Verlag: Mozaika LLC Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Mind Web (Mensch++: Buch 3) - Anna Zaires

"Endlich erscheint der mit Spannung erwarteten Abschluss der Mensch++-Trilogie des New York Times und USA Today Bestsellerautors Dima Zales. Es ist viereinhalb Jahre her, dass meine Freunde und ich mit unserer Brainozyten-Technologie die Welt revolutioniert haben. Ich habe eine schöne Frau, einen genialen Sohn und mehr Geld, als ich ausgeben kann. Mein aktuelles Problem? Nicht jedem gefällt die schöne neue Welt, die wir aufgebaut haben. Mit Feinden dort, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte, könnte sich unsere lebensrettende Technologie als das Ende von allem erweisen … sogar der Menschheit selbst. "

Meinungen über das E-Book Mind Web (Mensch++: Buch 3) - Anna Zaires

E-Book-Leseprobe Mind Web (Mensch++: Buch 3) - Anna Zaires

Mind Web

Mensch++: Buch 3

Dima Zales

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Epilog

Auszug aus Oasis – Die Letzte Oase

Auszug aus Die Gedankenleser - The Thought Readers

Auszug aus Der Zaubercode

Über den Autor

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2018 Dima Zales

www.dimazales.com/book-series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover by Najla Qamber Designs

www.najlaqamberdesigns.com

e-ISBN: 978-1-63142-391-8

ISBN: 978-1-63142-392-5

Kapitel Eins

Ich befinde mich in fast 400 Metern Höhe, im 102. Stock eines der neueren Touristenmagnete in Manhattan, dem One World Observatory. Die Menschenmassen um mich herum drücken ihre Nasen gegen das raumhohe Glas, um einen Blick zu erhaschen, der einen normalen Menschen akrophobisch machen kann. Ich schließe mich an und starre. Jedes Viertel ist unter unseren Füßen sichtbar wie eine detaillierte 3D-Karte von New York City.

Ein vages Gefühl von Déjà-vu überkommt mich und erfüllt mich mit überwältigender Angst. Es ist schwer zu sagen, ob ich Angst vor der Höhe, vor der großen Menschenmenge oder etwas Flüchtigerem habe.

Eine dunkle Form bewegt sich in der Menge, und ich drehe mich auf meinen Fersen um, um mich ihr zuzuwenden.

Ich komme vor einem Mann mit zwei Nasen zum Stehen. Er hat gepiercte Nasenlöcher, wo seine Augen sein sollten, und ein Zyklopenauge in der Mitte seines Gesichts.

Meine Gesichtserkennungs-App meldet einen Fehler, und das biologische Äquivalent eines Systemausfalls geschieht in dem Teil meines Gehirns, der für das Erkennen von Gesichtern verantwortlich ist.

Der Mann mit den Nasenaugen nimmt eine Waffe heraus, und bevor ich eine Theorie darüber aufstellen kann, wie er sie durch die Sicherheitskontrolle geschmuggelt hat, hebt er sie an, zielt mit seinem einen Auge und drückt ab.

Ohne die Ohrstöpsel, die ich normalerweise am Schießstand benutze, sprengt der Schuss mein Trommelfell und beschleunigt wahrscheinlich die altersbedingte Taubheit um mindestens ein Jahr. Das riesige Fenster neben mir zerbricht in kleine Stücke, die sich drehen, oszillieren und ihr Bestes tun, um so viele Touristen wie möglich zu verletzen.

Ich ignoriere weitere Schüsse, genauso wie das Blut und die Schreie um mich herum, weil ein anderer Mann mit dem gleichen Augen-Nasen-Gesicht direkt hinter mir auftaucht. Ich drehe mich und versuche, dem Grauen in das eine Auge zu schlagen, aber es weicht aus.

Ich muss zweimal hinschauen. Wenn ich Photoshop benutzt hätte, um das Auge zu duplizieren, die zusätzliche Nase zu löschen und alles an die richtigen Stellen zu verschieben, würde das Gesicht vor mir dem Gesicht sehr ähnlich sehen, das ich jeden Tag im Spiegel erblicke – ohne die Nasenpiercings.

Mein Angreifer nutzt meine Ablenkung und meinen momentanen Mangel an Gleichgewicht, um mich in Richtung des zersplitterten Fensters zu schieben.

Ich schreie, aber es ist zu spät. Nach einem cartoonartigen Moment, in dem ich nach unten schaue und die unmögliche Höhe aufnehme, beginne ich zu fallen.

Dieses Gebäude ist so hoch, dass es Wolken um mich herum gibt. Das Gefühl des Déjà-vus wird stärker, als ich an den umliegenden Wolkenkratzern vorbeirausche. Von hier sehen sie winzig aus. Die Freiheitsstatue steht wie ein Spielzeug im nahegelegenen Wasser, und die Menschen auf den Straßen sind zu klein, als dass man sie sehen könnte – wie Bakterien.

Mein Herz merkt, dass ich in etwa zehn Sekunden auf dem Bürgersteig aufschlagen werde, und versucht, meine Brusthöhle zu verlassen, solange es noch geht. Der Terror in jeder Zelle meines Körpers vertieft dieses Gefühl des Déjà-vus.

Ich verschlucke mich an meinem Schrei, als eine feurige Gestalt aus dem Nichts erscheint, wie der legendäre Feuervogel aus den russischen Legenden. Als sie sich nähert, wird mir klar, dass es ein glühender Mensch ist. Mit einem Rauschen seiner feurigen Flügel umfasst er mich mit seinen Armen, und wir schweben um den achtzigsten Stock des Wolkenkratzers herum.

Das Haar meines Erlösers formt einen verräterischen Einstein-Heiligenschein um seinen Kopf. Als ich das Gesicht der künstlichen Intelligenz erkenne, weiß ich sofort, was sie sagen wird.

Tatsächlich verkündet sie mit deutschem Akzent: »Sie sind in Sicherheit. Als Teil Ihrer Alptraum-Verringerungstherapie lasse ich Sie wissen, dass das ein Traum ist. Sie wollten auch, dass ich vorschlage, dass Sie es mit bewusstem Träumen versuchen, was voraussetzt, dass Sie schlafen.«

»Natürlich.« Ich kann kaum widerstehen, mir auf die Stirn zu schlagen. »Darum ging es bei diesem Déjà-vu-Gefühl. Ich hatte diesen Alptraum schon einmal.«

»Sie hatten auch andere Träume vom Fallen.« Einsteins Glühen ist völlig verschwunden, und er besitzt keine feurigen Flügel mehr. »Wir können Ihre Träume später besprechen. Ihr Zeitfenster für bewusstes Träumen schließt sich schnell.«

Er hat recht. Wenn ich die Kontrolle über meine Traumwelt übernehmen will, muss ich jetzt handeln, wie alle Bücher zu diesem Thema vermuten lassen.

Zuerst konzentriere ich mich darauf, meinen unangenehmen Traum vom Fallen in einen Traum mit ähnlicher körperlicher Betätigung, aber fast entgegengesetzter subjektiver Wertigkeit zu verwandeln. Ich wünsche mir, zu fliegen, und einen Moment später fliege ich über Manhattan und genieße den Ausblick, um den mich Touristen auf einer Sightseeingtour mit einem Hubschrauber beneiden würden.

Der jetzt gewöhnliche Einstein und ich bilden eine Zweiergruppe, bei der seine Arme sich wie bei Superman vor ihm befinden und ich meine wie Flügel zu den Seiten strecke.

»Das ist phantastisch«, sage ich zu der künstlichen Intelligenz. »Fallen fühlt sich überwältigend stressig an, aber Fliegen ist die reinste Freude.«

»Pass aber auf«, antwortet Einstein. »Begeisterung kann dich genauso leicht wecken wie …«

Ich wache in meinem Bett auf, mit einer Rattennase am Rücken und Adas warmem Körper vorn an mich gekuschelt.

»Sie waren zwei Stunden und siebenunddreißig Minuten lang ohne Bewusstsein«, sagt Einsteins Stimme.

»Wieder ein Alptraum?«, flüstert Ada über ihre Schulter.

»Nichts Schlimmes«, sage ich – eine Beschönigung, mit der ich meine, dass ich nicht davon geträumt habe, dass Familienmitglieder vor meinen Augen abgeschlachtet werden, und auch nicht von den anderen Gräueltaten, die ich schon erlebt habe. »Nur ein paar seltsame Gesichter und In-die-Tiefe-Stürzen.«

»Ich wette, es ist eine Manifestation von Lampenfieber. Schließlich ist unsere Reise übermorgen.« Sie schaltet das weiche Schlafzimmerlicht mit einem mentalen Befehl an Einstein an und dreht sich zu mir um, wobei ihre bernsteinfarbenen Augen für diese nächtliche Uhrzeit mit einer überraschenden Wachsamkeit glitzern.

Sie könnte recht haben. Wir werden unser Unternehmen auf mehreren neuen Märkten präsentieren, und ich habe diese Reisen zunehmend gefürchtet – nicht nur, weil ich, wie jeder normale Mensch, nicht gerne vor großen Menschenmengen spreche.

»Ich bin eigentlich mehr darüber besorgt, es unserem Nachkommen zu erzählen«, sage ich Ada in einer privaten Zik-Nachricht. Unlogischerweise habe ich das Gefühl, unser Sohn könnte uns irgendwie belauschen, wenn ich auch nur die Ätherwellen im Haus vibrieren lasse. »Es ist gleich nach seinem Geburtstag, und ich will ihm das große Ereignis nicht verderben.«

»Mach dir darüber jetzt keine Sorgen.« Sie streichelt meine Schulter. »Wenn du möchtest, bin ich diesmal die Böse – alles, solange es dir beim Einschlafen hilft.«

»Du bist die beste Frau aller Zeiten, aber das müssen wir ihm gemeinsam sagen. Und jetzt lass uns schlafen.«

»Gleich.« Sie rückt näher, und als ihre Lippen sich den meinen nähern, weiß ich, was sie will. Mein Körper reagiert – stark. »Nachdem du deine ehelichen Pflichten erfüllt hast, wirst du noch besser schlafen«, fügt sie mit heiserer Stimme hinzu und sorgt dafür, dass ihre Lippen über meine Lippen streichen, während sie spricht.

»Virtuell oder echt?«

»Warum nicht beides?«

Sie reißt die Decke mit einem Schwung herunter, und der Schlaf wird zu einer fernen Erinnerung.

Kapitel Zwei

»S dnyom ​​rozhdeniya, Alan«, sagt Onkel Abe zu meinem Sohn und hebt sein Schnapsglas.

»Happy Birthday! Vier Jahre alt.« Auch Mama hebt freudig ihren Wodka hoch. »Du bist so ein großer Junge.«

Flankiert von Gogi und Joe steht mein Nachkomme neben seinem Avatar, den er nur für Ada und mich sichtbar gemacht hat, damit wir sehen können, wie er innerlich mit den Augen rollt.

»Sei lieb zu deiner Oma.« Die neueste Version der Telepathie-App erlaubt es Ada, freundlich, fest und leicht schimpfend zugleich zu klingen – etwas, was man allein mit der Stimme nicht machen kann. Die Emotionen, die die App vermittelt, haben Nuancen, die nur von Menschen mit einem brainozytenverstärkten Gehirn verstanden und gefühlt werden können. »Wenn du wirklich so reif wärst, wie du denkst, würdest du nichts gegen Ausdrücke wie ›Baby‹ oder ›großer Junge‹ haben«, fährt sie fort.

»Oder ›Kind‹«, füge ich hinzu und zwinkere Alan zu. »Oder …«

»Danke, Oma«, antwortet er auf einem öffentlichen Gedankenkanal, ohne den kleinsten Hauch von Negativität. Seine öffentliche Zik-Botschaft zeigt echte Dankbarkeit und Glück; es ist beängstigend, was für ein guter Lügner mein Sohn sein kann. »Du hast natürlich recht, Mama«, fügt er in unserem privaten Chat hinzu. Der Kopf seines Avatars verbeugt sich unglaublich tief, und sein Fuß malt einen Bogen vor seinem Körper, und das sagt mir, dass er seine Reue spielt. »Einige Wörter und Sätze scheinen nur meinen inneren Primaten auszulösen – etwas, woran ich arbeite.«

Ich schaue mir meinen Sohn an, sowohl sein reales Gesicht als auch seine digitale Darstellung. Wenn man Adas bernsteinfarbene Augen nimmt und das schelmische Funkeln verdoppelt, bekommt man Alans echte Augen. Wenn man mein Lächeln nimmt, speziell das Lächeln, das ich bekomme, wenn ich jemandem, der es absolut verdient hat, etwas wirklich Hinterhältiges angetan habe, dann bekommt man Alans Lächeln. Der Rest seines Gesichts ist eine Mischung aus meiner Frau und mir mit einem leichten Hauch von Affe, als hätten wir Kapuzineraffengene in unseren Nachwuchs geschmuggelt – was wir nicht haben, obwohl wir jetzt die Technologie dafür hätten, und alles andere, auf das Dr. Moreau neidisch wäre. Alan muss den Affen in seinem eigenen Gesicht auch sehen können. Wie sonst kann man diesen Kommentar über den »inneren Primaten« erklären?

Im Gegensatz zu seinem kleinen Ich in der realen Welt sieht Alans digitaler Avatar aus wie ein zwanzigjähriger Mann, der im wahrsten Sinne des Wortes eine Mischung aus Ada und mir ist. Er schuf diesen Avatar mit Hilfe eines neuronalen Netzes, das er vor einigen Wochen entworfen hat, einer spezialisierten künstlichen Intelligenz, deren einziger Zweck es war, jedes Bild von Alans Elterneinheiten zu scannen und ein 3D-Gesicht zu erzeugen, das unsere Gesichtszüge perfekt miteinander verbindet. Er hat uns aber nicht als Inspiration für seinen Körper benutzt, sondern entschied sich für etwas, was er auf einem Cover eines Magazins gesehen haben muss – die breiten Schultern, die gemeißelten Bauchmuskeln und die präkanzeröse Bräune.

Jeder in der realen Welt stößt an, und ich mache mit.

»Weißt du«, denkt Mitya privat zu mir, während sein Ich in der echten Welt ein Kaviar-Sandwich isst, »es ist verrückt, dass wir einen Tisch mit russischen Spezialitäten in unserer Mitte haben.«

Ich schaue mich um und stimme zu. Mitya hat recht. Diese Gesellschaft gehört nicht hierher, in die Dinosaurierausstellung des Museums für Naturkunde. Als ich vor ein paar Wochen Nachts im Museum ausgeliehen habe, war mir nicht klar, wie unverschämt teuer dieser Film werden würde. Aber was nützt es, einer der reichsten Menschen der Welt zu sein, wenn man seinem Sohn an seinem Geburtstag kein Museum mieten kann?

»Gefällt dir mein Geschenk?«, fragt Muhomor, nachdem er aufgehört hat, Grimassen zu schneiden, was er nach jedem Schluck Wodka macht.

Muhomor trägt das neueste Modell seines brainozytengesteuerten Power-Anzuges, was bedeutet, dass er tagelang nonstop laufen, hundert Marathons durchhalten und einen Weltrekord im Sprinten brechen kann. Wenn er wollte, könnte er auf den Schädel dieses riesigen Dinosaurierskeletts springen, der zufällig das Herzstück dieser riesigen Halle ist, und tanzen. Golan Dahan, unser Direktor von Nanotech, denkt, dass wir nur noch Monate davon entfernt sind, Muhomors Wirbelsäule reparieren zu können – und die Wirbelsäule von jedem anderen, der das braucht.

»Wer liest nicht gerne etwas über Blockchains?« Alans privater Avatar rollt wieder mit den Augen. »Ich wollte schon immer so detailliert wie möglich wissen, wie Bitcoin funktioniert.«

Nur Ada und ich können den Sarkasmus in Alans realer Stimme erkennen. Muhomor nimmt seine Worte für bare Münze und grinst, als ob er es geschafft hätte, eine weitere Bank zu hacken. Ada und ich tauschen Blicke aus und beschließen, dass wir Alans Frechheit durchgehen lassen sollten, da wir selbst bei den meisten von Muhomors Aussagen die Augen verdrehen. Schließlich hat er dieses Verhalten von uns gelernt.

»Ich will nur sichergehen, dass dieses ›Geschenk‹ keine Anleitungen enthält, wie man die kryptographischen Funktionen von Bitcoin hacken kann.« Adas spitzes Lächeln führt dazu, dass Muhomor fast an seinem Lammkebab erstickt. »Ich hoffe, wir sind uns alle einig, dass so etwas nicht als Geschenk für einen Vierjährigen geeignet wäre?«

Alan sieht plötzlich viel interessierter an seinem Geschenk aus. Muhomor gestikuliert hastig, und die virtuelle Geschenkbox verändert sich und wird deutlich kleiner.

Ich erwäge, eine der unzähligen parallelen Instanzen von mir das Geschenk im Detail untersuchen zu lassen, aber ich entscheide mich dagegen. Stattdessen denke ich zu Ada: »Wenn Alan Bitcoin im Visier hätte, wäre das Thema eh schon durch.«

Alan erhielt Brainozyten, sobald er geboren wurde, lange bevor die US-Gesetze achtzehn Jahre als Mindestalter für die Brainozyten-Berechtigung festlegten – unsere teuren Lobbyisten arbeiten daran, diese Gesetze zusammen mit jedem anderen Hinweis auf eine Gesetzgebung gegen unsere Produkte aufzuheben. Alan hat auch die Respirozyten mit dem Rest von uns bekommen. Das Einzige, was wir ihm nicht gegeben haben – weil er noch nicht ausgewachsen ist –, sind die Knochenserver. So nennt Dahan das Betaprodukt, mit dem wir stärkere Knochen haben, die als Computerressourcen dienen können.

Auf jeden Fall, wenn es um Gehirnverbesserungen geht, hat Alan so viele wie der Rest von uns im inneren Kreis des Brainozyten-Klubs – und das ist in der Tat eine beeindruckende Anzahl. Er war auch der erste Mensch, dessen gesamtes Gehirn in einem digitalen Substrat abgebildet wurde, obwohl der Rest von uns kurz darauf folgte. Wie bei uns sind seine digitalen Gehirnteile in der Cloud seinen mageren biologischen Teilen weit überlegen. Sein Verstand ist auf den besten Servern verteilt, die nur verbesserte Gehirne in so kurzer Zeit hätten entwickeln können.

Deshalb hat Alan mit einem typischen Vierjährigen intellektuell genauso viel gemeinsam wie mit einem durchschnittlichen unerweiterten Menschen. Alan konnte Zik sprechen, als er einen Monat alt war. Vor kurzem hat er seine Dissertation in Informatik abgeschlossen und plant, weitere Bereiche zu studieren. Wenn er in das Hacken einsteigen wollte, wäre er eine beängstigende Macht, aber ich glaube nicht, dass diese Aktivität für ihn anregend genug wäre.

»Er wird sich nicht mit etwas so Alltäglichem wie dem Hacken beschäftigen wollen«, sagt Ada. »Er hat interessantere Projekte, die ihn beschäftigen.«

Das stimmt. Alans aktuelle intellektuelle Herausforderung sind fortgeschrittene Videospielumgebungen, die die virtuelle Realität nutzen – oder, wie er es gerne nennt, Weltsimulationen. Ich denke, dass das Interesse bei ihm erst geweckt wurde, als er erfuhr, dass ich die virtuelle Realität verwende, um mit Symptomen wie PTSD fertigzuwerden. Er hat nun eine ganze virtuelle Welt für Mr. Spock und den Rest unserer verbesserten Ratten geschaffen. Diese Welt ist ein Ratten-Nirwana, und Mr. Spock und seine Verwandten verbringen die meiste Zeit dort. Die Rattenwelt ist auch der Ort, an dem sie sich gerade befinden, obwohl ihre eigentlichen biologischen Körper zu Hause sind. So stimuliert zu werden hilft dabei, die Lebenserwartung der Ratten zu erhöhen, ebenso wie die Nanozyten, mit denen wir experimentieren – und mit denen wir letztendlich die menschliche Lebenserwartung verdreifachen werden. Das Interessanteste an der Rattenwelt ist jedoch, dass Alan sie mit virtuellen Ratten bevölkert hat, deren Gehirne so detailliert nachgeahmt wurden, dass die daraus resultierenden Kreaturen im Grunde genommen echte Ratten sind – es sei denn, man will darüber philosophisch werden, was Alan gerne tut. Als ich durch die Rattenwelt ging und die Vielzahl seiner Rattenschöpfungen sah, war es nicht schwer, mir vorzustellen, dass mein Sohn aufwuchs, um ganze Universen zu erschaffen, wie eine selbstgemachte Gottheit.

»Er hat auch keinen finanziellen Anreiz, Bitcoin zu knacken«, füge ich hinzu, als Ada mich erwartungsvoll ansieht.

»Genau«, stimmt sie zu.

Ada und ich haben vor einem Jahr einen milliardenschweren Treuhandfonds für Alan eingerichtet. Sein monatliches Taschengeld liegt in Millionenhöhe. Allerdings wird er unsere Mittel nicht lange brauchen, denn seine vielen Geschäfte werden bald Gewinne abwerfen. Das Kind hat mehr Patente als Thomas Edison.

»Wenn es Geschenkzeit ist, habe ich etwas für das kleine Häschen«, sagt Mama, und ich bemerke, dass J. C., ihr neuer Mann, ihren Ellbogen warnend berührt. Er versteht Alan besser als sie. »Hier«, sie holt eine Kiste unter ihrem Stuhl hervor und hält sie souverän hoch, »das hier ist von deinen Großeltern.«

Mutter besteht darauf, dass Alan J. C. als seinen Opa betrachtet, aber Alan besteht darauf, J. C. einfach J. C. zu nennen, wie jeder andere auch. Dies liegt zum Teil daran, dass Alan J. C. in der Mensch++-Unternehmenshierarchie ablöst. J. C. leitet immer noch Techno, das jetzt nur noch ein kleiner Teil des riesigen Unternehmens ist, das Mitya, Ada und ich zusammen gegründet haben, wobei Alan ein Hauptaktionär dieses Unternehmens ist.

»Das ist ein gestrickter Pullover«, sagt Alan ohne einen Hauch der Enttäuschung, die sogar ich für ihn empfinde. »Danke schön.«

Er geht zu Mama und küsst ihre Wange, und sie schmilzt prompt dahin. Ich hoffe, er wird nie böse, denn das würde Machiavelli stolz machen.

»Ich bin dran.« Onkel Abe zieht ein verpacktes Geschenk heraus, das offensichtlich ein Skateboard ist. »Bitte schön. Damit du mehr draußen spielen kannst.«

Anders als der Rest der Familie hat sich Onkel Abe nicht dem neuen Mensch++-Megakonzern angeschlossen, und er hat erweiterte Versionen der Brainozyten abgelehnt. Es brauchte viel Überzeugungsarbeit, um ihn überhaupt dazu zu bringen, die neuesten von der FDA zugelassenen Brainozyten zu akzeptieren, die über einen transdermalen Patch geliefert werden – die Stufe III Mensch++ wurde Milliarden von Menschen umsonst gegeben. Sein mangelndes Verständnis von Alans geistigen Fähigkeiten ist der Grund, warum er sein Geschenk so dramatisch falsch eingeschätzt hat; andernfalls hätte er gewusst, dass Alan die Risiken des Skateboardens eingeschätzt und die beängstigenden Statistiken inakzeptabel fand – oder zumindest hoffe ich, dass das passiert ist.

Seltsamerweise sieht Alan wirklich dankbar aus, was beunruhigend ist. Ich denke privat zu Ada: »Schatz, wir sollten eine Virtual-Reality-Erfahrung mit diesem Ding für Alan erschaffen, damit er nicht in Versuchung gerät, seinen Kopf wirklich einzuschlagen.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das Board nur mit einem seiner Roboter-Avatare fahren will«, antwortet sie ruhig. »Ein Teil von mir kann seinen Lieblingskörper in diese Richtung gehen sehen.«

Ich überprüfe die Sicherheitskameras des Museums und kann bestätigen, dass einer von Alans »Körpern« tatsächlich unseren Weg geht. Dieses fortschrittliche Modell erinnert eher an ein Terminator-Skelett als an einen Menschen und verfügt über Sensoren für Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Berühren. Aber im Gegensatz zu einem menschlichen Körper erlaubt er uns auch, elektrische und magnetische Felder zu erfassen, Echoortungen durchzuführen, Veränderungen in der Luftfeuchtigkeit zu erkennen und ein paar andere Dinge, die ich noch nicht ausprobiert habe.

Spontan bringe ich eine weitere Instanz von mir selbst hervor, nehme einen der Roboterkörper in Besitz, die ich im Standby-Modus gelassen habe, und gehe mit ihm auf Alans metallischen Avatar zu.

Mich in diese Ausrüstung zu begeben löst immer noch ein unheimliches Gefühl in mir aus, viel mehr, als wenn ich Avatare in einer virtuellen Umgebung nutze. Das liegt zum Teil daran, dass ich in bestimmten Momenten Hunderte von virtuellen Personen gleichzeitig benutze, während ich nur selten einen physischen Roboterkörper für Geschäfts- oder Freizeitaufgaben benötige. Für mein erweitertes Bewusstsein ist der Roboterkörper jedoch recht brauchbar, und seine Sinne sind überraschend lebensecht. Diesen Körper zu nutzen bestätigt Adas Idee, von der sie alle schon seit Ewigkeiten zu überzeugen versucht: dass der menschliche Körper eine Maschine wie dieser Roboter ist, nur aus Fleisch.

»Lässt du mich dein Skateboard fahren?«, fragt mein Roboter-Ich Alans Roboter. Meine synthetische Stimme ist fast nicht von der eines Menschen zu unterscheiden.

»Natürlich, Papa.« Als Ergänzung zu seinen Worten versucht Alans metallisches Gesicht, mich anzulächeln, was bei diesem Modell immer noch grässlich aussieht. »Aber ich zuerst.«

»Hey, es ist dein Geburtstag.« Ich bringe meinen Roboter dazu, zu blinzeln.

»Ich habe das für den kleinen Krieger besorgt«, sagt Gogi in der Zwischenzeit und zieht eine Kiste hervor. Wenn die neu eingetroffenen Roboter Gogi nervös machen, zeigt er es nicht, im Gegensatz zu dem leichenblassen Onkel Abe.

Während sein Roboterkörper wegskatet, reißt die kleine menschliche Version von Alan mit altersgerechtem Enthusiasmus die Verpackung von Gogis Geschenk auf. In der Regel kommen Alan und Gogi gut miteinander aus, da sie über gewalttätige Videospiele zusammengefunden haben. Kein Wunder, dass sich Gogis Geschenk als ein kleines Paar Boxhandschuhe entpuppt – ein weiterer nicht so subtiler Hinweis darauf, dass Alan in der realen Welt mit dem Selbstverteidigungtraining beginnen sollte. In der virtuellen Welt wischt das Kind bereits mit Gogi den Boden ab, und ich wette, wenn Gogi einen Roboter steuern könnte, was er nicht kann, würde Alan ihn auch darin schlagen.

Ada runzelt die Stirn, als sie das Geschenk sieht. Ich nehme ihre kleine Hand in meine, drücke sie sanft und sage privat: »Wenn Alan Boxen lernen würde, würde es ihn nur sicherer machen.«

Sie wirkt nicht beruhigt, sagt aber nichts.

Joe räuspert sich und deutet an, dass er auch etwas für das Geburtstagskind hat.

Adas Stirnrunzeln vertieft sich. Trotz Joes jüngsten Verbesserungen seine Geschäfte und sein Temperament betreffend, ist sie immer noch nicht sein größter Fan.

»Hier«, sagte er zu Alan. »Ich hoffe, sie passt.«

Alan packt Joes Box mit noch mehr Enthusiasmus aus als Gogis, aber als er hineinschaut, scheint seine ganze Haltung zusammenzufallen. Mit Begeisterung, die ich deutlich als gespielt erkennen kann, sagt er: »Eine kugelsichere Weste. Wow. Danke, Onkel Joe.«

In unserer privaten virtuellen Realität tauschen Ada und ich einen aussagekräftigen Blick aus, und ich sage heimlich: »Weißt du, es hätte etwas Schlimmeres sein können, etwas wie ein Messer.«

Im Gegensatz zu seinem Vater hat Joe die fortschrittlichere Stufe-II-Brainozyten-Suite, die dem Benutzer eine größere Auswahl an Hilfsmitteln bietet, einschließlich einer bescheidenen Steigerung des Gehirns. Stufe II ist ein unentgeltlicher Bonus für alle Mensch++-Mitarbeiter, und als Sicherheitschef war Joe einer der ersten Nutzer.

Die Stufe-II-Gehirnerweiterung hat einen interessanten Effekt auf meinen Cousin gehabt. Der Typ scheint jetzt ein Gewissen zu besitzen, wenn auch ein rudimentäres. Es gibt ein paar Theorien über die Ursache dafür, und alle gehen davon aus, dass er vorher kein Gewissen hatte. Mitya glaubt, dass Joe mit dem Alter einfach weicher wird, aber wir alle denken, dass das Blödsinn ist, da das »Weicherwerden« in den letzten vier Jahren passiert ist. Ich denke, dass die Erfahrung, klüger zu werden, einen erkennen lässt, dass Gewalt manchmal nicht die beste Lösung ist, aber meine Freunde denken, dass das eine zu einfache Erklärung ist, da viele intelligente Menschen im Laufe der Jahre Gewalttaten begangen haben.

Ada glaubt, dass die ältere Brainozyten-Gehirnerweiterungsmethodik hinter den Veränderungen in Joe steckt, da wir immer noch die ältere Methode für Stufe II verwenden. Die alten Erweiterungen verwenden simulierte Computer-Hirnregionen, um die Gehirnleistung zu verbessern, was bedeutet, dass Joe mehr Gehirn bekommt, das nicht sein ursprüngliches Gehirn ist, und so irgendwie Empathie gewinnt, oder was auch immer ihm vorher fehlte. Wenn sie recht hat, sollten wir vielleicht vorsichtig sein, wie, wann und ob wir Joe Zugang zu Stufe I geben, da das die neuere Methode für die Erweiterungen verwendet.

Gezwungenermaßen stehen die Stufe-I-Brainozyten immer noch nur den vier ursprünglichen Mitgliedern des Brainozyten-Klubs und meinem Sohn zur Verfügung. Der Grund dafür ist nicht, dass wir versuchen, die Macht zu horten. Wir wollen, dass jeder irgendwann Stufe I haben wird; wir haben nur einen Engpass, was die Computerressourcen betrifft.

Die Stufe-I-Gehirnerweiterung ist auf Grund der Fortschritte in der Gehirn-Scanning-Technologie anders. Wir lassen bestehende Brainozyten unser biologisches Gehirn bis ins kleinste Detail scannen. Wenn wir dann Computermodelle für die zusätzlichen Gehirnregionen erstellen, stützen wir uns auf die Scans unserer Gehirnschaltungen. Diese neue und bessere Methode der Erweiterung reduziert die negativen Nebenwirkungen, die Stufe-II-Nutzer erleben, wie z. B. präkognitive Erlebnisse. Die neue Methode verkürzt auch die Anpassungszeit bei neuen Erweiterungen auf wenige Stunden anstelle von Tagen. Aber sie verbraucht viel mehr Ressourcen, und wir können es uns nicht leisten, sie jedem zu geben.

Zusätzlich gibt uns dieses Gehirnscannen Backups unserer Gehirne, falls etwas mit dem zerbrechlichen Gewebe passiert, wie ein Schlaganfall oder ein Schlag auf den Kopf. Mitya ist von dieser Forschungsrichtung besessen und hat bereits ein komplettes Backup für sein ganzes biologisches Gehirn erstellt. Es ist diese Besessenheit von ihm, die hinter den Protokollen steckt, die dafür sorgen, dass für unsere erstaunliche nicht-biologische Intelligenz regelmäßig ein Backup erstellt wird. Ich glaube, er verschwendet seine Zeit damit, sich um sein Fleischhirn zu sorgen, wie Ada es nennt. Unsere biologische Intelligenz wird bald nur noch ein winziger Teil dessen sein, was wir sind, so klein, dass wir es vielleicht nicht mitbekommen, wenn wir es plötzlich verlieren.

»Du machst wieder zu viel Multitasking.« Adas Beschwerde reißt mich aus meinen Gedanken.

»Nein.«

Meine Antwort ist zu defensiv, und ich nehme mir einen Atemzug Zeit, um mich selbst zu untersuchen. Ada hat versucht, mich dazu zu bringen, öfter im Hier und Jetzt zu sein. Sie macht sich Sorgen, dass ich zu wenig entspannte Zeit mit ihr und Alan verbringe. Ich denke nicht gerne, dass ich die Art von Vater und Ehemann bin, die solche Erinnerungen braucht – auch wenn das manchmal der Fall ist.

»Ich programmiere lediglich die neue App, die wir besprochen haben«, die Verteidigung ist in meiner Gedankenrede komplett verschwunden, »teste unser Überraschungsgeschenk, lese Arbeits-E-Mails und habe eine Psychotherapie-Sitzung mit Einstein. Das Letzte ist etwas, was du vorgeschlagen hast.«

Die Nutzung von Einstein als Psychotherapeut ist ein neuer Service, den wir demnächst auf die weltweite Brainozyten-Anwenderbasis ausweiten werden. Es wird Teil unseres Freemium-Modells sein, und wir erwarten, dass es viel Gutes in der Welt bewirken wird, da diese Therapie meine Alpträume eingedämmt und meinen posttraumatischen Stress abgebaut hat.

Ada sieht besänftigt genug aus, und wir sehen entspannt dabei zu, wie Alan ein Geschenk von J. C. öffnet, das ausgerechnet ein Yo-Yo ist. Alan scheint es zu mögen und fängt sofort an, damit Tricks zu machen.

»Bald sind wir dran«, sagt Ada mit einem Augenzwinkern. »Du solltest vielleicht noch ein bisschen weniger arbeiten. Aus irgendeinem Grund wirkst du etwas distanziert.«

Ada behauptet, dass viel Multitasking jede Aktivität weniger gut sein lässt. Da sie das System entworfen hat, muss es stimmen. Auf meiner Seite spüre ich jedoch selten die Ablenkung. Ich habe vor ein paar Jahren aufgehört, mich zu fühlen, als würde ich mehrere Dinge gleichzeitig tun.

Der Begriff Multitasking ist ohnehin irreführend für das, was wir jetzt tun können. Das Ich, das mit Einstein im virtuellen Therapieraum spricht, fühlt sich ganz anders an als das Ich, das den aktuellen Ablauf verfolgt. Es ist, als ob ich an mehreren Orten gleichzeitig existiere, aber später die Erinnerung an all diese Teile von mir selbst habe. Natürlich weiß ich rational, dass jede dieser Instanzen von mir dedizierte Computerressourcen verwendet und dass, wenn diese Ressourcen überlastet sind, etwas mit allen Instanzen von mir geschieht, was für einen Außenstehenden leicht so aussehen könnte, als sei ich abgelenkt.

»Hast du nicht das System so entworfen, dass es verhindert, dass während der Ressourcenüberlastung ein Thread erstellt wird?«, frage ich sie.

»Das habe ich, aber sobald deine Ressourcen zugewiesen sind, werden sie nie wieder weggenommen. Wenn du anfängst, mehr mit deiner Ressourcenzuteilung zu tun, kannst du dich ablenken lassen.«

Ich pausiere mit einigen meiner Aufgaben. Ich ziehe es vor, nicht mit Ada über Brainozyten-Technologie zu streiten. Sie ist immer noch die Weltexpertin, also wenn sie sagt, dass Multitasking dazu führt, distanziert zu sein, dann stimmt es wahrscheinlich, trotz meiner gegenteiligen Gefühle.

»Lassen wir Mitya als Nächstes sein Geschenk übergeben.« Ich lasse mich so aufmerksam wie möglich aussehen. »Wir werden diese Geschenkübergabe mit einem Highlight beenden.«

»Angeben, meinst du?« Ihr privater Avatar, der wie ein punkiger Pandabär aussieht, lächelt.

»Vielleicht«, antworte ich und stelle fest, dass meine frühere Liste von Aktivitäten nicht das Skateboarden mit Alan beinhaltete – ein Zeichen, dass ich ehrlich gesagt gerade jetzt abgelenkt bin. »Du bist auch stolz auf unsere Arbeit. Es ist okay, das zuzugeben.«

Ein Lächeln berührt Adas reale bernsteinfarbene Augen, und ich weiß, dass sie darauf wartet, die Reaktion ihres Sohnes auf unsere Überraschung zu sehen.

»Mein Geschenk ist etwas, das jedem gefallen könnte«, sagt Mitya, und wir richten unsere Aufmerksamkeit auf ihn. »Ich habe einen Deal zwischen Mensch++ und Disney abgeschlossen. Die Leute bei Disney werden einen riesigen virtuellen Park bauen, den Brainozyten-Benutzer in der virtuellen Realität besuchen können, ohne zu Orten wie Orlando fliegen zu müssen. Das«, ein riesiges goldenes Ticket fliegt in der gemeinsamen virtuellen Umgebung auf Alan zu, »ist Teil dieses Deals. Alan bekommt einen lebenslangen VIP-Pass zum Park.«

Jetzt, da die meisten Menschen Brainozyten im Kopf haben, haben sich viele Unternehmen dafür entschieden, Anwendungen und Erfahrungen zu entwickeln, die auf Brainozyten zugeschnitten sind, so dass der Aufsprung von Disney auf den Zug für niemanden eine große Überraschung ist. Dennoch scheint Alan von der Aussicht, zu sehen, was die Leute bei Disney erschaffen werden, begeistert zu sein. Meine Vermutung ist, dass er ein professionelles Interesse als Weltschöpfer hat – und wahrscheinlich denkt er auch, dass ein Disney-Park Spaß machen wird.

»Sieht so aus, als wären wir dran.« Ada steht auf, und ich folge ihr.

»Unser Geschenk ist etwas, was du jetzt sofort erleben kannst«, sage ich zu Alan. Ich schaue Mitya mit zusammengekniffenen Augen an – er wusste, was Ada und ich für Alan vorbereitet hatten, aber trotzdem hat er ein Geschenk gewählt, das unserem sehr ähnlich ist. »Ich möchte, dass jeder auf die öffentliche virtuelle Realität achtet.«

Ada lässt mich die Geburtstags-App starten, und das Museum um uns herum wird lebendig.

Kapitel Drei

Eine Herde Pterosaurier stürzt sich auf unseren großen Tisch, und Mama quietscht vor Aufregung. Das riesige Skelett im Raum vervollständigt sich mit Fleisch und Muskeln und ist nur wenige Sekunden von der sichtbaren Haut entfernt. Als der Monster-Dinosaurier beginnt, sich zu bewegen, kann Godzilla nur noch das Weite suchen.

»Unser Raum ist nur ein kleiner Teil der Welt, die Ada und ich zusammen aufgebaut haben«, sage ich den ehrfürchtigen Gästen. »Auch andere Räume des Museums sind gerade belebt. Hier sind einige Highlights.« Ich teile Bildschirme mit allen, damit sie die wandelnden Mumien sehen können, den riesigen Blauwal, der sein Lied singt, während er das virtuelle Wasser im ersten Stock verspritzt, und Adas ungeliebteste Attraktion, Lucy und die anderen frühen Menschenaffen, die die animierten Säugetiere und Dinosaurier von den anderen Ausstellungen jagen.

Zum ersten Mal verhält sich Alan heute so, wie ich es von einem Vierjährigen erwarte: Er springt auf die Füße und rennt, um sich den Rest unserer Schöpfung anzusehen.

Bevor Ada es bemerken und missbilligen kann, nickt Joe einigen seiner Sicherheitsleute zu, und sie folgen Alan in einer perfekt kalkulierten Entfernung.

Die Tatsache, dass unser Sohn körperlich reagiert, ist ein Beweis für den Erfolg unseres Geschenks. Dieses Kind ist ein Meister der Verteilung seines Geistes an Roboter und Kameras, bis zu dem Punkt, wo Ada und ich uns manchmal Sorgen über seinen Mangel an körperlicher Aktivität machen.

Ada und ich verbeugen uns beide, und der Rest der Gäste klatscht mit echter Begeisterung, sogar Muhomor. Wir setzen uns wieder hin, und Gogi schenkt eine weitere Runde Getränke für den Tisch ein, während riesige virtuelle Libellen um seinen Kopf schwärmen.

»Ich will euch den Spaß nicht verderben«, sagt Joe mit einer kalten Nachlässigkeit, die seinen Worten widerspricht, »aber man sollte sich wenigstens der Demonstranten draußen bewusst sein.«

Ich unterdrücke ein Stöhnen, während Adrenalin durch meine Adern strömt. Wenn es eine Konsequenz unseres Erfolges gibt, auf die ich verzichten könnte, dann sind es die Proteste. Wenn man sich wirklich außerhalb des Museums bewegt, wäre das eine besonders unangenehme Überraschung. Wir haben uns so sehr bemüht, diese Veranstaltung vor der Öffentlichkeit geheim zu halten.

Ich brauche nur einen Moment, um die beste Kamera aus den unzähligen Möglichkeiten draußen zu finden. Nach einer kurzen Untersuchung stabilisiert sich mein Adrenalinspiegel. »Das sind die Anti-GVO-Leute«, sage ich privat zu Joe. »Sie sind harmlos.«

Mein Cousin macht sich nicht die Mühe, seine Verachtung für meine Meinung zu zeigen. Er hat wahrscheinlich seine ganze Verachtung für die Demonstranten draußen verbraucht.

Ich seufze innerlich, als ich die Menge der Hasser noch einmal genauer anschaue. Trotz der obszönen Menge an Geld, die Mensch++ regelmäßig für PR ausgibt, finden solche Proteste immer häufiger statt. Es ist schockierend, wie viele unserer Gaben an die Menschheit auf Feindseligkeit gestoßen sind. Das liegt zum Teil daran, dass bestimmte Technologien von Büchern, Hollywood und Interessengruppen missbraucht wurden. Roboter sind ein großartiges Beispiel für Ersteres, à la The Terminator, während GVO ein gutes Beispiel für Zweiteres ist.

Was die Leute nicht zu verstehen scheinen, ist, dass wir klug genug sind, Skynet-Szenarien zu vermeiden und Einsteins Intellekt absichtlich weit hinter unserem zu lassen. Außerdem unterscheiden sich unsere gentechnisch veränderten Pflanzen von den alten der GVO, bei denen fremde Gene in traditionelle heimische Pflanzen eingebracht wurden. Wir verwenden CRISPR und andere Gen-Editing-Technologien, um bestimmte Gene in halb domestizierten oder wilden Pflanzen zu optimieren. Die wilden Hülsenfrüchte und der Quinoa an diesem Tisch sind die Produkte dieser Arbeit, und sie sind hervorragend – und die Tatsache, dass sie von den reichsten und klügsten Menschen gegessen werden, ist ein gutes Zeichen dafür, dass sie kein Risiko für die menschliche Gesundheit darstellen. Aber es ist schwer, Menschen umzustimmen, die ihren Hass auf GVO in eine Quasi-Religion verwandelt haben.

Ada spielt nervös mit ihren Haaren. »Eine Ansammlung der Gruppe ›Nur Echte Menschen‹ ist auch draußen. Joe hatte recht, sich Sorgen zu machen.«

»Vielleicht sind diese Typen nicht so gewalttätig, wie wir denken«, sage ich ihr und wünschte, ich könnte meinen eigenen Worten glauben. »Wenigstens ist die Sache der RHO für mich leichter zu verstehen.« Als ich Ada die Stirn runzeln sehe, füge ich hinzu: »Auch wenn ich nicht einverstanden bin.«

Ihr Stirnrunzeln vertieft sich. »Sie sind im Grunde genommen Ludditen unter einem anderen Namen, nur dass die Maschinen, die sie zerstören wollen, sich in unseren Köpfen befinden.«

Das stimmt. Wie die ursprünglichen Ludditen befürchtet die RHO, dass durch unsere Technologie Arbeitsplätze verloren gehen, und dafür gibt es gute Gründe. Ein Anwalt mit Brainozyten kann die Arbeit von zehn Anwälten ohne Probleme erledigen; dasselbe gilt für Ärzte und fast jeden anderen Berufszweig. Da die Welt nur eine begrenzte Anzahl von Ärzten braucht, könnten einige Arbeitsplätze verschwinden. Und es sind nicht nur Experten in Gefahr, sondern auch reguläre Arbeiter werden davon betroffen sein. Unsere Technologie ermöglicht es jetzt einer Person, eine Gruppe von Robotern zu steuern, die viele der schwierigen, gefährlichen und schmutzigen Aufgaben erledigen können, für die früher Teams von Menschen benötigt wurden.

»Wird das die Ankunft der anderen Gäste erschweren?«, frage ich Joe. »Alan hat eine After-Party geplant.«

»Die Leute der After-Party sind schon da und wurden überprüft«, sagt Joe.

Alan rennt zurück in den Raum, holt Luft und platzt damit heraus: »Das war phantastisch. Danke, Mama. Danke, Papa.«

»Du bist gerade rechtzeitig zurückgekommen«, sage ich zu Alan, als ich den Bäcker in den Flur einbiegen sehe. Zweifellos wurde auch er überprüft. »Überleg dir deinen Wunsch.«

Anstatt so etwas wie Happy Birthday, Alan auf die Torte zu schreiben, steht dort P vs. NP aus leckerer Schokosauce.

»Was bedeutet das?«, fragt Onkel Abe. »Und will ich das überhaupt wissen?«

»Es ist nur ein Informatikproblem, das ich lösen will, wenn ich groß bin«, antwortet Alan mit falscher Bescheidenheit. »Kurz gesagt ist es die Frage, ob jedes Problem, das sich schnell überprüfen lässt, auch schnell gelöst werden kann.«

»Mit schnell meint er Polynomzeit«, sagt Muhomor, obwohl klar ist, dass das Onkel Abe nicht weniger interessieren könnte, selbst wenn er es wollte. »Ich denke, wir sind uns alle einig, dass P nicht gleich NP ist.«

»Das sagst du nur, weil du das hoffst«, antwortet Alan neckend. »Tema wäre hackbar, wenn P gleich NP wäre.«

Alan und Muhomor fangen an, sich mit der Informatik-Theorie auseinanderzusetzen, und alle anderen konzentrieren sich auf ihre eigenen Gespräche, während sie große Mengen Nachtisch konsumieren.

»Du solltest die Leute für die After-Party reinlassen«, sage ich zu Joe, als der letzte Kuchen gegessen ist. »Die Familienfeierlichkeiten scheinen vorbei zu sein.«

Wie aufs Stichwort stehen alle auf und versuchen, ihr drohendes Essenskoma zu überwinden, indem sie durch das Museum laufen, um Alans Geschenk zu bestaunen. Alan, Ada und ich bleiben zurück, da wir bereits wissen, wie es aussieht. Die Kellner stürzen sich auf den großen Tisch, und innerhalb weniger Minuten ist der Raum bereit für die Cocktail-Party.

»Es wird toll sein, einige meiner Freunde zum ersten Mal zu sehen«, meint Alan aufgeregt zu uns.

»Sind das nur Online-Freunde?« Ich sehe meinen Sohn von oben bis unten an.

Sein schelmischer Gesichtsausdruck wird ernster. »Habe ich andere?«

»Und hast du ihnen gesagt, wie du wirklich aussiehst?«, fragt Ada ernst.

Alan beginnt zu antworten, hört aber auf, als ein Mann hereinkommt. Der Typ scheint in den Dreißigern zu sein und hat die Ausstrahlung eines Universitätsprofessors. Ich benutze die Gesichtserkennung, um meine Vermutung zu bestätigen; tatsächlich ist er Professor für Philosophie an der Columbia. Sein Name ist John Moore, und er steht auf keiner Sexualstraftäterliste – nicht, dass Joe ihn leben, geschweige denn diesen Raum betreten lassen würde, wenn es so wäre.

John geht selbstbewusst zu mir hinüber und streckt seine Hand aus. »Alan, es freut mich, dich endlich kennenzulernen.«

»Nun, das beantwortet meine Frage«, sagt Ada privat. »Sie wissen nicht, dass sie zum Geburtstag eines Vierjährigen gekommen sind.«

»Hallo, John.« Ich schüttele dem Mann warm die Hand. »Ich bin nicht Alan.«

»Bist du nicht?« Er schaut Ada hilfesuchend an. »Du siehst deinem Avatar sehr ähnlich.« Er betrachtet sie genauer. »Es tut mir so leid, bist du Alan? Du siehst diesem Avatar auch ähnlich, aber ich dachte, du seist ein Mann. Nicht, dass …«

»Ich bin Ada«, schneidet sie ihn ab. »Das ist Mike.« Sie deutet auf mich. »Und das hier«, sie zeigt auf unseren Sohn, »ist Alan.«

»Ich habe unsere Diskussion über die Cambridge Declaration on Consciousness wirklich genossen«, erklärt Alan John, und seine Augen strahlen verschmitzt. »Ich habe dir gerade Einzelheiten für unsere Party-VR-Sitzung geschickt. Wenn du ihr beitrittst, kannst du mich als die Figur sehen, mit der du dich wohler fühlst.«

Sobald Johns Augen aufhören, fast aus den Höhlen zu fallen, benutzt er seine Brainozyten, um Alans erwachsenen Avatar zu sehen.

»Ich hoffe, dass du mir diese Überraschung nicht übelnimmst«, sagt Alan sowohl in der VR als auch in der realen Welt. »Ich dachte, dass mein Geburtstag der perfekte Zeitpunkt wäre, um mich als Vierjährigen zu outen. Ich konnte keinen Weg finden, es online zu erklären.«

»Aber wie?«, flüstert John. »Ist das ein Scherz?«

Als Alan über seine Brainozyten spricht, gleitet Joe lautlos herbei und packt Johns Schulter so fest, dass John vor Schmerz zusammenzuckt.

»Wenn ich etwas sagen darf«, sagt Joe. »Jetzt, wo du weißt, zu wessen Party du gekommen bist, will ich nur sagen …«

Den Rest höre ich nicht, denn er lehnt sich nach vorn und flüstert etwas in Johns Ohr.

Johns zuvor ehrfürchtiger Gesichtsausdruck verändert sich, und sein blasses Gesicht nimmt vor Entsetzen einen fast violetten Farbton an. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Joe ihm etwas gesagt haben muss wie »Wenn du meinen Neffen in irgendeiner Weise berührst, besonders in der falschen Richtung, wird dein kurzes und schmerzvolles Leben nicht lang genug sein, um auf die Liste der registrierten Sexualstraftäter zu kommen«.

»Joe«, sagt Alan, da er offensichtlich dasselbe denkt: »Hör auf, meine Freunde zu schikanieren.«

Joe lässt widerstrebend Johns Schulter los und geht steif ans andere Ende des Raumes.

Um die Anspannung zu entschärfen, schaue ich mir die Cambridge Declaration on Consciousness an und erfahre dabei, dass sie besagt, dass viele Tiere ein Bewusstsein haben.

»Die Anzahl der Wissenschaftler, die die Cambridge Declaration on Consciousness unterzeichnet haben, ist wirklich beeindruckend«, sage ich beiläufig. »Ihre Liste der Spezies ist auch großartig. Neben Säugetieren beinhaltet sie auch Vögel und sogar Kraken.«

»Vielleicht bedeutet das, dass die Menschen diese grundlegende, selbstverständliche Wahrheit endlich verstehen werden«, merkt Ada an. »Tiere haben genauso ein Bewusstsein wie wir.«

»Aber sie sind nicht unbedingt so intelligent«, mischt sich John ein und verwandelt sich wieder in einen Professor. »Bewusstsein ist nicht gleichbedeutend mit Intelligenz.«

»Nein, aber zuzugeben, dass Tiere ein Bewusstsein haben, sollte zumindest ausreichen, um den Kreis ihrer Fürsprecher zu erweitern.« Ada pflanzt ihre Füße weiter auseinander und betrachtet John streitlustig. »Wir essen ja auch keine unintelligenten Menschen, oder?«

John blinzelt und schiebt seine Brille höher auf die Nase. »Ich verstehe, woher Alan einige seiner Ansichten hat. Ich verstehe natürlich, was Sie sagen, aber Sie können die Rolle der Intelligenz nicht herunterspielen.«

Alan sieht seine Mutter besorgt an. Wie ich weiß er, dass das ein heikles Thema ist. »Können wir ein Gedankenexperiment machen, John, wie immer?«

John schaut auf den echten Alan und reibt sich die Schläfen. »Ich muss mich immer noch daran gewöhnen, dass du du bist. Aber sicher, lass es mich hören.«

»Sagen wir, es gibt eine Ratte, die klug ist«, beginnt Alan. In unserer privaten VR zwinkert er mir zu. Er spricht offensichtlich von Mr. Spock und seinen Verwandten, aber John weiß das nicht.

»Okay«, antwortet John. »Das kann ich mir vorstellen.«

»Nehmen wir außerdem an, dass diese Ratte nach den gängigsten Definitionen des Wortes intelligent ist. Zur Vereinfachung sagen wir mal, diese Ratte ist schlauer als die meisten meiner Altersgenossen.«

»In Ordnung«, sagt John. »Was du beschreibst, ist ein Szenario, in dem wir sehr nett zu einer solchen Ratte sein müssten. Wir würden die Ratte wie eine Person behandeln.«

»Du meinst also, dass die Tatsache, dass die Ratte intelligent ist, nicht die Tatsache, dass sie ein Bewusstsein hat, das Kriterium für eine bessere Behandlung ist?«, fragt Alan. »Laut der Cambridge Declaration haben alle Ratten ein Bewusstsein, da sie Säugetiere sind.«

»Ich würde sagen, meine Position ist nuancierter, aber ja, ich denke, das ist es, was ich glaube.« John geht einen Schritt weg von Ada, die nicht einmal versucht, ihre Abneigung gegen seine Philosophie zu verbergen.

»Dann vergiss die Ratte«, sagt Alan. »Angenommen, es gibt ein Wesen, eine intelligente Kreatur, die schlauer ist als ein Mensch, und zwar um den gleichen Faktor, den ein Mensch schlauer ist als eine Ratte.«

»Okay«, sagt John zögernd.

»Hätte eine solche Kreatur das Recht, den Menschen so ›nett‹ zu behandeln wie die Menschen derzeit Ratten?« Alan streckt seine winzigen Finger in der realen Welt aus. »Experimente an ihnen durchzuführen, spezielle Gifte zu entwickeln, um die Menschheit auszurotten, klebrige Fallen aufzustellen, die Menschen töten und so weiter?«

»Na ja«, sagt John und reibt seine Schläfen diesmal stärker, »Ich glaube, dass …«

Jemand hustet, und John bekommt keine Möglichkeit, seinen Gedanken zu beenden. Eine Frau ist hereingekommen und schaut in die Menge.

»Margret?«, ruft Alan. »Wir sind hier drüben.«

Margret scheint noch verwirrter zu sein als John, als sie merkt, wie alt ihr Online-Freund ist. Laut Gesichtserkennung ist sie eine theoretische Informatikerin, die bei einem der größeren NYC-Hedgefonds arbeitet. Ihre Spezialität ist Big Data, worüber sie und Alan wahrscheinlich reden. Er hat die unbewusste Fähigkeit, Muster in großen Datenmengen zu sehen, und versucht immer zu verstehen, wie sein Verstand das tut, was er tut.

Mehr Menschen kommen, und die Gespräche drehen sich um Alans bevorzugte Themen: Identität, Bewusstsein und technologische Singularitäten.

»Wenn wir die Singularität als den Punkt definieren, an dem ein normaler Mensch nicht mehr mit der Technik mithalten kann«, sagt Margret, »erlebt meine Mutter sie bereits.«

»Ich definiere die Singularität als den Punkt, an dem sich die Dinge radikal ändern und die Geschwindigkeit des Fortschritts jenseits der kühnsten Träume explodiert«, sagt Alan. »Im Moment geht es schnell voran – aber wenn die Singularität zuschlägt, wird unser Fortschritt im Vergleich dazu wie im Schneckentempo wirken.«

»Ich stimme dem zu, auch wenn der Begriff ›Singularität‹ definitiv anfängt, verschiedene Dinge für verschiedene Menschen zu bedeuten.«

John rückt seine Brille zurecht. »Für mich bedeutet es, dass die künstliche Intelligenz Amok läuft und so etwas wie das technologische Armageddon verursacht. Es ist der Beginn einer Dystopie, bei der die Menschheit aussterben wird.«

»Ich wusste nicht, dass du mit den Leuten da draußen sympathisierst«, sagt Alan. Natürlich weiß er von den RHO-Demonstranten. »Ich sehe die Singularität als einen Punkt, an dem die Menschheit endlich reift und zu etwas wird, was sie immer sein sollte, etwas mehr als nur denkendes Fleisch … etwas rational Transzendentales.« Er schaut zu den erwachsenen Gesichtern auf, und als er sieht, dass alle zuhören, fährt er voller Eifer fort. »Wir können ein Weg für das Universum sein, sich seiner selbst bewusst zu werden. Gehirnerweiterungen und die Integration mit unserer künstlichen Intelligenz und anderen Technologien ist nur der erste Schritt. Auf lange Sicht sehe ich, dass wir zuerst ein Konglomerat aus Gehirnen in Planetengröße werden, dann ein Intellekt in Galaxiegröße, und so weiter und so weiter, so weit es die Gesetze der Physik erlauben.«

»Es mag so viele Definitionen der Singularität geben, wie es Menschen gibt«, sagt Ada, während sie stolz auf unseren Sohn blickt. »Meine eigene Vision ist nahe an der von Alan, weil ich weiß, dass wir sie verwirklichen und apokalyptische Szenarien vermeiden können.«

Ich nicke bei ihren Worten. »Wir nehmen das Konzept von ›Die Welt ist das, was man aus ihr macht‹ und führen es zu seinem vollen, logischen Extrem«, sage ich. »Wenn wir sie überwachen, wird die Singularität einen neuen Schritt in der Evolution einleiten, eine Zeit, in der wir alles, was wir am Menschsein schätzen, auf eine ganz neue Ebene bringen werden.«

»Selbst wenn diese rosigen Vorhersagen Realität werden«, sagt John mit dem Ton von jemandem, der daran zweifelt, »werden die Wesen, die die Zukunft bewohnen, tatsächlich Menschen sein?«

»Warum nicht?«, fragt Ada. »Auch wenn sie es nicht wären, wären sie im schlimmsten Fall, nach den Worten von Hans Moravec, unsere Gedankenkinder.«

Sie blickt bewundernd auf Alan, und als sie bemerkt, dass ich ihrem Blick gefolgt bin, schließt sie die Augen mit mir und zwinkert.

»Ich muss respektvoll widersprechen«, sagt John. »Menschsein ist so eng mit der Biologie verbunden, dass ich glaube, reine Technologie macht Menschen zu Maschinen.«

»Vielleicht kann ich es versuchen«, sagt Alan. »Du bist ein Fan von Gedankenexperimenten, also warum versuchen wir nicht noch eins?«

»Sicher«, sagt John mit einem Eifer, den nur ein Philosophieprofessor besitzen kann. »Bitte.«

»Stell dir vor, jemand hat ein künstliches Neuron erfunden«, sagt Alan. »Jetzt stell dir auch vor, dass jemand eines deiner biologischen Neuronen genommen und durch ein künstliches ersetzt hat. Du wärst immer noch du, richtig?«

»Ich kenne diesen Gedanken.« John nimmt einen Schluck aus seinem Champagnerglas. »Es nennt sich das Ersatzneuronen-Gedankenexperiment. Sobald ich zustimme, dass ich immer noch derselbe bin, nachdem ich ein einziges künstliches Neuron bekommen habe, wirst du fragen: ›Was ist mit hundert? Was ist dann mit einer Milliarde?‹ Und kurz danach: ›Was ist, wenn wir sie alle ersetzen?‹«

»Nun, nur weil du es kennst, bedeutet das nicht, dass es nicht überzeugend ist«, sagt Alan. »Du wärst immer noch du, selbst wenn das Substrat deines Gehirns künstlich wäre.«

»Dem kann ich nur mit einem ebenso überzeugenden Gedankenexperiment begegnen«, sagt John mit einem Schmunzeln. »Es nennt sich das chinesische Raumargument und ist von John Searle …«

Ich schalte den Rest der Diskussion aus, denn dieses Thema erinnert mich daran, dass Ada und ich immer noch dem Geburtstagskind die Nachricht von der morgigen Reise überbringen müssen. Unsere regelmäßigen Arbeitsreisen sind für Alan eine Quelle der Verärgerung, vor allem, weil er denkt, dass er jetzt alt und reif genug ist, um mit uns zu kommen.

»Wann sagen wir es ihm?«, frage ich Ada, nachdem ich sie in einen privaten Virtual-Reality-Raum gezogen habe, der die genaue Nachbildung unseres Wohnzimmers ist.

»Wir sollten die Party nicht ruinieren«, sagt sie, ohne das Was oder das Wer zu klären, ein Zeichen, dass dieses Thema ihr genauso am Herzen liegt wie mir. »Er hat so viel Spaß.«

Da Alan derzeit Johns beste Argumente zerpflückt, muss ich zustimmen. Der Junge liebt es, Diskussionen zu gewinnen, obwohl es schwieriger ist, wenn er gegen jemanden debattiert, der so stark ist wie er selbst.

»Er wird sauer sein, wenn wir es ihm in letzter Minute sagen.« Ich begebe mich in eine Nachbildung meines Lieblings-Schaukelstuhls und starre auf die Nachbildung unserer phantastischen Aussicht auf Manhattan.

»Mir wäre es lieber, wenn er an einem weniger besonderen Tag sauer wäre – so wie morgen«, kontert Ada. Sie bricht die Konsistenz des VR-Raums, indem sie eine Nachbildung ihres Bürostuhls aufruft, um sich hinzusetzen. »Ich bin immer noch für morgen.«

»Wir können immer noch Joe beschuldigen und sagen, er ist derjenige, der denkt, dass es nicht sicher ist. Das ist größtenteils die Wahrheit.« Ich schaukele in meiner Liege hin und her. Aus irgendeinem Grund funktioniert Alans Welpenblick bei mir viel besser als bei Ada, und ich freue mich nicht auf diese unangenehme Aufgabe.

»Wir sollten es ihm in der VR sagen«, sagt sie bestimmt. »Morgen Nachmittag, wenn wir auf dem Weg zu unseren Zielen sind.«

»Du meinst, damit er uns nicht zwingen kann, ihn mitzunehmen?« Ich bekämpfe den Drang, vom Stuhl aufzustehen und hin und her zu gehen.

»Nein.« Sie schiebt ihren Stuhl heran und greift nach meiner Hand. »Wir sagen es ihm so, damit er es als Tatsache und nicht als Diskussionsthema sieht.«

»Das könnte zu autoritär sein. Ich dachte, wir versuchten stattdessen, richtungsweisend zu sein.«

»Ich wusste, es war ein Fehler, dass du diese Bücher über Erziehungsstile gelesen hast.« Sie drückt meine Hand. »Wie wäre es, wenn wir es ihm morgen früh beim Frühstück sagen? Dann können wir es mit ihm ausdiskutieren, solange wir beide uns einig sind, dass er diesmal nicht mitkommt – egal, was er sagt.«

»Einverstanden.« Ich habe Mitleid mit Alan. Er hat keine Chance, gegen diese Verschwörung der Eltern zu gewinnen.

»Ich wusste nicht, dass es so schwer sein würde, einen Vorschüler zu haben.« Sie lässt ihre Hand fallen. »Es ist viel schlimmer als das, was in den Büchern über Kindesentwicklung steht.«

»Wenn du denkst, dass das schlimm ist, lass uns sehen, was passiert, wenn er ein Teenager ist.«

Wir beide erschaudern scherzhaft, aber wir kennen das russische Sprichwort: »In jedem Witz steckt ein Stück Wahrheit.«

Kapitel Vier

Das Inselland Curaçao gehört zu den wenigen Orten ohne eine weit verbreitete Brainozytenadoption – deshalb bin ich auf dieser Bühne.