Middlemarch inszeniert diese fragile Kreditordnung, indem es zeigt, wie die Reputation einzelner Männer – geformt in Kapellen, Clubs und Familienkreisen – wirtschaftliche Stabilität stützen oder zum Kippen bringen kann.
Die industrielle Transformation ist in den Midlands sichtbar, aber ungleich verteilt. Textil- und Metallgewerbe wachsen, während ländliche Regionen an agrarischen Rhythmen festhalten. Kanäle und Turnpike-Straßen ermöglichen Warenfluss; die Eisenbahn steht im Anmarsch. Erste Linien wie Liverpool–Manchester (1830) markieren den Beginn einer neuen Mobilität. In der Provinz wecken geplante Trassen Begehrlichkeiten und Ängste: Landwert, Landschaftsbild und soziale Ordnung stehen zur Disposition. Middlemarch greift diese Spannung auf, indem es die Eisenbahn als nahende Kraft ins Spiel bringt, die lokale Gleichgewichte, Investitionspläne und politische Loyalitäten neu ordnen könnte.
Kommunikation und Öffentlichkeit verändern sich. Vor der Penny Post von 1840 sind Briefe kostspieliger und selektiv; dennoch verbreiten Wirtshausdiskussionen, Pamphlete und Lokalzeitungen Meinungen schnell. Lesegesellschaften und Buchhandlungen werden zu Knotenpunkten der Debatte. Wahlkämpfe nutzen Karikaturen, Handzettel und Musikkapellen, um Wähler zu mobilisieren. Der Roman reflektiert diese „Verdichtung“ von Öffentlichkeit, indem er zeigt, wie Nachrichten, Gerüchte und moralische Bewertungen zirkulieren und an Salontischen ebenso wie an Werkbänken Politik produzieren – ein Netzwerk der Rede, das Handlungen steuert und Reputationen aufbaut oder zerstört.
Rechtlich sind Frauen in den 1830ern dem Prinzip der Coverture unterworfen: Das Vermögen einer verheirateten Frau fällt grundsätzlich an den Ehemann. Scheidungen erfordern bis 1857 ein Parlamentsgesetz; faktische Trennungen sind sozial riskant. Höhere Bildung bleibt Männern vorbehalten; Universitäten schließen Nichtanglikaner und Frauen aus (bis 1871 beziehungsweise noch länger). Weibliche Bildung fokussiert auf „accomplishments“, gesellschaftliche Rolle und Häuslichkeit. Middlemarch kommentiert diese Ordnung, indem es ehrgeizige weibliche Intelligenz mit strukturellen Schranken konfrontiert und zeigt, wie Wohltätigkeit, religiöse Berufung oder Heirat als eng bemessene Handlungsräume dienen.
Eigentum, Erbrecht und kirchliche Patronage sind eng verflochten. Entails und Heiratsverträge sichern Vermögen in Familienlinien; Pfarrstellen können als Besitzrechte gehandelt oder vergeben werden. Kirchenreformen der 1830er und die 1836 eingesetzte Ecclesiastical Commission beginnen, Unwuchten der Pfründenwirtschaft zu adressieren, doch in der Middlemarch-Zeit herrscht noch alte Praxis. Der Roman nutzt dieses System, um zu zeigen, wie gelehrte Projekte, moralische Autorität und ökonomische Absicherung voneinander abhängen – und wie intellektuelle Ambitionen binnen familiärer und kirchlicher Arrangements geformt oder begrenzt werden.
Die kommunale Ordnung steht vor einem Umbruch, der mit dem Municipal Corporations Act von 1835 einsetzen wird. Zuvor sind Stadträte oft selbstrekrutierend; Rechenschaftspflichten bleiben begrenzt. Lokale Gremien – Hospitalvorstände, Straßenkommissionen, Armenpfleger – verhandeln Gemeinwohl und Eigeninteresse. Middlemarch belichtet diese Mikro-Politik: Reformvorschläge prallen auf Gewohnheitsrecht, symbolisches Kapital und Freundschaftsdienste. Der Weg zur Professionalisierung der Verwaltung erscheint als konfliktreiche, schrittweise Transformation, in der das persönliche Netzwerk mindestens so wichtig ist wie rationale Argumente und statistische Nachweise.
Die kulturelle Szenerie des späten Georgischen und frühen Viktorianischen England ist von der Nachwirkung der Romantik und einem wachsenden Realismus geprägt. Zirkulierende Leihbibliotheken, Magazine und moralische Essays prägen Lektüren. Als Middlemarch 1871–1872 in acht Teilen bei William Blackwood and Sons erscheint, hat sich das Publikum an serielles Erzählen gewöhnt; zugleich blickt es mit historischer Distanz auf die Reformjahre zurück. Der Roman nutzt diese Distanz, um Alltagsleben, Wahlrituale, wissenschaftliche Debatten und häusliche Ökonomie der 1830er nüchtern, detailreich und kritisch auszuleuchten – ein bewusster Kontrast zu heroischen Geschichtserzählungen.
George Eliot, 1819 in Warwickshire geboren, kannte die Midlands und ihre sozialen Milieus aus eigener Anschauung. Ihr geistiger Werdegang führte sie in Coventry in reformerische und freidenkerische Kreise; später übersetzte sie David Friedrich Strauss (1846) und Ludwig Feuerbach (1854), arbeitete ab 1851 redaktionell an der Westminster Review und veröffentlichte ab 1857 unter männlichem Pseudonym. Diese Biografie verbindet provinzielles Detailwissen mit intellektueller Weite. Middlemarch profitiert davon, indem es ländliche Honoratiorenkultur mit europäischer Wissenschaftsdebatte zusammenführt und das Lokale als Brennspiegel allgemeiner Modernisierungserfahrungen darstellt.
Politische Reformen nach 1832 – die New Poor Law (1834), die Abschaffung der Corn Laws (1846) und die zweite Wahlrechtsreform (1867) – veränderten das Land grundlegend. Eliot schreibt retrospektiv und zeigt, wie vor- und nachreformliche Ordnungen ineinandergreifen. Der Roman befragt die Wirksamkeit institutioneller Reformen gegenüber den zähen Kräften Gewohnheit, Standesdünkel und persönlicher Vorteilssuche. Indem er die Reformära als Anfang eines langen, unvollkommenen Prozesses zeichnet, relativiert er Erwartungen an schnelle Erlösung durch Gesetzesakte und betont die Bedeutung alltäglicher Integrität und Lernfähigkeit für nachhaltigen Wandel.
Technologisch beschleunigen die Eisenbahnen in den 1830er und 1840er Jahren Integration und Mobilität; „Railway Mania“ folgt Mitte der 1840er. Bereits die Planung erzeugt in Provinzstädten Vermessungen, Lokalpolitik und Spekulation. Berufswege werden beweglicher, Märkte weiten sich, Klassenkontakt nimmt zu. Gleichzeitig formiert sich ab 1838 die Chartistenbewegung, die politische Rechte der Arbeiter fordert. Middlemarch registriert solche Unruhe als Hintergrundrauschen: Die Aussicht auf neue Verbindungen verlockt manche, erschreckt andere und zwingt lokale Eliten, Position zu beziehen – ein Test dafür, ob Traditionen sich anpassen oder verhärten.
In Summe kommentiert Middlemarch seine Zeit, indem es die wechselseitige Abhängigkeit von persönlichem Charakter und strukturellem Umfeld sichtbar macht. Reformen, Wissenschaft und Märkte eröffnen Möglichkeiten, doch alte Institutionen und Gewohnheiten setzen Grenzen. Der Roman kritisiert blinde Fortschrittseuphorie ebenso wie selbstzufriedene Besitzstandswahrung. Er zeigt, wie Entscheidungen in Ehe, Beruf, Religion und Politik in einem dichten Netz aus Kredit, Ansehen, Gesetz und Gefühl getroffen werden. So wird die Provinz nicht als Rand, sondern als Zentrum britischer Modernisierung erfahrbar – mit all ihren Ambivalenzen, Versprechen und Kosten.
George Eliot (Pseudonym von Mary Ann Evans, 1819–1880) gilt als eine der maßgeblichen englischen Romanautorinnen des viktorianischen Realismus. Ihre Werke verbinden genaue Milieubeobachtung mit psychologischer Tiefenschärfe und moralischer Komplexität und prägten die Entwicklung des modernen Romans. Von den 1850er- bis späten 1870er-Jahren veröffentlichte sie Erzählungen, Essays, Gedichte und vor allem Romane, die das Leben in englischen Provinzgesellschaften, religiöse und politische Spannungen sowie die Spannweite individueller Gewissensentscheidungen behandeln. Zeitgenössische Leserinnen und Leser schätzten ihre Ernsthaftigkeit und intellektuelle Weite; spätere Kritik machte sie zur Referenz für erzählerische Perspektivtechnik, historische Einbettung und ethische Analyse.
Ausgebildet in mehreren Schulen und früh eine intensive Autodidaktin, erwarb Eliot breite Kenntnisse in Literatur, Geschichte, Theologie und modernen Sprachen. Die Lektüre deutscher Bibelkritik und Philosophie prägte sie nachhaltig; besonders die Arbeiten von David Friedrich Strauss und Ludwig Feuerbach öffneten ihr einen rationalistischen Zugang zu Religion. In den 1840er- und 1850er-Jahren übersetzte sie Strauss’ Das Leben Jesu und Feuerbachs Das Wesen des Christentums ins Englische; zudem fertigte sie eine Übersetzung von Spinozas Ethik an, die zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht blieb. Diese philologische und philosophische Arbeit schärfte ihren Realismus und ihr Interesse an Ursachen, Konsequenzen und sozialer Einbettung von Handlungen.
In London arbeitete Eliot in den frühen 1850er-Jahren für die Zeitschrift The Westminster Review, wo sie als Redakteurin und Kritikerin Essays, Rezensionen und kulturpolitische Analysen verfasste. Der Ton war sachlich, argumentativ und reformorientiert; ihr berühmter Essay Silly Novels by Lady Novelists kritisierte literarische Konventionen und Unaufrichtigkeit. 1857 trat sie erstmals als Erzählerin unter dem Namen George Eliot auf. Die drei Erzählungen der Scenes of Clerical Life erschienen zunächst in Zeitschriften und wurden bald gesammelt publiziert. Der nüchterne Blick auf Geistliche und Gemeindeleben, gepaart mit Mitgefühl, überzeugte Publikum und Kritiker und ermutigte sie zur Arbeit an umfangreicheren Romanen.
Adam Bede (1859) festigte Eliots Ruf durch die Verbindung aus handwerklich präziser Erzählung, sozialer Topografie und einer Ethik der Verantwortung. The Mill on the Floss (1860) erweiterte ihr Spektrum um Familien- und Bildungsproblematiken sowie konfliktreiche Geschlechterrollen. Silas Marner (1861) verknüpfte wiederum das Thema individueller Entfremdung mit ländlicher Gemeinschaft und Gewissensprüfung. In diesen Werken entwickelte Eliot ihre charakteristische Technik der freien indirekten Rede und eine reflexive Erzählerstimme, die psychologische Motive beleuchtet, ohne Figuren zu denunzieren. Zugleich verarbeitete sie Beobachtungen provinzieller Alltagsökonomien, religiöser Strömungen und sozialer Hierarchien des England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Mit Romola (1862–63) wandte sich Eliot dem historischen Roman zu und untersuchte Macht, Glauben und humanistische Ideale im Florenz der Renaissance. Felix Holt, the Radical (1866) führte politische Reformfragen und Wahlen in der Provinz vor, wobei sie moralische Selbstprüfung vor parteiliche Loyalität stellte. Neben der Prosa schrieb sie Lyrik und erzählende Dichtung, darunter The Spanish Gypsy (1868), sowie weitere Gedichte, die thematisch an Tragik, Gewissen und Kunst anknüpfen. Ihre kürzeren Prosatexte, etwa The Lifted Veil (1859) und Brother Jacob (1864), zeigen experimentelle Seiten – vom spekulativen Motiv bis zur satirischen Moralerzählung – innerhalb ihres realistischen Gesamtprogramms.
Middlemarch (1871–72) gilt weithin als ihr reifstes Werk, ein weit gespanntes Panorama von Provinzgesellschaft, Wissenstransfer und persönlichen Idealen unter Bedingungen institutioneller Trägheit. Daniel Deronda (1876) verband psychologische Analyse mit Fragen kultureller Identität und Verantwortlichkeit. Eliots intellektuelle Haltung – skeptisch gegenüber Dogma, dem Positivismus und einer humanistischen Ethik verpflichtet – formte ihre Figurenkonzeption und erzählerische Moral. Ihr langjähriger intellektueller Partner George Henry Lewes unterstützte ihre Arbeit organisatorisch und kritisch; die Öffentlichkeit kannte sie weiterhin primär unter dem Pseudonym. Die zeitgenössische Resonanz reichte von begeisterter Anerkennung bis zu kontroversen Debatten über Gegenstandsbereich und Gravität ihrer Kunst.
In den späten 1870er-Jahren veröffentlichte Eliot den Essayband Impressions of Theophrastus Such (1879), eine Folge charakteranalytischer Skizzen, die ihre anhaltende Beobachtungsschärfe demonstrieren. Sie starb 1880 in London. Zeitgenössische Nachrufe hoben Ernst, Breite und moralische Autorität ihres Werks hervor. Ihr Ansehen wuchs im 20. Jahrhundert weiter: Kritikerinnen und Kritiker betonten ihre psychologische Modernität, die Genauigkeit sozialer Netze und die ethische Ernsthaftigkeit ihres Realismus. Middlemarch wird häufig als kanonisches Meisterwerk des englischen Romans gewürdigt; zugleich bleibt das Gesamtwerk für Debatten über Geschlechterrollen, Religion, Wissenschaft und Gemeinschaft fruchtbar. Eliots Vermächtnis zeigt, wie erzählerische Empathie und intellektuelle Strenge produktiv zusammenwirken können.
Wer von Allen, denen daran gelegen ist, sich mit der Geschichte des Menschen bekannt zu machen und zu erforschen, wie dieses geheimnißvolle Wesen sich unter den mannigfachen Einwirkungen der Zeit entwickelt hat, hätte nicht einmal, wenn auch nur flüchtig, bei dem Leben der heiligen Therese verweilt und hätte nicht mild gelächelt bei dem Gedanken an das kleine Mädchen, das sich eines Morgens Hand in Hand mit seinem noch kleineren Bruder aufmachte, um nach dem Lande der Mauren zu gehen und dort ein Märtyrerthum aufzusuchen? Fort trippelten sie von dem wilden Avila, die Augen weit geöffnet und hülflos aussehend wie zwei scheue Rehe, aber mit menschlich fühlenden Herzen, die bereits für eine große Idee schlugen, bis ihnen die rauhe Wirklichkeit in Gestalt eines Oheims entgegentrat, welcher sie von der Ausführung ihres Vorhabens zurückhielt. Diese kindliche Pilgerfahrt war für Therese ein angemessener Beginn ihrer Lebenslaufbahn. Ihre leidenschaftliche, ideale Natur verlangte nach einem thatenreichen Leben. Was konnten ihr vielbändige Ritterromane, was die gesellschaftlichen Erfolge, welche sie als glänzend begabtes Mädchen zu erwarten hatte, bieten? Die in ihr lodernde Flamme hatte so leichte Nahrung bald aufgezehrt und dürstete, von innen genährt, nach einer schrankenlosen Befriedigung, nach einem Lebenszweck, welcher, jede Erschöpfung ausschließend, die Verzweiflung der Seele an sich selbst durch das entzückende Bewußtsein eines über die Beschränktheit des eigenen Ich's hinausragenden Lebens überwinden würde. Sie fand das Epos ihres Lebens in der Reform eines geistlichen Ordens.
Diese spanische Frau, welche vor dreihundert Jahren lebte, war gewiß nicht die letzte ihrer Art. Viele Theresen sind seitdem geboren, welche kein Leben für sich fanden, das ihnen zu unausgesetzter Entfaltung ihrer Thatkraft Gelegenheit gegeben hätte; – vielleicht nur ein Leben voll Enttäuschungen, wie sie aus dem unglücklichen Zusammentreffen einer gewissen Seelengröße mit der Kleinheit der Verhältnisse hervorgehen, vielleicht ein tragisch verfehltes Leben, welches keinen heiligen Sänger fand und unbeweint in Vergessenheit versank. Mit trüber Geisteshelle und in verwickelten Verhältnissen versuchten sie es, ihre Gedanken und ihre Handlungen in harmonischen Einklang zu bringen; den Augen gewöhnlicher Sterblicher erschien aber ihr Ringen nur als unzusammenhängend und gestaltlos. Denn diesen später geborenen Theresen stand kein einigendes Band eines gesellschaftlichen Glaubens und Ordens, welches für die glühend strebende Seele das Wissen hätte ersetzen können, helfend zur Seite. Die Gluth ihrer Seele schwankte zwischen einem vagen Ideal und dem gemeinen Verlangen der weiblichen Natur unsicher hin und her, so daß das Eine als Extravaganz gemißbilligt und das Andere als Fehltritt verurtheilt wurde.
Manche haben geglaubt, daß diese in unsicherem Schwanken irrend verbrachten Existenzen ihren Grund in der unklaren Unbestimmtheit haben, mit welcher es dem höchsten Wesen gefallen hat, die weibliche Natur auszustatten. Wenn es ein Niveau weiblicher Unzulänglichkeit gäbe, das so scharf präcisirt wäre, wie die Fähigkeit, drei zu zählen und nicht weiter, so möchte sich das gesellschaftliche Loos der Frauen mit wissenschaftlicher Sicherheit behandeln lassen. Aber die unklare Unbestimmtheit ist da, und die Grenzen, innerhalb deren dieselbe hin- und herschwankt, sind in der That viel weiter gesteckt, als diejenigen sich träumen lassen, die nur an die Gleichmäßigkeit weiblicher Frisuren und an die beliebten Liebesgeschichten in Prosa und in Versen denken. Dann und wann wird ein junger Schwan zu seinem eigenen Unbehagen unter den jungen Enten im trüben Teiche auferzogen und findet nie den lebendigen Strom, auf dem er in Gesellschaft der ruderfüßigen Genossen seines Geschlechts dahinschwimmen könnte. Von Zeit zu Zeit wird eine heilige Therese geboren, die nichts gründet, deren bebende Herzschläge und Seufzer nach einer unerreichten Tugend sich schwankend an störenden Verhältnissen verzehren, anstatt sich in einer dauernden That zu concentriren.
Wie in den ›Editorischen Hinweisen‹ vermerkt, verzichtet die Übersetzung von Lehmann auf alle Motti, die George Eliot jeweils vor die Kapitel gesetzt hat. Die vorliegende Ausgabe gibt sie [in den Anmerkungen. Geändert. Re.] im jeweiligen Originaltext wieder. – Für das Kapitel 1 lautet sie:
Dorothea Brooke gehörte zu jenen Schönheiten, denen eine dürftige Kleidung zur Erhöhung ihrer Reize zu dienen scheint. Ihre Hand und ihr Handgelenk waren so schön geformt, daß sie getrost Aermel tragen konnte, welche ebenso styllos waren, wie die, in welchen die heilige Jungfrau den alten italienischen Meistern erschien, und ihr Profil sowohl, wie ihre ganze Gestalt und ihr Behaben, schienen durch ihre einfache Kleidung nur an Würde zu gewinnen, so daß ihre ganze Erscheinung inmitten der Modedamen der Provinz den Eindruck eines schönen Citats aus der Bibel – oder aus einem alten Dichter – in einem Zeitungsartikel machte.
Man bezeichnete sie allgemein als sehr gescheidt, fügte aber regelmäßig hinzu, daß ihre Schwester Celia mehr gesunden Menschenverstand habe. Gleichwol trug Celia kaum mehr Besatz an ihren Kleidern, und nur sehr scharfe Beobachter nahmen wahr, daß ihre Kleidung sich doch in Etwas von der ihrer Schwester unterschied und mit einer Nuance von weiblicher Coketterie arrangirt war; denn die einfache Toilette Dorothea Brooke's hatte ihren Grund in verschiedenen Ursachen, von denen die meisten auch für ihre Schwester maßgebend waren.
Das stolze Bewußtsein, Ladies zu sein, war eine dieser Ursachen: die Familie der Brooke's war, wenn auch nicht gerade eine aristokratische, doch unstreitig eine sehr gute; wenn man ihrer Herkunft eine oder zwei Generationen weit nachging, so fand man unter den Voreltern keine Handwerker oder Detaillisten, sondern nichts Geringeres als einen Admiral und einen Geistlichen; und wenn man den Stammbaum noch weiter zurückverfolgte, so kam man auf einen puritanischen Gentleman, der unter Cromwell gedient, sich aber später wieder der Staatskirche angeschlossen und sich als Eigenthümer eines respectablen Grundbesitzes allen politischen Verfolgungen zu entziehen gewußt hatte. Junge Damen von solcher Herkunft, welche in einem ruhigen Hause auf dem Lande lebten und eine Dorfkirche besuchten, die kaum größer war, als ein Wohnzimmer, betrachteten natürlich allen Putz als den Gegenstand des Ehrgeizes einer Hökerstochter. Ferner bestand in guten Familien damals noch eine Oeconomie, welche die Toilette als denjenigen Ausgabeposten betrachtete, welcher sich am ersten zu einer Einschränkung eigne, wenn es nothwendig erschien, gerade im Interesse der gesellschaftlichen Stellung das Budget durch Vergrößerung anderer Ausgaben zu belasten.
Diese und ähnliche Gründe würden, ganz abgesehen von religiösen Gefühlen, hingereicht haben, eine einfache Toilette zu erklären; in Dorothea Brooke's Fall aber würde die Religion allein ein genügendes Motiv gewesen sein, und Celia schloß sich allen Empfindungen ihrer Schwester in ihrer milden Weise an, nur daß sie dieselben mit jenem gesunden Menschenverstande durchdrang, welcher sich bedeutungsvolle Doctrinen ohne jede excentrische Aufregung anzueignen weiß.
Dorothea wußte viele Stellen aus Pascal's » Pensées[2]« und aus Jeremy Taylor1 auswendig; und die Bestimmung der Menschheit, wie sie dieselbe im Lichte des Christenthums ansah, ließ ihr das Interesse für weibliche Moden als eine tollhäuslerische Beschäftigung erscheinen. Sie vermochte die Bekümmernisse eines Seelenlebens, bei denen es sich um Folgen für die Ewigkeit handelte, nicht mit den nichtigen Sorgen für die Raffinements einer modernen Toilette in Einklang zu bringen. Die Richtung ihres Geistes war eine theoretische und ihre Natur verlangte nach einer einheitlichen und bedeutenden Auffassung der Welt, in welcher das Kirchspiel Tipton und die Art ihres Lebens in demselben ungezwungen einen Platz finden möchten; sie hatte eine leidenschaftliche Vorliebe für alles Große und Gewaltige, und ihre Sympathie war sofort Allem, was dieser Neigung zu entsprechen schien, gewonnen; sie war sehr geneigt, ein Märtyrerthum zu suchen, dann ihre schnell gefaßten Meinungen zu widerrufen und schließlich ein Märtyrerthum da zu finden, wo sie es gar nicht gesucht hatte.
Solche Elemente in dem Charakter eines heirathsfähigen Mädchens waren gewiß geeignet, auf ihr Schicksal entscheidend einzuwirken und zu verhindern, daß dasselbe, der bestehenden Sitte gemäß, durch ein hübsches Gesicht, durch Eitelkeit und durch eine rein sinnliche Zuneigung bestimmt werde. Bei alledem war sie, die ältere der beiden Schwestern, noch nicht zwanzig Jahre alt und beide hatten, seit sie vor etwa acht Jahren ihre Eltern verloren, nach einem ebenso beschränkten, wie unklaren Plane, zuerst in einer englischen Familie und später in einer Schweizerfamilie in Lausanne, eine Erziehung genossen, welche nach der Auffassung ihres ledigen Onkels und Vormundes die Nachtheile ihrer Elternlosigkeit ausgleichen sollte.
Es war kaum ein Jahr her, seit sie aus der Schweiz zurückgekehrt waren und auf »Tipton-Hof« mit ihrem Onkel, einem fast sechzigjährigen Manne von nachgiebigem Charakter, wechselnden Ansichten und unsicherem Urtheile, lebten. In seinen jüngeren Jahren war er gereist und hatte sich, wie die Leute meinten, bei jenen Reisen die Unentschlossenheit des Wesens angeeignet, welche ihn characterisirte. Seine Entschlüsse vorauszusagen war so schwer, wie das Wetter im Voraus zu bestimmen; Alles, was man mit einiger Sicherheit vorhersagen konnte, war, daß er sich bei seinen Handlungen von wohlwollenden Absichten leiten lassen und bei ihrer Ausführung möglichst wenig Geld ausgeben werde. Denn selbst Gemüther von der zähesten Unentschlossenheit hegen doch einige harte Gewohnheiten und man erzählt von einem Manne, der, von der äußersten Gleichgültigkeit gegen alle seine eigenen Interessen, nur seine Schnupftabaksdose mit argwöhnischer Wachsamkeit und eifersüchtiger Engherzigkeit hütete.
Herrn Brooke war die erbliche puritanische Energie offenbar abhanden gekommen; aber bei seiner Nichte Dorothea durchdrang dieselbe Alles, ihre Fehler und ihre Tugenden; diese Energie äußerte sich bisweilen als Ungeduld gegen die Reden ihres Onkels oder gegen seine Art, die Dinge auf seinem Gute gehen zu lassen, und ließ sie nur um so sehnlicher die Zeit ihrer Volljährigkeit herbeiwünschen, wo sie über einige Mittel zur Ausführung großherziger Lieblingspläne gebieten würde. Sie galt für eine Erbin; denn nicht nur, daß beide Schwestern von ihren Eltern jede eine Jahresrente von siebenhundert Pfund Sterl. geerbt hatten, sondern, falls Dorothea sich verheirathen und einen Sohn bekommen sollte, würde dieser Sohn Herrn Brooke's Gut erben, welches auf einen jährlichen Ertrag von dreitausend Pfund Sterl. geschätzt wurde. Eine solche Einnahme aber galt damals als Reichthum in den Augen der in der Provinz lebenden Familien, welche Robert Peels2 kürzliches Benehmen in Betreff der Katholiken-Emancipation discutirten, und noch keine Ahnung von der künftigen Entdeckung der Goldfelder und von jener prachtliebenden Plutokratie hatten, welche die Bedürfnisse eines fashionablen Lebens so maßlos steigern sollte.
Und warum sollte ein so schönes Mädchen mit so glänzenden Aussichten nicht heirathen? Nichts konnte sie daran hindern, als ihre Liebe zu Extremen und ihre entschiedene Neigung, das Leben nach Ideen zu gestalten, welche wol geeignet waren, einen vorsichtigen Mann stutzig zu machen, bevor er ihr seine Hand anböte, oder welche sie gar dahin bringen konnten, schließlich alle Anträge abzulehnen. Eine junge Dame von guter Herkunft und einigem Vermögen, welche gelegentlich an der Seite eines kranken Arbeiters plötzlich auf einem steinernen Fußboden niederkniete und inbrünstig betete, als ob sie sich in die Zeiten der Apostel zurückversetzt glaube, und welche die sonderbare Grille hatte, zu fasten wie eine Papistin und Nächte hindurch bei der Lectüre alter theologischer Schriften aufzusitzen, – bei einer solchen Frau hätte der Mann darauf gefaßt sein müssen, daß sie ihn eines schönen Morgens mit einem neuen Plane für die Verwendung ihres Vermögens aufwecken würde, der sich mit den Grundsätzen einer gesunden Nationalökonomie und dem Halten von Reitpferden schlecht vertragen möchte; jeder Mann würde sich voraussichtlich zweimal besinnen, bevor er das Wagniß einer solchen Verbindung unternähme. Man hielt damals dafür, daß Frauen schwache Gemüther haben müßten und betrachtete es als eine Gewähr für die Erhaltung der Gesellschaft und des Familienlebens, daß man nicht nach bestimmten Ansichten handele. Verständige Leute machten es wie ihre Nachbarn, so daß, wenn einzelne Irrsinnige frei herumliefen, man sie kennen und ihnen ausweichen konnte.
Die allgemeine Meinung der ländlichen Bevölkerung, selbst der kleinen Leute, sprach sich zu Gunsten Celia's aus, weil sie so liebenswürdig und freundlich sei, während die großen Augen der älteren Schwester, gleich ihrer religiösen Ueberzeugung etwas zu Ungewöhnliches und Auffallendes hätten. Die arme Dorothea! Im Vergleich zu ihr war die unschuldig aussehende Celia erfahren und weltklug; so wahr ist es, daß das Innere des Menschen unendlich viel feiner ist, als die äußere Erscheinung, die als eine Art von Zifferblatt des Innern betrachtet wird.
Und doch fanden die, welche sich Dorotheen mit dem durch jene Meinung hervorgerufenen Vorurtheil näherten, daß ihr Wesen einen unerklärlichen, mit jenem Vorurtheil unvereinbaren Reiz habe. Die meisten Männer fanden sie bezaubernd, wenn sie zu Pferde saß. Sie liebte die frische Luft und die Aussichten, die sich ihr bei weiteren Ausflügen darboten, und wenn ihre Augen und Wangen von verschiedenen angenehmen Empfindungen glühten, sah sie einer Frömmlerin sehr wenig ähnlich. Reiten war ein Vergnügen, das sie sich, gelegentlicher Gewissensscrupel ungeachtet, gestattete; sie fühlte, daß sie sich diesem Genusse mit einer heidnisch sinnlichen Empfindung hingab, und dachte immer daran, demselben zu entsagen.
Sie war offen, feurig und nicht im Mindesten von ihrem eigenen Werthe erfüllt; ja, es war anmuthig zu beobachten, wie ihre Einbildungskraft ihrer Schwester Celia viel größere Reize, als deren sie sich selbst erfreute, andichtete; und wenn einmal ein Herr aus einem anderen Grunde nach Tipton-Hof zu kommen schien, als um Herrn Brooke zu sehn, so hielt Dorothea es für ausgemacht, daß er in Celia verliebt sein müsse. So war es z. B. mit Sir James Chettam, bei welchem sie fortwährend daran dachte, ob es gut für Celia sein würde, seine Bewerbung anzunehmen. Ihn als einen Bewerber um ihre eigene Hand anzusehen, würde ihr als eine lächerliche Verkehrtheit erschienen sein. Dorothea hatte bei all ihrem eifrigen Streben, die Wahrheit des Lebens zu ergründen, sehr kindliche Ideen über die Ehe. Sie hielt sich überzeugt, daß sie dem scharfsinnigen Hooker3, wenn sie früh genug auf die Welt gekommen wäre, um ihn vor jenem unglücklichen Mißgriff, den er bei seiner Ehe beging, zu bewahren, oder John Milton nach seiner Erblindung, oder irgend einem anderen großen Manne, dessen sonderbare Gewohnheiten zu ertragen ihr als ein rühmlich frommes Werk erschienen wäre, die Hand gereicht haben würde. Aber wie konnte ein liebenswürdiger hübscher Baronet, der alle ihre Bemerkungen, selbst wenn dieselben der Unsicherheit ihres Urtheils Ausdruck gaben, mit einem »vollkommen richtig« beantwortete, ihr den Eindruck eines ernstlichen Bewerbers um ihre Hand machen? Als das Ideal einer Ehe erschien ihr die, in welcher ihr Gatte eine Art von väterlichem Freund sein würde, der sie, wenn sie es wünschen sollte, selbst im Hebräischen unterweisen konnte.
Diese Sonderbarkeiten in Dorotheen's Charakter ließen es den benachbarten Familien nur um so tadelnswerther erscheinen, daß Herr Brooke nicht eine Dame von mittleren Jahren als erfahrene Gesellschafterin für seine Nichten engagire. Aber er selbst fürchtete die Art von überlegenen Frauen, zu welchen eine für eine solche Stellung geeignete Dame muthmaßlich gehören würde, so sehr, daß er sich gern von Dorotheen's Einwänden bestimmen ließ und in diesem Falle den Muth hatte, dem Urtheil der Welt, d. h. dem Urtheil der Frau Cadwallader, der Gattin des Pfarrers, und der kleinen Gruppe von Landedelleuten im nordöstlichen Winkel von Loamshire, mit welchen er verkehrte, zu trotzen. Dorothea Brooke stand daher dem Haushalte ihres Onkels vor und fand an dieser neuen Würde mit den Huldigungen, welche derselben dargebracht wurden, Gefallen.
Heute sollte Sir James Chettam mit einem anderen Herrn, welchen die Mädchen noch nie gesehen hatten, welchem aber Dorothea mit einer verehrenden Erwartung entgegensah, auf Tipton-Hof zu Mittag essen. Das war der Ehrwürdige Edward Casaubon, welcher in der Grafschaft in dem Rufe eines Mannes von tiefer Gelehrsamkeit stand und von welchem man wußte, daß er seit vielen Jahren an einem großen Werke über Religionsgeschichte arbeite, ein Mann, dessen Wohlhabenheit seiner Frömmigkeit einen besondern Glanz verlieh und welcher eigenthümliche Ansichten hatte, über die man durch die Veröffentlichung seines Werkes genauere Aufschlüsse erhalten solle. Schon sein bloßer Name »Casaubonus« erweckte eine Vorstellung von Gelehrsamkeit, freilich nur bei denen, welche in der Gelehrtengeschichte bewandert waren.
Schon früh am Tage war Dorothea aus der Warteschule, die sie im Dorfe gegründet hatte, nach Hause zurückgekehrt und hatte ihren gewöhnlichen Platz in dem hübschen Wohnzimmer, welches zwischen den beiden Schlafzimmern der Schwestern lag, eingenommen, um der Beendigung der Pläne für einige Gebäude, deren Entwerfung ihre Lieblingsbeschäftigung ausmachte, obzuliegen, als Celia, welche sie schon eine Zeit lang mit der Absicht, ihr etwas vorzuschlagen, zaghaft beobachtet hatte, zu ihr sagte:
»Liebe Dorothea, wenn Du nichts dagegen hast, wenn Du nicht sehr beschäftigt bist, – was meinst Du, wenn wir uns heute einmal Mama's Juwelen ansähen und sie unter uns theilten. Es sind heute gerade sechs Monate her, seit Onkel sie Dir gegeben hat, und Du hast sie noch nicht einmal angesehen.«
Auf Celia's Zügen malte sich bei diesen Worten ein leiser Schatten von zürnendem Ausdruck, während das volle Hervorbrechen eines Vorwurfs durch eine zur Gewohnheit gewordene Ehrfurcht vor Dorotheen und ihren Grundsätzen zurückgehalten wurde, zwei Empfindungen, aus welchen eine unvorsichtige Berührung leicht einen geheimnißvollen electrischen Funken herausschlagen konnte. Zu Celia's Beruhigung blickte Dorothea freundlich lachend auf.
»Was Du für ein vortrefflicher kleiner Kalender bist, Celia! Sind es sechs Kalendermonate oder sechs Mondmonate?«
»Heute schreiben wir den letzten September, und wir schrieben den ersten April, als Onkel Dir die Juwelen gab. Du weißt, daß er damals sagte, er habe sie bisher vergessen. Ich glaube, Du hast seit jener Zeit, wo Du den Schmuck hier in den Schrank verschlossest, gar nicht wieder an denselben gedacht.«
»Nun, liebes Kind, wir dürften ja doch nie etwas davon tragen.«
Dorothea sprach diese Worte in einem vollen herzlichen Tone, mit einem halb zuthunlichen, halb erklärenden Ausdruck. Sie hatte ihren Bleistift in der Hand und zeichnete eben kleine Nebenpläne auf den Rand ihres Papiers.
Celia erröthete und sah sehr ernst aus. »Ich denke, liebe Dorothea, wir würden dem Andenken Mama's zu nahe treten, wenn wir die Juwelen weglegten und gar nicht beachteten. Und,« fügte sie zaudernd mit einem halbunterdrückten Seufzer hinzu, »Halsbänder sind etwas ganz Gewöhnliches, und selbst Madame Poinçon, die in einigen Dingen noch strenger war als Du, pflegte Schmuck zu tragen. Und im Himmel giebt es gewiß christliche Frauen, welche auf Erden Juwelen getragen haben.« Celia war sich einer gewissen geistigen Stärke bewußt, sobald sie sich einmal ernsthaft auf's Argumentiren verlegte.
»Du möchtest sie tragen?!« rief Dorothea, mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens und mit einer dramatischen Geberde, die sie eben jener Madame Poinçon, welche Schmuck zu tragen pflegte, abgesehen hatte. »Gewiß, laß sie uns hernehmen. Warum hast Du mir das nicht früher gesagt? Aber die Schlüssel, wo sind die Schlüssel?« Dabei preßte sie die Hände gegen die Seiten ihres Kopfes, als verzweifle sie an ihrem Gedächtnis.
»Hier sind sie,« erwiderte Celia, welche diese Auseinandersetzung lange geplant und vorbereitet hatte.
»Bitte, öffne die große Schublade des Schranks und nimm den Juwelenkasten heraus.«
Der Kasten stand bald genug offen vor ihnen und die verschiedenen Juwelen lagen wie ein buntes Blumenbeet an dem Tische vor ihnen ausgebreitet. Es war keine große Auswahl, aber einige von den Schmucksachen waren von wirklich seltener Schönheit; unter ihnen fielen zwei, ein Halsband von dunkelvioletten, höchst elegant in Gold gefaßten Amethysten und ein Kreuz von Perlen mit fünf Brillanten, sofort als die schönsten in die Augen. Dorothea nahm das Halsband in die Hand und band es ihrer Schwester um den Hals, den es fast so eng wie ein Armband umschloß; aber dieses enge Halsband paßte gerade zu dem Henriette-Marien-Styl4 von Celia's Kopf und Hals, und daß dem so war, konnte sie selbst in dem gegenüberstehenden Spiegel sehen.
»Siehst Du, Celia, das kannst Du mit Deinem weißen Mousselinekleide tragen. Aber das Kreuz paßt zu Deinen dunklen Kleidern.«
Celia bemühte sich, ein freudiges Lächeln zu unterdrücken.
»O Dora, das Kreuz mußt Du für Dich behalten.«
»Nein, nein, liebes Kind,« sagte Dorothea, indem sie mit der Hand eine nachlässig abwehrende Bewegung machte.
»Ja wohl, ja wohl, Du mußt; es würde Dir bei Deinem schwarzen Kleide gut stehen,« erwiderte Celia dringend. »Du kannst es getrost tragen.
»Nein, nicht um Alles in der Welt. Ein Kreuz ist das letzte, was ich als Schmuck tragen möchte.« Dabei durchfuhr Dorothea ein leichter Schauer.
»Dann findest Du es wohl sträflich von mir, es zu tragen,« entgegnete Celia unbehaglich.
»Nein, liebes Kind, nein,« sagte Dorothea, indem sie ihrer Schwester die Wange streichelte, »auch die Seelen haben ihre Physiognomie; was sich für die Eine schickt, schickt sich nicht für die Andere.«
»Aber vielleicht möchtest Du es um Mama's Willen behalten.«
»O nein, ich habe andere Dinge von Mama, ihren Kasten von Sandelholz, den ich so sehr liebe, – eine Menge anderer Dinge. Die Juwelen sollen alle Dir gehören, liebes Kind. Wir brauchen also darüber nicht länger zu verhandeln. Komm, nimm Dein Eigenthum zu Dir.«
Celia fühlte sich ein wenig verletzt. Es lag etwas von anmaßlicher Ueberlegenheit in dieser puritanischen Toleranz, die für das leichte Blut der weniger überspannten Schwester kaum minder empfindlich war als puritanische Verfolgungssucht.
»Aber wie kann ich Schmucksachen tragen, wenn Du, die ältere Schwester, nie dergleichen tragen willst?«
»Nein, Celia, es ist zu viel verlangt, daß ich Schmuck tragen soll, um Dir Gesellschaft zu leisten. Wenn ich ein solches Halsband tragen müßte, so würde mir zu Muthe sein, als wenn ich Ballet tanzen sollte. Alles würde sich mit mir im Kreise herumdrehen, und ich würde nicht mehr aufrecht stehen können.«
Celia hatte das Halsband wieder abgenommen und – sagte mit einiger Genugthuung: »Es würde für Deinen Hals etwas zu eng sein; etwas Herabhängendes würde besser für Dich passen.« Das aus allen Gesichtspunkten vollkommen Unpassende des Halsbandes für Dorothea ließ Celia dasselbe um so lieber annehmen. Dann öffnete sie einige Kasten mit Ringen, unter denen ein schöner Smaragd mit Diamanten um so prächtiger erglänzte, als die eben hinter einer Wolke hervorbrechende Sonne den Ring mit einem hellen Strahl beleuchtete.
»Wie schön diese Edelsteine sind,« sagte Dorothea, in welcher der Sonnenstrahl plötzlich neue Empfindungen erweckt zu haben schien. »Es ist sonderbar, wie tief wir von Farben wie von Gerüchen beeindruckt werden. Ich denke mir, darum kommen in der Offenbarung Johannis Edelsteine als Embleme der Seele vor. Sie muthen uns an, wie Bruchstücke des Himmels. Mir scheint, der Smaragd da ist der schönste von allen.«
»Und da,« sagte Celia, »ist ein Armband, das dazu paßt und welches wir vorhin gar nicht bemerkt haben.«
»Sie sind reizend,« sagte Dorothea, indem sie den Ring und das Armband über ihren Finger und ihr schön geformtes Handgelenk gleiten ließ und ihre Hand auf einer Höhe mit ihren Augen gegen das Fenster hielt. Gleichzeitig war sie innerlich bemüht, ihr Gefallen an den schönen Farben dadurch vor sich selbst zu rechtfertigen, daß sie dieselben in ihre mystisch religiöse Ekstase verwebte.
»Diese Steine würden Dir doch gefallen, Dorothea,« sagte Celia mit etwas zitternder Stimme, indem sie staunend zu bemerken glaubte, daß ihre Schwester nicht frei von Schwäche sei, während sie andererseits dachte, daß Smaragden für ihren Teint noch besser passen würden als Amethyste.
»Wenn Du auch sonst nichts willst, den Ring und das Armband mußt Du behalten. Aber sieh doch, auch die Achate sind sehr hübsch und haben etwas so Ruhiges.«
»Ja,« erwiderte Dorothea, »ich will diesen Ring und das «« IF Armband behalten.« – »Aber,« fuhr sie, indem sie ihre Hand auf den Tisch fallen ließ, in einem anderen Tone fort. »Was sind es doch für unglückliche Menschen, die solche Dinge auffinden und verkaufen.« Sie hielt abermals inne, und Celia dachte, ihre Schwester werde nun wieder auf die Schmucksachen verzichten, wie sie es consequenter Weise hätte thun müssen. »Ja, liebste Celia,« nahm Dorothea in einem ganz entschlossenen Tone wieder auf, »ich will diese beiden Sachen behalten; aber nimm alles Uebrige mitsammt dem Kasten an Dich.« Sie nahm ihren Bleistift wieder zur Hand, ohne jedoch die Juwelen, welche sie noch immer ansah, zu entfernen. Sie dachte daran, wie sie dieselben oft vor sich haben möchte, um ihre Augen an diesen kleinen Quellen reiner Farben zu weiden.
»Wirst Du die Sachen in Gesellschaft tragen?« fragte Celia, welche wirklich neugierig darauf war, was Dorothea damit thun würde. Diese warf ihrer Schwester einen raschen Blick zu. Durch all das verklärende Licht, in welchem ihre Phantasie ihr Alle erscheinen ließ, die sie liebte, fuhr doch bisweilen blitzartig ein scharfes Urtheil. Wenn Dorothea jemals zu einer vollkommenen Milde ihres Wesens gelangen sollte, so würde nicht Mangel an innerem Feuer diese Umwandlung bewirken.
»Vielleicht,« erwiderte sie in etwas hochmüthigem Tone. »Ich kann nicht voraussagen, wie tief ich noch einmal sinken werde.«
Celia erröthete und fühlte sich unglücklich. Sie sah, daß sie ihre Schwester verletzt hatte, und wagte es nicht einmal, etwas Freundliches über die ihr überlassenen Schmucksachen zu sagen, sondern legte dieselben schweigend wieder in den Kasten und nahm sie fort.
Dorothea ihrerseits fühlte sich gleichfalls unglücklich, als sie wieder an ihren Bauplänen zeichnete, indem sie sich zweifelnd fragte, ob ihre Gefühle und ihre Worte bei dem Auftritte, dem jener kleine Zornesausbruch ein Ende gemacht hatte, ganz rein gewesen seien.
Celia's Bewußtsein sagte ihr, daß sie durchaus nicht im Unrecht gewesen sei; es war ganz natürlich und durchaus zu rechtfertigen, daß sie jene Frage gethan hatte, und sie fand noch immer, daß Dorothea inconsequent sei: entweder hätte sie ihren vollen Antheil an den Juwelen für sich nehmen oder nach der Art, wie sie sich geäußert hatte, ganz auf dieselben verzichten müssen.
»Ich wenigstens glaube zuversichtlich,« sagte sich Celia, »daß das Tragen eines Halsbandes mich nicht in meinen Gebeten stören wird und ich sehe nicht ein, warum ich mich jetzt, wo wir Gesellschaften besuchen werden, durch Dorotheen's Ansichten gebunden fühlen sollte, wenn sie selbst auch natürlich durch dieselben gebunden ist. Aber Dorothea ist nicht immer consequent.« Das waren Celien's Gedanken, als sie den Kopf auf ihre Stickerei gesenkt wieder dasaß, bis sie sich von ihrer Schwester gerufen hörte.
»Komm, Kitty, sieh Dir einmal meinen Plan an; ich werde mich für eine große Architectin halten, wenn ich nicht unmögliche Treppen und Kamine angelegt habe.«
Als Celia sich, dieser Aufforderung entsprechend, über das Blatt neigte, lehnte Dorothea liebkosend ihre Wange an den Arm ihrer Schwester. Celia verstand den Sinn dieser Liebkosung. Dorothea hatte eingesehen, daß sie Unrecht gehabt habe, und Celia verzieh ihr. So lange sie denken konnte, hatte in der Stimmung Celia's gegen ihre ältere Schwester eine Mischung von Ehrfurcht und Kritik gelegen. Die jüngere Schwester hatte stets ein Joch getragen; aber es giebt kein Geschöpf, welches ein Joch trüge, ohne wenigstens in seinen Ansichten seine Freiheit zu behaupten.
Das Motto zu Kapitel 2:
Mit Sir Humphrey Davy[3],« sagte Herr Brooke bei der Suppe in seiner behaglich lächelnden Weise, indem er an die Bemerkung Sir James Chettam's, daß er mit dem Studium von Davy's Agriculturchemie beschäftigt sei, anknüpfte, »mit Sir Humphrey Davy habe ich vor Jahren bei Cartwright gegessen, und Wordsworth5 war auch da – Sie wissen der Dichter Wordsworth. Das war nun sonderbar. Ich hatte zugleich mit Wordsworth in Cambridge studirt und hatte ihn dort nie getroffen, und nun saß ich zwanzig Jahre später bei Cartwright mit ihm zu Mittag. Es passiren doch oft eigenthümliche Dinge! Also Davy war da, und er war auch ein Dichter; oder, richtiger würde ich wol sagen: Wordsworth war der Poet Nummer eins und Davy der Poet Nummer zwei. Das ist in jedem Sinne wahr.«
Dorothea fühlte sich bei diesen Reden ihres Onkels noch etwas unbehaglicher als gewöhnlich. Gerade im Anfang des Mittagessens bei einer so kleinen Gesellschaft, wo es noch still im Zimmer war, machten sich die Ergüsse des Herrn Brooke gar zu bemerklich. Sie fragte sich, wie wol solche Trivialitäten auf einen Mann, wie Herrn Casaubon wirken müßten. Sein Wesen machte ihr einen sehr würdigen Eindruck. Sein stahlgraues Haar und seine tiefen Augenhöhlen ließen ihn dem Porträt Locke's6 ähnlich erscheinen. Seine Magerkeit und seine Blässe verkündeten den Gelehrten. Alles in Allem bildete er den schärfsten Gegensatz zu Sir James Chettam, welcher ein echter Repräsentant der Gattung blühender, rothbärtiger Engländer war.
»Ich studire die Agriculturchemie,« sagte der vortreffliche Baronet, »weil ich im Begriff stehe, die Bewirthschaftung eines meiner Pachthöfe selbst zu übernehmen, um zu sehen, ob ich nicht durch Herstellung einer Musterwirthschaft auf meine Pächter wirken kann. Halten Sie das für richtig, Fräulein Brooke?«
»Sehr verkehrt, Chettam,« schaltete Herr Brooke ein. – »Ich halte es für ganz verkehrt, Ihre Electricität und mehr dergleichen Geschichten in Ihren Boden hinein zu practiciren und einen Salon aus ihrem Kuhstall zu machen. Ich thue so etwas nicht. Ich habe mich seiner Zeit selbst sehr viel mit der Wissenschaft beschäftigt, aber ich habe eingesehen, daß die Sache nicht geht. Wenn man einmal mit dem Experimentiren anfängt, so ist gar kein Ende abzusehen. Nein, nein, achten Sie nur darauf, daß Ihre Gutsleute Ihr Stroh nicht verkaufen und was dergleichen mehr ist; und geben Sie ihnen Drainir-Röhren, wissen Sie. Aber mit Ihrer Musterwirthschaft ist es nichts, das ist das theuerste Spielzeug, das Sie sich anschaffen können; dafür können Sie sich eine Meute Hunde halten.«
»Es ist aber doch sicherlich besser,« bemerkte Dorothea, »Geld für Versuche auszugeben, die man anstellt, um zu erproben, wie die Menschen den Boden, der sie Alle ernährt, am ergiebigsten machen können, als für Hunde und Pferde, die diesen Boden nur zerstampfen. Es ist keine Sünde, sich bei der Anstellung von Versuchen zum Wohle Aller arm zu machen.«
Sie drückte sich energischer aus, als man es von einer so jungen Dame erwartet haben würde, aber Sir James hatte sich ja direkt an sie gewendet. Er that das gewöhnlich, und sie hatte schon oft daran gedacht, daß sie ihn zu vielen guten Handlungen würde bewegen können, wenn er erst ihr Schwager wäre.
Herr Casaubon heftete seine Blicke sehr fest auf Dorothea, während sie sprach, und schien sie auf's Neue zu beobachten.
»Junge Damen verstehen nichts von Nationalökonomie, wissen Sie,« sagte Herr Brooke, indem er Herrn Casaubon zulächelte. »Ich erinnere mich noch sehr wohl der Zeit, wo wir Alle Adam Smith lasen, das ist ein Buch! Ich nahm seiner Zeit alle die neuen Ideen in mich auf, die menschliche Vervollkommnungsfähigkeit, wissen Sie. Aber Einige behaupten, daß die Geschichte einen Kreislauf beschreibe, eine Behauptung, für welche sich gewiß sehr viel sagen läßt. Ich habe mich selbst zu dieser Ansicht bekannt. Die menschliche Vernunft läßt uns wirklich gar zu leicht über das Ziel schießen, wirklich gar zu leicht. Ich habe mich auch seiner Zeit zu weit von ihr hinreißen lassen, aber ich sah ein, daß es damit nicht geht, ich zog die Zügel noch rechtzeitig an, aber nicht zu heftig. Ich bin immer ein Freund von ein wenig Theorie gewesen. Wir können die Ideen nicht entbehren, sonst würden wir uns bald wieder in die finsteren Zeitalter zurückversetzt sehen. Aber da wir einmal von Büchern reden. Da ist ›Southey's Krieg in Spanien‹. Ich lese das des Morgens. Kennen Sie Southey?«
»Nein,« antwortete Herr Casaubon, welcher mit Herrn Brooke's sprudelndem Vortrag nicht Schritt zu halten vermochte und nur an das Buch dachte. »Es fehlt mir gerade jetzt an Muße für die Lektüre derartiger Bücher. Ich habe meine Augen letzthin bei der Entzifferung von alten Lettern sehr anstrengen müssen und suche jetzt einen Vorleser für die Abende, aber ich habe ein sehr empfindliches Ohr und würde es nicht ertragen können, mir mangelhaft vorlesen zu lassen. Das ist in mehr als einer Beziehung ein Unglück für mich; es macht auch, daß ich zu viel grüble und mich zu viel mit der Vergangenheit beschäftige. Mein Geist gleicht gewissermaßen dem abgestorbenen Geist eines Alten, der die Welt durchwandert und sie trotz aller Ruinen und verwirrenden Veränderungen zu reconstruiren sucht, wie sie einstmals war. – Aber ich bin auf die äußerste Schonung meiner Sehkraft angewiesen.«
Es war das erste Mal, daß Herr Casaubon sich etwas ausführlicher ausgesprochen hatte. Er drückte sich mit großer Präcision aus, wie wenn er aufgefordert wäre, öffentlich etwas zu constatiren; seine wohlerwogene monotone Redeweise, welche er mit einer gleichmäßigen Kopfbewegung begleitete, frappirte um so mehr, als sie den schärfsten Gegensatz zu der unordentlich abspringenden Manier des guten Herrn Brooke bildete. Dorothea dachte bei sich, Herr Casaubon sei der interessanteste Mann, der ihr noch je vorgekommen, selbst Herrn Liret, einen Waadtländischen Geistlichen, welcher in Lausanne Vorlesungen über die Waldenser gehalten hatte, nicht ausgenommen. Eine vergangene Welt im Hinblick auf die höchsten Zwecke der Wahrheit zu reconstruiren – das war eine Arbeit, bei welcher zugegen und, – wäre es auch nur durch das Halten der Lampe – behülflich sein zu dürfen, des höchsten Preises werth erschien.
Dieser erhebende Gedanke brachte sie auch über den Verdruß hinweg, den es ihr bereitete, mit ihrer Unwissenheit in der Nationalökonomie, dieser unergründlichen Wissenschaft, welche wie ein Auslöscher auf ihr ganzes geistiges Bewußtsein wirkte, geneckt zu werden.
»Sie reiten gern, Fräulein Brooke,« sagte Sir James gleich darauf, bei einer sich darbietenden Gelegenheit. »Ich hatte gehofft, Sie würden auch an dem Vergnügen der Jagd Geschmack finden. Wollen Sie mir nicht erlauben, Ihnen meinen Braunen zu schicken, um ihn einmal zu versuchen? Er ist darauf trainirt, von Damen geritten zu werden. Vorigen Sonnabend sah ich Sie die Anhöhe auf einem Gaule hinanreiten, der Ihrer nicht würdig war. Mein Reitknecht kann Ihnen den Corydon jeden Tag herbringen, wenn Sie nur die Güte haben wollen, die Zeit zu bestimmen.«
»Ich danke Ihnen, Sie sind sehr gütig. Aber ich will das Reiten ganz aufgeben. Ich will gar nicht mehr reiten,« erwiderte Dorothea, die sich zu diesem brüsken Entschluß durch einen kleinen Verdruß darüber gedrängt fühlte, daß Sir James es versuchte, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, während sie dieselbe ganz Herrn Casaubon zuzuwenden wünschte.
»Nein, das wäre zu hart,« entgegnete Sir James in einem Tone des Vorwurfs, der von einem lebhaften Interesse zeugte. »Ihre Schwester gefällt sich in Selbstquälerei, nicht wahr?« fuhr er fort, indem er sich an Celia wandte, welche an seiner rechten Seite saß.
»Ich glaube ja,« antwortete Celia, mit allerliebstem Erröthen ängstlich besorgt, nichts zu sagen, was ihrer Schwester nicht angenehm sein möchte. »Sie liebt es, Dinge aufzugeben.«
»Wenn das wahr wäre, Celia, so wäre ja mein Aufgeben eine Nachgiebigkeit gegen mich selbst und keine Selbstquälerei. Aber es kann sehr gute Gründe geben, sich zu entschließen, etwas sehr Angenehmes nicht zu thun,« sagte Dorothea.
Zu gleicher Zeit sprach auch Herr Brooke; aber Herr Casaubon war augenscheinlich ganz in die Beobachtung Dorotheen's vertieft, was dieser keineswegs entging.
