Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der stellvertretende Schulleiter einer Realschule am nördlichen Rand des Ruhrgebiets begeht scheinbar Selbstmord wegen einer angeblichen Affäre mit einer Schülerin seiner Schule. Fünf Jahre später wird der Ich-Erzähler neuer Konrektor an dieser Schule. Sehr bald muss er erkennen, dass sein Schulleiter nicht nur äußerst skrupellos ist. sondern dass er auch in kriminelle Handlungen verstrickt ist. Mit Hilfe der Sekretärin und von einigen Kollegen gelingt es dem Konrektor, den Schulleiter unter anderem des Betrugs zu überführen. Das ist jedoch nur die Spitze eines Eisbergs. Im Laufe der Ermittlungen durch das Rechnungsprüfungsamt der Stadt stellt sich heraus, dass ein Brand, der kurz vor dem scheinbaren Selbstmord in der Schule ausgebrochen ist, in Beziehungszusammenhang mit dem Tod des stellvertretenden Schulleiters steht. Dieser Brand ist der Schlüssel in dem Fall. Der Konrektor kommt immer mehr zu der Erkenntnis, dass es sich bei der scheinbaren Selbsttötung um einen Mord handelt und dass der Täter äußerst raffiniert vorgegangen ist, um dieses Verbrechen zu tarnen. Er setzt alles daran, diese Tat aufzuklären.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Günter Lebuen
Miese Machenschaften
Tatort Schule
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31.Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
Impressum neobooks
Eine solche Nachricht am frühen Morgen und das noch auf fast nüchternem Magen!
Kaum hatte ich das Lehrerzimmer der Willy-Brandt-Realschule in Dülmen betreten, da stürzte schon mein Kollege Karl Freitag auf mich zu:
„Du wirst es kaum glauben, was mir gerade der Chef mitgeteilt hat. Dein alter Studienfreund Hans Martens ist tot. Genaueres weiß Herr Heisterhagen auch noch nicht.
Er hat heute Morgen zufälliger Weise mit dem Kollegen der Bertolt-Brecht-Realschule, Herrn Hartmann, in Recklinghausen wegen einer Personalangelegenheit telefoniert.
Bei dieser Gelegenheit hat er von dieser traurigen Nachricht erfahren.
Es spräche wohl alles für eine Selbsttötung. Er soll sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch vor einen Zug geworfen haben.“
Hans Martens tot? Und dann noch Selbstmord? Das schien mir unbegreiflich. Unfassbar!
Ich kannte Hans schon seit mehr als zwanzig Jahren. Wir hatten zusammen in Münster studiert. Ich Germanistik und Geschichte, er Germanistik und Theologie.
Nach der ersten Staatsprüfung für das Lehramt waren wir sowohl im gleichen Studienseminar als auch im Fachseminar in Recklinghausen.
Einmal im Jahr trafen wir uns auf den Personalversammlungen. Zudem traf ich ihn des Öfteren, da ich Fachleiter am Studienseminar Recklinghausen für das Fach Deutsch war, bei Besuchen an seiner vorigen Schule in Haltern.
So hatte ich ihn noch vorige Woche in Telgte bei der Personalversammlung getroffen. Nach dem Schluss der Veranstaltung waren wir zusammen in ein nahegelegenes gegangen und hatten uns längere Zeit unterhalten. Dabei machte er auf mich absolut keinen depressiven Eindruck.
Voller Enthusiasmus erzählte er mir von seinen Reiseplänen für die Sommerferien.
Er wollte mit Monika, seiner Frau, und mit den beiden Kindern Dominik und Christoph für drei Wochen nach Südfrankreich fahren.
Zudem war er auch beruflich durchaus erfolgreich. Bis August vorigen Jahre war er einfacher Kollege an einer Schule in Haltern gewesen.
Dann hatte er sich erfolgreich um die Stelle des stellvertretenden Schulleiters in Recklinghausen beworben.
Ich wusste zwar von ihm, dass er Schwierigkeiten mit seinem neuen Chef hatte. Dieser war, wie ich selber bei einem Unterrichtsbesuch feststellen konnte nicht so ganz einfach. Aber welcher Chef ist schon einfach.
Zudem hatte Hans ein gutes Verhältnis zu fast allen Kollegen und Kolleginnen. Auch war er durchaus bei Eltern und Schülern beliebt.
Familiär war – soweit ich das beurteilen konnte – alles in Ordnung!
Hans hatte niemals auf mich einen depressiven Eindruck gemacht.
Im Gegenteil! Er war ein lebensbejahender, fröhlicher Mensch, der das Leben liebte und für den seine Familie das Wichtigste war.
Warum sollte er sich umbringen?
Das Unterrichten an diesem Morgen gelang mir nur mit Mühe. Immer wieder musste ich an Hans denken. Wie sehr musste Monika, seine Frau, diese Nachricht getroffen haben!
Wie gingen seine beiden Kinder damit um? Ihr Vater, der das Leben so liebte, ein Selbstmörder?
Nach Schulschluss fuhr ich sofort nach Hause, um Kathrin, meine Frau, von Hans Tod zu berichten. Auch sie reagierte bestürzt.
„Hans ein Selbstmörder? Das passt nicht zu ihm! Dafür war er viel zu lebensbejahend!
Wenn es wirklich so war, dann muss in den letzten Tagen und Wochen etwas Einschneidendes geschehen sein, von dem wir aber nichts wissen.“
Ich war der gleichen Ansicht.
Da mir die Angelegenheit mehr als merkwürdig vorkam, rief ich noch am gleichen Abend einen Kollegen von Hans an: Erich Zabel.
Erich war an der Bertolt-Brecht-Schule in Recklinghausen Ausbildungskoordinator und somit für die Betreuung von Lehramtsanwärtern zuständig.
Da ich neben meiner Tätigkeit als Lehrer in Dülmen auch Fachleiter am Studienseminar Gelsenkirchen war, hatte ich schon zahlreiche Gespräche mit ihm geführt. Er war ein freundlicher, seinen Lehramtsanwärtern sehr zugewandter Mensch.
Er kam wie ich aus dem westlichen Münsterland, was schon sein Äußeres verriet. Er hatte eine etwas gedrungene Figur und ein rundliches Gesicht, das immer leicht gerötet war. Auffällig waren vor seine tiefblauen Augen, mit denen er hellwach in die Welt schaute.
Zudem war ein Gemütsmensch, der gutes Essen liebte und auch gerne ein Glas Bier oder ein guten Rotwein trank.
Im Laufe der Jahre waren wir Freunde geworden und hatten so manches Glas Bier miteinander getrunken.
Sofort kamen wir auf den Tod von Hans Martens zu sprechen. Erich war noch hörbar schockiert.
Nur mit Mühe und sehr stockend erzählte er mir, dass Hans in der vorletzten Nacht von einer Eisenbahnbrücke in Recklinghausen gesprungen und von einem Güterzug erfasst worden sei. Seine Leiche wäre so entstellt gewesen, dass die Polizei zunächst einmal nicht seine Identität hätte feststellen können.
Da er in der Nacht nicht nach Hause gekommen sei, habe sich seine Frau große Sorgen gemacht. Als dann auch noch die Sekretärin der Schule angerufen und nachgefragt habe, ob Hans krank sei, ahnte sie, dass etwas Schreckliches passiert sein müsse. Daher habe sie sich gegen 10.00 Uhr an die Polizei gewandt.
Aufgrund der Beschreibung der Kleidung und mit Hilfe des Eherings, in dem das Hochzeitsdatum und Monikas Namen eingraviert war, konnte Hans dann identifiziert werden.
Zudem war sein Wagen ganz in der Nähe der Brücke geparkt.“
Mit zitternder Stimme sagte er dann noch: „Vorgestern Abend habe ich noch mit Hans gesprochen.
Wir hatten an diesem Abend noch Schulkonferenz und Hans machte auf mich keinesfalls einen depressiven Eindruck.
Er war aber, was ich sonst von ihm überhaupt nicht kenne, sehr schweigsam und hielt sich aus allen Diskussionen heraus. Das ist für ihn völlig untypisch.
Ich habe auch noch mitbekommen, dass unser Chef ihn nach der Konferenz in sein Zimmer gebeten hat, da er noch etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen habe.“
Als ich von der Schule nach Hause führ, war er wohl noch im Gespräch mit Hartmann, da nur noch sein Wagen und der unseres Chefs auf dem Parkplatz standen.
Zehn Tage später, 30. März, wurde Hans Martens auf dem Nordfriedhof in Recklinghausen beerdigt.
Es war trotz oder gerade wegen des schrecklichen Todes eine große Beerdigung. Neben seinen engsten Angehörigen war fast das ganze Kollegium anwesend. Auch zahlreiche Schüler und Eltern nahmen von ihm Abschied. Zudem war aus Münster die zuständige Regierungsschuldirektorin Frau Schirrmeister angereist.
Bei vielen der Anwesenden, besonders aber bei den Schülern war eine große Betroffenheit spürbar.
Einige Schülerinnen bekamen einen Weinkrampf und mussten entweder von ihren Eltern oder aber von Mitschülern getröstet und betreut werden.
Besonders leid tat mir aber Hans Frau Monika und seine beiden Kinder, da sie auf so tragische Weise den Mann, den Vater verloren hatten.
Gott sei Dank hatte die Familie in der Traueranzeige darum gebeten, von Beileidsbekundungen am Grab Abstand zu nehmen. Somit blieb ihnen das wenigstens erspart.
Nach der Beerdigung gab es das obligatorische Kaffetrinken in einem nahegelegenen Cafe. Nur mit Mühe konnten alle Gäste untergebracht werden. Als ich den Raum betrat, sah ich, dass an dem Tisch, an dem einige Kollegen der Bertolt-Brecht-Realschule saßen, noch ein Platz frei war.
Ich nahm neben Erich Zabel Platz.
Im Mittelpunkt aller Gespräche stand Hans Selbstmord. Ich teilte Erich meine Bedenken mit und sagte ihm noch einmal, dass ich Hans niemals eine solche Tat zutrauen würde. Dafür gäbe es überhaupt keinen Grund.
Hans sei ein dem Leben positiv zugewandter Mensch gewesen. Außerdem sei er noch voller Pläne gewesen.
Erich hörte sich meine Argumente zunächst schweigend an.
Dann meinte er: „Jürgen, ich fürchte, du hast ein zu positives Bild von Hans. Es gibt da nämlich eine Geschichte, die ein völlig anderes Licht auf ihn wirft. Seit Tagen kursiert an unserer Schule das Gerücht, dass er ein Verhältnis mit einer Schülerin an unserer Schule gehabt habe.“
Klaus Bücker, Erichs Kollege, pflichtete ihm bei. „Ich habe davon gehört, dass unser Chef und auch wenigstens zwei Kollegen anonyme Briefe erhalten haben, in denen Hans beschuldigt wurde, mit einer Schülerin intim gewesen zu sein.
Deshalb soll er ihn nach der Schulkonferenz zur Rede gestellt haben.
Dies hat mir Frau Otto, unsere Sekretärin berichtet. Auch die Polizei hat wohl diese Spur verfolgt.
Bisher weiß man aber nicht, wer diese Schülerin ist, zumal der Absender dieser Briefe sich nicht zu erkennen gegeben hat.“
Marion Weidner, ebenfalls Lehrerin an der Bertolt-Brecht-Realschule, ergänzte: „Ihr wisst ja, dass ich eine gute Bekannte von Hans und Monika bin. Ich habe zwei Tage nach Hans Tod sie zu Hause besucht, um ihr mein Mitgefühl zu bekunden.
Sie stand immer noch unter Schock, was nachzuvollziehen ist, zumal ihr Mann einem solchen Verdacht ausgesetzt war.
In diesem Gespräch hat sie mir anvertraut, dass sich Hans in den letzten Tagen und Wochen vor seinem Tod sehr verändert habe.
Er habe, was sie sonst überhaupt nicht von ihm kenne, schlecht geschlafen, Albträume gehabt und habe nur mit Hilfe von Schlaftabletten Schlaf gefunden. Auch sei er sehr einsilbig gewesen und wirkte oft abwesend.
Zudem sei er fast jeden Tag bis spät abends angeblich in der Schule gewesen. Auf Nachfragen habe er ihr nur ausweichend geantwortet und gemeint, dass er selbst erst einmal sich Gewissheit verschaffen müsse, bevor er mit ihr darüber reden könne.
Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass sie aufgrund des merkwürdigen Verhaltens ihres Ehemanns erhebliche Zweifel an seiner Treue hat.
Hans war durchaus ein attraktiver Mann in den besten Jahren. Zudem hatte er immer ein sehr partnerschaftliches Verhältnis zu den Schülern.
Man soll zwar über die Toten nichts Schlechtes sagen, aber meiner Ansicht nach war er etwas zu schülerzugewandt und wahrte nicht immer die notwendige Distanz.
Aber das war sein Problem. Jeder Lehrer hat seine Macken, mir persönlich war sein Eingehen auf die Befindlichkeiten der Schüler viel zu intensiv.“
Diese Seite an Hans Martens war mir ganz neu. Deshalb hakte ich hier nach „Und du bist dir ganz sicher, Hans hatte etwas mit einer Schülerin?“
„Wer ist sich schon sicher, aber das Gerücht ging schon einige Tage im Lehrerzimmer umher. Wer aber als erster dieses Gerücht verbreitete, weiß ich nicht.
Was meiner Ansicht nach auch für den Freitod spricht, ist folgende Tatsache: Hans hat am Abend seines Todes gegen 23.00, also etwa eine Stunde vor dem schrecklichen Ereignis, eine Mail an seine Frau geschickt. Monika hat sie erst am nächsten Abend geöffnet.
Ich weiß das aus sicherer Quelle.
Wenn ich mich recht entsinne, lautete sie in etwa so:
`Liebe Monika, es tut mir unendlich leid, was ich dir und meinen Kindern angetan habe und antue. Ich weiß aber keinen Ausweg mehr!`
Ich habe auch mitbekommen, das Hans in der letzten Zeit häufig sehr nervös und unkonzentriert war und sich oft irgendwelche Beruhigungspillen eingeworfen hat.“
Auf dem Nachhauseweg versuchte ich das Gehörte für mich zu verarbeiten.
Hans Martens – ein Lehrer, der sich mit Schülerinnen abgab?
Für mich nicht nachvollziehbar, da ich von ihm ein ganz anderes Bild hatte.
So wie ich ihn kennengelernt hatte, war er ein Lehrer gewesen, der sich intensiv für seine Schüler einsetzte, für den aber auch seine Familie sehr wichtig gewesen war. Für ihn war der Lehrerberuf kein Job, sondern Berufung.
Wegen einer solchen Affäre sollte er alles aufs Spiel gesetzt haben. Unbegreiflich.
Aber Lehrer sind auch nur Menschen!
Durch einen Telefonanruf wurde ich fünf Jahre später kurz vor den Sommerferien wieder an das Schicksal von Hans Martens erinnert.
Mein Freund Erich Zabel war am Telefon.
Nachdem er sich nach meinem Befinden erkundigt hatte, teilte er mir mit, dass an seiner Schule zu Beginn des zweiten Schulhalbjahrs, also zum ersten Februar, die Position des stellvertretenden Schulleiter neu zu besetzen sei, da der Nachfolger von Hans Martens zum Schulleiter an einer Realschule in Datteln gewählt worden sei.
„Du bist der richtige Mann auf diesem Posten. Wir brauchen jemand, der sich etwas zutraut und der nicht kneift. Du kennst ja unseren cholerischen Chef. Mehr brauch ich dir nicht zu sagen! Das Beste ist, wir treffen uns bei mir und ich werde dir wichtige Infos geben. Wie wär`s mit Morgen Nachmittag gegen drei Uhr?“
Da ich ein neugieriger Mensch bin und da ich aufgrund einer Bewerbung um eine Schulleiterstelle in Hamm noch eine gültige Beurteilung besaß, stimmte ich nach kurzem Bedenken dem Treffen zu.
Durch meine Unterrichtsbesuche an der Bertolt-Brecht-Realschule wusste ich, dass dort nicht nur eine miese Stimmung herrschte, sondern dass fast alle Kollegen mehr oder minder Angst vor ihrem Chef hatten.
Warum wusste ich nicht genau.
Sein Name schien aber fast programmatisch zu sein:
Winfried Hartmann:
Wenig friedvoll, dafür aber hart und nicht herzlich.
Auf mich wirkte er immer unnahbar und als jemand, der immer voller Misstrauen die Welt betrachtete. Und an seine Schule sollte ich mich bewerben?
Mal abwarten, was Erich mir zu berichten hatte.
Am nächsten Tag fuhr ich mit gemischten Gefühlen zu Erich. Er kam auch sofort zur Sache.
„Wie du sicherlich selber weißt, herrscht an unserer Schule ein Klima der Angst und des Misstrauens. Hartmann schafft es immer wieder, dass wir Lehrer unter Druck gesetzt werden. Dazu hat er auch noch Unterstützung durch Münster. Uns Kollegen behandelt er, als seien wir seine Untertanen.“
„Wie, so schlimm ist die Situation? Habt ihr euch denn schon einmal an den Personalrat und an die zuständige Schulaufsicht gewandt?“
„Die für uns zuständige Regierungsschuldirektorin Frau Schirrmeister gibt ihm immer Recht und unterstützt ihn vorbehaltlos, wie er immer wieder in Konferenzen betont, in seiner Amtsführung.
Auch vom Personalrat ist wenig zu erwarten. Vielleicht hat es aber etwas damit zu tun, dass er in der Lehrergewerkschaft sehr aktiv ist und zudem für einen renommierten Verlag Vorlagen für schulrechtliche Formulare entwickelt. Außerdem hat er auch ein Buch mit dem Titel ‚Schulrecht einfach erklärt´ herausgegeben.“
„Das hört sich ja so an, als ob er Narrenfreiheit genießt?“
„Das kann man wohl so sagen. Du kannst dir in deinen kühnsten Träumen nicht vorstellen, was an unserer Schule los ist.
Ich will dir das einmal an zwei Beispielen deutlich machen:
Du kennst doch Frau Baumschulte.
Sie ist eine äußerst engagierte Kollegin, die kurz vor ihrer Pensionierung steht. Leider ist sie nierenkrank und muss deshalb häufig den Arzt aufsuchen.
Vor etwa drei Wochen musste sie dort morgens einmal wieder Urin abgeben.
Da sie in der zweiten Stunde eine Freistunde hatte, hat sie nutzte sie diese Gelegenheit, um den Arzt aufzusuchen. Sie hatte in der ersten großen Pause Aufsicht und weil sie sich nicht sicher war, ob sie diese auch pünktlich wahrnehmen könne, hat sie mit Frau Stein, die in der zweiten großen Pause Aufsicht gehabt hätte, die Aufsicht getauscht.
Jemand muss das Hartmann gesteckt haben. Jedenfalls als Frau Baumschulte wieder in der Schule erschien, hat er sie lautstark angeschrien, wie sie sich erdreisten könne, ohne seine Zustimmung die Aufsicht zu tauschen.“
„Das gibt`s doch nicht. Hat sich Frau Baumschulte denn nicht an Münster gewandt?“
„Du wirst es nicht glauben! Hartmann hat nach Münster geschrieben und den Vorfall offiziell gemeldet.“
„Münster hat hoffentlich reagiert und ihm mitgeteilt, dass er sie mit solchen Lappalien zufriedenlassen solle.“
„Im Gegenteil. Bei der nächsten Lehrerkonferenz hat Hartmann den Kollegen erklärt, dass das Tauschen von Aufsichten nur mit seiner Zustimmung erfolgen dürfe. Frau Schirrmeister habe ihm voll Recht gegeben und ihn in seiner Amtsführung unterstützt.
Hier siehst du wieder einmal, was wir von Münster zu erwarten haben.“
„Da bin ich aber geplättet! Wo leben wir denn? Das Zeitalter des Absolutismus ist doch schon lange Vergangenheit! Hartmann ist doch kein Sonnenkönig!“
„Scheinbar doch, wie die zweite Geschichte, die noch viel härter als die Sache mit Frau Baumschulte ist, beweist.“
„Noch härter? Da bin ich aber mal gespannt!“
„Vielleicht erinnerst du dich noch an die Schlagzeilen, die unsere Schule im letzten Jahr kurz vor den Sommerferien betrafen. Sogar der Ruhrgebietsexpress berichtete über die Vorgänge an unserer Schule. Dicke Überschrift „Schulleiter schlägt wehrlose Schülerin!“ Auch hier verlief die Angelegenheit im Sande und das, obwohl er einer Schülerin eine Ohrfeige versetzte.“
„Bitte?! Habe ich das richtig verstanden. Gegen ihn ist nichts unternommen worden? Ich kann mich an diesen Vorgang nur noch dunkel erinnern. Hat nicht sogar der Express darüber ausführlich und mit einer dicken Schlagzeile berichtet?“
„Bei euch an der Schule ist es doch sicherlich auch üblich, dass die Schüler der Entlassklassen an ihrem letzten Schultag eine Polonaise durch die Schule machen, um sich von den anderen Schülern zu verabschieden.
Hartmann hatte von seinem Spezi Franz Pape davon erfahren und die Klassenlehrer der 10er Klassen daraufhin zu sich bestellt und ihnen erklärt, dass er ein solches Tun nicht hinnehme. An diesem Tag müssten sie dafür sorgen, dass normaler Unterricht stattzufinden habe. Eine Polonaise durch die Schule sei unvereinbar mit dem Schulgesetz. Diese sähe ausdrücklich vor, dass nur aus schwerwiegenden Gründen Unterricht entfallen dürfe.
Du kennst doch auch Schüler. Welcher Entlassschüler hält sich an seinem letzten Schultag an das Schulgesetz.
Jedenfalls sind die Schüler trotz des Verbots friedlich durch die Schule gezogen.
Als Hartmann davon Wind bekam, ist er zornentbrannt in den Haupttrakt geeilt und hat die Schüler zur Rede gestellt:
„Wer hat euch das erlaubt? Ich habe hier Hausrecht und fordere euch hiermit auf, unverzüglich euren Unterricht aufzunehmen!“
Die Klassensprecherin der 10a Melanie Bauer versuchte noch mit ihm zu diskutieren. Hartmann jedoch geriet darüber so in Rage, dass eine Schülerin es wagte, ihm zu widersprechen, dass er ihr eine schallende Ohrfeige gab. Etliche Schüler waren Zeugen dieses Vorfalls.“
„Was haben die Eltern dieser Schülerin unternommen?“
„Nichts!! Hartmann muss irgendeinen Deal mit ihnen ausgehandelt haben. Jedenfalls haben sie offiziell ihrer Tochter Mitschuld an diesem Vorfall gegeben und außerdem wurde so getan als habe er sie nur am Weitergehen durch das Gebäude hindern wollen und dabei sei er unglücklicher Weise mit der Hand ans Gesicht gelangt.
Übrigens: Die Schüler haben nach der Ohrfeigenaffäre Courage gezeigt.
Als Hartman seine berühmt berüchtigte Abschlussrede hielt, sind etliche aufgestanden und haben die Aula verlassen. Erst als sie beendet war, sind sie wieder hineingegangen. Ich konnte die Schüler gut verstehen.
Hartmann saß während des Rests der Veranstaltung mit versteinerter Miene da. Das Austeilen der Zeugnisse hat er dann seinem Stellvertreter überlassen.
Frau Otto hat dann noch mitbekommen, dass er anschließend in seinem Büro einen Tobsuchtsanfall bekommen hat.
Nach einigen Tagen schien dieser Vorgang auch in Vergessenheit zu geraten.
Damit ist aber diese Geschichte noch nicht zu Ende.
Hartmann hat sich sofort an Münster gewandt.
Er hat, was mir heute noch unbegreiflich ist, offiziell eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Klassenlehrer der Klasse 10a Herrn Bücker und gegen die Klassenlehrerin der Klasse 10b Frau Waltenbauer eingereicht wegen Verletzung ihrer Dienstpflicht. Begründet hat er es damit, dass sie die Polonaise geduldet hätten und nicht eingeschritten seien. Zudem seien sie ihrer Unterrichtspflicht nicht nachgekommen. Er habe ausdrücklich angeordnet, dass an diesem Tag Klassenlehrerunterricht zu erteilen sei!“
„Und was ist daraus geworden?“
„Die beiden Kollegen wurden zur Stellungnahme aufgefordert und erhielten von Münster eine Rüge wegen ihres Verhaltens. Begründung: Sie hätten sich nicht an die Dienstanweisungen ihres Schulleiters gehalten und zudem seien sie ihrer Unterrichtsverpflichtung nicht nachgekommen. Welch ein Blödsinn!
Die beiden Kollegen haben das natürlich nicht auf sich sitzen lassen und sich in dieser Angelegenheit an den Lehrerrat gewandt mit der Bitte, sie in dieser Angelegenheit zu unterstützen. Wie du vielleicht weißt, war ich zu dieser Zeit Vorsitzender des Lehrerrats. Wir waren unheimlich sauer auf Münster, zumal Hartmann wieder einmal nicht wegen seines Verhaltens zur Verantwortung gezogen wurde.
Nach reiflicher Überlegung haben wir beschlossen, einen Brief nach Münster zu schreiben, in dem wir unsere Sicht der Dinge darlegen wollten.
Nach Fertigstellung haben wir den Kollegen, von denen wir wussten, dass sie auch das Vorgehen von Hartmann missbilligen würden, diesen Brief zu lesen gegeben und um ihr Einverständnis gebeten, diesen Brief nach Münster zu schicken.
Alle Kollegen, die den Brief zur Kenntnis genommen hatten, waren damit einverstanden.
Nur den Kollegen, von denen wir wussten, dass sie Hartmann nahe stehen, haben wir den Brief verständlicher Weise vorenthalten.
Da aber meine Kollegen und Kolleginnen Repressalien von Seiten Hartmanns befürchteten, haben wir als Lehrerrat den Brief nach Münster weitergeleitet. Gleichzeitig haben wir aber auch darauf hingewiesen, dass die Mehrheit des Kollegiums den Inhalt des Briefs mittrage.
Das war ein Fehler. Einige Tage später wurden die Vertreter des Lehrerrats in Hartmanns Büro gebeten. Dort eröffnete er uns, dass Frau Schirrmeister ihm eröffnet habe, dass gegen ihn ein Kesseltreiben im Gang sei und dass Kollegen seiner Schule hinter seinem Rücken ihn denunziert hätten.
Ein solches Tun sei nicht hinnehmbar, da dadurch die Amtsführung des Schulleiters in unerträglichem Maße beeinträchtigt würde.
Zugleich wurde uns erklärt, dass die Dezernentin zur nächsten Lehrerkonferenz erscheinen würde, um ihn in seiner Amtsführung aktiv zu unterstützen.
Außerdem würde er jeden einzelnen Kollegen dahingehend befragen, ob er an der Verfassung des Briefes mitgewirkt habe.
Dazu habe er eine Liste erstellt, in der wir per Unterschrift eine entsprechende Erklärung abzuzeichnen hätten.
Du kannst dir sicherlich unsere Reaktion vorstellen. Wir haben uns strikt geweigert, eine solche Erklärung abzugeben.
Zehn Tage später fand dann die Lehrerkonferenz statt. Hartmann saß mit hochrotem Kopf uns gegenüber. Neben ihm saß mit eisiger Miene stocksteif unsere Dezernentin.
Nach kurzer Begrüßung gab Hartmann das Wort weiter an Frau Schirrmeister.
