Miss Ich-Bin-Nicht-Verliebt - Saskia Louis - E-Book

Miss Ich-Bin-Nicht-Verliebt E-Book

Saskia Louis

4,5

Beschreibung

Marie Summer Sanddorn weiß eine Menge. Dass ihre Mutter viel zu alt ist, um Leopardenmuster zu tragen. Dass sie gerne schreien würde, wenn Menschen keinen Untersetzer für ihr Glas benutzen. Dass ihr Vater zwar immer Untersetzer benutzt, bei ihr aber die gleiche Reaktion hervorruft. Und dass es möglicherweise nicht das Schlauste war, vor fünf Jahren mit einem Fremden zu schlafen, nur weil es keine Eiscreme zu kaufen gab. Doch dann zieht dieser Fremde plötzlich als Nachbar ein und sie weiß gar nichts mehr. Denn es gibt nur eins, was sie mehr hasst als Unordnung in ihrem Wohnzimmer - und das ist Chaos in ihrem Herzen.

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Saskia Louis

MissIch-Bin-Nicht-Verliebt

© 2015 Saskia Louis

Umschlaggestaltung, Illustration: Antonia Sanker, Saskia LouisLektorat, Korrektorat: Simone Burgherr

Verlag: Buchtalent - eine Verlagsmarke dertredition GmbH, Hamburgwww.buchtalent.dewww.tredition.de

ISBN 978-3-8495-7245-7 (Paperback)ISBN 978-3-8495-9857-0 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meine Mutter, weil sie Leopardenmustern wirklich nichts abgewinnen kann

Prolog

„M ama! Er ist ein Arsch, das weißt du. Er hat bestimmt kleinen Mädchen Kaugummis in die Haare gesteckt, als er zur Schule ging. Also vor zwei Jahren!“ Ich trat durch die durchsichtige Drehtür und raffte den blauen Satinstoff um meine Beine hoch.

„Er ist kein Arsch“, flötete meine Mutter durch die Ohrmuschel meines Handys.

Wütend zog ich die Haarklammern aus dem sorgsam hochgesteckten Knoten und warf sie wahllos auf den Boden. „Du musst doch langsam dazu lernen. Such dir einen Spielgefährten in deinem Alter! Oder nimm gleich einen elektronischen Freund.“

„Wo bleibt denn da der Spaß?“

„Mutter!“ Ich konnte es nicht fassen! Das konnte mir meine Mutter nicht noch einmal antun. Immer und immer wieder waren ihr irgendwelche Kerle wichtiger als ich. Ihr einziges Kind!

„Sum, Schätzchen. Sei nicht so melodramatisch. Er ist 33, kein Kind mehr. Außerdem hast du deinen Mitschülerinnen auch Kaugummi in die Haare geklebt.“

„Nein“, sagte ich seufzend und nahm das Telefon in die andere Hand, um mich mit dem Arm auf der Rezeption abstützen zu können. „Das verwechselst du. Ich war es, die das Kaugummi in den Haaren hatte.“

„Oh.“ Schweigen. „Richtig. Das hatte ich vergessen.“ Na, vielen Dank auch. Ich hatte einen Jungenhaarschnitt bekommen und war für immer damit in der Abizeitung verewigt, und meine Mutter hatte nicht einmal die Erinnerung daran behalten. „Nun ja. Das ist ewig her. Du solltest das mal abhaken.“ Erneute Stille und ein kleines Kichern. Dann: „Ich muss los, Schätzchen, Simon ist da. Wir holen das ein anderes Mal nach. Einen schönen Geburtstag!“ Ein Schmatzgeräusch hallte durch die Ohrmuschel, dann klickte es. Sie hatte aufgelegt und mich einsam und allein in dieser viel zu großen Eingangshalle zurück gelassen.

Warum hatte ich nicht damit gerechnet, dass meine Mutter mich versetzte? Nur weil sie nicht aus ihren Fehlern lernte, sollte doch für mich nicht das Gleiche gelten.

„Und was mach ich jetzt?“, rief ich an die hohe Decke und in den menschenleeren Raum hinein. Meine eigene Stimme antwortete mir mit einem: Ich jetzt… ich jetzt…?

Das war mal wieder typisch. Mein ganzes Leben bestand aus einem Haufen Gegenfragen! Auf Probleme folgten neue Probleme.

Ich rückte mir den tiefen Ausschnitt meines Kleides zurecht und lugte in einen Spiegel hinter der verlassenen Rezeption.

Ich sah fabelhaft aus. Das Kleid war umwerfend und meine blonden Haare lagen in Wellen über meinen Schultern und verdeckten die spießigen Perlenohrringe, die ich nur meiner Mutter zuliebe angesteckt hatte.

Ich war es wert, zur Kenntnis genommen zu werden, und sei es nur von einem schmierigen Barmann. Wo ich schon einmal hier war - in diesem Hotel, dem bekannten Sinsa Black, das aussah, als würde eine Nacht hier ungefähr so viel kosten wie mein Monatsgehalt bei der Eisdiele, in der ich jobbte -, konnte ich genauso gut etwas trinken. Oder etwas mehr.

Ich würde mit der Kreditkarte meines Vaters bezahlen. Sein Geschenk an mich, wenn er schon nicht anrief, um mir zu gratulieren.

Ich raffte meinen Rock zusammen und reckte mein Kinn, als ich in Richtung der ausgeschilderten Bar schritt. Das hochnäsige Getue hätte ich mir sparen können. Außer einem pickligen Jungspund war niemand am Holztresen anzutreffen. Er schien der Barkeeper zu sein. Zumindest trug er eine alberne Weste und ein Namensschild.

Stöhnend ließ ich mich auf einen der Hocker sinken und legte meine Handtasche auf die Theke.

„Herr … äh … Barmann?“ Ich klopfte unsicher auf den Tresen. Womit sprach man einen Barkeeper an? Etwa mit seinem Vornamen?

„Ja?“ Er wandte sich mit einem Lächeln zu mir um. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich hätte gerne einen Drink, oder nein …“ Mitten im Satz besann ich mich anders. Alkohol würde niemandem helfen! „Ich hätte gerne ein Choclate Chip Eis. Von Häagen Dazs. Oder so etwas Ähnliches. Egal. Hauptsache Schokolade und Eis.“

Tom - so hieß er zumindest gemäß seinem Namensschild - wurde rot. „Entschuldigen Sie, Miss, aber Eis bieten wir hier nicht an.“

„Ist das Ihr Ernst?“ Ich zog die Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch. „Sie bieten hier kein Eis an?“

„Nun ja - wir sind eine Getränkebar.“

„Wollen Sie mir weismachen, dass nicht öfters verzweifelte Damen hier sitzen, denen es nach nichts anderem gelüstet als nach Schokolade in Form von Eis? Oder einer heißen Nacht mit einem völlig Fremden?“

„Nun ja … schon.“ Dem Mann war sichtlich unwohl. Pech gehabt.

„Und jedes Mal schmettern Sie diese ab!? Wissen Sie, dass fehlende Schokolade schon zu Selbstmorden geführt hat?“ Das war bestimmt nicht gelogen. Ich konnte mich nur gerade nicht spezifisch an solch einen Fall erinnern.

„Nein, das war mir unbekannt, Miss!“

Ungehalten tippte ich mit meinen Fingerkuppen auf den Tresen. „Und trotz dieser verzweifelten Damen haben Sie nicht daran gedacht, es in Ihr Sortiment zu nehmen?“

„Ja, wissen Sie“, stotterte Tom, „ich fürchte, dafür bin ich nicht zuständig …“

„Wer denn dann?“

„Der Geschäftsführer, denke ich, ich …“

„Und wer ist dieser Geschäftsführer? Ein kaltherziger alter Greis, der noch nie Liebe erfahren hat? Auf welcher Welt leben wir denn hier!“

„Miss, es tut mir leid, wenn Sie wollen, kann ich in den nächsten Supermarkt …“

„Nein, schon gut“, ruderte ich zurück und seufzte. „Es ist ja nicht Ihre Schuld. Tut mir leid. Machen Sie mir einen … einen Wodka Tonic.“

Tom schluckte, öffnete den Mund, vielleicht, um mich nach meinem Ausweis zu fragen, besann sich dann aber eines Anderen. Zu seinem Besten.

„Wodka Tonic, kommt sofort“, sagte er schließlich nur und wandte mir den Rücken zu.

Ich fühlte mich schlecht. Ich hatte ihn unnötig angebrüllt. Ich kannte ihn ja gar nicht. Er sah nicht aus, als hätte er Mädchen je Kaugummi ins Haar geschmiert.

Ich machte gerade den Mund auf, um mich zu entschuldigen, als ich hörte, wie der Hocker neben mir zurückgeschoben wurde und eine dunkle Stimme fragte: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Ich hob meinen Kopf und sah mich einem hochgewachsenen, braunhaarigen Mann gegenüber. Er trug ein weißes Hemd mit einem dunkelroten Pullover darüber.

Witzig. Eigentlich hatten meine Mutter und ich vorgehabt, uns hier hinzusetzen, um gerade solche Spießer abzuschmettern. Aber eine kleine Planänderung tat nichts mehr zur Sache.

Ich schüttelte den Kopf und lächelte. „Natürlich. Setzen Sie sich ruhig.“

Er lächelte zurück, seine Zähne so weiß, als hätte er sie mit Bleiche eingerieben, und rückte seinen Hocker näher.

„Was machen Sie hier so mutterseelenallein? Eine so hübsche Frau wie Sie?“

Mutterseelenallein. Das traf den Nagel auf den Kopf. Ich seufzte. Ich sollte ihm wahrscheinlich sagen, er solle zur Hölle fahren. Andererseits … was sollte es? Ich wollte nicht allein an dieser Bar hocken und ich würde diesen Typen nie wieder sehen. Da konnte ich ihm genauso gut mein Herz ausschütten. Außerdem war ich heiß!

Ich seufzte erneut, diesmal theatralischer, kippte den Wodka herunter, den Tom eben vor mich hingestellt hatte, und wandte mich dem Kerl zu. „Ich bin versetzt worden. Von meiner Mutter. Für einen Typen. Für einen Typen, der kaum zehn Jahre älter ist als ich.“

„Autsch.“

Ich prustete. „Autsch? Wohl kaum. Nein, daran bin ich gewöhnt. Wissen Sie, was das Verwerfliche daran ist? In zwei Monaten werde ich einen Anruf von ihr bekommen. Sie wird heulen und mich hysterisch darum bitten, sofort zu ihr zu kommen, damit ich ihre Welt wieder in Ordnung bringe. Ich werde hinfahren, sie wird mir erzählen, dass ihr Typ sie verlassen hat - üblicherweise mit der Begründung, der Altersunterschied sei zu groß, wobei alle wissen, dass es daran liegt, dass meine Mutter nicht zum Aushalten ist - und dann wird sie mir die schlimmste aller Fragen stellen. Sie wird fragen, ob ich finde, sie sei alt. Und wissen Sie, was? Ich sage ihr die Wahrheit, denn Herrgott, ja! Sie ist alt. Und schließlich, aus lauter Schuldgefühlen, weil es doch ein wenig taktlos von mir war, sie nicht anzulügen, werde ich mich dazu überreden lassen, ihren Ex zu verfolgen, nur um zu bemerken, dass er bereits eine andere, jüngere Freundin hat. Dann werde ich sie, da sie das Ganze ohne Alkohol natürlich nicht überstehen kann, im völlig besoffenen Zustand nach Hause fahren und ihr sagen, dass alles wieder gut wird, obwohl ich es besser weiß. Zum Schluss bleibt mir nur die Hoffnung, dass sie möglichst lange braucht, um einen neuen Freund zu finden. Bis jetzt wurde ich aber immer enttäuscht.“

„Wow.“ Der Fremde klang amüsiert. „Sie scheinen dieses Schema schon öfters mitgemacht zu haben.“

„Seit ich einen Führerschein habe. Das sind jetzt genau fünf Jahre.“

„Unglaublich.“

„Soll ich Ihnen noch etwas Unglaublicheres erzählen?“ Ich war so richtig schön in Fahrt. „Meine Eltern konnten nicht zu meinem Abiball erscheinen, weil sie einen Termin beim Scheidungsanwalt hatten. Wovon ich nichts wusste. Das war mein Geschenk zum Abi.“

Der Mann schwieg kurz, dann sagte er: „Ich weiß, ich kenne Sie nicht, aber Sie scheinen für diese Art von Leben, das Sie hinter sich und noch vor sich haben, doch erstaunlich gut geraten zu sein.“

Ich lachte frustriert und sah in das leere Glas vor mir. „Ja, nicht? Das denke ich auch jeden Tag.“

Ich drehte das Glas für einen Moment in meinen Fingern. „Soll ich dem Ganzen noch die Krone aufsetzen?“, fragte ich und wies Tom an, mir Wodka nachzuschütten.

„Es gibt noch eine Krone?“

„Heute ist mein Geburtstag“, sagte ich und stürzte den Wodka hinunter.

„Autsch“, wiederholte der Fremde nun lachend, „und herzlichen Glückwunsch. Wie alt sind Sie geworden?“

„Ich …“

Ein leises Prusten hinter mir machte es mir unmöglich zu antworten. Es hatte sich so gekonnt verächtlich angehört, dass ich automatisch meinen Kopf nach der Geräuschquelle umdrehte.

„Was?“, fragte ich und konnte nicht verhindern, dass mein Herz plötzlich in meine Kehle sprang.

Dieser Kerl war - mir fiel kein besseres Wort dafür ein - ein Mann.

Er war groß, vielleicht fünfzehn Zentimeter größer als ich mit meinen 1.70, trug Jeans und eine Lederjacke über einem gelben T-Shirt. Seine schwarzen Haare hingen ihm wirr in die Stirn, als hätte er nicht daran gedacht, sie heute Morgen zu kämmen, und seine Augen waren dunkler als Zartbitterschokolade, hatten aber den gleichen Mundwasser-zusammenlauf-Effekt wie diese.

Er stieß sich von dem Türrahmen ab und kam auf uns zu. Sein Grinsen war einfach nur unverschämt.

„Ich bitte Sie“, sagte er ruhig und deutete mit seiner flachen Hand auf den Mann neben mir. „Als würde es ihn wirklich interessieren, wie alt Sie sind. Er würde Sie auch anmachen, wenn Sie noch minderjährig wären.“ Er überlegte einen Moment und sah meine Bekanntschaft durchdringend an, dann sagte er: „Mhm … vielleicht gerade dann.“

„Entschuldigen Sie, aber haben wir Sie gebeten, sich in unser Gespräch einzumischen?“, erwiderte mein Bekannter, der sich sichtlich angegriffen fühlte.

Würde ich auch, wenn man mir unterstellt hätte, ich wäre pädophil.

Der Fremde zuckte die Schultern. „Das gebietet einem der Anstand.“

Wow. Das interessierte mich nun wirklich. „Von welchem Anstand reden Sie?“, fragte ich und schenkte ihm ein süffisantes Lächeln. Unbeabsichtigt. Ich konnte nicht anders, er war … lustig.

„Ach kommen Sie“, sagte er beinahe entrüstet. „Als würden Sie das nicht sehen!“ Er warf einen vielsagenden Blick auf das Hemd unter dem Pullover. „Er ist viel zu langweilig für Sie!“

Ich unterdrückte ein Lachen, während sich der Mann neben mir versteifte. „Sie entschuldigen mich“, sagte er schließlich mit einem verkniffenen Zug um den Mund. „Offenbar werde ich hier nicht mehr gebraucht.“ Ehe ich mich versah, war er aus der Tür gefegt.

Enttäuschend. Ein Kampf um meine Ehre wäre mir gerade recht gekommen.

Ich lehnte mich auf meinem Hocker zurück und starrte missbilligend nach oben. „Jetzt haben Sie ihn vertrieben“, sagte ich seufzend. „Dabei hatte ich eben begonnen, eine emotionale Bindung aufzubauen.“

Der Typ ließ sich neben mich fallen und wies Tom an, ihm ein Bier zu bringen.

„Sie sind mir etwas schuldig“, sagte der Mann nach dem ersten Schluck. „Ich habe Sie vor diesem Spießer gerettet, der sie offensichtlich nur ins Bett bekommen wollte.“

„Wollte er, ja? Und wie kommen Sie zu dieser unglaublichen Einsicht?“

Er prustete leise in sein Glas und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er mir direkt in die Augen sah. Irgendwie war dieser Blick intimer als die letzte Beziehung, die ich gehabt hatte. „Ich bitte Sie. Ihre so schön aufgewärmte Familientragödie war ja wohl so etwas wie eine Aufforderung!“

Ungläubig hob ich meine Augenbrauen. „Wie bitte?“

Ein spöttischer Zug umspielte seine Mundwinkel. „Sie hätten gleich sagen können, Sie seien emotional angeschlagen und leicht zu haben.“

„Ich bin nicht leicht zu haben!“, sagte ich empört.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß das. Sie haben diese Ausstrahlung, die die Männer wissen lässt, dass Sie sich für etwas Besseres halten, aber darüber sehen manche Kerle gerne großzügig hinweg.“

„Ahja“, sagte ich und verschränkte meine Arme. „Und Sie - als so unglaublich guter Menschenkenner - wissen natürlich genau, was in dem Kopf des Typs vorging, den Sie mir verscheucht haben?“

„Klar.“ Er strich den Kragen seiner Lederjacke glatt und ein Kribbeln in meinen Fingerspitzen sagte mir, dass ich seinen Händen nur zu gerne gefolgt wäre. Unter die Lederjacke vor allem.

Nun wurde mir wirklich heiß, nicht nur aus Scham wegen meiner Gedanken.

„Er hat Sie sich gerade nackt in seinen Armen vorgestellt.“

Die Stimmung war vorbei. Jetzt wurde ich aufmüpfig. Dieser Kerl hielt offenbar sehr viel von sich und seiner Fähigkeit, Menschen einzuschätzen. „Ach. Und Sie stellen sich mich also nicht nackt vor?“

„Das habe ich nie behauptet“, sagte er grinsend. „Ich meine, sehen Sie sich in diesem Kleid an. Selbst der Papst würde Sie gerne mit auf sein Zimmer nehmen.“

„Wow. Ich bin geschmeichelt. Alte, enthaltsame Säcke stehen also auf mich.“

Der Mann lachte ein tiefes, heiseres Lachen, das mir die Rückenhaare aufstellte. „Die und alle anderen auch.“

„Mhm.“ Ich rührte mit dem Papierschirmchen in meinem leeren Glas herum. „Und was unterscheidet Sie von all diesen Männern?“

Er lehnte sich näher zu mir. „Ich biete Ihnen, bevor ich mit Ihnen schlafe, noch eine einmalige Unterhaltung, die übers Wetter und ein „Autsch“ hinausgeht. Ich bin Ihr Typ. Er war es nicht. Er wäre nur Mittel zum Zweck gewesen, während man mit mir … Spaß haben kann.“

Mein Körper glaubte ihm. Mein Gehirn war eher misstrauisch. Allerdings nicht gegenüber diesem heißen Typen. Eher mir selbst und meiner nicht sehr One-Night-Stand tauglichen Seele gegenüber. Aber … Ich war jetzt dreiundzwanzig. Alt genug.

„Spaß haben klingt gut“, sagte ich leise und ließ ihn nicht aus den Augen. Er tat es mir gleich, sprach aber weiter.

„Was haben Sie jetzt vor? Sich betrinken?“

Ich schüttelte den Kopf und lächelte. In seiner Gesellschaft kam ich mir so… frei vor. Er kannte mich nicht. Ich könnte alles sein. „Das gehört nicht zu den Optionen.“

„Ach ja. Ihre zwei Optionen: Eis oder eine Nacht mit einem Fremden. Richtig?“ Er nahm noch einen Schluck von seinem Bier. „Interessante Logik.“

Ich wurde rot. Er hatte also gelauscht. Und wenn schon. Nie wieder. Ich würde ihn nie wieder sehen. Plötzlich wurde ich wagemutig. Vielleicht lag es an den zwei Wodka Tonic, vielleicht an meiner Frustration über meine Lebenssituation - blöder Job, verantwortungslose Mutter, enttäuschter Vater, kein Freund in Sicht. Vielleicht fand ich den Kerl einfach so furchtbar anziehend, dass ich vollkommen vergaß nachzudenken, und vielleicht dachte ich, es sollte nicht umsonst sein, dass ich ihn heute getroffen hatte.

„Finden Sie das interessant?“, fragte ich und ließ meine Haare auf meine Schultern fallen. „Vielleicht haben Sie es gehört …“, sagte ich langsam. „Es gibt kein Eis. Und die zweite Möglichkeit … können Sie mir sagen, wo ich einen Fremden herbekomme?“

Er kniff seine Augen leicht zusammen, als überlegte er, ob er mir trauen konnte. In ihnen blitzte so etwas wie Sorge auf. Aber nicht Sorge um ihn, sondern um - mich? Wusste er womöglich, dass ich eigentlich keine großartige Verführerin war? Nein. Wie sollte er.

„Wie heißen Sie?“, brach ich die Stille.

„Jayce.“

Ich hob die Augenbrauen. „Jayce? Das hört sich nicht sehr deutsch an.“

„Ich komme ursprünglich aus England.“

„Dafür sprechen Sie aber gut Deutsch“, sagte ich mit einem Lächeln. „Von dem berühmt berüchtigten englischen Charme hingegen kann ich nicht viel entdecken.“

„Danke.“ Er klang belustigt. „Sie sprechen auch sehr gut Deutsch.“

„Tja, ich komme ja auch von hier.“

„Wie heißen Sie denn?“

„Summer.“

„Auch nicht sehr landesüblich.“

„Mein erster Name ist Marie. Mein Rufname Summer. Meine Mutter liebt den Sommer. Ich bin im Herbst geboren: So hat sie sich an mir gerächt.“

„Mhm.“

„Was?“

„Einen Fremden, was?“

„Einen Fremden.“

„Um noch einmal auf meinen Charme zu sprechen kommen …“

Ich lachte. „Ja?“

Ohne Vorwarnung zog er mein Gesicht zu sich heran und küsste mich. Aber nicht einfach so.

Sein Mund nahm von meinen Lippen Besitz und Hitze breitete sich in meinem Körper aus.

So schnell, wie der Kuss angefangen hatte, beendete er ihn. Lächelnd sah er mich an. „Der Rest liegt bei dir.“

Er sah perfekt aus. Wie er da lag, schlafend in den weißen Laken, die Sonne in seinen Haaren. Braune Haut auf weißem Stoff. Er war der perfekte Mann. Zumindest von der äußeren Erscheinung her.

Ich atmete einmal tief ein, band mir mein Kleid auf dem Rücken zu und legte seufzend einen Untersetzer unter ein angefangenes Bier auf der Kommode.

Als ich den Raum verließ und die Tür leise hinter mir schloss, wurde mir etwas klar: Ich würde nie wieder so eine vollkommene Nacht erleben wie diese, und ich würde diesen Mann nie wieder sehen.

Beinahe konnte ich fühlen, wie mir bei diesem Gedanken das Herz ein Stückchen brach.

Kapitel 1

I don’t take care

I don’t“have in mind”

I know life isn’t fair

But I’m not going to be left behind

5 Jahre später …

D as Ziel einer jeden Frau ist es, keine Wärmflasche mehr benutzen und/oder besitzen zu müssen.

Ich hatte mindestens zwanzig.

Eine als Pinguin verkleidet, eine mit Herzchen bedruckt und eine mit Leopardenfell überzogen. Eine, die kochend Wasser beständig ist, eine, die nur für lauwarmes Wasser geeignet ist, und eine, die überhaupt nicht für Wasser geeignet ist, aber niedlich aussieht. Sie haben verschiedene Formen und Farben, sind von guter und schlechter Qualität, einige halten länger als andere.

Jede Einzelne habe ich mir nach einer weiteren gescheiterten Beziehung zugelegt (und das innerhalb der letzten fünf Jahre!). Jede Wärmflasche repräsentierte also einen Exfreund und langsam hatte ich keinen Bock mehr auf Wärmflaschen. Vielleicht sollte ich mich auf Kirschkernsäckchen umpolen oder irgendwas, aber das war nicht der Punkt. Ich hatte keinen Bock mehr auf das, was damit zusammenhing. Das ewige Kennenlernen, die ersten Momente, der erste Kuss, das erste Mal.

Ich weiß, viele meinen, das wäre das Aufregendste in der Beziehung, aber meiner Meinung nach sind das nur die Leute, die ihren Freund oder ihre Freundin dann auch für den Rest des Lebens behalten. In meinem Fall ist diese Umfrage also völlig irrelevant.

Aber ab heute, ab meinem 28. Geburtstag, würde ich keine einzige Wärmflasche mehr kaufen müssen. Und zwar, weil ich erst eine Beziehung eingehen würde, wenn ich mir bei dem Kerl sicher war. Wenn ich mir sicher war, dass die Beziehung nicht scheitern würde.

So. Ich war nun 28, mitten im überteuerten Germanistik-Studium - nach drei Semestern Jura und dem frühzeitigen Abbruch -, hatte theoretisch zwei Jobs und trotzdem Geldnot, keine Zeit mehr für und keine Lust mehr auf Männer, bei denen ich über eine Zukunft erst nachdenken musste, eine Mutter, die mich mit ihrem Liebesleben total überforderte und einen Vater … sagen wir, ich hatte einen Vater. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Das war doch keine Grundlage für eine positive Zukunft!

Deswegen: Noch ein Mann und keine Wärmflasche mehr.

Noch einmal ranklotzen: Meine Abschlussarbeit schreiben, die letzte Prüfung mit Bestnote bestehen, eine gut bezahlte Arbeit bei einem Verlag bekommen - und dann konnte ich den Spaß meines Lebens haben. Mit wem und wie ich wollte

„Auf Summer! Darauf, dass sie langsam eine wirklich alte Frau wird!“

Gläser wurden gehoben und es wurde angestoßen, so laut, dass selbst die Musik übertönt wurde, die meinen Nachbarn bestimmt den Schlaf raubte.

„Ellie!“, schrie ich meine beste Freundin lachend an. „Du bist vier Monate älter als ich!“ Sie zuckte die Schultern. „Ich bin eben auch eine wirklich alte Frau.“ Dann zog sie den nächstbesten Mann zu sich heran und gab ihm einen saftigen Zungenkuss. Sie zwinkerte mir zu. „Aber ich fühle mich nicht so…“ Der Mann starrte sie an. „Zieh Leine!“, winkte sie ihn lachend von sich. „Du warst nur mein Opfer!“ Der Kerl verschwand mit düsterer Miene und ich prustete den Sekt auf Olivier, meinen besten, französischen und ziemlich schwulen Freund.

„Hör nicht auf Ellie, Summer!“, schalte er meine Freundin und stopfte sich etwas vom Restbestand meines Geburtstagskuchens in den Mund. „Du bist nicht alt. Allerdings könnte man auf die Idee kommen, dich nun mit Madame anzureden …“ Feixend stellte er fünf kleine Wodka Pinnchen vor mir auf. „Wenn du das nicht in einem Wisch wegfegst …“

Das hatte er geplant. Da war ich mir sicher! Er wusste, wie leicht man mich vom Hocker hauen konnte.

Ich verengte meine Augen und fixierte den Wodka vor mir. Er sah so unscheinbar aus, so … durchsichtig. Und so viel war es doch wirklich nicht. Achtundzwanzig war noch nicht alt. Wenn ich die vor fünf Jahren noch hatte kippen können …

„Danke, dass du mir die Haare hältst“, würgte ich hervor, während ich meine Hände auf die kalte Kloschüssel stützte.

Ellie kicherte und hockte sich neben mich. „Man wäscht sich die Hände gegenseitig.“

„Das heißt: Eine Hand wäscht die andere“, bemerkte ich und übergab mich wieder. Ellie versetzte mir einen Klaps auf den Hinterkopf und mir wurde augenblicklich so schwindelig, dass ich fast umgekippt wäre - was Ellie wenig zu stören schien. „Wenn du es nicht verdienst, dein Germanistik-Studium abzuschließen, dann weiß ich auch nicht wer“, murmelte sie und zog sich fluchend ihre High Heels von den Füßen, die überall rote Druckstellen hinterlassen hatten.

„Ha“, brachte ich hervor, ließ meinen Kopf aber vorsichtshalber da, wo er war, und spuckte mehrmals, um den Geschmack aus meinem Mund zu bekommen. „Wenn ich das Geld für das nächste Semester zusammen kriege, habe ich das Studium so gut wie sicher!“

Ellie zögerte und strich mir eine feuchte Strähne aus der Stirn. „Ich weiß, du wirst jedes Mal wütend, wenn ich dir das sage, aber du müsstest dir das Ganze doch nicht so schwer machen, wenn du einfach …“

„Wenn du weißt, dass ich wütend werde, dann sprich das Thema einfach nicht mehr an!“ Zornig stand ich auf und hätte mich durch die ruckartige Bewegung fast auf Ellies atemberaubendes rotes Kleid übergeben.

Meine Freundin tappte mit ihrem Fuß ungeduldig auf den kalten Fliesenboden. „Ja, ja“, meinte sie unwirsch. „Ich verstehe nur nicht, warum …“

„Darum.“

Damit war das Thema für mich beendet. Ich unterstrich das mit meiner nächsten Frage. „Sind alle gegangen?“

Sie zuckte die Schultern und pulte mit ihren rot lackierten Fingernägeln zwischen den Fliesen herum. „Fast. Ich glaube, Olivier und Paul schlafen auf deinem Sofa.“

Meine Augen weiteten sich. „Sie …“

Ellie lachte. „Nein, sie schlafen wirklich nur.“

„Gut.“ Diese Art von Flecken wollte ich morgen früh wirklich nicht entfernen müssen. Erschöpft legte ich meinen Kopf auf die Toilettenschüssel. „Ellie …“, sagte ich nach einigen Momenten. „Wegen den zwei Mieten, die ich dir noch schulde …“

Ellie strich mir sanft über den Kopf. „Mach dir keine Gedanken. Das geht schon in Ordnung. Du kannst sie mir zurückzahlen, wenn du wieder einen Gig hast.“

Ich hätte sie gern umarmt, war aber zu schwach dafür. Deswegen musste ein leises „Danke. Hab dich lieb“ genügen.

„Ich dich auch … aber wenn ich jetzt nicht ins Bett komme, könnte sich das ändern“, stöhnte sie und versuchte, wieder aufzustehen. Ihre Knochen knackten und ihre schwarzen Ringellocken schienen den ganzen Raum einzunehmen.

„Das ist eine gute Idee. Ich glaube, da kommt jetzt nichts mehr aus mir raus.“

Wir schlichen auf Zehenspitzen aus dem Bad und durch das Wohnzimmer, das aussah, als hätten hier die Ritterspiele 2015 stattgefunden. Ich musste mich beinahe wieder übergeben, als ich den großen Puddingfleck - Puddingdusche meinerseits! - auf dem Teppich sah und daran erinnert wurde, wie viel Zeit ich morgen damit verbringen würde, ihn abzuwaschen.

„Nicht hinsehen, einfach nicht hinsehen. Lass das Biest in dir nicht herauskommen! Wir räumen morgen auf“, sagte Ellie und legte ihre Hand über meine Augen, damit ich das Chaos nicht länger ansehen musste. Sie wusste genau, was gerade in meinem Kopf vorging. Ich war dabei, die Fliesen zu putzen, den Teppich zu staubsaugen, die Wände zu scheuern - rein mental versteht sich.

Ellie brachte mich noch in mein Zimmer, das so ordentlich und aufgeräumt war, dass ich die Unordnung hinter mir sofort vergaß.

Naja. Fast.

„Schlaf schön“, flötete sie, zwinkerte mir zu und schlug die Tür hinter sich zu.

Ich blieb alleine in dem quadratischen und beschaulichen Raum stehen und versuchte, den Faden wieder zu finden.

Was hatte ich tun wollen? Achja. Kleider ausziehen. Oder aufräumen. Nur ein bisschen. Den gröbsten Teil.

Leise öffnete ich meine Schlafzimmertür …

„Summer, wenn du es wagst, auch nur einen Pappbecher anzurühren, schmeiß ich dich raus!“

Ich sollte mich wohl besser schlafen legen.

Als ich am nächsten Morgen um sieben Uhr meine Augen aufschlug, hätte ich schwören können, dass ein Elefant auf meiner Schläfe stand. Nachdem ich meinen Kopf jedoch ohne jede Schwierigkeit wenden konnte - das Geschepper, das der ständig rotierende Kreisel in meiner Innenhirnwand hinterließ, mal außen vor gelassen -, erinnerte ich mich, dass ich es gestern ein wenig mit dem Wodka übertrieben hatte. Richtig. Ich hatte meine Trinkfestigkeit beweisen wollen. Das war mir wohl nicht geglückt. Mhm. Zum Kotzen.

Da ich die Kotzerei schon hinter mir hatte, entschied ich mich, lieber mit dem Aufräumen anzufangen.

Nach einer zügigen Dusche schlüpfte ich in meine Pantoffeln und schlurfte durchs Wohnzimmer in die eingebaute Küche. Ich war gerade dabei, mehrere gelbe Säcke aus der Tür unter dem Spülbecken zu ziehen, als eine verschlafene Stimme hinter mir fragte: „Sum?“

Erschrocken fuhr ich zusammen. „Was zum …?“ Ich wandte mich um und ließ erleichtert meine Schultern sinken. „Olivier!“ Den hatte ich vollkommen vergessen. Ich sah über seine Schulter auf die Couch. „Wo ist Paul?“

Er ließ sich auf den nächst besten Stuhl plumpsen und runzelte die Stirn. „Ahja. Richtig. Weiß nicht. War er hier?“

Ich verkniff mir ein Lächeln. Wenigstens war ich mit meinem übermäßigen Alkoholkonsum gestern nicht alleine gewesen. Ich nickte. „Ja, war er.“

„Oh.“

„Ja. Oh.“

„Mhm. Bin ich als sein fester Freund dafür zuständig, ihn zu suchen?“

Ich zuckte die Achseln. „Willst du, dass er dein Freund bleibt?“

Unter viel Gestöhne stand Olivier auf. „Schön. Ich hab es verstanden. Ich gehe ja schon … Putzfreak.“

„Das habe ich gehört!“

Er streckte mir die Zunge heraus. „Ich hab es ja auch nicht leise gesagt“, erwiderte er und zog sich seine Designerjeans über seine Designerboxershorts, die die passende Farbe zu seinen Designersocken hatte. Als Concierge im Ritz verdiente man offenbar nicht schlecht. Vielleicht sollte ich mein Studium einfach hinwerfen und Zimmermädchen werden. Die hatten bestimmt weniger Geldprobleme als ich.

Olivier räusperte sich. „Wir haben doch nichts … ähm … Unzüchtiges auf deiner Couch gemacht?“

Ich schlug den gelben Sack auf und hob meine Augenbrauen. „Das hoffe ich für dich, sonst war es nämlich das letzte Mal, dass ich dir einen Platz auf meiner Couch angeboten habe.“

„Schön. Dann ist ja alles paletti.“ Er fuhr sich durch seine braunen Haare und grinste mich an. „Ich geh mal Paul suchen … wahrscheinlich sitzt er bei Starbucks und weint.“

„Weint?“

„Weil er sich einredet, mich gar nicht verdient zu haben“, sagte Olivier in einem Tonfall, der verlauten ließ, dass ich das hätte wissen müssen. Fehlendes Selbstvertrauen war noch nie sein Problem gewesen.

Ich beließ es bei einem kurzen „Ah“. Er hob noch einmal die Hand zum Abschied, wünschte mir einen schönen Tag, dankte mir für die super Party und war verschwunden.

Lächelnd sah ich die Tür an.

Schön. Ich mochte kein Geld haben, aber wenigstens hatte ich die besten Freunde, die man sich wünschen konnte.

Naja, abgesehen davon, dass sie mich immer wieder darauf hinwiesen, dass ich einen Putzfimmel hatte. Meine Frage wäre: Warum hatten sie keinen? Putzen war wie Therapie!

Ich packte meine Gummihandschuhe aus der Spüle, zog sie über und atmete ein paar Mal tief durch. Erleichtert, alleine zu sein und endlich Ordnung zu schaffen. Wenn Menschen um einen herum sind, ist das nämlich gar nicht so einfach, wie manche denken. Sie kommen auf die Idee, dir helfen zu wollen, und bringen dich dabei zur Weißglut. Menschen haben da ein Händchen für. Sie nehmen den Staubsauger und vergessen, dass er Kratzer auf dem Parkett hinterlässt, wenn man ihn nicht für den richtigen Boden einstellt. Sie benutzen Lappen, die nur für Gläser geeignet sind, um Töpfe zu reinigen. Ich habe da schon die verrücktesten Dinge erlebt.

Nur um das gerade zu rücken: Ich bin keine Bree van de Kamp, wie in Desperate Housewives. Ich bin keine psychotisch-neurotische Ordnungsfanatikerin, die alles perfekt haben muss.

Ich mag es eben nur sauber und bin mir der Tatsache bewusst, dass alle anderen um mich herum unfähig sind zu putzen. So einfach ist das.

Ich holte mir drei Messer aus der Küchenschublade, hielt sie prüfend hoch und entschied mich dann für das mit der stumpfen Klinge. Zuerst wollte ich mir den Puddingfleck vornehmen - nachdem ich beim Duschen sogar in meinen Haaren Überreste davon entdeckt hatte, erschien er mir wie das dringendste Problem.

Ich hockte auf den Teppichboden und hatte die vertrocknete Schicht abgekratzt, als es an der Tür klingelte. Mein Blick fiel auf die Wanduhr über dem Fernseher. Es war acht Uhr an einem Montagmorgen. Keine beliebte Zeit für Besuch.

Mein Mund verzog sich. Irgendwie ahnte ich, wer das sein könnte, und auf dieses Treffen hatte ich wirklich keine Lust.

Ich stand stöhnend auf und bewegte mich auf die Tür zu, an die jetzt hektisch geklopft wurde. Als ich durch den Spion sah, bestätigte sich mein Albtraum.

„Marie Summer Sanddorn! Du machst sofort diese Tür auf! Ich weiß, dass du wach bist, du stehst doch jeden Morgen um sieben Uhr auf, außerdem musst du gleich zur Uni! Ich kann hier auch so lange warten bis …“

Entnervt riss ich die Tür auf. „Mama! Würdest du ein bisschen leiser reden, meine Mitbewohnerin schläft noch!“

Pikiert sah meine Mutter auf ihre knatschroten Fingernägel, die „Nimm mich!“ zu schreien schienen. „Ich hätte nicht so laut geklopft, wenn du mir gleich geöffnet hättest.“

„Ich war im Badezimmer!“

„Das ist gelogen und das weißt du.“

Wusste ich. Kein Grund, es nicht zu leugnen. „Mutter, ich lüge dich nicht chronisch an.“

„Natürlich, Liebes“, sagte sie nur und trat über die Schwelle.

Sie trug ein rotes Kostüm, passend zu ihrem Lippenstift und ihren High Heels, die jede Nutte in den Schatten gestellt hätten. Wenn ich diesen Kommentar laut ausgesprochen hätte, wäre sie wahrscheinlich rot geworden. Vor Freude.

Sie strich sich mit ihren Nägeln durch das auftoupierte, wasserstoffblonde Haar und sah sich in der Wohnung um. Dann rümpfte sie angewidert die Nase.

„Hier sieht es ja aus wie im Saustall!“, bemerkte sie und taxierte die herumliegenden Becher und den Puddingfleck mit angeekelter Miene.

„Jap …“ Ich verkniff mir ein: Das bist du doch gewöhnt. „Ich war gerade dabei, aufzuräumen.“

„Mhm. Lass dich nicht davon abhalten.“ Sie drückte mir den gelben Sack in die Hand, den ich zuvor aufgeschlagen hatte. „Woher kommt der ganze Dreck denn?“ „Wie du vielleicht weißt, hatte ich gestern Geburtstag.“

Sie riss ihren Mund auf. „Ihr habt eine Party gefeiert? Und mich nicht eingeladen!“ Sie wirkte ernsthaft gekränkt.

„Tja, weißt du, Mutter“, sagte ich ruhig, „nachdem du mich die letzten Jahre an meinem Geburtstag immer versetzt hast, habe ich mir eine sichere Methode ausgedacht, nicht frustriert …“

„Aber es ist doch wirklich immer etwas Wichtiges dazwischen gekommen“, beschwerte sie sich und strich über ihren Rock.

Ich konnte meine ungläubige Miene nicht verbergen. Etwas Wichtiges? Brot für die Welt, SOS Kinderdorf, Sagrotan und meine nächste Miete waren etwas Wichtiges. Aber ihre jungen Kerle?

„Ja. Etwas Wichtiges. Etwas Wichtiges für dich.“

Eingeschnappt holte sie Luft. „Willst du damit etwa sagen, dass ich egoistisch bin und mich nicht um das Wohl meiner einzigen Tochter sorge?“

„Nun ja … ja. Nein. Nur selbstverliebt. Und eigennützig. Und selbsteingenommen. Ja, nein.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Egoistisch ist wohl schon das richtige Wort.“

Meine Mutter presste ihre Lippen aufeinander. Emotionaler würde sie nicht werden, das wusste ich, da musste ich mir keine Sorgen machen.

„Nun“, sagte sie mit hoher Stimme, „ich bin eigentlich nur vorbeigekommen, um dir noch einmal zum Geburtstag zu gratulieren. Persönlich. Aber da ich so eine eigennützige Person bin, tue ich das wahrscheinlich auch nur zu meinem Wohl!“

„Mein Gott, Mama“, stöhnte ich und warf einen Plastikbecher in den gelben Sack. „Werde doch nicht immer gleich so dramatisch. Außerdem kannst du mir nichts erzählen. Du willst doch irgendetwas von mir. Du kommst nicht um acht Uhr morgens zu mir, um mir nachträglich persönlich zu gratulieren.“

„Doch“, beharrte meine Mutter.

„Na dann. Danke sehr.“ Weitere Becher landeten im Sack. „Dein Geschenk ist übrigens angekommen. Danke für die Schuhe.“ Aus ihrem Schrank. Wir hatten die gleiche Größe und sie schenkte mir einfach die Schuhe, die sie zu oft getragen hatte. Aber ich wollte mich nicht beschweren. Sie waren immer noch in einem tadellosen Zustand und sie gab sich Mühe, Schuhe auszusuchen, die mir gefielen. Das musste ich ihr lassen.

„Bitte sehr. Ich fand die Farbe passend zu deinen Augen. Außerdem haben grüne Schuhe etwas Extravagantes. Das kann nicht jede Frau tragen, Schätzchen.“ Das war Mamas Art, Komplimente zu machen. „Danke. Kann ich dir vielleicht irgendetwas anbieten? Einen Tee, Kaffee?“

Meine Mutter setzte sich auf die Couch, sprang aber gleich wieder auf, weil sie sich auf eine dreckige Socke gesetzt hatte. Die gehörte wohl Paul. Sie schlenderte zum Fenster und hob den Vorhang an.

„Ähm. Nein danke, Schätzchen … zieht jemand bei euch ein?“

Ich zuckte die Achseln und folgte ihrem Blick auf die Straße, wo ein breiter Umzugswagen die Einfahrt versperrte. „Mhm. Sieht so aus. Wahrscheinlich wird die Wohnung nebenan endlich wieder vermietet. Die steht schon seit Monaten leer.“

„Aber warum? Diese Gegend ist doch sehr beliebt.“ Da hatte sie Recht. Man erreichte von hier das Universitätsgelände mit dem Fahrrad in nur zehn Minute und die coolsten Bars lagen direkt nebenan. Die Gegend hatte allerdings einen Nachteil.

„Die Wohnung kann sich einfach keiner leisten.“

Meine Mutter hob ihre dünn gezupften Brauen.

„Wieso das denn? Du wohnst doch auch hier.“

Ich seufzte. Das hatte ja kommen müssen. „Ja, aber ich teile mir die Miete mit Ellie.“ Mein Zimmer leisten konnte ich mir eigentlich trotzdem nicht. Wie mein Bankkonto mir jeden Monat mitteilte. Ich wollte nicht näher darüber nachdenken. Geld frustrierte mich.

„Ich meine ja nur …“, sagte sie und ließ den Vorhang wieder fallen. „Apropos Geld.“ Sie faltete ihre Hände und sah mir in die Augen. Erstes Anzeichen für mich, nervös zu werden.

„Was ist mit Geld?“

„Dein Vater hat mir immer noch nicht seine Unterhaltskosten zukommen lassen. Für den Oktober ist er wirklich überfällig! Ich sollte das Geld immer am Ersten des Monats bekommen!“

„Mhm.“ Ich nickte steif. „Und warum erzählst du mir das? Wieso sagst du das nicht ihm?“

„Ich hab es ja versucht!“

„Versucht?“, fragte ich langsam und ließ mir das Wort auf der Zunge zergehen. Versucht kam bei meiner Mutter gedacht gleich. „Wie hast du es versucht?“

„Ich habe ihn angerufen.“ So, wie ich meine Mutter kannte, hatte sie bei ihm zuhause angerufen, als sie genau wusste, dass er im Büro war, und auch nicht auf den Anrufbeantworter gesprochen.

„Wie oft?“

„Mehrmals! Aber das tut nichts zur Sache. Er hört sowieso nicht auf mich. Er will mir gar nicht zuhören!“

Ich verschränkte meine Arme. „Noch einmal: Warum erzählst du mir das?“

„Nun ja.“ Sie lächelte mich liebevoll an. „Ich dachte, wenn du es mal bei ihm versuchen …“

„Nein!“ Mein Kopf lief augenblicklich rot an und meinem Herz wurde ein Stich versetzt. „Mit mir will er genauso wenig reden! Wir haben keinen Kontakt, das weißt du.“

„Naja, er hat dir ein Päckchen zum Geburtstag geschickt, ich habe es im Flur gesehen, mir schenkt er nie etwas.“ Sie schien beleidigt.

Ich schnaubte. „Mich angerufen und mir gratuliert hat er aber nicht. Und um das Geschenk hat sich bestimmt seine neue Frau oder Sekretärin gekümmert. Egal was drin ist, ich will es nicht.“

„Willst du es denn nicht aufmachen?“

„Sollte ich?“

„Naja, damit du dich dafür bedanken kannst.“

„Bedanken?“

„Ja, die Höflichkeit würde ein Dankeschön verlangen.“

„Ja? Nun. Höflichkeit wurde in unserer Familie schon immer missachtet, falls es dir noch nicht aufgefallen ist. Warum sollte ich diese Tradition aufgeben?“

Meine Mutter wechselte schnell das Thema. „Bitte, Schätzchen. Tu’s für mich. Rede mit deinem Vater. Du weißt doch, was passiert, wenn er und ich in einem Raum sind. Das tut mir überhaupt nicht gut!“

„Es tut dir auch nicht gut, zu viel Wein zu trinken, und das hält dich trotzdem nicht davon ab!“

Meine Mutter umklammerte ihre Handtasche. „Bitte, Schätzchen.“

„Mama, ich habe wirklich keine Lust, mich darum zu kümmern. Regele deine Angelegenheiten endlich allein.“

„Ich brauche das Geld“, quengelte sie wie eine Fünfjährige, anstatt wie die fünfzigjährige Frau, die sie war.

„Du brauchst kein Geld“, belehrte ich sie. „Du brauchst jemanden, der dir beibringt zu sparen. So jemanden wie mich!“ Wenn es ums Sparen ging, war ich die Nummer eins. Ich sparte Strom, Wasser, Geld, Gedanken. Alles. Ich war unschlagbar.

„Ja, du sparst“, prustete meine Mutter. „Das sieht man. Nur schon an deinen Kleidern. Ich bin nicht so stillos wie du!“

Nicht wütend werden, nicht wütend werden, flüsterte ich mir in meinem Kopf zu, doch irgendwie … „Mutter! Ich habe Stil! Ich stehe nur nicht wie du auf den billigen Schlampenlook, der mich aussehen lässt, als wäre ich für fünf Euro zu haben!“

Meine Mutter fühlte sich keineswegs gekränkt. Meine Kritik an ihrem Auftreten bestärkte sie nur in ihrem Gefühl, gut auszusehen. Was ich stilloses Mädchen als stillos empfand, konnte ja nur Stil haben. So ungefähr.

Sie schnalzte mit der Zunge und zog übertrieben ihre Nase hoch. „Also? Wenn du mit deinen Anschuldigungen fertig bist: Wirst du deinen Vater daran erinnern, pünktlich zu zahlen?“

„Mama, ich will wirklich nicht dazwischen …“

„Achtzehn Jahre meines Lebens! Achtzehn Jahre habe ich dir geopfert.“ Sie presste ein paar Tränen aus ihrem Augenwinkel. „Ich habe dich gut erzogen, dir alles gegeben, was du brauchtest, und was ist der Dank? Gezeter an meinem Aussehen und nicht einmal einen klitzekleinen Gefallen willst du mir tun.“

O Gott. Wie ich das hasste! Sie wusste genau, dass sie mir lange nicht alles gegeben hatte, was ich brauchte, dennoch appellierte sie jedes Mal an mein schlechtes Gewissen, weil ich ihre Figur ruiniert hatte! Und ich sprang jedes Mal darauf an. Ich konnte mir nicht helfen, ich gab nach.

„Schön“, murrte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich rede mit ihm. Aber ich werde mich nicht für mein Geschenk bedanken.“

Die Augen meiner Mutter waren schlagartig trocken. „Oh, danke Schätzchen. Und natürlich musst du dich nicht bedanken. Höflichkeit ist wirklich ein Fremdwort für diese Familie.“

„Mhm“, murmelte ich und begann wieder, den herumliegenden Müll in den gelben Sack zu werfen. Meine Mutter schaute zu. „Und wie geht es deinem Freund?“, fragte ich nach einer Weile, nicht weil ich es wirklich wissen wollte - ich machte mir auch schon lange nicht mehr die Mühe, mir die Namen zu merken -, sondern um die Stille zu überbrücken.

Mama strahlte mich an: „Sieh mal, was er mir geschenkt hat.“ Sie streckte ihren Arm aus und hielt mir ein glitzerndes, protziges Diamantarmband mit diversen Anhängern unter die Nase.

„Wunderschön“, bemerkte ich trocken. Meine Mutter hatte bestimmt mehr solcher Schmuckstücke als ich Wärmflaschen.

„Genau wie seine Trägerin, das hat er gesagt“, schwärmte sie und klatschte aufgeregt in die Hände.

„Er ist ein Traum“, flötete sie weiter und setzte zu der Rede an, die ich bereits auswendig kannte, so oft hatte ich sie von ihr gehört, kaum war die Tinte auf ihren Scheidungspapieren getrocknet. „Ich glaube, diesmal hält es. Er ist so liebenswert und gut aussehend und so … so …“

„Vermögend?“, half ich ihr nach.

Meine Mutter verdrehte ihre leuchtenden Augen. „Wie kommst du denn darauf?“

Ich runzelte die Stirn und nickte auf ihr Armband. Sie folgte meinem Blick und fing erneut an zu kichern. „Ach ja, richtig. Vermögend ist er auch. Diesmal ist es wirklich der Richtige.“

„Wie lange seid ihr denn schon zusammen?“

„Schon über einen Monat.“

„Wow“, sagte ich und meinte es so. Die wenigsten Beziehungen meiner Mutter hielten so lange.

„Es ist immer noch wie beim ersten Mal“, säuselte meine Mutter. „Er ist einfach so …“

„Und wie alt ist er?“, unterbrach ich sie, um mir nicht länger ihre Schwärmerei anhören zu müssen.

Auch wenn ich die Antwort ahnte, so erstaunte mich jedes Mal wieder die Dummheit … der Männer.

„Er ist vor einer Woche vierzig geworden.“

„Wow. Diesmal ist er ja wirklich ein Mann“, bemerkte ich trocken. Meine Mutter hörte den bitteren Unterton gar nicht erst heraus. Stattdessen strahlte sie mich immer noch glückselig an und trippelte dann in die Küche, wo sie sich hüstelnd Wasser in ein leeres Glas goss, das noch von gestern auf der Anrichte stand. Als ich all die leeren Chipstüten und Erdnusspäckchen, all die Krümel und Fettspritzer auf dem Küchenboden sah, begannen meine Fingerspitzen zu kribbeln. „Mama, ich möchte nicht unhöflich sein, aber …“

„Wie läuft es eigentlich mit dir und diesem Tim?“ Sie hob beide dünn nachgemalten Augenbrauen. „Wollt ihr nicht bald zusammenziehen?“

Ich guckte sie einen Moment verständnislos an. Tim? Dann dämmerte es mir. Mama und ich hatten echt lange nicht mehr vernünftig miteinander geredet. „Ähh … ich fürchte nicht“, sagte ich. „Wir haben uns getrennt. Vor fünf Monaten.“

„Ach so“, erwiderte sie beiläufig und trank einen Schluck Wasser. „Wirklich schade. Er wäre ein guter Fang gewesen.“ Tim war ein angehender Musikproduzent - woraus meine Mutter natürlich geschlossen hatte, dass er sehr bald zu einer Menge Geld kommen würde, womit er in ihren Augen automatisch Heiratsmaterial war.

„Du solltest dir solche Männer warm halten.“

„Mhm“, erwiderte ich nur und beäugte den Puddingfleck zu meinen Füßen. Vielleicht mit einem Essiglöser einweichen und dann Scheuermilch verwenden? Oder sollte ich den Teppich lieber gleich entsorgen? Ich mochte ihn nicht wirklich. Ellie hatte ihn aus London mitgebracht, wo sie ihn aus einem Hotel hatte mitgehen lassen.

„Weißt du, Sum“, meine Mutter überprüfte ihre Frisur in einem Löffel. „Wir Frauen brauchen Kerle, die für uns sorgen.“

Ich biss mir auf die Zunge, um nicht los zu schreien, und murmelte nur „Du, ja“, was meine Mutter aber geflissentlich überhörte.

„Schön, schön“, flötete sie und warf den Löffel achtlos auf den Boden. „Ich muss dann los. Du weißt schon. Termine, Termine.“

Sie traf also ihren Loverboy. „Termine, Termine“, wiederholte ich und dachte daran, was dieses Wort für mich bedeutete.

Sauber machen, zur Uni gehen und meine Hausarbeit abgeben, meinen Vater um Geld für meine Mutter anbetteln.

Nein. Heute würde keiner meiner Lieblingstage werden.

„Lass dich drücken, meine Kleine“, säuselte meine Mutter, drückte mich kurz an ihre Brust und gab mir zwei Küsschen, jeweils auf jede Wange eines. „Vielen Dank für das mit deinem Vater“, flüsterte sie. Ich wusste, wie viel es sie kostete, diese Dankbarkeit zu zeigen. Irgendwie war ich gerührt, wie offen sie mir ihre Zuneigung zeigte.

„Ist okay. Ich hab dich lieb, Mama“, murmelte ich und leider Gottes war das die Wahrheit.

Kapitel 2

I reach as far as I can see

I know I will get there, soon

And as long as I keep on being me

I’d bet I could fly to the moon

D er Puddingfleck war unbesiegbar. Nachdem ich ihn eine Stunde erfolglos bearbeitet hatte, war ich drauf und dran, mir ein Feuerzeug zu schnappen und den Fleck auszubrennen. Ich hätte bestimmt auch eine so drastische Maßnahme ergriffen, hätte ich in diesem Augenblick nicht auf die Uhr gesehen und bemerkt, dass ich soeben meinen Bus zum Unigelände verpasst hatte.

Draußen war es kalt und ich würde den ganzen Weg über fluchen, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als das Fahrrad zu nehmen. Fahrig schnappte ich mir meine Tasche, stopfte meine Hausarbeit hinein, die ich eigentlich noch einmal auf Rechtschreibung hatte überprüfen wollen - solche Fehler kamen bei einem Germanisten nie so gut an - und schlüpfte in meine Schuhe. Als ich die Tür aufriss, wäre ich beinahe mit einem Flachbildfernseher kollidiert, der gerade in sein neues Zuhause gebracht wurde. Verfolgt wurde er von einem schwarzen Ledersofa - ich spreche hier von echtem Leder! - und einem Schreibtisch, den man bestimmt nicht bei Ikea kaufen konnte. Getragen wurden all diese Habseligkeiten von mehreren bulligen Typen, die geradezu nach Umzugsfirma schrien.

Oh Mann. Mein neuer Nachbar oder meine neue Nachbarin hatte definitiv das Geld, diese Wohnung zu finanzieren.

Wie die Wohnung wohl von innen aussah?

Ich war zwar unter Zeitdruck, doch meine Neugierde gewann die Oberhand über meinen Drang, pünktlich zu sein.

Ich bückte mich und tat so, als müsste ich mir meine Schuhe zu binden, während ich meinen Blick möglichst unauffällig durch die offen stehende Tür schweifen ließ. Moderne Möbel, teurer Stil und bullige Typen, soweit das Auge reichte. Vor dem eben abgesetzten Ledersofa stand ein Mann und fuchtelte mit den Händen. Die Männer folgten seinen Anweisungen, also musste er wohl der Mieter sein. Leider drehte er mir den Rücken zu. Den würde ich später unter die Lupe nehmen müssen. Jetzt galt es erst einmal, meine Vorlesung nicht zu versäumen.

Das war schon schwierig genug!

„Nachdem Sie Ihre Hausarbeiten vorne bei mir abgelegt haben, können Sie gehen.“ Professor Siepe schlug in einem mir unbekannten Takt mit seinem Bleistift auf das Pult, während er jedem einzelnen Studenten ins Gesicht sah. „Sollte ich ein einziges Substantiv in Ihren Texten finden, das klein geschrieben wurde, werden Sie sich überlegen müssen, ob dieser Kurs tatsächlich der Richtige für Sie ist, und ich persönlich werde Ihnen bei dieser Entscheidung behilflich sein!“ Allgemeine Stille. „Sie dürfen gehen.“

Hastig fischte ich meine Arbeit aus der Mappe und überflog diverse Seiten, um mögliche Fehler noch zu korrigieren. Ich fand nichts. Ach, egal. Ich konnte so oder so nicht alles innerhalb der nächsten zwanzig Sekunden kontrollieren, also konnte ich es ganz lassen.

Gerade als ich meine Mappe auf dem Pult abgelegt hatte und mich umdrehen wollte, rief mich Siepe zurück.

„Frau Sanddorn, haben Sie vielleicht einen Moment Zeit?“

Mir wurde schwer ums Herz. Ich hatte da so meine Ahnung, um was es gehen würde, und das war nicht meine Rechtschreibung.

Ich setzte ein Lächeln auf und wandte mich um. „Natürlich, Herr Professor. Was ist denn?“

Ich verschränkte meine Arme hinter meinem Rücken und zupfte nervös an meinen Fingern, während Siepe mich durch seine Brille hindurch scannte.

Schließlich seufzte er und nahm die Brille ab, um sie mit seinem Ärmel zu putzen.

Völlig sinnlos. An so ein Glas musste man mit einem Erfrischungstuch oder etwas Pril dran, das wusste doch jeder!

„Frau Sanddorn“, begann er schließlich, „ich weiß, es geht mich eigentlich nichts an, aber darf ich Sie fragen, ob es Ihnen gut geht?“

Verdutzt sah ich auf. Wie kam er darauf? „Ähm. Ja. Mir geht es bestens.“

Er setzte seine - genauso schmutzige - Brille wieder auf und musterte mich: „Nun, dann muss ich nachfragen, ob Sie Ihr Studium, insbesondere diesen Kurs, ernst nehmen?“

Bestürzt schluckte ich mehrmals. Man konnte mir vieles vorwerfen, angefangen bei meinem Putzfimmel bis zu meiner Schwäche für Grey’s Anatomy, aber bestimmt nicht, dass ich nicht alles in meinem Leben tat, um dieses verdammte Studium abzuschließen.

„Sie können sicher sein, dass ich mein Studium mehr als ernst nehme.“ Ellie nach zu urteilen, übertrieb ich es sogar mit meiner Ernsthaftigkeit und zerstörte damit meine sonst lustige und lebensfrohe Persönlichkeit. „Ich habe noch nie eine Hausarbeit nach dem vereinbarten Termin abgegeben und …“

„Das ist mir durchaus bewusst, Frau Sanddorn“, unterbrach mich mein Dozent, „aber mir ist aufgefallen, dass Sie in letzter Zeit kaum eine Vorlesung von mir besucht haben und im Lektürekurs müsste ich Sie eigentlich rauswerfen, da Sie mehr als zweimal unentschuldigt gefehlt haben. Sie scheinen Ihr Pensum dennoch bewältigen zu können, aber wie lange halten Sie das noch durch, ohne die Kurse zu besuchen?“

„Herr Professor Siepe, Sie müssen sich keine Gedanken machen, ich besuche die Kurse, so oft ich kann.“