Middlemarch - George Eliot - E-Book

Middlemarch E-Book

George Eliot

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Beschreibung

In "Middlemarch" entführt George Eliot die Leser in das fiktive britische Städtchen Mitteldmarch zur Zeit der Reformgesetze der 1830er Jahre. Mit präziser Beobachtungsgabe und einem fließenden, psychologisch nuancierten Stil zeichnet Eliot das Bild einer Gesellschaft im Umbruch. Sie beleuchtet die Leben und Bestrebungen ihrer Protagonisten, die in einem Netzwerk aus Ambitionen, sozialen Konventionen und moralischen Dilemmata gefangen sind. Die meisterhaft konstruierten Charaktere spiegeln die komplexe Wechselwirkung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichem Druck wider und machen das Werk zu einem zeitlosen Klassiker der englischen Literatur. George Eliot, bürgerlich Mary Anne Evans, war eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des viktorianischen Zeitalters. Ihr fundiertes Wissen in Philosophie, Literatur und Wissenschaft prägte ihren literarischen Ansatz, der Intellekt mit Empathie vereint. Eliot, selbst eine progressive Frau, setzte sich zeitlebens für soziale Reformen und die Rechte der Frauen ein, was in den Themen und Charakteren von "Middlemarch" deutlich wird. Dieses Werk reflektiert nicht nur Epochenwandel, sondern auch die innere Zerrissenheit vieler Menschen, die nach einem Platz in der Gesellschaft streben. "Middlemarch" ist nicht nur ein Porträt einer Stadt, sondern eine tiefgründige Untersuchung des menschlichen Schicksals und der sozialen Dynamik. Leserinnen und Leser, die an den komplexen Beziehungen des Lebens und den Herausforderungen der damaligen Zeit interessiert sind, werden von diesem Buch sowohl intellektuell als auch emotional bereichert. Ein unverzichtbares Werk, das die Grenzen von Zeit und Raum überwinden kann und auf jede Generation von Lesenden anregend wirkt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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George Eliot

Middlemarch

Bereicherte Ausgabe. Ein Meisterwerk der viktorianischen Literatur, das die Gesellschaft einer Kleinstadt schonungslos offenlegt
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547789352

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Middlemarch
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Idealismus trifft auf die Widerstände einer kleinen Gemeinschaft. Middlemarch eröffnet eine Welt, in der hochfliegende Erwartungen an sich selbst und an die Gesellschaft unweigerlich an die Reibungen des Alltags, an Gewohnheit, Konvention und Interessen stoßen. Das Buch beobachtet, wie Menschen in einer engen sozialen Ordnung nach Sinn und Wirkung streben, und wie selbst gut gemeinte Entscheidungen unerwartete Folgen haben können. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich ein subtiler Konflikt: die Kluft zwischen Vision und Machbarkeit. Daraus gewinnt der Roman seine anhaltende Spannung, seine Genauigkeit der Beobachtung und seine leise, doch unerbittliche moralische Neugier.

Middlemarch: A Study of Provincial Life erschien 1871–1872 in acht Fortsetzungen und stammt von George Eliot, dem Pseudonym der englischen Schriftstellerin Mary Ann Evans. Das Werk spielt Ende der 1820er und zu Beginn der 1830er Jahre in einem fiktiven Provinzstädtchen in den Midlands, vor dem Hintergrund politischer Reformdebatten und gesellschaftlichen Wandels. Eliot verbindet historische Weite mit genauer Alltagsbeobachtung, um ein komplexes Bild einer Gemeinschaft zu zeichnen. Zugleich eröffnet der Roman Fragen nach persönlicher Verantwortung, sozialer Zugehörigkeit und den Grenzen individueller Freiheit, die über die dargestellte Epoche hinausweisen und eine bemerkenswerte Gegenwärtigkeit entfalten.

Im Mittelpunkt steht eine Gruppe unterschiedlicher Figuren, deren Wege sich in Middlemarch kreuzen. Eine junge Frau sucht eine Lebensaufgabe, die ihrem Idealismus entspricht; ein ehrgeiziger Arzt möchte die medizinische Praxis reformieren; Familien manövrieren durch Erwartungen, Erbschaften und Reputation. Freundschaften, Bündnisse und Missverständnisse prägen den Ort ebenso wie die stillen Entscheidungen, die das private und öffentliche Leben lenken. Ohne große Gesten zeigt der Roman, wie kleine Bewegungen große Konsequenzen haben. Diese Ausgangslage genügt, um die Fülle an Beziehungen und Möglichkeiten zu entfalten, aus der das Buch sein erzählerisches Geflecht und seine moralische Komplexität gewinnt.

Als Klassiker gilt Middlemarch nicht wegen einzelner Effekte, sondern durch seine Gesamtkunst: ein weiter erzählerischer Horizont, psychologische Genauigkeit und eine Haltung, die Kritik mit Mitgefühl verbindet. Der Roman führt vor, wie das Individuum in ein Netz aus Institutionen, Gewohnheiten und Geschichten eingebettet ist. Dabei vermeidet er scharfe Trennlinien zwischen Tugend und Irrtum und zeigt, dass Handeln oft aus gemischten Motiven entspringt. Diese nuancierte Sicht hat den Maßstab für den realistischen Roman des 19. Jahrhunderts mitgeprägt und ist bis heute ein Referenzpunkt für literarische Darstellungen sozialer Komplexität.

Eliots Einfluss wirkt in der Literaturgeschichte anhaltend fort. Middlemarch demonstriert, wie sich mehrere Handlungsstränge organisch verschränken lassen, ohne die Einheit des Ganzen zu verlieren. Der Roman verfeinert die Technik der erlebten Rede und erweitert die Möglichkeiten des allwissenden Erzählens, indem es innere Regungen, öffentliche Meinungen und historische Kräfte in einem Fluss zusammenführt. Damit bot er ein Modell für psychologisch dichte, gesellschaftlich wache Prosa. Die Idee, dass die Darstellung eines Ortes zugleich eine Studie über Bindungen, Abhängigkeiten und Chancen ist, prägt zahlreiche spätere Romane und kritische Lesarten.

Die Erzählweise verbindet analytische Klarheit mit ethischer Zartheit. Eine reflektierende Erzählinstanz ordnet Geschehnisse ein, schlägt gedankliche Brücken zwischen Figuren und lädt dazu ein, Perspektiven zu wechseln. Dadurch entsteht ein Blick, der weder zynisch noch sentimental ist. Ironie dient nicht der Demütigung, sondern der Erkenntnis. Gleichzeitig sind die Übergänge zwischen Innen- und Außenwelt fließend: Was die Gemeinschaft denkt, formt das Ich, und umgekehrt. Dieser Stil ermöglicht es, Privates und Politisches untrennbar zu zeigen und das Gespür des Lesers für Ursachen, Nebenfolgen und moralische Tonlagen zu schärfen.

Thematisch entfaltet Middlemarch ein Panorama der großen Fragen des Alltags: Welche Ehe, welcher Beruf, welche Loyalitäten entsprechen einem guten Leben? Wie lassen sich Wahrheitssuche und soziale Verpflichtungen vereinbaren? Der Roman prüft Ideal und Kompromiss, Pflicht und Verlangen, Aufbruch und Beharrung. Zentral ist die Vorstellung, dass selbstredende Normen auf den Prüfstand gehören, weil sie Menschen hemmen oder verzerren können. Zugleich zeigt das Buch, wie notwendig tragfähige Bindungen sind, um Wandel zu ermöglichen. So entsteht ein Ethos der Verantwortlichkeit, das ohne Predigt auskommt und doch handlungsleitend wirkt.

Historisch verankert ist die Handlung in einer Zeit der Reformen, in der medizinische, politische und wirtschaftliche Entwicklungen die Provinz erreichen. Debatten um Repräsentation, berufliche Standards und Gemeinwohl strahlen in private Entscheidungen. Kredit, Handel und öffentliche Meinung erlauben Chancen und erzeugen Risiken. Das Buch zeichnet nach, wie Innovationen Hoffnung wecken und Widerstände mobilisieren. Gerade weil die Bühne provinziell ist, sind die Prozesse deutlich sichtbar: die Zirkulation von Gerüchten, die Kraft von Patronage, das Gewicht institutioneller Trägheit. Diese Strukturen geben der Geschichte ihren realistischen Grund und ihrer Moral ihren Ernst.

Sprachlich arbeitet Eliot mit Bildern des Gewebes und der Verkettung, um die Vernetztheit menschlicher Lebensläufe zu zeigen. Präzise Details – eine Geste, eine Stube, ein Tonfall – verbinden sich mit übergreifenden Reflexionen zu Charakter, Gesellschaft und Geschichte. Daraus entsteht eine Prosa, die ebenso anschaulich wie gedanklich anregend ist. Der Roman lädt dazu ein, langsam zu lesen, Zusammenhänge zu bemerken und Urteile zu justieren. Gerade durch diese Sorgfalt entfaltet sich ein nachhaltiger Effekt: Man versteht die Figuren nicht durch ein Etikett, sondern durch die Muster ihrer Entscheidungen.

Die Figuren sind weder bloße Typen noch reine Ausnahmen; sie sind Menschen mit Grenzen und Möglichkeiten. Middlemarch präsentiert sie mit Fehlern, Blindheiten und Hoffnungen, die den Leser zur Anteilnahme herausfordern. Das Werk erprobt eine Ethik der Sympathie, die nicht mit Zustimmung verwechselt werden darf: Verstehen heißt nicht Verharmlosen. Indem der Roman zeigt, wie Motive entstehen und sich verfestigen, lehrt er, vorschnelle Zuschreibungen zu vermeiden. Diese Haltung prägt das Leseerlebnis und bildet zugleich ein Argument für die Literatur selbst als Schule der Aufmerksamkeit gegenüber anderen.

Für heutige Leserinnen und Leser ist Middlemarch aus mehreren Gründen relevant. Es reflektiert, wie Reformen konkret werden – in Praktiken, in Konflikten, in Geduld. Es zeigt, wie öffentliche Diskurse private Beziehungen prägen und wie institutionelle Zwänge kluge Vorhaben bremsen können. Viele Fragen bleiben vertraut: die Suche nach sinnvoller Arbeit, die Aushandlung von Partnerschaft, die Verantwortung von Wissen, der Umgang mit öffentlicher Meinung. Der Roman bietet keine Patentrezepte; er sensibilisiert für Wirkzusammenhänge. Darin liegt seine Modernität: Er macht die Komplexität erträglich, indem er sie verständlich ordnet.

Die zeitlosen Qualitäten des Buches – moralische Tiefe, soziale Weitsicht, erzählerische Eleganz – erklären seine anhaltende Wirkung. Als Studie eines Ortes ist es zugleich eine Studie des Menschlichen. Wer Middlemarch liest, betritt ein lebendiges Archiv von Entscheidungen, Beziehungen und Ideen, das die eigene Urteilskraft schärft. Die Lektüre lohnt sich heute, weil sie Gelassenheit mit Genauigkeit, Ambition mit Maß und Kritik mit Mitgefühl verbindet. Der Roman bleibt ein Begleiter in Zeiten des Wandels: Er zeigt, wie man groß denkt, ohne die kleinen Wirklichkeiten aus dem Blick zu verlieren.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Middlemarch, 1871–72 veröffentlicht, ist George Eliots weitreichender Roman über eine englische Provinzstadt zu Beginn der 1830er Jahre. In ineinander verschlungenen Handlungssträngen zeichnet das Buch das soziale, politische und moralische Gefüge einer Gemeinschaft im Umbruch. Es geht um Idealismus und Ehrgeiz, um die Reibung zwischen persönlichem Wunsch und gesellschaftlicher Erwartung sowie um die unscheinbaren Kräfte, die Biografien lenken. Der historische Hintergrund der Reformbewegungen bildet den Resonanzraum, in dem private Entscheidungen öffentliche Bedeutung erhalten. Die Erzählung folgt mehreren Figuren, deren Wege sich berühren, verfehlen oder verketten und so ein Panorama der Möglichkeiten und Beschränkungen des Lebens in Middlemarch entwerfen.

Im Mittelpunkt steht Dorothea Brooke, eine junge Frau von ernstem Idealismus und dem Wunsch nach sinnvollem Wirken. Sie sehnt sich nach geistiger Arbeit und sozialem Nutzen, sieht in der Verbesserung von Landgütern und Bildungsprojekten eine Berufung. Von dieser Hoffnung getragen, heiratet sie den viel älteren Gelehrten Edward Casaubon, in der Erwartung, an einem großen Werk mitzuwirken. Bald jedoch treten Spannungen zwischen ihrer praktischen Energie und seiner verschlossenen Gelehrsamkeit zutage. Dorotheas Suche nach einem Lebenszweck wird zur Prüfung ihrer Selbstständigkeit, denn das Gefälle aus Autorität, Anerkennung und Nähe legt die Grenzen einer Ehe offen, die auf Ideen statt auf Verständnis gründet.

Parallel dazu kommt der junge Arzt Tertius Lydgate nach Middlemarch, entschlossen, moderne wissenschaftliche Methoden einzuführen und das neue Krankenhaus zu prägen. Seine berufliche Mission stößt auf traditionelle Gewohnheiten und lokale Interessen, findet aber zunächst Mäzene und Bewunderer. Lydgate begegnet Rosamond Vincy, deren Anmut und gesellschaftliche Ambitionen ihn anziehen. Aus persönlicher Bindung erwachsen Entscheidungen, die seine Unabhängigkeit im Beruf berühren. Die Verbindung von Reformwillen, Selbstbild und Statusfragen wird zum Spannungsfeld, in dem Lydgate lernen muss, wie schwer es ist, Prinzipien gegen Erwartungen und Bequemlichkeiten zu behaupten, besonders wenn Anerkennung, Kredite und Loyalitäten ineinander greifen.

Eine weitere Achse bildet Will Ladislaw, Casaubons jüngerer Verwandter, mit künstlerischem Temperament und liberalen Ansichten. Als Außenseiter im lokalen Establishment bewegt er sich zwischen Journalismus, Politik und Freundschaften, die Misstrauen wecken. Sein offener Sinn findet in Dorothea Verständnis, was die Kälte in Casaubons Haushalt verschärft und die Stadt zu Getuschel anstachelt. In den Debatten um Reformen spiegelt sich ein Generationswechsel, und Ladislaws unkonventionelle Haltung macht ihn zum Prüfstein für Loyalitäten. Das Geflecht aus Bewunderung, Stolz und verletzter Autorität treibt Konflikte voran, deren Ausgang sowohl private Bindungen als auch öffentliche Stellung berühren könnte.

Zwischen den größeren Ambitionen entfaltet sich die Geschichte von Fred Vincy und Mary Garth. Fred, charmant, aber unbeständig, ringt mit Schulden, Berufswahl und dem Wunsch, Marys Achtung zu gewinnen. Mary, geprägt von Pflichtgefühl und klarem Urteil, ist von der Integrität ihres Vaters Caleb beeinflusst und fordert Verlässlichkeit statt Versprechen. Ein missglücktes finanzielles Vorhaben bringt Familien in Verlegenheit und zwingt Fred, die Konsequenzen seiner Leichtfertigkeit zu tragen. Dieser Handlungsstrang zeigt, wie Charakterbildung durch Arbeit, Verantwortung und Geduld entsteht und wie wirtschaftliche Zwänge Entscheidungen formen, lange bevor romantische Wünsche erfüllt oder enttäuscht werden.

Casaubons Gelehrtenprojekt, einst Dorotheas Hoffnung, erweist sich als endloser Plan ohne sichtbaren Abschluss. Körperliche Schwäche und innere Abschottung vertiefen die Distanz in der Ehe, während Dorothea nach Wegen sucht, hilfreich zu sein, ohne sich selbst zu verleugnen. Ein markanter Wendepunkt entsteht, als Casaubon versucht, zukünftige Entscheidungen in Dorotheas Leben rechtlich zu beeinflussen, getrieben von Misstrauen und Eifersucht. Dorothea steht vor der Aufgabe, Pflichterfüllung, Mitgefühl und das Recht auf eigene Urteilsbildung miteinander zu versöhnen. Die Frage, wie weit Loyalität gehen darf, bevor sie zur Selbstaufgabe wird, rückt ins Zentrum ihres inneren Konflikts.

Lydgates beruflicher Idealismus gerät zunehmend in Konflikt mit finanzieller Realität und ehelichen Erwartungen. Rosamonds Sinn für Komfort und gesellschaftliches Ansehen kollidiert mit seinem Bedürfnis nach Sparsamkeit, während lokale Widerstände seine Reformen ausbremsen. Als der einflussreiche Bankier Nicholas Bulstrode als Förderer und Gegenspieler hervortritt, verbinden sich Medizin, Geld und Moral. Aus Bulstrodes Vergangenheit dringen belastende Informationen in die Stadt und ziehen das Krankenhaus in einen Skandal. Lydgate sieht seine Unabhängigkeit und seinen Ruf bedroht und muss entscheiden, wie kompromissbereit er sein kann, ohne sein Selbstverständnis preiszugeben. Dabei verschieben sich Freundschaften, Allianzen und das Urteil der Öffentlichkeit.

Der politische Hintergrund verdichtet sich in Wahlkämpfen und Diskussionen um das Reformgesetz. Mr. Brooke, Dorotheas Onkel, versucht sich in der Politik und erfährt die Tücken öffentlicher Selbstdarstellung. Ladislaw engagiert sich publizistisch und politisch, was ihn in neue Kreise führt und alte Spannungen vertieft. Dorothea sucht derweil praktische Wege gesellschaftlichen Nutzens und gerät zugleich in ein fein gesponnenes Netz aus Erwartungen und Verdächtigungen. In der aufgewühlten Stadt werden private Entschlüsse öffentlich kommentiert, und moralische Fragen schlagen in Handlungen um. Die Figuren stehen an Schwellen, an denen Treue, Mut und Maßhaltung über zukünftige Möglichkeiten entscheiden.

Am Ende bleibt Middlemarch als vielstimmiges Bild davon, wie Leben durch Beziehungen, Zufälle und Prinzipien geformt wird. Der Roman zeigt die Kraft und Begrenzung von Idealismus in einer Welt, die Kompromisse verlangt, und betont, dass die Wirkung einzelner Handlungen oft unsichtbar bleibt, obwohl sie Biografien nachhaltig prägt. Ohne einfache Belohnungen oder Strafen zu verteilen, lädt die Erzählung dazu ein, die Komplexität von Motiven und die Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen ernst zu nehmen. So gewinnt das Werk seine bleibende Bedeutung als Studie des Zusammenlebens, in der das unspektakuläre Gute die Grundlage für Wandel und Würde bildet.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Middlemarch spielt in einer fiktiven Provinzstadt der englischen Midlands, zeitlich verankert um 1829 bis 1832. Dominant sind Landadel, anglikanische Kirche und die engen Strukturen der Borough-Verfassungen. Macht beruht auf Grundbesitz, Patronage und lokalen Ausschüssen, die Ämter und Ressourcen verteilen. Armenfürsorge folgt noch den Regeln des „alten“ Poor Law; Gemeindekassen und Pfarreien bestimmen Unterstützungsformen. Bildungseinrichtungen, Hospitäler und Wohltätigkeitsvereine hängen von privaten Subskriptionen ab, wodurch lokale Eliten Einfluss sichern. Dieser Rahmen bedingt die sozialen Erwartungen an Geistliche, Gutsbesitzer, Kaufleute und aufstrebende Berufsstände, deren Interaktionen Eliot in einem dicht gewebten Netz wechselseitiger Verpflichtungen und Rivalitäten darstellt.

Politisch stehen die Jahre vor dem Reform Act von 1832 im Zeichen heftiger Debatten über Repräsentation, Bestechung und „faule Boroughs“. Wahlkämpfe sind lokal verwurzelt, aber von nationalen Reformwellen erfasst. Die Reformbewegung mobilisiert bürgerliche Kräfte, Handwerker und Teile des Adels; in Städten wie Bristol kam es 1831 zu Unruhen. Middlemarch spiegelt diese Atmosphäre: Wahlkomitees, Parolen und Loyalitäten prägen Geschäftsbeziehungen und Vereinsämter. Die Figurengruppen bewegen sich in einem System, in dem Stimmenkauf, Gastmähler und Patronage üblich sind. Eliot nutzt das Setting, um die Ambivalenz der Reformbegeisterung zu zeigen: moralische Rhetorik trifft auf althergebrachte Tauschbeziehungen und lokale Machtkalküle.

Soziale Hierarchien strukturieren das Provinzleben: Gentry und Großbauern wahren Distanz, die Geistlichkeit vermittelt Normen, Kaufleute und Fabrikanten gewinnen an Einfluss, während Arbeiter und Dienstboten wenig Mitspracherecht haben. Aufstrebende Fachleute – Ärzte, Anwälte, Ingenieure – suchen Anerkennung neben dem ererbten Status der Grundbesitzer. Dieses Spannungsfeld prägt Heiratspolitiken, Pachtverträge und Vereinsmitgliedschaften. Eliot zeigt, wie Reputation und „Respektabilität“ Karrieren fördern oder blockieren. Die Provinz ist kein statisches Gefüge, sondern ein Raum langsamer Durchlässigkeit, in dem Herkunft, Bildung und Kapital miteinander konkurrieren. Middlemarch kartiert die Übergangszonen zwischen traditioneller Deferenz und bürgerlicher Leistungsnorm.

Ökonomisch erlebt das Königreich den Übergang von einer agrarisch geprägten Ordnung zu kommerziell-industrieller Dynamik. In den Midlands expandieren Textil- und Metallgewerbe; regionale Märkte verbinden Stadt und Land enger. Das Kreditwesen ist volatil: Nach der Finanzpanik von 1825 und Reformen von 1826 entstehen außerhalb Londons Joint-Stock-Banken, während ländliche Privatbanken fragil bleiben. Diese Struktur schafft Chancen für Investitionen, aber auch Raum für Abhängigkeiten und moralische Risiken. Middlemarch thematisiert die Macht lokaler Bankiers und die Verwundbarkeit von Gewerbe und Landpächtern gegenüber Kreditklemmen – ein Spiegel der realen Unsicherheiten provinzieller Kapitalströme.

Das medizinische Feld um 1830 ist in Reform und Konflikt. Zuständigkeiten von Ärzten, Chirurgen und Apothekern sind unscharf; die Professionen ringen um Standards und Ansehen. Britische Mediziner übernehmen schrittweise kontinentale Errungenschaften wie pathologische Anatomie und das Stethoskop (seit den 1810er/20er Jahren verbreitet), während die Institutionen träge bleiben. Der Anatomy Act von 1832 schafft eine umstrittene, aber legale Grundlage für Leichenzugang zu Lehrzwecken. In Middlemarch verkörpert ein junger Arzt den Drang zu wissenschaftlicher Erneuerung und Verwaltungsreformen, stößt jedoch auf Vorstandspolitik, Statusdenken und die moralischen Ansprüche von Spendern und Honoratioren.

Gleichzeitig formiert sich die öffentliche Gesundheit als Politikfeld. Die Choleraepidemie von 1831/32 löst lokale Gesundheitskommissionen, Quarantänen und hitzige Debatten über Miasmen und Ansteckung aus. Städte und Marktflecken ringen um Abwassersysteme, Isolierstationen und kostspielige Verbesserungen. Wohltätige Hospitäler bleiben von Abonnenten und Vorständen abhängig, was medizinische Entscheidungen politisiert. Middlemarch spiegelt diesen Übergang: Die Suche nach effizienter Krankenversorgung trifft auf religiöse Bedenken, Gebührenordnungen und das Prestige älterer Heilpraktiken. Eliot verknüpft medizinische Innovation mit gesellschaftlicher Aushandlung und zeigt, wie Wissen, Geld und Moral Gesundheitspolitik in der Provinz formen.

Technologisch kündigt sich die Eisenbahn an. Mit der Eröffnung der Liverpool and Manchester Railway (1830) und neuen Vermessungen verändert sich die Landkarte Englands. In den Jahren der Romanhandlung sind Trassen oft noch geplant, doch Entschädigungen, Enteignungen und Spekulationen bewegen Landbesitzer, Pächter und Händler. Die Bahn verspricht Märkte, bedroht aber gewachsene Routinen. Middlemarch nutzt die Aussicht auf Gleise und Bahnhöfe als Katalysator: Grundstückswerte schwanken, Distanzen schrumpfen, Karrieren werden vorstellbar – oder gefährdet. Eliot thematisiert so die Vorphase jener Umwälzung, die das Verkehrsnetz in den 1840ern endgültig bringt.

Religion prägt Normen und Institutionen. Die anglikanische Kirche dominiert Pfarreien, Schulen und Armenverwaltung, während evangelikale Strömungen und Nonkonformisten an urbanem Einfluss gewinnen. Moral- und Bibelgesellschaften, Missionsvereine und Debatten um Kirchenreform bestimmen das Klima. Religiöse Frömmigkeit verbindet sich mit Wohltätigkeit und sozialer Disziplin. Middlemarch bindet diesen Kontext ein: Geistliche Posten sind soziale Schaltstellen; Frömmigkeit stiftet Sinn – und kann zur Rechtfertigung von Hierarchien dienen. Der Roman zeigt religiöse Sprache sowohl als Quelle idealistischer Motivation wie auch als Mittel der Selbstversicherung im provinziellen Statusgefüge.

Im Bereich der Gelehrsamkeit markiert die Zeit eine Kluft zwischen britischer Antiquariatsgelehrsamkeit und den in Deutschland aufblühenden historisch-kritischen Philologien. Sprachvergleich, Quellenkritik und Mythentheorie entwickeln sich rasant, doch insulare Gelehrte verweigern teils die Rezeption. Middlemarch spiegelt dies in der Figur eines Gelehrtenprojekts, das die neueren deutschen Forschungen ignoriert. Eliot, die selbst deutsche Werke übersetzte und verbreitete, nutzt diesen Kontrast, um die Gefahren isolierter Gelehrsamkeit zu zeigen: Ohne internationale Debatte erstarren große Entwürfe. Wissenschaftliche Autorität wird so zur Frage von Methode, Netzwerken und intellektueller Offenheit.

Die Stellung der Frauen ist rechtlich und gesellschaftlich beschränkt. Unter dem Regime der Coverture gehen verheiratete Frauen im 1830er England rechtlich im Ehemann auf; bedeutende Eigentumsrechte wurden erst Jahrzehnte später erweitert. Bildung für Frauen bleibt meist auf „Ausstattung“ ausgerichtet, nicht auf wissenschaftliche oder berufliche Karriere. Middlemarch thematisiert die Kollision zwischen idealistischer Sehnsucht nach „nützlicher“ Tätigkeit und den Wegen, die meist über Heirat, Wohltätigkeit und häusliche Leitung führen. Der Roman reflektiert damit reale Begrenzungen weiblicher Autonomie – und fragt, wie ethischer Wille unter rechtlichen und kulturellen Zwängen Handlungskraft findet.

Kommunale Institutionen sind vor der Municipal Corporations Act von 1835 oft geschlossene Körperschaften. Stadträte, Zünfte und Hospitalvorstände rekrutieren sich aus denselben Familien; Amtsführung und Mildtätigkeit vermischen sich mit Ehrenamt und Selbstnutzung. In Middlemarch zeigen Vereinsstatuten, Komiteesitzungen und Abstimmungen, wie lokale Politik funktioniert: nicht als abstrakter Parlamentarismus, sondern als Aushandlung in Speisesälen, Kanzleien und Kirchengestühlen. Eliot macht sichtbar, wie Verwaltungstraditionen Entscheidungen prägen, von der Vergabe medizinischer Stellen bis zur Finanzaufsicht, und wie Reformappelle an den Gewohnheiten und Loyalitäten der Honoratioren zerschellen können.

Die Medienlandschaft verschränkt Provinz und Nation. Lokale Zeitungen sind parteilich, berichten über Reform, Handel, Predigten und Skandale, und prägen so Meinungen. Pamphlete, Traktate und Predigtdrucke zirkulieren in Lesegesellschaften. Middlemarch, 1871–72 im Acht-Teil-Format veröffentlicht, lässt ein Publikum lesen, das bereits die Reformen von 1832 und 1867 kennt. Der Rückblick auf die 1830er erlaubt Eliot, die Wurzeln späterer Veränderungen zu beleuchten. Die seriell inszenierte Verzögerung der Ereignisse spiegelt zugleich die kleinstufige, episodische Realität provinzieller Veränderung, in der Neuigkeiten und Gerüchte Politik, Kredit und Reputation tagtäglich verschieben.

Soziale Mobilität bleibt begrenzt, doch ein Leistungsdiskurs entsteht. Prüfungen und staatliche Berufsregulierung werden erst später verbindlich, weshalb um 1830 Protektion und lokales Urteil über Karrieren entscheiden. Der auf Wissenschaft gegründete Anspruch des jungen Arztes oder des Ingenieurs stößt auf den Vorrang von Familiennamen, Vermögen und „Charakter“. Middlemarch beleuchtet diese Übergangsphase zur meritokratischen Moderne: Wo formale Standards fehlen, werden biografische Gerüchte, Vereinsmitgliedschaften und Kreditwürdigkeit zu Stellvertretern für Kompetenz. Der Roman zeigt, wie fragile Institutionen persönliche Integrität testen – und wie Fehler durch das enge Netz der Provinz lange nachhallen.

Rechtlich strukturieren Testamente, Eheverträge und Entails die Weitergabe von Vermögen. Sie sichern Besitzfolgen, schränken aber individuelle Lebensentwürfe ein, besonders für Frauen und jüngere Söhne. Streitigkeiten landen in langsamen Equity-Gerichten, deren Reformen erst später greifen. Middlemarch nutzt Erbschaften, Legate und Bedingungen, um die Wirkung von Recht als sozialer Macht zu zeigen: Zuneigungen und Ambitionen werden von juristischen Formeln gelenkt. Der Roman kritisiert nicht abstrakt, sondern durch Fallkonstellationen, wie Eigentumstitel und familiäre Erwartungen Handlungsspielräume begrenzen und moralische Entscheidungen erschweren, ohne ihnen die Verantwortlichkeit zu nehmen.

Wohltätigkeit und „Verbesserung“ prägen den Alltag. Landwirtschaftliche Vereine, Lesezirkel und Bauprojekte für Arbeiterwohnungen gelten als Wege der sozialen Erneuerung. Sanitäre Reformideen zirkulieren, auch wenn systematische Gesetzgebung erst später folgt. Middlemarch knüpft daran an: Idealistische Projekte – etwa besser entworfene Häuser oder effiziente Spitäler – zeigen, wie Technik, Moral und Ästhetik verschmelzen. Gleichzeitig offenbart sich, dass „Verbesserung“ Ressourcen, Fachwissen und politische Unterstützung braucht. Der Roman macht sichtbar, wie Idealismus an Sparsamkeit, Lokalinteressen und die symbolische Ökonomie der Wohltätigkeit gebunden bleibt.

George Eliot, geboren 1819 als Mary Ann Evans in Warwickshire, kannte die Provinz aus eigener Erfahrung. In den 1840er und 1850er Jahren übersetzte sie zentrale deutsche theologische und philosophische Werke und arbeitete in London im Umfeld der Westminster Review. Ihre Partnerschaft mit George Henry Lewes und die Wahl eines männlichen Pseudonyms spiegeln den literarischen und sozialen Druck auf Schriftstellerinnen. Diese Biografie erklärt den doppelten Blick von Middlemarch: die intime Kenntnis provinzieller Sitten und die intellektuelle Distanz einer Autorin, die europäische Debatten rezipiert. So verbindet der Roman psychologische Genauigkeit mit historischer und wissenschaftlicher Sensibilität.

Middlemarch kommentiert seine Zeit, indem es die frühen 1830er als Ursprungslabor späterer viktorianischer Entwicklungen liest. Politische Reform, Professionalisierung der Medizin, religiöse Pluralisierung und die Ankunft neuer Technologien durchdringen private Lebensläufe. Ohne zentrale Heldentat zeigt Eliot, wie kleine Entscheidungen und institutionelle Trägheiten Gesellschaft formen. Für Leserinnen und Leser der 1870er Jahre klangen zugleich aktuelle Echos mit: Debatten über Evolution, Liberalismus und Frauenrechte rahmten die Rezeption. Der Roman kritisiert provinziellen Partikularismus und patriarchale Strukturen, ohne Utopien zu versprechen, und setzt auf eine Ethik der Aufmerksamkeit für die vernetzten Kräfte des Alltags.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

George Eliot, der Schriftstellername von Mary Ann Evans (1819–1880), gehört zu den einflussreichsten Stimmen des viktorianischen Realismus. Ihre Romane verbinden psychologische Feinzeichnung mit sozialer Beobachtung und moralischer Reflexion. Werke wie Adam Bede, The Mill on the Floss, Silas Marner, Middlemarch und Daniel Deronda machten sie zu einer prägenden Figur der englischen Literatur. Als Autorin nutzte sie ein männliches Pseudonym, um in einem von Konventionen geprägten Literaturbetrieb ernst genommen zu werden. Ihr Schreiben zeigte, wie eng persönliche Gewissensentscheidungen, gesellschaftliche Strukturen und historische Wandlungsprozesse miteinander verflochten sind. Zeitgenössische Kritiker lobten ihren moralischen Ernst und die Anschaulichkeit provinzieller Welten.

Evans erhielt eine solide, teils autodidaktische Bildung und erwarb früh Kenntnisse in Latein, Griechisch, Französisch und besonders Deutsch. Durch intensive Lektüre der deutschen Bibelkritik und der Philosophie des 19. Jahrhunderts wandte sie sich von strenger Frömmigkeit hin zu historisch-kritischem Denken. 1846 veröffentlichte sie ihre einflussreiche Übersetzung von David Friedrich Strauss’ Das Leben Jesu; 1854 folgte Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums. Diese Arbeiten schärften ihr Interesse an Ethik, Psychologie und den Quellen religiöser Erfahrung. Zugleich prägten europäischer Realismus und wissenschaftliche Diskurse der Zeit ihr Verständnis von Gesellschaft als Geflecht von Ursachen, Folgen und Verantwortung.

In London arbeitete Evans eng mit dem Kreis um den Verlag des Westminster Review zusammen und wurde bald faktische Mitherausgeberin der Zeitschrift. Dort veröffentlichte sie Essays, Rezensionen und Literaturkritik, die ihr analytisches Temperament erkennen lassen. Besonders bekannt wurde der Essay Silly Novels by Lady Novelists (1856), in dem sie modische Konfektionsware der Unterhaltungsliteratur scharf kritisierte und künstlerische Ernsthaftigkeit forderte. Die journalistische Praxis schulte ihren Blick für Argumentationsführung, Tonlage und die Verschränkung von Ideen mit sozialen Realitäten. Zugleich festigte sich ihr realistisches Programm: Genauigkeit der Beobachtung, intellektuelle Redlichkeit und Mitgefühl als Maßstäbe des Erzählens.

Ihre literarische Laufbahn als Erzählerin begann 1857 mit den Scenes of Clerical Life, zunächst anonym in Blackwood’s Magazine veröffentlicht. Die drei Erzählungen überzeugten durch genaue Milieuschilderung und moralische Ernsthaftigkeit und bereiteten den Durchbruch mit Adam Bede (1859) vor. Es folgten The Mill on the Floss (1860) und Silas Marner (1861), die das ländliche England, ökonomische Umbrüche und Bindungen der Nachbarschaft ausleuchten. Leserinnen und Leser schätzten die Mischung aus poetischer Anschaulichkeit und nüchterner Analyse. Kritiker erkannten früh ihren besonderen Ton: empathisch, aber illusionslos, mit einer Erzählinstanz, die Erfahrung ordnet, ohne einfache Urteile zu fällen.

Mit Romola (1862–1863) wagte Eliot den Schritt zum historischen Roman und verlegte die Handlung in das Florenz der Renaissance, um Fragen von Gewissen, Macht und kulturellem Wandel zu verhandeln. Felix Holt, the Radical (1866) knüpft an zeitgenössische Reformdebatten an und untersucht politische Teilhabe im provinziellen Rahmen. Neben Prosa veröffentlichte sie längere Gedichte wie The Spanish Gypsy (1868) sowie dramatische Dichtungen, und sie schrieb kürzere Erzählwerke wie Brother Jacob (1864). Diese Phase zeigt ihre Bereitschaft, Form und Stoff zu variieren, ohne den Grundsatz aufzugeben, Charaktere als Produkte sozialer Beziehungen und historischer Umstände zu verstehen.

Ihren künstlerischen Höhepunkt markiert Middlemarch (1871–1872), ein weit verzweigter Roman über eine Provinzgesellschaft im Zeichen wissenschaftlicher, politischer und ökonomischer Modernisierung. Das Werk gilt heute als Meilenstein psychologischen Realismus und als präzise Studie von Ambition, Pflicht und gegenseitiger Abhängigkeit. Daniel Deronda (1876) verbindet Betrachtungen englischer Elitenkultur mit einer ernsthaften Auseinandersetzung über jüdische Identität und kollektive Zugehörigkeit; die zeitgenössische Resonanz war gespalten, die langfristige Wirkung beträchtlich. Eliot komponierte komplexe Netzwerke von Handlung und Gefühl, verband moralische Einsicht mit ironischer Distanz und entwickelte eine Erzählweise, die Leserinnen und Leser zur geduldigen, empathischen Beurteilung anleitet.

In den späten Jahren veröffentlichte Eliot den Essayband Impressions of Theophrastus Such (1879), eine Reihe charakteristischer Betrachtungen über Zeitgenossen und geistige Haltungen. Nach dem Tod des langjährigen Partners George Henry Lewes 1878 ordnete sie literarischen Nachlass und Korrespondenz; 1880 heiratete sie John Walter Cross. Sie starb noch im selben Jahr in London und wurde auf dem Highgate Cemetery beigesetzt. 1980 erhielt sie eine Gedenkplatte in der Poets’ Corner der Westminster Abbey. Ihr Vermächtnis bleibt lebendig: als Meisterin analytischen Erzählens, als Sensibilistin für soziale Verflechtungen und als Referenzpunkt für spätere Realistinnen und Realisten.

Middlemarch

Hauptinhaltsverzeichnis
Präludium
Erstes Buch. Dorothea Brooke
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Zweites Buch. Alt und Jung
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechszehntes Kapitel
Siebenzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Drittes Buch. In Erwartung des Todes
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Viertes Buch. Drei Liebesprobleme
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Fünftes Buch. Das Codicill
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Sechstes Buch. Die Wittwe und die Ehefrau
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechszehntes Kapitel
Siebenzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Siebentes Buch. Zwei Versuchungen
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Achtes Buch. Sonnenuntergang und Sonnenaufgang
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechszehntes Kapitel
Siebenzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Finale
Fußnoten

Präludium

Inhaltsverzeichnis

Wer von Allen, denen daran gelegen ist, sich mit der Geschichte des Menschen bekannt zu machen und zu erforschen, wie dieses geheimnißvolle Wesen sich unter den mannigfachen Einwirkungen der Zeit entwickelt hat, hätte nicht einmal, wenn auch nur flüchtig, bei dem Leben der heiligen Therese verweilt und hätte nicht mild gelächelt bei dem Gedanken an das kleine Mädchen, das sich eines Morgens Hand in Hand mit seinem noch kleineren Bruder aufmachte, um nach dem Lande der Mauren zu gehen und dort ein Märtyrerthum aufzusuchen? Fort trippelten sie von dem wilden Avila, die Augen weit geöffnet und hülflos aussehend wie zwei scheue Rehe, aber mit menschlich fühlenden Herzen, die bereits für eine große Idee schlugen, bis ihnen die rauhe Wirklichkeit in Gestalt eines Oheims entgegentrat, welcher sie von der Ausführung ihres Vorhabens zurückhielt. Diese kindliche Pilgerfahrt war für Therese ein angemessener Beginn ihrer Lebenslaufbahn. Ihre leidenschaftliche, ideale Natur verlangte nach einem thatenreichen Leben. Was konnten ihr vielbändige Ritterromane, was die gesellschaftlichen Erfolge, welche sie als glänzend begabtes Mädchen zu erwarten hatte, bieten? Die in ihr lodernde Flamme hatte so leichte Nahrung bald aufgezehrt und dürstete, von innen genährt, nach einer schrankenlosen Befriedigung, nach einem Lebenszweck, welcher, jede Erschöpfung ausschließend, die Verzweiflung der Seele an sich selbst durch das entzückende Bewußtsein eines über die Beschränktheit des eigenen Ich's hinausragenden Lebens überwinden würde. Sie fand das Epos ihres Lebens in der Reform eines geistlichen Ordens.

Diese spanische Frau, welche vor dreihundert Jahren lebte, war gewiß nicht die letzte ihrer Art. Viele Theresen sind seitdem geboren, welche kein Leben für sich fanden, das ihnen zu unausgesetzter Entfaltung ihrer Thatkraft Gelegenheit gegeben hätte; – vielleicht nur ein Leben voll Enttäuschungen, wie sie aus dem unglücklichen Zusammentreffen einer gewissen Seelengröße mit der Kleinheit der Verhältnisse hervorgehen, vielleicht ein tragisch verfehltes Leben, welches keinen heiligen Sänger fand und unbeweint in Vergessenheit versank. Mit trüber Geisteshelle und in verwickelten Verhältnissen versuchten sie es, ihre Gedanken und ihre Handlungen in harmonischen Einklang zu bringen; den Augen gewöhnlicher Sterblicher erschien aber ihr Ringen nur als unzusammenhängend und gestaltlos. Denn diesen später geborenen Theresen stand kein einigendes Band eines gesellschaftlichen Glaubens und Ordens, welches für die glühend strebende Seele das Wissen hätte ersetzen können, helfend zur Seite. Die Gluth ihrer Seele schwankte zwischen einem vagen Ideal und dem gemeinen Verlangen der weiblichen Natur unsicher hin und her, so daß das Eine als Extravaganz gemißbilligt und das Andere als Fehltritt verurtheilt wurde.

Manche haben geglaubt, daß diese in unsicherem Schwanken irrend verbrachten Existenzen ihren Grund in der unklaren Unbestimmtheit haben, mit welcher es dem höchsten Wesen gefallen hat, die weibliche Natur auszustatten. Wenn es ein Niveau weiblicher Unzulänglichkeit gäbe, das so scharf präcisirt wäre, wie die Fähigkeit, drei zu zählen und nicht weiter, so möchte sich das gesellschaftliche Loos der Frauen mit wissenschaftlicher Sicherheit behandeln lassen. Aber die unklare Unbestimmtheit ist da, und die Grenzen, innerhalb deren dieselbe hin- und herschwankt, sind in der That viel weiter gesteckt, als diejenigen sich träumen lassen, die nur an die Gleichmäßigkeit weiblicher Frisuren und an die beliebten Liebesgeschichten in Prosa und in Versen denken. Dann und wann wird ein junger Schwan zu seinem eigenen Unbehagen unter den jungen Enten im trüben Teiche auferzogen und findet nie den lebendigen Strom, auf dem er in Gesellschaft der ruderfüßigen Genossen seines Geschlechts dahinschwimmen könnte. Von Zeit zu Zeit wird eine heilige Therese geboren, die nichts gründet, deren bebende Herzschläge und Seufzer nach einer unerreichten Tugend sich schwankend an störenden Verhältnissen verzehren, anstatt sich in einer dauernden That zu concentriren.

Erstes Buch. Dorothea Brooke

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Wie in den ›Editorischen Hinweisen‹ vermerkt, verzichtet die Übersetzung von Lehmann auf alle Motti, die George Eliot jeweils vor die Kapitel gesetzt hat. Die vorliegende Ausgabe gibt sie [in den Anmerkungen. Geändert. Re.] im jeweiligen Originaltext wieder. – Für das Kapitel 1 lautet sie:

Since I can do no good because a woman, Reach constantly at something that is near it.
Beaumont and Fletcher: The Maid's Tragedy[1]

Dorothea Brooke gehörte zu jenen Schönheiten, denen eine dürftige Kleidung zur Erhöhung ihrer Reize zu dienen scheint. Ihre Hand und ihr Handgelenk waren so schön geformt, daß sie getrost Aermel tragen konnte, welche ebenso styllos waren, wie die, in welchen die heilige Jungfrau den alten italienischen Meistern erschien, und ihr Profil sowohl, wie ihre ganze Gestalt und ihr Behaben, schienen durch ihre einfache Kleidung nur an Würde zu gewinnen, so daß ihre ganze Erscheinung inmitten der Modedamen der Provinz den Eindruck eines schönen Citats aus der Bibel – oder aus einem alten Dichter – in einem Zeitungsartikel machte.

Man bezeichnete sie allgemein als sehr gescheidt, fügte aber regelmäßig hinzu, daß ihre Schwester Celia mehr gesunden Menschenverstand habe. Gleichwol trug Celia kaum mehr Besatz an ihren Kleidern, und nur sehr scharfe Beobachter nahmen wahr, daß ihre Kleidung sich doch in Etwas von der ihrer Schwester unterschied und mit einer Nuance von weiblicher Coketterie arrangirt war; denn die einfache Toilette Dorothea Brooke's hatte ihren Grund in verschiedenen Ursachen, von denen die meisten auch für ihre Schwester maßgebend waren.

Das stolze Bewußtsein, Ladies zu sein, war eine dieser Ursachen: die Familie der Brooke's war, wenn auch nicht gerade eine aristokratische, doch unstreitig eine sehr gute; wenn man ihrer Herkunft eine oder zwei Generationen weit nachging, so fand man unter den Voreltern keine Handwerker oder Detaillisten, sondern nichts Geringeres als einen Admiral und einen Geistlichen; und wenn man den Stammbaum noch weiter zurückverfolgte, so kam man auf einen puritanischen Gentleman, der unter Cromwell gedient, sich aber später wieder der Staatskirche angeschlossen und sich als Eigenthümer eines respectablen Grundbesitzes allen politischen Verfolgungen zu entziehen gewußt hatte. Junge Damen von solcher Herkunft, welche in einem ruhigen Hause auf dem Lande lebten und eine Dorfkirche besuchten, die kaum größer war, als ein Wohnzimmer, betrachteten natürlich allen Putz als den Gegenstand des Ehrgeizes einer Hökerstochter. Ferner bestand in guten Familien damals noch eine Oeconomie, welche die Toilette als denjenigen Ausgabeposten betrachtete, welcher sich am ersten zu einer Einschränkung eigne, wenn es nothwendig erschien, gerade im Interesse der gesellschaftlichen Stellung das Budget durch Vergrößerung anderer Ausgaben zu belasten.

Diese und ähnliche Gründe würden, ganz abgesehen von religiösen Gefühlen, hingereicht haben, eine einfache Toilette zu erklären; in Dorothea Brooke's Fall aber würde die Religion allein ein genügendes Motiv gewesen sein, und Celia schloß sich allen Empfindungen ihrer Schwester in ihrer milden Weise an, nur daß sie dieselben mit jenem gesunden Menschenverstande durchdrang, welcher sich bedeutungsvolle Doctrinen ohne jede excentrische Aufregung anzueignen weiß.

Dorothea wußte viele Stellen aus Pascal's » Pensées[2]« und aus Jeremy Taylor1 auswendig; und die Bestimmung der Menschheit, wie sie dieselbe im Lichte des Christenthums ansah, ließ ihr das Interesse für weibliche Moden als eine tollhäuslerische Beschäftigung erscheinen. Sie vermochte die Bekümmernisse eines Seelenlebens, bei denen es sich um Folgen für die Ewigkeit handelte, nicht mit den nichtigen Sorgen für die Raffinements einer modernen Toilette in Einklang zu bringen. Die Richtung ihres Geistes war eine theoretische und ihre Natur verlangte nach einer einheitlichen und bedeutenden Auffassung der Welt, in welcher das Kirchspiel Tipton und die Art ihres Lebens in demselben ungezwungen einen Platz finden möchten; sie hatte eine leidenschaftliche Vorliebe für alles Große und Gewaltige, und ihre Sympathie war sofort Allem, was dieser Neigung zu entsprechen schien, gewonnen; sie war sehr geneigt, ein Märtyrerthum zu suchen, dann ihre schnell gefaßten Meinungen zu widerrufen und schließlich ein Märtyrerthum da zu finden, wo sie es gar nicht gesucht hatte.

Solche Elemente in dem Charakter eines heirathsfähigen Mädchens waren gewiß geeignet, auf ihr Schicksal entscheidend einzuwirken und zu verhindern, daß dasselbe, der bestehenden Sitte gemäß, durch ein hübsches Gesicht, durch Eitelkeit und durch eine rein sinnliche Zuneigung bestimmt werde. Bei alledem war sie, die ältere der beiden Schwestern, noch nicht zwanzig Jahre alt und beide hatten, seit sie vor etwa acht Jahren ihre Eltern verloren, nach einem ebenso beschränkten, wie unklaren Plane, zuerst in einer englischen Familie und später in einer Schweizerfamilie in Lausanne, eine Erziehung genossen, welche nach der Auffassung ihres ledigen Onkels und Vormundes die Nachtheile ihrer Elternlosigkeit ausgleichen sollte.

Es war kaum ein Jahr her, seit sie aus der Schweiz zurückgekehrt waren und auf »Tipton-Hof« mit ihrem Onkel, einem fast sechzigjährigen Manne von nachgiebigem Charakter, wechselnden Ansichten und unsicherem Urtheile, lebten. In seinen jüngeren Jahren war er gereist und hatte sich, wie die Leute meinten, bei jenen Reisen die Unentschlossenheit des Wesens angeeignet, welche ihn characterisirte. Seine Entschlüsse vorauszusagen war so schwer, wie das Wetter im Voraus zu bestimmen; Alles, was man mit einiger Sicherheit vorhersagen konnte, war, daß er sich bei seinen Handlungen von wohlwollenden Absichten leiten lassen und bei ihrer Ausführung möglichst wenig Geld ausgeben werde. Denn selbst Gemüther von der zähesten Unentschlossenheit hegen doch einige harte Gewohnheiten und man erzählt von einem Manne, der, von der äußersten Gleichgültigkeit gegen alle seine eigenen Interessen, nur seine Schnupftabaksdose mit argwöhnischer Wachsamkeit und eifersüchtiger Engherzigkeit hütete.

Herrn Brooke war die erbliche puritanische Energie offenbar abhanden gekommen; aber bei seiner Nichte Dorothea durchdrang dieselbe Alles, ihre Fehler und ihre Tugenden; diese Energie äußerte sich bisweilen als Ungeduld gegen die Reden ihres Onkels oder gegen seine Art, die Dinge auf seinem Gute gehen zu lassen, und ließ sie nur um so sehnlicher die Zeit ihrer Volljährigkeit herbeiwünschen, wo sie über einige Mittel zur Ausführung großherziger Lieblingspläne gebieten würde. Sie galt für eine Erbin; denn nicht nur, daß beide Schwestern von ihren Eltern jede eine Jahresrente von siebenhundert Pfund Sterl. geerbt hatten, sondern, falls Dorothea sich verheirathen und einen Sohn bekommen sollte, würde dieser Sohn Herrn Brooke's Gut erben, welches auf einen jährlichen Ertrag von dreitausend Pfund Sterl. geschätzt wurde. Eine solche Einnahme aber galt damals als Reichthum in den Augen der in der Provinz lebenden Familien, welche Robert Peels2 kürzliches Benehmen in Betreff der Katholiken-Emancipation discutirten, und noch keine Ahnung von der künftigen Entdeckung der Goldfelder und von jener prachtliebenden Plutokratie hatten, welche die Bedürfnisse eines fashionablen Lebens so maßlos steigern sollte.

Und warum sollte ein so schönes Mädchen mit so glänzenden Aussichten nicht heirathen? Nichts konnte sie daran hindern, als ihre Liebe zu Extremen und ihre entschiedene Neigung, das Leben nach Ideen zu gestalten, welche wol geeignet waren, einen vorsichtigen Mann stutzig zu machen, bevor er ihr seine Hand anböte, oder welche sie gar dahin bringen konnten, schließlich alle Anträge abzulehnen. Eine junge Dame von guter Herkunft und einigem Vermögen, welche gelegentlich an der Seite eines kranken Arbeiters plötzlich auf einem steinernen Fußboden niederkniete und inbrünstig betete, als ob sie sich in die Zeiten der Apostel zurückversetzt glaube, und welche die sonderbare Grille hatte, zu fasten wie eine Papistin und Nächte hindurch bei der Lectüre alter theologischer Schriften aufzusitzen, – bei einer solchen Frau hätte der Mann darauf gefaßt sein müssen, daß sie ihn eines schönen Morgens mit einem neuen Plane für die Verwendung ihres Vermögens aufwecken würde, der sich mit den Grundsätzen einer gesunden Nationalökonomie und dem Halten von Reitpferden schlecht vertragen möchte; jeder Mann würde sich voraussichtlich zweimal besinnen, bevor er das Wagniß einer solchen Verbindung unternähme. Man hielt damals dafür, daß Frauen schwache Gemüther haben müßten und betrachtete es als eine Gewähr für die Erhaltung der Gesellschaft und des Familienlebens, daß man nicht nach bestimmten Ansichten handele. Verständige Leute machten es wie ihre Nachbarn, so daß, wenn einzelne Irrsinnige frei herumliefen, man sie kennen und ihnen ausweichen konnte.

Die allgemeine Meinung der ländlichen Bevölkerung, selbst der kleinen Leute, sprach sich zu Gunsten Celia's aus, weil sie so liebenswürdig und freundlich sei, während die großen Augen der älteren Schwester, gleich ihrer religiösen Ueberzeugung etwas zu Ungewöhnliches und Auffallendes hätten. Die arme Dorothea! Im Vergleich zu ihr war die unschuldig aussehende Celia erfahren und weltklug; so wahr ist es, daß das Innere des Menschen unendlich viel feiner ist, als die äußere Erscheinung, die als eine Art von Zifferblatt des Innern betrachtet wird.

Und doch fanden die, welche sich Dorotheen mit dem durch jene Meinung hervorgerufenen Vorurtheil näherten, daß ihr Wesen einen unerklärlichen, mit jenem Vorurtheil unvereinbaren Reiz habe. Die meisten Männer fanden sie bezaubernd, wenn sie zu Pferde saß. Sie liebte die frische Luft und die Aussichten, die sich ihr bei weiteren Ausflügen darboten, und wenn ihre Augen und Wangen von verschiedenen angenehmen Empfindungen glühten, sah sie einer Frömmlerin sehr wenig ähnlich. Reiten war ein Vergnügen, das sie sich, gelegentlicher Gewissensscrupel ungeachtet, gestattete; sie fühlte, daß sie sich diesem Genusse mit einer heidnisch sinnlichen Empfindung hingab, und dachte immer daran, demselben zu entsagen.

Sie war offen, feurig und nicht im Mindesten von ihrem eigenen Werthe erfüllt; ja, es war anmuthig zu beobachten, wie ihre Einbildungskraft ihrer Schwester Celia viel größere Reize, als deren sie sich selbst erfreute, andichtete; und wenn einmal ein Herr aus einem anderen Grunde nach Tipton-Hof zu kommen schien, als um Herrn Brooke zu sehn, so hielt Dorothea es für ausgemacht, daß er in Celia verliebt sein müsse. So war es z. B. mit Sir James Chettam, bei welchem sie fortwährend daran dachte, ob es gut für Celia sein würde, seine Bewerbung anzunehmen. Ihn als einen Bewerber um ihre eigene Hand anzusehen, würde ihr als eine lächerliche Verkehrtheit erschienen sein. Dorothea hatte bei all ihrem eifrigen Streben, die Wahrheit des Lebens zu ergründen, sehr kindliche Ideen über die Ehe. Sie hielt sich überzeugt, daß sie dem scharfsinnigen Hooker3, wenn sie früh genug auf die Welt gekommen wäre, um ihn vor jenem unglücklichen Mißgriff, den er bei seiner Ehe beging, zu bewahren, oder John Milton nach seiner Erblindung, oder irgend einem anderen großen Manne, dessen sonderbare Gewohnheiten zu ertragen ihr als ein rühmlich frommes Werk erschienen wäre, die Hand gereicht haben würde. Aber wie konnte ein liebenswürdiger hübscher Baronet, der alle ihre Bemerkungen, selbst wenn dieselben der Unsicherheit ihres Urtheils Ausdruck gaben, mit einem »vollkommen richtig« beantwortete, ihr den Eindruck eines ernstlichen Bewerbers um ihre Hand machen? Als das Ideal einer Ehe erschien ihr die, in welcher ihr Gatte eine Art von väterlichem Freund sein würde, der sie, wenn sie es wünschen sollte, selbst im Hebräischen unterweisen konnte.

Diese Sonderbarkeiten in Dorotheen's Charakter ließen es den benachbarten Familien nur um so tadelnswerther erscheinen, daß Herr Brooke nicht eine Dame von mittleren Jahren als erfahrene Gesellschafterin für seine Nichten engagire. Aber er selbst fürchtete die Art von überlegenen Frauen, zu welchen eine für eine solche Stellung geeignete Dame muthmaßlich gehören würde, so sehr, daß er sich gern von Dorotheen's Einwänden bestimmen ließ und in diesem Falle den Muth hatte, dem Urtheil der Welt, d. h. dem Urtheil der Frau Cadwallader, der Gattin des Pfarrers, und der kleinen Gruppe von Landedelleuten im nordöstlichen Winkel von Loamshire, mit welchen er verkehrte, zu trotzen. Dorothea Brooke stand daher dem Haushalte ihres Onkels vor und fand an dieser neuen Würde mit den Huldigungen, welche derselben dargebracht wurden, Gefallen.

Heute sollte Sir James Chettam mit einem anderen Herrn, welchen die Mädchen noch nie gesehen hatten, welchem aber Dorothea mit einer verehrenden Erwartung entgegensah, auf Tipton-Hof zu Mittag essen. Das war der Ehrwürdige Edward Casaubon, welcher in der Grafschaft in dem Rufe eines Mannes von tiefer Gelehrsamkeit stand und von welchem man wußte, daß er seit vielen Jahren an einem großen Werke über Religionsgeschichte arbeite, ein Mann, dessen Wohlhabenheit seiner Frömmigkeit einen besondern Glanz verlieh und welcher eigenthümliche Ansichten hatte, über die man durch die Veröffentlichung seines Werkes genauere Aufschlüsse erhalten solle. Schon sein bloßer Name »Casaubonus« erweckte eine Vorstellung von Gelehrsamkeit, freilich nur bei denen, welche in der Gelehrtengeschichte bewandert waren.

Schon früh am Tage war Dorothea aus der Warteschule, die sie im Dorfe gegründet hatte, nach Hause zurückgekehrt und hatte ihren gewöhnlichen Platz in dem hübschen Wohnzimmer, welches zwischen den beiden Schlafzimmern der Schwestern lag, eingenommen, um der Beendigung der Pläne für einige Gebäude, deren Entwerfung ihre Lieblingsbeschäftigung ausmachte, obzuliegen, als Celia, welche sie schon eine Zeit lang mit der Absicht, ihr etwas vorzuschlagen, zaghaft beobachtet hatte, zu ihr sagte:

»Liebe Dorothea, wenn Du nichts dagegen hast, wenn Du nicht sehr beschäftigt bist, – was meinst Du, wenn wir uns heute einmal Mama's Juwelen ansähen und sie unter uns theilten. Es sind heute gerade sechs Monate her, seit Onkel sie Dir gegeben hat, und Du hast sie noch nicht einmal angesehen.«

Auf Celia's Zügen malte sich bei diesen Worten ein leiser Schatten von zürnendem Ausdruck, während das volle Hervorbrechen eines Vorwurfs durch eine zur Gewohnheit gewordene Ehrfurcht vor Dorotheen und ihren Grundsätzen zurückgehalten wurde, zwei Empfindungen, aus welchen eine unvorsichtige Berührung leicht einen geheimnißvollen electrischen Funken herausschlagen konnte. Zu Celia's Beruhigung blickte Dorothea freundlich lachend auf.

»Was Du für ein vortrefflicher kleiner Kalender bist, Celia! Sind es sechs Kalendermonate oder sechs Mondmonate?«

»Heute schreiben wir den letzten September, und wir schrieben den ersten April, als Onkel Dir die Juwelen gab. Du weißt, daß er damals sagte, er habe sie bisher vergessen. Ich glaube, Du hast seit jener Zeit, wo Du den Schmuck hier in den Schrank verschlossest, gar nicht wieder an denselben gedacht.«

»Nun, liebes Kind, wir dürften ja doch nie etwas davon tragen.«

Dorothea sprach diese Worte in einem vollen herzlichen Tone, mit einem halb zuthunlichen, halb erklärenden Ausdruck. Sie hatte ihren Bleistift in der Hand und zeichnete eben kleine Nebenpläne auf den Rand ihres Papiers.

Celia erröthete und sah sehr ernst aus. »Ich denke, liebe Dorothea, wir würden dem Andenken Mama's zu nahe treten, wenn wir die Juwelen weglegten und gar nicht beachteten. Und,« fügte sie zaudernd mit einem halbunterdrückten Seufzer hinzu, »Halsbänder sind etwas ganz Gewöhnliches, und selbst Madame Poinçon, die in einigen Dingen noch strenger war als Du, pflegte Schmuck zu tragen. Und im Himmel giebt es gewiß christliche Frauen, welche auf Erden Juwelen getragen haben.« Celia war sich einer gewissen geistigen Stärke bewußt, sobald sie sich einmal ernsthaft auf's Argumentiren verlegte.

»Du möchtest sie tragen?!« rief Dorothea, mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens und mit einer dramatischen Geberde, die sie eben jener Madame Poinçon, welche Schmuck zu tragen pflegte, abgesehen hatte. »Gewiß, laß sie uns hernehmen. Warum hast Du mir das nicht früher gesagt? Aber die Schlüssel, wo sind die Schlüssel?« Dabei preßte sie die Hände gegen die Seiten ihres Kopfes, als verzweifle sie an ihrem Gedächtnis.

»Hier sind sie,« erwiderte Celia, welche diese Auseinandersetzung lange geplant und vorbereitet hatte.

»Bitte, öffne die große Schublade des Schranks und nimm den Juwelenkasten heraus.«

Der Kasten stand bald genug offen vor ihnen und die verschiedenen Juwelen lagen wie ein buntes Blumenbeet an dem Tische vor ihnen ausgebreitet. Es war keine große Auswahl, aber einige von den Schmucksachen waren von wirklich seltener Schönheit; unter ihnen fielen zwei, ein Halsband von dunkelvioletten, höchst elegant in Gold gefaßten Amethysten und ein Kreuz von Perlen mit fünf Brillanten, sofort als die schönsten in die Augen. Dorothea nahm das Halsband in die Hand und band es ihrer Schwester um den Hals, den es fast so eng wie ein Armband umschloß; aber dieses enge Halsband paßte gerade zu dem Henriette-Marien-Styl4 von Celia's Kopf und Hals, und daß dem so war, konnte sie selbst in dem gegenüberstehenden Spiegel sehen.

»Siehst Du, Celia, das kannst Du mit Deinem weißen Mousselinekleide tragen. Aber das Kreuz paßt zu Deinen dunklen Kleidern.«

Celia bemühte sich, ein freudiges Lächeln zu unterdrücken.

»O Dora, das Kreuz mußt Du für Dich behalten.«

»Nein, nein, liebes Kind,« sagte Dorothea, indem sie mit der Hand eine nachlässig abwehrende Bewegung machte.

»Ja wohl, ja wohl, Du mußt; es würde Dir bei Deinem schwarzen Kleide gut stehen,« erwiderte Celia dringend. »Du kannst es getrost tragen.

»Nein, nicht um Alles in der Welt. Ein Kreuz ist das letzte, was ich als Schmuck tragen möchte.« Dabei durchfuhr Dorothea ein leichter Schauer.

»Dann findest Du es wohl sträflich von mir, es zu tragen,« entgegnete Celia unbehaglich.

»Nein, liebes Kind, nein,« sagte Dorothea, indem sie ihrer Schwester die Wange streichelte, »auch die Seelen haben ihre Physiognomie; was sich für die Eine schickt, schickt sich nicht für die Andere.«

»Aber vielleicht möchtest Du es um Mama's Willen behalten.«

»O nein, ich habe andere Dinge von Mama, ihren Kasten von Sandelholz, den ich so sehr liebe, – eine Menge anderer Dinge. Die Juwelen sollen alle Dir gehören, liebes Kind. Wir brauchen also darüber nicht länger zu verhandeln. Komm, nimm Dein Eigenthum zu Dir.«

Celia fühlte sich ein wenig verletzt. Es lag etwas von anmaßlicher Ueberlegenheit in dieser puritanischen Toleranz, die für das leichte Blut der weniger überspannten Schwester kaum minder empfindlich war als puritanische Verfolgungssucht.

»Aber wie kann ich Schmucksachen tragen, wenn Du, die ältere Schwester, nie dergleichen tragen willst?«

»Nein, Celia, es ist zu viel verlangt, daß ich Schmuck tragen soll, um Dir Gesellschaft zu leisten. Wenn ich ein solches Halsband tragen müßte, so würde mir zu Muthe sein, als wenn ich Ballet tanzen sollte. Alles würde sich mit mir im Kreise herumdrehen, und ich würde nicht mehr aufrecht stehen können.«

Celia hatte das Halsband wieder abgenommen und – sagte mit einiger Genugthuung: »Es würde für Deinen Hals etwas zu eng sein; etwas Herabhängendes würde besser für Dich passen.« Das aus allen Gesichtspunkten vollkommen Unpassende des Halsbandes für Dorothea ließ Celia dasselbe um so lieber annehmen. Dann öffnete sie einige Kasten mit Ringen, unter denen ein schöner Smaragd mit Diamanten um so prächtiger erglänzte, als die eben hinter einer Wolke hervorbrechende Sonne den Ring mit einem hellen Strahl beleuchtete.

»Wie schön diese Edelsteine sind,« sagte Dorothea, in welcher der Sonnenstrahl plötzlich neue Empfindungen erweckt zu haben schien. »Es ist sonderbar, wie tief wir von Farben wie von Gerüchen beeindruckt werden. Ich denke mir, darum kommen in der Offenbarung Johannis Edelsteine als Embleme der Seele vor. Sie muthen uns an, wie Bruchstücke des Himmels. Mir scheint, der Smaragd da ist der schönste von allen.«

»Und da,« sagte Celia, »ist ein Armband, das dazu paßt und welches wir vorhin gar nicht bemerkt haben.«

»Sie sind reizend,« sagte Dorothea, indem sie den Ring und das Armband über ihren Finger und ihr schön geformtes Handgelenk gleiten ließ und ihre Hand auf einer Höhe mit ihren Augen gegen das Fenster hielt. Gleichzeitig war sie innerlich bemüht, ihr Gefallen an den schönen Farben dadurch vor sich selbst zu rechtfertigen, daß sie dieselben in ihre mystisch religiöse Ekstase verwebte.

»Diese Steine würden Dir doch gefallen, Dorothea,« sagte Celia mit etwas zitternder Stimme, indem sie staunend zu bemerken glaubte, daß ihre Schwester nicht frei von Schwäche sei, während sie andererseits dachte, daß Smaragden für ihren Teint noch besser passen würden als Amethyste.

»Wenn Du auch sonst nichts willst, den Ring und das Armband mußt Du behalten. Aber sieh doch, auch die Achate sind sehr hübsch und haben etwas so Ruhiges.«

»Ja,« erwiderte Dorothea, »ich will diesen Ring und das «« IF Armband behalten.« – »Aber,« fuhr sie, indem sie ihre Hand auf den Tisch fallen ließ, in einem anderen Tone fort. »Was sind es doch für unglückliche Menschen, die solche Dinge auffinden und verkaufen.« Sie hielt abermals inne, und Celia dachte, ihre Schwester werde nun wieder auf die Schmucksachen verzichten, wie sie es consequenter Weise hätte thun müssen. »Ja, liebste Celia,« nahm Dorothea in einem ganz entschlossenen Tone wieder auf, »ich will diese beiden Sachen behalten; aber nimm alles Uebrige mitsammt dem Kasten an Dich.« Sie nahm ihren Bleistift wieder zur Hand, ohne jedoch die Juwelen, welche sie noch immer ansah, zu entfernen. Sie dachte daran, wie sie dieselben oft vor sich haben möchte, um ihre Augen an diesen kleinen Quellen reiner Farben zu weiden.

»Wirst Du die Sachen in Gesellschaft tragen?« fragte Celia, welche wirklich neugierig darauf war, was Dorothea damit thun würde. Diese warf ihrer Schwester einen raschen Blick zu. Durch all das verklärende Licht, in welchem ihre Phantasie ihr Alle erscheinen ließ, die sie liebte, fuhr doch bisweilen blitzartig ein scharfes Urtheil. Wenn Dorothea jemals zu einer vollkommenen Milde ihres Wesens gelangen sollte, so würde nicht Mangel an innerem Feuer diese Umwandlung bewirken.

»Vielleicht,« erwiderte sie in etwas hochmüthigem Tone. »Ich kann nicht voraussagen, wie tief ich noch einmal sinken werde.«

Celia erröthete und fühlte sich unglücklich. Sie sah, daß sie ihre Schwester verletzt hatte, und wagte es nicht einmal, etwas Freundliches über die ihr überlassenen Schmucksachen zu sagen, sondern legte dieselben schweigend wieder in den Kasten und nahm sie fort.

Dorothea ihrerseits fühlte sich gleichfalls unglücklich, als sie wieder an ihren Bauplänen zeichnete, indem sie sich zweifelnd fragte, ob ihre Gefühle und ihre Worte bei dem Auftritte, dem jener kleine Zornesausbruch ein Ende gemacht hatte, ganz rein gewesen seien.

Celia's Bewußtsein sagte ihr, daß sie durchaus nicht im Unrecht gewesen sei; es war ganz natürlich und durchaus zu rechtfertigen, daß sie jene Frage gethan hatte, und sie fand noch immer, daß Dorothea inconsequent sei: entweder hätte sie ihren vollen Antheil an den Juwelen für sich nehmen oder nach der Art, wie sie sich geäußert hatte, ganz auf dieselben verzichten müssen.

»Ich wenigstens glaube zuversichtlich,« sagte sich Celia, »daß das Tragen eines Halsbandes mich nicht in meinen Gebeten stören wird und ich sehe nicht ein, warum ich mich jetzt, wo wir Gesellschaften besuchen werden, durch Dorotheen's Ansichten gebunden fühlen sollte, wenn sie selbst auch natürlich durch dieselben gebunden ist. Aber Dorothea ist nicht immer consequent.« Das waren Celien's Gedanken, als sie den Kopf auf ihre Stickerei gesenkt wieder dasaß, bis sie sich von ihrer Schwester gerufen hörte.

»Komm, Kitty, sieh Dir einmal meinen Plan an; ich werde mich für eine große Architectin halten, wenn ich nicht unmögliche Treppen und Kamine angelegt habe.«

Als Celia sich, dieser Aufforderung entsprechend, über das Blatt neigte, lehnte Dorothea liebkosend ihre Wange an den Arm ihrer Schwester. Celia verstand den Sinn dieser Liebkosung. Dorothea hatte eingesehen, daß sie Unrecht gehabt habe, und Celia verzieh ihr. So lange sie denken konnte, hatte in der Stimmung Celia's gegen ihre ältere Schwester eine Mischung von Ehrfurcht und Kritik gelegen. Die jüngere Schwester hatte stets ein Joch getragen; aber es giebt kein Geschöpf, welches ein Joch trüge, ohne wenigstens in seinen Ansichten seine Freiheit zu behaupten.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Das Motto zu Kapitel 2:

»›Dime; no ves aquel caballero que hacia nosotros viene sobre un caballo rucio rodado que trae puesto en la cabeza un yelmo de oro?‹ ›Lo que veo y columbro‹, respondio Sancho, ›no es sino un hombre sobre un as no pardo como el mio, que trae sobre la cabeza una cosa que relumbra‹. ›Pues ese es el yelmo de Mambrino‹, dijo Don Quijote.« – Cervantes.
»›Seest thou not yon cavalier who cometh toward us on a dapple-grey steed, and weareth a golden helmet?‹ ›What I see‹, answered Sancho, ›is nothing but a man on a grey ass like my own, who carries something shiny on his head‹. ›Just so‹, answered Don Quixote: ›and that resplendent object is the helmet of Mambrino.‹«

Mit Sir Humphrey Davy[3],« sagte Herr Brooke bei der Suppe in seiner behaglich lächelnden Weise, indem er an die Bemerkung Sir James Chettam's, daß er mit dem Studium von Davy's Agriculturchemie beschäftigt sei, anknüpfte, »mit Sir Humphrey Davy habe ich vor Jahren bei Cartwright gegessen, und Wordsworth5 war auch da – Sie wissen der Dichter Wordsworth. Das war nun sonderbar. Ich hatte zugleich mit Wordsworth in Cambridge studirt und hatte ihn dort nie getroffen, und nun saß ich zwanzig Jahre später bei Cartwright mit ihm zu Mittag. Es passiren doch oft eigenthümliche Dinge! Also Davy war da, und er war auch ein Dichter; oder, richtiger würde ich wol sagen: Wordsworth war der Poet Nummer eins und Davy der Poet Nummer zwei. Das ist in jedem Sinne wahr.«

Dorothea fühlte sich bei diesen Reden ihres Onkels noch etwas unbehaglicher als gewöhnlich. Gerade im Anfang des Mittagessens bei einer so kleinen Gesellschaft, wo es noch still im Zimmer war, machten sich die Ergüsse des Herrn Brooke gar zu bemerklich. Sie fragte sich, wie wol solche Trivialitäten auf einen Mann, wie Herrn Casaubon wirken müßten. Sein Wesen machte ihr einen sehr würdigen Eindruck. Sein stahlgraues Haar und seine tiefen Augenhöhlen ließen ihn dem Porträt Locke's6 ähnlich erscheinen. Seine Magerkeit und seine Blässe verkündeten den Gelehrten. Alles in Allem bildete er den schärfsten Gegensatz zu Sir James Chettam, welcher ein echter Repräsentant der Gattung blühender, rothbärtiger Engländer war.

»Ich studire die Agriculturchemie,« sagte der vortreffliche Baronet, »weil ich im Begriff stehe, die Bewirthschaftung eines meiner Pachthöfe selbst zu übernehmen, um zu sehen, ob ich nicht durch Herstellung einer Musterwirthschaft auf meine Pächter wirken kann. Halten Sie das für richtig, Fräulein Brooke?«

»Sehr verkehrt, Chettam,« schaltete Herr Brooke ein. – »Ich halte es für ganz verkehrt, Ihre Electricität und mehr dergleichen Geschichten in Ihren Boden hinein zu practiciren und einen Salon aus ihrem Kuhstall zu machen. Ich thue so etwas nicht. Ich habe mich seiner Zeit selbst sehr viel mit der Wissenschaft beschäftigt, aber ich habe eingesehen, daß die Sache nicht geht. Wenn man einmal mit dem Experimentiren anfängt, so ist gar kein Ende abzusehen. Nein, nein, achten Sie nur darauf, daß Ihre Gutsleute Ihr Stroh nicht verkaufen und was dergleichen mehr ist; und geben Sie ihnen Drainir-Röhren, wissen Sie. Aber mit Ihrer Musterwirthschaft ist es nichts, das ist das theuerste Spielzeug, das Sie sich anschaffen können; dafür können Sie sich eine Meute Hunde halten.«

»Es ist aber doch sicherlich besser,« bemerkte Dorothea, »Geld für Versuche auszugeben, die man anstellt, um zu erproben, wie die Menschen den Boden, der sie Alle ernährt, am ergiebigsten machen können, als für Hunde und Pferde, die diesen Boden nur zerstampfen. Es ist keine Sünde, sich bei der Anstellung von Versuchen zum Wohle Aller arm zu machen.«

Sie drückte sich energischer aus, als man es von einer so jungen Dame erwartet haben würde, aber Sir James hatte sich ja direkt an sie gewendet. Er that das gewöhnlich, und sie hatte schon oft daran gedacht, daß sie ihn zu vielen guten Handlungen würde bewegen können, wenn er erst ihr Schwager wäre.

Herr Casaubon heftete seine Blicke sehr fest auf Dorothea, während sie sprach, und schien sie auf's Neue zu beobachten.

»Junge Damen verstehen nichts von Nationalökonomie, wissen Sie,« sagte Herr Brooke, indem er Herrn Casaubon zulächelte. »Ich erinnere mich noch sehr wohl der Zeit, wo wir Alle Adam Smith[4] lasen, das ist ein Buch! Ich nahm seiner Zeit alle die neuen Ideen in mich auf, die menschliche Vervollkommnungsfähigkeit, wissen Sie. Aber Einige behaupten, daß die Geschichte einen Kreislauf beschreibe, eine Behauptung, für welche sich gewiß sehr viel sagen läßt. Ich habe mich selbst zu dieser Ansicht bekannt. Die menschliche Vernunft läßt uns wirklich gar zu leicht über das Ziel schießen, wirklich gar zu leicht. Ich habe mich auch seiner Zeit zu weit von ihr hinreißen lassen, aber ich sah ein, daß es damit nicht geht, ich zog die Zügel noch rechtzeitig an, aber nicht zu heftig. Ich bin immer ein Freund von ein wenig Theorie gewesen. Wir können die Ideen nicht entbehren, sonst würden wir uns bald wieder in die finsteren Zeitalter zurückversetzt sehen. Aber da wir einmal von Büchern reden. Da ist ›Southey's Krieg in Spanien‹. Ich lese das des Morgens. Kennen Sie Southey?«

»Nein,« antwortete Herr Casaubon, welcher mit Herrn Brooke's sprudelndem Vortrag nicht Schritt zu halten vermochte und nur an das Buch dachte. »Es fehlt mir gerade jetzt an Muße für die Lektüre derartiger Bücher. Ich habe meine Augen letzthin bei der Entzifferung von alten Lettern sehr anstrengen müssen und suche jetzt einen Vorleser für die Abende, aber ich habe ein sehr empfindliches Ohr und würde es nicht ertragen können, mir mangelhaft vorlesen zu lassen. Das ist in mehr als einer Beziehung ein Unglück für mich; es macht auch, daß ich zu viel grüble und mich zu viel mit der Vergangenheit beschäftige. Mein Geist gleicht gewissermaßen dem abgestorbenen Geist eines Alten, der die Welt durchwandert und sie trotz aller Ruinen und verwirrenden Veränderungen zu reconstruiren sucht, wie sie einstmals war. – Aber ich bin auf die äußerste Schonung meiner Sehkraft angewiesen.«

Es war das erste Mal, daß Herr Casaubon sich etwas ausführlicher ausgesprochen hatte. Er drückte sich mit großer Präcision aus, wie wenn er aufgefordert wäre, öffentlich etwas zu constatiren; seine wohlerwogene monotone Redeweise, welche er mit einer gleichmäßigen Kopfbewegung begleitete, frappirte um so mehr, als sie den schärfsten Gegensatz zu der unordentlich abspringenden Manier des guten Herrn Brooke bildete. Dorothea dachte bei sich, Herr Casaubon sei der interessanteste Mann, der ihr noch je vorgekommen, selbst Herrn Liret, einen Waadtländischen Geistlichen, welcher in Lausanne Vorlesungen über die Waldenser gehalten hatte, nicht ausgenommen. Eine vergangene Welt im Hinblick auf die höchsten Zwecke der Wahrheit zu reconstruiren – das war eine Arbeit, bei welcher zugegen und, – wäre es auch nur durch das Halten der Lampe – behülflich sein zu dürfen, des höchsten Preises werth erschien.

Dieser erhebende Gedanke brachte sie auch über den Verdruß hinweg, den es ihr bereitete, mit ihrer Unwissenheit in der Nationalökonomie, dieser unergründlichen Wissenschaft, welche wie ein Auslöscher auf ihr ganzes geistiges Bewußtsein wirkte, geneckt zu werden.

»Sie reiten gern, Fräulein Brooke,« sagte Sir James gleich darauf, bei einer sich darbietenden Gelegenheit. »Ich hatte gehofft, Sie würden auch an dem Vergnügen der Jagd Geschmack finden. Wollen Sie mir nicht erlauben, Ihnen meinen Braunen zu schicken, um ihn einmal zu versuchen? Er ist darauf trainirt, von Damen geritten zu werden. Vorigen Sonnabend sah ich Sie die Anhöhe auf einem Gaule hinanreiten, der Ihrer nicht würdig war. Mein Reitknecht kann Ihnen den Corydon jeden Tag herbringen, wenn Sie nur die Güte haben wollen, die Zeit zu bestimmen.«

»Ich danke Ihnen, Sie sind sehr gütig. Aber ich will das Reiten ganz aufgeben. Ich will gar nicht mehr reiten,« erwiderte Dorothea, die sich zu diesem brüsken Entschluß durch einen kleinen Verdruß darüber gedrängt fühlte, daß Sir James es versuchte, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, während sie dieselbe ganz Herrn Casaubon zuzuwenden wünschte.

»Nein, das wäre zu hart,« entgegnete Sir James in einem Tone des Vorwurfs, der von einem lebhaften Interesse zeugte. »Ihre Schwester gefällt sich in Selbstquälerei, nicht wahr?« fuhr er fort, indem er sich an Celia wandte, welche an seiner rechten Seite saß.

»Ich glaube ja,« antwortete Celia, mit allerliebstem Erröthen ängstlich besorgt, nichts zu sagen, was ihrer Schwester nicht angenehm sein möchte. »Sie liebt es, Dinge aufzugeben.«

»Wenn das wahr wäre, Celia, so wäre ja mein Aufgeben eine Nachgiebigkeit gegen mich selbst und keine Selbstquälerei. Aber es kann sehr gute Gründe geben, sich zu entschließen, etwas sehr Angenehmes nicht zu thun,« sagte Dorothea.

Zu gleicher Zeit sprach auch Herr Brooke; aber Herr Casaubon war augenscheinlich ganz in die Beobachtung Dorotheen's vertieft, was dieser keineswegs entging.

»Vollkommen richtig,« erwiderte Sir James auf die letzte, Bemerkung Dorotheen's. »Sie geben die Dinge aus edlen und großen Motiven auf.«