Milo - Geliebter Todesengel - M.E. Fiend - E-Book

Milo - Geliebter Todesengel E-Book

M.E. Fiend

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Beschreibung

"Milo – Geliebter Todesengel" ist ein Action-Thriller, der den Leser atemlos durch die Seiten jagt. Ein Buch, das sich liest wie ein Film – rasant, actionreich und doch tiefgründig. Ein deutscher Unternehmensberater rettet in San Francisco einer geheimnisvollen Frau namens Milo das Leben. Sie ist ein ehemaliges Mitglied der Yakuza. Der erste Kuss entfacht die große Liebe in ihm. Um sich von den Dämonen seines Vaters, die ihn heimsuchen, zu befreien, gibt er für sie sein bisheriges Leben auf. Er ist wie besessen von ihr und lässt sich von ihr ausbilden. Beide geraten ins Visier des organisierten Verbrechens. Sie erhalten einen Auftrag, der sie nach Tokio lockt und durch den sie in ein echtes Inferno stolpern. Gemeinsam stellen sie sich dem ultimativen Kampf ... "Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. Mit diesem Buch schreibe ich nicht nur die gemeinsamen Erlebnisse der letzten Jahre nieder, sondern versuche verzweifelt, den "Bruder" wiederzufinden, der mir alles bedeutet." – M.E. Fiend

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Seitenzahl: 627

Veröffentlichungsjahr: 2018

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M.E. Fiend

Milo

Geliebter Todesengel

Thriller

eISBN 978-3-947612-10-9

Copyright © 2018 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Lukas Hüttner

Bildrechte: Lukas Hüttner

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher:

www.mainbook.de

Inhalt

Das Buch

Der Autor

Prolog

1 – San Francisco, Montag, 6. Februar 2012

2 – San Francisco, Dienstag, 7. Februar 2012

3 – San Francisco, Mittwoch, 8. Februar 2012

4 – San Francisco, Donnerstag, 9. Februar 2012

5 – London, Freitag, 10. Februar 2012

6 – London, Texas, Samstag, 11. Februar 2012

7 – Texanische Wüste, Sonntag, 12. Februar 2012

8 – Texanische Wüste, November 2012

9 – Texanische Wüste, Januar 2013

10 – Texas, Tokio, Freitag, 25. Januar 2013

11 – Tokio, Samstag, 26. Januar 2013

12 – Tokio, Sonntag, 27. Januar 2013 – Morgen

13 – Tokio, Sonntag, 27. Januar 2013 – Nacht

Epilog

Danksagung

Das Buch

Auf der Flucht vor seinem Vater stürzt sich der deutsche Unternehmensberater Marcus Wirtmann in seine Arbeit, in Auslandsreisen und den Alkohol. In San Francisco stößt er zufällig mit einer geheimnisvollen kämpferischen Schönheit zusammen und fühlt sich sofort unrettbar in sie verliebt. Er hilft ihr, einer Gruppe japanischer Gangster zu entkommen und will sich ihr anschließen. Doch sie lehnt das ab.

Also folgt er ihr heimlich und rettet sie ein zweites Mal aus einem schwer bewachten Landsitz eines Engländers, wo sie in eine Falle geriet. Diesmal ist sie überzeugt von seinen Qualitäten und nimmt ihn mit in ihr Versteck in der texanischen Wüste. Dort unterzieht sie ihn einem monatelangen harten Einzelkämpfertraining.

Es folgt ihr erster gemeinsamer Auftrag. Die Abholung eines geheimnisvollen Koffers in Tokio erweist sich jedoch als Falle und die beiden werden von der japanischen Regierung zur Zusammenarbeit gezwungen. Die Apokalypse nimmt ihren Lauf …

Der Autor

Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, die der Autor unter seinem Pseudonym M.E. Fiend in einer Trilogie verarbeitet. Mit diesem Buch schreibt er nicht nur die gemeinsamen Erlebnisse der letzten Jahre nieder, sondern versucht auch verzweifelt den „Bruder“ wiederzufinden, der ihm alles bedeutet.

Ich weiß, du bist da draußen. Und ich werde dich finden, hörst du? Umjeden Preis. Ich habe es dir versprochen.

P.

Prolog

Die Explosionen der Patronentreibladungen verhallen in der Wüste. Sechs Mal feuere ich auf die Zielscheibe. Der machtvolle Rückstoß meiner Remingtons ist unvergleichlich. Sofort lade ich die Revolver nach. Die Trommeln fallen zurück ins Schloss.

Niemals länger als für die zwei Augenblicke des Patronenwechsels mit ungeladener Waffe dastehen – das hat sie mir eingeschärft.

Durch die Gluthitze des texanischen Vormittags gehe ich zu den Zielscheiben. Sechs Treffer. Fünf Mal ins Schwarze … wie gut, dass sie nicht da ist. Sie ist die strenge Lehrmeisterin, unerbittlich – und unwiderstehlich. Diese Frau, die ich heimlich und nur für mich „meine Frau“ nenne.

Langsam drehe ich mich um und schaue blinzelnd in Richtung der glühenden Sonne. Was würde ER wohl sagen, wenn ER mich so sähe, mit meinen tausend Narben, dem gigantischen Brandmal an meiner Hand, den Schussverletzungen. Wenn ER von den schrecklichen Dingen wüsste, die ich getan habe, um sie zu retten, um bei ihr zu sein? Würde ER denken, dass ich endlich erwachsen geworden bin? Dass ich über IHN hinausgewachsen bin? Dass aus dem feigen Versager ein Monster geworden ist? Nichts. Nichts würde ER sagen, wohlwissend, dass ER dieses Monster geschaffen hat!

Ihm bin ich keine Rechenschaft mehr schuldig. Er hat keine Kontrolle mehr über mich. Nie wieder wird er mich verprügeln oder demütigen, denn heute übernimmt dies „meine Frau“ und dafür liebe ich sie mehr als alles andere, mehr als mich selbst, mehr als alles, was ich in meinem jämmerlichen Leben erreicht habe.

Alles habe ich zurückgelassen. Alles. Und es hat sich gelohnt.

Die täglichen Höllenqualen in ihrer Nähe sind mit nichts auf diesem Planeten zu vergleichen. Doch in den wenigen Minuten dazwischen, wenn sie nicht meine Lehrerin und ich nicht ihr Schüler bin, gleicht unser Trainingsgelände dem Himmel auf Erden, trotz der gebrochenen Knochen, der Schnittwunden, der Skorpione, der giftigen Schlangen, der sengenden Hitze und den Sonnenbränden.

Meine Lehrerin ist wieder einmal unterwegs, um die Lage zu sondieren und neue Vorräte zu besorgen, allem voran unseren flüssigen Freund natürlich. Ich will lieber nicht wissen, wie viele leere Jack-Daniel’s-Pullen auf unserem Schrottplatz ihr Dasein fristen. Wir sind erschreckend gut dabei, wenn es um den abendlichen Rachenputzer geht. Wir killen zwei Flaschen am Tag. Egal. In Deutschland hätte ich vermutlich eine Frau am Hals, die mir jeden Tag die Ohren zumüllt, wie ungesund das ist. Sie hingegen säuft mich noch heute unter den Tisch.

Lässig schwang sie sich heute bei Tagesanbruch auf den staubgrauen Fahrersitz unseres steinalten Dogde‘s und donnerte über die Schotterpiste davon zum fernen Horizont, hinter dem die Zivilisation liegt und wie immer stimmen mich diese Tage traurig. Ohne ihre motivierenden Nacken- und Nierenhiebe ist das Training einfach langweilig.

Ich vermisse sie. Und in solchen Minuten schreibe ich. Tatsächlich nutze ich jede Minute des Alleinseins, um zu schreiben. Doch was ich schreibe, darf sie niemals erfahren. Daher schreibe ich auf Deutsch, denn sie ist unberechenbar und wenn sie diese Zeilen lesen würde, wäre alles verloren.

Sollte es tatsächlich einen Himmel geben, werde ich nicht auf der Gästeliste stehen. Und der liebe Gott wird mir mit Sicherheit auch nicht mehr zuhören, doch das ist mir egal.

Vor wenigen Monaten noch habe ich, eine enge Krawatte um den Hals, an einem Flipchart gestanden und in der aseptisch-kühlen Luft eines Konferenzzimmers virtuelle Welten erläutert.

Heute stehe ich in der Wüste von Texas und bin der freieste Mensch auf Erden.

1 – San Francisco, Montag, 6. Februar 2012

Ich hasse Montage. Vor allem, wenn ich diesen Tag in einem miesen Zwei-Sterne-Kabuff mit knapp zehn Quadratmetern Wohnfläche beginnen muss. Da hilft es auch nichts, dass dieses Hotel in einer so geilen Stadt wie San Francisco steht. Das Ergebnis ist dasselbe.

Hass. Hass auf den Job.

Ich schalte das Licht im Badezimmer ein. Eine schmierige Deckenleuchte schießt das gelbliche Licht auf die verdreckten Fliesen. Der vergilbten Kloschüssel fehlt die Brille. Daneben ein kleiner schimmeliger Badezimmerschrank mit Spiegel. Gegenüber die Dusche. Ich schiebe den grauen Badevorhang zur Seite und stelle mich unter den verkalkten Duschkopf.

Ich lasse das Wasser über mich rieseln und zähle die schwarzen Flecken der Badewanne. Warum mache ich diesen Mist überhaupt? Keine Liebe. Selbsthass.

Ich stelle die Temperatur so kalt, wie ich es gerade noch ertrage. Einsamkeit. Keine Freunde.

Jeden Morgen dasselbe Theater.

Ich grapsche nach der Seife, sie rutscht mir aus der Hand, ich rutsche beim Aufheben fast aus.

Warum kündige ich nicht? Keine Freude.

Keine Antworten auf belanglose Allerweltsfragen. Egal. Beschwerden sind sinnlos.

Damit keine falschen Vorstellungen entstehen, möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich Deutscher bin. Die gute Laune ist demnach anerzogen. Ich komme aus München, heiße Marcus Wirtmann, bin unter dreißig und noch nicht tot. Juchhu!

Ich bin Unternehmensberater bei der SAP Deutschland GmbH & Co. KG. Klingt spannend? Ist es aber nicht.

Der Kunde kauft Softwaremodule und ich unterstütze ihn in den Bereichen der Beschaffung und Logistik, um diese Geschäftsprozesse weitestgehend zu optimieren. Schon eingeschlafen? Würde mich nicht wundern. Beim Versuch, jemandem mein Berufsbild zu erklären, habe ich selbst Probleme, nicht zu gähnen.

Bei Frauen kann man mit solchen Geschichten ohnehin nur bedingt landen. Müssen wohl die von mir verwendeten Fremdwörter als Zeichen eventuell vorhandener Intelligenz werten. Auf den Kopf gefallen bin ich vielleicht nicht, aber dennoch war das Studium für dieses Berufsbild meiner Meinung nach nicht notwendig.

Durch den Job ist man jedoch viel unterwegs und bekommt einiges zu sehen. Trotzdem hasse ich den Job. Ich hasse ihn wirklich.

Großer Gott! Das Spiegelbild schmeichelt mir nicht. Die Zeitverschiebung und der Schlafentzug hinterlassen bläuliche Sofakissen unter den mandelfarbenen Augen. Genervt starte ich die heute wohl länger andauernden Instandsetzungsarbeiten. Ich bin zwar kein Model, verstehe es aber dennoch, meine Vorzüge geschickt zu betonen. Zum Beispiel mit einem aalglatt rasierten Gesicht, einem Musterscheitel für die modisch geschnittenen braunen Haare und dem dazu passenden Outfit. Dann noch ein bisschen Selbstvertrauen auftragen und die Schale ist perfekt. Die Maske nervt. Doch leider gehört sie zum Beruf. Immer einen professionellen Eindruck beim Kunden hinterlassen.

Als ich mir mühsam den letzten Rest Colgate aus der zerknautschten Zahnpasta Tube quetsche, kreischt mein Handy. Wie jeden Morgen nervt mich das teuflische Geschrille. Doch Beschwerden sind sinnlos. Schließlich habe ich den Wecker gestellt.

Ich verfluche das Miststück, stolpere mit der bereits befeuchteten Zahnbürste im Mund aus dem Bad ins Nebenzimmer, schalte das Licht ein, bleibe unterwegs erst mit dem kleinen Zeh am Bett und dann mit dem Oberschenkel an der Kommode hängen.

„Scheiße." Als mir die Bürste aus dem Mund fällt, fange ich sie mit der linken Hand und verteile die Paste auf Brust und Beinen. Weltklasse. Ich haue auf die Aus-Taste meines verdammten Telefons und halte mir den Fuß. Mit einem Kopfschütteln mustere ich das winzige Zimmer.

Das Bett grenzt an den Schreibtisch. Und dieser fast an die gegenüberliegende Heizung. Das schätzungsweise zwanzig Jahre alte Inventar besteht aus dunkelbraunem Eichenholz, was die Schmerzen in meinem Bein intensiviert. Der Rest der Bude ist so modern wie das Mobiliar, sprich kein Zimmertelefon. Dass es sowas noch gibt … Dazu die fleckige, uralte, gelbe Tapete. Wann wurde hier das letzte Mal gestrichen? Na ja. Immer noch besser, als die durchgelegenen Kopfkissen. Ich meide den Blick in den Wandspiegel und schleppe mich über den mit Brandflecken verschönerten Teppichboden zu meinem Koffer.

Müde kleide ich mich an. Schwarzer Anzug. Gelbe Krawatte. Einfallslose Berufskleidung ist immerhin eines der Dinge, über die sich ausgelaugte Unternehmensberater nicht beschweren müssen. Ich schließe den Hosenlatz und kippe eines der 0,2 Liter Whiskyfläschchen mit Johnny Walker aus meiner Notration den Rachen hinunter. Mein Miniaturfrühstück nimmt mir keiner.

Im Erdgeschoss treffe ich Patrick Klahre, meinen Kollegen. Auch er ist müde. Die Augen stehen auf Halbmast. Im Gegensatz zu mir hat er aber noch die notwendige Motivation für diesen Einsatz.

„Morgen! Na? Gut geschlafen?“ Grinsend mustert er meine Erscheinung. Sarkastisch sind wir beide. In diesem Berufszweig wohl eine der notwendigen Charaktereigenschaften. Die Nacht war schlicht und ergreifend scheiße. Wie immer. Und das sieht er mir wohl auch an. Dreißig Minuten Schlaf sind hoch gegriffen. Den Rest verbrachte ich damit, die Decke anzustarren und zu saufen. Wie immer.

Mit einem halbherzigen Lächeln erwidere ich die idiotische Frage mit einem „Halt dein Maul!“

Kennengelernt haben wir uns vor zwei Jahren bei unserem letzten Projekt in Deutschland. Der AGCO Konzern. Automobilindustrie. Landwirtschaftsmaschinen, sprich Traktoren. Eine politische, achtzehn Monate andauernde Katastrophe. Ein schier endloser Kampf gegen Konkurrenzfirmen, die unsere Software um jeden Preis vom Spielplatz drücken wollten. Und sie gewannen. Leider. Unsere Lösung wurde eingestampft, soll heißen abgelehnt, doch die SAP, unser glorreicher Arbeitgeber, stand dank unseres bravourösen Einsatzes in einem guten Licht, da das Projekt ohne unsere Beteiligung komplett in die Hose ging. Die Software der Konkurrenz sah nie das Tageslicht, die Prozesse wurden vollkommen falsch abgebildet. Wie wir es voraussagten. Die Strapazen in diesen Monaten, die unendlich langen Arbeitstage, der damit verbundene, übermäßige Alkoholkonsum und natürlich der Kunde selbst haben uns in den Wahnsinn getrieben und zusammengeschweißt. Und außer einer mickrigen Gehaltserhöhung haben wir nichts abgekriegt. Für uns war das kein Problem. Die eigentliche Belohnung ist die Tatsache, dass unsere Vorgesetzten uns aufgrund dieses Erfolges seither im Doppelpack zu den haarsträubendsten Einsätzen in aller Welt entsenden.

Der Anzug steht ihm. Patrick ist in Blau mit schwarzer Krawatte unterwegs. Beide tragen wir ein weißes Hemd. Business Look. Akkurater Seitenscheitel im kurz geschnittenen schwarzen Haar. Wie aus dem Ei gepellt.

„Na dann setzen wir uns doch mal ins Restaurant“, sagt Patrick und schüttelt den Kopf. „Oh, stimmt. Es gibt ja gar keins“, verarscht er mich, da ich es war, der das Hotel ausgesucht hatte.

„Ja, du mich auch.“ Patrick ist ein Idiot, aber er hat recht. Das Hotel-restaurant besteht aus einem Tisch mit zwei Stühlen und einem rostfarbenen Blechtablett mit darauf ausgebreiteten Häppchen in der Eingangshalle.

Entnervt mustere ich das jämmerliche Frühstücksbuffet. In Folie eingeschweißte Croissants und etwas, das aussieht wie die Kopie einer Rosinenschnecke. Ebenfalls in Folie. Frustriert setze ich mich zu ihm.

Skeptisch beäuge ich das Areal. Der geflieste Boden ist schmuddelig und abgewetzt. Die Tapete gelb. Schon wieder. Tische und Stühle verkratzt. Zwei-Sterne-Luxus eben. Von meinem Stuhl aus kann ich durch die Glastüren die Straße sehen. Patrick mustert den Typen, der sich neben dem Rezeptionstresen versteckt.

Dort steht ein untersetzter, glatzköpfiger Mann im weißen Unterhemd, das sich über den Bierbauch spannt. Könnte Koreaner sein. Von der Hautfarbe her würde es passen. Die Augen springen zwischen Patrick und mir hin und her. Wir müssen aussehen, als kämen wir von einem anderen Planeten. Fast richtig.

„Wir hätten ins Mariott gehen können“, meint Patrick, nachdem er seine Musterung beendet hat und unsere kläglichen Frühstücksreste begutachtet. „Die Firma zahlt es doch“. Ich schüttele den Kopf. „Fünf Sterne, Marcus.“ Er hebt die Hand. „Fünf Sterne. Pool. Anständiges Essen und …“ Ich falle ihm ins Wort.

„Patrick. San Jose liegt am Arsch der Welt. Es ist mir einfach zu blöd, den halben Tag im Auto zu verbringen. Dieses Mal werden wir unseren Aufenthalt genießen, mein Freund. Verlass dich drauf.“

Er grinst. Meine Worte kommen an. Ich lächle das erste Mal an diesem Tag. „Das Nachtleben ruft.“

Patrick schüttelt den Kopf. „Aber warum ausgerechnet diese Absteige in Tenderloin? Hier ist es nicht sicher. Und warum stinkt das gesamte Haus nach chinesischem Essen?“

Ich beiße in das staubige Croissant und huste, weil ich die Antiquität in die Lunge bekomme.

„Ich hab dir doch gesagt, dass nichts anderes mehr frei war. Die Aktion war zu kurzfristig. Du hast doch auch nicht gedacht, dass wir …“ Ich suche nach Worten. „… nach dem letzten Zwischenfall nochmal hierher kommen dürfen.“

Patrick schmunzelt. „Zwischenfall also, aha.“

„Mund zu.“

Das Schmunzeln wird zu einem Lächeln. Er hebt die Hände und formt Gänsefüßchen. „Zwischenfall.“ Das Lächeln wird breiter. „Interessante Umschreibung.“

„Du sollst die Klappe halten.“

Er grinst wieder und sieht auf die Uhr. „Halb acht. Shit. Wir müssen los.“ Wir kippen hastig die lauwarme Kaffeeplörre runter, das bisschen Koffein muss sein, verlassen das vereinsamte Restaurant, holen unsere Rollköfferchen mit den Laptops, lassen uns ein Taxi von dem missmutigen Koreaner rufen und fahren zum Workshop bei einem unserer größten Kunden.

Im Taxi stiert Patrick durch die schmutzigen Autofenster. Bei unserem letzten Aufenthalt vor zwei Wochen hatten wir keine Gelegenheit gehabt, das Zentrum San Franciscos bei Tageslicht zu sehen – Achtzig-Stunden-Wochen sind in unserem Job nichts Außergewöhnliches.

Er ist begeistert. „Ich liebe den viktorianischen Baustil.“ Er zeigt auf die grauen, schmalen Reihen- und Mehrfamilienhäuser mit romantischen Feuerleitern an jeder verdammten Hauswand. „Viele von denen haben das große Beben 1907 nicht überstanden.“ Er hebt die Hände. „Die sind zum Großteil sogar noch aus Holz und werden deswegen auch für das Stadtbild erhalten. Das Cadillac Hotel zum Beispiel …“ Ich reibe meine Augen. Wieder hat er sich irgendeine zusammenhanglose Scheiße zusammengedoktert, um am Abend irgendwelche Frauen zu beeindrucken. Ich lächle ihn an. Er grinst und hört auf zu labern. Er weiß, dass mich dieser Mist nicht interessiert. Nicht falsch verstehen. Die Häuser sind in Ordnung und versprühen ein gewisses Flair. Sein Faible für alte Gemäuer hingegen kann ich leider nicht teilen. Weitere Drohungen. „Am Wochenende werde ich dich überall hinzerren.“ Er zählt meine Torturen auf. „Zum Nob Hill, zum …“

„Wohin?“

„Zum Nob Hill.“

„Gibt’s dort Alkohol?“

Er reißt die Augen auf und sieht wieder auf seine Uhr. „Es ist kurz vor acht! Wie kannst du jetzt schon ans Saufen denken? Dort steht die Grace Cathedral, du Banause!“

Ich pruste. „Warum verdammt nochmal willst du mich in eine Kirche ziehen? Ich will mit dir feiern.“

„Dazu werden wir schon noch Gelegenheit haben. Krieg dich wieder ein.“ Er dreht sich um und sucht die Orientierung. Wir biegen auf die Hauptstraße ein. „California Street? Dann müsste … Oh Gott!“ Er packt mich am Kinn und dreht meinen Kopf nach links. „Los! Sieh sie dir an!“ Ich sehe eine Kirche. Wird wohl Patricks Kathedrale sein. Eine graue, alte, etwa dreißig Meter hohe Kirche inmitten von noch höheren, grauen, zwanzig Stockwerke hohen Blockhäusern aus Beton. „Geil.“

„Ja. Jaja, ja. Ist doch okay. Ich sehe es. Sieht hübsch aus. Danke.“

Die Empörung ist groß. „Hübsch? Das Ding wurde 1850 erbaut. Etwas mehr Respekt.“ Ich schüttele den Kopf. „Hast du gewusst, dass die dort drinnen ein Labyrinth auf dem Boden haben, das zur Meditation genutzt wird?“ Genervt sehe ich ihn an. Gleich drehe ich ihm den Hals um. Er sieht an mir vorbei durch das Fenster. „Oh, sieh mal. Der Huntington Park.“ Ich lache. Der Mensch ist einfach unglaublich. Jetzt fasziniert ihn schon das Grünzeug. Als ob wir davon im Schwarzwald nicht genug hätten.

„Warum weißt du all diesen Scheiß?“

Er feixt. „Ich bereite mich halt vor. Ein solches Stadtbild ist einmalig in der Welt und ich möchte diese Dinge einfach mitnehmen.“

Schon klar. „Ich weiß genau, worauf du dich vorbereitest und was du mitnehmen möchtest.“ Beim Wort „was“ hebe ich die Hände und forme nun ebenfalls Gänsefüßchen. Unschuldig hebt er die Schultern. Wusste ich es doch.

Der Fahrer überholt ein Taxi und fährt auf die Schienen. Wir fahren direkt hinter einem Cable Car, der Straßenbahn in San Francisco. Innerlich zähle ich bis drei. Nur eine Frage von Sekunden, bis auch dieses Ereignis kommentiert wird.

„Dafür ist die Stadt übrigens auch berühmt.“ Tiefes Seufzen meinerseits. Durchatmen. Lass ihm die Freude.

„Aha.“

„Nein ehrlich. Lass uns am Wochenende mit den Dingern nach Norden fahren.“

„Aha.“ Ich sehe ihn an.

„Du kannst von den Teilen aus über ganz San Francisco und über die Bucht bis nach Alcatraz sehen.“

„Aha.“

Er grinst. „Das wird dir gefallen.“

Ich grinse. „Aha.“

„Interessiert dich einen Scheißdreck, oder?“ Ich nicke. Er winkt ab. Straßenbahnen haben wir, weiß Gott, auch in Deutschland. Nur dass die etwas zugerußter sind als diese dunkelgelbe Bummelbahn aus den späten Siebzigern.

Jetzt wird es interessant. Meine Augen weiten sich. Als wir über den nächsten Hügel ins Tal Richtung Stadtzentrum fahren und der Cable Car endlich aus unserem Sichtfeld verschwindet, erspähen wir die ersten Wolkenkratzer. Die Straßen werden belebter. Die Menge an Fußgängern größer. Der Verkehr dichter. Die Gebäude höher. Die Holzhäuser weniger. Mit einem Schmunzeln betrachte ich die aufgetakelten Damen in den High Heels, Pumps und Stiefeletten. Dann die ersten Cops in ihren schwarzen Uniformen mit den ebenfalls schwarzen Sonnenbrillen. Die ersten Häuser mit chinesischen Pagodendächern.

Jetzt übermannt selbst mich die Neugier. „Genial. Ist das Chinatown?“

Patrick kennt selbstverständlich die Antwort. „Nein. Das ist weiter im Süden. In der Nähe unseres Hotels.“

„Ah, okay.“

„Dort wohnen übrigens überwiegend Vietnamesen und nicht Chinesen, wie viele denken.“

Ich schluchze und flehe ihn an, den Informationshahn zu schließen. „Warum erzählst du mir das alles? Heb dir das für die Weiber heut Abend auf.“

Wir lachen. Der Taxifahrer haut uns in kalifornischem Slang an.

„Ich parke um die Ecke. Hier kann ich nicht halten.“ Patrick und ich nicken uns zu. Die hundert Meter bringen uns nicht um. Er biegt nach rechts ab und hält wegen des Verkehrs erst zweihundert Meter später vor der Sushi Bay, einer Sushi-Bar. Uhrencheck. Die Fahrt dauerte nur zehn Minuten.

„Siehst du!“, sage ich. Ich steige aus und schlage schwungvoll die Tür zu. Heute zahlt er das Taxi. Als er mich verständnislos ansieht, ergänze ich: „Keine einstündigen Taxifahrten mehr.“

Auf dem Weg überwältigen uns die Eindrücke. Hier tobt das Leben. Überall Wolkenkratzer. Knallrote Busse, an denen sich die unzähligen Autos vorbeiquetschen. Eine vieltausendköpfige Menschenmenge schiebt sich langsam voran. Unzählige Werbetafeln, die uns Cola Zero oder den neuen Nike-Schuh AX-Irgendwas ans Herz legen. Eine ohrenbetäubende Mixtur aus Autohupen und dem Kreischen der Straßenhändler, die aus allen Richtungen über uns herfallen. Schmuck und Uhren. Natürlich im Sonderangebot. Patrick und ich winken ab. Im Sekundentakt.

„Alles Fälschungen!“

„Selbstredend“, entgegne ich. Bunte Perlenketten aus Kunststoff hängen den Händlern dutzendfach um ihre Hälse und Arme. Grün, pink, blau, weiß, ja sogar braun. „Das Zeug könnte selbst ich zusammenbasteln.“

Die wohlhabenderen, unrasierten Gauner breiten die Kunstobjekte auf braunen, filzigen Wolldecken aus. Zu dem ohnehin lauten Klangteppich gesellt sich eine vierköpfige Gruppe aus Straßenmusikern, die auf Panflöten El condor pasa zum besten geben und russische Emigranten, die virtuos Kalinka oder traurige Weisen aus ihrer Heimat spielen. Der Anteil an Autoabgasen ist so hoch, dass mir Tränen in die Augen schießen. Hinzu kommt eine atemberaubende Mischung aus verdorbenem Fisch, Unrat und Fäkalien, die aus unklarer Richtung immer wieder in meine empfindliche Nase sticht. Und das Wichtigste? Hübsche Frauen. Stöckelschuhe jedweder Farbe tapsen in rauen Mengen an uns vorbei. Hochgesteckte blonde Haare. Enge, graue, rote und weiße Kostüme. Teilweise in Hosen, teilweise in den viel grazileren Röcken. Emanzipierte, aufgetakelte Damen auf dem Weg zur Büroarbeit. Von den mittleren Zwanzigern bis zu den mittleren Vierzigern ist alles dabei. Patrick und ich erhaschen vereinzeltes, wohlportioniertes Lächeln. Zufrieden sehen wir einander an. Perfekt. Unser Versprechen für den Feierabend. Die entsprechenden Lokalitäten wie Bars und Nachtclubs haben wir in Deutschland vorab gecheckt. Internet sei Dank. Die Hoffnung, wenigstens diese Woche abends mit Patrick auf Tour zu gehen, nachdem es das letzte Mal nicht geklappt hatte, hält mich beisammen.

Mit Patrick lässt es sich gut aushalten. In den letzten Monaten ist er mir ein guter Freund geworden. Dank der beschissenen Arbeit allerdings auch mein einziger, nachdem auch der letzte Rest meines ohnehin schon verkümmerten Freundeskreises aus verständlichen Gründen jegliche Versuche, den sozialen Kontakt zu mir aufrecht zu erhalten, aufgegeben hat. Patrick hingegen teilt mein Leid. Und meine Leidenschaften. Die Abendbierchen an den Hotelbars mit ihm tun mir gut und lenken mich von meinem Frust ab, soweit es überhaupt möglich ist. In letzter Zeit benötige ich die flüssige Ablenkung immer öfter. Keine Ahnung, woran das liegt. Kann einen in den späten Zwanzigern eine Midlife-Crisis erwischen? Müsste ich mal googeln.

Mit unseren Rollköfferchen gehen wir auf das ultramoderne Bürogebäude unseres Kunden zu. Ein Betonklotz, der mindestens dreißig Stockwerke in den Himmel ragt. Unzählige Fenster. Vier verkümmerte Fichten, die den Vorplatz verzieren. Drumherum weitere Betongiganten. Ein imposantes Bild. Und der Kunde kann sich das offensichtlich leisten. Warum? Banken bunkern Geld. Banken wissen nicht, wohin damit. Nur sind Banken leider alles andere als bequeme Kunden. Besonders nicht die United States Bank of America. Daher sind wir uns auch der Bedeutung bewusst, die mit diesem Workshop einhergeht.

Für diejenigen, die mit meinem Fachjargon nichts anfangen können, eine kurze Erklärung: Ein Workshop ist eine Ansammlung von hochrangigen Entscheidungsträgern, deren einzige Aufgabe es ist, uns arme Unternehmensberater an den Rand des Wahnsinns zu treiben, da wir der Ursprung allen Übels auf diesem Planeten sind.

„Na, aufgeregt?“ Wie auch beim letzten Mal drückt Patrick den Knopf für den zehnten Stock und grinst.

„Nein.“ Nervös bin ich wirklich nicht. Dazu fehlt mir der nötige Respekt vor dieser Aufgabe. Gut vorbereitet bin ich dennoch. Man soll mir nicht vorwerfen, dass ich meine Arbeit nicht ernstnehme. So sehr ich sie auch hasse. „Warum auch? Wir werden schließlich gut dafür bezahlt, uns anschreien zu lassen.“

Patrick kichert. Er weiß, wie er mich zu nehmen hat. „Stell dich nicht so an. Sind doch nur zwei Wochen.“

Ich verdrehe die Augen. „Okay. Kopfrechnen. Zwei Wochen. Also schätzungsweise einhundertsechzig halsbrecherische Stunden, in denen ich unsere halbgare Software hemdsärmelig durchboxen darf.“

Im Grunde sollte ich diesen Gedanken für mich behalten, denn Patrick ist ein hoffnungsloser Optimist. Seinen erstaunlichen Arbeitseifer darf und will ich ihm nicht nehmen. Dabei haben wir vor ein paar Jahren fast zeitgleich bei der SAP angefangen. Wir präsentieren nur unterschiedliche Programmbausteine unseres Arbeitgebers. Konkurrenten sind wir daher nicht. Die eigentliche Konkurrenz sitzt oben und wartet nur darauf, unser Produkt in Zusammenarbeit mit dem Kunden in einer epischen Schlammschlacht gnadenlos zu zerreißen. Der Masochist in mir vollführt einen Luftsprung.

„Also, ich bin da relativ entspannt.“

„Ja du Penner kannst das ja auch. Deinen Scheiß haben sie ja mehr oder weniger schon abgesegnet.“ Haben sie tatsächlich. Letzte Woche leitete er mir die Mail weiter, in der stand, dass sie nur noch ein paar letzte Fragen hätten und im Grunde rundum zufrieden seien.

„Komm. Leg heut eine Bombenshow hin und die Sache ist gegessen.“

Ich stöhne.

Es ist komisch. Meine Ansichten über das Leben und die daraus resultierenden Pflichten verwandeln die Welt um mich herum mehr und mehr in ein ödes Grau. Keine Übertreibung. Das Wort Halluzination beschreibt es am besten. Als sich die Aufzugtüren öffnen, scheint mir, als hätte ein böser Hausgeist sogar die Pflanzen in den Kübeln, wie man sie überall auf der Welt in derartigen Empfangsbereichen findet, mit einem hässlichen Bleistiftgrau besprüht. Verwirrt reibe ich meine Augen.

„Alles in Ordnung?“ Patrick schaut mich besorgt von der Seite an. Wie rührend.

„Ja. Jaja, alles bestens.“

„Machst du dir jetzt schon in die Hosen?“ Wieder bringt er mich zum Lachen.

„Was bitte ist dein verdammtes Problem?“

„Ich mein ja nur. Wär ja nicht das erste Mal.“ Eine weitere Anspielung auf meinen letzten Auftritt, bei dem ich zugegebenermaßen aus allen Poren triefte.

„Oh Gott, fängst du jetzt schon wieder damit an. Ich hab mir nicht in die Hosen gemacht. Mir war einfach nur heiß.“ Er zuckt mit den Schultern.

„Also ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der an der Beininnenseite dermaßen schwitzt.“ Ich schüttele den Kopf.

„Guten Morgen. Wie kann ich Ihnen helfen?“, unterbricht uns die Empfangsdame. Patrick kennt die Antwort.

„Einen wunderschönen guten Morgen. Die Firma SAP. Wir haben um neun einen Termin.“ Mit einem dicken Grinsen legt er lässig den Arm auf die Theke. Der Flirt beginnt. Er kann es nicht lassen. Sie trägt eine gut sitzende graue Uniform. Und sie nimmt sich verdammt viel Zeit. Ist wohl neu im Job. Anfang Zwanzig. Das kurze blonde Haar streng zurückgekämmt. Graue Augen. Viel zu viel Maskara, Rouge, der Lippenstift zu rot. Sie gleicht dem Einheitsbild einer Lufthansa-Stewardess. Ansonsten ein hübsches, junges Ding. Abgesehen von der Uniform natürlich.

Patrick versucht wie immer sein Glück. Ich unterdrücke ein Lachen und verfolge das Schauspiel.

„Schön haben Sie es hier.“ Der gute alte Augensex zieht meistens. Bei ihr jedoch nicht.

„Danke schön.“ Sie reagiert professionell, vermeidet den Augenkontakt und zieht die Brauen hoch. Ich wechsle ins Deutsche.

„Patrick, lass es. Die ist nicht interessiert.“ Ihre Körpersprache ist eindeutig. Doch er winkt nur ab.

„Kommen Sie von hier?“ Patrick bleibt hartnäckig. Doch zu seinem Pech ist ihr Lächeln beruflicher Natur, denn die Antwort auf die Frage bleibt leider aus. Prompt spricht sie uns in Deutsch an und lächelt.

„Hören Sie auf Ihren Kollegen. Hier sind ihre Ausweise. Nehmen sie den Aufzug auf der linken Seite. Einundzwanzigster Stock, Raum Redwood.“

Ich sehe zur Decke. Autsch. Das ist hart. Gegönnt hätte ich es ihm. Ich klopfe ihm aufmunternd auf die Schulter. Er nimmt es mit Galgenhumor.

„Verkneif dir deinen Kommentar.“

Ich baue ihn auf.

„Heute Abend, Patrick, denk dran.“ Und noch einmal: „Heute Abend.“ Meine Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. Er strahlt zurück.

„Ja, heute Abend, Marcus.“

„Das ist mein Junge, wie ich ihn kenne!“

Als wir den Lift verlassen, fällt ihm die Kinnlade herunter.

„Was ist?“ Dann sehe ich es auch. Grund seiner Faszination ist die Aussicht aus dem Fenster. Für ihn ein imposanter Anblick. Bei unserem letzten Auftritt hatten wir ja mehr oder weniger im Keller gesessen.

Patrick ist wieder einmal in seinem Element. Der Finger springt in alle Richtungen. „Wahnsinn. Schau mal, die San Francisco Bay. Und die San-Mateo-Brücke.“ Er zückt das iPhone. „Sieh mal die Hochhäuser. Durch die Sonne sieht es aus, als würden die Fenster brennen.“ Das ist Patrick. Der Typ ist einfach ein Knaller. Er kann sich stundenlang alte Steine und fließendes Wasser ansehen. Ungelogen. Erst im Herbst letzten Jahres waren wir in Budapest, Ungarn. Während er sich das Schloss ansah, ging ich ins benachbarte Restaurant und hob zwei, drei, zehn Biere. Als ich eine geschlagene Stunde später zurücktorkelte, sah er sich noch immer dasselbe Gebäude an und schoss Fotos.

Ich stelle mich vor das Fenster und versuche ihn zu verstehen. Keine Chance. Ich finde nur die Smogschicht zu unseren Füßen, dreckiges Meerwasser und ein graues Betonmonster namens San Mateo, das sich über den Fluss zieht. Doch Patrick will seine Begeisterung mit mir teilen. Und das weiß ich zu schätzen. Es hebt meine Laune.

„Geil, oder?“ Ich sage, was er hören will.

„Super.“

Er schießt mindestens tausend Fotos. „Ist doch geniales Wetter. Blauer Himmel. Keine einzige Wolke. Kein Nebel. Mann, wir sind wieder hier. Lach doch mal, du Pfeife.“ Ich lache.

„Ja, ist ja gut. Mach hin. Es geht gleich los.“ Ein letztes Gemeinschaftsfoto.

„Komm her.“ Wir stellen uns vor das Fenster. Er streckt den linken Arm mit dem Handy aus und umarmt mich mit dem Rechten. Klick. Diesen Deppen muss man einfach mögen.

Lange genießen können wir die Aussicht nicht, denn die Lokalität für unseren Workshop, Raum Redwood, ist ein schmales, fensterloses Zimmer. Verdammt.

„Super. So viel zur Aussicht. Vielleicht halten sie uns für Vampire.“ Über einen solchen Mist rege ich mich allerdings schon lange nicht mehr auf. Mal sehen, wie es weitergeht.

Ich schalte das Licht ein. Die grauen Kunststofftische sind u-förmig um den Overheadprojektor angeordnet. Immerhin müssen wir den nicht erst organisieren. Keine Selbstverständlichkeit. Der Boden grau. Die Wände grau. Dort, wo normalerweise die Fenster sind, wurden graue Spanplatten eingesetzt. Unbequeme Plastikstühle mit Stahlfüßen. Der Kunde ist demnach nicht nur wohlhabend, sondern auch noch geizig. Kein gutes Zeichen. Missmutig bereiten wir unsere Laptops auf die Präsentation vor.

„Mann, ist das eine Luft hier drin.“ Patrick wedelt mit der Hand vor dem Gesicht.

„Mach doch das Fenster auf.“ Wir grinsen beide. Das Grinsen der Verzweifelten. Das Blödeln beginnt. Ich setze nach. „Stell dich nicht so an, Patrick. Wir sind doch nur zwei Wochen in dieser Dunkelkammer!“

„Du kannst mich mal!“ Ich breche in Lachen aus.

„Wenigstens muss ich mir nicht den ganzen Tag deine hässliche Fresse ansehen!“ Jetzt schießen mir diese ganzen Brüller in den Kopf. Und mein Partner lacht mit.

Die Witzeleien helfen und lockern uns für den mit Sicherheit sehr anstrengenden Tag. Geteiltes Leid ist nun einmal halbes Leid, wie es so schön heißt. Ohne Humor kann man gleich aus dem Fenster springen. Im einundzwanzigsten Stock würde sich das sogar lohnen. Wegen der dämlichen Spanplatten nur leider nicht möglich.

Unsere traute Zweisamkeit wird schnell gestört, denn eine größere Gruppe strömt geschäftig herein: der Kunde mitsamt seinem hochkarätigen Gefolge. Wie sich herausstellt, besteht es aus drei Bankern sowie vier Fatzken der Konkurrenz, Deutsche übrigens. Sie sollen unsere Softwarelösung auf Schwachstellen überprüfen. Das dürfte nicht einfach werden, da ich die Schwachstellen kenne und mit allen Mitteln verstecken werde. Diese politischen Spielchen haben mich schon immer angewidert.

Jetzt gilt es, die Maske des professionellen Unternehmensberaters aufzusetzen. Wir schütteln Hände und stellen uns vor. Die Namen vergesse ich sofort.

Der Start unserer Präsentation obliegt mir. Patrick wird erst im Laufe des Tages übernehmen. Mein Blick gleitet über die ausdruckslosen Gesichter der Anwesenden. Grau in grau in grau. Plötzlich möchte ich ihnen vor die Füße kotzen. Meine Pause wird zu lang. Patrick sieht mich beunruhigt an.

Ich hole tief Luft, lächele und bedanke mich in Patricks und meinem Namen für die Einladung in ihre wundervolle Stadt. Auch die Bemerkungen über das angenehme Wetter und das schöne Betriebsklima lasse ich wie bei jedem unserer Beratungsraubzüge, wo immer in der Welt sie auch stattfinden, mit gewohnter Glaubwürdigkeit auf das Publikum los. Patrick hüstelt und verbirgt hinter der Hand ein Grinsen. Ich kann ihn trotzdem problemlos ansehen. Wenn ich nicht lachen will, lache ich nicht. Mein Pokerface hat ihn immer beeindruckt.

Die Bauchpinselei ist ein hässlicher Bestandteil unseres Jobs. Sie lockert die Zusammenarbeit und schafft einen guten Einstieg. Dass ich davon nichts halte, muss ich an dieser Stelle nicht extra betonen. Sie widert mich so an, dass ich diese für mich so wichtigen Aufzeichnungen mit derartig unaufrichtigen und gestelzten Floskeln keinesfalls beschmutzen möchte.

Die Männer tragen Anzüge und die obligatorischen Krawatten. Grau in grau in grau. Wieder reibe ich mir die Augen. Zwei der Banker zu meiner Linken starren mich böse an. Vermutlich haben ihre Bosse gegen den Willen der hier anwesenden Affen sich dafür entschieden, unsere Lösung zu kaufen. Es ist immer so. Und was ist das Ergebnis? Ich kann mich mit deren Untergebenen herumschlagen und die Überzeugungsarbeit leisten.

Sie sehen jung aus, schätzungsweise Mitte Zwanzig, bis auf den dicken, glatzköpfigen Ochsen in ihrer Mitte, der sein Jackett auszieht und die Hemdärmel für den folgenden Kampf hochkrempelt. Mit seiner tollen Designerbrille fühlt er sich zwischen den beiden, vermutlich noch unerfahrenen Kollegen wie ein Gott.

Der junge Hüpfer zu seiner Rechten ist eine Hüpferin und wirkt sympathisch. Menschlich sozusagen im Gegensatz zu dem Hornochsen. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich ihr nicht gleichgültig bin. Wer weiß … Schließlich habe ich noch zwei Wochen Zeit.

Der Jüngling mit der dicken Hornbrille zur Linken des Ochsen ist seinem Meister gefügig. Er entledigt sich ebenfalls seines Jacketts, krempelt die Hemdärmel hoch und öffnet ein Notizbuch. Nun guckt er nicht mehr böse, sondern schaut mich erwartungsvoll an. Ein unerfahrener Jüngling auf der Suche nach dem Sinn seines Daseins. Innerlich schüttele ich den Kopf. Jugend forscht.

Die vier Affen von der Konkurrenz, die sich zwischen den Bankern und Patrick hinlümmeln, grinsen abfällig, als ich mit der Präsentation der Power-Point-Folie Geschäftsprozessoptimierung beginne. Voller Vor- und Schadenfreude sitzen sie auf ihren fetten Ärschen, bereit, die Colts zu zücken, um mich alle zu machen. Warum? Patrick und ich dürfen hier nicht mitspielen. Das Budget ist schließlich begrenzt. Und finanzielle Mittel unserer Kunden teilt die Konkurrenz verständlicherweise nicht gerne. Das einzige Ziel: Uns als unfähige Anfänger abstempeln. Den Kuchen teilen? In ihrem Buddelkasten? Mit ihren Förmchen? Auf keinen Fall. Wie im Kindergarten.

Alle um die dreißig. Bis auf den Idioten neben Patrick. Er ist so erfahren, dass er es nicht einmal nötig hat, sich zu rasieren. Etwa Mitte fünfzig. Graue Haare, grauer Bart, grauer Anzug. Sieht aus, als wäre der Graubart mit seinen drei Rotznasen auf einem Familienausflug. Jeder der Deppen trägt eine Brille. Mit Sicherheit sind es Fenstergläser, um die vermeintlich vorhandene Professionalität zu betonen. Vor allem der dritte von links vermittelt den Eindruck, als ob er sich morgens mit seinem Toastbrot unterhält. Man sieht ja nicht unbedingt jedem Menschen den Intelligenzquotienten an, aber wenn der Mund die ganze Zeit offen steht, ist das nun mal ein Indiz für Blödheit.

Die Stimmung ist extrem angespannt. Zu meinem Bedauern geht im Laufe des Tages vieles schief, denn meine Zuhörer sind aufmerksame Bastarde.

Die Deutschen sprechen ein miserables Englisch. Bei dem ganz links schlägt der bayerische Akzent durch. Um ihn vorzuführen, lasse ich ihn jeden Satz grundsätzlich zweimal wiederholen, ehe ich antworte. Vorteilhaft für die allgemeine Belustigung, für die Erfüllung meiner Aufgabe leider kontraproduktiv. Aber egal.

Die Bereiche, die ich bewusst nur am Rande anschneide, bearbeiten sie mit besonderer Aufmerksamkeit. Auch meine Argumentation, dass diese Themengebiete zum jetzigen Zeitpunkt nur von geringer Bedeutung für den Kunden sind, wird ignoriert. Wieder und wieder versuche ich die Diskussion auf die Stärken der Lösung zu lenken. Keine Chance. Wenn man etwas grundsätzlich ablehnt, ist jedes noch so kleine Problem willkommene Munition.

Die Mittagspause fällt aus, und der Workshop entwickelt sich mehr und mehr zu einer Hinrichtung. Gegen vierzehn Uhr brüllt der Hornochse mit seiner Designerbrille plötzlich los.

„Wollen Sie sich über uns lustig machen? Was heißt nicht verfügbar? Diesen Report benötigen wir unbedingt!“

Sie benötigen ihn nicht. Ich weiß es. Dafür bin ich zu gut vorbereitet. Aber wie soll ich argumentieren? Sie sind sichtlich froh, endlich einen Anlass gefunden zu haben, um zu ihrem Chef rennen zu können und ihm klarzumachen, dass genau wegen dieser nicht vorhandenen Funktion meine Lösung die falsche ist. Und dass sie das ja gleich gesagt hätten.

„Wollen Sie etwa sagen, dass dieses Tool uns nicht zur Verfügung steht?“

Meine Augen schweifen ab. Ich bekomme kaum Luft und lockere die Krawatte. Einer der Idioten von der Konkurrenz kichert. Soll er doch.

Warum mache ich diesen Mist eigentlich? Ich habe es vergessen, kann mich nicht erinnern.

Ich reiße mich zusammen.

„Sie sehen das richtig. Diese Funktionalität wird Ihnen unser Produkt nicht bieten. Sie müsste noch entwickelt werden. Das ist allerdings mit weiteren Kosten verbunden.“

Trotz der schlechten Lichtverhältnisse sehe ich, dass er rot anläuft. Ob es wegen meiner ruhigen und freundlichen Art oder wegen meiner für ihn so anrüchigen Lösung ist, weiß ich nicht. Der Designerbrillenträger springt auf, wirft seinen beiden Kollegen ein „bis nachher“ zu und verschwindet schnaubend. Zu uns kein Wort. Das ungute Gefühl in der Magengegend vergrößert sich. Die Schadenfreude unserer Konkurrenz ist auf dem Höhepunkt.

Sechzehn Uhr. Seit sieben Stunden renne ich zwischen der Leinwand und dem Flipchart hin und her, gestikuliere mit den Händen wie ein Spanier und male ununterbrochen Kästen und Pfeile auf das jungfräuliche, weiße Papier. Wie es aussieht, wird Patrick heute nicht mehr zum Stich kommen. Seit zehn Minuten starrt er aus den nicht vorhandenen Fenstern. Er wirkt, als habe er heute den letzten mickrigen Rest an Motivation verloren.

Willkommen in meiner Welt, Patrick! Wenigstens haben wir heute Abend Gesprächsstoff und vor allem einen wahrlich guten Grund, uns volllaufen zu lassen.

Als meine Augen über das Publikum gleiten, zucke ich zusammen. Hinter den Idioten von der Konkurrenz steht Vater. Er schüttelt den Kopf. Die Augen weit aufgerissen. Ich schlage die Hände vors Gesicht und reibe die Augen. Schnappatmung. Gänsehaut. Angstschweiß. Er ist nicht da! Er ist nicht da! Ich muss arbeiten.

„Herr Wirtmann, ist alles in Ordnung?“ Der Jugendforscher spielt den Besorgten. Ich nehme die Hände runter. Er ist weg! Er ist wirklich weg!

„Ja, ja, alles bestens“, stammle ich. Ich checke meine Hose. Nichts passiert. Gott sei Dank.

Ich sollte mehr schlafen. Verdammte Müdigkeit. Ich greife in meine Laptoptasche und öffne die Dose mit den Koffeintabletten. Patrick runzelt die Stirn. Er hört das Klappern der Kapseln, versteht sofort, schenkt mir ein Glas Wasser ein und bringt es mir. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, fahre mir unauffällig über den Mund, spüle heimlich zwei Pillen hinunter und fahre fort.

Nach weiteren sechzig Minuten der Alleinunterhaltung kann ich nicht mehr.

„Zehn Minuten Pause?“

Meine Zuhörer sehen mich dankbar an. Vor allem der süße Hase. Immer wieder hatten wir uns zugelächelt. Wenigstens eine, die es gut mit mir meint. Am dankbarsten sind jedoch meine Füße. Ein Schrittzähler wäre eine sinnvolle Anschaffung. Das dürften heute wieder einige Kilometer gewesen sein. Doch das Laufen hilft. Es entspannt. Es lockert.

In der großzügigen Sitzlandschaft vor einem der riesigen Fenster setze ich mich zu Patrick, packe das staubige Croissant aus, das ich im Hotel habe mitgehen lassen und versuche, die Aussicht auf San Francisco zu genießen.

„Bist du wieder in Ordnung?“ Patrick schaut mich prüfend an und beißt in seine historische Rosinenschnecke. „Was war denn vorhin mit dir los?“

Der Himmel ist inzwischen dunkelgrau. Passend zu meiner Stimmung.

„Nichts. Hab wahrscheinlich was Falsches gegessen, kein Wunder bei dem Weltklassefrühstück.“ Ich lächele.

Er schüttelt den Kopf. „Nimmst du immer noch dieses Zeug?“

Ich seufze und lüge. „Reg dich ab. Ich musste mich gestern Nacht noch vorbereiten.“ Er nickt mitleidig und presst die Lippen zusammen. Muss das Thema wechseln, denn Mitleid ist das Letzte, was ich jetzt brauche. Sarkasmus hilft. „Läuft bislang doch besser als erwartet.“ Er schnauft.

„Mann, du tust mir echt leid.“

Die Lust auf seinen Auftritt hat er wohl verloren.

Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Hey, du bist morgen an der Reihe. Freu dich doch.“ Mein Zynismus ist durch nichts mehr zu übertrumpfen.

„Pssst, nicht so laut“, sagt er und schaut sich demonstrativ nach heimlichen Zuhörern um. Er hat recht. Die Idioten von der Konkurrenz könnten uns belauschen. „Glaubst du wirklich, dass wir morgen überhaupt nochmal antanzen dürfen nach diesem Theater vorhin?“ Ich zucke mit den Schultern.

„Ach, lass den Schreihals ruhig zu seinem Chef rennen. Ich kenn seinen Vorgesetzten. Er wird gegen eine Wand laufen, glaub mir. Der hat das nicht zu entscheiden.“ Patrick segnet die Prognose mit einem Handwinken ab.

„Dein Wort in Gottes Ohr. Ich hab echt keinen Bock, schon nach Hause zu fliegen.“

Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und grinst. „Na dann muss ich mir dein Geschwafel ja doch noch länger anhören.“

Ich schneide ihm ein Gesicht und beiße in das Zwei-Sterne-Luxus-Croissant.

Leider lag er richtig. Bis acht Uhr abends kämpfe ich gegen die hinterhältigen Fragen unserer Konkurrenz an und verteidige etwas, was ich im Grunde nicht verteidigen will. Als ich endlich den Projektor ausschalte, verlassen die widerwärtigen Gestalten wortkarg den Tagungsraum. Bis auf den süßen Hasen. Höflich verabschiedet sie sich mit ihrem schicken, englischen Akzent.

„Bis morgen, Herr Wirtmann. Eine gute Präsentation.“ Kein amerikanisches Kauderwelsch. Die Vokale schwingen. Ein Genuss. Ich bin hoch erfreut.

„Bis morgen, Frau Engelberth. Freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte.“ Sie reicht mir die Hand und lächelt. Augenaufschlag.

Ihren blond gesträhnten Pferdeschwanz, das graue Businesskostüm mit den dazu passenden grauen Wildlederpumps und die Perlohringe finde ich zwar furchtbar öde, aber Bestätigung vom weiblichen Geschlecht ist natürlich immer willkommen. Engelberth. Der Name kommt mir bekannt vor.

Zufrieden setze ich mich vor den Laptop und schreibe die von meinem Chef lang erwartete Statusmail über den Verlauf des heutigen Tages.

„Mann, stell endlich das blöde Grinsen ab.“ Patrick gönnt mir mein Vergnügen nicht.

„Ach, halt doch die Fresse.“ Wir lachen. Es ist, als würde die heitere Situation von heute Morgen beim Entern der Dunkelkammer nach einer kurzen zwölfstündigen Unterbrechung fortgesetzt.

Schwungvoll schließe ich den Laptop. „Bist du fertig?“

Patrick hackt noch auf seiner Tastatur herum. „Einen Moment. Nur noch diese eine Mail.“

Ich packe meine Sachen. Endlich Feierabend. „Mach hin. Wir haben nicht ewig Zeit.“

„Immer mit der Ruhe, mein Großer.“ Großer. Dämlicher Spitzname. Mit meinen 1,94 Meter, einen Kopf größer als er, sicherlich gerechtfertigt. Endlich schickt Patrick die Mail mit einem erleichterten Seufzer ab und schiebt den Laptop ins Rollköfferchen.

„Nein. Wir müssen uns beeilen.“ Ich hebe den Zeigefinger. „Jede Minute, die wir hier vergeuden, geht von unserer kostbaren Freizeit ab.“ Wir hasten zum Aufzug.

Auf der Straße wird mir plötzlich übel. Die Ohren klingeln. Grau in grau in grau. Lampen und Scheinwerfer zerfließen ineinander. Seltsame Schreie im Hintergrund. Frauenschreie? In der Luft ein Geruch nach Urin. Der Straßenlärm zerfetzt meine Nerven. Wir kämpfen uns durch die Fichten, die Fußgängermassen, zur Straße und pfeifen das erstbeste Taxi herbei. Der Himmel dreht sich. Mein Kopf dröhnt, die Schläfen pulsieren. Alles was ich will, ist ein kühles, frisches Bier. Was rede ich? Ein Dutzend kühle, frische Biere.

„Ey, alles okay?“ Patrick reißt die Augen auf und mustert mich von Kopf bis Fuß. Ich spüre den Herzschlag in meinem Schädel. Diese Schmerzen …

„Ja. Alles super. Hab nur Kopfweh.“ Ich stütze mich auf den Knien ab und stöhne. Er legt die Hand auf meine Schulter.

„Bist du dir sicher? Willst du dich vielleicht hinlegen? Wir können auch noch morgen weggehen.“

„Nein! Nein. Alles okay. Gib mir nur ein paar Sekunden.“ Patrick nimmt mir den Koffer ab und stellt ihn mit seinem Zeug in den Kofferraum. Ich werfe mich auf den Rücksitz, schließe die Augen und reibe die Stirn an der kühlen Fensterscheibe. Wenige Minuten später lassen die Schmerzen nach. Ich sehe zu meinem Partner und lächle.

„Heute sauf ich dich unter den Tisch.“ Er schmunzelt.

„Werden wir sehen.“

Vor dem Hotel angekommen, boxt mich Patrick gegen die Schulter: „Also denn. Kurz rauf aufs Zimmer, frisch machen und umziehen, und um neun treffen wir uns wieder hier. Okay?“ Er grinst. „Das haben wir uns verdient.“

„Du hattest ja auch einen anstrengenden Tag, richtig?“

Patrick lacht. Auch ich kann nicht anders, lache und schüttele den Kopf. Idiot. Das Taxi zahle ich. Zwölf Dollar. Der Fahrer zieht uns über den Tisch. Ist okay. Die Firma zahlt es sowieso. Als wir aussteigen, schmeißt Patrick schwungvoll die Taxitür hinter sich zu, zieht unsere Laptops aus dem Kofferraum und verschwindet mit einem „Bis nachher!“ im Hoteleingang.

„Ja, bis nachher.“ Ich reibe meine Augen. Mir ist immer noch schwindelig. Keine Ahnung, warum. Der Krach. Die Menschen. Ich will mich festhalten, aber meine Hände greifen ins Leere.

Ich sollte nicht hier sein. Was zur Hölle soll ich nur tun?

„Versager!“ Ich zucke zusammen. Die Stimme. Seine Stimme. Panisch drehe ich mich um. Er ist nicht da. Er ist nicht da. Nicht möglich. „Feigling!“ Eine Träne fließt über meine Wange. Ich muss hier weg. … Und Patrick … Er wartet.

Ich renne auf mein Zimmer.

Kleiderwechsel. Jeans und weißes Hemd. Schwarze Lackschuhe. Mein Partylook. Und Party benötige ich mehr als alles andere. Das verschwitzte Businesshemd landet auf der Heizung. Dort trocknet es am schnellsten. Ich klopfe die Hosentaschen ab. VISA-Karte, American Express. Geld. Führerschein. Hotelschlüssel. Alles da. Das Handy bleibt hier. Die Kollegen in Deutschland rufen gerne mal mitten in der Nacht an, da ihnen die für mich so verheerende Zeitverschiebung scheißegal ist. Verheerend, weil ich nachts verständlicherweise nicht in der Lage bin, mit den Genossen aus der Heimat ein vernünftiges Gespräch zu führen. Vor allem nicht heute Nacht. Ein verunglücktes Grinsen in den Spiegel. Heute schieße ich mich komplett ab! All you can drink.

Nachdem ich einen weiteren Johnny Walker aus meiner Notration geleert habe, treffe ich Patrick pünktlich auf die Minute am Hoteleingang. Er hat sich auch aufgehübscht. Blaue Levis, schwarze Slipper, weißes Hemd und eine lässig geknotete, schwarze Krawatte. Unser Pornostyle eben. Wie ich hat er sich Gel in die Haare geknallt, um sie hochzustellen.

Irgendwas stimmt nicht. Besorgt schaut er sich um. „Marcus. Das ist echt ein beschissenes Viertel. Ich habe eben Pistolenschüsse gehört!“ Er zeigt in die Richtung, aus der er die Schüsse gehört haben will.

„Echt?“ Ich kann mir nicht helfen, ich muss lachen.

„Das ist nicht komisch. Vielleicht sollten wir im Hotel bleiben. Hörst du die Sirenen?“

Ja, ich höre sie. Na und? Normalerweise ist er nicht so ein Hasenfuß. Gelassen ziehe ich ihn zum Ziel unserer Reise, der Swig Bar. Das Ergebnis unserer Recherche im Internet. Niemand, nicht einmal Patrick, wird mir das Saufgelage heute Abend nehmen! Seine durchaus berechtigten Ängste sind mir daher scheißegal.

„Ich find’s sogar zum Schießen komisch.“ Der geniale Kalauer geht leider an ihm vorbei. „Da war eine Schießerei und du hast mit deinem tollen Handy keine Bilder davon gemacht?“ Patrick ist schockiert.

„Marcus, ich mein das ernst. Das war vermutlich nur ein, zwei Blöcke weiter.“

„Ach Pätte, was ist denn mit dir los? Da haben wahrscheinlich irgendwelche Halbstarken in die Luft geballert.“

Natürlich schwelgen wir in dieser Gegend nicht im Luxus. Wir, okay ich, hatten eben das Bedürfnis nach etwas Action. Warum soll ich immer nur arbeiten und schlafen? Warum sollte ich nicht wenigstens abends meinen Stress abbauen dürfen?

Patrick kriegt sich wieder ein. „Die erste Runde bezahlst du.“

Aha. Darauf hatte er es also abgesehen.

Ich versetze ihm einen lockeren Fausthieb gegen die Schulter. „Weil du heute den ganzen Stress hattest, ich weiß.“

Er grinst. „Richtig. Weil ich heute den ganzen Stress hatte.“

„Idiot.“ Ich stoße ihn durch den Eingang in die Swig Bar.

Er lacht. „Warte, willst du nicht erst noch was essen?“ Ich gehe ihm hinterher und betrachte das Innenleben der Kneipe.

„Nein. Dein Fast-Food-Mist kostet uns nur wertvollen Stauraum.“ Moderne Einrichtung, alles in verschiedenen Brauntönen gehalten. Viele lederne Sitzgelegenheiten. Ein Kaminfeuer erhellt zusätzlich den Raum. Die meterlange Theke aus massivem Teakholz steht vor einer Backsteinmauer mit einem Regal bis hoch unter die Decke, von dem uns edle Tropfen aus aller Herren Länder – vom Carlos Primero über Extra-añejo-Tequila bis zum Tullamore Dew – anlachen. Zwei Bardamen zaubern Cocktails.

Wir setzen uns zufrieden in Erwartung des Kommenden auf zwei Hocker in der Nähe des Kamins und werden wenige Sekunden später von einem Kellner umworben. Verräterisches Piercing am rechten Ohr. Das internationale Signal. Das mittellange, dunkle Haar streng nach hinten geschleimt; das Gel trieft förmlich aus dem Haaransatz. Haut wie ein Kinderpopo. Leicht gebräunt. Schwarzes Hemd. Schwarze Krawatte. Schwarze Jeans. Wie heißt das neuerdings? Metrosexuell?

„Was möchten Sie trinken?“

Wir grinsen. „Bier.“ Wir formen mit den Händen ein riesiges Glas. „Viiiel Bier.“

Unser Kellner wünscht sich mehr Informationen. „Welches denn? Bud, Miller …“

Unwichtig.

„Ganz egal, mein Freund“, erkläre ich ihm, „sorg nur dafür, dass wir hier keine leeren Gläser stehen haben.“

Patrick steckt ihm einen Schein zu. „Es geht ihm nicht gut. Ignorier ihn einfach, okay?“

Mister Metrosexuell zieht mit einem Schmunzeln ab.

„Arsch“, zische ich. Patrick lacht.

Das Bier bewirkt wahre Wunder und lenkt uns von den nervigen Gästen ab. Die Gestalten in dieser Bar sind schlimmer als der Rezeptionist von heute Morgen beim Frühstück. Die Blicke, die sie uns zuwerfen, auch. Die Idioten sehen uns ohne Ausnahme so böse an wie die Banker aus unserem Workshop. Warum? Keine Ahnung. Dank Alkohol stört es uns jedoch nicht.

Patrick nimmt einen großen Schluck und stiert in das fast leere Glas. „Weißt du, warum ich heute viel mehr leiden musste als du?“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch und lausche gespannt seiner Erklärung. Er setzt ein breites Grinsen auf. „Du hattest einen riiiiesigen Schwitzfleck am Arsch.“

Fassungslos schaue ich ihn an.

„Und den musste ich mir den ganzen Tag ansehen.“

So ein Penner. Wir brüllen vor Lachen, erheben unsere Gläser und stoßen an.

„Patrick?“ Die Gläser knallen zusammen.

„Ja?“

„Du bist ein Riesenarschloch.“

Zufrieden schütten wir uns die kühle Flüssigkeit in den Hals. Der heiterste Moment eines wirklich beschissenen Tages.

Leider geht es mir mit jedem Bier schlechter. Mein aufmerksamer Kollege merkt das sofort. „Sag mal, was ist denn mit dir los?“

Mist. Was jetzt? Was soll ich ihm schon sagen? Ich greife nach dem inzwischen sechsten Glas und gönne mir einen weiteren, großen Schluck. Ich gehe in mich, stoße auf: „War’s das schon, Patrick?“

Er versteht nicht.

„Ich meine, geht dir das alles nicht auf den Sack?“

Wieder dieses nachdenkliche Gesicht von heute Nachmittag. Er schiebt sein Bierglas hin und her, nimmt einen Schluck, wirkt fast traurig.

„Was meinst du?“

So dumm kann er sich nicht stellen. Nicht mit mir. Mein Blick schweift durch die Bar. Grau in grau in grau. Jetzt, wo ich besoffen bin, sehe ich die Welt im wahrsten Sinne des Wortes mit anderen Augen. Die eintönigen Gestalten, die langweiligen Frauen, der monotone Geräuschpegel, selbst die Tischkerzen nerven mich plötzlich durch ihre bloße Anwesenheit.

„Morgens aufstehen. Einen Scheißjob machen. Abends hinlegen. Ist das etwa alles?“ Wütend sehe ich Patrick an. Hoffentlich hat er Antworten für mich. Aber er lacht nur. Das wollte ich eigentlich nicht.

„Hast du einen besseren Vorschlag? Kennst du eine bessere Arbeit als unsere?“

Meint er das etwa ernst? Mit einem großen Zug leere ich das Glas und signalisiere Mister Metrosexuell, uns zwei Neue zu bringen.

„Patrick. Ich rede nicht nur von der Arbeit an sich.“ Der Philosoph in mir bahnt sich den Weg durch die sturzbetrunkene Hülle. „Ich meine den Sinn dieser ganzen Scheiße hier.“ Ich huste. „Sollten wir nicht eine Familie haben? Kinder? Wenigstens ein Hobby, Träume oder …“

„Marcus! Deine Nase.“ Er hält mir eine Serviette entgegen. Meine Nase blutet. Ich presse mir den Fetzen gegen die Nasenflügel. „Geh ins Bad. Ich warte hier.“

Ich schüttele den Kopf. „Nein. Passt schon.“ Plötzlich wieder das Dröhnen. Das Pfeifen in meinen Ohren. Die Angst im Brustkorb. Ich presse die Hand gegen die Schläfe.

„Was ist los?“

„Nichts. Alles super.“

Er winkt unserem Kellner zu. „Ich besorg dir Taschentücher.“

„Nein, lass. Ist in Ordnung.“ Ich nehme die Serviette weg und wische mir mit Spucke und Patricks Richtungsanweisungen die verbleibenden roten Flecke aus dem Gesicht.

„Erzähl mir von deiner Familie.“

Er kneift die Augen zusammen. „Was … willst du wissen?“

„Erzähl mir von deinem Vater. Hast du Geschwister?“

Er ist verwirrt. „Ich … ich habe eine Schwester. Sie lebt noch bei meinen Eltern.“

„Bei deinem Vater?“

„Bei meinen Eltern. Leidest du an Alzheimer? Denselben Mist hast du mich vor zwei Wochen schon mal gefragt.“

Ich stiere verwundert zur Theke und suche in meiner Erinnerung. „Was? Nein. Du hast doch erzählt, deine Mutter wäre …“ Meine Hände gestikulieren verlegen mit.

„Wäre was?“

Ich zucke mit den Schultern. „Na ja, tot?“

Er reißt die Augen auf. „Nein. Das habe ich nicht. Mein Gott, wie besoffen warst du denn?“ Wieder dieses Pfeifen in den Ohren.

„Und … deine … Freundin?“ Ich reibe mir die Augen.

„Marcus, ich habe keine Freundin. Geht’s dir wirklich gut?“

„Ja, blendend!“ Ich beobachte die Bardamen. Patrick mich.

„Wie geht es deiner …“ Er kaut auf den Lippen. Irgendwas beschäftigt ihn. Er sieht zunächst ins Glas. Dann wieder zu mir. „Wie geht es dir?“

Ich lächle. „Wieder besser.“

Er lächelt mit. Wir stoßen an.

„Was machst du eigentlich in Deutschland, wenn du gerade mal nicht ackerst?“

Nachdenklich sehe ich an ihm vorbei ins Leere. Ist es traurig, wenn ich darauf keine Antwort weiß? „Ich … Ich weiß nicht.“

Er grinst. „Was? Ach komm. Du hast doch vorhin über Hobbies gesprochen. Was macht ihr so?“

„Was meinst du mit ihr?“

„Na, du und deine Freunde.“

Je mehr ich grübele, desto schwindliger wird mir. Muss weitertrinken. „Hast du etwa Freunde?“

Er stutzt. „Äh, jaaaa. Du nicht?“ Patricks Lippen werden grau.

Ich halte mich an seinen Augen fest. „Wie kannst du dir so was leisten? Woher nimmst du die Zeit?“

Er stiert mich an. Keine Regung. Wahrscheinlich hält er mich für bekloppt.

„Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du denn?“

Ich wische mir mit der Hand über das Gesicht. „Ich hab keine Ahnung … neunzig vielleicht?“

Patricks Augen weiten sich. „Bist du wahnsinnig? Warum arbeitest du so viel?“ Empört schüttelt er den Kopf. Ich weiß nicht warum, aber ich erleide einen Schweißausbruch. Es ist plötzlich höllisch heiß. Sofort leere ich das Glas. Er beobachtet meine linke Hand. Sie zittert. Ich verstecke sie in der Rechten und sehe zu meinem Freund. Seinen Blick kann ich nicht deuten. Besorgnis. Verwirrung.

„Ich weiß nicht. Ich hab so viel zu tun.“ Er antwortet nicht. Mit letzter Kraft halte ich die Schale aufrecht. Jetzt nur nicht losflennen. „Was soll ich denn sonst machen?“ Patrick beugt sich nach vorn und boxt mir gegen den Arm.

„Wenn wir zurück sind, kommst du zu mir und wir lassen ordentlich die Sau raus. Ich kenn ein paar Leute, die gut zu uns passen, glaub mir.“

Ich schmunzele. „Und wo soll ich pennen?“

Er lacht. „Na, bei mir. Wo ist denn das Problem?“

Ich lächle. Der Idiot macht mich verlegen.

„Hör auf zu schuften wie eine Maschine. Du musst abschalten! Leben!“

„Wofür?“ Die Frage ist mir rausgerutscht. Und sie kam nicht gut an. Patrick spielt den Verwunderten.

„Willst du jetzt im Ernst mit mir den Sinn des Lebens diskutieren?“ Ich zucke mit den Schultern. Keine Ahnung. Offenbar kann ich es mit ihm nicht.

Es ist schon bedauerlich, wenn ein Arbeitskollege der einzige Mensch auf dem Planeten ist, dem man sein Herz öffnen möchte. Dem man das Herz öffnen kann. Um mich nicht zum Idioten zu machen, halte ich die Klappe. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen. Mit jedem weiteren Tag fühle ich mich kraftloser. Symptome eines Burnouts? Nein. Das ist es nicht. Es ist der stetig wachsende Drang, meinem Käfig zu entfliehen. Er erdrückt mich. Er und diese verdammten Albträume …

Patrick legt die Hand auf meine Schulter. „Unser Job ist doch okay. Wir verdienen gut. Wir sehen die Welt.“ Er hebt das Glas und wir stoßen an. Ich spiele mit. „Und die Frauen hier sind doch ganz in Ordnung, oder?“ Er weist mit dem Kopf in Richtung Theke. Dort stehen drei Mädels, die uns seit längerem beobachten und leicht angeschickert kichern. Sonderlich hübsch sind sie nicht. Zumindest nicht nach meinem Geschmack. Patricks Alkoholpegel ist offensichtlich wesentlich höher als meiner.

„Ist das dein Ernst?“

Er runzelt die Stirn und checkt erneut die Lage. „Ja. Findest du nicht?“

Mit einem Kopfschütteln leere ich das siebte Glas. Beim Absetzen huste ich.

„Na, dann muss ich offensichtlich noch mehr trinken.“ Mister Metrosexuell registriert die Lage und reagiert umgehend.

Patrick versucht sein Glück. Er geht auf die Mädels zu und startet ein Gespräch. Wir sind wirklich, wie man so schön sagt, aus demselben Holz geschnitzt. Dabei wollte ich sie, ihm zuliebe, zu uns an den Tisch einladen. Beschwingt kommt er mit ihnen Arm in Arm zurück und kümmert sich um die Sitzgelegenheiten.

Die Damen sind, aus der Nähe betrachtet, alles andere als hübsch. Nicht nur das. Sie sind auch noch furchtbar langweilig. Die bebrillte Dicke mit den halblangen, fettigen, blonden Strähnen ist am schlimmsten. Zum Glück sitzt sie am Rand unseres würfelförmigen Tisches. Die anderen beiden, Verena und Jessica, sind ebenfalls blond gesträhnt und dazu extrem stark geschminkt, so wie offensichtlich alle Frauen hier in der Stadt, die Tussi an der Rezeption heute Morgen und Frau Engelberth beim Workshop. Hier muss irgendwo ein Nest sein. Die drei kommen aus San Francisco. Die Outfits von Verena und Jessica ähneln sich sehr. Giftgrüne XXL-Pullover und getigerte Leggins.

„Seid ihr Zwillinge?“, fragt mein geschätzter Kollege die beiden Damen. Gelächter. Nein, sind sie nicht. Wie witzig. Ich schüttle den Kopf und schütte ein Bier nach dem anderen in den Rachen.

Patrick dagegen ist sehr angetan. Verena und er haben die Köpfe zusammengesteckt und reden und kichern und reden und lachen. Er rezitiert sein Repertoire. „Ich liebe die Grace Cathedral. Hast du gewusst, dass die 1850 erbaut wurde?“ Mit Daumen und Zeigefinger massiere ich meine Augen und seufze.

Doch Verena ist hingerissen. „Wirklich? Wow. Woher weißt du so viel über die Stadt?“ Ich fasse es nicht.

Meine Jessica geht mir extrem auf die Nerven. „Weißt du, der Pullover war super teuer. Reine Seide.“ Ihr Kopf kommt näher, stößt gegen meinen. „Wir haben hier um die Ecke einen fantastischen Friseur. Der rasiert dich überall.“ Sie kichert und legt den Arm um meine Schulter. Die stumpfsinnigen Monologe finden definitiv zu nah an meinem Ohr statt. „Letzte Woche hat es die ganze Zeit geregnet. Furchtbar!“

Bei dem Wettergequatsche habe ich das Gefühl, die Regenzeit in Form ihrer Zunge hautnah mitzuerleben. Wahrscheinlich will sie mich scharf machen. Doch dazu habe ich noch nicht genug gesoffen. Gott sei Dank. Theoretisch könnte ich sie mitnehmen. Aber nur theoretisch. Patrick zuliebe akzeptiere ich meine Pflichten als Wingman – als Babysitter für Verenas Begleitung – und verschaffe meinem Arbeitskollegen den notwendigen Handlungsspielraum, indem ich Jessicas Gebrabbel mit belanglosem Aha, Okay und Ach so abfange. Hauptsache, der Nachschub an Bier lässt nicht nach.

Als Patrick mit Verena eine Stunde später abhaut, bin ich traurig.

„Das war’s für mich. Wir gehen noch ein bisschen spazieren, Großer.“ Das Grinsen ist eindeutig.

„Ich wünsch dir viel Spaß, du alte Sau.“

Er klopft mir auf die Schulter.

„War ein schöner Abend.“ Er deutet auf Jessica. „Und enttäusch mich nicht, ja?“

Ich glaube, Patrick sieht mir an, dass das Interesse an meiner Begleitung bei ihrem letzten Rülpser völlig in den Keller gesackt ist.

Mit dem Winkehändchen verabschiede ich Verena und schaue ihnen bedrückt hinterher. Meine Augen brennen wie Feuer. Verzweifelt massiere ich sie. Zwecklos.

„Wollen wir zwei auch noch irgendwo hingehen?“, flüstert mir Jessica viel zu laut ins Ohr. Der Gedanke ekelt mich an. Nicht wegen Jessica, auch wenn sie nicht mein Typ ist. Ich bin es, der mich zutiefst anwidert. Und wahrscheinlich könnte ich in meinem Zustand ihren Anforderungen ohnehin nicht gerecht werden.

Genervt sehe ich sie und ihre dicke Freundin an, deren Name für alle Zeit ein Mysterium bleiben wird. Mein langsames Kopfschütteln versetzt ihrem erwartungsfrohen Blick ein jähes Ende. Glücklicherweise macht sie es mir einfach.

„Arschloch!“ Sie zeigt mir den Stinkefinger, steht leicht schwankend auf, packt die namenlose Freundin am Arm und haut ab. Was soll’s. Schließlich stehen hier noch zwei randvolle Biergläser. Patrick hatte erfreulicherweise Wichtigeres im Kopf.

Juchhu … Besoffene Selbstgespräche. Immerhin interessanter als Jessicas Monologe der vergangenen Stunde. Nachdem auch der Inhalt des zweiten Glases meine Kehle hinuntergeglitten ist, mustere ich das Publikum in der inzwischen brechend vollen Bar. Tausend Blicke durchlöchern mich. Von Wut bis Ekel ist alles dabei. Was zur Hölle wollen diese Idioten von mir?

Er sitzt im hinteren Teil der Bar und beobachtet mich mit weit aufgerissenen Augen. Der Schädel zuckt unnatürlich schnell hin und her. Vollkommen verkrampft verhake ich die Hände in meinen Haaren und konzentriere mich auf das auf dem Tisch stehende, flackernde Teelicht.

Eine Dame vom Nachbartisch spricht mich an. „Hey, ist alles in Ordnung?“

Ich schreie zurück. „Halt endlich deine Fresse! Lass mich in Ruhe! Lass mich endlich in Ruhe!“

Stille. Noch bösere Blicke. Mister Metrosexuell schüttelt den Kopf. Zwei Punks an der Theke äffen mich nach. Vater zuckt. Ich springe auf, werfe hundert Dollar auf den Tisch und renne aus der Bar.

Frische Luft. Endlich. Nichts wie zurück zu unserem Ghettohotel. Zum Glück sind die paar hundert Meter innerhalb weniger Minuten zurückgetorkelt.

Vor einem Massagestudio tanzt mich eine Nutte an, die unter einer pinkfarbenen Werbetafel gegen eine Fichte lehnt und auf den nächsten Fang wartet.