Minoata - Nova Christian - E-Book

Minoata E-Book

Christian Nova

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der 17-jährige Daniel tritt bei einem großen Insel-Contest an, um das Leben seiner Mutter zu retten. Und das ausgerechnet im Team mit einer ziemlich unausstehlichen Person. Doch für ihr gemeinsames Ziel, die riesige Insel zu überqueren und am Ende vor den anderen Teams einen Koffer voller Geld zu finden, müssen sie zusammenhalten. Schon bald geht es aber nicht mehr nur um den Wettbewerb, denn die Insel trägt ein mysteriöses Geheimnis in sich. Und nicht nur die Insel!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

EPILOG

Christian Nova

MINOATA

Irgendwann erhält jeder von uns

die Chance zu leuchten

1. Auflage, 2022

© Christian Nova

c/o skriptspektor e. U.

Robert-Preußler-Straße 13 / TOP 1

5020 Salzburg

AT – Österreich

www.instagram.com/christian_nova_autor

Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski

Satz: Dr. Matthias Feldbaum

ISBN

Paperback: 9783754658666

E-Book: 9783754658970

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Dreck auf meiner Zunge. Das ist das Erste, was ich spüre. Und dann diese Atemnot. Ich ringe nach Luft, doch mein Brustkorb ist und bleibt zusammengeschrumpft. Die Angst vorm Ersticken krallt mich, nimmt mich ein. Ich richte mich auf, schlage mir panisch gegen die Brust. Dreimal. Kräftig. Kräftiger. Sauerstoff. Bitte! Meine Lungenflügel dehnen sich einfach nicht aus. Ich lehne mich nach vorne, stütze mich mit meinen Händen am Boden ab. Erst dann spüre ich, wie sich die Lungen endlich weiten. Ich atme nicht nur einmal tief ein, sondern gleich fünfmal. Gierig wie nie zuvor. Anschließend muss ich husten. Die qualvollen Sekunden sind vorüber. Doch das hier kann unmöglich real sein! Je länger ich mich umsehe, umso stärker wird das Gefühl, dass ich längst tot bin.

KAPITEL 1

Die Rollen meines Skateboards fliegen heute förmlich über den Asphalt. Die Frau kommt immer näher. Wird sie diesmal grüßen? Hm, wohl eher nicht. Sie hat es die letzten geschätzten fünfhundert Mal nicht getan, wieso also heute? Ab und zu starre ich die Leute einfach nur konsequent an. Mal lächele ich aber auch wie jemand, der gerade im Lotto gewonnen hat. Natürlich nur, um sie aus der Reserve zu locken. Wieso müssen denn auch immer die jungen Leute zuerst grüßen, sie können es genauso gut machen. Aber nein, sie ist sich zu fein dafür. Die meisten anderen hier grüßen aber auch längst nicht mehr. Seit dem Virus hat sich jeder noch weiter zurückgezogen. Und da nun alle Virologen eine neue Pandemie kommen sehen, geht sicher bald alles von vorn los.

In den ersten Tagen kamen noch einige mit mitleidiger Miene zu mir und taten so, als wäre Mom schon tot. Es war zum Kotzen und machte alles noch viel schlimmer für mich. Egal. Nun machen sie es ohnehin nicht mehr. Jeder kümmert sich um seine eigenen Sorgen. Und Mom hat Recht: Die Freundlichkeit, selbst wenn sie nur gespielt ist, stellt den einzigen Hoffnungsschimmer dar, den man in einer Welt voller Angst hat. Damals soll hier in Gold Bay noch alles anders gewesen sein. Gold haben die Gründungsväter angeblich gefunden. Aber nun, wo lediglich die Fischerei und unsere Holzfabrik die Menschen ernähren, kann man wohl kaum noch von einem goldigen Städtchen sprechen. Und genau das sehe ich auch in ihren Augen. Sie fokussieren mich für einen Wimpernschlag. Dann aber kippt ihr Gesicht wieder abrupt nach unten zum Boden. Keine Überraschung. Es scheint wie ein zwanghaftes Spiel. Als hänge ihr Leben davon ab. Verkrampft hofft sie, dass ich ihr nicht zu nahe komme. Dabei war sie damals eine Arbeitskollegin von Mom im Drogeriemarkt, lange ist es her. Weit vor der Zeit, in der sie von mir, Chris und den anderen genervt war, weil wir vor ihrem Haus Fußball spielten und ihrer Ansicht nach »zu laut« dabei waren. Als Mom uns dann verteidigte, war es mit allen Freundlichkeiten vorbei. Auch diesmal entflieht mir kein Wort. Und das, obwohl mir so einiges zur Auswahl stünde. Irgendeiner von den Sprüchen, die sich in den Jahren in mir angesammelt haben. Aber gut. Lassen wir ihr ihren Frieden. Außerdem kommt jetzt gleich die Abzweigung. Die Stelle, die mir immer den meisten Spaß bringt.

Blitzschnell geht’s nach unten zum Hafen. Inklusive Abbiegungen und kleinen Gassen – ein VR-Spiel könnte auf dieser kurzen Strecke basieren. Und dann noch die Kids. Vor ein paar Wochen, als ich das erste Mal auf dem Heimweg von der Holzfabrik hier lang gefahren bin, habe ich sie erst als etwas nervig empfunden, schließlich wollte ich einfach nur fahren, ohne nervige Kids, die mir am Hintern kleben. Es war ein reiner Zufall, dass die zwei ausgerechnet da mit ihren Skateboards draußen waren. Sie haben echt Glück, dass ihre Eltern sie überhaupt noch rauslassen, andere würden das nie erlauben. Die Lage hat sich zwar etwas entspannt, aber jeder ist sich sicher, dass bald der nächste Krieg vor der Tür steht. Jedenfalls hatten die zwei Jungs damals Tricks geübt. Und dann fuhr ich an ihnen vorbei und sie folgten mir. Doch je mehr die Routine einkehrte, desto lustiger wurde es irgendwie. Sie sind erst acht oder neun, maximal zehn. So genau weiß ich es nicht, wir reden beim Fahren ja kaum. Sie sind nur immer krass angespornt, endlich mal schneller unten an der Hafenbucht anzukommen als ich. Bisher hatten sie aber nie eine Chance. Okay, das wäre ja auch abnormal, immerhin bin ich schon gefahren, da waren sie noch nicht mal geboren. Allerdings haben sie mega viel Ehrgeiz, ärgern sich jedes Mal aufs Neue, wenn ich wieder unten bei Larrys Laden an der Wasserkante darauf warte, dass sie eintreffen. Wusste ich es doch. Auch heute stehen sie schon bereit. Scharren mit den Hufen, pushen ihren Ehrgeiz bis zum Limit. Letzte Woche habe ich ihnen das erste Mal zugerufen, sie können schon losfahren, wenn sie mich sehen. Und genau das machen sie seitdem, auch heute. Ihre Füße wandern sofort auf die Skateboards und schon geht’s los.

»Los, los!«, schreit der eine aufgeschreckt mit seiner piepsigen Kinderstimme.

Sie haben letztendlich einen Vorsprung von ungefähr zehn Metern, doch der schwindet angesichts meines Speeds mit jeder Millisekunde.

»Heute machen wir dich fertig!«, stimmt der andere mit ein.

Ich liebe diesen Fahrtwind, der mein Gesicht umhüllt und meine Haare leicht nach hinten wedeln lässt. Abstoßen brauche ich mich kaum noch, die Rollen wirbeln ganz von allein. Dann kommt die Kurve nach rechts, wo die beiden immer aus Sicherheitsgründen stoppen, was ihnen aber auch einiges an Geschwindigkeit nimmt. Ich riskiere da schon mehr und hänge sie in diesem Moment ab. Die nächste wieder links rein. Eine kleine Gasse, in denen auf beiden Seiten Holzgestelle über den Fenstern befestigt sind, mit denen die Leute ihre Wäsche trocknen. Das nimmt einerseits die Sicht, und da haben die Zwerge eindeutig einen Größenvorteil, andererseits ist es aber auch ein Mordsspaß, wenn die weißen Bettlaken meine Arme streifen und die fehlende Sicht mir einen zusätzlichen Adrenalinkick verpasst. Eine ältere Frau schreit aus dem Nirgendwo und erschreckt mich fast zu Tode. Sie hängt gerade die Wäsche auf. Wieder einmal. Mein Energielevel ist schon am Anschlag, da ist der Schreck schnell weggesteckt. Sie motzt mit ihrer schrillen Stimme anschließend auch die Kids hinter mir voll, was ich am Ende der langen Gasse noch mitbekomme, bevor ich abbremse und nach rechts abbiege. Anschieben! Noch zwanzig Meter und dann links auf die Hauptstraße, die Zielgerade. Es sind mittlerweile sicher locker fünfundzwanzig Meter, die uns trennen. Trotzdem geben meine Beinmuskeln alles, um wieder Tempo zu generieren.

Den Part hier genieße ich am meisten, denn man kann einfach nur hinabrollen und muss keine Angst vor dem Verkehr haben, hier parken nur wenige Fahrzeuge. Keine dreißig Sekunden später bin ich am Ende des Straßenabhangs angelangt und bremse schleifend in perfekter Tony Hawk Manier ab. Man könnte behaupten, sie hätten das Geländer hier extra für uns Skateboarder angebracht, damit wir nicht volle Kanne ins Wasser fliegen. Würden wir aber nicht abbremsen, dann würde das stahlharte Material für weit größere Verletzungen sorgen, als das Wasser es jemals könnte. Board nach oben schnellen lassen und Siegerpose einnehmen. Fertig! Nach kurzer Zeit erreichen schließlich auch die Zwerge das Ziel. Ihre enttäuschten Gesichter sind nicht zu übersehen. Ich klatsche mit ihnen ab. Und dabei bekomme ich das zwanghafte Grinsen nicht aus dem Gesicht. Nicht weil ich mich über den erneuten Triumph freue, nein, sie sind mittlerweile so etwas wie kleine Sportsbrüder geworden. Okay, ein bisschen Stolz ist vielleicht schon dabei. Aber hey, es wird vielleicht in ein paar Jahren andersherum laufen. Da sollte ich die Zeit jetzt doch noch genießen, oder?

»Och Mann, wir werden ihn nie schlagen!«, seufzt der eine Zwerg deprimiert.

»Wir müssen halt einfach noch mehr üben«, sagt der andere und dreht sich zu mir. »Morgen sehen wir uns wieder!«

»Alles klar, Jungs!«, sage ich grinsend und gehe zu Larrys Kiosk an der Ecke. Es ist der letzte Laden vor dem Wasser. Und auch der einzige Kiosk in unserem Ort. Trotzdem gibt es Menschen, die ihn strikt meiden. Nicht etwa, weil er teuer oder Larry patzig wie viele andere Verkäufer auf diesem Planeten ist. Nein. Es ist nur wegen seiner Hautfarbe. Diese dummen Typen nehmen für ihre Zigaretten, ihr Bier oder gar eine einfache Tageszeitung lieber die zehn Kilometer bis nach Corwich auf sich. Corwich – unsere ebenfalls kleine Nachbarstadt. Sie kennen ihn noch nicht mal. Wissen nicht, wie freundlich er ist, zu allen. Mom liebt die Gespräche mit ihm genauso wie ich. Sie kaufte mir als Kind immer mal eine Zeitschrift bei ihm. Oder auch mal einen Schokoriegel. Wenn es halt mal drin war. Für mich ist er über die Jahre zu einer Art Großvater geworden, den ich nie hatte. Der einzige Mensch, dem ich wirklich vertrauen kann, bis aufs Blut.

»Hi, Larry.« Das Glöckchen über der Eingangstür begleitet mich.

»Hey, Dan«, sagt er. Wie viele andere hat er meinen Namen noch nie vollständig ausgesprochen. »Na, wie war die Arbeit heute?«

Was soll ich schon sagen. Eine Holzplatte nach der anderen durch die immer rotierende Säge jagen. Aufpassen, dass ich mich nicht verletzte. Dann die einzelnen Stücke auf die Paletten legen und sie dem Gabelstaplerfahrer freigeben. Das Übliche halt.

»Gut«, entgegne ich.

An seinem verständnisvollen Gesicht erkenne ich, dass er mir das natürlich nicht abnimmt. Gut ist weit von der Realität entfernt. Aber er nickt und lächelt aufbauend.

»Heute etwas dabei?«, frage ich nach.

Sein mitleidiger Blick verrät schon alles. Dann aber greift er zur Rolle mit den Losen. Er reißt einige davon ab und hält sie mir hin. »Hier, nimm.«

»Das geht doch nicht, Larry.«

»Natürlich geht das. Wenn du einen Gewinn hast, kannst du mir die zehn Dollar ja zurückgeben!«

Nur widerwillig, und auch nur weil ich weiß, dass er mich ansonsten nicht einfach gehen lassen wird, nehme ich sie an. Als sie ins Krankenhaus kam, haben enorm viele Leute aus Gold Bay Lose gekauft und für mich hinterlassen. Mein ganz persönlicher Hoffnungsschimmer. Jeden Tag. Sie taten es einhergehend mit dem Versprechen, dass ich stets auf sie zählen könne. Und nun? Von Woche zu Woche wurden es weniger. Nun haben wir die fünfte Woche, wo rein gar nichts hinterlassen wurde. Wir sind für uns selbst verantwortlich. Die Schonfrist ist abgelaufen. Ich bin alleine. Fast. Larry ist ja noch nicht mal mit uns verwandt, hilft aber trotzdem. Ich konnte spüren, wie auch ihn die nachlassende Unterstützung beschäftigt. Er hatte die Idee mit den Losen. Die Leute hier haben zwar alle wenig Geld, könnten einen Gewinn für sich selbst gebrauchen. Aber sie haben es getan, zumindest für eine gewisse Zeit. Einer nach dem anderen ist zu dem Entschluss gekommen, dass es dann wohl doch nichts bringt. Wobei: Einmal hat es geklappt. Keine riesige Summe, aber immerhin. Ich habe Larry so derb gedrückt, wie ich noch nie jemanden gedrückt habe. Es war für mich ein utopischer Betrag, doch am Ende auch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben es niemandem verraten. Larry sagte, das wäre besser für mich. Er gibt mir noch eine Cent-Münze, um das Feld frei zu rubbeln. Die ersten drei Lose sind Nieten. Das vierte hat einen Gewinn. Immerhin fünf Dollar. Dann allerdings erneut Niete an Niete, doch im letzten stecken zehn Dollar. Larry freut sich für mich und holt die zwei Scheine im Austausch aus seiner Kasse. Ich schiebe ihm jedoch prompt die zehn Dollar zurück. Diese zehn Dollar ändern auch nichts. Aber ohne sie würde seine Kasse am Ende des Tages nicht stimmen und er müsste draufzahlen. Das hat er schon so oft getan. Er würde es nie zugeben, aber ich weiß, dass viele Lose damals von ihm stammten.

Plötzlich wird die Tür aufgerissen. Es sind die größten Trottel, die Gold Bay vorzuweisen hat. Vier Jungs, die in der Schule nur Ärger machen. Sie haben überhaupt nichts im Kopf, sind schon für ein einsames Gold Bay Leben vorverurteilt. Oder für eines im Knast. Ihre rassistischen Gesten machen mich wütend. Und durch die Glasfront muss Larry sie auch noch mit ansehen. Die gebückte Haltung, die gekrümmten Arme, das leichte Auf- und Abspringen, ihre zum »O« geformten Münder und diese verächtlichen Affenlaute, die laut genug sind, um ins Geschäft zu dringen. Larry bleibt ganz ruhig stehen. Nein, es ist nicht das erste Mal, dass ich so was miterlebe. Beim ersten Mal stand ich nur fassungslos da, war so überrumpelt von diesen Idioten, dass ich verkrampfte und erst wieder klar denken konnte, als sie weg waren. Ich muss etwas unternehmen! Es ist wie ein Feuer, das sich vom kleinen Funken bis zum Großbrand entwickelt, innerhalb eines Pulsschlags. Keine Empörung mehr, reine Wut. Doch schon nach meinem ersten Zucken in Richtung Tür, bevor ich mich überhaupt entschieden habe, was genau ich tun werde, greift Larrys Hand nach meinem Arm. Kein großer Druck, aber trotzdem ein bestimmter Griff.

»Vergib den Unwissenden!«, meint er. Gelassen. Viel zu gelassen.

Wie bitte? Meint er das ernst? Wie kann er nur so ruhig bleiben? Es muss ihn doch verletzten. Oder denkt er, diese Idioten werden mich krankenhausreif prügeln? Okay, das mögliche Ausmaß meiner Reaktion habe ich zwar selbst noch nicht durchgespielt, aber trotzdem.

»Aber du kannst ihnen das doch nicht einfach durchgehen lassen. Sie haben keinerlei Respekt!«

Mich überrascht selbst, dass ich es ausspreche. Er weiß das doch längst und ich will ihn auch nicht noch trauriger stimmen. Es ist mir einfach rausgerutscht. Beim letzten Mal konnte ich es nicht. Es war mir peinlich. Peinlich, dass ich es in seiner Anwesenheit mitbekommen habe. Wie er sich deshalb wohl fühlen muss, wie ich mich fühlen würde, voller Scham. Vielleicht entweicht es mir auch nur, weil ich ihm unterbewusst mitteilen will, dass er sich nicht schämen braucht. Für gar nichts.

»Weißt du: Man muss da drüberstehen. Sie wissen es nicht besser«, sagt er und sortiert eine Zigarettenschachtel ein.

Seine leicht kratzige, tiefe Stimme ist auf einem so heruntergefahrenen Level, als würde er gerade aus einer Sauna kommen. Auch wenn ich seine Worte laut und deutlich aufnehme, senken sie trotzdem nicht die Wut in meinem Bauch.

»Warst du heute schon bei deiner Mom?«, fragt er mich anschließend.

Bei unseren Gesprächen erwähnt er sie eigentlich gar nicht mehr. Nicht, weil er sich nicht für sie interessiert. Er nutzt auch keine »Wie geht es ihr?«-Frage, die vortäuscht, dass es denjenigen wirklich beschäftigt. Jeder weiß, dass ich nicht mit »Gut!« antworten würde. Nein, diese Phase ist längst übersprungen. Larry würde mir diese Frage nie stellen. Er besucht sie regelmäßig, weiß also, wie es um sie steht.

»Nein, noch nicht. Erst später«, antworte ich.

Die Deppen sind verschwunden. Nachdem wir noch ein wenig über die unwichtigen Dinge gesprochen haben, mache ich mich dann auch wieder auf den Weg. Vom Kiosk an der Ecke bis zu Chris und seinen Eltern sind es nur wenige Minuten. Sie wohnen in einem grauen Flachdachhaus mit einzelnen Wohnungen. Unsere Stadt ist übersät davon. Jedes hat seine einzelnen Wohnungen, meistens drei. Ganz früher hausten darin die Arbeiter der Goldmine. Für uns in der heutigen Zeit ist es perfekt. Die Wohnungen kosten nicht so viel wie die in Corwich. Aber sie haben eben auch nicht besonders viel Platz. Die Wohnung von Chris und seinen Eltern ist etwas größer als unsere. Als ich bei ihm klingele, macht mir seine Mom auf. Sie ist eine der aufgeschlossensten Personen, die ich kenne. Mit ihr kann man über alles sprechen. Wirklich alles. Wenn man das wollte.

»Hey, Dan. Er ist mit Liz in seinem Zimmer«, sagt sie, woraufhin ich mich auf durch den Flur mache.

Sein Vater wird wahrscheinlich noch arbeiten sein, jedenfalls sehe ich ihn nicht im Wohnzimmer. Mein Skateboard nehme ich immer mit, weiß auch nicht warum. Es ist der einzige Besitz, den ich nie verkaufen würde. Der einzige Besitz, den ich wirklich besitzen will.

Ich klopfe an seine Tür und begrüße meine Freunde mit einem »Hey, Leute!«

Welch ein Wunder. Sie liegen beide eng umschlungen auf seinem Fernsehsofa und schlecken sich gegenseitig ab. Gott sei Dank bin ich nicht noch später hergekommen. Sie geben sich auch keine Mühe, voneinander abzulassen. Chris hebt einfach nur kurz seinen Arm. Liz ist von seinen innigen Schmatzern so eingenommen, dass sie nur den Ansatz einer Begrüßung von sich geben kann. Aber ich kenne es auch gar nicht mehr anders. Die beiden sind seit mittlerweile gut zwei Monaten zusammen. Wenn sie es bleiben, können die nächsten Monate echt heikel werden, oh Mann. Ich lehne mein Skateboard an den Bettrahmen an und lass mich dann Kopf voraus in seine weiche Matratze fallen. Mein Lieblingsplatz. Eigentlich ja ziemlich blöd, dass der Fernseher nicht zum Bett gerichtet ist, sondern zur Couch, auf der sich die beiden wälzen, aber im Moment ist mir das auch recht egal. Endlich liegen und entspannen.

»Lasst euch nicht stören«, seufze ich, wobei das Meiste von der Matratze absorbiert werden dürfte.

Sie knutschen unbehelligt weiter. Ich höre die Geräusche, die ihre aneinanderklebenden Lippen von sich geben und das seichte Stöhnen – beides lauter als der Fernseher, der mit seiner Reality-Show leise vor sich hin dudelt.

»Ich glaube, ich werde das Bett nehmen und du schläfst dann auf der Couch«, merke ich an und drehe mich auf die Seite.

Er lässt für eine Sekunde von ihrem Mund ab. »NICHT!« Dann knutscht weiter. Na ja, ein Versuch war’s wert.

»Wann wolltest du noch mal hier einziehen?«, fragt Chris wenig später.

Ich weiß nicht genau, wie oft er mich das schon gefragt hat. Er hat echt ein Gedächtnis wie eine Kröte. Und Glück, dass mein Kopf schon zum Tages-Countdown-Zähler mutiert ist. Wenn ich mir überlege, was ich noch alles erledigen muss.

»In acht Tagen.«

»Hast du nicht Angst, dass du dann später keine Wohnung mehr bekommst, wenn du sie jetzt abgibst?«, klinkt sich Liz ein.

Das ist so typisch für sie. Als wäre es wichtiger, was in ein paar Monaten passieren wird. Als wäre ich jetzt wichtig. Sie hat es offensichtlich immer noch nicht begriffen. Die hunderte Dollar sind für mich ein wahnsinniger Fortschritt. In ein paar Monaten sind es schon tausende Dollar. Aber sie meint es nicht böse, sie ist einfach so. Nicht die hellste Kerze. Denkt nicht nach, bevor sie redet.

»Wichtig ist nur, dass ich die Miete erst mal nicht zahlen muss.«

Aber meine Antwort geht unter, denn sie fallen erneut übereinander her. Die Fummelei und das hemmungslose Geschnaube wird mir dann doch etwas zu viel.

»Könnt ihr ein bisschen runterfahren?«

Nur widerwillig lässt er von ihr ab und nimmt eine sitzende Position ein. Sie richten beide ihre aufgewühlten Klamotten.

»Wird Zeit, dass du auch mal eine abbekommst!«, sagt Chris.

Auch das höre ich nicht zum ersten Mal. Diese Kommentare von ihm nerven mich am meisten, auch wenn ich sie nach außen mit Humor nehme. Klar, Zeit wär’s wirklich langsam. Ich hätte jedenfalls nichts dagegen. Doch ehrlich gesagt hätte ich wohl ohnehin keine Zeit für eine Freundin. Vielleicht irgendwann mal. Bisher war halt einfach noch nicht die Richtige dabei. Aber er kennt auch die Geschichte von der Abfuhr. Sehr gut sogar, denn er musste mir helfen, darüber hinweg zu kommen. Genau deswegen sollte er eigentlich nicht so sehr darauf rumreiten. Ich bin außerdem erst siebzehn.

»Was sagt eigentlich dein Dad? Habt ihr mit ihm mittlerweile schon gesprochen?«, lenke ich ab. Ein jedoch echt wichtiger Punkt. Dass seine Mom nichts gegen meinen vorläufigen Einzug hat, weiß ich ja bereits. Aber sein Dad, er arbeitet viel. Ihm ist zwar meistens alles recht egal, doch einen Familienkrach will ich auf gar keinen Fall verursachen.

»Machen wir noch, keine Sorge«, entgegnet er.

Na große Klasse, ich habe mich auf sein Wort verlassen. Liz scheint ein wenig gelangweilt, jetzt wo sie ihre körperliche Nähe nicht mehr ausleben kann. Sie geht rüber zum Schreibtisch und öffnet seinen Laptop. Hübsch ist sie ja schon mit ihren langen blonden Haaren und ihrem Modelmaß – beides eine große Vorliebe von Chris. Aber so gar nicht mein Typ. Und ob es lange hält? Da scheiden sich die Geister. Einige in der Schule meinen, dass sie perfekt zusammenpassen würden. Na ja. Er ist auch nicht der Schlauste, das weiß er aber auch selbst. Trotzdem hat er gefühlt jede Woche eine neue Freundin. Sie stehen drauf, dass er im Footballteam ist und außerdem regelmäßig in das Fitnessstudio in Corwich geht. Seine Statur kommt an. Und die kurzen Haare, die er mittig zum Mini-Iro zusammenwachst, auch.

»Willst du was trinken?«, fragt er mich im Aufstehen.

»Das Übliche«, sage ich mit Verweis auf eine Cola, die meinen Zuckerhaushalt wieder auffüllen dürfte.

»Du, Schatz?«

Sie ist so vertieft in das, was sich auf dem Laptopbildschirm abspielt, dass sie überhaupt nichts mitbekommt.

»Schatz?«, hakt er nach.

Immer noch keine Reaktion. Er winkt ab und geht zur Tür. Doch bevor er sie erreicht, dreht sich Liz abrupt samt Bürostuhl um.

»I/NOVA macht ’nen Wettbewerb«, äußert sie sprachlos.

Ich müsste überlegen, wann ich das letzte Mal auf I/NOVA war. Auf jeden Fall kein einziges Mal, seit ich meinen Computer verkauft habe. Doch, Chris und ich haben vorgestern die Challenge gesehen, stimmt. Aber alleine schon länger nicht.

»Und?«, stutzt Chris.

»Das wäre perfekt für uns, Schatz!«, sagt sie und spricht damit weiterhin in Rätseln. So euphorisch habe ich sie allerdings noch nie gesehen.

»Warum?«, wundert sich Chris erneut, woraufhin sie sich wieder zum PC umdreht und vorliest: »Man kann sich nur heute und morgen bewerben. Zwanzig Jugendliche bekommen die Chance, teilzunehmen. Jeder, der ausgewählt wird, erhält einen eigenen Channel.«

Sie dreht sich wieder um. »Wir könnten unseren eigenen Channel haben, Schatz! Pärchenvideos drehen«, erzählt sie begeistert und blickt Chris breit grinsend an.

Okay, ein Channel für gleich zwanzig Leute ist wirklich außergewöhnlich. Ein eigener Channel auf DER Videoplattform unserer Generation – nicht nur für Liz der Traum aller Träume! Man kann nämlich nicht einfach online gehen und sich registrieren. Bei I/NOVA wird man zum »Nova« ernannt (so nennt die Plattform ihre Videohelden). Besser gesagt: man wird angefragt. Alleine der Name verrät, was mit einem passiert, wenn man einer der Stars von I/NOVA wird. »Nova« bedeutet nämlich übersetzt: »Ein Stern, der explodiert und anschließend noch viel heller leuchtet.«. Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Alle, die bisher zum Nova wurden, explodierten wirklich. Oh ja, und wie! Sie wurden zu Megastars, haben Millionen von Fans. Aber um überhaupt erst mal eine Anfrage von der Videoplattform zu erhalten, muss man normalerweise schon ein Halbgott sein. Nur die Besten schaffen es. Als No Name kommt man erst gar nicht infrage. Wird man ein Nova, genießt man Exklusivität und darf seinen eigenen Themenbereich abdecken. Es wird auch streng drauf geachtet, dass gleichviele Jungs und Mädchen dabei sind. Es gibt sogar zwei alte Omis, die zusammen mit ihren dazugehörigen Opas fast noch lustiger als die eigentlichen Nova-Comedians sind – auf jeden Fall schaue ich sie mit Chris immer am liebsten, nicht zuletzt wegen ihres fehlenden Durchblicks in Sachen Technik. Wie vorgestern bei der Kamera-Challenge, das war echt krass lustig. Und die Novas haben gegenseitige Gastauftritte. Ich denke da nur mal an die eine Folge, in der K. Tschaggo mit ihnen gerappt hat, na ja, zumindest haben sie es probiert. Teilweise gibt es sogar Rund-um-die-Uhr-Livestreams. Man kann also jederzeit nachsehen, was der Lieblings-Nova gerade so macht.

Die meisten von ihnen kommen aus den großen Metropolen. Und um einer zu werden, muss man eine riesige Reichweite haben. Wer hat das hier bei uns schon? Bis auf ein paar Mädels und Typen, denen vielleicht mal tausend Menschen folgen, das ist doch heute nichts Besonderes mehr. Ein Nova muss jedoch auch ganz klar Talent mitbringen! Eine Menge sogar. Er sollte vor der Kamera aufgehen und Ausstrahlung haben. Von sich selbst denken, er ist der King des Jahrhunderts. Vor allem aber sollte es für ihn das Größte sein, sich vor Millionen Menschen zu zeigen. Für mich ist das gar nichts. Ihnen zusehen? Okay, gerne. Aber selbst ein Nova werden zu wollen (was für Chris und Liz eine Art Ultimatum wäre)? Nein, eher nicht. Ich habe schon sehr viele Videos auf I/NOVA gesehen, weiß also, wie verrückt man sein muss, damit die Zuschauer nicht wegklicken. Mal abgesehen von meiner Angst, vor Leuten zu reden, was schon bei Vorträgen in der Schule beginnt. Ich fahre Skateboard. Und ich schnitze. Wie aufregend ich bin! Die zwei könnten immerhin zusammen ins Fitnessstudio gehen. Der große Video-Konzern hat eins auf jeden Fall richtig clever gelöst. Sie haben die Plattform abgeschirmt und sich damit von allen anderen abgehoben. Sie haben eine Blockade errichtet, um einen Überfluss von sinnlosen und talentfreien Videos zu verhindern. »Videos mit Talent und Qualität« – das ist der Leitspruch der Plattform. Die Leute von I/NOVA basteln rund um die Uhr an neuen Trend-Inhalten für die Videos, damit den Zuschauern auch immer etwas geboten wird, das es so noch nicht gegeben hat. Ihre Werbung wird geschickt eingebaut und nervt einen nicht vor dem Video. Jeder Teenager nutzt die Plattform mittlerweile. Nein, jeder! Nicht nur junge Leute.

Gerüchte besagen, dass jeder Nova gleich zu Beginn mit kompletter Luxustechnik-Ausstattung überhäuft wird. Vor allem aber bekommt man eine fette monatliche Vergütung, die nicht von Klicks abhängt. Und die meisten haben außerhalb der Plattform auch noch Werbeverträge oder tauchen in Filmen auf. Da ist es natürlich nur verständlich, dass der Job als Nova für viele das Nonplusultra ist, zumal man ihn von zu Hause aus erledigen kann. Im letzten Jahr kamen vielleicht gerade mal fünf neue Novas hinzu. Und jetzt suchen sie ernsthaft 20 auf einmal? Da werden sicher krass viele Bewerbungen eingehen. Ja, in der heutigen Zeit braucht man eigentlich nichts weniger als Videos, aber irgendwie gibt es einem das Gefühl von Normalität. Es ist ein trügerisches Bild einer heilen Welt, aber genau das brauchen die Menschen. Liz wendet sich wieder dem Laptop zu.

»Und jetzt haltet euch fest: Man bekommt nicht nur einen eigenen Channel, sondern als Sieger des Wettbewerbs auch, aufgepasst: 1 Million Dollar!«

»Was? Eine Million?«, reagiert Chris ungläubig.

Ja, das klingt wirklich wie aus einem Märchenbuch.

»Ja!« Liz ist völlig entflammt. Also doch kein Stuss?

»Sicher, dass das nicht nur eine Ente ist?«, frage ich, immer noch auf dem Bett liegend, aber schon leicht aufgerichtet.

»Eine Ente?«, kontert sie perplex.

»Ja. Ein Scherz. Ist es einer?«

»Anscheinend nicht«, kommentiert Chris, der über der Sofakante hängt, um einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen.

Ich wechsele ins Sitzen. An seiner Schulter vorbei sehe ich die Startseite von I/NOVA. »Was ist das für ein Wettbewerb?«, »Was muss man da machen?« oder etwas in der Art will ich fragen, doch noch bevor ich auch nur ein Wort aussprechen kann, liest Chris drauf los: »Wobei handelt es sich bei dem I/NOVA Island Contest? Wir verraten es euch! Es ist ein Contest, bei dem man mit einem Teampartner gegen neun andere Teams antritt. Man wird gemeinsam an einem Ende einer Insel ausgesetzt und muss als erster das andere Ende dieser Insel erreichen, wo sich ein Koffer mit zwei Millionen Dollar befindet. Eine Million für jeden der beiden Teilnehmer des Teams. Es gibt keine speziellen Voraussetzungen. Jeder Bewerber muss lediglich mindestens 12 und maximal 18 und in der ersten Hälfte der bald beginnenden Sommerferien verfügbar sein.«

Chris fixiert mich. »Weißt du, was das heißt, Dan? Du könntest die OP bezahlen!«

Nicht nur die. 1 Million Dollar. Ich könnte Mom eine Pflegekraft ermöglichen. Eine Wohnung, sogar ein Haus. Irgendwo, wo etwas los ist. Ich könnte aufs College gehen. Mit so viel Geld wäre eine Menge möglich. Und ich muss nur eine Insel überqueren. Ist es die eine letzte Chance, um die ich Gott jede Nacht angebettelt habe?

»Wir könnten uns alle bewerben! Drei Chancen sind besser als eine«, legt er nach, was sofort auf maximale Zustimmung bei Liz trifft.

Ich kann nur noch an Mom denken. Nichts anderes füllt meine Gedanken. Keine Sekunde denke ich daran, was ich für die Bewerbung alles erbringen muss. Was genau benötigt wird. Welche Insel es ist. Keine Skepsis, weil die Sommerferien ja bereits in zwei Wochen beginnen. Alles scheint in diesem Augenblick nebensächlich. Auch wenn es utopisch ist – es könnte meine letzte Chance sein. Ich sage einfach nur: »Okay!«

KAPITEL 2

14 Tage später ...

$@#$@#$@#$@#$@#$@#$@#$@#$@#

I/NOVA NEWS

I/NOVA ISLAND CONTEST – Teilnehmer wurden ausgewählt!

Die 20 Kandidaten für den I/NOVA ISLAND CONTEST stehen fest. Aus mehr als 220.000 Bewerbern wurden per Zufallsprinzip 20 Jugendliche ausgewählt, die nun ihr Glück auf die Probe stellen dürfen. Auf einer Insel, fern ab von jeglicher Zivilisation! Es geht um zwei Millionen Dollar! Bereits nächste Woche startet der Contest und ihr könnt ihn live auf I/NOVA verfolgen!

Mit dabei sind die folgenden 20 Teenager.

$@#$@#$@#$@#$@#$@#$@#$@#$@#

Die kurze Strecke vom Bus rein ins Schulgebäude ist ein reiner Höllentrip. Die schlimmsten Meter, die ich je gelaufen bin. Hunderte Male habe ich den gepflasterten Weg zum Eingang mit der Aufschrift »LAYMOND HIGH« genommen, aber diesmal fühlt sich alles anders an. Sogar noch furchtbarer als der erste Schultag jedes Jahres. Und dann noch der Flur. Es kommt mir vor, wie ein ganzer Kilometer. Alle starren mich an. Und nein, das ist keine Einbildung! Ich friere, obwohl es doch schon Hochsommer ist. Die durchdringenden Blicke verfolgen mich auf Schritt und Tritt. Nicht ein einziger Schüler dreht mir wie sonst den Rücken zu. Sie wissen alle längst Bescheid. Daniel W. aus Gold Bay. In Gold Bay gibt es zwar einen weiteren Daniel, von dem ich weiß, aber der ist auch schon über dreißig, also definitiv kein Teilnehmer für den Contest von I/NOVA.

Die ersten Smartphones blitzen auf. Habe ich mir wirklich eingeredet, sie haben alle nichts davon mitbekommen? Wie ein Lauffeuer ging es einmal herum. Die angesagteste Videoplattform der Erde, und ich Volltrottel gehe ernsthaft davon aus, niemand hat sie gestern aufgerufen. Ich habe es zumindest gehofft. Wie gerne hätte ich dem Vorschlag von Chris zugestimmt. Einfach zuhause bleiben. Aber nein. Ich darf mir keinen weiteren Fehltag erlauben. Der letzte Schultag zählt auch als Schultag. Schon eine einzige Fehlstunde würde nach den letzten Monaten mein Aus an dieser Schule bedeuten. Das darf ich nicht riskieren. Was hätten wir auch den ganzen Tag machen sollen? Unsere Sachen sind längst gepackt. Schlafen funktioniert nicht. Liz legt einen Arm um meine Schulter und schleift mich wie ein Model neben sich her. Und Chris durchschreitet den Korridor wie der krasseste Typ, den die Laymond High je gesehen hat. Anschließend kramt Liz doch tatsächlich noch ihren Selfie-Stick heraus, klemmt das Handy von I/NOVA ein und filmt. Mich. Uns. Aber was könnte ich schon sagen. Schließlich hat I/NOVA geschrieben, dass wir mit den drei nigelnagelneuen Smartphones so viel wie möglich aus meinem Alltag filmen sollen. Das lassen sie sich natürlich nicht zweimal sagen. Aber warum gerade jetzt? Ich fühle mich neben ihr wie eine Trophäe. Eine, die von allen Seiten angegafft wird. Aber ihr fester Griff gibt mir zumindest etwas Halt. Sorgt dafür, dass mein erröteter Kopf nicht vor Scham platzt. Wie sehr ich es hasse, dass unsere erste Stunde in keinem Zimmer auf diesem ersten Abschnitt stattfindet. Gleich müssen wir erstmal nach rechts und dann noch ein weiteres Mal abbiegen. Aber so weit sind wir noch lange nicht, leider.

Zunächst müssen wir die Schar von Schülern überwinden, die uns wie die Götter im Olymp durch ihre Mitte schreiten lässt. Selbst die Idioten bleiben stehen und glotzen mich an, als wären sie soeben erst aus der Nervenanstalt entlassen worden. Was muss ihnen wohl durch den Kopf gehen? Denken sie, sie haben nun endlich den Durchblick? Kennen den Grund, weshalb der Spinner damals immer die letzten Stunden schwänzte? Dass er nicht nur früher Zuhause sein wollte, um die Füße hochzulegen, wie sie bisher vermuteten? Nun werden sie davon ausgehen, dass der Wettbewerb von I/NOVA der Grund ist. Ausgerechnet die Jungs, die mich in den letzten Monaten so oft verspottet haben, lassen mir nun massenhaft unterwürfige Blicke zukommen. Während Liz sich selbst präsentiert, neige ich meinen Kopf im Sekundentakt nach unten, um ihren scannenden Augen auszuweichen. Doch als ich dann immer wieder aufschaue, entdecke ich auch Gesichter, mit denen ich lange oder auch noch nie Augenkontakt hatte. Eine von ihnen ist Ann. Das vielleicht schönste Mädchen unserer Schule.

Jedenfalls das Mädchen, zu dem kein Junge hier nein sagen würde, kein einziger. Ihr Gesicht ist so makellos. Diese rehbraunen Augen, die glatten schulterlangen Haare, ebenfalls wie Ebenholz. Sie hat mich noch nicht mal mit dem Arsch angeguckt, in den ganzen Jahren nicht. Sie hatte eine Menge Gelegenheiten, so ist es nicht. Schließlich sind wir eine Jahrgangsstufe, also etliche Jahre in derselben Schule. Wie peinlich mir das gerade ist, kann sich kein Mensch ausmalen. Mein Kopf glüht, mein Herz hämmert im Dauertakt, meine Beine sind wie Wackelpudding. Immerhin scheint das ganze Theater Chris und Liz nicht zu stören. Ganz im Gegenteil. Sie haben Spaß. Mrs. Canudi. Sie sieht uns vollkommen perplex an und dann wundert sie sich über die anderen Schüler. Sie hat keinerlei Durchblick, was hier abläuft. Wenn wir sie jetzt gleich hinter uns lassen, wird sie sich erst mal bei einem Jungen oder Mädchen erkundigen.

»Jetzt sag doch mal was!«, ermahnt Liz mich lachend und zieht das Handy näher an mich ran.

Etwas sagen? Ich bekomme keinen Ton heraus. Einzig und allein die Hand kann ich zaghaft anheben. Könnte sich bitte der Boden unter mir auflösen und mich ganz schnell in sich aufnehmen? In meinem schlimmsten Albtraum stehe ich immer urplötzlich nackt vor allen versammelten Mitschülern. Und das Gefühl jetzt kommt dem schon ziemlich nahe.

»Daniel ist noch ein bisschen schüchtern, aber keine Sorge, er wird schon auftauen«, spricht Liz der Kamera mit einem Zwinkern entgegen.

Zum Glück sind wir jetzt um die Kurve. Nicht mehr weit. Das größte Übel ist vorerst überstanden. Aber viele verfolgen uns. Uff. Ich will noch gar nicht an die große Pause denken. Draußen auf dem Schulhof. Vielleicht doch eher abhauen? Schon nach der vierten statt der fünften Stunde? Ohne dass es jemand merkt. Nein. Es gibt eine klare Abmachung mit der Direktorin. Ich habe mich für die Arbeit in der Holzfabrik so oft wegschleichen müssen. Unzählige Stunden. Und nur eine weitere, dann bin ich weg hier. Wie sollte ich das Mom erklären? Sie weiß noch nicht mal was von der Arbeit, die mir Larry besorgt hat. Vielleicht kann ich mich ja unauffällig auf Toilette einschließen, wenn die anderen raus zur großen Pause gehen. Ich werde ansonsten von ihnen umringt sein. Jeder einzelne wird mich ausfragen wollen. Dabei weiß ich doch selbst noch gar nichts. Und das ist gerade mal der Anfang.

»Willst du nicht doch noch etwas sagen? Nicht? Na gut, dann war’s das erst mal hier aus der Laymond High, Leute«, sagt sie und beendet die Aufnahme mit einem angedeuteten Kuss. Wie sie in der Rolle aufgeht. Die Leute werden sie lieben.

»Er kann seine Teilnahme am Contest eh nicht mehr verspielen. Oder kann er doch?«, flüstert Chris anschließend Liz zu.

»Sicher nicht«, sagt sie entschlossen.

Oh Mann. Fürchtet er etwa um seinen New York Trip? Wie sehr er sich gestern gefreut hat, als wir das Video abgespielt haben. »Deine zwei besten Freunde darfst du mit nach New York nehmen«. Sie sind ausgeflippt.

Zwei unserer Mitschüler halten uns an. Sie wollen uns ausquetschen. Das sollen mal Chris und Liz regeln. Ich bleibe auf gar keinen Fall stehen, es ist schließlich nicht mehr weit bis zu unserem Unterrichtsraum. Er hat seiner Mom versprochen, dass er sein Bestes gibt, mich so gut es geht abzuschirmen. Wenige Meter später biege ich um die zweite und letzte Ecke des u-förmigen Schulbaus. Und bekomme einen neuen Schreck. Da steht sie vor mir. Das Mädchen, das für DIE Abfuhr meines Lebens verantwortlich ist. Julia.

»Hey«, sagt sie und lächelt.

Bis heute ist sie mir aus dem Weg gegangen. Jeden einzelnen Tag seit damals. Kein Blick, und wenn, dann nur ein ganz flüchtiger, den man lediglich als kühles Wahrnehmen verbuchen kann, wenn überhaupt. Ein Lächeln oder ein so aufgeschlossenes Wort wie jetzt: undenkbar! Das sagt schon alles. Auch sie weiß es. Wenn ich doch einfach vorbeilaufen könnte, ihr die kalte Schulter zeigen, wie sie es tat. Aber ich kann es nicht.

»Hi«, sage ich stattdessen.

Kann denn keiner der beiden schnell nachkommen und mich vorwärts in unseren Raum drücken? Dann wäre alles schnell wieder vorbei. Sie wartet auf etwas. Zeitlupenfeeling. Es wird mir alles noch einmal in Erinnerung gerufen. Was hatte ich damals erwartet? Eine Romanze à la Romeo und Julia? Ich heiße nicht Romeo, aber wie oft habe ich mir aber vor einem halben Jahr gewünscht, es wäre so. Ich habe mich oft gefragt, wie sich wohl zwei Teenager unserer Generation fühlen müssen, die Romeo und Julia heißen und aufeinandertreffen? Ob sie denken, es wäre alles vorherbestimmt? Entsteht womöglich eine magische Anziehungskraft, der man nicht entkommen kann? Trotz des Namens habe ich sie gespürt. Aber damit war ich wohl alleine. Ihre Augen erinnern mich sofort wieder an die Blumen. Natürlich, aus heutiger Sicht war es total kitschig und albern, aber ich habe damals einfach so viel für dich gefühlt. »Wieso hast du mir denn diese Blumen geschickt?«, hast du vorwurfsvoll gesagt. Wieso nicht, dachte ich mir. Es waren Rosen, ja. Aber keine roten, sondern rosafarbene. Ein Zeichen. Ich wollte dir damit etwas zeigen. Du hattest mich eine Zeit lang komplett ignoriert. Ohne einen verständlichen Grund, ohne Erklärung, von heute auf morgen. Obwohl wir fast täglich telefonierten und uns total mochten. Aber dann war alles ganz plötzlich anders. Funkstille. Die Rosen sollten etwas ausdrücken, dich bitten, mir eine Erklärung zu liefern. Sie wurden zu meinem größten Fehltritt, wie sich herausstellen sollte. Am nächsten Tag wussten es deine Mädels und dann die ganze Schule. Ich war wirklich der Meinung, dass da zwischen uns etwas ist! Schließlich hast du es zuvor mehr oder weniger zugegeben. Nicht direkt, aber indirekt schon. Doch mich zur Lachnummer zu machen und mich dann auch noch mehr oder weniger zu ignorieren, obwohl ich genau spürte, dass da trotz allem immer noch etwas ist. Ein paar Tage danach wollte ich raus zum Schulbus gehen. Sie hatte eine kleine Pause vor den letzten Stunden und war ebenfalls im Flur. Ich war so verletzt, dass ich mir geschworen hatte, einfach an ihr vorbeizulaufen.

Nichts sagen. Einfach nur an ihr vorbei und hoffen, sie begreift, was sie angerichtet hat. Doch dann berührte sie meine Schulter und hauchte mir ein »Warte!« entgegen. Genau so, wie man es aus einem Liebesfilm kennt. Mein Herz raste mindestens so schnell wie jetzt. Es sprang im Dreieck. Nein, im Viereck. Und wenn es etwas mit noch mehr Ecken gibt, dann ist es darin herumgesprungen. Ich habe dann auf eine Erklärung von ihr gewartet. Warum alles so gekommen ist, weshalb sie mich ignorierte. Irgendetwas. Es kam gar nichts dergleichen. Und ich weiß es bis heute nicht. Du hast diesen hollywoodreifen Augenblick nicht genutzt, um alles in Ordnung zu bringen. Stattdessen hast du geschwiegen und ich bin nach draußen gegangen. Ohne eine weitere Hand, die meine Schulter berührte. Aber mit einem gebrochenen Herzen. Es tat so weh. Vielleicht tut es das heute noch, und vielleicht wird es das mein Leben lang. Ich würde dir das wirklich gerne alles an den Kopf werfen. Jetzt in diesem Moment. Aber es wäre wohl einfach der falsche. Außerdem wüsste ich nicht, ob es dich überhaupt interessiert. Oder ob du nur meine Teilnahme am Contest vor Augen hast.

Sie merkt anscheinend, dass da von mir nichts kommt. Ihre Unterlippe wandert zwischen die Zähne. Was ist nur los? Die Luft wird knapp. Vorbei der undeutbare Augenblick. Ich muss meinen Inhalator aus der Jeans ziehen. Normalerweise hasse ich es, das vor anderen tun zu müssen, aber jetzt gerade ist es irgendwie total nebensächlich. Nachdem ich es inhaliert habe, klopft mir auch schon Chris auf den Rücken. So stark, dass ich husten muss.

»Die wollen alle wissen, wie du das geschafft hast«, sagt er und grinst. Dann drücken sie mich tatsächlich in den Raum. Dort angekommen, umzingeln uns zunächst nur Rob, Jamie, Jake und Dylan. Sie können es immer noch nicht fassen. Aber sie halten mir die anderen vom Hals. All jene, die in den letzten Wochen kaum mit mir gesprochen haben und sich nun aufführen, als würden sie ebenfalls zu unserem Kreis gehören. Es klingelt zum Unterricht. Ein Getuschel brandet auf. Rob dreht sich zu Chris um. »Und du und Liz dürft echt mit nach New York?«

»Ja«, flüstert Chris zurück.

»Alter, das ist so derbe krass. Bring mir ja was mit! Freiheitsstatue oder so was!«

Unsere Lehrerin gibt sich alle Mühe, die Aufmerksamkeit an sich zu reißen, aber sie scheitert kläglich. Allerdings scheint sie zu glauben, es liegt an den bevorstehenden Ferien, was alle ziemlich lustig finden. Anschließend legt sie eine DVD ein, doch auch diese sorgt nicht für Ruhe. Bereits nach ein paar Minuten pausiert sie den Film und fragt in die Runde, was mit uns allen los ist. Mein Bodyguard Chris übernimmt die Erklärung und löst damit die Lawine aus. Eine Frage nach der anderen kommt aus jeder Ecke des Raums geschossen. Da ich ja nun wirklich nicht der größte Redner bin, antworten Chris und Liz stellvertretend und auch total selbstverständlich. Dass wir selbst noch nicht besonders viel wissen, bis auf den Fakt, dass wir heute Nachmittag abgeholt werden, scheinen die anderen zunächst gar nicht glauben zu wollen. Unsere Lehrerin Miss White, von der ja bekannt ist, dass sie enorm offen gegenüber modernen Dingen ist (sie ist ja schließlich auch erst fünfunddreißig), interessiert sich offensichtlich am allermeisten für das Thema. Bisher war ich immer ihr persönlicher Problemfall. Wegen Moms Krankheit bin ich anfangs in der Schule total abgerutscht, sie hat mich aber immer unterstützt und auch bei der Direktorin war sie eine große Hilfe. Ohne sie wäre ich vielleicht längst von der Schule geflogen. Sie geht ziemlich realistisch an die ganze Contest-Sache ran, stellt gezielte Fragen, auf die ich selbst noch nicht antworten kann. Darunter auch einige zu meinen Gefühlen, als wäre das hier eine öffentliche Therapiesitzung.

Als die anderen weiter munter ihre Fragen einwerfen, schlägt sie mir vor, dass ich doch einfach nach Hause gehen könnte, um alles für die große Reise zu regeln. Dies hat allerdings zur Folge, dass die anderen sofort ihren Unmut äußern. Das offene Gespräch mit meiner Anwesenheit gefällt ihnen tausendmal besser als jede erdenkliche DVD. Sie versucht alle zu beruhigen und ihnen zu erklären, was das für ein enormer Druck für mich sein muss. Sie vergleicht es schließlich mit einer Welt, die über mir zusammenbricht und gleichzeitig eine neue entstehen lässt, mit der ich erst mal klarkommen muss. Eine ziemlich treffende Erklärung, wie ich finde. Und dann auf einmal offenbart Barry (einer der Jungs, die mich eigentlich immer wie Luft behandeln), dass ich bereits einen eigenen Kanal auf I/NOVA habe. Ich glaube, ich höre nicht richtig. Er hält uns sein Handy hin, woraufhin alle Köpfe sich nach unten auf ihre Smartphones richten, selbst Miss White sieht bei ihm nach, was es damit auf sich hat. Und wenn schon: Material gibt’s da ja eh noch nicht. Denkst du! Ich bin in einer Art Schockstarre, rutsche fast vom Stuhl. Auf dem Handy von Chris sehe ich das Video, das Liz eben im Flur aufgenommen hat. Mit der Überschrift »Der schüchterne Daniel«.

»Es muss direkt vom Handy hochgeladen worden sein«, sagt er zu mir.

Er hat recht. Das wäre die einzige Möglichkeit. Liz kann wohl kaum auf einen Kanal auf I/NOVA zugreifen. Auf einem anderen Handy sehe ich fünf weitere Videos. Die von gestern. Der nächste Kloß in meinem Hals. Wirklich jeder einzelne hat ein Video angestellt. Die Geräuschkulisse erhebt sich. Die Worte von Liz schallen durcheinander. Ein ständiges Echo fließt mit ein. »Alter, ich feier dich!«, »Wie krass!«, »Du bist ein Star!«. Einige entdecken sich sogar selbst. Na ja, wenigstens verliert keiner von ihnen ein negatives Wort, wegen meiner zurückhaltenden Art.

»Ist auch das Bewerbungsvideo zu sehen?«, flüstere ich Chris zu. Oh bitte nicht!

»Nein.«

Gott sei Dank! Wenigstens diese Peinlichkeit mit meinen dahin gestammelten Worten ersparen sie mir. Es ist mir weiterhin fraglich, wieso ich überhaupt ausgewählt worden bin. Wieso haben sie nicht Chris oder Liz genommen? Die sind doch wesentlich spannender als ich. Wenn ich unsere Bewerbungsvideos vergleiche, da liegen Welten dazwischen! Oder haben sie es ausgelost und ich war einfach nur einer der 20 Glückspilze. Egal. Es geht nur um das Geld. Den Rest muss ich irgendwie ertragen.

»Also gut, Daniel«, beginnt Miss White. »Willst du nicht doch lieber nach Hause gehen und alles in Ruhe verarbeiten und dich vorbereiten?«

Nach Hause gehen. Sie weiß bereits, dass ich bei Chris untergekommen bin. Kein anderer weiß es, insofern dürften alle, die mich heute Nachmittag sehen oder mit Fragen löchern wollen, zu meiner alten Wohnung gehen.

»Gute Idee, Miss White! Darf ich ihn nach Hause bringen?«, reagiert Chris.

»Klar«, sagt sie. »Nur macht euch jetzt los, damit wir hier wieder Ruhe reinbekommen. Eure Zeugnisse gebe ich euch aber gleich mit.«

Eigentlich habe ich erwartet, dass sich die anderen jetzt bemerkbar machen und die Ungerechtigkeit mit Buhrufen bekunden, aber sie halten sich komplett zurück. Sie sind auch alle beschäftigt, mit dem Aufnehmen von Videos. Während ich meinen Rucksack nehme und mit Chris aufstehe, rufen sie meinen Namen.

Miss White kommt uns mit den Zeugnissen entgegen. »Viel Spaß und viel Glück für den Contest wünschen wir dir!«

»Wir sehen uns!«, flüstert mir nicht nur Rob zu und klopft mir auf die Schulter. Es ist einfach nur surreal. Ein anderes Wort gibt es dafür nicht.

Viele stehen auf, laufen uns sogar nach. Aber Chris schirmt sie weitestgehend ab. »Macht’s gut, Leute«, sagt er. Dann schließt Miss White die Tür hinter uns.

»Beruhigt euch, Kinder«, höre ich sie noch sagen.

»Ich glaube das einfach nicht. Wie krass war das denn bitteschön?«, sagt Chris ziemlich aufgeputscht.

»Ich habe keine Ahnung«, keuche ich verstört von der ganzen Situation.

»Alter, was da heute in der Pause abgeht, will ich gar nicht wissen. Ich schreibe Liz mal, dass sie auch rauskommen soll.«

Der leere Flur, durch den wir im Eiltempo und so leise wie möglich laufen, um eine ähnliche Situation wie vorhin zu verhindern, lässt alles noch viel unwirklicher erscheinen. Ein Glück gibt es hier keine Fenster, durch die sie mich von ihren Räumen aus beobachten können. Die Luft draußen ist wie eine Erlösung. Ich sehne mich so sehr nach einem stinknormalen Alltag, nach dem von früher. Nicht nach dem, der von dieser schrecklichen Angst durchzogen ist. Von Wut auf Gott und die Welt. Und dann realisiere ich wieder, dass ich ganz anders als die anderen Novas sein werde. Für mich ist es kein bloßes Spiel um Geld. Für mich geht es nicht um Ruhm. Nicht um das, was sich eben da drinnen abgespielt hat. Hier geht es einzig und allein um ein Menschenleben. Das meiner Mom.

KAPITEL 3

»Schon aufgeregt?«, fragt Monica mich.

Wenn sie diese leicht stechenden Krämpfe in der Magengegend meint, dann ja. So ruhig wie sie, kann ich einfach nicht an diesem Tisch sitzen. Im Gegensatz zu ihrem Mann und Chris, der kurz darauf frisch geduscht erscheint, bekomme ich fast gar nichts runter. Monica bittet mich, wenigstens ein klein wenig zu essen. Ich mag es total, wie sie die Mutterrolle auch für mich übernimmt. Chris hasste es am Anfang, aber mittlerweile ist es ihm relativ egal. Wäre ich alleine in unserer alten Wohnung, würde ich wohl vor lauter Nervosität vor die Hunde gehen. Vielleicht hätte ich die Wohnung gar nicht aufgeben müssen. So viele Gedanken schießen wie ein Pinball durch meinen Schädel. Als dann auch Liz die Versammlung komplettiert, hält Monica eine kleine Ansprache.

»Also, passt auf, wir haben uns etwas überlegt: John wird sich als dein Vater ausgeben. Denn es könnte ja sein, dass Fragen kommen, wenn ich mich als deine Tante ausgebe. Ob ich denn überhaupt erziehungsberechtigt bin oder sonst was.«

Boom. Sie haben sich echt Gedanken gemacht, nachdem Chris sie gestern auf die Sache mit der Unterschrift angesprochen hat. Mit ihrer Lösung gehen wir jeglichen Problemen aus dem Weg. Es ist perfekt! Ich kann ihnen echt nicht genug dafür danken. Damit ist die letzte wacklige Hürde aus dem Weg geräumt. Falls es funktioniert. Anschließend legt sie ein leeres Blatt Papier auf den Tisch und lässt John immer wieder penibel genau mit »Williams« unterzeichnen. Als ich ihnen erzähle, dass mein Vater mit Vornamen Alexander heißt, setzt er noch ein »A.« davor. Als der Mittagstisch wieder abgeräumt ist, laufen alle wie aufgescheuchte Pferde durch die Wohnung. Die fünf Warmblüter, mich eingerechnet, können bereits riechen, dass ein riesiger Wirbelsturm aufzieht und bald über die Koppel fegt. Jeder für sich ist nervös, malt sich das Szenario aus. Irgendwann hören wir dann endlich Autos auf der Straße. Wir hasten zum Fenster. Ein gigantisch großer schwarzer Wagen. Ist der etwa gepanzert? Der schwarze Lack glänzt, als wäre er soeben frisch aus dem Autohaus gerollt. In jedem Fall habe ich solch eine Karre noch nie in echt gesehen. Unfassbar! Und keine Frage, das sind sie. Eine junge Frau steigt aus.

»Das ist sie, oder?«, haucht der Vater von Chris.

»Ja. Das ist die Victoria aus dem Video«, schwärmt Liz.

Jetzt geht’s los. Ich wusste bisher nicht, dass Hände so dermaßen schwitzen können. Wir gehen zur Tür. Eine halbe Ewigkeit vergeht, bis sie schließlich davorsteht. Monica bittet sie herein. Nacheinander stellen wir uns ihr vor, beginnend mit Liz. Victoria ist groß und sehr freundlich, aber auch unerwartet jung. Als Monica sie darauf anspricht, erfahren wir, dass sie gerade erst mit dem Studium fertig geworden ist und für ihren Einstieg ins Berufsleben I/NOVA gewählt hat. Dürfte nicht der schlechteste Einstieg sein. Sie macht jedoch keinen unsicheren Eindruck, ganz im Gegenteil. Im Wohnzimmer gibt sie uns erst einmal noch einen kleinen Überblick über das, was nun auf uns zukommen wird. Plötzlich hallen Wörter wie Privatjet und Schiff in meinem Kopf nach.

»Ich darf euch natürlich noch nicht zu viel verraten, aber in jedem Fall bekommt ihr für heute und morgen ein wunderschönes Hotel in New York in der Nähe der I/NOVA-Zentrale«, meint sie unter anderem.

Liz kriegt sich gar nicht mehr ein, Ihre Beine wippen auf und ab. Sie quetscht die Hand von Chris, bis er sie unter Schmerzlauten zurückzieht.

»Und Sie sind die Mutter von Daniel?«, fragt Victoria Monica anschließend.

»Die Mutter von Chris. Das hier ist der Vater von Daniel, Alexander Williams«, entgegnet sie und will noch die Hand auf den benachbarten Oberschenkel legen, bevor sie den Fehler aber selbst bemerkt und die Bewegung abrupt selbst unterbindet.

Ich kann ihr die Nervosität ansehen. Hoffentlich geht das gut. John setzt ein für ihn sehr seltenes zustimmenden Lächeln auf, bevor sich Victoria ihm zuwendet.

»Wollen Sie einmal über die Einverständniserklärung für Daniel schauen und sie dann mit ihm unterschreiben?«, fragt sie und greift zu ihrer Aktentasche.

»Klar«, erwidert Monica wie aus der Pistole geschossen.

»Mache ich«, übernimmt John ein Ticken lauter.

»Ich habe meine schon hier«, sagt Liz und drückt Victoria den Muttizettel in die Hand.

»Perfekt. Haben Sie auch so einen für Chris geschrieben?«

Monica geht zur Vitrine und holt die in den gleichen Worten verfasste Erklärung. Dann konzentrieren sich alle auf John, der den Vertrag in seinem Sessel überfliegt. Was wird da wohl alles drinnen stehen? Ich muss so oder so unterschreiben, mir kann es also relativ egal sein. Aber wird John vielleicht doch noch Muffensausen bekommen und die Unterschrift lieber doch nicht fälschen? Oder gar in der Aufregung mit seinem richtigen Namen unterzeichnen? Seine Hände zittern, könnte also echt so ablaufen. Das wäre dann die sichere Endstation für mich!

»Er ist dort auf der Insel vollkommen sicher? Ihm wird nichts zustoßen?«, hinterfragt Monica. »Keine Schlange, die ihn frisst?«

»Er ist vollkommen sicher! Keine gefährlichen Tiere! Die Teilnehmer werden außerdem vorher von Profis geschult, und erhalten das allerbeste Equipment. Es wird bis zum Start des Contests auch immer jemand an Daniels Seite sein. Und auf der Insel wird rund um die Uhr ein Kameramann jedes Team begleiten. Und der ist natürlich ebenfalls geschult. Sie werden auf I/NOVA sehen können, wie er sich so schlägt«, entgegnet sie mit einem professionellen Lächeln. Sie klingt weiterhin sehr professionell und vertrauenswürdig.

»Alles klar«, meint John daraufhin.

Victoria hält schon den Stift bereit. »Sie einmal ganz unten links. Daniel in der Mitte und rechts ist ja schon von Craig Holton, dem Geschäftsführer der I/NOVA Company, unterzeichnet worden.«

John legt den Vertrag mit der letzten Seite ganz oben auf den Couchtisch, rückt etwas vor und unterzeichnet. Victoria sieht gar nicht richtig hin. Dann reicht er mir sichtlich erleichtert Dokument und Stift. Puhhh! A. Williams. Ich kann beruhigt unterschreiben. Doch trotzdem zittern meine Hände.

»Und bitte auch noch mal hier. Das wäre dann ihr Exemplar«, sagt sie und reicht den gleichen Vertrag in neuer Ausführung.

»Na wunderbar, das wäre es dann so weit. Chris und Liz werden von uns am Montag zurückgebracht, wie Sie ja sicherlich schon wissen. Und hier ist noch meine Visitenkarte. Sie können mich rund um die Uhr anrufen, wenn es Fragen gibt. Wenn ich mal nicht erreichbar sein sollte, können Sie auch bei der I/NOVA Hotline anrufen, die steht ebenfalls drauf.«

Mit diesen Worten schließt Victoria das Gespräch ab. Für uns ist damit der Moment zum Aufstehen gekommen. Wir schnappen uns unsere Koffer, die schon an der Wohnzimmerwand parat stehen. Es liegt eine echt eigenartige Stimmung in der Luft, die ich nicht beschreiben kann. Was bin ich froh, dass die beiden mitkommen. Monica drückt mich fest, John alias Alexander umarmt mich, aber auch nur, um den Schein zu wahren. Sein Sohn bekommt jedenfalls nur einen Handschlag, aber das würde normalerweise auch nicht anders ablaufen, denn John ist überhaupt nicht der Typ Mensch, der Emotionen dieser Art zeigt.

»Benehmt euch bitte. Und unterstützt Daniel!«, gibt Monica Chris noch mit auf den Weg.

Dann geht es für uns nach draußen. Der Kofferraum ist so groß wie das ganze Auto von Monica, genau wie die Rückbank, auf der wir drei locker Platz finden. Der Mann im Anzug auf dem Fahrersitz sagt kein Wort, als wir ihn begrüßen.

»Schon süß, dass sich die Mom von Chris so sehr um dich sorgt, oder?«, äußert Victoria.

»Ja. Sie ist echt toll«, entgegne ich und muss beim Gesichtsausdruck von Chris aufpassen, dass mir kein Lacher entweicht.

Liz kann indes nicht mehr an sich halten. »Und wir fahren jetzt wirklich zum Flughafen und fliegen mit einem Privatjet nach New York?«

Victoria ist ziemlich amüsiert. »So sieht’s aus.«

»Das ist so verdammt krass. Ich bin, ungelogen, noch nie geflogen!«

Larry! Wie die berühmten Schuppen, die mir von den Augen fallen. Ich hatte es ihm versprochen! Ohne mich bei ihm zu verabschieden, kann ich unmöglich fahren.

»Könnten wir noch wo anhalten?«, frage ich.

»Wie lange denn?«

»Nur kurz. Es ist gleich hier vorne.«

Er hat noch Mittagspause, sein Kiosk öffnet erst um drei wieder. Trotzdem lässt er sich mit dem Öffnen der Tür dann doch ganz schön Zeit, wie ich nach dem schnellen Rausspringen aus dem Flaggschiff feststellen muss.

»Dan, du bist ja doch noch mal hier. Magst du reinkommen?«

»Sorry, ich kann nicht, muss gleich los«, sage ich zu ihm und überlege mir, was denn die passenden Worte für einen kurzen Abschied wären.

Er sieht kurz um die Ecke und entdeckt den Wagen. »Deine Reise beginnt jetzt?« Ich nicke.

»Aufgeregt?«

»Kannst du laut sagen. Ich mach mir echt gleich in die Hosen. Schon heut früh in der Schule, das war der Horror!«

Er muss grinsen. »Also, wenn du gewinnst, dann wirst du auf jeden Fall hier wegziehen müssen. Sonst kommen die ganzen Schmarotzer und wollen was abhaben«, meint er und grinst nur noch mehr.

»Wenn ich gewinne ...« Sicher wird er gestern Abend und heute im Kiosk von den Leuten auf den Contest und meine Teilnahme angesprochen worden sein. Die Menschen reden mit ihm über alles. Eins weiß ich auf jeden Fall. Wenn ich gewinnen sollte, dann würde er nie im Leben Ansprüche erheben oder mich nach Geld fragen. Und trotzdem wäre er der erste, der etwas abbekommt.

»Wir fahren jetzt zum Flughafen und fliegen nach New York City«, offenbare ich ihm.

Kein Neid, nur Freude für mich. Und plötzlich holt er eine Holzfigur aus der Hosentasche. »Hier. Von deiner Mom«, sagt er. »Damit du immer an sie denken kannst.«

Was? Es ist der Baby-Panda, meine allererste Holzfigur. Ich habe ihn für sie geschnitzt. Mittlerweile sind es ja schon locker vierzig Figuren, die auf der Fensterbank ihres Krankenhauszimmers stehen. Sie hat ihn damals bemalt, da konnte sie das noch. Er ist sozusagen unser Gemeinschaftsprojekt. Und auch ihr liebster Glücksbringer, weshalb mir fast die Tränen in die Augen schießen. Natürlich habe ich ihr bei meinem Besuch gestern Abend nichts von dem Contest erzählt. Das konnte ich einfach nicht. Sollte ich mit leeren Händen zurückkommen, würde sie das fertig machen. Ich hoffe, es wird auch niemand sonst tun. Als Ausrede habe ich ein Ferienlager genutzt, in das ich angeblich gemeinsam mit Chris und Liz fahre. Monica hat mich eingeladen, habe ich ihr erzählt. Sie hat sich so für mich gefreut. Ein Hupen ertönt.

»Sieht aus, als müsstest du jetzt los«, meint Larry. Ich blicke zurück. Er hat wohl Recht. Ich muss ihn zum Abschied einfach noch mal umarmen. »Viel Spaß wünsche ich dir und mach dir keine Sorgen um deine Mutter, ich werde immer nach ihr sehen! Du kannst dich voll und ganz darauf konzentrieren, den Koffer zu finden!«