Miss Rondels Lupinen – DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek - Charlotte MacLeod - E-Book

Miss Rondels Lupinen – DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek E-Book

Charlotte MacLeod

0,0
3,99 €

Beschreibung

DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek: Miss Rondels Lupinen – Professor Shandy ermittelt Professor Peter Shandy fährt an die Küste, um blumigen Gerüchten auf den Grund zu gehen. In den wildesten Farben erzählt man sich von prächtigen Lupinen, die hier gedeihen sollen. Noch andere Überraschungen findet Shandy auf Miss Rondels Farm. Tiere und Pflanzen strotzen vor gespenstischer Gesundheit und auch die alte Dame selbst ist seltsam quick-lebendig. Im Gegensatz zu Jasper Flodge, der eines Tages tot über seinem Teller Hühnerfrikassee zusammenbricht. Peter Shandy darf seinen botanischen und detektivischen Leidenschaften nach Herzenslust frönen. »Mord als schöne Kunst betrachtet« – unter diesem Motto präsentiert DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek Meilensteine anglo-amerikanischer Spannungsliteratur in der Tradition des literarischen Detektivromans. Vom Serientäter bis zum perfekten Mord, von den Golden-Age-Klassikern bis zur »Grande Dame« der Kriminalliteratur Charlotte MacLeod: DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek versammelt das Beste des Genres – mit originellen Plots, fantasievollen Settings und charakterstarken Ermittlern. »Knarrende Geheimtüren, verwirrende Mordserien, schaurige Familienlegenden und, nicht zu vergessen, beherzte Helden (und bemerkenswert viele Heldinnen) sind die Zutaten, die die Lektüre zu einem Lese- und Schmökervergnügen machen.« Neue Presse/Hannover»

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 386

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek

Herausgegeben von Volker Neuhaus

Charlotte MacLeod wurde 1922 in Kanada geboren und wuchs in Massachusetts, USA, auf. Sie studierte am Boston Art Institute und arbeitete danach kurze Zeit als Werbetexterin. 1964 begann sie, Detektivromane für Jugendliche zu veröffentlichen, 1978 erschien der erste Band ihrer ›Balaclava‹-Serie, 1979 folgte der erste Titel der ›Boston‹-Reihe, die begeisterte Zustimmung fanden und ihren Ruf als zeitgenössische große Dame des Kriminalromans begründeten. Für ihr Werk erhielt MacLeod fünf American Mystery Awards sowie den Nero Wolfe Award. Im Januar 2005 starb Charlotte MacLeod im Alter von 82

Charlotte MacLeod

Miss Rondels Lupinen

Aus dem Englischen von Beate Felten-Leidel

Für Lida Wentworth

eBook 2013Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel Something in the Water bei The Mysterious Press, Warner Books, New York

© 1994 Charlotte MacLeod

Published by Arrangement with Joyce Turner

© 1999 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

© 2013 für diese Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv von Pellegrino Ritter

Umschlaggestaltung: KOCH.ZÄNKER

Satz: Greiner & Reichel, Köln

eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8727-9

www.dumont-buchverlag.de

Die riesigen Gletscher der Eiszeit und der mächtige Atlantik haben so viele malerische kleine Buchten und Spitzen in den Küstensaum von Maine genagt, daß es eigentlich überflüssig ist, sich weitere Orte auszudenken und sie zum Schauplatz von Verbrechen zu machen. Doch da dies der einzige Landbesitz am Meer ist, den sich die Autorin je wird leisten können, hat sie nach Hocasquam und Sasquamahoc auch noch Pickwance und Rondel’s Head erfunden und mit imaginären Personen bevölkert. Meer, Felsen und Muscheln sind echt, alles andere ist gesponnenes Seemannsgarn.

Kapitel 1

Wie zum Kuckuck schafft es diese Frau bloß, daß sie hier überhaupt wachsen?«

Professor Peter Shandy, berühmter Experte für Nutzpflanzenzucht am renommierten Balaclava Agricultural College im ländlichen Massachusetts, der momentan seine Zelte im Bright’s Inn in Pickwance irgendwo an der schroffen, felsigen Küste Maines aufgeschlagen hatte, war mehr als verblüfft. Er war aus zwei Gründen hierher gekommen. Der eine war, daß seine Frau es sich in den Kopf gesetzt hatte, verschiedene Jugendfreundinnen einzuladen, um mit ihnen so etwas wie eine verspätete Pyjama-Party zu veranstalten. Nach seinem kleinen Auftritt als Hahn im Korb hatte Peter seiner Gattin und ihren Gästen den Gefallen getan, sich aus dem Staub zu machen, um das gemütliche Beisammensein nicht weiter zu stören, und sich eine passende Bleibe für seine Interimsexistenz als einsamer Gockel gesucht.

Der zweite Grund seines Hierseins war jene Dame, auf die sich die eben gestellte Frage bezog. Helens Busenfreundin Catriona McBogle, die als erste komplett mit Schlafsack und puscheligen Katzenkopfpantoffeln zur Party angereist war, hatte ihn auf die glorreiche Idee gebracht, einen kleinen Abstecher zu Miss Rondels Lupinen zu machen. Währenddessen wollte sie sich mit seiner geliebten, wenn auch mitunter etwas zu geselligkeitsliebenden Helen und weiteren etwas in die Jahre geratenen ›Mädchen‹ vergnügen.

Frances Hodgson Rondel, um die Lupinenexpertin in den Genuß ihres vollen Namens kommen zu lassen, war Professor Shandy freundlich gesonnen und hatte sich sofort bereit erklärt, ihn zu empfangen. Er hatte sie am Morgen getroffen, beinahe völlig verdeckt von den hochmütigen Blütenrispen, die kerzengerade vier, fünf, sechs Fuß oder höher aus einem Meer von feingefingerten, geheimnisvoll grünen Blättern emporschossen. Die Farben der Blüten einfach nur atemberaubend zu nennen, schien Peter so respektlos, als würde man eine Stradivari als Fiedel bezeichnen. Die Skala reichte von strahlendem Weiß, das Peter an die Flügel eines Engels denken ließ, über zarte Rosatöne, unschuldiges Babyblau und ein verwirrend flüchtiges Blaßgelb wie aus dem Federkleid eines Myrtenwaldsängers im Frühling bis hin zu sanftem Apricot, aufdringlich glänzendem Gold, königlichem Lila und wunderbaren Rottönen, zu denen vielleicht ein Tizian fähig gewesen wäre, hätte er seine Farben in dieses nördliche Licht tauchen können.

Peter besaß ein hervorragendes Auge für Farben. Er hatte in seinen Gewächshäusern Hybriden gezüchtet, die ihn als Nutzpflanzenexperten ziemlich berühmt gemacht und ihm eine Menge Geld eingebracht hatten. Doch hier, an diesem kargen, felsigen Teil der Küste von Maine, wurde ihm schlagartig bewußt, daß er Mutter Natur niemals das Wasser würde reichen können.

Doch die ungewöhnlichen farbenprächtigen Riesen wußten noch nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Morgen würde er so früh, wie es die Höflichkeit eben erlaubte, mit einsatzbereiten Sammeltaschen zurückkehren. Es war bereits Mitte Juli. Peter waren die stattlichen Leguminosen, für die bestimmte Straßenabschnitte Maines zu recht berühmt waren, schon während der Fahrt aufgefallen. Jetzt war genau der richtige Zeitpunkt, um aktiv zu werden. Und dies war zweifellos der ideale Ort. Mrs.Rondel verstand zwar nicht ganz, was ihn derart in Begeisterung versetzte, hatte ihm jedoch gestattet, nach Herzenslust zu sammeln, nachdem sie sich vergewissert hatte, wer er war, woher er kam und wer ihn zu ihr geschickt hatte.

Mit Erlaubnis der leicht amüsierten Mrs.Rondel hatte Peter bereits mehrere Bodenproben entnommen. Er wollte sie am nächsten Tag so früh wie möglich seinem Freund Professor Ames schicken, damit dieser sie im Collegelabor untersuchen konnte. Als er Mrs.Rondel gefragt hatte, welchen Dünger sie benutze, hatte er als Antwort nur ein rätselhaftes Lächeln erhalten. Er selbst konnte sich übrigens gut vorstellen, daß es sich um ein Gebräu aus gut abgelagertem Hühnermist handelte. Bisher hatte er zwar nur drei Hennen in Rondel’s Head entdeckt, doch die waren so groß wie junge Truthähne gewesen, mit flammendroten Kämmen, Federn, die wie die der goldenen Gans aus dem Märchen glänzten, und dem Ausdruck blasierter Arroganz auf ihren selbstgefälligen Schnabelgesichtern. Er war sogar bereit, jede Wette zu halten, daß sie ausnahmslos Rieseneier mit doppeltem Dotter legten.

Auch Miss Rondel war äußerst bemerkenswert. Sie war schätzungsweise ein Meter fünfundsiebzig groß, trug abgelaufene Turnschuhe und hielt sich kerzengerade. Nur die tiefen Falten in ihrem Gesicht und die dicken Venen auf ihren Handrücken ließen auf ein fortgeschrittenes Alter schließen, wofür es allerdings auch noch einen anderen Hinweis gab. Als er gestern am späten Nachmittag angekommen war, hatte er sich bei Elva Bright, der Besitzerin des Gasthofes, erkundigt, ob sie zufällig die Dame kenne, die hier Lupinen züchtete.

»Selbstverständlich kenne ich sie«, hatte Mrs.Bright erwidert. »Schließlich ist sie mit meiner Großmutter zur Schule gegangen.«

Dabei war Elva, wie sie anscheinend von jedem im Ort genannt wurde, selbst schon mehrfache Großmutter. Dies hatte Peter aus diversen Bemerkungen geschlossen, die sie in seinem Beisein anderen Gästen gegenüber gestern beim Abendessen und heute morgen beim Frühstück gemacht hatte, sowie aus den Fotos, die an der Rezeption standen. Ein weiterer Beweis war die hübsche junge Dame, die etwa sechzehn Jahre zählen mochte und in grellrosa Steghose und dezenter Bluse mit Blumenmuster die Gäste bediente und die Gastwirtin »Gran« nannte.

Miss Rondel mußte daher schon recht betagt sein, auch wenn sie sich noch so gerade hielt und voller Energie steckte. Möglicherweise heiratete man hier ausgesprochen früh. Vielleicht vermischten die Familien sich hier so begeistert, daß jemand bereits in utero Großonkel oder Großtante sein konnte. Vielleicht lag es auch am Wasser. Peter genoß den letzten Bissen seines köstlichen Hühnerfrikassee und hielt hoffnungsvoll Ausschau nach Kaffee und Maismehlpudding, die er bereits vor einiger Zeit bestellt hatte, wie er sich vage zu erinnern glaubte.

Er war erst spät zum Gasthof zurückgekehrt, da er nach dem Besuch bei Miss Rondel einen weiten Umweg an der Küste entlang gemacht und immer wieder angehalten hatte, um die heimische Vogelwelt zu beobachten. Als er endlich eingetroffen war, hatten die Gäste schon fast fertig gegessen beziehungsweise gespeist – je nach sozialer Schicht. Außer ihm befanden sich nur noch zwei Männer im Speisesaal. Einer war der gepflegt wirkende alte Herr, der Peter bereits gestern abend aufgefallen war und wieder am selben Tisch in der Ecke saß, der andere, ein ausgesprochen großspuriger Mensch, war kurz nach Peter auf der Bildfläche erschienen. Die Unmengen von benutztem Geschirr auf den Tischen zeugten allerdings davon, daß der Großteil des Abends weit weniger ruhig verlaufen war.

Das Großmaul hatte Peter einen hoffnungsvollen Blick zugeworfen, den dieser jedoch eiskalt hatte abprallen lassen, und sich daraufhin damit zufrieden gegeben, die junge Kellnerin, die den bemerkenswerten Namen Thurzella oder so ähnlich trug, mit seinen Witzen zu beglücken. Sie hatte seine plumpen Späße kommentarlos über sich ergehen lassen und in aller Seelenruhe einen Tisch in seiner Nähe abgeräumt. Schließlich teilte sie ihm mit, daß es in der Küche nur noch eine einzige Portion Hühnerfrikassee gebe und Mr.Flodge sich mit seiner Bestellung beeilen müsse, falls ihm der Sinn nach diesem Gericht stehe, da sie es ansonsten gern selbst essen wolle. Flodge hatte sich daraufhin auf der Stelle das Frikassee bestellt und schlang es jetzt so gierig hinunter, als befürchte er, Thurzella würde es ihm doch noch in letzter Minute unter der Nase wegreißen und selbst verzehren, was Peters Meinung nach einiges über seine Persönlichkeit aussagte.

Der alte Herr in der Ecke hatte seine Kaffeetasse abgesetzt und beobachtete mit offensichtlichem Respekt, wie Flodge Hühnchenfleisch und Erbsen mit der Geschwindigkeit und Effektivität eines gut geölten Roboters in sich hineinschaufelte. Die Portionen im Bright’s Inn waren so großzügig, daß man sie fast schon überwältigend hätte nennen können, und Flodge hatte gerade etwa die Hälfte in sich hineingestopft, als er urplötzlich, ohne auch nur einen Laut oder irgendein Zeichen von sich zu geben, nach vorn kippte und mit dem Gesicht im Teller landete.

Mit einer ruckartigen Handbewegung warf er sein Glas auf den Boden. Thurzella ließ ein volles Tablett mit aufeinandergestapelten Tellern fallen, stieß einen schrillen Schrei aus, der einer Opernsängerin Ehre gemacht hätte, und griff beherzt nach dem Haarschopf des unglückseligen Essers, den sie daraufhin prompt in der Hand hielt.

»Granny! Granny! Komm schnell! Jasper Flodge ist mit dem Gesicht in die Sauce gefallen und jetzt hab’ ich ihm auch noch alle Haare ausgerissen!«

»Meine Güte, Thurzella, mach nicht so ein Geschrei, es ist doch bloß ein Toupet. Komm schon, Jasper, reiß dich zusammen, sonst ertrinkst du noch in der Sauce. Und du hör auf, ihn anzustieren, Thurzella. Lauf in die Küche und hol einen Lappen, damit wir die Schweinerei aufwischen können.«

Mrs.Bright ließ das Toupet angewidert auf einen leeren Stuhl fallen, griff nach Flodges Hemdkragen, riß ihn nach oben, so daß sein Träger eine sitzende Position einnahm, und begann, das Gesicht ihres Gastes mit einer Serviette abzutupfen. »Professor, ich möchte Sie wirklich nicht belästigen, aber –«

»Das ist doch selbstverständlich, Mrs.Bright.« Peter war bereits aufgestanden und stand kurze Zeit später neben ihr. »Lassen Sie mich mal sehen.«

Er hatte seine eigene Serviette und sein Wasserglas mitgebracht, feuchtete die Serviette an und strich damit über das saucenverschmierte Gesicht. Die Augen des Mannes waren halbgeöffnet, doch die Lider bewegten sich nicht. Peter versetzte dem ohnmächtigen Flodge einen Schlag zwischen die Schulterblätter und versuchte, mit dem Heimlich-Handgriff einen etwaigen Fremdkörper aus den Luftwegen zu entfernen. Schließlich griff er nach einem der rostfreien Messer, die Mrs.Bright spiegelblank poliert hatte, und hielt es an den offen stehenden Mund. Nicht der kleinste Hauch trübte die glänzende Oberfläche. Peter schaute die Gastwirtin an, und sie erwiderte seinen Blick.

»Ich sollte wohl besser einen Arzt rufen, meinen Sie nicht auch, Professor?«

»Am besten verständigen Sie gleich auch den Constable, falls es hier im Ort einen gibt.«

Während Peter neben dem leblosen Körper stand und überlegte, was in Dreiteufelsnamen er wohl als nächstes tun solle, eilte Mrs.Bright bereits zur Rezeption, wo sich ihr Telefon befand. Thurzella kehrte mit Schrubber, Wassereimer, Besen, Kehrblech sowie einer Rolle Küchenpapier aus der Küche zurück und hatte aus unerfindlichen Gründen auch ein kleines Spülbürstchen mit rosa Griff mitgebracht.

»Ist Ihnen das Frikassee nicht bekommen, Mr.Flodge?«

Sie machte Anstalten, nach seinem nicht sehr appetitlich aussehenden Teller zu greifen, doch Peter hielt sie am Arm fest.

»Fassen Sie den Teller bitte nicht an, Thurzella.«

»Aber warum denn nicht? Von dem vermatschten Ding will er doch bestimmt nicht mehr essen.«

»Nein. Nein, da haben Sie sicher recht, Thurzella. Aber vielleicht sollten Sie sich lieber als erstes um die Glasscherben kümmern, bevor jemand hineintritt.«

Das Mädchen schien ihn weder zu sehen noch zu hören, sie starrte nur auf den Mann, der ihr das Hühnerfrikassee weggegessen hatte. »Er ist tot, oder?« sagte sie schließlich. »Ich habe noch nie jemanden sterben sehen. Es ist schrecklich, finden Sie nicht?«

»Ja, es ist wirklich schrecklich.« Schließlich war sie noch ein halbes Kind. »Vielleicht sollten Sie kurz in die Küche gehen und sich eine Tasse Tee oder so etwas machen? Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um die Scherben. Die Tische rühren wir am besten nicht an, bevor die Polizei da war.«

»Aber wieso denn nicht, Professor? Man kann ihn doch nicht einfach so –«

»Ich weiß, was Sie meinen«, sagte Peter, »aber leider dürfen wir nichts – ach du liebe Zeit!«

Es gelang ihm, das Mädchen aufzufangen, bevor sie mitten in die Scherben fiel, und zu einem Stuhl am Nebentisch zu führen, wo sie die unheimliche Gestalt, die bis vor kurzem noch Jasper Flodge gewesen war, nicht mehr sehen konnte. Dann wandte er sich an den schweigenden Herrn in der Ecke.

»Könnten Sie sich bitte einen Moment um die junge Dame kümmern, Sir, während ich die Scherben aufkehre? Sie fühlt sich etwas unwohl.«

»Mir geht es genauso.«

Der Mann stand trotzdem auf, stützte sich schwer auf einen dicken Stock aus Schwarzdornholz und setzte sich mühsam in Bewegung. Peter tat es leid, daß er den armen alten Kauz belästigt hatte. Doch als der Mann Thurzella schließlich erreicht hatte, stellte er sich als recht kompetent heraus. Er ließ sich langsam auf den Stuhl neben ihrem sinken, zog von allen denkbaren Objekten ausgerechnet ein zierliches kleines viktorianisches Riechfläschchen aus blauem Glas hervor und hielt es dem jungen Mädchen, das offensichtlich im Begriff war, jeden Moment ohnmächtig zu werden, unter die Nase.

»Es hat meiner Mutter gehört«, erklärte er ein wenig verlegen. »Und vorher ihrer Mutter. Da ich selbst zu gelegentlichen Schwindelattacken neige, mit deren Ursachen ich Sie lieber nicht langweilen möchte, trage ich es immer bei mir. Tief einatmen, Thurzella, dann haben Sie gleich wieder einen klaren Kopf.«

Die junge Frau gehorchte, hustete, nieste und begann zu weinen. Der Mann reichte ihr ein Taschentuch aus feinem Leinen, sorgfältig gebügelt und blütenweiß wie die Brust einer Schneegans. »Immer mit der Ruhe, bald fühlen Sie sich besser. Vielleicht holt Ihnen der freundliche Herr ein Glas Wasser?«

Auf den Tisch an der Kasse hatte jemand einen Aluminiumkrug und ein Tablett mit sauberen Kelchgläsern gestellt. Peter eilte zu dem Tisch und schüttelte vorsichtig den Krug, um festzustellen, ob sich noch Wasser darin befand. Es war zwar nicht mehr viel, aber es würde ausreichen. Er füllte eines der Gläser und brachte es Thurzella.

Sie schluchzte immer noch in das wunderschöne Taschentuch. Der ältere Herr verhielt sich vernünftigerweise ruhig und ließ sie weinen. Er nahm das Glas in Empfang und reichte es der jungen Frau mit der gleichen altmodischen Förmlichkeit, die er bereits mit dem Taschentuch und dem Riechsalz an den Tag gelegt hatte. Thurzella schluckte mehrere Male, putzte sich die Nase, wischte sich die Tränen ab, nahm das Wasserglas und führte es ungeschickt an die Lippen. Doch es schien zu funktionieren. Als Elva Bright ihre Telefonate beendet hatte und wieder zu ihnen stieß, war ihre Enkelin bereits damit beschäftigt, unter Flodges Tisch umherzukriechen und den letzten verirrten Scherben mit Staubfeger und Kehrblech zu Leibe zu rücken, während Peter beherzt den Besen schwang.

Die Gastwirtin war entsetzt. »Geben Sie mir bitte sofort den Besen, Professor! Es ist zwar reizend von Ihnen, daß Sie uns helfen wollen, aber als zahlender Gast ist es wirklich nicht Ihre Aufgabe, hier an meiner Stelle den Boden zu kehren! Es war übrigens gar nicht so einfach, jemanden zu erreichen, aber gleich kommt der Krankenwagen von The Narrows und holt ihn ab. Dr.Bee hat versprochen, daß er sich Jasper sofort ansieht, wenn er dort eintrifft. Der Doktor meint, daß es höchstwahrscheinlich ein Herzinfarkt war, was mich bei Jaspers Lebenswandel nicht sonderlich überraschen würde. Daher denke ich, wir können ihn ruhig soweit herrichten, daß er wieder halbwegs präsentabel aussieht. Er fände es bestimmt furchtbar, mit total verschmiertem Gesicht und Erbsen in den Ohren ins Krankenhaus gebracht zu werden.«

»Und ohne Haare«, fügte der alte Herr mit todernster Miene hinzu. »Haben Sie Flodges – äh – Haushälterin schon erreicht?«

»Oh, er hatte schon seit mindestens fünf Monaten keine mehr. Die letzte fand es dort zu ruhig, besonders im Winter, was man ihr meiner Meinung nach kaum verdenken kann. Deshalb hat Jasper auch regelmäßig hier bei uns gegessen. In der letzten Zeit ist er ziemlich vom Pech verfolgt worden. Ach, was rede ich da überhaupt, wo der arme Mann hier tot auf seinem Stuhl sitzt. Thurzella, möchtest du nicht lieber nach Hause gehen? Deine Mutter macht sich bestimmt schon Sorgen, wo du bleibst.«

»Nein, bestimmt nicht. Sie ist mit Dad bei Tante Sara Ann. Onkel Ira hat nächste Woche Geburtstag, weißt du, und Tante Sara hat für ihn einen Stapel Kassetten mit Greta Garbo-Filmen gekauft. Heute abend ist er mit den Jungs aus der Fabrik kegeln, daher hat Tante Sara Ann meine Eltern zur Sneak Preview eingeladen. Sie ärgern sich bestimmt schwarz, wenn sie rausfinden, was sie verpaßt haben. Kann ich nicht heute nacht hier bei dir schlafen, Grammy?«

»Nein, Thurzella. Du weißt genau, daß dein Vater sich immer wahnsinnig aufregt, wenn du nicht in deinem Bett liegst, wenn er mit deiner Mutter nach Hause kommt.«

»Aber ich hab’ Angst, im Dunkeln allein nach Hause zu gehen.«

»Eh –« Peter räusperte sich. »Hat sie weit zu laufen? Ich könnte sie schnell mit dem Wagen heimbringen.«

»Kommt gar nicht in Frage, Professor, es ist wirklich nur ein Katzensprung. Wenn einer von Ihnen so freundlich ist, hier zu warten, bis der Krankenwagen kommt, hole ich einfach schnell meine Taschenlampe und begleite sie.«

»Das kann ich übernehmen«, sagte der ältere Herr. »Ich tauge inzwischen ohnehin nur noch zum Warten. Vielleicht möchte Professor – entschuldigen Sie bitte, Sir, aber ich habe Ihren Namen nicht verstanden.«

»Shandy. Ich unterrichte am Balaclava Agricultural College in Massachusetts. Gehen Sie ruhig, Mrs.Bright, ich bleibe hier und leiste dem Herrn Gesellschaft. Falls Sie überhaupt Wert auf Gesellschaft legen, Mr.–«

»Withington. Claridge Withington. Ich habe früher auch eine Weile unterrichtet. Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie der Professor Shandy sind, der die Portulica Purple Passion gezüchtet hat? Ganz zu schweigen von der berühmten Riesenrübe, dem Balaclava Buster.«

»Hmja, das könnte man wahrscheinlich sagen, obwohl eigentlich mein Freund Professor Ames den größten Teil der Arbeit geleistet hat. Aber sind Sie vielleicht zufällig der Claridge Withington, der für den Lupinenboten schreibt?«

»Ach herrje, Sie wollen doch damit nicht etwa sagen, Sie hätten schon einmal etwas von mir gelesen?«

»Natürlich, ich lese stets Ihre Artikel. Meine Frau übrigens auch, ich glaube, Sie haben sie sogar schon ein oder zweimal zitiert. Sie ist die Kuratorin der Sammlung Buggins in Balaclava und hat bereits eine Menge über die Familie Buggins veröffentlicht.«

»Helen Marsh Shandy, aber natürlich! Eine Frau, die ich zutiefst bewundere, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben. Aber wie man so schön sagt, die Welt ist klein. Ihre Gattin ist nicht zufällig ebenfalls hier zu Besuch?«

»Nein, sie vergnügt sich mit ein paar alten Freundinnen, und ich habe Order, mich rar zu machen.«

Peter verspürte wenig Lust, in Gegenwart einer langsam steif werdenden Leiche ein belangloses Gespräch zu führen, auch wenn die Situation in seinen Morgenseminaren bisweilen durchaus vergleichbar war. Er überlegte, ob man Jasper Flodge nicht lieber auf den Serviertisch legen solle, um etwaige Schwierigkeiten beim Transport in den Krankenwagen zu vermeiden. Doch es hatte wenig Zweck, diese Bedenken jetzt zu äußern, da er ohnehin nichts tun konnte, es sei denn, Mr.Withingtons Stock entpuppte sich als Falttrage. Was Peter nach allem, was bereits passiert war, nicht sonderlich überraschen würde.

Auf jeden Fall schien The Narrows, wo immer es sich auch befand, nicht weit vom Gasthof entfernt zu sein, wenn Mrs.Bright davon ausging, daß der Krankenwagen noch vor ihrer Rückkehr hier eintreffen würde. Es sei denn, sie hatte vor, noch kurz bei Sara Ann vorbeizuschauen und sich einen der Filme anzusehen. Peter hatte bei einem früheren Besuch die Erfahrung gemacht, daß die Bevölkerung von Maine ein klein wenig unberechenbar war.

»Und was hat Sie zu uns geführt, Professor Shandy?« erkundigte sich Withington. »Pickwance hat zwar einige treue Fans, zu denen auch ich zähle, aber man kann den Ort wohl kaum als Touristenmagnet bezeichnen.«

»Was an sich schon Grund genug für einen Besuch wäre«, sagte Peter. »Aber eigentlich bin ich hergekommen, weil unsere gemeinsame Freundin Catriona McBogle meinte, ich könnte mich vielleicht für Miss Rondels Lupinen begeistern.«

»Aber natürlich, die Lupinen! Ich konnte sie mir zwar während der letzten Jahre aus naheliegenden Gründen nicht mehr ansehen, aber ich erinnere mich lebhaft daran, wie wunderschön sie waren. Sind sie immer noch genauso großartig wie früher?«

Woher zum Henker sollte Peter Shandy das wissen? »Es sind die schönsten Exemplare, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe. Wissen Sie zufällig, welches Düngemittel Miss Rondel benutzt?«

»Keine Ahnung, da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Düngemittel gehören nicht zu meinen Spezialgebieten. Vermutlich ist es irgendeine Art von tierischem Dung. Frances Rondel hält nicht viel von Substanzen, die nicht von Mutter Naturs Gabentisch stammen. Wenn ich mich recht erinnere, hatte sie früher immer eine Kuh. Frederica, so hieß das Tier, war ein ausgesprochen hübsches Exemplar und konnte erstaunlich melodiös muhen. Ich habe sogar einmal etwas über Frederica zu Papier gebracht, allerdings ging es dabei nicht um die – äh – Enderzeugnisse, wenn ich es einmal so ausdrücken darf. Das erinnert mich übrigens an Wordsworth. ›Im Leben ist alles wohl bestellt, selbst was nutzlos scheint, befruchtet die Welt‹. Sind Sie vertraut mit den Werken von Wordsworth, Professor?«

Peter war mit den Werken von Wordsworth recht gut vertraut. Darüber hinaus kannte er auch die Werke von Henry Wadsworth Longfellow. Es wäre grausam gewesen, dem armen Withington zu gestehen, daß er und Helen seine kleinen Ergüsse nur lasen, weil es ihnen diebischen Spaß machte, herauszufinden, wer von ihnen die meisten geklauten oder falsch angewandten Zitate und Anspielungen fand.

»Ich habe noch nie mit einer Narzisse getanzt, falls Sie das meinen. Ich nehme an, Sie leben schon lange hier in Pickwance, Mr.Withington?«

»Eigentlich lebe ich nicht wirklich hier, ich bin eher so etwas wie ein Sommerleiden, um es einmal im wenig schmeichelhaften Idiom der Einheimischen auszudrücken. Ich kann die Winter von Maine inzwischen nicht mehr ertragen und reise daher normalerweise wieder ab, wenn der Herbst sich dem Ende neigt. Elva Bright sorgt stets dafür, daß ich mich wohlfühle, sie hat mir sogar ihr Empfangszimmer zur Verfügung gestellt, um mir das Treppensteigen zu ersparen. Ansonsten vertreibe ich mir die Zeit mit den Klatschgeschichten der Leute. Wahrscheinlich weiß ich inzwischen mehr über Pickwance als die Einheimischen. Ich möchte Ihnen nicht zu nahetreten, Professor Shandy, aber wußten Sie, daß man hier in diesem Gebäude einst Menschen isoliert hat?«

Kapitel 2

Peter unterdrückte ein Gähnen. »Sie meinen, hier wurden zänkische Hausdrachen und aufsässige Schulkinder einsperrt?«

Withington quittierte den schlaffen Witz mit einem leisen Lachen. »Nicht ganz. Sie befinden sich vielmehr im ehemaligen Seuchenhaus von Pickwance. In der sogenannten guten alten Zeit wurden hier die infizierten Dorfbewohner untergebracht. Seeleute brachten exotische Krankheiten aus fremden Häfen mit, wissen Sie, kehrten heim und steckten ihre Frauen und Freundinnen an. Und auf einmal bekamen dann alle möglichen Leute Mumps und Masern oder dergleichen. Die Pocken waren besonders gefürchtet, aber die meisten Todesopfer forderte die Tuberkulose. Eine Zeitlang diente das Seuchenhaus auch als Sanatorium, bis man die Krankheiten schließlich durch Impfen in den Griff bekam. Die Luft hier soll angeblich besonders gut für Menschen mit Lungenleiden sein, und in der Hoffnung auf ein Wunder kamen viele Patienten den weiten Weg von Boston und New York. Manchmal wurden ihre Hoffnungen sogar erfüllt, wie ich gehört habe.«

Withington streckte sein lahmes Bein aus, was ihm einige Schmerzen zu bereiten schien. »Jetzt wo einige der alten Krankheiten, die man bereits für ausgerottet hielt, wieder zurückkehren, was wir vor allem der Tatsache zu verdanken haben, daß Kinder sich vor dem Essen und nach dem Besuch des stillen Örtchens nicht ordentlich die Hände waschen, bitte verzeihen Sie mir den etwas schulmeisterlichen Ton, könnte es durchaus sein, daß man früher oder später an Elva herantritt und sie bittet, wieder Patienten aufzunehmen. Worauf sie sicher nicht sonderlich erpicht sein wird, wenn man bedenkt, welches Martyrium sie mit ihrem verstorbenen Ehemann durchgemacht hat.«

Peter nahm an, daß sein Gegenüber an dieser Stelle ein höfliches Geräusch von ihm erwartete, ließ es dann jedoch bei einer fragend hochgezogenen Braue bewenden. Für seinen Gesprächspartner war dies Ermunterung genug.

»Eine tragische Geschichte. Jean-Luc war Franzose, ein echter Held der Resistance, der von den Nazis verhaftet und gefoltert, aber, soweit ich gehört habe, nie gebrochen wurde. Irgendwie ist es seinen Freunden gelungen, ihn zu befreien und ins Ausland zu schmuggeln, und zwar in einem amerikanischen Truppentransporter, der verwundete und verstümmelte Soldaten zurück in die Heimat brachte. Ich habe zwar keine Ahnung, was ihn nach Pickwance verschlagen hat, ob er vielleicht hoffte, hier Verwandte zu treffen – Sie wissen ja, daß hier in Maine viele französischstämmige Menschen leben. Vielleicht hat er auch nur ein Versteck gesucht, in das er kriechen konnte, um seine Wunden zu lecken.«

Wieder veränderte der alte Herr die Lage seines Beines, diesmal nahm er dazu beide Hände zu Hilfe. »Lange Rede, kurzer Sinn: Eines Tages tauchte er also in Pickwance auf. Damals hatten die Brights das alte Seuchenhaus schon seit geraumer Zeit zu einem Gasthof umgebaut. Elva gehört bereits zur vierten Generation von Gastwirtinnen. Zu dieser Zeit war sie ungefähr so alt wie Thurzella heute und verrichtete auch in etwa die gleiche Arbeit, half ein bißchen beim Servieren und wischte hin und wieder Staub an den besonders auffälligen Stellen. Sie war ein ausgesprochen hübsches Mädchen, und Jean-Luc Mercier de L’Avestant Portallier, hoffentlich habe ich nichts vergessen, war ein recht gutaussehender Mann, auch wenn er etwas hager und ausgemergelt war. Er war fünfunddreißig, und sie kam frisch von der High School, daher ist es kaum verwunderlich, daß die beiden sich ineinander verliebten. Auch wenn Jean-Luc nach seinen Erlebnissen in der Folterkammer offensichtlich nur noch eins kannte, nämlich Kinder zeugen, was er dann auch binnen kurzem tat.«

»Ach herrje«, sagte Peter aus purer Verlegenheit und weil er nicht unhöflich erscheinen wollte.

»So schlimm war es nun auch wieder nicht. Jean-Luc hatte nämlich Geld, vermutlich stammte es aus einer Erbschaft, vielleicht war es auch eine Art Rente. Entweder hatte er zu Hause in Frankreich keine Verpflichtungen oder die Brights zogen es vor, lieber keine Nachforschungen über sein Vorleben anzustellen. Jedenfalls heirateten die beiden gerade noch rechtzeitig und lebten genauso glücklich und zufrieden miteinander wie die meisten anderen Paare auch. Vielleicht sogar noch glücklicher, aber genau weiß ich es auch nicht. Jean-Luc hatte ein Händchen für Finanzen, er las regelmäßig das Wall Street Journal und spekulierte an der Börse.«

»Erfolgreich?«

»Könnte man sagen. Nach ein paar Jahren war er bereits in der Lage, seine Schwiegereltern in bar auszuzahlen, sehr zum Kummer von Elvas Bruder, der zwar nie einen Finger gekrümmt hatte, jedoch in der freudigen Erwartung lebte, den Gasthof nach dem Dahinscheiden der Eltern zu erben. Aber die beiden alten Leutchen machten ihm einen Strich durch die Rechnung und gönnten sich in Florida eine schöne Zeit, indem sie Jean-Lucs Geld wieder unter die Leute brachten. Und als sie schließlich hochbetagt starben, wurden sie von Petrus sicher freundlich aufgenommen.«

»Hmja. Und was wurde aus Jean-Luc?«

»Er schaffte es, eine zweite Tochter zu zeugen und für seine Frau und die beiden Mädchen ein hübsches Nest zu bauen, bevor seine Gebrechen ihm den Garaus machten. Er hinterließ Elva den Gasthof schuldenfrei und sicherte damit ihren Lebensunterhalt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Unterhaltung und Führung eines so kleinen Betriebes übermäßig viel Zeit oder Geld kostet.«

Aber hoppla, dachte Peter, sah jedoch keinen Grund, Withington aufzuklären, solange er noch so in Fahrt war.

»Wahrscheinlich hat Elva im großen und ganzen gar kein schlechtes Leben. Beide Mädchen haben gut geheiratet und meines Wissens auch relativ wohlgeratene Kinder. Michele, die älteste, lebt ganz in der Nähe. Ihr Mann leitet eine Sägemühle, und sie webt Stoffe, die sich, soweit ich gehört habe, in diversen Kunstgewerbeläden inklusive ihrem eigenen ganz gut verkaufen. Wahrscheinlich wird Michele das Gasthaus irgendwann übernehmen, aber genau kann man so etwas natürlich nie wissen. Therese, die jüngere, ist daran sicher nicht interessiert. Sie ist Psychologin, hat einen bekannten Anwalt geheiratet und lebt in Portland. Die beiden kommen recht häufig her. Wenn Sie das Wochenende hier verbringen, lernen Sie Therese und ihren Mann vielleicht sogar noch kennen.«

Withington legte noch einen Zahn zu, wahrscheinlich, weil er verhindern wollte, daß Peter sagte, er werde schon früher abfahren. »Aber vielleicht übernimmt auch Thurzella oder sonst jemand aus der Enkelgeneration den Gasthof. Wer es auch ist, er wird den Namen Bright bestimmt fortleben lassen, genau wie es auch Elva getan hat. Das gehört einfach dazu.«

Peter fand die Familiensaga der Brights allmählich ein klein wenig ermüdend. »Ich frage mich, warum sie so lange braucht«, meinte er schließlich. »Ich dachte, es sei nur ein Katzensprung von hier.«

»Bitte fühlen Sie sich nicht verpflichtet, meinetwegen hier zu bleiben.«

Withington klang dabei so, als sei Professor Shandy der herzloseste Rüpel, den man sich überhaupt vorstellen konnte, wenn er es fertigbrächte, einen armen gehbehinderten redseligen alten Mann mutterseelenallein mit einer langsam erstarrenden Leiche zurückzulassen. Womit der alte Langweiler im Grunde sogar recht hatte. Peter war zutiefst erleichtert, als die Türe endlich aufging und Mrs.Bright in den Speisesaal eilte.

»Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat. Thurzella war völlig außer sich, sie nimmt sich immer alles furchtbar zu Herzen. Ich mußte Sara Ann anrufen und sie bitten, Michele und Bob heimzuschicken. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß sie genau hören wollten, was passiert war, Sie wissen ja, wie so etwas ist. Ich bin Ihnen beiden wirklich sehr dankbar, daß Sie hiergeblieben sind. Ich komme jetzt ganz gut allein zurecht, wenn Sie möchten, können Sie sich also ruhig zurückziehen. Hier haben Sie Ihr Riechfläschchen wieder, Claridge. Thurzella hat vergessen, es Ihnen zurückzugeben. Ihr Taschentuch wasche ich morgen.«

Sie verstaute die Taschenlampe in der Schublade unter der Theke und griff nach dem Telefon. »Ich rufe die lahmen Enten in The Narrows nochmal an und versuche herauszufinden, warum sie immer noch nicht hier sind. Immerhin bezahlt Pickwance jedes Jahr eine Menge Geld für den Notdienst. Möchte einer von Ihnen vielleicht eine Tasse heiße Schokolade oder einen Ingwertee? Für Kaffee ist es wahrscheinlich ein bißchen spät.«

»Für mich nichts, danke«, sagte Peter, bevor Withington wieder loslegen konnte. »Aber ich setze gern Wasser auf, wenn Sie etwas trinken möchten.«

»Nein, Michele hat darauf bestanden, daß ich mich hinsetze und eine Tasse Tee trinke, um mich wieder zu beruhigen, aber leider hat es nicht viel geholfen. Ich fürchte, ich werde eine schlaflose Nacht verbringen. Ah, da kommen sie ja endlich. Jetzt habe ich mich die ganze Zeit umsonst aufgeregt, aber so geht das ja meistens. Tut mir leid, daß ich Sie mit hineingezogen habe, aber wie gesagt, ich bin Ihnen wirklich dankbar für Ihre Unterstützung.«

»Wir haben doch gar nichts getan«, meinte Peter.

»Aber wir haben uns näher kennengelernt«, fügte Mr.Withington höflich hinzu. »Bleibt nur zu hoffen, daß unser nächstes Gespräch unter weniger makabren Umständen stattfindet, Professor Shandy.«

Peter unterdrückte den unfeinen Wunsch, daß es kein nächstes Mal geben möge, und beschloß, sich aus dem Staub zu machen. Doch dies war leichter gesagt als getan. Inzwischen war eine stämmige junge Frau mit einem kleinwüchsigen älteren Mann hereingekommen. Beide trugen saubere weiße Kittel über einem Overall und T-Shirt, blockierten die Tür zum Speisesaal mit einer fahrbaren Trage, einem Sauerstoffgerät und allerlei anderen Apparaten, für die es in diesem Fall allerdings keinerlei Verwendung mehr gab, da inzwischen außer Zweifel stand, daß Jasper Flodge auch mit größter Anstrengung nicht mehr wiederzubeleben war und seine unsterbliche Seele sich längst auf dem Weg in ein besseres Leben befand. Oder auch nicht, man konnte schließlich nie wissen.

Dennoch ließ sich das ungleiche Paar nicht davon abhalten, dem Dahingeschiedenen die Manschette des Blutdruckmeßgerätes um den schlaffen Arm zu legen und eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht zu stülpen. Währenddessen ließen sie sich von Mrs.Bright genau schildern, was vorgefallen war. Die Gastwirtin beschrieb den Vorfall so detailliert wie möglich, wobei Mr.Withington mehrfach seine Beobachtungen beisteuerte. Nachdem beide Sanitäter den Toten mit dem Stethoskop abgehorcht und das Blutdruckmeßgerät genau überprüft hatten und weder eine Herztätigkeit noch einen Puls feststellen konnten, entfernten sie beides wieder und erklärten den alten Jas für mausetot.

»Wir können nichts mehr tun, außer ihn zu Dr.Bee bringen, damit der ihn auseinandernehmen kann«, sagte der Mann, dessen Name Albert Soundso war. »War Jas nicht irgendwie mit den Rondels verwandt?«

»Soweit ich weiß, war er das nicht«, sagte Mrs.Bright. »Aber er hat es andere gern glauben gemacht. Sie kannten Jasper besser als ich und wissen daher, wie sehr er immer damit angegeben hat, sobald sich die Gelegenheit bot. Bei mir hat er diesen Unsinn wohlweislich gar nicht erst versucht. Außerdem lebt von den Rondels nur noch Miss Fran, und man kann kaum erwarten, daß sie sich an den Kosten der Beerdigung beteiligt, falls Sie darauf hinaus wollten.«

»Er sieht schrecklich blau im Gesicht aus«, sagte die junge Frau, deren Namen Cynthia Irgendwas war. »Findest du nicht auch, Al? Er ist doch nicht etwa an seinem Essen erstickt, Elva? Sie sagten eben, er hätte ziemlich schnell gegessen.«

Claridge Withington unterbrach sie. »Elva war zu dem Zeitpunkt in der Küche. Aber ich war hier und saß an einer Stelle, von der aus ich Mr.Flodge recht gut sehen konnte. Ich kann Ihnen versichern, daß er sein Essen tatsächlich erstaunlich schnell heruntergeschlungen hat. Thurzella könnte Ihnen dies auch bestätigen, wenn sie hier wäre, und vielleicht auch Professor Shandy, obwohl er möglicherweise gerade in dem Buch las, das er bei sich hatte.«

»Dann ist Jas vielleicht tatsächlich erstickt. Haben Sie den Heimlich-Handgriff angewendet?«

»Professor Shandy hat ihn angewendet, aber ich glaube, daß Jas zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.«

»Stimmt das, Professor? War er da schon tot?«

»Er hatte keinen Puls und atmete nicht mehr. Ich habe übrigens zufällig von meinem Buch aufgesehen, als Mr.Flodge noch aß, und gesehen, wie er vornüber fiel. Doch ich habe nichts bemerkt oder gehört, was darauf hinweisen würde, daß er erstickt sein könnte. Er hat nur eine heftige Handbewegung nach rechts gemacht und sein Wasserglas heruntergeschlagen. Alles geschah innerhalb weniger Sekunden.«

»Also ich würde sagen«, meinte Elva, »wenn Jasper wirklich erstickt wäre, hätte er sich bestimmt an den Hals gefaßt und irgendein Geräusch von sich gegeben, meinen Sie nicht auch? Aber Thurzella sagt, er sei urplötzlich nach vorn gekippt, mit dem Gesicht mitten im Teller gelandet und habe sich danach nicht mehr geregt. Wir mußten ihm die Sauce vom Gesicht wischen.«

»Dann war es wahrscheinlich ein Aneurisma oder eine von diesen plötzlichen massiven Koronarblutungen«, meinte Albert. »Hat vielleicht eine Zeitbombe mit sich in der Brust herumgeschleppt und nichts davon gewußt. Doch es gibt schlimmere Todesarten als mit vollem Magen mitten im Leben abzutreten.«

»Sie glauben doch wohl nicht, daß ihn jemand vergiftet hat?« Cynthia wollte dem Vorfall anscheinend unbedingt eine dramatische Note verleihen, vielleicht als Kompensation dafür, daß sie das Sauerstoffgerät nicht hatte einsetzen können. »Ich habe neulich abends mit meinem Mann einen Spionagefilm in der ›Late Show‹ gesehen, und der Kerl, der von den anderen Typen geschnappt wurde, hat zum Schluß eine Zyanidkapsel geschluckt, die er die ganze Zeit hinter einem seiner Weisheitszähne versteckt hatte. Er fiel sofort tot um, genau wie Sie es bei Jasper beschrieben haben.«

»Jasper hatte keine Backenzähne mehr und auch nicht mehr allzu viele Schneidezähne. Der Dummkopf hat sie alle verloren, weil er so große Angst vor dem Zahnarzt hatte.«

Peter war erstaunt, wie emotional die Stimme der Gastwirtin mit einem Mal klang. Aber vielleicht erinnerte sich Mrs.Bright gerade an Jean-Luc in der Folterkammer und stellte sich vor, was wohl passiert wäre, wenn ihr zukünftiger Gatte damals eine tödliche Kapsel hinter einem seiner Weisheitszähne versteckt gehabt hätte.

»Außerdem hatte er keinen Grund«, fuhr Mrs.Bright fort, »sich hier oder sonstwo umzubringen.«

»Darüber hinaus stellt sich die Frage«, fügte Withington hinzu, der ebenso wie Cynthia mit seinen Hypothesen noch nicht am Ende war, »wie Jasper Flogde an eine derartige Kapsel hätte gelangen können. Die Dinger hat man schließlich nicht ohne weiteres im Medizinschränkchen herumliegen. Meinen Sie nicht auch, Elva?«

»Ich pflege meine Nase nicht in die Medizinschränkchen meiner Mitmenschen zu stecken, daher kann ich dazu nichts sagen.« Die Gastwirtin war anscheinend am Ende ihrer Geduld angelangt, was man ihr kaum verübeln konnte. »Al, können Sie und Cynthia Jasper nicht einfach auf die Trage packen und wegschaffen? Ich weiß nicht, wie es den übrigen geht, aber ich bin fix und fertig. Haben Sie alles, was Sie für die Nacht brauchen, Professor?«

»Ja, vielen Dank. Gute Nacht, alle miteinander.«

Peter hatte zwar noch keine Lust, sich zurückzuziehen, beschloß aber dennoch zu gehen. Er hoffte nur, daß Withington Takt genug besaß, sich ebenfalls zu verabschieden, bevor der armen erschöpften Frau gänzlich die Nerven durchgingen. Er ertappte sich dabei, daß er eine Art Solidarität mit Mrs.Bright zu verspüren begann. Sie erinnerte ihn ein wenig an seine Großmutter Shandy, obwohl er natürlich viel zu höflich war, ihr dies zu sagen. Er war gerade die halbe Treppe hochgestiegen, als ein Mann mit beträchtlichem Bierbauch das Foyer betrat. Er trug eine billige dünne Nylonjacke und eine Baseballkappe, die nicht ganz ausreichte, um seine Glatze zu verbergen und mit dem in diesen Breiten anscheinend allgegenwärtigen Logo eines Tierfutterherstellers bedruckt war.

»Hallo, sind Sie das, Elva?«

Peter wäre sich unhöflich vorgekommen, wenn er nicht reagiert hätte. »Mrs.Bright ist momentan – eh – ziemlich eingespannt.«

Der Mann sah nicht aus, als sei er auf Zimmersuche, und gehörte auch wohl kaum zu den Hotelgästen. Wenn man Withington Glauben schenkte, war es Elva erst vor kurzem gelungen, eine sechsköpfige Gruppe loszuwerden, und bis zum übernächsten Wochenende erwartete sie anscheinend keine neuen Gäste. Die Zimmervermietung, so hatte Withington ihm mitgeteilt, war für sie ohnehin nur eine kleine Nebeneinnahme. Das meiste Geld verdiente sie anscheinend mit dem gutgehenden Restaurant, daher konnte es ihr auch ziemlich gleichgültig sein, ob die Zimmer belegt waren oder nicht. Ständig Betten neu zu beziehen und anspruchsvolle Touristen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen zufriedenzustellen, brachte einen beträchtlichen Arbeitsaufwand mit sich und kaum etwas ein. Jedenfalls hatte ihr geschwätziger Stargast genau dies während des letzten Teils seines Gesprächs mit Peter Shandy behauptet, kurz bevor Cynthia und Albert erschienen und ihm allmählich der Gesprächsstoff ausging.

Der Mann mit der Kappe gab sich mit Peters Antwort nicht zufrieden. »Ach ja? Man hat mir aber erzählt, sie wolle mich sprechen.«

»Oh. Dann sind Sie wohl der Sheriff. Oder der – eh –«

»Constable. Wo ist sie denn?«

»Im Speisesaal.«

Warum Peter sich verpflichtet fühlte, wieder nach unten zu gehen und den Constable persönlich zum Schauplatz des Geschehens zu führen, konnte er später immer noch herausfinden. Dabei war die Erklärung eigentlich ganz einfach. Vor einigen Jahren hatte er seine unangenehmste Nachbarin als Folge eines furchtbaren Streiches, den er unglückseligerweise selbst eingefädelt hatte, in seinem Haus tot hinter dem Sofa vorgefunden. Auf inständiges Bitten von Balaclavas noch furchtbarerem College-Präsidenten Thorkjeld Svenson hin hatte er versprochen, den Mörder von Jemima Ames zu fangen, ohne das College in die Schlagzeilen zu bringen oder noch schlimmeren Folgen auszusetzen, und hatte den Befehl des Präsidenten notgedrungen ausgeführt, um nicht in der Luft zerrissen und danach zu Tode getrampelt zu werden. Seitdem sah man in ihm so etwas wie den inoffiziellen, unbezahlten, häufig überarbeiteten und jederzeit einsetzbaren Meisterdetektiv von Balaclava Junction.

Mit einem Mal schoß ihm ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf. War Jasper Flodges Tod wirklich durch ein unschuldiges kleines geplatztes Gefäß verursacht worden? Oder war er etwa die Folge eines tödlichen Komplotts, in den jetzt auch P. Shandy irgendwie hineingeraten war, nur weil er zu lange auf seinen Maismehlpudding gewartet hatte, den er übrigens nie bekommen hatte, wie ihm gerade bewußt wurde.

Während er den Constable in den Speisesaal führte, erwog Peter in Windeseile alle denkbaren Methoden, die dazu führen konnten, daß ein Mann mittleren Alters, der sich offensichtlich bester Gesundheit erfreute, urplötzlich tot über einer halben Portion köstlichen Hühnerfrikassees zusammenbrach. Pflanzliche Gifte konnte man getrost ausschließen, entschied er. Dank ihrer tückischen Angewohnheit, unbemerkt im Verdauungstrakt zu lauern, bis keine Hoffnung auf Rettung mehr bestand, wirkten sie zwar zuverlässig und ließen kaum Rückschlüsse auf den Täter zu, doch bevor sie ihrem Opfer den Garaus machten, verursachten sie meist diverse äußerst auffällige und ebenso abscheuliche Symptome. Wenn der Tod schließlich eintrat, dann eher infolge einer langsamen Lähmung als eines plötzlichen Zusammenbruchs.

Vielleicht hätte eine durch das Ohr oder die Nase in das Gehirn eingeführte Stricknadel eine ähnliche Wirkung haben können, wenn man sie heftig genug hineingestoßen und wieder herausgezogen hätte, doch wer hätte dies bewerkstelligen können? Auf keinen Fall der gehbehinderte Withington, der mehrere Tische entfernt gesessen hatte. Und auch der zwar geschmeidigen, aber empfindsamen Thurzella war so etwas kaum zuzutrauen. Shandy selbst kam nicht in Frage, und Mrs.Bright auch nicht, da sie den Speisesaal erst betreten hatte, als Flodge bereits tot war.

Ob möglicherweise eine Kugel aus einem Luftgewehr durch ein offenes Fenster in unmittelbarer Nähe des Opfers in den Raum und dann in Flodges Körper eingedrungen war? Für einen erstklassigen Scharfschützen war so etwas sicher ein Kinderspiel, doch die Kugel hätte bestimmt zuerst ein Loch im Fliegenfenster und dann ein zweites in Flodge hinterlassen. Vielleicht ein Todesstrahl aus dem All? Höchst unwahrscheinlich, obwohl man sich heutzutage eigentlich nie ganz sicher sein konnte. Oder ein Fluch? Vielleicht war Miss Rondel eine mächtige Dorfhexe und Flodge ein verhaßter Verwandter, der versucht hatte, sich das alte Haus unter den Nagel zu reißen. Ganz zu schweigen von dem bemerkenswerten Lupinensamen, den Shandy einzuheimsen gedachte, allerdings nur, wenn er die Erlaubnis von Miss Rondell erhielt und damit nichts Gesetzwidriges tat. Die Angelegenheit schien wirklich höchst kompliziert zu sein.

Doch sicher konnte der bisher mehrfach erwähnte, wenngleich immer noch durch Abwesenheit glänzende Dr.Bee auf alle Fragen eine klare, eindeutige Antwort geben, sobald er die Leiche untersucht hatte. Dann wäre Mrs.

Kapitel 3

Doch noch stand Peter im Speisesaal und betrachtete nachdenklich die verhüllte Gestalt auf der Trage, während der Constable, dessen Name Frank Soundso war, sich von Elva Bright schildern ließ, wie es zu dem traurigen Zwischenfall gekommen war, mit zahlreichen Fußnoten von Claridge Withington, Ausschmückungen von Cynthia und Albert und einigen wenigen Erklärungen von Peter selbst. Frank quittierte jede Äußerung mit einem Knurren, dann zog er das Laken fort und sah sich die Leiche genau an.

»Affenschande. Jammerschade um das Frikassee.« Er legte das Laken wieder zurück. »Er gehört dir, Al. Am besten nimmst du ihn gleich mit.«

»Ist das alles?« Cynthia hielt offenbar nicht viel von Franks Vorstellung, die im Vergleich zu allem, was sie bisher in der »Late Show« zu Gesicht bekommen hatte, wenig eindrucksvoll ausfiel. »Wollen Sie denn nicht nach Spuren suchen?«

»Wozu?«

»Woher soll ich das wissen? Alle ungeklärten Todesfälle müssen genau untersucht werden. Und das ist doch wohl Ihre Aufgabe, oder?«

»Nur wenn es sich nicht vermeiden läßt. Vielleicht schalte ich ja auch die Staatspolizei ein.«

»Und die Stadt kann mal wieder dafür aufkommen«, schnaubte Al. »Du erinnerst dich ja wohl noch, was passiert ist, als der letzte Constable sein Budget überzogen hat.«

»Ist mir schnurzegal.« Cynthia ließ sich nicht beirren. »Sie müssen unbedingt was unternehmen, Frank.«

»Ich weiß, was ich tun muß, aber zuerst muß ich herausfinden, woran er gestorben ist.«

»Aber bis dahin sind alle Spuren weg.«

»Falls es überhaupt je welche gegeben hat.« Albert verlor allmählich die Geduld, was Peter ihm irgendwie nicht verdenken konnte. »Cynthia hat sich in den Kopf gesetzt, daß Jas an einer Zyanidkapsel gestorben ist – wie irgendein Heini, den sie im Film gesehen hat.«

»Das hab’ ich überhaupt nicht gesagt«, brauste seine Kollegin auf. »Ich hab’ nur gesagt, daß es verdammt merkwürdig ist, wenn jemand urplötzlich einfach tot umfällt, und das hat mich an den Spion in dem Film erinnert.«

»Es gibt nur eine Methode, um das herauszufinden.« Frank zog erneut das Laken fort und öffnete den Mund des Toten, so weit es ging. »Schnuppern Sie einfach mal.«

»Was, ich?«

»Allerdings. Sie wollen es ja schließlich auch wissen.«

»Da hat er recht, Cynthia«, Withington war ganz aufgeregt. »Zyanid riecht wie Bittermandeln, zumindest steht es immer so in den Kriminalromanen. Ich habe neulich noch gelesen, daß –«

Niemand hörte ihm zu. Peter, Elva, Albert und Frank starrten alle auf Cynthia. Sie errötete, warf das Haar nach hinten und beugte sich über den Toten.

»Meine Güte!« Sie richtete sich auf und machte einen Schritt nach hinten. Ihr Gesicht war jetzt kalkweiß. »Es riecht wirklich nach Bittermandeln. Versuch du mal, Al.«

»Ich glaube, du spinnst.« Trotzdem beugte sich auch Al über Flodge. »Herr des Himmels, Frank, sie hat recht. Nenn mich einen verdammten Lügner, wenn es nicht stimmt.«

»Das warst du doch immer schon.« Doch der Constable wußte, worin seine Pflicht bestand, jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt, und erfüllte sie auch. »Stimmt tatsächlich. Will sonst noch jemand schnuppern?«

Claridge Withington war der einzige, der noch wollte. Er machte eine Riesenshow daraus, fuchtelte mit seinem Stock herum und stolperte über die Räder der fahrbaren Trage. Der Constable mußte über die Leiche hinweggreifen und ihm mit starker Hand behilflich sein, und als sich der alte Herr schließlich über den Toten beugte, fiel Peter auf, daß seine Bewegungen merkwürdig steif waren. Wahrscheinlich trug der arme Teufel irgendeine Art Korsett. Als er sich schließlich über den Toten beugte, wirkte sein Schnuppern recht halbherzig, und während er sich wieder aufrichtete, spiegelte sein Gesicht ausgesprochenen Ekel wider.

»Ich glaube, ich bin nicht ganz der Richtige für diese Art von Spurensuche. Riecht tatsächlich nach Mandeln, daran besteht gar kein Zweifel. Meinen Sie, man sollte – ähm – nein, vielleicht doch lieber nicht.«

»Was sollte man nicht?«

»Hinter seinen Zähnen nach den Resten einer Kapsel suchen, wollte ich nur sagen. Tut mir leid, daß mir die Idee überhaupt gekommen ist.«

»Mir auch.« Cynthia hatte eindeutig das Interesse an der Spurensuche verloren. »Falls« – sie schluckte – »es irgendwas in ihm drin geben sollte, wird Dr.Bee es bestimmt finden, meinst du nicht auch, Al?«

»Ist anzunehmen. Jetzt wird der gute alte Jas jedenfalls todsicher nichts mehr schlucken. Komm, wir wollen schließlich nicht, daß Elva die ganze Nacht auf den Beinen ist.«