Miss Bridgerton und der geheimnisvolle Verführer - Julia Quinn - E-Book

Miss Bridgerton und der geheimnisvolle Verführer E-Book

Julia Quinn

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Beschreibung

Neugierig erkundet Miss Poppy Bridgerton eine Schmugglerhöhle am Strand, als jäh zwei Männer auftauchen und sie überwältigen. Gefesselt findet sie sich kurz darauf in einer Schiffskabine wieder. Wurde sie von Piraten entführt? Verzweifelt versucht Poppy sich zu befreien, als Captain Andrew James eintritt. Selbst in ihrer misslichen Lage findet sie ihn umwerfend attraktiv - und dann verhält er sich auch noch überraschend zuvorkommend ihr gegenüber! Ungewollt fühlt Poppy sich immer mehr zu ihm hingezogen. Einem nächtlichen Kuss an Deck kann sie nicht widerstehen - ohne zu ahnen, wer ihr galanter Verführer wirklich ist …

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HISTORICAL GOLD erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2018 by Julia Quinn Originaltitel: „The Other Miss Bridgerton“ erschienen bei: Avon Books, an Imprint of HarperCollinsPublishers, New York Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL GOLDBand 363 - 2021 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Übersetzung: Petra Lingsminat

Abbildungen: Harlequin Books S. A, eyewave / Getty Images, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 03/2021 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751500852

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

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Widmung

Für Emily.Wenn ich sage, ich hätte es ohne Dich nicht hinbekommen, dann meine ich das wortwörtlich.Und auch für Paul.

Sag mir –aus welcher Richtung weht der Wind noch mal?

1. KAPITEL

Frühsommer 1786

Für eine junge Frau, die auf einer Insel aufgewachsen war – in Somerset, um genau zu sein –, hatte Poppy Bridgerton erstaunlich wenig Zeit an der Küste verbracht.

Wasser war ihr aber auch nicht unvertraut. In der Nähe des Familiensitzes gab es einen See, und Poppys Eltern hatten darauf bestanden, dass ihre Söhne schwimmen lernten. Poppy, die einzige Tochter, nahm Anstoß an der Vorstellung, dass sie die einzige Bridgerton sein würde, die bei einem Schiffbruch umkäme, was sie ihren Eltern auch mitteilte, in genau diesen Worten. Danach marschierte sie mit ihren vier Brüdern ans Seeufer und stürzte sich hinein.

Sie lernte schneller schwimmen als drei ihrer vier Brüder (sie mit dem ältesten zu vergleichen wäre nicht gerecht gewesen, natürlich hatte er den Bogen schneller raus als sie), und bis zu diesem Tag war sie ihrer Meinung nach die beste Schwimmerin in der Familie. Dass sie dieses Ziel vielleicht eher aus Trotz als aus natürlicher Begabung erreicht hatte, zählte nicht. Es war wichtig, schwimmen zu lernen. Sie hätte es auch dann getan, wenn ihre Eltern ihr ursprünglich nicht befohlen hätten, geduldig auf dem Rasen zu warten.

Höchstwahrscheinlich.

Aber heute würde sie nicht schwimmen gehen. Vor ihr lag das Meer, zumindest der Ärmelkanal, und das kalte Salzwasser war etwas ganz anderes als der stille See zu Hause. Poppy mochte ein Querkopf sein, aber sie war nicht dumm. Und nachdem sie ganz allein war, war auch niemand da, dem sie etwas hätte beweisen müssen.

Außerdem bereitete es ihr im Augenblick viel zu großes Vergnügen, einfach den Strand zu erkunden. Der nachgiebige Sand unter ihren Füßen, die salzige Seeluft – all das fühlte sich für sie ebenso exotisch an, als hätte man sie mitten in Afrika abgesetzt.

Nun ja, vielleicht nicht ganz, dachte Poppy, während sie in ein sehr vertraut schmeckendes Stück englischen Käse biss, das sie als Wegzehrung eingesteckt hatte. Trotzdem, das alles war neu für sie, und es war eine Abwechslung, und das zählte bestimmt auch.

Vor allem jetzt, da sich in ihrem übrigen Leben überhaupt nichts geändert hatte.

Es war beinahe Juli, und Poppys zweite Londoner Saison, zu der ihre adelige Tante Lady Bridgerton sie eingeladen hatte, war vor Kurzem zu Ende gegangen. Poppy hatte die Saison ebenso beendet, wie sie sie angefangen hatte – unverheiratet, ungebunden.

Und ein wenig gelangweilt.

Vermutlich hätte sie in London bleiben können, um den gesellschaftlichen Trubel bis zum Ende auszukosten, in der Hoffnung, dass sie vielleicht jemandem begegnen würde, den sie noch nicht kannte (unwahrscheinlich). Sie hätte die Einladung ihrer Tante ins ländliche Kent annehmen können, für den Fall, dass ihr einer der unverheirateten Gentlemen, die dort zum Dinner geladen waren, tatsächlich zusagen könnte (noch unwahrscheinlicher). Und natürlich wäre sie dann gezwungen gewesen, die Zähne zusammenzubeißen und den Mund zu halten, wenn Tante Alexandra von ihr wissen wollte, was sie am neuesten Aufgebot auszusetzen hatte (am allerunwahrscheinlichsten).

Das, was ihr zur Auswahl stand, war äußerst öde, doch zum Glück war ihr die liebe Elizabeth zu Hilfe gekommen. Ihre Kindheitsfreundin war vor einigen Jahren mit ihrem Ehemann, dem umgänglichen, gelehrten George Armitage, nach Charmouth gezogen.

George war von irgendwelchen dringenden Familienangelegenheiten nach Northumberland gerufen worden, Poppy wusste nicht, worum es sich dabei genau handelte, und Elizabeth war allein in ihrem Haus am Meer zurückgeblieben, im siebten Monat schwanger. Ans Haus gefesselt und sich nach Unterhaltung sehnend, hatte sie Poppy auf einen langen Besuch zu sich gebeten, und Poppy hatte die Einladung freudig angenommen. Für die beiden Freundinnen war es wie in alten Zeiten.

Poppy steckte sich noch ein Stück Käse in den Mund. Nun ja, abgesehen von Elizabeths ausladendem Bauch. Der war neu.

Er bedeutete, dass Elizabeth sie auf ihren täglichen Ausflügen ans Meer nicht begleiten konnte, aber das spielte keine Rolle. Poppy wusste, dass niemand sie je als schüchtern bezeichnet hätte, doch auch wenn sie grundsätzlich ein geselliger Mensch war, war sie auch gern mit sich allein. Und nachdem sie in London monatelang über Nichtigkeiten geplaudert hatte, empfand sie es jetzt als ziemlich angenehm, den Kopf in der frischen Seeluft frei zu bekommen.

Sie hatte jeden Tag versucht, einen neuen Weg zu nehmen, und dabei zu ihrem Entzücken auf halbem Weg zwischen Charmouth und Lyme Regis hinter den schaumigen Wellen, die ans Ufer schlugen, ein Höhlensystem entdeckt. Die meisten liefen bei Flut voll Wasser, doch nach eingehender Prüfung der Gegend ringsum war Poppy zu der Überzeugung gelangt, dass ein paar Höhlen trocken bleiben mussten. Sie war fest entschlossen, eine zu finden.

Nur wegen der Herausforderung natürlich. Nicht weil sie Bedarf hatte an einer stets trockenen Höhle in Charmouth, Dorset, England.

Großbritannien, Europa, der Welt.

Man musste die Herausforderungen nehmen, wie sie kamen, nachdem sie sich nun einmal in Charmouth, Dorset, England aufhielt und es sich dabei um einen eher entlegenen Winkel der Welt handelte.

Sie nahm die letzten Bissen ihres Mittagessens zu sich und linste zu den Felsen hinauf. Sie hatte die Sonne im Rücken, doch es war so hell, dass sie sich einen Sonnenschirm herbeiwünschte oder zumindest einen großen, schattenspendenden Baum. Es war herrlich warm, und sie hatte ihre Redingote zu Hause gelassen. Selbst das Fichu, das sie zum Schutz der Haut über dem Dekolleté trug, begann allmählich zu jucken und zu kratzen.

Aber sie hatte nicht die Absicht, jetzt umzukehren. So weit wie jetzt war sie noch nie vorgedrungen, hatte es überhaupt nur so weit geschafft, weil es ihr gelungen war, Elizabeths plumpe Zofe, welche die Freundin ihr als Begleiterin zur Verfügung gestellt hatte, dazu zu überreden, in der Stadt zu bleiben.

„Betrachten Sie es als zusätzlichen freien Nachmittag“, hatte Poppy mit gewinnendem Lächeln gesagt.

„Ich weiß nicht recht.“ Marys Miene war zweifelnd gewesen. „Mrs. Armitage hat ganz klar gesagt …“

„Seit Mrs. Armitage guter Hoffnung ist, hat sie doch keinen klaren Gedanken mehr gefasst“, unterbrach Poppy sie, während sie ihrer Freundin im Stillen Abbitte leistete. „Angeblich soll das für alle Frauen gelten, habe ich gehört“, fügte sie hinzu, in dem Versuch, die Zofe von ihrem Thema – Poppys Begleitung beziehungsweise der nicht vorhandenen Begleitung – abzulenken.

„Nun, das stimmt gewiss“, sagte Mary und legte den Kopf schief. „Als die Frau meines Bruders ihre Buben bekam, hab ich kein vernünftiges Wort aus ihr herausgebracht.“

„Ganz genau!“, rief Poppy aus. „Elizabeth weiß, dass ich allein hervorragend zurechtkomme. Ich bin schließlich kein junges Gemüse mehr. Eher eine alte Jungfer, heißt es.“

Während Mary ihr zu versichern suchte, dass dies ganz und gar nicht der Fall sei, fügte Poppy hinzu: „Ich will nur einen kleinen Strandspaziergang machen. Sie kennen das ja schon, schließlich haben Sie mich gestern begleitet.“

„Und vorgestern auch“, erwiderte Mary mit einem Seufzer. Offenbar fand sie die Aussicht auf einen weiteren Nachmittag körperlicher Betätigung wenig reizvoll.

„Und am Tag davor ebenfalls“, warf Poppy eifrig ein. „Und die ganze Woche davor auch, was?“

Das Dienstmädchen nickte trübselig.

Poppy verkniff sich ein Lächeln. Dazu war sie einfach zu gut. Der Erfolg lag bereits um die nächste Ecke.

Buchstäblich.

„Hier“, sagte sie und schob die Zofe auf eine gemütliche Teestube zu, „setzen Sie sich doch, und ruhen Sie sich aus. Das haben Sie sich weiß Gott verdient. Ich habe Sie ganz schön ermüdet, was?“

„Sie waren nichts als freundlich, Miss Bridgerton“, versicherte Mary rasch.

„Freundlich und anstrengend“, entgegnete Poppy, tätschelte Mary die Hand und öffnete die Tür zur Teestube. „Sie arbeiten so hart. Sie haben ein paar Minuten für sich verdient.“

Und so war Poppy entkommen, nachdem sie für eine Kanne Tee sowie einen Teller Kekse gezahlt und sich zwei Kekse in die Tasche gesteckt hatte, und war nun wunderbarerweise ganz allein.

Wenn es nur Damenschuhe gäbe, die sich dafür eigneten, Felsen zu erklimmen. Ihre Stiefelchen waren zwar die praktischsten, die für Frauen gefertigt wurden, konnten sich aber nicht mit dem strapazierfähigen Schuhwerk messen, das im Schrank ihrer Brüder stand. Sie setzte ihre Schritte äußerst vorsichtig, um sich nichts zu verstauchen. Auf diesem Strandabschnitt war nur wenig los – wer weiß, wie lang sie auf Hilfe warten müsste, wenn sie sich etwas brach.

Sie pfiff im Gehen, entzückt, sich derart ungehobelten Benehmens befleißigen zu können (ihre Mama wäre entsetzt gewesen, wenn sie das gehört hätte!), und entschied dann, dem Ganzen die Krone aufzusetzen, indem sie zu einer Melodie wechselte, deren Text sich für weibliche Ohren wahrhaftig nicht schickte.

„Oh, die Schankmagd ging hinab zum O-o-o-ozean“, sang sie munter, „um sich dort … Was haben wir denn da?“

Sie blieb stehen und betrachtete eine merkwürdige Felsformation zu ihrer Rechten. Eine Höhle. Es musste eine sein. Und so hoch über dem Wasserspiegel, dass sie bei Flut nicht überschwemmt werden würde.

„Mein Geheimversteck, Kumpels“, sagte sie, zwinkerte sich selbst zu und änderte die Richtung. Es schien genau der richtige Fleck für einen Piraten zu sein, fernab von allem, der Eingang von drei großen Felsbrocken verborgen. Wirklich ein Wunder, dass sie sie überhaupt entdeckt hatte.

Poppy zwängte sich zwischen den Felsen hindurch, wobei ihr auffiel, dass einer nicht ganz so groß war, wie sie ursprünglich gedacht hatte, und bahnte sich ihren Weg zum Höhleneingang. Ich hätte eine Laterne mitbringen sollen, dachte sie und wartete darauf, dass sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Allerdings hätte Elizabeth dafür sicher eine Erklärung von ihr gefordert. Schwer zu erklären, wofür man für einen mittäglichen Spaziergang am Strand eine Laterne brauchte.

Poppy tat ein paar winzige Schritte in die Höhle, tastete sich dabei vorsichtig voran, suchte mit den Füßen nach unebenen Stellen, da sie so gut wie nichts sah. Auch wenn es schwer zu beurteilen war, schien sich die Höhle weit nach hinten zu erstrecken. Sie ging weiter, beflügelt vom Entdeckergeist, arbeitete sich langsam vor zum rückwärtigen Teil … langsam … langsam … bis …

„Aua!“, schrie sie und verzog das Gesicht, als sie mit der Hand gegen etwas Hartes, Hölzernes stieß.

„Aua“, sagte sie noch einmal und rieb sich die Hand. „Aua, aua, aua. Das war …“

Ihre Stimme verklang. Wogegen sie auch gestoßen war, es war kein natürlicher Felsvorsprung. Eher fühlte es sich an wie die splittrige Ecke einer rohen Holzkiste.

Zögerlich streckte sie die Hand aus – vorsichtiger diesmal –, bis sie eine flache Holzplatte berührte. Kein Zweifel, es war eine Kiste.

Poppy kicherte verzückt. Was hatte sie da gefunden? Einen Piratenschatz? Schmugglerware? Die Höhle roch modrig und wirkte seit Langem verlassen, sodass das, was immer sie da gefunden hatte, vermutlich seit Ewigkeiten hier lagerte.

„Mach dich auf einen Schatz gefasst.“ Sie lachte und salutierte in der Dunkelheit. Eine rasche Überprüfung bestätigte, dass die Kiste viel zu schwer für sie war, und so strich sie über die Kante, um festzustellen, wie sie sie aufkriegen könnte. Verflixt. Sie war zugenagelt. Sie würde wiederkommen müssen. Und dabei hatte sie keine Ahnung, wie sie Elizabeth plausibel machen sollte, warum sie für einen einfachen Spaziergang Laterne und Brecheisen benötigte.

Obwohl …

Sie legte den Kopf schief. Wenn an dieser Stelle der Höhle eine Kiste stand – tatsächlich handelte es sich sogar um zwei, die man aufeinandergestapelt hatte –, wer konnte da sagen, was es weiter hinten zu entdecken gab?

Sie tastete sich mit ausgestreckten Armen weiter durch die Dunkelheit. Noch nichts. Nichts … nichts …

„Pass doch auf!“

Poppy erstarrte.

„Der Captain bringt dich um, wenn du das fallen lässt.“

Poppy atmete die vor Schreck angehaltene Luft aus, voll Erleichterung, als ihr klar wurde, dass die barsche männliche Stimme nicht an sie gerichtet war.

Doch die Erleichterung wich umgehend schrecklicher Angst. Langsam zog sie die Arme zurück, bis sie sie am Ende eng um sich geschlungen hatte.

Sie war nicht allein.

Mit unglaublich vorsichtigen Bewegungen schob sie sich so weit hinter die Kisten, wie sie konnte. Es war dunkel, sie war still, und wer die Leute auch waren, sie würden sie nicht sehen können, außer …

„Zündest du vielleicht mal die verdammte Laterne an?“

Außer sie hätten eine Laterne.

Ein Licht flammte auf und beleuchtete den hinteren Teil der Höhle. Poppy runzelte die Stirn. Hatten die Männer die Höhle von der anderen Seite betreten? Und wenn ja, wie waren sie hereingekommen? Wohin führte die Höhle?

„Wir haben nicht viel Zeit“, sagte einer der Männer. „Beeil dich, und hilf mir nach dem zu suchen, was wir brauchen.“

„Was ist mit dem Rest?“

„Der liegt da gut, bis wir wiederkommen. Es ist ohnehin das letzte Mal.“

Der andere Mann lachte. „Das behauptet zumindest der Käpt’n.“

„Diesmal meint er es auch so.“

„Der hört doch nie auf.“

„Na, wenn er es nicht tut, dann zumindest ich.“ Poppy hörte ein angestrengtes Grunzen, gefolgt von: „Ich werd zu alt für das alles.“

„Hast du den Felsbrocken vor den Eingang gerollt?“, fragte der Mann und stellte irgendetwas schwer atmend auf dem Boden ab.

Deshalb also hatte sie sich hereinzwängen können. Sie hätte sich fragen sollen, wie eine so große Kiste durch einen so kleinen Spalt passte.

„Gestern“, kam die Antwort. „Mit Billy.“

„Dem dürren Bürschchen?“

„Pah. Ich glaube, er ist jetzt dreizehn.“

„Ist das die Möglichkeit!“

Lieber Himmel, dachte Poppy, da sitze ich in einer Höhle mit ein paar Schmugglern fest – vielleicht sogar mit Piraten! –, und die schwatzen miteinander wie zwei alte Damen.

„Was brauchen wir noch?“, fragte die tiefere der beiden Stimmen.

„Der Käpt’n sagt, ohne eine Kiste Cognac sticht er nicht in See.“

Poppy spürte, wie ihr das Blut aus den Wangen wich. Eine Kiste?

Der andere Mann lachte. „Will er den verkaufen oder selber trinken?“

„Beides, nehm ich an.“

Wieder ertönte ein Lachen. „Dann sollte er uns besser was abgeben.“

Poppy sah sich panisch um. Von der Laterne drang genug Licht zu ihr herüber, dass sie ihre unmittelbare Umgebung ausmachen konnte. Wo zum Teufel sollte sie sich bloß verstecken? In der Wand der Höhle war eine kleine Vertiefung, in die sie sich hineindrücken könnte, doch die Männer hätten blind sein müssen, um sie zu übersehen.

Dennoch war es besser als ihr gegenwärtiger Standort. Sie zog sich zurück, rollte sich so klein zusammen, wie sie nur konnte, und dankte ihrem Schöpfer, dass sie an diesem Morgen nicht das sonnengelbe Kleid angezogen hatte. Gleichzeitig sandte sie ihr erstes echtes Gebet seit Monaten nach oben.

Bitte, bitte, bitte.

Ich werde ein besserer Mensch sein.

Ich werde ab jetzt immer auf meine Mutter hören.

Ab jetzt werde ich sogar in der Kirche zuhören.

Bitte, bitte …

„Jesus, Maria und Joseph!“

Langsam wandte Poppy das Gesicht nach oben zu dem Mann, der über ihr in die Höhe ragte. „Verloren“, murmelte sie.

„Wer bist du?“, fragte der Mann und hielt ihr die Laterne ins Gesicht.

„Wer sind Sie?“, gab Poppy zurück, bevor ihr einfiel, dass eine solche Antwort vielleicht ein wenig unklug war.

„Green!“, brüllte der Mann.

Poppy blinzelte.

„Green!“

„Was?“, brummte der andere Mann – der anscheinend Green hieß.

„Da ist ein Mädchen!“

„Was?“

„Hier drüben. Da ist ein Mädchen.“

Green kam herbeigeeilt. „Wer zum Teufel ist das?“, fragte er.

„Weiß ich nicht“, entgegnete der andere ungeduldig. „Sie hat’s mir nicht gesagt.“

Green beugte sich vor und schob sein wettergegerbtes Gesicht an Poppys. „Wer bist du?“

Poppy schwieg. Es kam nicht oft vor, dass sie den Mund hielt, aber jetzt schien ihr der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, damit anzufangen.

„Wer bist du?“, wiederholte er und stöhnte diesmal.

„Niemand“, antwortete Poppy. Es beruhigte sie ein wenig, dass der Mann eher erschöpft als wütend klang. „Ich war nur spazieren. Ich werde Sie nicht stören. Ich gehe einfach. Niemand wird je erfahren …“

„Aber ich weiß es“, meinte Green.

„Und ich auch“, sagte der andere und kratzte sich am Kopf.

„Ich werde kein Wort verraten“, versicherte Poppy ihnen. „Ich weiß nicht mal, was …“

„Verdammt!“, fluchte Green. „Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!“

Poppy blickte voll Panik zwischen den beiden Männern hin und her und versuchte zu entscheiden, ob es in ihrem Interesse wäre, noch etwas zum Gespräch beizutragen. Es war schwer abzuschätzen, wie alt die Männer waren, beide hatten das wettergegerbte Äußere, das die auszeichnete, die zu viel Zeit in Wind und Wetter verbrachten. Sie waren einfach gekleidet, in weite Arbeitshemden und Hosen, die in die hohen Stiefel gesteckt waren, die Männer gern trugen, wenn sie wussten, dass sie sich nasse Füße holen würden.

„Verdammt“, stieß Green noch einmal hervor. „Das hat uns gerade noch gefehlt.“

„Was sollen wir mit ihr machen?“, fragte der andere Mann.

„Weiß nicht. Hier lassen können wir sie jedenfalls nicht.“

Die beiden Männer schwiegen und starrten sie an, als wäre sie die größte Bürde der Welt, die nur darauf lauerte, sich auf ihre Schultern zu legen.

„Der Käpt’n bringt uns um“, meinte Green schließlich und seufzte schwer.

„Wir können aber doch nichts dafür.“

„Vermutlich sollten wir ihn fragen, was wir mit ihr tun sollen.“

„Ich weiß nicht, wo er ist“, gab der andere zurück. „Weißt du’s?“

Green schüttelte den Kopf. „Er ist nicht an Bord?“

„Nein. Er hat gesagt, dass er eine Stunde vor Abfahrt dort zu uns stoßen würde. Er muss sich noch um irgendwas Geschäftliches kümmern, hat er gesagt.“

„Verdammt.“

So viele Verdammts auf einen Schlag hatte Poppy noch nie gehört, aber es erschien ihr wenig sinnvoll, darauf hinzuweisen.

Green seufzte abermals und schloss die Augen. Seine Miene konnte nicht anders beschrieben werden als hundeelend. „Uns bleibt gar nichts anderes übrig“, sagte er. „Wir müssen sie mitnehmen.“

„Was?“, rief der andere entsetzt.

„Was?“, kreischte Poppy.

„Lieber Himmel“, brummte Green und rieb sich die Ohren. „Kam dieses Geschrei etwa aus deinem Mund?“ Er stieß einen weiteren tiefen Seufzer aus. „Ich bin zu alt für so was.“

„Wir können sie nicht mitnehmen!“, protestierte der andere.

„Hören Sie auf ihn“, sagte Poppy. „Offenbar ist er sehr intelligent.“

Greens Freund richtete sich ein wenig auf und strahlte. „Brown ist mein Name“, sagte er und nickte ihr höflich zu.

„Ähm, freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Poppy fragte sich, ob sie ihm wohl die Hand geben sollte.

„Glaubst du etwa, ich will sie mitnehmen?“, fragte Green. „Eine Frau an Bord bringt Unglück, vor allem eine wie die hier.“

Poppy riss angesichts dieser Beleidigung den Mund auf. „Also“, begann sie, wurde aber gleich wieder von Brown unterbrochen, der fragte: „Was gibt’s an ihr auszusetzen? Sie hat gesagt, ich wär intelligent.“

„Was ja nur beweist, dass sie es nicht ist. Und außerdem redet sie.“

„Sie doch auch“, warf Poppy ein.

„Siehst du?“, meinte Green.

„Ach, so schlimm ist sie doch nicht“, sagte Brown.

„Gerade hast du noch gesagt, du willst sie nicht mitnehmen!“

„Will ich ja auch nicht, aber …“

„Es gibt nichts Schlimmeres als ein schwatzhaftes Frauenzimmer“, grummelte Green.

„Es gibt eine Menge Dinge, die schlimmer sind“, wandte Poppy ein, „und Sie können von Glück sprechen, wenn Sie bisher nichts davon erfahren mussten.“

Green sah sie lange an. Sah sie einfach nur an. Und verkündete dann voller Pein: „Der Käpt’n bringt uns um.“

„Nicht wenn Sie mich nicht mitnehmen“, gab Poppy rasch zu bedenken. „Er wird es nie erfahren.“

„Doch, wird er“, sagte Green ominös. „Er erfährt immer alles.“

Poppy biss sich auf die Unterlippe und überdachte ihre Möglichkeiten. Davonlaufen würde sie ihnen wohl nicht können, und außerdem blockierte Green ohnehin den Weg zum Ausgang. Vielleicht könnte sie weinen und darauf hoffen, dass sie mit ihren Tränen ihr Herz erweichen konnte, vorausgesetzt, sie hatten überhaupt eins.

Sie sah Green an und lächelte zögernd, um das Terrain zu sondieren.

Green ignorierte sie und wandte sich seinem Freund zu. „Wann …“ Er hielt inne. Brown war weg. „Brown!“, schrie er. „Wo zum Teufel bist du hin?“

Browns Kopf tauchte über einem Stapel Boxen auf. „Ich hol nur ein Seil.“

Ein Seil? Poppy wurde die Kehle trocken.

„Gut“, brummte Green.

„Sie wollen mich doch gar nicht fesseln“, sagte Poppy. Anscheinend war ihre Kehle doch noch feucht genug, um etwas sagen zu können.

„Nein, wollen tu ich das nicht“, erwiderte er, „aber ich muss es trotzdem tun, daher sollten wir es uns nicht unnötig schwer machen, ja?“

„Sie glauben doch nicht etwa, dass ich mich von Ihnen einfach so fesseln lasse?“

„Das hatte ich gehofft.“

„Na, dann hoffen Sie mal schön weiter, Sir, denn ich …“

„Brown!“, rief Green.

So energisch, dass Poppy tatsächlich den Mund zumachte.

„Ich hab das Seil!“, kam die Antwort.

„Gut. Hol auch das andere Zeug.“

„Was für anderes Zeug?“, fragte Brown.

„Genau“, wiederholte Poppy unwohl. „Was für anderes Zeug?“

„Das andere Zeug“, sagte Green ungeduldig. „Du weißt, was ich meine. Und einen Lappen.“

„Ach, das andere Zeug“, sagte Brown. „Ist recht.“

„Was für anderes Zeug?“, wiederholte Poppy noch einmal, gerade als ihr durch den Kopf schoss, dass diese Beharrlichkeit unklug sein könnte.

„Du hast gesagt, du würdest dich wehren“, erklärte er.

„Ja, aber was hat das mit allem …“

„Erinnerst du dich, wie ich gesagt habe, dass ich für all das zu alt wäre?“

Sie nickte.

„Also, damit ist auch ein Kampf gemeint.“

Brown tauchte wieder auf, ein grünes Fläschchen in der Hand, das irgendwie medizinisch aussah. „Hier hast du es.“ Er reichte es Green.

„Nicht dass ich gegen dich nicht ankäme“, erklärte Green und entkorkte das Fläschchen. „Aber warum sollte ich? Warum sollte ich es mir komplizierter als nötig machen?“

Darauf hatte Poppy keine Antwort. Sie starrte auf das Fläschchen. „Wollen Sie mich zwingen, das zu trinken?“ Es roch ekelhaft.

Green schüttelte den Kopf. „Hast du den Lappen?“, fragte er Brown.

„Tut mir leid.“

Green seufzte noch einmal erschöpft und beäugte das Fichu, mit dem sie ihren Ausschnitt bedeckt hatte. „Dann müssen wir Ihr Busentuch nehmen“, sagte er zu Poppy. „Halt still.“

„Was machen Sie denn da?“, schrie sie und zuckte zurück, als er ihr das Fichu wegriss.

„Tut mir leid“, sagte er, und seltsamerweise klang es, als wäre es ihm damit ernst.

„Tun Sie das nicht!“ Poppy und wich so weit weg von ihm, wie sie konnte.

Doch sehr weit war das nicht, da sie die Wand bereits im Rücken hatte, und so sah sie voll Grauen zu, wie er eine großzügig bemessene Dosis der ekelhaften Flüssigkeiten auf das flüsterdünne Leinenfichu goss. Es saugte sich rasch voll, mehrere Tropfen fielen auf die Erde und verschwanden im feuchten Boden.

„Du wirst sie festhalten müssen“, sagte Green zu Brown.

„Nein!“, rief Poppy, als Brown die Arme um sie schlang. „Nein.“

„Tut mir leid“, erklärte Brown, und auch bei ihm klang es, als wäre es ihm ernst damit.

Green knüllte das Fichu zusammen und legte es ihr über den Mund. Poppy würgte, wehrte sich keuchend gegen die widerlichen Dämpfe.

Und dann verlor sie das Bewusstsein.

2. KAPITEL

Andrew Rokesby schritt über das Deck der Infinity, um das Schiff ein letztes Mal zu inspizieren, ehe er an diesem Nachmittag um Punkt vier die Segel setzen ließ. Alles schien in bester Ordnung, vom Bug bis zum Heck, und bis auf Brown und Green waren alle Männer vollzählig versammelt und gut vorbereitet auf die Fahrt, die vor ihnen lag.

„Pinsley!“, rief Andrew und blickte hinauf zu dem jungen Mann, der nach der Takelage sah.

„Jawohl, Sir!“, rief Pinsley hinunter. „Was gibt es, Sir?“

„Haben Sie Brown und Green gesehen? Ich habe sie vor einiger Zeit zur Höhle geschickt, damit sie von dort Nachschub holen.“

„Nachschub, Sir?“, fragte Pinsley und grinste frech. Jeder wusste, wonach Andrew Brown und Griffin wirklich ausgeschickt hatte.

„Ein kleiner Dreher am Steuerrad und Sie können sich da oben kaum noch halten“, warnte Andrew ihn.

„Sie sind unter Deck, Sir“, gab Pinsley immer noch grinsend zurück. „Hab sie vor einer Viertelstunde runtergehen sehen.“

„Unter Deck?“, wiederholte Andrew kopfschüttelnd. Brown und Green hatten alle Hände voll zu tun, es gab keinerlei Grund, warum sie sich unter Deck aufhalten sollten.

Pinsley zuckte mit den Schultern, zumindest glaubte Andrew, dass er das tat. Bei Gegenlicht war das schwer zu beurteilen.

„Sie haben ’nen Sack getragen“, sagte Pinsley.

„Einen Sack?“, wiederholte Andrew. Er hatte ihnen aufgetragen, eine Kiste Cognac zu holen. Jeder Mann hatte seine kleinen Schwächen, und seine waren Frauen an Land und französischer Weinbrand auf See. Er trank jeden Abend nach dem Essen ein Glas davon. So blieb das Leben zivilisiert, zumindest so zivilisiert, wie er es wollte.

„Hat ganz schön schwer ausgesehen“, fügte Pinsley hinzu.

„Cognac im Sack“, brummte Andrew. „Madre de Dios, inzwischen sind davon nichts als Scherben und Dämpfe übrig.“ Er blickte zu Pinsley hinauf, der dabei war, die Taue festzuzurren, und wandte sich dann zu dem schmalen Niedergang, der nach unten führte.

Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, vor dem Auslaufen der Infinity kurz mit jedem Besatzungsmitglied zu reden, unabhängig vom Dienstgrad. Das stellte sicher, dass jeder seine Rolle bei der jeweiligen Mission kannte, und die Männer wussten dieses Zeichen des Respekts zu schätzen. Die Besatzung war klein, ihm aber treu ergeben. Jeder hätte sein Leben für ihn gegeben, Andrew war das bewusst. Und zwar deswegen, weil sie wussten, dass ihr Captain für sie genau dasselbe tun würde.

Andrew oblag fraglos das Kommando, und an Bord befand sich kein Mann, der es gewagt hätte, einem seiner Befehle zuwiderzuhandeln, allerdings wäre es auch keinem in den Sinn gekommen, dies zu tun.

„Sir!“

Andrew sah sich um. Es war Green, der offenbar die andere Treppe hinaufgekommen war.

„Ah, da sind Sie ja“, sagte Andrew und bedeutete dem Mann, ihm zu folgen. Green war das dienstälteste Besatzungsmitglied, da er einen Tag vor Brown angeheuert hatte. Seither kabbelten sich die beiden wie zwei alte Weiber.

„Sir!“, wiederholte Green und hastete übers Deck, um ihn einzuholen.

„Reden wir beim Gehen“, sagte Andrew, drehte sich um und strebte dem Niedergang zu, durch den man zu seiner Kabine gelangte. „Ich muss ein paar Dinge in meiner Kabine festmachen.“

„Aber, Sir, ich muss Ihnen sagen …“

„Und was zum Teufel ist mit meinem Cognac geschehen?“, fragte Andrew, der zwei Stufen auf einmal nahm. „Pinsley sagte, Sie wären mit einem Sack an Bord gekommen. Einem Sack“, wiederholte er kopfschüttelnd.

„Ja nun“, begann Green und stieß ein merkwürdiges Geräusch aus.

Andrew wandte sich um. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Green schluckte. „Die Sache ist die …“

„Haben Sie eben geschluckt?“

„Nein, Sir, ich …“

Andrew drehte sich wieder um. „Wegen Ihres Halses sollten Sie mal Flanders aufsuchen. Er hat dafür irgendeinen Heiltrunk. Schmeckt teuflisch, aber er wirkt, das kann ich Ihnen versichern.“

„Sir“, sagte Green und folgte ihm den Gang hinunter.

„Ist Brown auch an Bord?“, fragte Andrew und packte den Türgriff zu seiner Kabine.

„Ja, Sir, aber, Sir …“

„Gut, dann können wir pünktlich ablegen.“

„Sir!“ Green schrie es beinahe und stellte sich zwischen Andrew und die Tür.

„Was ist denn, Green?“, fragte Andrew mit erzwungener Geduld.

Green öffnete den Mund, doch was es auch war, das er sagen wollte, es fehlten ihm offenbar die Worte dafür.

Andrew packte Green mit beiden Händen unter den Achseln und hob ihn aus dem Weg.

„Bevor Sie da reingehen …“, setzte Green mit erstickter Stimme an.

Andrew schob die Tür auf.

Und entdeckte eine Frau auf seinem Bett, gefesselt, geknebelt, die aussah, als würde sie aus den Augen Feuer spucken, falls so etwas anatomisch möglich gewesen wäre.

Andrew starrte sie an, nahm ihr dichtes, kastanienbraunes Haar in sich auf, ihre blitzenden grünen Augen. Er ließ den Blick an ihr herabwandern – sie war schließlich eine Frau – und lächelte.

„Ein Geschenk?“, murmelte er. „Für mich?“

Wenn sie aus dieser Sache lebend herauskam, würde sie jeden verdammten Mann an Bord dieses Schiffes umbringen, beschloss Poppy.

Den Anfang würde sie mit Green machen.

Nein, mit Brown.

Nein, auf alle Fälle mit Green. Brown hätte sie vielleicht gehen lassen, wenn sie Gelegenheit bekommen hätte, ihn dazu zu überreden, doch Green hatte nichts anderes verdient. Sie wünschte ihm und seiner gesamten Familie die Pocken an den Hals.

Bis ins letzte Glied.

Hmm. Das hieß ja, dass der ekelhafte Kerl eine Frau fände, die bereit wäre, sich mit ihm fortzupflanzen, und das hielt Poppy für wenig wahrscheinlich. Eigentlich, dachte sie grimmig, wäre das sogar höchst unwahrscheinlich, wenn ich erst einmal fertig mit ihm bin. Bei vier Brüdern lernte eine Frau jede Menge fiese Tricks, und wenn es ihr je gelänge, die Fußfesseln loszuwerden, würde sie ihm das Knie direkt in …

Klick.

Sie sah auf. Anscheinend bekam sie Besuch.

„Bevor Sie da reingehen …“, hörte sie eine bekannte Stimme sagen.

Die Tür schwang auf und offenbarte weder Green noch Brown, sondern einen Mann, der mindestens ein Dutzend Jahre jünger war als die beiden Gauner und so blendend schön, dass Poppy überzeugt war, sie hätte vor Staunen den Mund aufgerissen, wenn sie nicht geknebelt gewesen wäre.

Sein Haar war von einem satten, warmen Braun, von der Sonne gold gesträhnt, und war im Nacken zu einem verwegenen Zopf zusammengefasst. Sein Gesicht war schlicht und einfach perfekt, mit vollen, fein geschwungenen Lippen, die sich im Mundwinkel kräuselten, was ihm einen spitzbübischen Ausdruck verlieh. Und seine Augen waren so intensiv blau, dass sie ihre Farbe quer durch den Raum ausmachen konnte.

Diese Augen musterten sie nun von oben bis unten, von unten bis oben. Es war die intimste Prüfung, die ihr je widerfahren war, und, verdammt, sie spürte, wie sie errötete.

„Ein Geschenk?“, murmelte er und verzog ganz leicht die Lippen. „Für mich?“

„Mrrmh, grrmh, schrrmh!“, knurrte Poppy und kämpfte gegen die Fesseln.

„Ähm, von dem hier wollte ich Ihnen berichten“, sagte Green und trat neben dem geheimnisvollen Fremden herein.

„Von dem hier?“, wiederholte der andere Mann mit seidenweicher Stimme.

„Von der hier“, verbesserte sich Green. Die Worte hingen bleischwer in der Luft, als wäre sie eine Mischung aus Medusa und Maria der Blutigen.

Poppy funkelte ihn wütend an und knurrte wieder.

„Ach herrje“, sagte der Jüngere und hob eine Braue. „Ich weiß kaum, was ich sagen soll. Nicht mein üblicher Geschmack, aber doch ganz bezaubernd.“

Poppy beobachtete ihn misstrauisch, als er weiter in die Kabine trat. Er hatte kaum eine Handvoll Worte von sich gegeben, aber es reichte, um zu wissen, dass er kein geborener Matrose war. Er sprach wie ein Aristokrat, und er bewegte sich auch wie einer. Männer wie ihn kannte sie. Sie hatte die letzten beiden Jahre versucht (ohne sich wirklich zu bemühen), einen von ihnen dazu zu bringen, sie zu heiraten.

Der Mann richtete das Wort an Green. „Gibt es einen besonderen Grund, warum sie auf meinem Bett liegt?“

„Sie hat die Höhle entdeckt, Käpt’n.“

„Hat sie nach der Höhle gesucht?“

„Weiß nicht, Sir. Hab nicht gefragt. Ich glaube, es war Zufall.“

Der Captain betrachtete sie mit einem schon beängstigend gelassenen Blick, ehe er sich wieder zu Green umwandte und fragte: „Was, schlagen Sie vor, sollen wir mit ihr machen?“

„Ich weiß nicht, Käpt’n. Wir konnten sie doch nicht einfach dort lassen. Die Höhle war noch voll von dem Fischzug, den wir auf der letzten Fahrt gemacht haben. Wenn wir sie hätten ziehen lassen, hätte sie vielleicht jemandem davon erzählt.“

„Oder sie hätte sich die Sachen selbst unter den Nagel gerissen“, meinte der Captain nachdenklich.

Angesichts dieser Beleidigung stieß Poppy ein wütendes Geräusch aus. Als ob sie so prinzipienlos wäre, dass sie stehlen würde!

Der Captain betrachtete sie mit erhobenen Brauen. „Sie scheint dazu eine Meinung zu haben“, stellte er fest.

„Sie hat eine ganze Menge Meinungen“, erklärte Green.

„Tatsächlich?“

„Wir haben den Knebel rausgenommen, als wir auf Sie gewartet haben“, fuhr Green fort. „Nach einer Minute mussten wir ihn wieder reintun. Nach nicht mal einer Minute.“

„So schlimm, was?“

Green nickte. „Hat mich außerdem mit den Händen am Hinterkopf erwischt.“

Poppy gab einen befriedigten Laut von sich.

Der Captain drehte sich zu ihr um. Er wirkte beinahe beeindruckt. „Sie hätten ihr die Hände auf den Rücken binden sollen“, meinte er.

„Ich wollte sie nicht so lang losbinden, um sie neu zu fesseln“, brummte Green und rieb sich den Kopf.

Der Captain nickte gedankenvoll.

„Wir hatten keine Zeit mehr, die Höhle auszuräumen“, setzte Green seinen Bericht fort. „Und außerdem hat sie zuvor noch keiner entdeckt. Auch leer ist sie eine Menge wert. Wer weiß, was wir mal dort verstecken müssen.“

Der Captain zuckte mit den Schultern. „Jetzt ist sie wertlos.“ Er verschränkte die kraftvollen Arme. „Außer natürlich, wir bringen das Weib um.“

Poppy keuchte auf, laut genug, dass es trotz des Knebels deutlich zu hören war.

„Ach, keine Angst“, sagte er recht lässig. „Bisher haben wir noch keinen umgebracht, den wir nicht hätten umbringen müssen, und noch nie eine Frau. Obwohl“, fügte er hinzu und seufzte, „es schon ein oder zwei gegeben hat, die …“ Er sah auf und blendete sie mit seinem Lächeln. „Ach, vergessen Sie es.“

„Eigentlich, Sir“, sagte Green und trat vor.

„Hmm?“

„Da war doch die eine in Spanien. In Málaga?“

Der Captain sah ihn fragend an, bis die Erinnerung zurückkehrte. „Ach, die. Nun ja, das zählt nicht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob das überhaupt eine Frau war.“

Poppy machte große Augen. Was waren das nur für Leute?

Und gerade als sie dachte, dass es sich die beiden bei einem Drink würden gemütlich machen, ließ der Captain seine Taschenuhr mit einer präzisen, beinahe militärischen Geste aufschnappen und sagte: „In knapp zwei Stunden stechen wir in See. Wissen Sie überhaupt, wer sie ist?“

Green schüttelte den Kopf. „Das wollte sie nicht sagen.“

„Wo ist Brown? Weiß er es?“

„Nein, Sir“, kam Browns Stimme von der Tür her.

„Oh, da sind Sie ja“, sagte der Captain. „Green und ich haben gerade über diese unerwartete Wendung gesprochen.“

„Tut mir leid, Sir.“

„Sie können ja nichts dafür“, meinte der Captain. „Sie haben das Richtige gemacht. Aber wir müssen feststellen, wer sie ist. Ihr Kleid ist fein gearbeitet.“ Er deutete auf Poppys blaues Promenadenkleid. „Irgendwer wird sie vermissen.“

Er trat zum Bett und streckte die Hand nach dem Knebel aus, worauf Green und Brown auf ihn zusprangen. Green fiel im in den Arm, Brown warf sich zwischen den Captain und das Bett.

„Das wollen Sie nicht“, sagte Green unheilverkündend.

„Ich flehe Sie an“, bat Brown, „den Knebel nicht rauszunehmen.“

Der Captain hielt einen Augenblick inne und blickte von einem zu anderen. „Was wird sie denn tun, wenn Sie so gut wären, mir das zu verraten?“

Green und Brown schwiegen, doch sie wichen beide fast bis zur Wand zurück.

„Lieber Himmel“, sagte der Captain ungeduldig. „Zwei ausgewachsene Männer.“

Und dann löste er den Knebel.

„Sie!“, platzte Poppy heraus und spuckte Green dabei praktisch an.

Green erbleichte.

„Und Sie“, zischte sie in Browns Richtung. „Und Sie!“, schloss sie und funkelte den Captain an.

Der Captain ließ die Augenbrauen in die Höhe schnellen. „Und nachdem Sie uns nun Ihren reichhaltigen Wortschatz präsentiert haben …“

„Ich werde jeden Einzelnen von Ihnen umbringen“, fuhr sie unbeirrt fort. „Wie können Sie es wagen, mich zu fesseln und mich hier stundenlang liegen zu lassen …“

„Es war doch nur eine halbe“, protestierte Brown.

„Es hat sich wie Stunden angefühlt“, schimpfte sie, „und wenn Sie glauben, dass ich mir derartige Misshandlungen von einem Haufen Piraten …“

Sie hustete ausgiebig. Der verdammte Captain hatte ihr den Knebel wieder in den Mund gesteckt.

„Also“, sagte der Captain, „jetzt verstehe ich es.“

Poppy biss ihm in den Finger.

„Das“, sagte er seidig, „war ein Fehler.“

Poppy starrte ihn wütend an.

„Ach, und übrigens“, fügte er hinzu, fast als wäre es ein nachträglicher Gedanke, „wir ziehen die Bezeichnung Freibeuter vor.“

Sie knurrte und knirschte mit den Zähnen, so gut das mit dem Knebel im Mund möglich war.

„Ich befreie Sie von dem Ding“, sagte er, „wenn Sie versprechen, sich zu benehmen.“

Sie hasste ihn. Oh, wie sie ihn hasste. Nach nicht einmal fünf Minuten war sie überzeugt davon, dass sie im Leben noch nie so glühend, so intensiv gehasst hatte.

„Also schön“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Wir setzen um Punkt vier Uhr Segel, wenn es Sie interessiert.“

Und dann drehte er sich einfach um und ging zur Tür. Poppy gab ein zustimmendes Geräusch von sich. Es blieb ihr nichts anderes übrig.

„Können Sie sich benehmen?“, fragte er. Seine Stimme war ärgerlich weich und warm.

Sie nickte, doch ihr Blick war störrisch.

Er kehrte zurück zum Bett. „Versprochen?“, fragte er spöttisch.

Sie reagierte mit einer Bewegung, die einem wütenden Nicken gleichkam.

Er beugte sich vor und nahm den Knebel vorsichtig heraus.

„Wasser“, flüsterte sie keuchend, während es ihr zutiefst widerstrebte, um etwas zu bitten.

„Aber gern“, sagte er und goss ihr aus dem Krug auf dem Tisch ein Glas ein. Er hielt es ihr an die Lippen, während sie trank, da ihre Hände noch gefesselt waren. „Wer sind Sie?“, fragte er.

„Spielt das eine Rolle?“

„Jetzt vielleicht nicht, aber möglichweise später“, sagte er, „bei unserer Rückkehr.“

„Sie können mich doch nicht einfach mitnehmen!“, rief sie.

„Entweder das, oder wir müssen Sie töten“, erklärte er.

Ihr blieb der Mund offen stehen. „Also, das können Sie auch nicht machen.“

„Ich vermute mal nicht, dass Sie in Ihrem Kleid eine Waffe versteckt haben“, sagte er, lehnte sich mit einer Schulter an die Wand und verschränkte die Arme.

Überrascht biss sie sich auf die Lippen. Dann versuchte sie, ihre Reaktion zu überspielen, und sagte: „Vielleicht.“

Er lachte. Zum Kuckuck mit dem Kerl!

„Ich werde Ihnen Geld geben“, sagte sie rasch. Er war doch bestimmt käuflich. Er war ein Pirat, du liebe Güte. Oder nicht?

Er blieb vollkommen ungerührt. „Ich glaube nicht, dass Sie in diesem Kleid eine Börse voll Gold stecken haben.“

Angesichts dieser Spöttelei verfinsterte sich ihre Miene. „Natürlich nicht. Aber ich kann Ihnen welches besorgen.“

„Sie wollen, dass wir Lösegeld für Sie fordern?“, fragte er lächelnd.

„Nein! Natürlich nicht! Aber wenn Sie mich freigeben …“

„Niemand gibt Sie frei“, unterbrach er sie, „also hören Sie auf …“

„Ich bin mir sicher, wenn Sie darüber nachdenken …“, fiel sie ihm ins Wort.

„Ich habe lang genug darüber nachgedacht …“

„… werden Sie einsehen, dass es …“

„Wir lassen Sie nicht …“

„… wirklich keine gute Idee ist, mich …“

„Ich sagte, dass wir Sie nicht gehen …“

„… als Geisel hierzubehalten. Ich wäre Ihnen sicher im Weg, und …“

„Können Sie mal still sein?“

„… ich esse auch recht viel, und …“

„Hält sie eigentlich je den Mund?“, fragte der Captain und drehte sich zu seinen beiden Männern um.

Green und Brown schüttelten den Kopf.

„… ich wäre Ihnen sicherlich eine Last“, schloss Poppy.

Darauf herrschte kurz Schweigen, was der Captain zu genießen schien. „Sie liefern gute Argumente dafür, Sie umzubringen“, meinte er schließlich.

„Keineswegs“, widersprach sie rasch. „Es waren Argumente dafür, mich gehen zu lassen, sollten Sie es nicht verstanden haben.“

„Das habe ich offenbar nicht“, brummte er. Dann seufzte er erschöpft, das erste Anzeichen von Schwäche, und sagte: „Wer sind Sie denn?“

„Erst will ich wissen, was Sie mit mir vorhaben, bevor ich Ihnen verrate, wer ich bin“, entgegnete Poppy.

Er wies lässig auf ihre Fesseln. „Sie sind eigentlich nicht in der Lage, irgendwelche Forderungen zu stellen, meinen Sie nicht?“

„Was haben Sie mit mir vor?“, wiederholte sie. Vermutlich war es dumm, so halsstarrig zu sein, aber wenn er sie umbringen würde, würde er sie umbringen – ein Wutausbruch ihrerseits würde das weder in die eine noch in die andere Richtung beeinflussen.

Er setzte sich auf die Bettkante. Seine Nähe brachte sie ganz aus dem Konzept. „Ich tue Ihnen den Gefallen“, sagte er. „Bei aller Bissigkeit können Sie schließlich kaum etwas dafür, dass Sie hier sind.“

„Ich kann gar nichts dafür!“

„Sie lernen es nicht, was?“, fragte er. „Und dabei wollte ich nett zu Ihnen sein.“

„Tut mir leid“, sagte sie rasch.

„Sehr aufrichtig klingt das nicht, aber ich lasse es durchgehen“, meinte er. „Und sosehr es mich schmerzt, muss ich Ihnen sagen, dass Sie auf der Infinity die nächsten zwei Wochen unser Gast sein werden, bis wir die Reise hinter uns gebracht haben.“

„Nein!“, rief Poppy aus. Der entsetzte Schrei war ihr entschlüpft, bevor sie sich die gefesselten Hände auf die Lippen hatte pressen können.

„Ich fürchte, doch“, sagte er grimmig. „Sie wissen, wo unsere Höhle ist, ich kann Sie nicht zurücklassen. Bei unserer Rückkunft räumen wir sie aus und lassen Sie dann gehen.“

„Warum können Sie sie nicht jetzt gleich ausräumen?“

„Geht nicht“, erwiderte er schlicht.

„Das heißt, Sie wollen nicht.“

„Nein, es heißt, dass es nicht möglich ist“, stellte er klar. „Und Sie fangen allmählich an, mich zu verärgern.“

„Sie können mich nicht mitnehmen“, sagte Poppy mit brüchiger Stimme. Lieber Gott, sie hätte am liebsten geweint. Sie konnte es in ihrer Stimme hören, an den brennenden Augen spüren. Sie hätte gern geweint, wie sie schon seit Jahren nicht mehr geweint hatte, und wenn sie sich nicht in den Griff bekam, würde sie jetzt vor diesem Mann zusammenbrechen – diesem schrecklichen Mann, der ihr Schicksal in seinen Händen hielt.

„Schauen Sie“, sagte er, „ich habe ja Mitleid mit Ihrer misslichen Lage.“

Poppy warf ihm einen Blick zu, der besagte, dass sie ihm kein Wort glaubte.

„Doch“, bekräftigte er sanft. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, in die Ecke gedrängt zu werden. Es ist nicht schön. Vor allem nicht für jemanden wie Sie.“

Poppy schluckte, nicht sicher, ob sie die Worte als Kompliment oder Beleidigung auffassen sollte.

„Aber die Wahrheit ist“, fuhr er fort, „dass das Schiff diesen Nachmittag auslaufen muss. Der Wind und die Gezeiten stehen günstig, wir müssen gut vorankommen. Sie sollten Ihrem Schöpfer danken, dass wir keine Mörderbande sind.“

„Wie lautet das Ziel?“, flüsterte sie.

Er hielt inne, ließ sich ihre Frage offenbar durch den Kopf gehen.

„Spätestens wenn wir dort ankommen, werde ich es ohnehin erfahren“, sagte sie ungeduldig.

„Das ist wahr“, erwiderte er mit einem leisen, beinahe anerkennenden Lächeln. „Wir segeln nach Portugal.“

Poppy riss die Augen auf. „Nach Portugal?“, rief sie mit erstickter Stimme. „Portugal? Dauert das wirklich zwei Wochen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wenn wir Glück haben.“

„Zwei Wochen“, wisperte sie. „Zwei Wochen.“ Ihre Familie wäre außer sich vor Sorge. Sie wäre ruiniert. Zwei Wochen. Vierzehn Tage.

„Sie müssen mich einen Brief schreiben lassen“, drängte sie.

„Wie bitte?“

„Einen Brief“, sagte sie und bemühte sich, sich aufzurichten. „Sie müssen mir erlauben, einen zu schreiben.“

„Und was wollen Sie in einem solchen Schreiben mitteilen, wenn ich fragen dürfte?“

„Ich bin zu Besuch bei einer Freundin“, antwortete Poppy rasch, „und wenn ich diesen Abend nicht zurückkehre, wird sie Alarm schlagen. Dann wird meine gesamte Familie über die Gegend hereinbrechen.“ Sie sah ihm tief in die Augen. „Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass Sie sich das nicht wünschen würden.“

Er hielt ihrem Blick unverwandt stand. „Ihren Namen bitte.“

„Meine Familie …“

„Ihren Namen“, wiederholte er.

Poppy presste die Lippen zusammen und sagte dann: „Sie können mich Miss Bridgerton nennen.“

Er wurde bleich. Kreidebleich. Er ließ sich nichts anmerken, doch sie sah, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich, und zum ersten Mal in dieser Unterredung verspürte sie einen Anflug von Triumph. Nicht dass sie nun freikommen würde, aber es war ihr erster Sieg. Winzig natürlich, aber dennoch ein Sieg.

„Wie ich sehe, haben Sie von meiner Familie gehört“, meinte sie freundlich.

Er brummte etwas in sich hinein, von dem sie sich gewiss war, dass es in vornehmen Kreisen missbilligt worden wäre.

Langsam und, wie es schien, mit großer Selbstbeherrschung erhob er sich. „Green!“, bellte er.

„Ja, Sir!“, entgegnete der ältere Mann und stand stramm.

„Seien Sie so freundlich, und bringen Sie Miss Bridgerton etwas zu schreiben“, sagte er. Aus seinem Mund klang ihr Name wie schreckliches Gift.

„Jawohl, Sir.“ Green eilte hinaus, Brown folgte ihm auf dem Fuß.

Der Captain drehte sich mit entschlossenem Blick zu ihr um. „Sie werden genau das schreiben, was ich Ihnen sage“, erklärte er.

„Verzeihung, aber wenn ich das täte, würde meine Freundin sofort erkennen, dass etwas nicht stimmt. Sie würden nicht wie ich klingen“, widersprach Poppy.

„Ihre Freundin wird merken, dass etwas nicht stimmt, wenn Sie heute Abend nicht zurückkehren.“

„Natürlich, aber ich kann etwas schreiben, was sie beruhigt“, versetzte Poppy, „und auf die Art wenigstens verhindern, dass sie die Behörden einschaltet.“

Er knirschte mit den Zähnen. „Ohne meine Billigung wird der Brief nicht versiegelt.“

„Natürlich nicht“, sagte sie spröde.

Er blickte sie wütend an, sein Blick war gleichzeitig heiß und kalt und seine Augen so blau.

„Sie müssen mir die Hände losmachen.“ Poppy hob die Handgelenke in seine Richtung.

Er durchquerte den Raum. „Dazu warte ich auf Green.“

Poppy entschied, sich nicht länger herumzustreiten. In diesem Punkt schien er ebenso beweglich wie ein Gletscher zu sein.

„Welcher Zweig?“, fragte er plötzlich.

„Wie bitte?“

„Zu welchem Zweig der Familie gehören Sie?“ Seine Stimme klang scharf, jedes Wort wurde mit militärischer Präzision formuliert.

Eine freche Antwort lag ihr bereits auf der Zunge, doch die Miene des Captains verriet ihr, dass dies sehr unklug gewesen wäre. „Somerset“, sagte sie ruhig. „Mein Onkel ist der Viscount. Sie wohnen in Kent.“

Er verspannte sich sichtlich, und die Zeit verstrich schweigend, bis Green endlich mit Papier, einer Feder und einem kleinen Tintenfass zurückkehrte. Poppy saß geduldig da, während der Captain ihre Hände befreite, und dann atmete sie scharf ein, als ihr das Blut schmerzhaft in die Finger zurückfloss.

„Tut mir leid“, knurrte er, und sie sah abrupt zu ihm auf. Seine Entschuldigung hatte sie überrascht.

„Reine Höflichkeit“, erklärte er. „Kam nicht von Herzen.“

„Hätte mich auch gewundert“, gab sie zurück.

Er antwortete nicht, streckte ihr nur die Hand hin, als sie die Beine über die Bettkante schwang.

„Soll ich etwa zum Tisch hüpfen?“, fragte sie. Ihre Fußgelenke waren immer noch gefesselt.

„Ich wäre niemals so ungalant“, sagte er, und bevor ihr klar war, was er vorhatte, hatte er sie hochgehoben und trug sie hinüber zum Esstisch.

Und ließ sie dort kurzerhand auf einen Stuhl plumpsen. „Schreiben Sie“, befahl er.

Poppy nahm die Feder in die Hand und tauchte sie vorsichtig in die Tinte, während sie sich überlegte, was sie schreiben sollte. Womit könnte sie Elizabeth davon abhalten, während ihrer zweiwöchigen Abwesenheit die Behörden – und ihre Familie – zu verständigen?

Liebste Elizabeth, ich weiß, dass Du dir Sorgen machen wirst …

„Wieso dauert das so lang?“, herrschte der Captain sie an.

Poppy sah zu ihm auf und zog die Brauen hoch, ehe sie erwiderte: „Wenn Sie es unbedingt wissen wollen, so ist dies das erste Mal, dass ich Anlass habe, einen Brief zu schreiben, in dem ich zu erklären versuche – natürlich ohne es tatsächlich zu erklären –, dass ich entführt wurde.“

„Benutzen Sie nicht das Wort entführen“, sagte er streng.

„Natürlich nicht.“ Sie warf ihm einen beredten Blick zu. „Was erklärt, wieso es so lang dauert. Ich bin gezwungen, drei Worte zu verwenden, während ein vernünftiger Mensch mit einem auskäme.“

„Eine Fähigkeit, von der man annehmen sollte, dass Sie sie sich längst angeeignet haben.“

„Dennoch“, fuhr sie unbeirrt fort und versuchte ihn zu übertönen, „verkompliziert das die Botschaft.“

„Schreiben Sie“, wies er sie an. „Und sagen Sie, dass Sie einen Monat unterwegs sein werden.“

„Einen Monat?“, rief sie und keuchte.

„Hoffentlich nicht“, brummte er, „aber wenn Sie dann schon nach vierzehn Tagen zurückkehren, haben alle einen Grund zum Feiern.“

Poppy war sich nicht sicher, aber sie glaubte, gehört zu haben, wie er in sich hineinmurmelte: „Vor allem ich.“

Sie beschloss, es ihm durchgehen zu lassen. Es war die bisher mildeste Beleidigung, und sie hatte eine Menge zu tun. Sie atmete tief durch und schrieb weiter:

… aber ich versichere Dir, dass es mir gut geht. Ich werde einen Monat unterwegs sein, und ich muss Dich bitten, mein Verschwinden für Dich zu behalten. Bitte verständige weder meine Familie noch die Behörden, da sich Erstere nur sorgen und Letztere solche Geschichten über mich verbreiten würden, dass mein Ruf für immer ruiniert wäre.

Ich weiß, dass ich Dir eine Menge abverlange, und bei meiner Rückkehr wirst Du sicher tausend Fragen haben, aber ich flehe Dich an, Elizabeth – bitte vertrau mir, ich werde dir bald alles erklären.

Deine Schwester im Geiste,

Poppy

„Poppy, was?“, sagte der Captain. „Darauf wäre ich nicht gekommen.“

Poppy ignorierte ihn.

„Pandora vielleicht oder Pauline. Vielleicht sogar Prudence, wenn auch nur wegen der Ironie, denn umsichtig kann man Sie wohl kaum …“

„Poppy ist ein vollkommen akzeptabler Name“, schnauzte sie ihn an.

Er fixierte sie mit einem unangenehm eindringlichen Blick. „Sogar ganz entzückend“, murmelte er.

Sie schluckte unwohl. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Green gegangen war und sie mit dem Captain allein gelassen hatte. „Ich habe mit ‚Schwester im Geiste‘ unterzeichnet, damit sie weiß, dass ich nicht gezwungen wurde. So unterschreiben wir unsere Briefe immer.“

Er nickte und nahm den Brief entgegen.

„Oh, warten Sie!“, platzte sie heraus und zog den Brief wieder an sich. „Ich muss noch ein Postskriptum hinzufügen.“

„Tatsächlich?“

„Ihre Zofe“, erklärte Poppy. „Sie hat mich an dem Nachmittag begleitet, und …“

„In der Höhle hat sich noch jemand aufgehalten?“, fragte er alarmiert.

„Nein, natürlich nicht“, gab Poppy zurück. „Ich konnte sie in Charmouth loswerden.“

„Aber natürlich konnten Sie das.“

Sein Ton ließ sie ihm aus schmalen Augen einen Seitenblick zuwerfen. „Ihr mangelte es an der nötigen körperlichen Konstitution, mich zu begleiten“, erklärte sie mit übertriebener Geduld. „Ich habe sie in einer Teestube zurückgelassen. Glauben Sie mir, auf diese Weise waren wir beide glücklicher.“

„Und doch wurden Sie am Ende entführt und sind nun unterwegs nach Portugal.“

Dieser Punkt ging an ihn. Verdammt.

„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „könnte Mary Probleme bereiten, aber nur, wenn Elizabeth sie nicht mehr erreicht, bevor sie merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wenn Elizabeth sie bittet, nichts zu sagen, wird sie es auch nicht tun. Sie ist unglaublich loyal. Mary, meine ich. Na ja, Elizabeth auch, aber das ist etwas anderes.“

Er rieb sich über die Stirn, kraftvoll, als hätte er Mühe, ihr zu folgen.

„Lassen Sie mich jetzt das Postskriptum schreiben“, sagte sie und fügte hastig hinzu:

P.S.: Bitte versichere Mary, dass es mir gut geht. Sag ihr, dass mir zufällig einer meiner Vettern über den Weg gelaufen ist und ich beschloss, mit ihm einen Ausflug zu machen. Sie darf keine Indiskretion begehen. Besteche sie von mir aus, wenn es sein muss. Ich zahle es Dir zurück.

„Ihre Vettern?“, fragte er.

„Ich habe viele“, sagte sie, um einen unheilverkündenden Ton bemüht.