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Ellen Vahr

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Beschreibung

Auf der Suche nach Glück und Gerechtigkeit. Europa im Jahr 1916. Marie Thoresen ist siebzehn und träumt vom großen Glück in Norwegen. Sie möchten heiraten und die Bäckerei ihres Vaters übernehmen. Doch die Geschäfte ihres Vaters laufen schlecht, so dass die Schließung der Bäckerei droht. Als ihre Tante, die vor Jahren ausgewandert ist, sie einlädt, lässt Marie sich auf das Abenteuer ein, nach Amerika zu gehen. Nach einer beschwerlichen Überfahrt kommt sie in New York an und wird Dienerin bei der reichsten Familie des Landes: den Vanderbilts. Bald muss sie aber erkennen, wie rechtlos die Frauen in den USA sind – und sie begehrt auf ... Die packende, auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte einer Auswanderin

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Seitenzahl: 466

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Auf der Suche nach Glück und Gerechtigkeit.

Europa im Jahr 1916. Marie Thoresen ist siebzehn und träumt vom großen Glück in Norwegen. Sie möchten heiraten und die Bäckerei ihres Vaters übernehmen. Doch die Geschäfte ihres Vaters laufen schlecht, so dass die Schließung der Bäckerei droht. Als ihre Tante, die vor Jahren ausgewandert ist, sie einlädt, lässt Marie sich auf das Abenteuer ein, nach Amerika zu gehen. Nach einer beschwerlichen Überfahrt kommt sie in New York an und wird Dienerin bei der reichsten Familie des Landes: den Vanderbilts. Bald muss sie aber erkennen, wie rechtlos die Frauen in den USA sind – und sie begehrt auf.

Die packende, auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte einer Auswanderin

Über Ellen Vahr

Ellen Vahr hat mehrere erfolgreiche Bücher über Lebenshilfe veröffentlicht. Sie hat in Kopenhagen Wirtschaftswissenschaften studiert, dann in den USA mehrere Ausbildungen für therapeutische Berufe absolviert, ehe sie nach Norwegen zurückkehrte. In »Die Gabe« erzählt sie von der Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter, die in Christiania – wie Oslo damals hieß – eine der ersten bekannten Heilerinnen und Kräuterfrauen war.

Gabriele Haefs übersetzt aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen, u. a. Werke von Jostein Gaarder, Håkan Nesser und Anne Holt. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt 2008 den Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie lebt in Hamburg.

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Ellen Vahr

Miss Marie

Historischer Roman

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Buch lesen

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Teil 2

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Teil 3

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Teil 4

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Epilog

Impressum

Für meine Großmutter Thea Marie

I lift my lamp beside the golden door!

The New Colossus, 1883, Emma Lazarus

New York, Februar 1916

Liebe Anna Marie,

mit großer Freude kann ich Dir erzählen, dass Hulda verlobt ist und am 3. März heiraten wird. Ihr Verlobter heißt John Peter Dowd und ist Polizist, geboren in Amerika, aus einer irischen Familie und katholisch, aber gebildet und mit guten Manieren.

Huldas Stelle bei einer wohlhabenden Familie auf deren Landsitz Idle Hour am Westufer von Long Island bei New York wird damit frei, und da musste ich an Thea denken. Ich habe mich bei der Wirtschafterin erkundigt, und sie bietet Thea Kost und Logis und einen festen Lohn. Aber Thea muss noch vor Beginn der Sommersaison anfangen, damit sie angelernt werden kann.

Ich lege Dollars und ein „prepaid ticket“ bei, was bedeutet, dass die Überfahrt bereits bezahlt ist. Die Geldscheine muss Thea nach Amerika mit zurückbringen und bei ihrer Ankunft vorzeigen. Sie braucht eine ärztliche Gesundheitsbescheinigung und ein polizeiliches Leumundszeugnis. Aber sagt nichts über die beiden Todesfälle. Die Behörden in Amerika haben Angst vor jeder Form von Ansteckung.

Du kannst Dich darauf verlassen, dass ich mich um sie kümmern und ihr dabei helfen werde, sich in dem neuen Land zurechtzufinden.

Gott sei mit Euch!

Deine Dich liebende Schwester Augusta

PS. Der Lohn ist viel besser als das, womit sie zu Hause rechnen kann.

Teil 1

1

Kristiania, März 1916

Die ersten weißen Morgenstrahlen wanderten an der Kellerwand in der Norderhovgate 18 hinunter und leuchteten den Tisch an, an dem Thea stand und Brotlaibe formte. Sie strich sich eine Haarsträhne von der Wange und beobachtete den Vater, der sich vorbeugte und die langen dünnen Backbretter in den glühendheißen Ofen schob. Mit einem raschen Ruck glitten die Brote vom Brett und lagen ordentlich nebeneinander auf den Steinplatten. Theas Vater war ein tüchtiger Bäcker, ja, vielleicht der tüchtigste in ganz Kristiania. Aber seit 1914 der Große Krieg ausgebrochen war, hatte sich so vieles verändert. Der Getreidemangel im Land setzte allem, was nicht unbedingt nötig war, ein Ende. Kuchen waren nicht mehr nötig, Brot wohl, denn wenn es Brot gab, mussten die Menschen nicht hungern.

Thea setzte eine neue Ladung zum Gehen an, jedes Brot auf sein Brett. Danach schob sie die Bretter in die hohen Eisengestelle, die mitten auf dem Steinboden standen, pinselte die Brote mit Wasser und schnitt mit einem scharfen Messer feine Schrägkerben hinein. Nach Amerika? Sie fuhr sich mit den Händen über die Schürze, es war unmöglich, nicht an den Brief zu denken, der am Vortag eingetroffen war.

»Augusta würde sich um sie kümmern.« Die Mutter hatte den Brief in den Händen gehalten. »Sie würde Arbeit und Lohn haben. In wenigen Wochen ist Astrid mit der Schule fertig. Wir können nicht zwei arbeitslose Mädchen hier in der Bäckerei beschäftigen.«

Astrid hatte geweint, und der Vater hatte die grünen Geldscheine aus dem Umschlag gezogen, hatte nacheinander Daumen und Zeigefinger angeleckt und die Dollars auf vier gleich große Haufen verteilt.

»Das sind vierzig Dollar«, kommentierte er laut, während er sich einige Mehlstreifen aus den schwarzen Haaren bürstete. »Deine Schwester hat vierzig Dollar. Warum gibt sie uns die nicht einfach?«

Die Mutter schwieg zuerst, dann sagte sie: »Das sind Augustas Ersparnisse. Die braucht sie selbst.«

»Aber wenn das bedeutet, dass Thea nicht nach Amerika muss?«

»Wir können nicht einfach das Geld meiner Schwester behalten, Martin.«

»Aber um Gottes willen, Anna, das würde unsere gesamten Schulden decken, und dann würden wir zurechtkommen. Kannst du ihr nicht schreiben und sagen, dass wir das Geld nur als Leihgabe nehmen, bis der Krieg zu Ende ist?«

»Augusta gibt Thea eine Chance«, sagte die Mutter entschieden. »Und wir haben wirklich Glück. Schon am nächsten Freitag geht ein Schiff.«

»Über den Atlantik reist man nur, wenn es sich wirklich nicht verhindern lässt.« Der Vater richtete sich auf. »Sie ist doch erst sechzehn.«

»Aber du weißt so gut wie ich, Martin, dass es so nicht mehr geht. Der Hausbesitzer hat uns ein halbes Jahr gegeben, um die Miete zu bezahlen, sonst verlieren wir die Bäckerei. Du sagst ja selbst, dass die Silos in Bjølsen so gut wie leer sind.«

»Das stimmt. Aber Gerüchte behaupten, dass die Mühle in Nedre Foss Mehl bekommen hat und dass die Preise bald wieder normal sein werden.«

»Wir können ja immer noch beten«, sagte die Mutter und goss ihm die letzten Tropfen Zichorienkaffee in die Tasse. »Denn diese Gerüchte höre ich schon seit Langem.«

So viele Verwandte der Mutter waren ausgewandert. Onkel und Tanten, Schwestern und Brüder, Vettern und Cousinen. In dem kleinen Dorf in Schweden, aus dem die Mutter stammte, gab es kaum Arbeit, und deshalb hatte nicht nur die Familie der Mutter Haus und Hof verlassen müssen. Die Glasfabrik Eda Glasbruk und Tiedemanns Tabaksfabrik hatten vielen Arbeit geboten, aber als die großen Eisenwerke in Eda stillgelegt wurden, eins nach dem anderen, führte das Höfesterben, wie die Mutter das nannte, dazu, dass die Menschen nach Amerika flohen. Sicher konnte sich die Mutter deshalb leichter mit dem Gedanken an diese Reise aussöhnen als der Vater, denn niemand aus seiner norwegischen Verwandtschaft, jedenfalls nicht, so viel er wusste oder zugeben mochte, war ausgewandert.

Ein schlaffer Mehlsack lag hinten beim Backtisch. Der war vor mehr als einer Woche von den Mühlengäulen aus Kampen gebracht worden. Thea schüttete missmutig die letzten Mehlreste in den Backtrog und streute ein wenig Mehl aus dem Trog auf die Tischplatte, wo sie den nächsten Teig kneten würde. Sie hatte sich immer darauf gefreut, dass die Bäckerei öffnete, aber seit der Mehlpreis dermaßen gestiegen war und es so schwer war, Mehl zu bekommen, fand sie, dass die Kundschaft wirklich nur noch klagte. Jede Woche fuhr der Vater zur Walzmühle von Bjølsen, um zu sehen, ob Getreide gekommen war, und immer sagte er bei seiner Rückkehr dasselbe: »Es hilft nichts, dass sie die Mühlsteine durch Metallwalzen ersetzt haben, solange sie kein Getreide zum Mahlen bekommen können.«

Ihre Mutter, die über der Buchführung saß, sagte, sie müssten die Preise für ihre Waren noch weiter hochsetzen, wie die Mühlen es den Bäckern gegenüber machten und die anderen Bäcker gegenüber ihrer Kundschaft. Aber der Vater brachte das einfach nicht über sich. Die Preise blieben unverändert, genauso, wie er am Tag vor dem Heiligen Abend dem Armenhaus Weihnachtsplätzchen schenkte, und er sagte, anderen gehe es noch viel schlechter als ihnen.

Was die Sache mit dem Armenhaus betraf, hatte Thea nie begriffen, wie er damit immer weitermachen konnte. Thea und Margit hatten die Weihnachtslieder Stille Nacht und Schön ist’s auf Erden gesungen, und danach hatten sie Schmalzkringel, Pfeffernüsse und Muzemandeln aus ihren Körben verteilt, versehen mit aus einem abgelegten Kleid gefertigten Schleifen, und sie hatten gelacht und alle angelächelt, die Alten und die Jungen, die Frischgekämmten und die feierlich Gestimmten. Das war ihre Tradition gewesen, bis der Krieg gekommen war und Margit sie verlassen hatte.

Es dauerte nicht lange, die letzte Ladung vorzubereiten, denn der Rest an Mehl reichte nicht weit. Thea stellte die Brote zum Aufgehen weg, danach stieg sie mit schweren Schritten die fünf Stufen zum Laden an der Vorderseite des Hauses hoch. Vor dem Krieg hatte sie davon geträumt, den Laden durch den Raum nebenan zu erweitern, wo die Witwe Christoffersen mit ihren beiden erwachsenen Töchtern wohnte, zwei unverheirateten Strickerinnen. Es war nur gut, dass es nicht so weit gekommen war, jetzt, wo es kaum Waren gab.

Sie zog ihr Umschlagtuch vom Haken, schloss die Tür auf und trug das Schild hinaus auf die Straße. Dasselbe Schild, das sie seit zwei Jahren an jedem einzelnen Verkaufstag hinausgebracht hatte:

Aufgrund ausgebliebener Mehllieferungen wird heute nur Brot verkauft.

Für März war es ungewöhnlich kalt. Boden, Zweige und die schadhaften Hauswände waren weiß bereift. Thea lief wieder hinein und drehte den Schlüssel gerade in dem Moment um, als sie Pferdehufe und scheppernde Karrenräder hörte. Doch, sie hatte richtig vermutet. Im oberen Teil der Türöffnung, über dem Schild mit der Aufschrift »geschlossen«, sah sie den Milchmann. Der kam von der Kristiania Melkeforsyning in der Schweigaards gate und fuhr jeden zweiten Montag mit vollen Milcheimern an ihrem Haus vorbei, in Richtung Kampen-Schule. Und immer, wenn er die steile Straße hochkam, schlug er mit der Peitsche und riss am Zaumzeug des armen Zugpferdes. Thea konnte das kaum mit ansehen.

Sie trat von der Tür zurück, hängte ihr Tuch wieder an den Haken, nahm die beiden leeren Kästen, einen in jede Hand, und ging hinunter in den Keller.

Der Vater empfing sie mit einem tröstenden Lächeln und einem frischen Brotknust, den er in zwei Teile brach. Die braune Kruste lag warm in ihrer Hand. Sie roch daran, hielt sie sich dicht an die Nase, saugte den wunderbaren Duft ein. Dann schob sie das Brot in den Mund, schloss die Augen und kaute. Es war nicht nur der Geschmack. Nein, es war der schönste Augenblick des Tages. Etwas, das nur sie beide anging. Vor dem Krieg hatten sie den Knust mit Butter bestrichen, wenn sie ihn teilten, einem kleinen Klumpen salziger Meiereibutter, die in das warme Brot hineinschmolz.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass der Vater sie mit seinen großen braunen Augen forschend musterte.

»Was ist denn aus meinem Mädchen geworden?«, fragte er und legte den Kopf ein wenig schräg. »Aus der mit den vielen Träumen? Auch wenn du nach Amerika fährst, ist die Bäckerei hier und wartet auf dich. Wenn der Krieg erst zu Ende ist, werde ich dich brauchen, denn dann musst du die besten Theakuchen und Kringel der ganzen Stadt backen. Die Leute werden hierher pilgern. Du kannst das Schaufenster dekorieren, wie du so gern möchtest, und eines Tages wird dein Name über der Tür stehen: Theas Bäckerei.«

Sie hörte sein leises Lachen. Aber als er geglaubt hatte, dass Thea schlief, hatte er zur Mutter doch etwas ganz anderes gesagt. »Es ist die Rede davon, dass die Behörden vom nächsten Jahr an Rationierung einführen werden«, hatte er geflüstert. »Ich weiß nicht, ob wir noch lange durchhalten können.« Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Außerdem würde es noch lange dauern, bis die Leute die Art von Kuchen verlangten, von denen Thea in Büchern gelesen und die sie in den Schaufenstern der feinen Konditoreien auf Karl Johan gesehen hatte.

Sie war flink und füllte die Kästen mit Brot. Sortieren war nicht mehr nötig, wiegen auch nicht, es gab jetzt nur eine Sorte. Dann trug sie die Kästen nach oben, einen nach dem anderen, und stellte sie ins Regal hinter dem Tisch, der eine Art Theke darstellte, ehe sie eilig ein Brot an sich riss und es unter dem Tisch versteckte.

Draußen stand bereits Kundschaft, schon bildete sich eine Schlange. Sie sah das aus dem Augenwinkel, während sie die Treppe hinauf und hinab lief. Da war Frau Hansen, die an die Fensterscheibe klopfte. Thea wusste sehr gut, wer Frau Hansen war, sie wohnte zwei Straßen weiter, ihre Kinder waren so armselig gekleidet, dass nur die Hälfte gleichzeitig zur Schule gehen konnte, da sie sich Schuhe und Jacken teilen mussten.

»Nur drei auf einmal.« Thea drehte das Schild zu »geöffnet« um. »Hier drinnen ist so wenig Platz.«

»Das ist zu teuer«, jammerte Frau Hansen, als sie den Laden betrat. »Ein Brot bitte. Das größte, das du hast.«

»Das ist nicht unsere Schuld«, sagte Thea. »Es liegt am Krieg.«

»Hier ist kein Krieg.« Frau Hansen suchte lange in ihrer Rocktasche nach einer Münze. »Das ist doch der pure Schwarzmarkt.«

Thea kniff den Mund zusammen und wickelte ein Stück von dem wenigen Papier, das sie hatten, um das Brot, ehe sie es in Frau Hansens Korb legte.

»Die Bauern und die Kaufleute verdienen sich an den hohen Preisen eine goldene Nase. Die halten Getreide zurück, um die Preise noch weiter hochzudrücken.« Die Stimme gehörte der Kundin neben Frau Hansen. Das blasse Gesicht über dem schwarzen Kleid hatte Thea auf der Straße schon oft gesehen. Es war eine Frau, die am Ende der Straße wohnte, sie kam jeden Nachmittag auf dem Weg zur Schule am Laden vorbei. Thea wusste, dass sie in der Schule putzte.

»Ach, die Bauern«, rief Frau Hansen verärgert. »Denen kann man ja überhaupt nicht mehr vertrauen!«

»Die armen Bauern«, sagte eine Kundin weiter hinten in der Schlange. »Denen dürfen Sie das nun wirklich nicht anlasten. Die mussten mehr Boden urbar machen und mehr Getreide anbauen, aber sie bekommen nicht einmal mehr die Hälfte des alten Preises dafür, und jetzt sitzen sie da mit hohen Schulden und wissen weder aus noch ein.«

»Ein Brot von gestern zum halben Preis, bitte.« Ein Junge, mit dem sie zur Schule gegangen war, stand plötzlich vor ihr. Er war einer von denen aus dem Jahrgang, die keine Arbeit gefunden hatten. Er trug noch dieselbe Jacke wie mit vierzehn, als sich ihre Wege getrennt hatten. Bei ihm zu Hause ging es oft hoch her, hatte sie gehört. Einmal hatten Gerüchte behauptet, der Vater habe die Mutter umgebracht, aber das war nur Gerede gewesen, denn sie lebte ja noch, kam ab und zu an der Bäckerei vorbei, war aber nie bei denen, die in der Schlange standen.

»Das haben wir leider nicht. Peder, so heißt du doch?«

Er schlug die Augen nieder, vermied es, ihr ins Gesicht zu blicken, und in diesem Moment kam der Vater nach oben, mit den beiden letzten Kästen voller duftender Brote, frisch aus dem Ofen, ein Duft, der jedes Nasenloch draußen füllen und die Menschen in der Schlange in den Wahnsinn treiben musste. Sie hätte dem Jungen am liebsten ein Brot unter die Jacke geschoben und gesagt: »Nimm ein frisch gebackenes, du kriegst es zum halben Preis.« Aber dann hätten alle anderen dasselbe verlangt, und es hätte Streit in der Schlange gegeben, und außerdem brauchten sie jeden einzelnen Schilling, den sie bekommen konnten. Ach, Tante Augustas grüne Geldscheine wären ihnen jetzt so eine große Hilfe gewesen!

»Das hat nicht mal für die Hälfte gereicht.« Thea ließ sich auf die unterste Treppenstufe sinken, als sie den Laden geschlossen hatten, und stützte das Kinn in die Hände. »Die mit dem meisten Geld versuchen es mit Bestechungen. Olsen von der Eisenbahn wollte mir einen Extraschein für das letzte Brot zustecken, aber ich habe es einem kleinen Mädchen gegeben, das zum Einkaufen geschickt worden war. Die Kleine hat geweint und wurde hin und her gestoßen. Beim nächsten Mal sage ich, dass man jeweils nur ein Brot kaufen darf. Aber wenn wir das nächste Mal Mehl bekommen, bin ich vielleicht nicht mehr hier.«

»Die Getreidespeicher voll und das Pulver trocken, hieß es in den alten Zeiten.« Der Vater griff zum Besen und fegte wütend den Boden. »Aber hundert Jahre nach den Napoleonischen Kriegen ist es wieder so. Wieder Krieg in anderen Ländern und leere Silos hier zu Hause. Wir haben nichts gelernt. Wir hätten unsere Speicher füllen müssen. Wir hätten uns sichern müssen. Begreifen müssen, dass sich die Geschichte wiederholt.«

Sie nahm ihm den Besen ab und seufzte, sie hörte das alles nicht zum ersten Mal. Aber es waren jetzt andere Zeiten, auch für ihn, denn der Vater hatte das Gefühl, seine Sache nicht mehr gut genug zu machen. »Die Leute in Kampen hungern, wenn es nicht genug Brot gibt«, sagte er immer wieder, wenn sie zwischen den beiden Backöfen standen. Und er war doch der Bäcker.

Er zog seine Jacke an und ging auf die Tür zu.

»Ich will nicht fahren«, sagte sie.

»Und ich will nicht, dass du fährst.« Er blieb in der Türöffnung stehen und versuchte ein Lächeln. »Aber wir haben nicht immer die Wahl, und jedenfalls, so tüchtig und pflichtbewusst, wie du bist, Thea, wird alles gutgehen.«

2

Sowie sie sicher war, dass der Vater aufwärts in Richtung Bjølsenfossen gegangen war, lief sie durch die verschneiten Straßen von Kampen hinunter nach Grünerløkka. Ein halbes Jahr Zeit hatte ihnen der Hausbesitzer gegeben, um ihre Schulden zu bezahlen. Aber ohne die Bäckerei hätten sie keine Einkünfte, und dann würden sie auch die Miete nicht bezahlen können, und was sollte dann aus ihnen werden? In einem halben Jahr würde wieder Winter sein. Wer würde in einem der ohnehin schon überfüllten Häuser von Kristiania eine achtköpfige Familie aufnehmen, eine Familie ohne Arbeit, die keine Miete bezahlen könnte?

»Bist du nicht die Tochter aus der Bäckerei?«

Das war der Schmied, der den Hang hochkam und einen halbtoten Gaul hinter sich herschleppte. Seine Schmiede lag nicht weit entfernt, und er kannte jedes Gesicht in Kampen. Thea nickte, presste den Arm fest um ihr Paket und machte einen Knicks.

»Was willst du für dein Brot?«

»Das ist nicht zu verkaufen«, sagte sie und lief weiter. Aber ihre Knöpfstiefel waren so eng und ihre Sohlen so abgewetzt, sie glitt aus, und plötzlich lag sie der Länge nach auf dem Boden und rang um Atem.

Einige Bengel auf der anderen Straßenseite zeigten auf sie und lachten. Sie richtete sich auf, wischte sich Schnee vom Kleid und eilte weiter. Wenn sie sich nur neue Sohlen leisten könnte, aber jeder Schilling, den sie jetzt übrig hatten, wurde in die Schatulle gelegt, die die Mutter ganz hinten im Küchenschrank versteckte. Vielleicht könnte sie ein Brot gegen Sohlen eintauschen – wieso war sie nicht auf diese Idee gekommen? Dem Schuster ging es sicher nicht besser als allen anderen in Kampen. Aber nicht dieses Brot, das war weder für den Schmied noch für den Schuster bestimmt, nein, heute nicht.

Sie überquerte die Straße.

Das Geländer war hart und kalt, eine an der Mauer befestigte Eisenstange, jede Steinstufe war vereist. Die Stufen waren hier nicht so gleichmäßig wie bei ihr zu Hause, die Treppe war weiter, und die Stufen waren breiter.

Sie richtete sich auf und zog mit der freien Hand den Rock zurecht. Schneiderei las sie auf einem Schild über der Tür. Der Schneider war mittags in der Regel unterwegs, nahm Maß oder lieferte Kleider bei den wichtigen Kunden an, denen, die auf der anderen Seite der Stadt wohnten. Sie begegnete ihm nur selten, wenn sie zu Besuch kam. Aber wenn der Meister zurückkehrte, während sie dort war, machte sie einen Knicks und gab vor, etwas gebracht oder abgeholt zu haben, und lief ganz schnell davon.

Wenn die Mutter keine Hilfe gebraucht hätte, als der Sonntagsanzug des Vaters umgenäht werden musste, hätte sie Hans niemals kennengelernt. Der Schneider hatte einen neuen Gesellen ins Haus bekommen, und der junge Mann hatte sie dermaßen angestarrt. Große blaue Augen unter einem blonden Schopf. Sie hatte sofort die Blicke gesenkt, aber als sie dann den Anzug abholen sollte und der Schneider nicht im Haus gewesen war, war Hans rot angelaufen und hatte dermaßen gestottert, dass sie begriffen hatte, dass er etwas sehr Wichtiges auf dem Herzen haben musste. Sie hatte ihm erlaubt, sie ein Stück ihres Heimwegs zu begleiten, und sie waren stumm nebeneinander hergegangen, und erst als sie sich trennten, hatte er seinen Spruch aufgesagt: Er wollte sie gern wiedersehen. Seit damals hatten sie sich so oft getroffen, wie sie nur konnten, wenn Arbeit und Pflichten es erlaubten. Sie waren spazieren gegangen, im kalten Winter und im warmen Sommer und dann wieder im kalten Winter, an Orten, wo sie sich ungesehen glaubten, wie Friedhöfe, versteckte Parkanlagen und überwucherte alte Gärten.

Er strahlte übers ganze Gesicht, als sie die Tür öffnete. Er saß im Schneidersitz auf dem Tisch und hielt ein Hemd in der Hand, steckte die Nadel aber rasch ins Garnröllchen, legte das Hemd weg und winkte sie zu sich. Thea ging zu ihm, setzte sich ebenfalls auf den Tisch und legte das Paket dort ab.

»Du zitterst.« Er zog sie an sich.

»Es ist so kalt«, sagte sie. »Aber hier drinnen ist es besser.« Sie wickelte den Bindfaden von ihrem Paket und öffnete das Papier. Das Brot duftete noch immer, heiß, salzig, frisch gebacken. »Probier mal!« Sie brach ein Stück ab und schob es ihm in den Mund. »Das ganze Brot ist für dich!«

»Oh!«, sagte Hans und verflocht seine Finger mit ihren, während er kaute. »Das schmeckt so gut! Ich habe seit Sonnenaufgang nichts mehr gegessen.«

Er blieb sitzen und musterte sie im gelben Licht der Arbeitslampe.

»Hast du die Sprache verloren?«, fragte sie lachend und zog ihm den Fingerhut vom Finger.

Er schüttelte den Kopf. »Wenn du hier bist, kann ich mich nicht konzentrieren.«

Alles war so leicht, wenn sie mit Hans zusammen war. Die Wärme des Zimmers, seine Hände, seine Augen ließen sie fast vergessen, was sie doch eigentlich hatte erzählen wollen.

Vorsichtig drehte sie den Fingerhut in der Hand hin und her, dann hielt sie ihn hoch und musterte die winzigen Vertiefungen in dem grauen Metall. »Der ist schön«, sagte sie. »Fast wie ein Schmuckstück.«

»Du bist schön«, flüsterte er und fuhr ihr mit den Fingern durch die Haare. »Keine hat so glänzende und volle Haare wie du.«

Sie merkte, dass sie errötete. Es war so einfach, sich hier in Träumen zu verlieren. Aber sie musste von dem Brief erzählen.

»Warte nur.« Er lächelte wieder. »Ich werde dir Dinge schenken, die viel schöner sind als dieser Fingerhut.«

Thea wandte sich ab. Sie konnte doch noch ein bisschen warten. Ihr Blick fiel auf den Tisch neben der Nähmaschine. Zwischen Tweed und Fries lag eine Rolle aus violettem Seidenstoff, in den kleine blaue Veilchen eingewebt waren. »Was für ein schöner Stoff! Ich wusste gar nicht, dass ihr Kleider für Damen näht!«

Sie ließ sich vom Tisch rutschen, und ihr Rock riss das Garnröllchen mit. Das kullerte über den Tisch und über den Rand und fiel auf den Boden. Sie wollte es schon auflesen, aber Hans war schneller, bückte sich und hob es für sie auf.

»Das tun wir auch nicht«, sagte er. »Aber eine der Kundinnen aus der Weststadt will damit einen Sessel bezogen haben. Es ist der teuerste Stoff, den der Meister je gekauft hat, feinster Seidensamt. Er musste ihn aus Paris kommen lassen. Er hat schreckliche Angst um diesen Stoff.«

Thea ließ die Finger darüber gleiten. »Die Frau hat aber ein Glück«, flüsterte sie.

»Nicht so ein Glück wie ich.« Hans lächelte und strich ihr mit dem weichen Stoff über die Wange. »Deine Haut sieht aus wie Honig, auch wenn es Winter ist.«

»Das hab ich von meinem Vater geerbt. Der sieht das ganze Jahr so aus.«

Hans legte ihr den Arm um die Taille, zog sie an sich und küsste sie sanft auf die Lippen. Immer wenn er das tat, durchfuhr sie ein Schauer, und ihr Herz klopfte schneller.

»Ich möchte gern mit dir meine Eltern besuchen«, sagte er. »Ja, wenn du willst.«

»Deine Eltern?« Sie schaute zu ihm hoch. »In Strømmen?«

»Ja.« Er richtete sich gerade auf, sah groß und erwachsen aus. »Ich bin so stolz auf dich, verstehst du, und da möchte ich dich vorzeigen.«

Es war Ernst, wenn ein Mädchen nach Hause zu den Eltern eingeladen wurde. Er hatte das noch nie vorgeschlagen, aber jetzt schlug er es vor, und wenn er es vorschlug, musste es ihm ernst sein. Ihre Wangen brannten.

»Ja«, sagte er noch einmal und sah sie fragend an. »Am nächsten Freitag nach der Arbeit. Was sagst du?«

»Ich muss es zuerst zu Hause erzählen.« Ihre Stimme zitterte.

»Tust du das denn?« Seine Augen wurden plötzlich blank und erwartungsvoll.

»Ja«, sagte sie laut. »Ja, das tue ich. Ich werde es ihnen heute Abend sagen.«

Er zog sie wieder an sich, umarmte sie ganz fest. Wenn sie nur so stehen bleiben könnten, würde sie das tun, denn sie hatte das Gefühl, dass in ihr ein straffes Seil immer mehr nachgab, je fester er sie an sich presste. Aber am nächsten Freitag wäre sie ja vielleicht nicht einmal mehr im Lande, und es kam ihr plötzlich wie eine Lüge vor, dass sein Arm um ihre Taille lag. Wie konnte sie ihm jetzt von dem Brief erzählen?

3

Auf dem Heimweg holte sie ihre Geschwister aus der Schule in Kampen ab. Kinder rannten mit eifrigen Gesichtern laut rufend aus dem Tor. Was für ein Lärm! Sie suchte mit Blicken, aber keins dieser Kinder war Astrid, Trygve oder Harald. Sie atmete Frostrauch aus und fröstelte. Die Kälte stahl sich durch Umschlagtuch und Kleid und weiter zu ihren Armen, auf denen sich eine wehe rote Gänsehaut bildete. Wo steckten die Kinder nur?

Sie öffnete das Tor und lief mit raschen Schritten über den Schulhof, und als sie gerade das Schulhaus betreten und nach den Geschwistern Ausschau halten wollte, ging die Tür auf, und alle drei kamen heraus.

»Ich warte schon eine Ewigkeit.« Thea machte eine resignierte Handbewegung.

»Das ist ungerecht«, sagte Trygve und zog sich die Mütze tief über die Ohren. »Ich war das nicht. Ich wollte den Streit doch nur beenden.«

»Das stimmt.« Astrid bibberte vor Kälte. »Und trotzdem musste er nachsitzen.«

»Zieh dein Tuch fester um dich zusammen, Astrid.« Thea half der Schwester dabei und band vorn einen dicken Knoten. »Du darfst nicht krank werden.«

Immer war irgendetwas los. Thea sah ein Kind nach dem anderen an. Astrid war dreizehn, aber bei ihr gab es kaum mehr als Gequengel nach einem Streit unter Freundinnen oder weil jemand sie aufgezogen hatte. Trygve war elf und Harald neun. Harald war von der ängstlichen Sorte und versteckte sich, wenn ihm etwas bedrohlich vorkam, während Trygve mit bloßen Fäusten in den Krieg zog.

»Er hatte Nasenbluten«, stammelte Harald und lief ganz dicht hinter Thea her.

»Trygve!« Thea blieb stehen und packte ihn an der Schulter. »Hast du dich geprügelt?«

»Nein«, sagte Trygve mit fester Stimme. »Nicht sehr.«

Aber als sie genau hinschaute, sah sie rote Striemen auf seinen Wangen, die zusammen mit Rotz und Tränen geronnen waren, und in dem groben Stoff gab es dunkle Flecken. Sie feuchtete ihren Finger mit Spucke an und säuberte seine Wangen. »Stillstehen, Trygve«, sagte sie und rieb seine Jacke mit Schnee ab. »Mutter darf das nicht sehen.«

Sie näherten sich dem Haus. Thea konnte Ruth schon aus der Ferne hinter dem Fenster sehen. Die kleine Schwester presste den Mund an die Scheibe und lachte. Thea winkte zu ihr hoch, und Ruth winkte eifrig zurück. Aber dann fuchtelte Ruth mit beiden Armen, geriet aus dem Gleichgewicht, kippte rückwärts und verschwand. Erst war ein Aufprall zu hören, danach Geheul und dann die Stimme der Mutter, die vor Entsetzen laut aufschrie. Jetzt würde Thea sicher für den Rest des Tages auf Ruth aufpassen müssen. Normalerweise hätte sie sich darüber geärgert, nun aber war sie nur froh darüber, dass sie die Kleinen um sich hatte, denn dann musste sie nicht an das denken, was ihr bevorstand.

»Sind die Flecken ganz weg?« Trygve zog ungeduldig an ihrem Kleid.

Thea nickte und sagte dasselbe wie schon so oft: »Das war das letzte Mal, Trygve.« Etwas schnürte sich in ihrem Bauch zusammen. Denn das war es vielleicht gerade, das letzte Mal, dass sie ihn ausschimpfte.

Aber Trygve merkte nichts, er stand schon bei der Kellertür. »Vater bäckt Brot«, rief er so laut, dass alle, die zu Hause waren, die Fenster zum Hinterhof öffneten oder auf die Treppe traten, um zu sehen, was hier vor sich ging.

»Das riecht ja so gut«, stöhnte Harald.

»Dann gibt es heute Abend Brot.« Astrid tanzte zu Trygve hinüber.

Vom Hinterhof aus hatten sie Aussicht auf die Stadt. Thea richtete ihre Blicke auf den Hafen tief dort unten und seufzte. Dann hatte der Vater ja doch aus Bjølsen einen Sack Getreide mitgebracht und hatte ihn anschreiben lassen.

»Thea.« Die Mutter steckte den Kopf aus der Tür. »Du musst auf Sverre aufpassen. Ich bin kurz weg.«

Sie ging die ausgetretenen Stufen hoch, vom Hof zur Wohnung, trampelte sich den Schnee von den Stiefeln und ging hinein.

»Wie geht es Ruth?«

Ruth heulte los, als sie hörte, dass Thea nach ihr fragte, das Gesicht der kleinen Schwester war verrotzt, die Augen so geschwollen, dass sie fast zugeklebt waren.

»Jetzt geht es gut«, sagte die Mutter und reichte ihr Sverre.

Thea nahm ihn auf den Arm und küsste ihn auf den Kopf, und Sverre lächelte sein schönstes und strahlendstes zahnloses Lächeln. Der Kleine war gerade ein Jahr alt geworden und ließ ihr Herz schneller schlagen, genau wie dann, wenn sie mit Hans zusammen war.

»Kannst du ihnen Brei geben und dich ein bisschen um sie kümmern?«, fragte die Mutter und nickte zu Ruth hinüber.

Doch, das konnte sie, aber die Mutter sagte sonst immer, wohin sie ging. »Etwas erledigen«, hieß es nur, wenn sie zum Doktor wollte. Es konnte doch nicht noch ein Kind sein oder vielleicht doch? Die Geschwister stellten sich genau alle zwei Jahre ein, mit Ausnahme des Jahres, in dem Margit und Einar gestorben waren, und aus anderen Gründen zum Doktor zu gehen, konnte sich die Mutter nicht leisten.

Thea schaute ihr hinterher, als sie die Treppe hinunterging. Die Mutter trug unter dem Mantel ihr gutes Kleid, die Brosche am Kragen befestigt, die Stiefel blank geputzt. Aber sie hatten keinen Platz für noch ein Kleines. Jetzt nicht. Thea musste eine Möglichkeit finden zu helfen, aber so, dass sie die Familie nicht verlassen müsste. Die Mutter musste doch begreifen, dass sie sich hier genauso nützlich machen könnte wie in Amerika.

»Wohin gehst du?«

Aber die Mutter war bereits verschwunden.

Thea nahm Sverre auf den Schoß, und Ruth setzte sich dazu und schmiegte sich eng an sie. Thea streichelte die feinen Haare der Kleinen und dachte an den Besuch in Strømmen. Sie würde das dunkelblaue Kleid anziehen müssen, auch wenn es ein bisschen zu kurz war. Es passte gut zu ihren schwarzen Haaren. Das graue Alltagskleid war zu schlicht, und außerdem war es so fusselig und an manchen Stellen fadenscheinig. Aber wenn sie nach Strømmen fuhr … Sie konnte doch jetzt nicht nach Amerika reisen. Die Mutter brauchte sie hier, und dann könnten sie und Hans erst eine Weile verlobt sein, ehe sie auszog. Sie schloss die Augen. Vielleicht würde die Mutter ihr die Brosche leihen. Die Mutter musste ihr jedenfalls dabei helfen, die Haare zu flechten. Sie würde sicher begreifen, dass Thea gut aussehen wollte, wenn sie zum ersten Mal die Eltern ihres Liebsten besuchte, auch wenn sie dieses Wort niemals laut sagen würde. »Schneidergeselle Hans Pedersen, aus Slette«, würde sie hinzufügen, »geboren in Hov in Land«, denn der Hofname klang so bodenständig, und Hans war bodenständig, alles, was sich ihr Vater gewiss für sie wünschte. Aber was, wenn der Vater darauf bestand, dass sie Hans zuerst zu Hause vorstellte? Warum hatte sie daran nicht schon gedacht?

Sie öffnete die Augen, atmete tief durch die Nase und stieß die Luft dann wieder aus. Ihr Vater würde sie sicher niemals mit einem wildfremden Mann nach Strømmen fahren lassen. Nicht einmal, wenn sie erklärte, dass der Mann ihr gar nicht fremd sei, denn für den Vater war er es eben doch. Vielleicht würde der Vater sogar verlangen, dass sie sich verlobten, ehe sie mit Hans zu seinen Eltern fuhr.

Sie versuchte, sich Hans hier im Haus vorzustellen. Sicher würde er den Kopf einziehen müssen, um nicht wie der Vater gegen den Türrahmen zu stoßen. Warum hatte sie ihn nie gefragt, wie seine Eltern wohnten? Sie kannte ihn doch schon ein ganzes Jahr. Hier bei ihnen gab es zwei Zimmer, die Küche und die gute Stube, dazu einen gemeinschaftlichen Abtritt im Hinterhof, einen großen Eimer, den die Nachtmänner im Winter, wenn es gefroren hatte, nicht leeren mochten. Sie ließ ihre Augen über die morsche Bank gleiten, auf der sie saß, über den Tisch, den der Vater aus einer alten, ramponierten Tür zurechtgehobelt hatte, und die vier harten Stühle auf der anderen Seite des Tisches, die sie schon hatten, solange Thea sich erinnern konnte. War das hier ein Ort für Hans? Sie versuchte, den Kloß im Hals hinunterzuschlucken, und richtete den Blick auf die Wäsche, die über ihr hing; sie durfte hier nicht den ganzen Tag untätig herumsitzen.

Ruth übernahm gern Sverre und drückte ihn ein wenig an sich, aber Sverre riss sich aus ihrem Zugriff los, beugte sich eifrig vor und ahmte Theas Bewegungen nach. Jedesmal, wenn sie die Arme hob und eine Wäscheklammer löste, nahm er seine Ärmchen hoch und lachte. Und Thea faltete die Wäsche zusammen und legte die Teile, die gestopft werden mussten, auf die Seite, während sie sein Lächeln erwiderte und sich darüber freute, dass er sie aus ihren Gedanken riss.

Die Wäscheklammern legte sie in ihre Schachtel im Küchenschrank. Im Regal darüber stand die Schatulle der Mutter. Thea stellte sich auf Zehenspitzen und nahm den Deckel herunter. Neben den wenigen von der Mutter zusammengesparten Schillingen lagen Tante Augustas Brief, das Bündel aus Dollarscheinen und der goldene Fahrschein. Ihr Gesicht wurde heiß. Eine Chance? Die Chance hatte wie ein Stein in ihrem Bauch auf der Lauer gelegen, seit der Brief gekommen war. Sie hatte jetzt eine Zukunft zusammen mit Hans, das musste die Mutter doch verstehen. Sie griff nach den zusammengefalteten Geldscheinen und hielt sie in der Hand. Sie rochen fremd, wie ein Gewürz, das sie nicht kannte.

»Mutter hat heute früh den großen Korb gepackt.« Ruth glitt mit Sverre auf dem Arm von der Bank. »Aber sie wollte nicht sagen, was darin war.«

Plötzlich fühlte Thea sich hilflos. Sie schaute hinüber zur guten Stube. Die Tür war immer verschlossen. Drinnen gab es einen runden Tisch mit einer Einlegeplatte und einer weißen Spitzendecke, dazu Stühle mit Kissen, alles Erbstücke vom Thonander-Hof in Eda. Im Eckschrank stand ein Kaffeeservice aus echtem Porzellan, das der Vater gleich nach der Hochzeit ersteigert hatte, als Hochzeitsgeschenk für die Mutter. Plötzlich wurde ihr eiskalt. Hier stimmte etwas nicht.

Sie ging hinüber, öffnete die Tür und schlich hinein, und ein eiskalter Luftzug schlug ihr entgegen. Sie war nur selten hier drinnen, und dort, zum Fenster gedreht, stand Margits leerer Stuhl.

Aus der Küche war Sverres schrilles Freudengeheul zu hören, und Thea wandte sich dem Eckschrank zu. Es war, wie sie befürchtet hatte. Das Fach für das Service, auf das die Mutter so stolz war, war leer. Das Geschenk des Vaters an die Mutter, mit dem sie an den großen Gedenktagen deckte, das auf der Versteigerung gekaufte Service mit dem blauen Muster, war verschwunden. Was würde die Mutter als Nächstes verkaufen? Die Möbel vom Thonander-Hof? Würde sie auch Brosche und Trauring versetzen? Die Mutter hatte recht, sie schafften es nicht mehr, und die Familie brauchte Thea für mehr als nur zum Kinderhüten.

4

Am nächsten Tag ging sie zur Konfektionsfabrik Herkules in der Thorvald Meyers gate, mit Mantel und Tasche der Mutter, die Brosche am Kragen und die dunklen Haare zu einem weichen Knoten hochgesteckt. Es hatte keinen Sinn, noch länger zu warten, sie musste die Sache selbst in Ordnung bringen, auf eigene Faust aktiv werden, nicht darauf waren, dass ihr das irgendwer abnahm. Denn nach Amerika wollte sie doch auf keinen Fall.

Herkules war Kristianias größte Spezialfabrik für feinere Herrenbekleidung, dort arbeiteten mehrere hundert Angestellte, hatte in der Zeitung gestanden. Sie blieb vor dem Tor stehen und richtete den Blick auf das an der Wand angebrachte Reklameschild: Konfektion für den gutangezogenen Mann. Hans nähte ebenfalls Männerkleidung, aber nicht auf diese Weise. Er wollte seine eigene Werkstatt, seinen eigenen Kundenkreis, persönlichen Kontakt zu den Kunden, wollte sie durch alle Phasen des Lebens begleiten. Thea gefiel diese Vorstellung, in der Bäckerei war es genauso. Der Sommer folgte dem Winter, ein Jahr dem anderen, und alles war in Bewegung, auch wenn das Leben auf der Stelle zu treten schien. In einem Jahr ging es um einen Festtagskuchen für eine Kindstaufe, im nächsten um Kringel für eine Konfirmation, eine Hochzeit, einen fünfzigsten Geburtstag oder eine Beerdigung. So war es gewesen, und so würde es wieder werden, wenn nur der Krieg zu Ende ging und das Getreide kam.

Ein Aufseher, der so hoch war wie ein Sprungturm, öffnete für sie die Tür, lächelte und führte sie in einen großen Nähsaal. Sie schlug die Augen nieder und schämte sich, weil sie so gestarrt hatte, aber als sie wieder aufschaute, sah sie Frauen dicht an dicht sitzen, in Reih und Glied, jede über ihre Nähmaschine gebeugt; auf den Tischen, überall in dem großen Saal, saßen Männer im Schneidersitz und nähten mit der Hand, und Thea vergaß den Aufseher und dachte, wenn sie hier Arbeit fände, würde Hans sie anlernen müssen, sie konnte ja nur Brot und Kuchen backen, ja, viel besser als die meisten anderen, aber nähen …

Ein älterer Herr erhob sich, sowie er sie erblickte, und kam mit fragendem Blick auf sie zu. Er trug eine dunkle Jacke und einen weißen, gestärkten Hemdenkragen mit einer Halsbinde, und das Gesicht über dem Kragen war rund und hellrot; einige dünne Haarsträhnen waren über den Schädel gekämmt.

»Thea Thoresen.« Sie machte einen Knicks. »Ich suche Arbeit.«

Der Direktor lächelte vielsagend und erklärte, er könne ja verstehen, dass sie hergekommen sei, hierher, wo es an den Arbeitsplätzen elektrisches Licht gab, eine elektrische Zuschneidemaschine aus Amerika und Spezialmaschinen für Knopflöcher und Säume, zum Reihen und zum Pikieren. Dann bot er ihr den Arm und führte sie zur größten Maschine im Saal.

»Sind Sie ausgelernt, Fräulein?«

»Nein, aber ich kann lernen.« Sie lächelte zaghaft.

»Wir brauchen vor allem Näherinnen.« Er legte den Arm um ihren Rücken. »Und jetzt zeige ich Ihnen die Hemdenabteilung.«

Er führte sie in einen anderen Saal, der längst nicht so hell erleuchtet war und wo junge Mädchen in ihrem eigenen Alter und viele sogar noch jüngere den Kopf über jeweils ein Hemd beugten. Sie blieb stehen und starrte diesen Anblick an; ihr Vater hatte lose Manschetten, Kragen und Hemdbrüste, aber kein vollständiges gutes Hemd.

»Das ist die Zukunft, das Alltagshemd, ein Kleidungsstück für jedermann.« Der Direktor nahm einem der jüngsten Mädchen ein Hemd ab und hielt es stolz für Thea hoch. »Ich kann Sie auf eine Warteliste setzen, vor Ihnen sind schon viele in der Schlange. Es ist überall dasselbe. Ich kann Ihnen leider nichts versprechen.«

Ihr traten Tränen in die Augen. Sie brauchte eine Hoffnung und nicht seinen unverschämten Blick oder seinen stinkenden Atem. Sie hatten den letzten Mehlsack aufgebraucht, die letzten Brote verkauft, und ehe sie losgegangen war, hatte sie vor die Ladentür das Schild gehängt: »Vorübergehend geschlossen.«

»Ja«, sagte er ungeduldig. »Wollen Sie also auf die Liste, Fräulein?«

Thea nickte und folgte ihm in ein kleines Büro, und sie bemerkte nicht den Blick des nächstsitzenden Mädchens, ehe die Tür geschlossen wurde. Als sie sich umdrehte, stand der Direktor dicht vor ihr, und ehe sie begriff, was hier vor sich ging, hatte er sich schon schwer an sie gedrückt. Ihr schauderte, und sie versuchte, sich loszureißen, aber er presste sich nur fester an sie, packte ihre Arme mit beiden Händen und drückte seine Lippen hart auf ihre.

Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, aber dann fasste sie sich, setzte sich mit aller Kraft zur Wehr, konnte sich schließlich aus seinem Zugriff lösen und ihn zurückstoßen. »Was soll das denn?«, stammelte sie.

»Nun stell dich nicht so an. Du hast doch gesagt, dass du auf die Warteliste willst.« Der Direktor befestigte seine Halsbinde, die sich im Eifer des Gefechts gelockert hatte. »Warum soll ich ein ungelerntes Mädchen einstellen, wenn für mich nichts dabei herausspringt?«

Sie rannte durch die Straße. Die Schneiderei lag nicht weit von Herkules entfernt, und sie konnte nur daran denken, dass sie sich in Hans’ schützende Arme flüchten wollte. Einmal musste sie anhalten, um zu Atem zu kommen, und sie blieb bei einem zerzausten, windgebeutelten Baum bei der Petruskirche stehen. Dann zog sie ein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über den Mund, um das zu tilgen, was eben geschehen war. Sie musste Hans sehen, aber wenn sie so zu ihm kam, aufgetakelt und zurechtgemacht, könnte der Schneider sie für eine von den reichen Damen halten und versuchen, ihr etwas zu verkaufen. Sie zwang sich zum Weitergehen. Vorüberkommende nickten ihr zu. Jemand verbeugte sich. Zwei Herren tippten sich an den Hut. Sonst war das nicht so, wenn sie mit Mehlstaub auf dem Kleid vorübereilte. Sie biss die Zähne zusammen, stellte sich bei der Werkstatt auf und wartete. Endlich sah sie den Meister mit einer Stoffrolle unter dem Arm die Straße hinuntergehen.

Hans ließ seine Näharbeit sinken und starrte sie überrascht an. »Ich hätte nicht gedacht, dass du heute kommst«, sagte er und lief auf sie zu. »Du bist aber schön.«

»Ich bin nach Amerika eingeladen worden«, rutschte es aus ihr heraus. Es war unmöglich, den Wortstrom aufzuhalten: »Tante Augusta hat mir Arbeit besorgt, die Bäckerei ist in Gefahr, und die Arbeit wird sehr gut bezahlt.« So hatte sie es ihm nicht sagen wollen, sie hatte zuerst das mit Herkules erzählen und ihn dann um Rat fragen wollen, aber sie war nicht ganz sie selbst. Sie öffnete die Tasche, zog den Brief heraus und hielt ihn ihm hin.

Er las den Brief langsam, und dabei kam ab und zu ein Wort aus seinem Mund, als ob er nicht richtig verstünde, was dort stand. »Aber du willst mich doch wohl nicht verlassen, Thea?«, stammelte er und starrte weiterhin auf den Brief.

»Tante Augusta hat einen Fahrschein geschickt. Offenbar brauche ich mir nur irgendwelche Papiere zu besorgen.«

»Ich wusste nicht einmal, dass du eine Tante in Amerika hast.« Er wich zurück, stand nur da und starrte den großen, leeren Abstand zwischen ihnen an.

»Wir haben ein Mahnschreiben vom Hausbesitzer bekommen.« Thea schluckte. »Uns bleibt keine Zeit mehr. Ich muss Geld verdienen.«

»Aber es gibt doch noch andere Arbeit als in der Bäckerei.«

»Ich war eben bei Herkules und habe nach Arbeit gefragt. Der Direktor hat gesagt, sie brauchten Näherinnen, aber …« Sie starrte zu Boden, konnte den Anblick der Enttäuschung in seinen Augen nicht ertragen.

»Aber«, stotterte Hans. »Wenn sie Näherinnen brauchen, kann ich dir doch beibringen, was du wissen musst. Das lernst du schnell, Thea. Zusammen schaffen wir das.« Er sah kindlich froh aus, seine Augen schienen fast zu leuchten, als Thea den Blick hob und ihn wieder ansah.

»Nein, Hans, du verstehst das nicht.«

»Was verstehe ich nicht? Was ist passiert? Sag schon, Thea.« Zum ersten Mal klang Hans fast streng.

Thea schlug wieder die Augen nieder, sie spürte, wie ihre Wangen rot wurden, als sie erzählte, was im Büro des Direktors passiert war. Hans schwieg lange, als sie ihren Bericht beendet hatte. Er starrte vor sich hin, und Thea hatte das Gefühl, dass er an ihr vorbeischaute, als wäre sie gar nicht mehr da. Hatte sie ihn jetzt verloren? Erst nach langer Zeit brach er das Schweigen.

»Das hat er sicher nicht so gemeint.« Hans ging zum Nähtisch und machte sich an einer Garnrolle zu schaffen. »Er fand dich eben hübsch, und wenn dir das Arbeit verschaffen kann …« Er verstummte und schaute sich zu Thea um. »Er hat es vielleicht nicht böse gemeint … manchmal muss man einfach das Beste aus einer Sache machen.«

Thea überlegte. Sie war sicher weder die Erste noch die Letzte, der so etwas passierte. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, und die Erinnerung daran, wie sich die Lippen des Direktors auf ihre gepresst hatten, erfüllte sie mit Scham. »Nein, nicht Herkules. Ich will da nicht arbeiten, wenn das so sein muss.«

»Es gibt noch andere Nähstuben.« Hans kam zurück und legte den Arm um sie.

»Aber anderswo kann es doch genauso sein.« Sie wich zurück, aber das hatte er wohl nicht bemerkt, denn gleich darauf sah er sie an und sagte begeistert: »Du kannst von zu Hause aus arbeiten.«

»Wie meinst du das?«

»Du kannst deine eigene Nähmaschine haben.« Er lief zu der schwarzen Nähmaschine, auf der in großen verschnörkelten Buchstaben SINGER stand, und legte die Hand darauf. »Ich kenne einen Kleiderhändler, der Stoff kauft, zuschneidet und die Stücke zu Näherinnen nach Hause bringen lässt. Ich kann mit ihm reden, wenn du willst.«

»Meine eigene Nähmaschine?« Sie wandte ihr Gesicht ab. »Wir haben doch nicht einmal Geld für Mehl.«

»Aber weiter oben am Fluss gibt es Spinnereien und Webereien.«

»Du meinst vielleicht, ich soll auch in der Streichholzfabrik arbeiten, oder ich soll mich von einem Direktor anfassen lassen, um Arbeit zu finden?« Sie steckte den Brief in die Handtasche.

»Ja«, sagte er laut. »Lieber das als Amerika.«

»Wie es mir geht, ist dir egal«, rief sie. »Ich bin dir überhaupt nicht wichtig.«

»Kein Mensch ist mir so wichtig wie du.«

»Dann würdest du mich verstehen.« Thea lief zur Tür und nahm dann auf der Treppe zwei Stufen auf einmal. Ihr Kopf drohte zu bersten. Hans war nicht besser als irgendein anderer. Und wenn es so war, dann konnte sie auch nach Amerika fahren.

5

Thea zog ihr Nachthemd hinter dem Vorhang an, den die Mutter aus einem alten Mehlsack genäht hatte, kroch zu Astrid ins Bett und starrte zur Decke hoch. Ihr ganzer Körper tat weh, ihr war heiß, und sie fühlte sich krank. Nicht Hans war schuld daran, dass der Brief gekommen war oder dass im Lande Teuerung und Lebensmittelmangel herrschten, so dass Dienstmädchen gekündigt wurde, statt neue einzustellen. Das hatte sie von Frau Iversen gehört, der Nachbarin von oben. Sie schob die Ärmel hoch, fuhr mit den Händen über die blauen Flecken. Nie im Leben würde sie zu Herkules zurückgehen. Es war durchaus möglich, dass Hans recht hatte und sie sich ein paar unerwünschte Aufmerksamkeiten gefallen lassen musste, aber etwas kam ihr daran einfach falsch vor. Nein, wenn das von Mädchen verlangt wurde, damit sie Arbeit bekamen, fuhr sie doch lieber nach Amerika. Sie fühlte sich so gespalten, als ob ein Teil von ihr nicht in Ordnung wäre, Dinge fühlte, die sie nicht fühlen dürfte. In winzigen Augenblicken, wenn sie an den Brief dachte, konnte sie eine unerklärliche Sehnsucht nach etwas verspüren, von dem sie nicht einmal wusste, was es war, und das gefiel ihr nicht. So war sie doch nicht? Sie war keine, die wegging, um ihr Glück zu machen, die einfach ein Bündel grüner Geldscheine einsteckte und verschwand wie Tante Hulda.

Thea konnte sich gut an Tante Hulda erinnern. Tante Hulda hatte an einem Herbsttag vor zehn Jahren ganz unerwartet an die Tür geklopft. Sie war damals sechzehn Jahre alt gewesen, wie Thea jetzt, und sie war ganz allein mit der Bahn aus Charlottenberg gekommen, um von Kristiania aus das Amerikaboot zu nehmen. Sie lachte und aß alle Plätzchen auf, die auf den Tisch kamen, ihre Wangen waren rot, und die graugrünen Augen funkelten, sie schien auf der ganzen Welt nicht eine einzige Sorge zu haben. Sie war so gespannt auf die Reise, auf das viele Neue, auf die große Schwester, die sie auf der anderen Seite des Ozeans erwartete. Als Theas Vater fragte, ob Hulda denn keinen Koffer habe, wo sie eine so weite Reise antreten wollte, hatte sie gelacht und gesagt, sie habe nur das, was sie am Leib trug. Erst später kam heraus, dass sie auf dem Thonander-Hof aus einem Fenster gesprungen und durchgebrannt war.

Tante Augusta war vor sechzehn Jahren ausgewandert, und anders als Tante Hulda war sie zwischendurch in Schweden gewesen, nicht weniger als dreimal, was Theas Vater höchst ungewöhnlich fand, wenn man nun schon ausgewandert war. Aber obwohl Tante Augusta jedesmal bei ihnen vorbeigeschaut hatte, hatte sie keinen so großen Eindruck hinterlassen wie Tante Hulda. Tante Hulda lebte in Theas Erinnerung wie eine … ja, es war schwierig, das richtige Wort zu finden, aber wenn sie es erklären müsste, würde sie sagen, Tante Hulda sei eine, die … ja, die ihrem Herzen folgte. Aber Thea wusste, dass die Mutter Tante Augusta über die Maßen schätzte, vielleicht mehr als ihre anderen zehn Geschwister. »Aus ihr strahlt das Licht«, konnte die Mutter sagen. Der Vater sagte, Tante Augusta sei der frömmste Mensch, der ihm je begegnet sei. Thea wusste nie so genau, ob er das für etwas Gutes hielt oder nicht. Aber ihre Mutter fand es tröstlich, dass ihre Schwester beim Herrn so viel Stärke fand, dass sie dadurch genug Kraft hatte, sich um sie alle zu kümmern.

Thea richtete sich im Bett auf, zog Trygves Socken an, die zwischen den Betten lagen, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und schlang die Arme um die Beine. Die Bodenbretter wurden nicht mehr vom Backofen gewärmt. Die Fenster hatten Eisblumen, große, dicke, graue. Thea fröstelte, während ihre Augen über die Betten wanderten, die Eltern lagen dicht bei der Tür, mit Ruth zwischen sich, die Jungen hinten in der Ecke, und in der Mitte dazwischen schliefen Astrid und Thea. Dann schaute sie zu der Schublade hinüber, in der Sverre lag. Gurgelte es nicht in seiner Brust?

Vorsichtig berührte sie Astrids Zopf und merkte, wie ihr die Tränen kamen. Es ging ihnen nicht anders als den anderen Familien in Kampen. In Kampen gab es in den zugigen und feuchten Häusern Diphterie, Scharlach und Tuberkulose. Nein, Thea war keine Träumerin, keine Abenteurerin. Sie war die Älteste in der Geschwisterschar, diejenige, die dafür sorgen musste, dass es den anderen gutging. Außerdem stand ihre eigene Zukunft auf dem Spiel. Was sollte sie denn machen ohne die Bäckerei?

Am nächsten Morgen erwachte Thea mit demselben Gedanken, mit dem sie eingeschlafen war, aber nun war er anders, stärker und klarer; sie hatte eine Gelegenheit erhalten, und die würde sie nutzen. Die Morgensonne schien durch das Fenster und in die Küche, und ihr wurde es warm. Sie hatte nie daran gedacht, nach Amerika zu gehen, nie hatte so ein Gedanke sie auch nur gestreift. Aber jetzt musste sie sich eingestehen, dass sie ab und zu Tagträume von Amerika gehabt hatte. Tante Augusta hatte ihnen ab und zu kleine Geschenke geschickt, nützliche Dinge wie Wollstrümpfe, einen Pullover, eine Küchenschürze und kleine englische Kinderbücher, an denen Thea sich geübt hatte. Tante Hulda hatte Postkarten von breiten Straßen, hohen Häusern, einem Strand mit Liegestühlen und Badehäuschen, Damen in bunten Kleidern und wagenradgroßen Hüten geschickt. Und während Tante Augusta lange Briefe sandte und das gute Essen beschrieb, das sie ihre reichen Herrschaft kochte, und über die schwedische Kirche in Amerika, für die sie Geld abzweigte, oder über kleine Ausflüge, die die beiden Schwestern sonntags unternahmen, schrieb Tante Hulda immer nur einen Satz auf ihre Postkarten: Hier war ich gestern. Oder: Ist das nicht fantastisch?

Die Sonne strahlte den ganzen Tag lang. Schmelzwasser lief von den Dächern und tropfte von den Bäumen, aber als es Abend wurde, legte sich ein schwerer grauer Nebel über den Boden, und die Luft wurde feucht und kalt. Thea wusste nicht, wann Hans Feierabend machte, wann er in das Zimmer ging, das er für die Werktage gemietet hatte und das einige Straßen weiter unten lag. Aber es dauerte so lange, und mit jeder Minute wuchs ihre Angst, ihn verpasst zu haben.

Eine von zwei Pferden gezogene Kutsche näherte sich; Matsch spritzte hoch, als sie vorüberfuhr. Thea schob die Hände unter ihr Tuch. Dann spürte sie seinen Blick. Hans stand auf der anderen Straßenseite, zögerte einen Moment, dann jedoch überquerte er die Straße und kam geradewegs auf sie zu.

Sie lief ihm entgegen, wollte sagen, dass es ihr leidtat, dass sie bereut hatte, dass es doch nicht so gemeint gewesen war …

»Hast du heute keinen Mantel an?«, fragte er leise. Seine Augen sahen plötzlich so ernst aus.

Sie schlug die Augen nieder. »Den hatte ich von meiner Mutter geliehen.«

Ihre Füße gingen ganz von selbst hinter die Kirche, sie waren daran gewöhnt, stille Orte zu suchen. Hans trat gegen kleine Steine und Eisklumpen, und Thea fuhr mit der Hand über jeden einzelnen kahlen Zweig.

Dann standen sie eine Weile da, am Ende des Friedhofes, wo das Tor auf die Straße auf der anderen Seite führte, ehe sie kehrtmachten und zurückgingen, zum dritten Mal, bei jeder Runde langsamer. Theas Strümpfe waren längst durchnässt, ihre Finger steif und gefroren.

»Der Schneider will mir eine Nähmaschine verkaufen.« Hans blieb vor einem Grabstein stehen, der sich nach hinten neigte. Seine Stimme klang eifrig. »Er würde mir dann Lohn abziehen, jeden Monat einen festen Betrag. Du kannst die Maschine nächste Woche haben.«

Thea starrte zu Boden. Warum fiel sie ihm nicht um den Hals und dankte ihm? War sie doch wie Tante Hulda? »Frierst du nicht«, fragte sie und hob den Kopf wieder. »Du bist doch nur in Weste und Hemdsärmeln.«

Er versuchte, ihren Blick einzufangen. »Du hast dich entschieden«, sagte er.

»Aber ich komme zurück.« Sie griff nach seinem Arm.

»Weißt du, wie weit es nach Amerika ist?«, fragte er, ohne eine Antwort abzuwarten. »Weißt du, dass Schiffe von deutschen Unterseebooten torpediert werden?«

»Nur so kann die Bäckerei gerettet werden, Hans. Kost und Logis und fester Lohn. Alles, was ich verdiene, werde ich nach Hause schicken.«

»Nicht alle kommen zurück …« Seine Stimme klang plötzlich gepresst und fremd. »Hast du nicht von der Lusitania gehört? Die ist torpediert worden, obwohl sie nur ein Passagierdampfer war.«

»Aber ich komme zurück«, sagte Thea noch einmal.

Er brachte sie nach Hause. Die Abende waren jetzt heller, die Menschen erwarteten den Frühling. Thea hoffte, dass neue Getreidelieferungen gekommen waren, so viele, dass sie besonders früh aufstehen müssten, dass der Ofen niemals ausgehen würde, dass alle in Kampen Brot bekämen, dass sie nicht wegfahren müsste. Plötzlich dachte sie, sie hätte das auf eine andere Weise sagen müssen, es konnte doch klingen, als ob er ihr nichts bedeutete, aber das stimmte ja nicht, kein Mensch auf der Welt bedeutete ihr mehr als er.

»Willst du auf mich warten?« Sie blieb stehen, versuchte zu lächeln. »Ich kann zu Weihnachten wieder zu Hause sein.«

Er schaute zu Boden, fuhr sich mit den Händen durch die Haare. »Die, die hinfahren, kommen nicht zurück«, sagte er leise und schüttelte dabei langsam den Kopf. »Drüben gibt es mehr, was verlockt, als hier. Warte nur ab.«

»Nein!« Sie packte seine Hand. Sie würde doch nur ein halbes Jahr bei Tante Augustas Herrschaft arbeiten, dann würde sie zurückkommen. Selbst wenn eine leise Stimme in ihr etwas anderes sagte: Dass sie jetzt nicht wissen könnte, was die Zukunft bringen würde, und obwohl diese Stimme ihr Angst machte.