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Wo bin ich? Warum ist es so dunkel? Vor allem, WER bin ich? Alles ist weg. Hier ist ein Lichtschalter. Stille. Das Blut gefror mir in den Adern. War ich ein Mörder? Der Bremer Kommissar Sensbruck steht am Ende seiner Laufbahn vor dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere. Mit seinem Partner Kommissar Willemsen begibt er sich auf die turbulente Verfolgung des Übeltäters. Selbst Querdenker Sensbruck stößt hier an die Grenzen seiner Vorstellungskraft.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Alles war schwarz. Ein pulsierender Schmerz breitete sich von meinem Kopf über den Rücken bis zu den Gliedmaßen aus. Zuerst bemerkte ich gar nicht meine geschlossenen Augen. Kein Wunder diese Dunkelheit. Doch als ich meine verquollenen Augen ein Stück weit öffnete wurde es kaum merklich heller. Meine Umgebung war nur durch ein paar grauschwarze Schemen zu erahnen. Anscheinend befand ich mich in einem recht geräumigen Kellergeschoss. Oder es war schon Nacht draußen, jegliches Zeitgefühl hatte ich verloren. Ich trug auch keine Uhr um nachzuschauen. Es war sowieso alles sehr irritierend, ich wusste weder wo ich war, noch was ich hier wollte. Mit einem Mal kroch Panik in mir hoch. Ich wusste gar nichts mehr, nicht die Uhrzeit, nicht die Stadt in der ich war, noch nicht einmal mein Name wollte mir einfallen. Mein Herz pochte wie wild, der Schmerz wurde belanglos. Ich stand vor dem Nichts. Wer war ich? Was habe ich hier unten gemacht? Und wo zur Hölle bin ich verdammt nochmal hier? Beruhigung war angesagt, gar nicht so leicht, wenn man keine Erinnerungen hat.
Womit sollte ich mich beruhigen. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen… Anscheinend hatte ich nicht alles vergessen. Ich versuchte, mir meine Umgebung bewusst zu machen. Die kühle Wand, an der ich mich anlehnte. Der weiche Teppich, auf dem ich mit ausgestreckten Beinen saß. Die leicht feuchte Luft, die in meine Lungen strömte. Keine Ahnung wie lange ich in der Stille verharrte und nur meinen Atem und Herzschlag hörte. Irgendwie schaffte ich es, mich auf die Situation einzulassen. Als erstes brauchte ich Licht oder einen Ausgang. Aufstehen war kein Problem, die Schmerzen waren aufgrund meiner mentalen Situation in den Hintergrund getreten. Ich tastete mich langsam an der Wand entlang. Stieß dabei gegen einen Stuhl, ertastete ein Bücherregal und gelangte schließlich zu einem Lichtschalter. Es keimte so etwas wie Hoffnung auf. Ohne lange zu überlegen knipste ich das Licht an. Das Blut gefror mir in den Adern. Und ich hatte gedacht, meine Situation wäre schon beschissen genug. Aber nein, etwa drei Meter in der Richtung, aus der ich gekommen war, lag ein Mann. Kein Zweifel, er war tot. Sein Hemd war mit Blut durchtränkt und sein Gesicht hatte diesen Namen nicht mehr verdient.
Jetzt erst sah ich an mir herab. Es bot sich ein abscheuliches Bild. Die Hände waren komplett mit Blut verschmiert, dem entsprechend gab es auch ein paar Kratzer, aber das war definitiv nicht nur mein Blut. Sowohl der Pullover als auch die Hose waren blutdurchtränkt. Versteinert stand ich beim Lichtschalter, alles war so skurril. „Es muss ein Traum sein, es muss ein Traum sein. Komm wach endlich auf. Wach auf! WACH AUF!!!“ Es veränderte sich nichts an der Szenerie. Eine Ewigkeit verging, bis ich wieder klare Gedanken fassen konnte. „Das kann doch nicht sein, meine Hände sehen aus als hätte ich auf eine Wand eingeprügelt. Ich hab doch nicht? Nein das kann nicht sein. Ich wollte dem Mann dort bestimmt helfen, habe es leider nicht geschafft. Und was wenn doch? Niemals!“
Mein nächster Gedanke war, die Polizei zu verständigen. Das war jedoch kurzsichtig gedacht. Ich hatte weder ein Handy, noch war ich mir sicher, dass ich nicht der Täter war. Ich müsste einen verdammt guten Grund gehabt haben, diesen Kerl umzubringen. Müsste ich? Wer weiß, wer ich bin. Vielleicht ist es mein Beruf Leute zu killen. Ein grausiger Gedanke. Für den Bruchteil einer Sekunde musste ich schmunzeln bei dem Gedanken, der Auftragskiller ruft die Bullen zu seiner Arbeit. Aber das konnte nicht sein. Ich war doch kein Mörder. Leider sah es verdammt danach aus. Der Ausweg Polizei wurde also schnell verworfen.
In diesem ganzen Durcheinander, seit ich wieder zu mir gekommen war, hatte ich noch nicht einmal mich selbst nach irgendwelchen Hinweisen durchsucht. Das tat ich nun. Der Ekel wurde nicht kleiner während ich in meinen blutverschmierten Klamotten herumwühlte. Alle Taschen und Falten wurden nach Hinweisen durchsucht. Nichts. Als ob mich jemand beklaut hätte. Kein Portemonnaie, kein Handy, gar nichts. Endlich fiel mein Blick auf ein Waschbecken in der hinteren Ecke des Raumes. Ohne zu überlegen wusch ich meine Hände und mein Gesicht. Selbst das Spiegelbild gab keinen Aha Effekt. Ich kam mir fremd und heruntergekommen vor. War ich vielleicht ein Penner und hatte mich mit einem Kollegen um diese muffige Unterkunft gestritten? Es war sinnlos, alles war weg.
Nachdem ich mich gründlich gewaschen hatte, suchte ich nach sauberer Kleidung. Leider fand ich nichts zum Wechseln, nur einen ziemlich vergammelten Trench Coat. Mittlerweile war das gesamte Zimmer von mir durchstöbert worden. Nichts Nützliches, kein Hinweis zu meiner Identität oder der des Toten. Jetzt gab es nur noch eine Stelle, die meine Hoffnung nährte, einen Anhaltspunkt zu finden. Bis zuletzt hoffte ich, den Leichnam nicht durchsuchen zu müssen, doch blieb mir nichts anderes übrig. Ganz vorsichtig tastete ich seine Hosentaschen ab, auch hier war alles leer. Dann entdeckte ich unterhalb der linken Achselhöhle ein Kuvert. Angewidert streckte ich meine Hand aus und griff zwischen Arm und Rippe hindurch bis ich den Umschlag zu fassen bekam. Unbeschädigt zog ich ihn hervor. Ich konnte es kaum noch abwarten und riss ihn auf. Es war nur ein Foto enthalten. Es starrte mich derselbe verwahrloste Mann an, den ich kurz zuvor im Spiegel erblickt hatte. Die Fragezeichen schossen mir durch den Kopf. Ich drehte das Foto um. Zu meiner Überraschung und Erleichterung standen dort zwei Adressen. Zwei Bremer Adressen. Das war der erste Anhaltspunkt, anscheinend war ich in Bremen. Ich steckte das Foto ein und warf mir den Mantel über. Meine blutverschmierte Kleidung konnte ich so vor den Blicken anderer schützen und endlich diesen gottverdammten Ort verlassen. Langsam ging ich zur einzigen Tür des Raumes. Sie war unverschlossen und führte direkt zu einer Außentreppe, die emporstieg. Ganz leise schlich ich die Stufen herauf. Oben angekommen stand ich schon fast auf der Straße. Ich erspähte keine Menschenseele. In sehr spärlichem Licht huschte ich in der Dunkelheit davon.
Gemütlich radelte Polizeihauptkommissar Hans-Joachim Sensbruck, von allen Hajo genannt, die Vahrer Straße entlang Richtung Polizeipräsidium. Der Morgen des 4.Juli war sonnig und eine angenehme Brise streichelte sein Gesicht. „Was für ein perfekter Morgen. Und ich habe sogar noch Zeit für eine Tasse Kaffee“, dachte sich Hajo. Ihn störte es keineswegs sonntags zu arbeiten. Oft genoss er die ruhige Atmosphäre im Präsidium. Die knapp fünf Minuten Radfahren hatten sich über die Jahrzehnte zu einem Ritual entwickelt. Egal ob es stürmte oder regnete, Hajo fuhr mit dem Fahrrad. Ein letztes Überbleibsel seiner recht sportlichen Vergangenheit. Nach einer 30 jährigen Karriere im unterklassigen Handball Verein hatte er nur noch dem Tennis weiter gefrönt. Jetzt, mit fast 60 Jahren, waren es nur noch eine Hand voll Matches pro Jahr. Er hatte etwas erhöhten Blutdruck und seine Frau Merle kaufte deswegen nur noch entkoffeinierten Kaffee. Manchmal fieberte er regelrecht einem ruhigen Schluck des Originals entgegen. Also stellte er, in seinem Büro angekommen, erst einmal die Maschine an. Nur das Geräusch der blubbernden Kaffeemaschine zu hören brachte ihn in einen Zen-artigen Zustand.
Mit einem mal wurde die Tür aufgerissen. Hektisch betrat Knut Willemsen das Büro. Knut war der ca. 15 Jahre jüngere Partner von Hajo. Trotz ihrer kollegialen Freundschaft brachte es Knut immer wieder fertig, Hajo bis an den Rand der Verzweiflung zu treiben. Von außen betrachtet waren sie ein ziemlich gut funktionierendes Team. Hajo war der Fels in der Brandung, ein Logikmonster mit außerordentlicher Kombinationsgabe. Ihn konnte nichts so schnell aus der Fassung bringen und er hatte immer das große Ganze im Blick. Knut hingegen war sehr impulsiv und dranggesteuert. Manche Kollegen scherzten, er habe ADHS. Ein äußerst ehrgeiziger und fleißiger Beamter. Er machte eine etwas längere Leitung mit Überstunden und Enthusiasmus wett. Hajo sah sich am Ende seiner Karriere und wollte einfach noch ein paar böse Jungs hinter Gitter bringen. Knut hingegen wollte ganz hoch hinaus, die 6 Jahre als Polizeikommissar, beziehungsweise Polizeioberkommissar, dauerten ihm schon zu lange. Er wollte weiter in der Polizeihierarchie aufsteigen oder in die Politik wechseln, was ihm als langjähriges CDU Mitglied noch nicht gelungen war. Die beiden hatten sich schon vor Jahren darauf verständigt das Thema Politik zu umschiffen. Es gab zu viel Sprengstoff wenn Hajo als SPDler des linken Spektrums seine Meinung kundtat. Zusätzlich machte Merle Sensbruck als aktives Mitglied der Grünen die Situation kompliziert.
„Moin, moin!“ schallte es von der Tür her. Hajo konnte nur ein leicht seufzendes „Moin“ herausbringen. Mit der Ruhe war es vorbei, wenigstens hatte er noch seinen Kaffee, der mittlerweile fertig war. Also schenkte er sich und auch Knut eine große Tasse ein. „Hier bitte, dein Kaffee ist schon fertig. Was für eine Mappe hast du da mitgebracht?“ Knut warf die Mappe auf Hajos Schreibtisch „Neuer Fall, Sense!“ Knut war der einzige, der ihn Sense nannte. Zuerst hatte es ihn gestört, doch nachdem er durch andere Kollegen erfuhr, wieso er ihn so nannte, schmeichelte es ihm sogar. Knut meinte Sense von Sensenmann und Hajo würde sich die Gesetzesbrecher genauso holen wie der Sensenmann die Lebenden, deren Zeit gekommen war. Sehr oft schmunzelte Hajo in sich hinein, wie leicht es doch war einem 59 jährigen Polizeihauptkommissar sein Leben ein wenig zu versüßen.
„So, so, was haben wir denn hier?“ doch Hajo kam gar nicht zum Aufklappen des Ordners, da polterte Knut schon los: „Osternburger Straße 23; Gröpeling; nahe beim Waller Friedhof; männliche Leiche; mutmaßlich erschlagen; Spurensicherung ist schon vor Ort, wir sollten uns auch sputen.“ Nichts war es mit einem ruhigen Sonntagmorgen. Wider den üblichen Meinungen der meisten Bürger war es doch etwas Besonderes, wenn es einen bestätigten Mordfall gab. In seinen 23 Jahren bei der Mordkommission waren es ca. 5 Mordfälle pro Jahr in Bremen. Ein ständiges Lösen von Mordfällen, wie es Krimi-Serien darstellen, ist in Bremen jedenfalls keine Realität. Wenn man einen New Yorker Kollegen von Hajo fragt, sieht das natürlich ganz anders aus. Mit einer Aufklärungsquote von mehr als 90% war Hajo im ganzen Präsidium als Chef-Ermittler bekannt.
Hajo wusste, Knut hatte recht, sie sollten so schnell wie möglich zum Tatort fahren. Als eingespieltes Team brauchten sie sich nicht weiter zu unterhalten. Hajo schlürfte seinen Kaffee schnell zur Hälfte leer und zog sich sein Jackett über. Knut hatte schon den Raum verlassen und war auf dem Weg zum Fuhrpark. Er wartete im Auto auf Hajo, der schon leicht ins Schwitzen kam bei diesen Temperaturen. Normalerweise fuhr Knut den Wagen, Hajo wollte sich lieber in Ruhe den wenigen Fakten widmen, die der Akte zu entnehmen waren. Anscheinend handelte es sich um einen Mann mittleren Alters. Das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit malträtiert. Er wurde in einem Kellergeschoss von einer Maklerin gefunden. Eigentlich sollte sie sich die Einzimmerwohnung anschauen um einen Mietpreis zu vereinbaren. Der Hausbesitzer war bis dato noch nicht auszumachen. Viel war das nicht, er machte sich eine Notiz bezüglich des Hausbesitzers und klappte die Akte zu.
Knut hatte gelernt Hajo nicht zu stören, wenn er im Auto in die Akten vertieft war. Doch jetzt war die Zeit zum Reden gekommen. Hajo richtete den Blick auf die Straße und sah rechts den Hauptbahnhof vorbeiziehen. „Da kann man nicht viel mit anfangen oder?“, platzte es aus Knut heraus. Die Antwort kam prompt: „Nein viel ist es nicht. Das einzige ist der Hausbesitzer. Ist er die Leiche? Wenn nicht, warum ist er nicht vor Ort, wenn er einen Termin mit der Maklerin hatte.“
Sie schlängelten sich die Waller Heerstraße entlang. Am Park vorbei und hinter dem Friedhof links ab. Die Osternburger Straße war eine ruhige Nebenstraße, die Polizeiautos waren die einzige Attraktion hier. Die beiden gingen die schmale Treppe hinunter zur Eingangstür. Der Keller war kühl. Der Raum stank und an den Wänden hatte sich schon Schimmel gebildet. Er war spärlich eingerichtet. Eine kleine Ecke mit einem Waschbecken war gefliest, ansonsten befanden sich nur noch ein Bücherregal, ein zerschlissenes Bett und ein klappriger Tisch mit zwei Stühlen hier unten.
Rike Falkner war über die Leiche gebeugt. Sie war die zuständige Gerichtsmedizinerin. „Moin Rike. Na was haben wir hier?“, begrüßte Hajo sie knapp, aber freundlich. “Moin Hajo, Herr Willemsen.“, Rike und Knut war ein lästiges Thema für Hajo. Die beiden hatten vor vielen Jahren eine kurze Romanze gehabt. Knut hat das Verhältnis nicht gerade gentlemanlike beendet. Seitdem herrschte zwischen den beiden Eiszeit, was Hajo sehr störte. Er mochte ein entspanntes Arbeitsumfeld ohne lästige Störungen. „Der Tote ist männlich, zwischen 40 und 50 Jahre alt, die mutmaßliche Todesursache sind mehrere Schläge auf den Kopf, sehr wahrscheinlich mit einem stumpfen Gegenstand. Er ist mindestens 12 Stunden tot. Mehr kann ich euch vor Ort nicht sagen. Ihr werdet so schnell wie möglich den Autopsie Bericht bekommen. Da gibt’s dann Genaueres.“ Geschmeidig stand sie auf ohne Knut eines Blickes zu würdigen und verschwand schnellen Schrittes.
„Es kann doch gar nicht sein, dass ihr nach so langer Zeit kein normales Verhältnis zustande bringt. Du weißt wie sehr ich ein gutes Arbeitsklima schätze“, sagte Hajo. „Sag ihr das, ich habe mein Bestes versucht.“ Damit war für Knut die Sache vom Tisch. Hajo widmete sich nun der Spurensicherung: „Wie sieht‘s bei euch aus? Habt ihr was Brauchbares?“
„Jede Menge Herr Kommissar. Kann allerdings noch nicht sagen was wichtig ist. Hier wurde anscheinend seit Monaten nicht mehr sauber gemacht. Eines können wir aber jetzt schon mit Sicherheit sagen. Das Waschbecken wurde vor kurzem erst benutzt und wir haben sowohl Haare als auch Blut gefunden. Fingerabdrücke gibt es zu Hauf, da müssen wir uns erstmal durcharbeiten.“
„Alles klar, dann bekommen wir wohl ein paar Sachen zum Abgleichen. Was ist denn mit der Tatwaffe?“
„Bis jetzt nichts. Scheint nicht hier zu sein. Nichts, was passen könnte.“
Daraufhin mischte sich Knut ein: „Nichts, nichts, nichts. Das ist alles, was ich höre. Eigentlich haben wir gar nichts. Hier liegt ein John Doe mit tausend unnützer Spuren. Wo ist diese Maklerin? Der werd ich mal gehörig auf den Zahn fühlen.“
Knut bediente sich gerne einiger Anglizismen, Max Mustermann würde sich einfach nicht gut anhören. „Mal schön langsam Knut. Du hast recht, wir sollten mit der Maklerin reden, aber schalt mal zwei Gänge runter. Sie ist bestimmt schon verstört genug. Unwahrscheinlich, dass die Mörderin die Tat bei der Polizei meldet, auch wenn man nichts ausschließen sollte. Wo ist die gute Dame denn?“ Keiner fühlte sich angesprochen. Das dauerte Knut zu lange: „Hey ihr Spusis, wo ist die Frau?“ „Glaub oben bei einem Kollegen im Auto, sie sah sehr blass aus“ „Danke für nichts“, blaffte Knut.
Hajo warf noch einen kurzen Blick auf die Leiche. Da muss jemand eine mächtige Wut gehabt haben, dachte er. Dann ging er zügig hinter Knut her, der schon am Fuße der Treppe angekommen war. Obwohl Knut schon 6 Jahre Hajos Partner war, befragte immer der Dienstältere die Zeugen, falls sie beide zugegen waren.
„Guten Morgen. Ich bin Polizeihauptkommissar Hajo Sensbruck und das ist mein Partner Knut Willemsen. Wir hätten ein paar Fragen an Sie. Als erstes bräuchten wir Ihren Namen, bitte.“ Knut zückte seinen Notizblock und Stift, um alles akribisch zu notieren. Die Maklerin sah sehr blass aus und mit zittriger Stimme beantwortete sie die Fragen:
„Guten Morgen. Ich heiße Simone Bachmann.“
„Frau Bachmann, erzählen Sie uns doch bitte wie Sie die Leiche gefunden haben.“
„Ja also, das war so. Ich war um 7:30 Uhr mit Herrn Schindler, dem Hausbesitzer, verabredet. Er hatte mich gestern angerufen und den Termin mit mir vereinbart. Da mein Terminkalender voll war, habe ich ihn heute früh noch vor alle anderen Meetings gequetscht. Als ich hier ankam war niemand zu sehen. Ich wusste, dass es sich um ein Kellergeschoss handelt. Also bin ich hinunter gegangen, um nachzusehen ob er schon unten ist. Die Tür war unverschlossen, also bin ich rein gegangen. Dann…“, sie musste schlucken, „dann hab ich diese abscheuliche Gestalt gesehen. Zuerst konnte ich mich gar nicht bewegen. Es hat Ewigkeiten gedauert bis ich rückwärts zur Treppe zurück bin. Da hab ich mich erstmal auf die obersten Stufen gesetzt, um das ganze zu verarbeiten. Irgendwann wurde mir klar, dass ich die Polizei rufen muss. Das habe ich dann also gemacht.“
Die Maklerin konnte alles noch ziemlich gut wiedergeben. Hajo hatte schon mehrmals erlebt, wie sich Menschen in größter Verwirrung befanden nach einem Leichenfund. Sie schien ganz gut beieinander zu sein. Hajo fuhr fort:
„OK, das ist schon mal sehr gut. Haben Sie außer der Eingangstür irgendetwas angefasst?“
„Nein“
„Wieso arbeiten Sie eigentlich sonntags?“
„Das ist einfach zu erklären. Ich bin nicht hauptberuflich Maklerin. Ich arbeite unter der Woche als Verkäuferin bei H&M. Ich kann noch nicht alleine vom Makler Honorar leben. Das ist allerdings mein Ziel, weswegen bei mir das Wochenende immer sehr stressig ist.“
„Das ist nachvollziehbar. Kommen wir wieder zu heute, was ist denn mit dem Besitzer, ist er hier aufgetaucht? Es ist mittlerweile schon fast 9:00 Uhr.“
„Keine Ahnung. Ich weiß ja noch nicht einmal wie er aussieht. Heute wäre unser erstes Treffen gewesen. Aber auch ohne Leiche hätte ich dieses Drecksverlies nicht in mein Sortiment aufgenommen.“
„Sie sagten, der Besitzer heißt Schindler. Kennen sie auch seinen Vornamen?“
„Ja den habe ich mir notiert, Sekunde. Ah, hier hab ich ihn, Theodor Schindler.“
„Danke, seine Adresse oder Telefonnummer haben sie nicht zufällig auch noch?“
„Nein, beides habe ich leider nicht.“
„Eine letzte Sache noch. Auf dem Weg zu der Wohnung, ist Ihnen da irgendwas aufgefallen. Vielleicht ein parkendes Auto oder eine wartende Person?“
„Nein, ich glaube nicht. Aber ich habe auch nicht wirklich auf so etwas geachtet. Ich mein, wer denkt denn, dass er im nächsten Moment eine Leiche findet. Wenn das alles war, würde ich jetzt gerne meine Termine absagen und nach Hause gehen. Das war genug Stress für einen Tag.“
„Ja natürlich, das kann ich verstehen. Bitte halten sie sich zu unserer Verfügung, falls doch noch eine Frage auftaucht. Geben sie bitte meinem Kollegen hier“, er zeigte auf Knut, „ihre Personalien. Er wird Ihnen auch unsere Telefonnummer geben, falls Ihnen doch noch etwas einfallen sollte. Trotzdem noch einen schönen Tag“, Hajo überließ die Maklerin Knut und grübelte etwas vor sich hin. Dieser Mord würde sie auf Trab halten, das hatte er im Gefühl. Er musste sich unbedingt mit Theodor Schindler, dem Hausbesitzer, treffen. Vielleicht konnte der ein wenig Licht in das Ganze bringen. Und wenn der Besitzer der Tote war? Na dann würde er ja wahrscheinlich vermisst werden.
Beide Kommissare saßen wieder im Auto. Knut hatte schnell mit seinem Handy die Adresse des Hausbesitzers rausgesucht. Hajo hatte sich noch nicht wirklich mit den neuen Smartphones angefreundet. Manchmal waren sie nützlich, doch die meiste Zeit empfand er sie nur als lästiges Anhängsel. Gerade nach Feierabend wollte er ungestört sein Leben genießen und nicht ständig auf ein kleines Ding schauen oder vom Klingeln aufgeschreckt werden. Herr Schindler wohnte in der Celler Straße 18. Knut steuerte den Wagen zielgerichtet und schnell durch die Stadt. Telefonisch konnten sie bei Herrn Schindler niemanden erreichen, deswegen mussten sie auf ihr Glück vertrauen, jemanden anzutreffen. Auf dem Osterdeich schweifte sein Blick über die Weser Richtung Stadion. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht.
Sie klingelten an der richtigen Tür. Zu Hajos Freude öffnete sie sich rasch. Ein Herr um die 70 Jahre stand im Bademantel und Hausschuhen vor ihnen. „Moin. Was wollen Sie?“, warf ihnen der alte Mann entgegen. “Moin, moin. Sind Sie Herr Theodor Schindler? Wir…“ „Wer will das wissen?“, unterbrach der Mann Hajo. Er versuchte es erneut: „Wir sind von der Polizei, Kommissar Sensbruck und mein Partner Willemsen.“ Sie zeigten Ihre Ausweise und der Mann nickte kaum merklich. „Wir suchen Herrn Theodor Schindler, den Besitzer des Hauses Osternburger Straße 23.“ „Der steht vor Ihnen.“ Herr Schindler hatte eine sehr hölzerne Art und wurde auch nicht freundlicher, nachdem sich die beiden als Polizisten ausgewiesen hatten. Hajo fuhr fort: „Hatten Sie heute Morgen ein Treffen mit Ihrer Maklerin Simone Bachmann?“ „Ich will mein Haus nicht verkaufen. Ich kenne keine Simone Bachmann. Sie müssen mich verwechseln“, war die schnelle Antwort. Hajo fühlte, wie es in Knut anfing zu brodeln. Er legte ihm die Hand auf den Arm und setzte erneut an: „Frau Bachmann hat angegeben, dass Sie gestern telefonisch einen Termin abgemacht haben bezüglich der Immobilie Osternburger Straße 23. Sie wollten Ihr Kellerapartment vermieten.“ „Nein ich habe nichts dergleichen getan. Ich habe das Haus vor einigen Monaten geerbt und war noch nicht mal vor Ort gucken wie es aussieht. Was geht sie das überhaupt an?“ „Herr Schindler in Ihrem Keller ist eine nicht identifizierbare Leiche gefunden worden. Wir werden überprüfen woher der Anruf kam. Was haben sie gestern Abend, so zwischen 18 und 22 Uhr gemacht?“ „Eine Leiche? Damit hab ich nichts zu tun. Ich hab gestern um die Zeit zu Abend gegessen und Fernsehen geschaut. Das kann meine Frau bezeugen. Hier haben sie den Schlüssel für das Haus. Machen Sie was Sie wollen, das ist mir egal. Ich war noch nie dort und ich habe damit nichts zu tun.“ Hajo steckte den Schlüssel ein. Je mehr die beiden recherchierten, desto weniger wussten sie Bescheid. Hajo tappte ungern im Dunkeln, so sehr er auch Rätsel mochte, er sah lieber den Täter schnell hinter Gitter. Hier sah es gar nicht danach aus, als würde sich der Fall von selbst lösen. „Dann haben wir erstmal eine Aussage von Ihnen, danke schön. Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung, wir werden sicherlich auf Sie zurückkommen. Guten Tag“, endete Hajo das Gespräch. „Sie wissen ja wo ich wohne“, hörten die beiden gerade noch, bevor die Tür vor Ihrer Nase zugeschlagen wurde.
Als sie wieder im Auto waren konnte Knut nicht mehr still sein: „So ein unfreundlicher Mistkerl. Der hat doch garantiert etwas zu verbergen. Wieso sollte uns die Maklerin anlügen, das ergibt doch keinen Sinn. Der steckt da mit drin. Wer erbt denn ein Haus und guckt es sich noch nicht einmal an. Hier ist gewaltig was im Busch. Ich werd mir direkt mal die Telefonverbindungen von Schindler und der Maklerin zu Gemüte führen. Dann wissen wir wenigstens wer hier gelogen hat.“ Hajo grübelte noch über den Zusammenhang. In einem hatte Knut auf jeden Fall recht, etwas war faul im Staate Dänemark. „Ja das ist eine gute Idee. Mach das, ich werde dann gleich bei deiner lieben Rike durchklingeln. Mal schauen, wie weit sie mit der Autopsie ist. Aber zuerst gehen wir im Viertel etwas Leckeres essen. Ist ja direkt um die Ecke und wir haben es schon fast 13 Uhr.“ Dagegen hatte auch Knut nichts einzuwenden. Knut war vor einigen Jahren ins Viertel gezogen. Hajo wunderte sich immer wieder, wie dieser konservative CDU Anhänger die Liebe zum Viertel gefunden hatte. Das Viertel ist ein bunt zusammengewürfeltes Stadtviertel von Bremen, in dem reich und arm aufeinanderprallt. Ein Künstlerviertel mit vielen Bars und Restaurants. Vielleicht hatte ihn das rege Nachtleben hierher geführt oder die vielen jungen Studentinnen, die sich hier trafen.
Gut gestärkt saß Hajo mittags in seinem Büro. Er hatte gerade mit der Gerichtsmedizin telefoniert. Es wurde immer mysteriöser, der Zeitpunkt des Todes konnte nicht bestimmt werden. Es musste gestern Abend vor 19 Uhr passiert sein, doch davor war alles offen. Die Leiche war nämlich tiefgefroren worden. Rike Falkner hatte unverwechselbare Spuren gefunden. So einen gesamten Leichnam einzufrieren war gar nicht so einfach. Gewöhnliche Kühltruhen waren zu klein, man brauchte schon eine Kühlkammer. Auch sehr verwirrend war die Menge an Blut die auf dem Boden und der Kleidung war. Es musste nachträglich dort hingekommen sein.
Seine Gedankengänge durchbrechend kam Knut von seinen Recherchen zurück. „Kein Treffer. Herr Schindler hat von Zuhause die Maklerin nie angerufen. Ich habe mich nochmal mit Frau Bachmann in Verbindung gesetzt, um den genauen Zeitpunkt des Anrufes herauszubekommen. Sie ist wirklich angerufen worden, allerdings kam der Anruf vom Bahnhof. Dass es überhaupt noch öffentliche Telefone gibt. Das erschwert uns die Arbeit gewaltig.“ Hajo schnaufte durch bevor er antwortete: „Tja lieber Knut, da will uns wirklich jemand auf Trab halten. Wir haben es hier definitiv mit keinem Affekt-Mord zu tun. Das war von langer Hand geplant.“
Er erzählte Knut von der eingefrorenen Leiche. Beide schwiegen für eine ungewöhnlich lange Zeit. Ihre Hirne arbeiteten auf Hochtouren. Wenn Knut so lange still war musste es verzwickt sein. Hajos Gedanken wanderten. Was hatten sie überhaupt an Fakten, so gut wie nichts. Der Tote konnte schon Jahre tot sein, wenn ihn jemand durchgängig eingefroren hatte. Mittlerweile hatte er ein ganz starkes Bauchgefühl, dass weder der Besitzer noch die Maklerin etwas damit zu tun hatten. Dieser Plan war einfach zu ausgeklügelt, um dann direkt auf den Täter oder einen Komplizen zu stoßen. Die Maklerin wurde vom Mörder bestellt, um die Leiche zu entdecken. Doch warum sollte eine so unkenntlich gemachte Leiche überhaupt gefunden werden? Er hatte schon einige komplizierte Fälle gelöst, doch leider hatte er den ein oder anderen auch nicht abschließen können. Hier hatte er anscheinend wieder einen Fall, dem er seine ganze Aufmerksamkeit widmen musste. Hoffentlich würde Merle das verstehen. Sie drängte ihn langsam in Pension zu gehen. Vielleicht war dies sein letzter kniffliger Fall. Mit einem dicken Brummschädel schloss er das Büro ab und radelte in die warme Abendluft.
Kaum hatte ich mich auf den Weg gemacht, entdeckte ich die erste Adresse. Es war das Haus aus dem ich geflohen war. Somit gab es nur noch einen Anhaltspunkt, Contrescarpe 120 in 28195 Bremen. Wenigstens wusste ich nun durch die erste Adresse, dass ich wirklich in Bremen war. Der Name Bremen sagte mir durchaus etwas, doch an Einzelheiten erinnerte ich mich nicht. Eine Straße weiter entdeckte ich einen Friedhof. Dort war um diese Zeit bestimmt niemand anzutreffen. Ich suchte mir einen großen Grabstein, an den ich mich anlehnen konnte. Ich musste erst einmal durchschnaufen, passierte das alles wirklich in diesem Moment? Alles schien so diffus. Der Trench Coat erwies sich als viel zu warm. Der Schweiß lief schon in Strömen. Es war eine überaus warme Nacht, doch meine blutverschmierte Kleidung ließ mir keine andere Wahl. Immer wieder sah ich im Mondschein mein eigenes Antlitz auf dem Foto an. Es nützte nicht das Mindeste, ich hatte keinen Schimmer wer ich war.
Nach geraumer Zeit sah ich es ein, erzwingen konnte ich hier nichts. Also überlegte ich mein weiteres Vorgehen. Ich musste diese zweite Adresse finden. Gab es nicht immer an Bus und Bahn Haltestellen eine Stadtkarte? So verwahrlost wie ich aussah konnte ich mir der Hilfe anderer Leute nicht sicher sein. Der Friedhof war gar nicht so klein. Irgendwann erreichte ich einen Ausgang. Ich ging an der Friedhofsgärtnerei vorbei und entdeckte kurz darauf eine Straßenbahn Haltestelle, Waller Friedhof. Tatsächlich war dort ein Stadtplan. Ich musste etwas suchen bis ich die Contrescarpe fand. Ich schätzte den Weg auf 3-4km. Das Gute, ich musste fast nur geradeaus gehen.
3:45 Uhr zeigte die Uhr an der Haltestelle an. Dementsprechend traf ich auf wenige andere Leute, die mir auch noch aus dem Weg gingen. Meine Gedanken kreisten unentwegt. Es fühlte sich an wie in einer Sauna unter dem langen Trench Coat, es war definitiv Hochsommer. Normalerweise eine bezaubernd warme Sommernacht, nicht für mich. Endlich erreichte ich das gesuchte Haus. Es war ein 5- oder 6-stöckiges Mehrparteienhaus, schön an einem kleinen See gelegen. Leider half mir das nicht wirklich weiter. Zu dieser Zeit war es sehr unwahrscheinlich von jemandem hereingelassen zu werden, deswegen setzte ich mich an die nächste Haltestelle. Der Morgen graute und ich schaute mir das Foto nochmal genauer im hellen Licht der Laternen an. Tatsächlich hatte ich etwas übersehen. Auf der Rückseite war klein links unten in der Ecke geschrieben: Vielen Dank Raphael. Raphael, Raphael, war das vielleicht mein Vorname? Der Name des Toten? Viel konnte ich damit nicht anfangen.
Mittlerweile war es nach 6 Uhr. Ich beschloss, vor der Tür des Hauses zu warten. Auf den Klingelschildern war niemand mit dem Namen Raphael. Das wäre auch zu schön gewesen. Ich musste eine gefühlte Ewigkeit warten, bis endlich jemand aus der Tür kam. Ich erwiderte ein knappes Moin und schaffte es, die Tür zu erreichen bevor sie wieder zufiel. Jetzt stand ich im Eingangsflur und musste realisieren, dass ich gar keinen Plan hatte, wie es weitergehen sollte. Ich schlich durch den Eingangsflur, auf meiner linken Seite war ein Durchgang zum Treppenhaus. Ich entschied mich erstmal geradeaus weiterzugehen. Dort war eine weitere Tür, die sich jedoch als Hinterausgang entpuppte. Die letzte Tür des Flures war abgeschlossen. Durch das milchige Glas konnte ich einen Fahrradkeller erkennen. Es blieb also nur die Treppe. Ich stieg alle 6 Stockwerke hinauf. Von der Stirn lief mir der Schweiß herunter und der Mantel bekam die ersten nassen Flecken. Mir blieb nichts anderes übrig als wieder nach unten zu gehen. Am Fuße der Treppe setzte ich mich hin. Was sollte ich tun? Hier konnte ich erstmal ein bisschen durchschnaufen. Mir blieb nur der Name Raphael. Ich entschloss mich, einfach an der ersten Tür zu klingeln und nach Raphael zu fragen. Es dauerte eine Zeit lang, doch dann öffnete sich die Tür.
Eine alte gebrechliche Frau stand vor mir. Ihr Blick schien freundlicher zu werden als sie mich sah. Ehe ich meine Frage stellen konnte, fing die alte Frau an: „Ja Herr Steffens, wie sehen Sie denn aus? Und dann zu so früher Stunde, es ist ja noch nicht einmal 7 Uhr.“ Ich war vollkommen verdattert. Diese Frau kannte mich, anscheinend hieß ich Steffens mit Nachnamen. Was sollte ich jetzt tun? Bevor mein Schweigen unangenehm auffallen würde, entschloss ich mich, nichts von meinem Gedächtnisverlust preiszugeben. „Moin, Frau Frommers. Ich hatte eine schlimme Nacht. Man hat mich überfallen und alle Sachen geklaut. Mein Handy, mein Portemonnaie, sogar meine Schlüssel. Bis gerade eben war ich bei der Polizei.“ Glücklicherweise hatte ich mir den Namen des Klingelschildes eingeprägt, so konnte ich das Gespräch persönlicher gestalten. Ich hoffte, der Frau noch mehr Informationen zu entlocken. „Oh mein Gott! Das ist ja furchtbar. Sie armer Mann. Da hat Ihnen aber jemand richtig zugesetzt. Ich habe Sie ja kaum wiedererkannt. Dann wollen Sie sicherlich Ihren Ersatzschlüssel abholen. Gut, dass Sie mir einen gegeben haben. Der Schlüsseldienst ist ja unverschämt teuer. Einen Moment, ich hole ihn eben. Dann können sie erstmal ein warmes Bad nehmen, um den Schrecken zu verdauen. Ihnen scheint ja kalt zu sein trotz der Temperaturen.“
Sie wies auf meinen Mantel und verschwand in der Wohnung. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Es war meine Adresse, die auf dem Foto stand. Meine Wohnung. Doch was bedeutete das. Wie sah meine Wohnung aus? Fand ich dort die Antworten auf meine Fragen? Was bedeutete überhaupt mein? Kam ich in die Wohnung eines Mörders? Lebte ich alleine? Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Frau Frommers holte mich zurück in die Gegenwart:
„Hier ist Ihr Schlüssel, bitte schön. Falls Sie irgendwas brauchen, bin ich für Sie da. Sie wissen ja wo Sie mich finden.“
„Das ist sehr nett von Ihnen. Ich denke, ich komm klar. Entschuldigen Sie die Störung.“
„Das ist doch nicht der Rede wert. Erholen Sie sich gut“
Sie ging zurück in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Ich brauchte ein paar Sekunden bevor ich mich in Bewegung setzte. Jede Etage hatte zwei Wohnungen. In der Vierten hatte ich endlich Glück und fand das Schild Steffens. Der Schlüssel passte. Ich drehte ihn ganz langsam um. Als ich das Klicken des Öffnungsmechanismus hörte, hielt ich erstmal inne. Wollte ich überhaupt wissen was sich hinter dieser Tür verbarg? Auf einmal spürte ich wieder die Schmerzen und die drückende Hitze. Mir blieb keine Wahl. Ich hatte niemanden an den ich mich wenden konnte. Diese Wohnung war mein letzter Anhaltspunkt, ich musste einfach hineingehen und mehr über mich erfahren, auch wenn mir diese Wahrheit nicht gefallen würde.
Langsam schwang die Tür nach innen auf. Erstaunlicherweise war die Wohnung frisch renoviert und sehr modern eingerichtet. Das Treppenhaus hatte mich vorher etwas Anderes vermuten lassen. Wenigstens wusste ich von Frau Frommers, dass ich nicht immer so verwahrlost aussah. Das erste Zimmer war ein quadratischer Flur, mit Garderobe und vier weiteren Türen. Es gab keine Fenster, aber außer einer Tür waren alle anderen aus Metall im Verbund mit großen milchigen Glasscheiben. Dahinter waren nur Schemen zu erkennen. Neben dem Schuhschrank stand noch ein Regal mit vielen Büchern. Diese beachtete ich aber gar nicht erst, da ein ganzes Regalbrett mit aufgestellten Fotos dekoriert war.
