"Migrantenliteratur" - Aljona Merk - E-Book

"Migrantenliteratur" E-Book

Aljona Merk

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Beschreibung

Studienarbeit aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,0, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Germanistik II), Veranstaltung: Deutsch-türkische Literatur, Sprache: Deutsch, Abstract: Diese Arbeit untersucht die Rezeption von Migrantenliteratur. In einem ersten Schritt geht es darum, herauszuarbeiten, welche Erwartungen im Hinblick auf Authentizität an Texte von Migrantenautoren geknüpft werden. Dabei werden Parallelen von der Erwar-tungshaltung der Rezipienten an die Gastarbeiterliteratur zum aktuellen Rezeptionsver-halten gezogen und Gemeinsamkeiten herausgestellt. Es wird außerdem umrissen, wie Migrantenautoren dieser Erwartungshaltung begegnen. Im zweiten Schritt wird auf die Zuschreibung von Fremdheit hingewiesen und untersucht, auf welche Weise Fremdheit sowohl den Autoren als auch ihren Texten vor allem durch den Literaturbetrieb zuge-schrieben wird und welche Funktion das hat. Anschließend soll in einer empirischen Studie mit der Methode der Inhaltsanalyse über-prüft werden, inwiefern sowohl Forderungen der Rezipienten nach Authentizität als auch Zuschreibungen von Fremdheit an Migrationsliteratur gemacht werden. Eine Zusammen-fassung der Ergebnisse sowie ein Ausblick schließen die Arbeit.

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Veröffentlichungsjahr: 2011

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Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
2. Konstruktion der Rezeption - Rezeption der Konstruktion
2.1 Forderung nach Authentizität
2.2 Zuschreibung von Fremdheit
3. Empirische Untersuchung
3.1 Korpus, Methode und Zielsetzung
3.2 Ergebnisanalyse
4. Abschließende Überlegungen und Ausblick
5. Quellenverzeichnis
6. Anhang

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1. Hinführung

„Überlegt, wie ausländischen Kindern und Jugendlichen das Leben in Deutschland erleichtert werden kann? Was könnt ihr tun?“ So lautet einer der von Brunner1untersuchten Arbeitsaufträge in Schulbüchern. Sie stellt fest, dass in vielen deutschen Schulbüchern dasselbe Bild vom Ausländerkind, das sichzwischen zwei Stühlenbefindet, nicht nur beschrieben, sondern auch mit der immer gleichen Abbildung dargestellt wird. Es bedient das Klischee,solcheKinder lebten zwischen zwei Kulturen, was ausschließlich Konflikte und Desorientierung bedeute, ebenso wie Kulturdifferenz auch immer Kulturkonflikt zur Folge habe. Die Kinder hätten mit Identitätsproblemen zu kämpfen und wüssten nicht, wo ihre Heimat sei. Auffällig ist, dass die türkische Kultur als das prototypisch Fremde erscheint. Es wird KindernFremdseinattestiert, die oftmals bereits zur sogenannten dritten Migrantengeneration gehören. DasFremdeerscheint also als dasKulturfremde,womit auf markante Weise kulturelle Differenzen überbetont werden und Ausländerkinder als einebesondere,von Natur aus problembeladene Gruppe stigmatisiert werden.

Diese Schulbücher stammen aus den späten neunziger Jahren und man könnte hoffen, dass sich die Darstellungen geändert haben. Im Reclam-HeftMigrantenliteratur. Arbeitstexte für den Unterricht2aus dem Jahr 2007 ist allerdings im Vorwort immer noch zu lesen, die Schüler begegneten durch die Lektüre der Arbeitstexte „fremden Lebensweisen und Mentalitäten ebenso wie der ganz eigenen Kultur der Ausländer in Deutschland.“3Und weiter:

Wenn Deutsche zu einer solchen inter- und transkulturellen Auseinandersetzung bereit sind, leis-

ten sie einen Beitrag zur Integration von Einwanderern in unsere Gesellschaft. Vielleicht ist es nur ein kleiner Schritt, aber immerhin ein Schritt, um zwischen den Kulturen Brücken zu schlagen.4

Das Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass außerhalb des akademischen Rahmens die aktuellen Konzepte der Forschung noch nicht angekommen zu sein scheinen. Die skizzierte Lesart, die an künftige Generationen von Lesern5weitergegeben, also sozialisiert wird,

1Vgl. Brunner, Maria E.: „Migration ist eine Hinreise. Es gibt kein ‚Zuhause‘, zu dem man zurück kann.“ Der Migrationsdiskurs in deutschen Schulbüchern und in Romanen deutsch-türkischer AutorInnen der neunziger Jahre. In: Die andere deutsche Literatur.

Istanbuler Vorträge. Hg. von Manfred Durzak/ Nilüfer Kuruyazıcı u. a. Würzburg 2004. S. 71-90. Hier: S. 72-73.

2Vgl. Müller, Peter und Jasmin Cicek (Hrsg.): Migrantenliteratur. Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart 2007.

3Ebd. S. 9.

4Ebd.

5Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechterdifferenzierende Schreibweise verzichtet. Es sind jedoch stets beide Geschlechter gleichermaßen angesprochen.

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erinnert an die Anfänge der Rezeption von Migrantenliteratur6in den achtziger Jahren, die alsGastarbeiterliteraturoderAusländerliteratur7kategorisiert und ausschließlich im Kontext der (Arbeits-)Migration gelesen wurde. Heute liegen die Verhältnisse in der Forschung wesentlich komplizierter. Es ist eine Vielzahl von Begriffen im Umlauf, die mehr oder weniger Ähnliches bezeichnen sollen. Einige, denen man regelmäßig begegnet, sindMigrantenliteratur, Migrationsliteratur8,interkulturelle Literatur9odertranskulturelle Literatur10. Um die Benennungsschwierigkeiten11und die damit verbundenen Auseinandersetzungen soll es nicht gehen, ich möchte jedoch in diesem Zusammenhang einige grundlegende Aspekte hervorheben, die für diese Arbeit wesentlich erscheinen.

Migrantenliteratur scheint den bisher existierenden begrifflichen Rahmen der germanistischen Literaturwissenschaft in Frage zu stellen. Sie lässt sich nämlich weder aus außerliterarischen und biographischen Phänomenen, noch aus rein ästhetischen, formalen oder thematischen Aspekten erschöpfend herleiten.12Die aus der deutschen hermeneutischen Tradition stammende leitende Idee desVerstehensdes Fremden ist im Zuge descultural turnsdem aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Konzept von Kulturalität gewichen.13Weitgehend durchgesetzt hat sich die Einsicht, dass Kulturen keine abgeschlossenen Wesenheiten sind und dass von einemDazwischennicht gesprochen werden kann. Ein Dazwischen suggeriert nämlich, es handle sich um zwei homogene

6Ich lehne mich an Dörrs Vorschlag der pragmatischen Verwendung dieses Begriffs an. Bei Migrantenliteratur handelt es sich nicht nur um Literatur von Migranten, sondern auch um die der Migranten der zweiten und dritten Generation, obwohl dies, darauf weist

Dörr hin, ein Oxymoron darstellt. Vgl. Dörr, Volker C.: „Gastarbeiter“ vs. „Kanaksta“: Migranten-Biographien zwischen Alterität,

Hybridität und Transkulturalität. In: AutoBioFiktion. Konstruierte Identitäten in Kunst, Literatur und Philosophie. Hg. von Christian

Moser. Bielefeld 2006. S. 145-166. Hier: S. 148.

7Es entstand ein stark politisch motiviertesAusländer-Lesebuch(Schaffernicht, Christian: Zu Hause in der Fremde. Ein Ausländer-Lesebuch. Reinbek 1984. Siehe darin vor allem Biondi, Franco und Rafik Schami: Literatur der Betroffenheit. S. 136-150.) sowie

mehrere dtv-Anthologien aus einem Preisausschreiben des Münchner Instituts für Deutsch als Fremdsprache, das von Harald Wein-rich und Irmgard Ackermann initiiert wurden. Ackermann, Irmgard (Hrsg.): Als fremder in Deutschland. Berichte, Erzählungen,

Gedichte von Ausländern. München 1983. Dies. (Hrsg.): In zwei Sprachen leben. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern.

München 1984. Dies. (Hrsg.): Türken deutscher Sprache. Berichte, Erzählungen, Gedichte. München 1984. Außerdem entstand ein

Sammelband aus einem Kolloquium, bei dem es umeine nicht nur deutsche Literaturging. Ackermann, Irmgard und Harald Wein-

rich (Hrsg.): Eine nicht nur deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der „Ausländerliteratur“. München 1986.

8Vgl. Schenk, Klaus (Hrsg.): Migrationsliteratur. Tübingen 2004.

9Vgl. Gutjahr, Ortrud: Interkulturalität als Forschungsparadigma der Literaturwissenschaft. Von den Theoriedebatten zur Analyse kultureller Tiefensemantiken. In: Zwischen Provokation und Usurpation. Interkulturalität als (un)vollendetes Projekt der Literatur-