Miss Shipley und die Schmetterlinge - Kimberly Duffy - E-Book

Miss Shipley und die Schmetterlinge E-Book

Kimberly Duffy

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Beschreibung

Ithaca, New York, 1885: Nora Shipley studiert Insektenkunde und setzt alles daran, die Fachzeitschrift ihres verstorbenen Vaters zu retten, die ihr Stiefvater langsam aber sicher in den Ruin treibt. Während er und ihre Mutter darauf hoffen, dass Nora schnell eine gute Partie machen wird, träumt sie selbst davon, ihr Studium fortzusetzen und berufstätig zu werden. Doch dafür braucht sie unbedingt das bald zu vergebende Stipendium – das sie nur bekommt, wenn sie sich gegen ihren härtesten Konkurrenten durchsetzt: Owen Epps, dem immer alles in den Schoß zu fallen scheint und den sie unter keinen Umständen mögen will. Da er an einer Schmetterlings-Expedition in Indien teilnimmt, um mit der Praxiserfahrung zu glänzen, reist auch Nora zu dem Forschungstrupp nach Kodaikanal. Sie ahnt nicht, welch tiefgreifende Entscheidungen dort auf sie warten ...

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Kimberly Duffy

Miss Shipley und die Schmetterlinge

Über das Buch: Ithaca, New York, 1885: Nora Shipley studiert Insektenkunde und setzt alles daran, die Fachzeitschrift ihres verstorbenen Vaters zu retten, die ihr Stiefvater langsam aber sicher in den Ruin treibt. Während er und ihre Mutter darauf hoffen, dass Nora schnell eine gute Partie machen wird, träumt sie selbst davon, ihr Studium fortzusetzen und berufstätig zu werden. Doch dafür braucht sie unbedingt das bald zu vergebende Stipendium – das sie nur bekommt, wenn sie sich gegen ihren härtesten Konkurrenten durchsetzt: Owen Epps, dem immer alles in den Schoß zu fallen scheint und den sie unter keinen Umständen mögen will. Da er an einer Schmetterlings-Expedition in Indien teilnimmt, um mit der Praxiserfahrung zu glänzen, reist auch Nora zu dem Forschungstrupp nach Kodaikanal. Sie ahnt nicht, welch tiefgreifende Entscheidungen dort auf sie warten …

Über die Autorin:Kimberly Duffy wuchs auf Long Island auf und lebt heute mit ihrer Familie in Ohio. Wenn sie nicht gerade ihre vier Kinder zu Hause unterrichtet, schreibt sie historische Romane, die ihre LeserInnen in andere Zeiten und über Meere entführen. Sie hat für einige Monate in Indien gelebt und war schon immer eine Weltentdeckerin.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96362-876-4 Alle Rechte vorbehalten Copyright by Kimberly Duffy Originally published in English under the titleA Mosaic of Wingsby Bethany House Publishers, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA All rights reserved. German edition © 2021 by Francke-Buch GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Dorothee Dziewas Umschlagbilder: © iStockphoto.com / Massonstock & thawats Umschlaggestaltung: Francke-Buch GmbH Satz und Datenkonvertierung E-Book: Francke-Buch GmbH

www.francke-buch.de

Dem Schöpfer aller Dinge gewidmet. Du hast den Traum eines kleinen Mädchens gehört und eine Geschichte geschrieben, die größer war als alles, was sie sich jemals hätte ausdenken können.

Und für Grainne, meine aufstrebende Insektenforscherin. Ich finde es toll, wie sehr du die Schöpfung liebst. Du hilfst mir, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Teil 1

Ithaca, New York Mai 1885

Kapitel 1

In Nora Shipleys Ohren rauschte es, als wären tausend Bienen in ihrem Kopf gefangen. Sie drückte den Rücken an den Esszimmerstuhl und zwang sich, den krampfhaften Griff um die Mai-Ausgabe des Fachjournals für östliche Flora und Fauna zu lockern. Mit dem Daumen strich sie die Ecke der aufgeschlagenen Seite glatt.

Nora legte die Zeitschrift auf den Tisch und warf ihrem Stiefvater Lucius Ward einen Blick zu. Die Gesellschaft war der Meinung, dass das Haus, in dem Nora aufgewachsen war, ihm gehörte – aber das tat es eigentlich nicht. Ihr Vater, Alexander Shipley, hatte dieses Haus gekauft, als er die Dozentenstelle an der Cornell University bekommen hatte. Es würde immer das Haus ihres Vaters bleiben und doch saß Lucius ihr auf Vaters Stuhl am Tisch gegenüber und aß in aller Seelenruhe sein Ei, ohne zu bemerken, dass sie den wütenden Schwarm hinter ihren zusammengepressten Lippen nur mit Mühe zurückhielt.

Lucius fuhr sich mit einer Serviette über den Mund. »Also, Nora, was hältst du von unserem jüngsten Druckwerk?«

Nora biss in ihren Toast, um nicht antworten zu müssen. Sie schlug die Zeitschrift an der anstößigsten Stelle auf, nämlich Seite 16. Die Anzeige, die in einer albern schnörkeligen Schrift gestaltet war, warb um Angebote von Menschen, die bereit waren, Geld dafür zu zahlen, dass ihre Artikel publiziert wurden. Nora kaute das Toaststück zu Brei und betrachtete dabei wortlos die Zerstörung des angesehenen naturkundlichen Periodikums ihres Vaters. Schließlich schluckte sie und blickte auf. »Hast du das Journal in einen Bezahlverlag verwandelt?«

Lucius’ Blick huschte zu Noras Mutter hinüber, die am anderen Ende des Tisches saß. Lydia Ward gab einen kleinen Laut von sich und widmete ihre Aufmerksamkeit ganz ihrer Teetasse.

Lucius legte seine Gabel ab und hustete. »Ich hatte keine andere Wahl. Es hat sich einfach nicht mehr rentiert.«

Nora zog eine Augenbraue hoch. »Wirklich? Unter der Leitung meines Vaters lief es doch gut.«

Lucius’ Gesicht rötete sich. Nora konnte nicht deuten, ob aus Verlegenheit oder vor Wut – bei ihm hatten beide Emotionen die gleiche Wirkung.

»Du vergisst, dass ich sein Partner war. Wir haben das Fachjournal zusammen ins Leben gerufen.«

Dazu sagte Nora nichts. Stattdessen warf sie ihrer Mutter einen Blick zu, die ihrem Hausmädchen Alice ein Zeichen gab, ihr Tee nachzuschenken. Mutter trank immer Tee, wenn sie aufgebracht war.

Nora wandte sich wieder der Zeitschrift zu und blätterte darin, bis sie zu dem Artikel kam, über den sie so entrüstet war. Sie warf sie auf den Tisch, zeigte mit dem Finger auf die Überschrift des Beitrags und hob den Blick. »Wirst du von jetzt an so etwas veröffentlichen? Artikel von Amateuren, die vor Fehlern nur so strotzen?« Nora konnte ihre eigenen Worte kaum hören, so sehr wurden sie von dem wütenden Brummen der Bienen in ihrem Kopf übertönt. »Wie kannst du als Biologe bereit sein, solche unwissenschaftlichen Texte zu publizieren? Das ist Täuschung! Und außerdem macht es den herausragenden Ruf des Journals zunichte.«

Lucius seufzte und kratzte sich mit seinen dicken Fingern an der Wange. »Ich kann nicht noch mehr von meinem privaten Geld hineinstecken. Wenn es keinen Gewinn abwirft, wird es keinen Bestand haben. Und ich bin sicher, das willst du nicht. Keiner von uns will das.«

Nora griff nach der Serviette, die neben ihrem Teller lag, und drehte sie zwischen den Fingern. Sie schüttelte den Kopf. »Aber du wusstest doch, dass der Verfasser sich irrt! Warum hast du den Artikel nicht redigiert? Dies ist nicht mehr dieselbe wissenschaftliche Zeitschrift, die du zusammen mit meinem Vater geführt hast.«

Lucius hatte zwanzig Jahre lang an der Cornell University Biologie gelehrt, bis er im vergangenen Winter plötzlich entlassen worden war. Er war ein intelligenter Mann, der sich mit verschiedenen Facetten der Naturwissenschaft befasste – Entomologie, Botanik, Chemie –, und er kannte den Unterschied zwischen solider Forschung und eitlem Gehabe. Was würden ihre Abonnenten denken, wenn sie die Ausgabe dieses Monats lasen? Sie konnten diese Veröffentlichung unmöglich ernst nehmen.

Lucius zeigte auf das Journal neben ihrem Teller. »Diese Autoren sind sensibel. Wenn man sie korrigiert, ziehen sie ihren Beitrag und das Geld zurück.«

Nora sprang auf und jetzt ließen die Bienen sich nicht mehr aufhalten. »Du wirst Vaters Vermächtnis zum Gespött der Leute machen! Ich will keine Zeitschrift veröffentlichen, die gegen seine Absichten verstößt.«

Lucius rappelte sich ebenfalls von seinem Stuhl hoch und stützte sich mit den Fingerknöcheln auf der Tischplatte ab. Er beugte sich vor, sodass Nora die dunkelbraunen Flecken in seinen hellbraunen Augen sah. Obwohl er leise sprach, entging ihr nicht die Warnung in seiner Stimme: »Dann ist es ja gut, dass die Zeitschrift nicht dir gehört. Und deinem Vater gehört sie auch nicht mehr.«

Seine Worte schmerzten und Nora drückte die zerknüllte Serviette fest an ihren Bauch.

»Alice!«, rief Mutter mit zitternder Stimme. »Bitte hilf mir auf mein Zimmer. Ich glaube, ich bin müde.«

»Jetzt hast du deine Mutter aufgeregt.« Lucius legte eine fleischige Hand unter Lydias Arm. »Ich helfe dir, meine Liebe.«

Mutter stand auf und schwankte ein wenig.

Als Nora ihr weißes Gesicht und ihre bebenden Lippen sah, verflog ihre Wut. »Es tut mir leid, Mutter.«

Mutter lächelte ihr zaghaft zu, nahm den Arm, den Alice ihr hinhielt, und verließ den Raum mit lautlosen Schritten.

Lucius setzte sich wieder und nahm seine Gabel. »Es tut dir immer leid, Nora, aber du redest, ohne nachzudenken. Das ist nicht gänzlich deine Schuld. Dein Vater hat dir keinen Gefallen getan, als er dir dieses Erbe ohne Bedingungen vermacht hat. Eine junge Frau sollte besser heiraten, als einen Abschluss anzustreben, den sie niemals wird gebrauchen können.«

Nora hörte zu, wie Lucius vor sich hin plapperte. Sie hatte das alles schon zu oft gehört. Vor vier Jahren, nach der Heirat mit ihrer Mutter, hatte Lucius versucht, Nora davon zu überzeugen, dass es eine Verschwendung wäre, wenn sie einen akademischen Abschluss anstrebte. Es ärgerte ihn, dass Nora seinen Rat ignoriert und das Erbe ihres Vaters dafür verwendet hatte zu studieren. In zwei Wochen würde sie ihren Bachelor in Entomologie haben. Mit zielstrebigem Einsatz war es ihr gelungen, das Studium in drei Jahren zu absolvieren. Ihr Geld war fort, aber das, wofür sie es ausgegeben hatte, würde ihr in Form einer Ausbildung immer zur Verfügung stehen.

»Dein Vater hätte es besser wissen müssen, als dir diese Flausen in den Kopf zu setzen, dass du ...«

Nora blinzelte. »Mein Vater war ein rechtschaffener und kluger Mann.«

Lucius trank schlürfend aus seiner Tasse. Als er sie abstellte, schwappte der Tee über den Rand und breitete sich kreisförmig auf dem schneeweißen Tischtuch aus. »Ja. Und er war idealistisch. Zu idealistisch, wenn du mich fragst. Du musst heiraten, Nora. Als alte Jungfer zu enden, ist nun wirklich nicht gut, vor allem als Einzelkind. Deine Mutter wünscht sich Enkel.« Seine Stimme klang jetzt beinahe bittend, als er sich zu ihr herüberlehnte. »Ich kann dich mit meinem Freund bekannt machen. Mr Primrose ist erfolgreich und gebildet.«

Nora stöhnte. »Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich im Augenblick kein Interesse daran habe zu heiraten. Wenn du mich bitte entschuldigst, ich habe in einer Stunde ein Treffen mit Professor Comstock und muss mich noch vorbereiten.«

Sie rauschte aus dem Zimmer und ihr Rock raschelte um ihre Fußgelenke. Kein Wort würde sie sich mehr anhören! Lucius war unerträglich und sie war froh, dass es auf der Welt auch Männer wie ihren Vater und John Comstock gab. Männer, für die der Intellekt einer Frau dem eines Mannes ebenbürtig war. Männer, die glaubten, dass Gott Frauen nach seinem Ebenbild geschaffen hatte und nicht als schwachen Abglanz von Adam.

Nora stieg die Treppe zum Obergeschoss hinauf und warf einen Blick in das Schlafzimmer ihrer Mutter. Durch den feinen gepunkteten Vorhang um das Himmelbett sah sie, dass ihre Mutter auf einem Berg Kissen ruhte, die Hand an ihrer Stirn.

»Geht es dir gut, Mutter?«

»Ja ja, Liebling. Ich werde mich nur ein bisschen ausruhen.« Ihre Worte waren nur ein Flüstern.

Nora warf ihrer Mutter einen Handkuss zu und ging den Flur hinunter zu ihrem eigenen Zimmer, wo sie Hut, Mantel und die Schachtel mit dem Exemplar aus der Familie der Scutelleridae nahm – im Volksmund als Schildwanze bekannt –, das sie gestern erhalten hatte. Das Tier sah wirklich wie ein kleiner Schild aus und war beinahe so hübsch wie die Zikaden-Brosche von Lalique, die ihr Vater ihr zu ihrem dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte. Ihre Mutter würde beim Anblick dieses Insekts glatt in Ohnmacht fallen, aber Professor Comstock würde es sicher bewundern.

* * *

Kurz bevor Nora die Universitätsgebäude erreichte, begann es zu regnen – ein plötzlicher, heftiger Frühjahrsschauer, der ihre Haare in wenigen Augenblicken völlig durchnässte. Sie stöhnte auf und rannte den restlichen Weg, bis sie durch die Tür schlüpfen und im Flur Zuflucht suchen konnte.

Drinnen nahm sie den winzigen Hut ab, der sie vor dem Regen überhaupt nicht geschützt hatte, und strich die Locken glatt, die ihren Haarnadeln entwischt waren und jetzt vorwitzig von ihrem Kopf abstanden. Von all den lächerlichen Dingen, die Gott ihr hätte mitgeben können, war diese widerspenstige Mähne der Gipfel! Warum konnte sie nicht glänzende Wellen haben, die so fielen, wie sie sollten?

Aber es half nichts. Nun sah sie eben für den Rest des Tages wie ein Schaf aus.

Das entomologische Labor befand sich am Nordende des zweiten Stocks und Nora bemühte sich, so viele wilde Locken wie möglich wieder festzustecken, während sie die Treppe hinaufstieg. Doch kaum hatte sie das Labor betreten, vergaß sie die Verärgerung über ihre Haare und die unerfreuliche Szene an diesem Morgen, wie ein Schmetterling seine Puppenhülse abschüttelt. Nora brachte ihre Sorgen nie mit hierher. Der Raum mit seinen langen Holztischen, den Bücherregalen und Stapeln von Netzen schien ihr beinahe heilig und sie wollte seinen Frieden nicht stören. Hier war sie zu Hause. Noch mehr als in dem Haus, in dem sie schon ihr ganzes Leben lang wohnte. Das war ihr kein Zuhause mehr, seit ihre Mutter Lucius geheiratet hatte.

Professor Comstock saß auf der vorderen Kante seines Stuhls und spähte in das Okular eines Mikroskops aus Messing. Nora stellte ihre Schachtel auf den Tisch und nahm auf dem Hocker neben ihm Platz. Entweder hatte er sie nicht gehört oder er hatte beschlossen, sie nicht zu beachten, denn er betrachtete weiter seinen Objektträger, schnalzte dabei mit der Zunge und murmelte gelegentlich etwas.

»Professor«, sagte Nora.

Er hob einen Finger.

Nora grinste. Sie wusste gut, wie aufregend Entdeckungen waren. Als die Mikroskope in der Cornell University eingetroffen waren, hatte Nora Stunden damit zugebracht, die Welt zu studieren, die sie bislang nicht hatte sehen können. Sich davon loszureißen und wieder gewöhnlichen Dingen zu widmen, war immer schwierig.

Professor Comstock setzte sich auf und schüttelte den Kopf. »Schauen Sie mal und sagen Sie mir, was Sie sehen.«

Sie zog das Mikroskop näher und beugte sich darüber. Weil sie die leuchtenden Schuppen eines Schmetterlingsflügels oder die borstigen Haare eines Ameisenkiefers erwartet hatte, betrachtete sie verwundert die durchsichtigen Kreise, die an etwas hafteten, das aussah wie ein Schildpattkamm. »Pollen? Wieso interessieren Sie sich auf einmal für Botanik?«

»Nur insoweit, als es die Bienenzucht betrifft. Der Pollen bleibt an den Beinen einer Honigbiene hängen. Ist das nicht faszinierend? Im nächsten Jahr werde ich ein neues Seminar anbieten, und wenn Sie Ihren Master machen, nehmen Sie daran teil.«

»Ich habe bereits mein ganzes Erbe für den Bachelor aufgebraucht, aber Ihre Vorlesungen werde ich gerne weiterhin besuchen.« Nora fand, dass sie es sehr ruhig herausgebracht hatte, ganz ohne Zittern in der Stimme.

Der Professor tätschelte ihre Hand. »Vielleicht wird Lucius ja …« Er zog eine Grimasse.

Sie lachte freudlos. »Wir wissen beide, dass das unwahrscheinlich ist. Vor allem, nachdem Cornell ihn so unschön vor die Tür gesetzt hat.«

Er seufzte. »Das ist schon das zweite Mal, dass die Universität den Abbau einer Stelle durch eine Ankündigung in der Zeitung bekannt gegeben hat. Und dazu noch an Weihnachten! Völlig unprofessionell.« Dann klopfte er mit den Knöcheln auf die Tischplatte, als wollte er sich selbst aufwecken. »Dann zeigen Sie mal, was Sie heute mitgebracht haben.«

Nora schob ihm die Pappschachtel zu und beugte sich voller Vorfreude vor. Als ihr Vater gestorben war, hatte sie gedacht, sie könnte ihre Liebe zu Insekten mit niemandem mehr teilen und würde ihre Begeisterung unterdrücken müssen, wenn sie das Netz einer Kreuzspinne entdeckte oder ein Tausendfüßler auf ihre Hand krabbelte. Aber John Comstock und seine Frau Anna füllten diese Lücke. Sie hatten Nora aufwachsen sehen. Mit ihnen und ihrem Vater war sie oft durch die Schluchten gewandert, hatte ihre kleinen Hände in nasse Felsspalten geschoben und die Insekten herausgeholt, die sich dort versteckten. Das Paar hatte noch keine eigenen Kinder. Nora war nicht sicher, wie sie die letzten sechs Jahre ohne die beiden überstanden hätte.

Professor Comstock öffnete den Deckel und ein erfreutes Grinsen schob seinen Schnurrbart nach oben.

Sie reckte den Hals, um ebenfalls in die Schachtel zu blicken und noch einmal den Augenblick einzufangen, in dem sie das montierte Insekt zum ersten Mal gesehen hatte. »Und? Was sagen Sie dazu?«

Vorsichtig hob er das Insekt heraus und legte es auf den Tisch. »Er ist wunderschön. Woher haben Sie ihn?«

Nora zog ihren Hocker näher und starrte den Käfer an, der mit Messingnadeln auf der Unterlage befestigt war. Die Bezeichnung Schildwanze passte wirklich ausgesprochen gut. Das schillernd grün-rote Scutellum erinnerte an einen metallischen Schild und es schützte den Bauch und die Flügel des Insekts, sodass es aussah, als trüge es eine Rüstung – ein Miniatursoldat, der auf seinen Marschbefehl wartete.

»Eine alte Freundin meines Vaters, Mrs Martín, lebt mit ihrem Mann, einem spanischen Diplomaten, auf den Philippinen. Sie ist Hobbyentomologin und hat meinem Vater oft Insekten geschickt, aber nach seinem Tod hat sie natürlich damit aufgehört. Vor einigen Monaten habe ich ihr geschrieben und ihr erzählt, dass ich immer noch Interesse habe an allen Exemplaren, die sie für eine Bereicherung meiner Sammlung hält, und dies ist das erste, das ich von ihr erhalten habe. Ist es nicht umwerfend?«

Professor Comstock nickte. Er nahm den Käfer und betrachtete den Zwischenraum zwischen dem Tier und der Pappunterlage. Zufrieden legte er beides wieder ab. »Das ist in der Tat eine schöne Ergänzung für Ihre Sammlung. Ich wünschte, wir könnten unter die Flügel schauen …« Er sah sich um, als suche er nach einem Skalpell.

Nora malte sich aus, wie er sich über das kleine Wesen hermachte und Käferteile durch die Luft flogen, während er alles erforschte, was über das Innenleben ihres herrlichen kleinen Soldaten herauszufinden war. Schnell legte sie den Käfer wieder in die Schachtel.

Er hatte ihre Eile bemerkt und lächelte. »Ich verspreche, dass ich ihn ganz lasse.« Gedankenverloren betrachtete er den Käfer. »Wäre es nicht wundervoll, Insekten wie dieses vor Ort in Asien zu untersuchen?« Er wandte sich zu ihr um, eine Augenbraue fragend in die Höhe gezogen. »Ich habe eine wunderbare Neuigkeit, Nora! Ein britischer Kollege ist in Indien und sammelt Schmetterlinge für ein Buch, das vom Königshaus in Auftrag gegeben wurde. Er hatte viel Pech mit Krankheiten – seine Assistenten sterben wie die Fliegen.« Er lächelte ironisch. »Daher hat er mich gefragt, ob ich jemanden empfehlen kann, der ihm helfen könnte. Wie wäre es mit Ihnen?«

Ein kleines Lachen entwich ihrer Kehle, als Nora sich vorstellte, wie sie in Leinen gekleidet mit einem Netz durch den Dschungel schlich und goldene Schmetterlinge, so groß wie ihre Hand, einfing. Sie blinzelte den unrealistischen Traum fort. »Das kann ich unmöglich machen.« Sie war zufrieden damit, in Ithaca zu leben und zu studieren. Und das Journal vor Lucius’ schrecklicher Unternehmensführung zu retten. »Wissen Sie schon, dass Lucius jetzt bezahlte Beiträge in die Zeitschrift meines Vaters aufnimmt?«

Die Miene des Professors wurde nachdenklich. »Ich habe davon gehört. Es ist eine Schande. Es war eine so wundervolle Publikation!«

»Und jetzt werden die Druckzeilen an den Meistbietenden verkauft – an jeden, der auch nur einen Hauch von Wissen hat und gerne veröffentlichen will.« Nora konnte den Ekel nicht aus ihrer Stimme verbannen. Er tropfte von ihren Lippen wie Honig, dick und süß.

Professor Comstock tippte mit dem Finger an sein Kinn. »Vielleicht braucht Lucius nach seiner Entlassung einfach das Geld. Mit dieser Art Verlagspolitik kann man ein ordentliches Einkommen erzielen.«

Nora schüttelte den Kopf. »Das hat er gesagt, aber warum? Mutters Erbe wird noch jahrelang reichen.«

Er senkte den Kopf, doch Nora hatte die Bestürzung in seinen Augen gesehen.

»Was ist?«

»Ach, nichts. Nur Spekulationen und Gerüchte.« Er tätschelte ihre Hand. »Selbst wenn Lucius die Zeitschrift ruiniert, haben Sie andere Talente. Sie wären eine wunderbare Forscherin. Und Indien ruft. Stellen Sie sich nur vor, was für Insekten Sie dort sammeln könnten!«

»Wenn Lucius darauf besteht, dass ich diesen Mr Primrose kennenlerne, von dem er immer spricht, muss ich vielleicht nach Indien gehen, um ihm zu entkommen.« Nora drehte sich auf ihrem Hocker zum Tisch und stützte das Kinn in die Hände. »Nein, vor allem will ich das Journal vor dem Untergang bewahren. Es ist alles, was ich von Vater noch habe. Ich bin nicht bereit, es aufzugeben, und ich glaube, dass er stolz auf mich wäre, wenn es mir gelänge, es am Leben zu erhalten.«

»Er war schon stolz auf Sie, als Sie Ihr erstes Exemplar der Lampyridae fangen konnten und als Sie zum ersten Mal einen Coccinellid montiert haben. Sie haben seine Leidenschaft für die Natur und für Insekten geerbt und das fand er großartig.«

Nora wusste, dass seine Worte der Wahrheit entsprachen. Doch das Interesse eines Kindes an Glühwürmchen und Marienkäfern würde das Vermächtnis ihres Vaters wohl kaum retten. Seine Zeitschrift könnte noch jahrzehntelang existieren und die Menschen würden den Namen und die Arbeit ihres Vaters kennen. Selbst nach seinem Tod könnte er noch Anerkennung finden. Und sie würde alles tun, um das zu ermöglichen.

Ein leises Klopfen ertönte an der Tür und es folgte das Klackern von Absätzen auf dem Holzfußboden. Anna Comstock betrat den Raum mit energischen Schritten und heiterer Miene. Nora stand auf und lächelte ihre Mentorin an, froh darüber, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten zu können als ihr Gedankengewirr. »Anna! Ich dachte, ich würde dich erst bei unserem Treffen am Donnerstag sehen.«

Anna lächelte voller Wärme und leiser Freude. »Zum Glück weigerst du dich ja zuzugeben, dass du die Fähigkeiten deiner Lehrerin längst übertriffst, und willst immer noch Mal- und Zeichenstunden haben.«

Nora lachte. »Dazu wird es nie kommen. Aber zugeben würde ich es auch dann nicht.«

»Natürlich nicht. Nach meinem Holzstich-Unterricht will ich dir gern etwas Neues zeigen. Die Lehrerin muss immer nur einen Schritt weiter sein als die Schüler.« Anna wandte sich an ihren Mann. »Präsident White bittet dich, in sein Büro zu kommen.«

»Natürlich«, erwiderte er. »Nora, wenn Sie etwas Zeit haben, würden Sie bitte einige Apis mellifera für mich montieren? Sie sind bereits präpariert.« Er zeigte auf den langen Tisch in der Mitte des Raumes und Nora sah drei Tötungsgläser und in jedem davon eine flauschige gelb-schwarze Honigbiene.

Sie nickte, und als die beiden gegangen waren, schloss sie die Augen und atmete den modrigen Geruch von Büchern, Lösungsmitteln und Erinnerungen ein. Die Sonnenstrahlen, die durchs Fenster fielen, wärmten ihr Gesicht und einen Augenblick lang, hier an diesem Ort, den sie liebte, schienen die Dinge nicht so schrecklich wie noch an diesem Morgen.

Wenn sie doch nur den Rest ihres Lebens im Labor verbringen könnte!

Kapitel 2

Nora holte das benötigte Werkzeug aus dem großen Vitrinenschrank hinten im Labor und griff sich dann auf dem Weg zurück zum Tisch einen Stapel Korkträger. Kurz nachdem sie sich auf ihren Stuhl gesetzt und gerade eine der Bienen mit einer kleinen Pinzette aus dem Glas genommen hatte, wurde die Tür aufgerissen und knallte gegen die Wand.

Mit einem Aufschrei ließ Nora das Insekt fallen. Es machte einen kleinen Satz und landete in einer Furche, die ein Student vor langer Zeit bei einer Vorlesung aus Langeweile in den Tisch geritzt haben musste.

»Tut mir leid, Nora.« Rose Keller kam mit schwingendem Rock hereingeeilt. »Ich wollte nicht so einen Lärm machen. Meine Mutter wäre entsetzt! Aber diese Tür ist furchtbar schwer.«

»Ist schon gut. Du hast mich nur überrascht.« Nora zeigte mit dem Kinn auf die Biene, die auf der Seite lag.

Rose kam zu ihr herüber und hob das tote Tier sanft auf. »Wie reizend, ich liebe Honigbienen!«

Nora benutzte die Pinzette, um das Insekt von Roses Handfläche zu nehmen. Sie legte es auf die Korkplatte und achtete darauf, dass sein flauschiger Bauch und die ausgebreiteten Flügel gut zu sehen waren.

»Lass Nora ihre Arbeit machen, Rose«, sagte Bitsy Templeton, die ohne das kleinste Geräusch in den Raum gekommen war. Sie sprach mit einem kultivierten britischen Akzent und in einem ruhigen Tonfall, ganz anders als Rose, die immer sehr schnell redete und dadurch etwas atemlos klang.

Nora nahm eine Nadel aus der Schachtel neben der Platte und stach sie ein wenig links von der Mitte der Biene durch deren Leib. Mit den beiden anderen Insekten machte sie es ebenso, während Bitsy von der anderen Seite des Tisches zusah, ihr breiter Mund entspannt und der Blick ihrer blauen Augen gelassen. Rose beugte sich immer weiter vor, während Nora arbeitete, und die glänzenden blonden Locken umrahmten ihr hübsches Gesicht. Als es gerade so aussah, als würde Rose vornüberfallen, richtete Nora sich auf ihrem Stuhl auf und fasste sich mit einer Hand an den unteren Rücken.

»So, fertig.«

Rose sank auf den Hocker neben Nora und seufzte, als wäre es eine schwierige Aufgabe gewesen, sich zurückzuhalten. »Wir hatten gehofft, dass wir dich hier finden. Bitsy wollte schon zu dir nach Hause gehen, aber dann habe ich sie daran erinnert, dass heute Dienstag ist, und warum solltest du zu Hause sein, wenn Professor Comstock in seinem Labor ist und hier irgendetwas macht? Ich weiß, dass du lieber hier bist und ihm hilfst.«

»Das stimmt. Wo sollte ich auch sonst sein wollen? Bin ich deshalb etwa seltsam?«

Die Mädchen lachten. Ihnen war bewusst, dass andere Studierende über sie tuschelten, während sie in ihren Seminaren an die Spitze kletterten, die besten Noten erzielten und alle ihre Kommilitonen hinter sich ließen. Jemand hatte damit angefangen, sie ›Seltsam‹, ›Sonderbar‹ und ›Schrullig‹ zu nennen. Nora wusste, dass das höchstwahrscheinlich beleidigend gemeint war, und sie wusste nicht, wer von ihnen wie hieß, aber eigentlich gefielen ihr diese Namen. Sie passten.

»Du hast schon recht«, sagte sie. »Das hier ist wirklich mein zweites Zuhause geworden.«

Bitsy sah Nora vielsagend an. »Weil du so gerne hier bist oder weil du so ungerne zu Hause bist?«

Rose schlug sich die Hand vor den Mund. »Bitsy! Wie kannst du so etwas Schreckliches sagen?«

Bitsy zog eine Augenbraue hoch, aber die Bewegung brachte ihre stoische Miene nicht aus dem Gleichgewicht. »Es ist nicht schrecklich, sondern wahr.«

Rose ließ ihre Finger über die Tischplatte wandern, bis sie Noras Hand berührten. »Du musst Bitsys Frage nicht beantworten.«

»Sei nicht so langweilig, Rose. Interessant ist gerade das, was Leute nicht sagen wollen.«

Nora blickte zwischen den beiden hin und her und schüttelte den Kopf. Sie hätte unmöglich zwei so unterschiedliche Freundinnen finden können, wenn sie es gezielt versucht hätte. Sie vermutete, dass Bitsy die meisten Dinge langweilig fand, weil sie unglaublich klug war und alles, was sie las oder hörte, behielt. Rose war auf andere Weise intelligent. Ihr Verstand arbeitete wie ein Kolibri, der blitzschnell von einem Ding zum nächsten flatterte. Sie nahm den Unterrichtsstoff mühelos auf, behielt aber nur das, was sie interessierte – überwiegend aus dem Bereich der Zoologie.

»Es macht mir nichts aus zu antworten«, sagte Nora.

Bitsy nickte, ein selbstgefälliges Lächeln auf den schönen Lippen. Selbst Rose saß jetzt etwas gerader da und wirkte interessiert.

»Ich bin lieber im Labor, weil alles, was ich liebe, hier ist.« Sie breitete die Arme aus und umfasste mit der Bewegung die Tische und Insekten und wissenschaftlichen Werkzeuge ihres Fachs. »Meine Insekten, meine Freunde, meine Lehrer, die Gelegenheit zu lernen und zu entdecken … Aber vor allem fühle ich mich meinem Vater hier besonders verbunden. Er ist mir nahe, leitet mich an, lehrt mich. Und im Haus ist er nicht mehr.«

Die drei verfielen in ein nahezu andächtiges Schweigen.

Dann sprang Rose auf, die längere Phasen der Stille nie aushielt. »Genug davon. Wenn du mit deinen Bienen fertig bist, Nora, schlage ich vor, dass wir in der Bucht eine Runde rudern gehen. Es hat aufgehört zu regnen und der Tag ist perfekt dafür.«

Nora warf einen sehnsüchtigen Blick auf die jetzt montierten Bienen. Sie würde den Nachmittag am liebsten auch bei ihren Insekten verbringen.

Rose hüpfte auf und ab, hob dann ihren geblümten Rocksaum an und rannte zur Tür. Nora biss sich auf die Wange, um nicht zu lachen. Roses Begeisterung ließ sich nicht beherrschen und Nora wusste, dass es ihr nicht gelingen würde, sich im Labor zu verstecken. Egal, wie viel innere Ruhe sie hier fand.

* * *

Das kleine weiße Ruderboot roch nach Fisch und die Sonne schickte ihre Strahlen durch die Kronen der hohen Eichen und warf ein glitzerndes Muster auf die Oberfläche des Cayuga Inlet.

Noras Atem passte sich der flüsternden Brise an. Bitsy lenkte das Boot um einen Kiesstrand herum und Nora duckte sich unter den Ästen einer Felsenbirne hindurch. Während sie über das Wasser glitten, streckte sie den Arm aus und brach einen Zweig ab. »Das war eine ausgezeichnete Idee, Rose! Es tut gut, mal rauszukommen.«

Bitsy fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und tauchte das Ruder ins Wasser. »Kannst du mal übernehmen, Nora? Mir fallen gleich die Arme ab.«

»Hör auf zu jammern, du störst die schöne Stille!«, rief Rose von ihrem Platz im Bug aus über Noras Kopf hinweg.

Eine Binsenjungfer flog vorbei und aus reiner Gewohnheit streckte Nora die Hand aus und wartete ab, ob das Insekt sich auf ihrem Finger niederließ. Das war erst ein Mal geschehen, als sie ungefähr acht Jahre alt gewesen war. Ihr Vater hatte ihr erklärt, dass die Binsenjungfer für Veränderung stehe, und wenn eine zu einem kam, könne man mit einem neuen Blickwinkel rechnen.

Die Flügel der kleinen Libelle schlugen in der Luft und berührten zart ihre Hand. Sie hielt die Luft an, erfüllt von Hoffnung.

Sie brauchte eine neue Perspektive. Eine Veränderung. Die Feindseligkeit zu Hause vertrieb sie so oft, dass sie sich manchmal fragte, ob sie sich in einen ausgehöhlten Baumstamm eingraben sollte wie ein Fuchs in seinen Bau. Sie glaubte nicht, dass ihre Mutter sie vermissen würde. Und Lucius würde ihr wahrscheinlich noch beim Graben helfen.

Der glänzende blaue Leib des Insekts zitterte und schoss davon. Nora seufzte und ließ die Hand auf den hölzernen Sitz sinken, von dem bereits die Farbe abblätterte. Sie drehte ihren Zweig ein paarmal zwischen den Fingern und warf ihn dann ins Wasser. »Wenn du an den Rand fährst, können wir eine Pause machen, dann rudere ich zurück.«

Noras Bemerkung motivierte Bitsy, sich mit neuer Energie in die Ruder zu legen, sodass das Boot schnell vorwärtsschoss. Kurz darauf trieb es in flacherem Wasser. Bitsy schob das Ruderblatt tief ins steinige Ufer und benutzte es als Hebel, bis das Boot an dem schmalen Strand anlegte und die Kiesel über den Bootsrumpf kratzten. Dann stieg sie aus und schüttelte ihren eleganten gestreiften Rock aus. Nora und Rose gingen ebenfalls an Land.

Nora schlug die Decke auf, die sie aus dem Boot genommen hatte, und breitete sie auf einem Stück Wiese oberhalb des Strandes aus. Sie setzte sich, zog die Füße unter sich und starrte auf das Wasser, das ans Ufer schwappte. Das kleine Ruderboot knarrte und stöhnte, während die winzigen Wellen es schaukeln ließen. Ein Hauch von neuem Regen hing in der Luft und sie fragte sich, ob sie ihr Schlafzimmerfenster geschlossen hatte. Als sie es das letzte Mal bei einem Unwetter vergessen hatte, hatte Lucius die Beherrschung verloren und gedroht, ihre Sammlung zu verkaufen und von dem Erlös die ruinierten Vorhänge zu ersetzen.

Bitsy setzte sich neben sie. »Wieso bist du so in Gedanken?«

Rose sank ebenfalls auf die Decke und zog eine Tafel Schokolade aus ihrer Rocktasche. Sie entfernte die Goldfolie und brach die Tafel in drei Teile.

»Mein Stiefvater hat das Fachjournalfür östliche Flora und Fauna zu einer Bezahlpublikation gemacht.« Nora nahm ihren Anteil der Schokolade entgegen, knabberte an einer Ecke und gab den Mädchen Zeit, die Nachricht zu verdauen. Sie verstanden, wie ernst – wie schrecklich! – diese Situation war.

»Oh nein«, sagte Rose und es klang fast wie ein Stöhnen. »Das ist nicht richtig!«

Bitsy berührte Noras Schulter. »Bist du nicht davon ausgegangen, dass er dir die Zeitschrift überschreibt, wenn du deinen Abschluss gemacht hast?«

Nora nickte und schluckte ein Stück Schokolade hinunter in der Hoffnung, es würde den Kloß in ihrer Kehle verschwinden lassen. »Ich dachte … Lucius hat doch immer nur über die Arbeit an der Zeitschrift geklagt. Über das Schreiben, Redigieren, Sammeln, das Engagieren von Illustratoren, die Zahlungen an den Drucker, den Versand. Die Publikation hat nie viel Geld abgeworfen – unsere Leserschaft umfasst keine tausend Personen – und es ist eine Menge Arbeit. Ich dachte, ich könnte in diesem Sommer, wenn ich mit dem Studium fertig bin, alles übernehmen.«

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Rose. Sie drückte Nora den Rest ihrer Schokolade in die Hand, so als könnten Süßigkeiten die niederschmetternde Enttäuschung lindern, die Nora empfand.

Nora aß ein Stück, weil sie wusste, dass Rose sie aufmuntern wollte. Sie glaubte nicht, dass irgendetwas die Situation ändern konnte. Die Schokolade klebte ihr am Gaumen und sie ließ sich rücklings auf die Decke fallen.

»Wir könnten uns als Geschäftsfrauen verkleiden und die Zeitschrift kaufen«, schlug Rose kichernd vor. »Klingt das nicht herrlich? ›Hallo, ich bin Rose Keller, die Herausgeberin des Fachjournalsfür östliche Flora und Fauna.‹« Sie streckte eine Hand aus und Bitsy schlug ein.

»Wovon sollten wir sie denn kaufen? Du hast das ganze Geld, das deine Eltern dir geschickt haben, für Schokolade und Eiscreme ausgegeben.« Nora zog die Nase kraus und blinzelte zum Himmel hinauf. »Ich habe beinahe mein ganzes Erbe für das Studium verwendet und Bitsy hat nur das, was ihre Tante ihr gibt.«

»Das sind düstere Aussichten«, sagte Bitsy. »Aber ich glaube, Rose könnte ganz Ithaca kaufen, wenn sie aufhören würde, Schokolade zu essen.«

Eine Wolke in Form eines Schmetterlings zog vor der Sonne her. Nora schaute zu einem gekrümmten Silberahorn, der die Bucht überschattete. Seine dicken, dichten Äste ragten in einem anmutigen Bogen übers Wasser. Sie stützte sich auf ihre Ellbogen. »Aber es wäre sowieso egal. Lucius ist der Meinung, dass eine Frau nicht arbeiten sollte. Und vor allem ich nicht. Er redet ständig davon, mich mit seinem langweiligen Geschäftskollegen zu verkuppeln.«

Bitsy knurrte. »Er ist so konventionell. Warum dein Vater seine Zeitschrift mit ihm zusammen gegründet hat, ist mir ein Rätsel.«

»Und ich wüsste gerne, warum deine Mutter ihn geheiratet hat.« Rose seufzte.

»Mit Lucius’ Worten: ›Du brauchtest einen Vater, Nora. Deine Mutter weiß, dass eine starke männliche Persönlichkeit für die Erziehung von Kindern wichtig ist.‹ Nicht dass er mir jemals ein Vater gewesen wäre. Das könnte er niemals sein.« Nora fühlte eine Beklemmung in der Brust. Er hatte es ein, zwei Mal versucht, zu früh nach dem Tod ihres Vaters. Damals hatte sie nicht gewollt, dass er so tat, als hätte er sie lieb. Und als sie bereit gewesen war, hatte ihre Beziehung schon zu großen Schaden genommen. »Jedenfalls sagt Mutter, er sei anders gewesen, als Vater noch am Leben war. Das waren wir wohl alle.« Sie sprang auf, zog die Decke unter Rose und Bitsy hervor und knüllte sie zusammen. »Von mir aus können wir gehen. Wir haben lange genug über diese deprimierenden Dinge geredet.«

»Solange du ruderst«, erinnerte Bitsy sie.

Nora stapfte über die Steine, die Decke unter ihren Arm geklemmt. Ein orange-schwarzes Flattern ließ sie innehalten. Mit dem Blick folgte sie dem Flug des Monarchfalters, der zu dem Silberahorn flatterte und hinter dem Baumstamm verschwand. »Sie sind in diesem Jahr früh dran.«

Bitsy trat neben sie. »Wer?«

»Die Monarchfalter.«

Nora drückte Bitsy die Decke in die Hand und ging dann um den Baum herum. Am Fuß des Stammes streckten sich Wurzeln aus und umklammerten das Ufer, das zum Wasser hin steil abfiel. Sie spähte durch die filigrane Decke aus Frühlingsknospen und dann stockte ihr der Atem, als sie Hunderte der leuchtend bunten Schmetterlinge auf dem Stamm sitzen sah. Sie trat hinter dem Baum hervor und hielt sich den Zeigefinger an die Lippen. Rose und Bitsy blieben stehen und sahen einander fragend an, bis Nora den hinteren Saum ihres Rocks zwischen den Beinen hindurchzog und fest mit dem vorderen Saum verknotete.

»Was machst du da?«, kreischte Rose. »Du siehst ja aus wie ein Haremsmädchen!«

»Schhhh, Rose. Ich muss auf diesen Baum klettern.«

Nora begab sich auf die Seite des Baumes, auf der die Schmetterlinge nicht saßen, und überlegte, wie sie am besten nach oben gelangen konnte. Sie hatte zwar schon einen Monarchen in ihrer Sammlung, aber diese Gelegenheit wollte sie sich nicht entgehen lassen. Es wäre ein Traum. Ihre Hände kribbelten schon bei dem Gedanken. Sie setzte den Fuß auf den untersten Ast, hakte sich mit dem Absatz ihres Stiefels ein und zog sich mit einem unterdrückten Schnaufen in den Baum hinauf. Sie hielt inne und blickte am Stamm hoch, um sich zu vergewissern, dass sie die Schmetterlinge nicht erschreckt hatte. Beruhigt, weil die Tiere sie nicht bemerkt hatten, kletterte sie einen Ast weiter.

»Ich glaube, das ist keine gute Idee!«, rief Rose.

Nora sah über die Schulter zu ihr und funkelte sie an.

Bitsy, die mit der Hand ihre Augen vor dem Sonnenlicht abschirmte, sagte: »Lass sie, Rose. Du weißt doch, dass sie sich ohnehin nicht davon abbringen lässt.«

Nora kletterte weiter, bis sie glaubte, die Höhe erreicht zu haben, auf der die Monarchfalter sich versammelt hatten. Dann schob sie sich zentimeterweise vorwärts, ihren Leib fest an den Baum gepresst, und setzte ihren Fuß auf den benachbarten Ast. Mit beiden Füßen fest auf zwei verschiedenen Ästen tastete sie sich langsam mit den Fingern um den Baumstamm, bis sie ihr Gewicht ganz auf den zweiten Ast verlagern konnte. Sie ignorierte Roses scharfes Einatmen und arbeitete sich weiter vor, bis sie nur noch wenige Zentimeter von dem Kaleidoskop aus Schmetterlingen entfernt war.

Sie wünschte, sie hätte ihren Zeichenblock dabei, und prägte sich den Anblick der leuchtend mehrfarbigen Flügel bestmöglich ein, die sie daran erinnerten, dass ihr Vater oft gesagt hatte, die Natur zeige den Kunstsinn Gottes. Er hatte recht. Sie glaubte nicht, dass irgendein Museum mehr Kreativität zur Schau stellte. Jedes Insekt, das sie studierte, jeder Käfer, den sie mit Aquarellfarben und Bleistift abbildete, deutete auf einen Gott hin, der die Schönheit liebte. Und sie liebte es, in der freien Natur zu sein und diese Schönheit zu bewundern.

Wenn du die Zeitschrift übernimmst, wirst du zu viel Zeit am Schreibtisch verbringen.

Nora schob den Gedanken beiseite und streckte die Hand aus, um mit einem Finger die seidige Oberfläche eines Schmetterlingsflügels zu berühren. Der Traum ihres Vaters war das Opfer wert.

»Nora!« Roses Aufschrei durchschnitt die Stille. »Komm da runter, bevor du dich noch umbringst!«

In diesem Moment flogen die Schmetterlinge los. Sie umgaben Nora wie eine Wolke und kitzelten sie mit ihren seidigen Flügeln an den Ohren und an der Kopfhaut. Sie lachte, machte dann aber schnell den Mund zu, als sie die Flügel an ihren Lippen spürte, zart wie Chantilly-Spitze. Sie suchte einen sicheren Stand auf dem Ast und hob langsam die Arme über den Kopf. Die Monarchfalter umhüllten sie wie eine Decke aus Abendrot. Dann stiegen sie in den Himmel auf und flogen nach Norden davon.

Einen Augenblick lang rührte Nora sich nicht von der Stelle. Die Arme noch immer in die Höhe gereckt, lauschte sie ihrem eigenen Atem und blickte den Schmetterlingen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren.

»Habt ihr das gesehen?«, rief sie Bitsy und Rose zu.

»Unglaublich!«, antwortete Bitsy.

Rose rang die Hände. »Kannst du jetzt bitte runterklettern? Da kommt jemand!«

Nora blickte an dem Baumstamm vorbei und sah ein Ruderboot, das langsam auf sie zusteuerte. Sie seufzte und begann mit dem Abstieg. Als sie die Hälfte des Weges hinter sich hatte, erklang ein Ruf. Nora bemühte sich, über einen Ast hinwegzuspähen, der ihr die Sicht versperrte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und konnte das kleine Boot und den Strohhut eines Mannes ausmachen.

Es passierte im Bruchteil einer Sekunde. Schon seit sie laufen konnte, kletterte Nora auf Bäume, aber zum ersten Mal im Leben merkte sie, wie sie abrutschte. Sie glitt von dem Ast, überschlug sich und schürfte sich die Wange an der rauen Rinde auf. Roses Kreischen klingelte ihr in den Ohren, als sie durch die Luft segelte.

Kapitel 3

Nora landete mit dem Hinterteil im Wasser, eines ihrer Beine unter dem immer noch verknoteten Rock hervorgestreckt im Dreck.

Rose kam durch das Wasser auf sie zugerannt. »Ach, du liebe Güte! Ist alles in Ordnung?«

»Es geht ihr gut!«, rief Bitsy vom Ufer aus. »So tief ist sie ja gar nicht gefallen.«

Rose legte eine Hand unter Noras Arm und versuchte ächzend, sie hochzuziehen.

»Ist schon gut, Rose, lass mich los. Gib mir einen Moment, dann schaff ich es allein.« Nora drückte die Hände in die weiche Erde unter Wasser und stand auf. Dabei fuhr ein stechender Schmerz durch ihren rechten Knöchel. Als sie stöhnte und wieder zurücksank, wollte Rose sie am Ellbogen nach oben ziehen und ließ erst los, als Nora ihre Hand wegschlug.

»Ich glaube, es geht doch nicht.« Nora zog den Fuß zu sich heran.

»Komm, sie ist zu schwer für mich allein, Bitsy, wir müssen sie zusammen hochheben!«, rief Rose.

Bitsy zeigte hinter sie. »Warum fragt ihr nicht ihn?«

Als Nora sich umdrehte, sah sie ihren Kommilitonen Owen Epps in dem Ruderboot sitzen, das Ruderblatt quer über den Oberschenkeln. Mit dem Zeigefinger schob er seinen Hut aus der Stirn. »Brauchst du Hilfe, Sonderbar?«

Nora wünschte, das Wasser würde steigen und sie überfluten. Owen Epps war der Letzte, von dem sie Hilfe annehmen wollte. Sie hatten die letzten drei Jahre als akademische Rivalen zugebracht. Von den zwanzig Studenten der Entomologie waren Nora und Owen die beiden besten. Aber während Nora sich voll auf das Studium konzentrierte, schienen Owens gute Noten einfach zu seinem perfekten Leben zu gehören. Sie hatte nie erlebt, dass er sich in einem der Kurse besondere Mühe gegeben hätte.

Jetzt sah sie ihn an, wie er mit seinem albernen Strohhut dort in dem Boot saß, und presste die Lippen aufeinander. »Nein, brauche ich nicht.«

»Wie bist du denn im Wasser gelandet?«

»Ich bin aus dem Baum gefallen.«

Er lächelte schief. »Und was hast du in dem Baum gemacht?«

»Ich bin raufgeklettert.« Sie versuchte erneut aufzustehen, aber der Schmerz hielt sie davon ab, bevor sie die Beine gerade machen konnte. »Um mir die Monarchfalter besser ansehen zu können. Der ganze Baum war voll von ihnen.«

»Sie sind dieses Jahr früh dran«, sagte Owen, während er sie unter seinem blonden Pony hervor musterte.

»Ja, ich weiß.« Sie seufzte. Aus eigener Kraft würde sie nicht aus dem Wasser kommen. Also holte sie tief Luft und schluckte ihren Stolz hinunter. »Bitte, Owen.«

Er grinste, sprang aus dem Boot und zog es an Land. Gleich darauf platschte er durchs Wasser und hob sie hoch, um sie anschließend an seine Brust zu drücken. Sie hielt die Arme steif und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu berühren.

»Entspann dich, Nora.« Er lachte in ihre Haare. »Ich tue dir nicht weh.«

»Das habe ich ja offensichtlich auch allein hinbekommen.«

Als sie das Ufer erreicht hatten, bat er Rose, die Decke auszubreiten, dann setzte er Nora darauf ab.

»Vielleicht solltest du …« Sein Blick huschte zu ihrer unteren Hälfte und dann zum Wasser.

Nora blickte an ihren bestrumpften Beinen hinunter. Der Knoten in ihrem Rock ruhte wie ein Kohleklumpen oberhalb ihrer Knie. »Wehe, du erzählst das irgendjemandem, Owen Epps.« Nachdem sie den Knoten aufgezerrt und ihren Rock glatt gestrichen hatte, löste sie die Schnürsenkel ihres Stiefels und seufzte, als der Druck auf ihren Knöchel nachließ.

»Musst du zum Arzt?«, wollte Bitsy wissen.

Nora bewegte den Fuß vorsichtig und schob dann eine Hand in den Schaft des Stiefels. Sie betastete den Bereich oberhalb des Knöchels, der sich empfindlich und leicht geschwollen anfühlte. »Ich glaube, er ist nur verstaucht. Ich ruhe mich hier ein paar Minuten aus, dann können wir uns auf den Heimweg machen.«

»Dein Gesicht ist ganz schön lädiert.« Bitsy tätschelte ihre eigenen makellosen Wangen.

Nora fuhr sich mit den Fingern über Wangenknochen und Unterkiefer. Sie hatte eindeutig ein paar Schürfwunden, aber als sie ihre Hand betrachtete, fand sie kein Blut daran. Sie wusste allerdings nicht, wie sie ihrer Mutter die Verletzungen erklären sollte, denn die dachte, Nora hätte aufgehört, auf Bäume zu klettern, als sie angefangen hatte, lange Röcke zu tragen.

Sie blickte zu Owen auf, der ins Sonnenlicht blinzelte. Sein Gesicht lag im Schatten, während die unter seinem Hut hervorlugenden Haare fast golden leuchteten. »Danke für deine Hilfe.«

»Heißt das, ich soll gehen?«

»Nein, nein.« Rose packte seinen Arm. »Nora ist dir wirklich dankbar. Hier … setz dich. Setz dich hin.« Sie zog ihn zu der Decke und setzte sich ihnen gegenüber, als er neben Nora Platz genommen hatte.

»Du kannst uns bei unserer kleinen Party auch gerne Gesellschaft leisten, Bitsy.« Nora rutschte, um Bitsy Platz zu machen, und stieß dabei gegen Owen. Sie räusperte sich und lächelte gequält.

Bitsy machte es sich auf der Decke bequem und hob die langen, schmalen Finger an ihre Lippen. Wenn sie so guckte, wusste Nora, dass sie etwas ausheckte. Bitsy mochte vom englischen Adel abstammen, aber das hielt sie nicht davon ab, andere zu manipulieren.

»Ich glaube, es wäre das Beste, wenn du Nora in die Stadt zurückruderst, Owen«, sagte Bitsy. »Ich bin sicher, du bist mit deinem Boot viel schneller als wir mit unserem. Und dann kannst du sie nach Hause bringen.«

Noras Wangen röteten sich. »Ich bin sicher, wir können sehr wohl ...«

»Das mache ich doch gerne.« Owen grinste Nora an. »Ich werde dein Ritter in glänzender Rüstung sein.«

Bitsys selbstgefälliges Lächeln ärgerte Nora.

»Ich brauche keinen Ritter!«, fauchte sie.

Als Owen ein wenig zurückwich und einmal blinzelte, tat es ihr leid, so heftig reagiert zu haben.

Bitsy schüttelte den Kopf und schürzte die Lippen, dann wandte sie sich ab und pflückte ein paar Kleeblätter.

Rose warf Nora einen Blick zu und das Grübchen an ihrem Kinn vertiefte sich. »Warst du bei der Party, Owen?«

Owen riss seine Aufmerksamkeit von Nora los, sodass sie seinem Urteil und seiner Missbilligung für den Moment entging, und lächelte Rose an. »Nein. Delta Upsilon hat geholfen, sie zu planen, aber ich war an dem Abend krank. Habt ihr euch amüsiert?«

Nora hatte bemerkt, dass er bei dem Fest der Studentenverbindung gefehlt hatte. Selbst hinter einer Maske würde sie ihn erkennen – er war einen halben Kopf größer als die anderen jungen Männer ihres Jahrgangs, fast einen ganzen Kopf größer als sie selbst.

Rose nickte und errötete, sodass ihre Gesichtsfarbe ihrem Namen alle Ehre machte. »Die Mädchen und ich hatten unsere Masken auf unsere Hauptfächer abgestimmt. Ich war ein Elefant, Bitsy ein Kranich – ist das nicht perfekt für sie? – und Nora …«

»Sag nichts, lass mich raten!« Owen wandte sich an Nora. »Du warst eine Blatta orientalis, stimmt’s?«

Rose runzelte verwirrt die Stirn. »Nein. Sie war ein Schmetterling. Warum sollte sie eine …« Sie warf Nora einen mitleidigen Blick zu. »Oh.«

Nora knirschte mit den Zähnen. Sie hasste Küchenschaben und Owen wusste das. Wie alle anderen im Raum hatte er gelacht, als sie in ihrem ersten Studienjahr auf ihren Stuhl gesprungen war und versucht hatte, eine aus ihrem Rock zu schütteln.

Sie ignorierte den Schmerz, der durch ihren Knöchel schoss, als sie Owen den Rücken zukehrte.

»Komm schon, Nora. Ich necke dich nur. Du warst bestimmt ein ganz reizender Schmetterling.« Seine Finger berührten ihre Schulter. »Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass dir die Sache immer noch etwas ausmacht. Das ist doch schon zwei Jahre her.«

Nora blickte über die Schulter zu ihm. »Du hast mich vor dem ganzen Kurs gedemütigt! Und vor Professor Comstock.«

»Habe ich nicht. Du warst es, die wie eine mexikanische Huttänzerin herumgehüpft ist. Und das wegen eines Insekts. Du studierst diese Tiere und hast jeden Tag mit ihnen zu tun.« Er wackelte mit seinen ausdrucksstarken Augenbrauen und Nora juckte es in den Fingern, seinen vorwitzigen Haarwirbel mit einem Schlag auf den Kopf platt zu machen.

Nora rappelte sich auf und versuchte vorsichtig, ihr Gewicht auf den verletzten Fuß zu verlagern. Ihr Knöchel tat immer noch weh, aber sie konnte wenigstens wieder stehen. »Ich glaube, ich wäre dann jetzt bereit zurückzufahren.«

Mit einem Seufzer erhob Owen sich und reichte Rose einen Arm. Er führte sie zum Boot, ging dann zurück, um als Nächstes Bitsy zu begleiten, und half auch ihr über das steinige Ufer. Als die beiden das Wasser erreicht hatten, flüsterte er Bitsy etwas ins Ohr. Sie tätschelte seinen Arm und stieg hinter Rose ins Boot, die es platzmäßig so eingerichtet hatte, dass sie nicht in die Stadt zurückrudern musste. Owen stieß sie vom Ufer ab.

Bevor er zu ihr kommen konnte, machte Nora sich mit humpelnden Schritten auf den Weg zu dem zweiten Boot.

»Lass mich dich stützen«, sagte er und trat neben sie.

»Nicht nötig.«

»Jetzt sei mir doch nicht böse! Ich wollte dich nur ein bisschen auf den Arm nehmen.«

»Ich bin dir nicht böse.« Sie machte einen Schritt von ihm weg und schrie auf, als ihr Knöchel unter der Belastung nachgab.

Owen biss sich auf die Unterlippe und sah Nora so besorgt an, dass ihr Ärger verflog. Er hatte damals wirklich nicht mit dem Lachen angefangen.

Sie seufzte und nahm seinen Arm, den er ihr hinhielt. »Ich bin die einzige Frau, die Entomologie als Hauptfach hat. Du hast ja keine Ahnung, wie schwierig es war, mich in diesem Kurs zu behaupten, und dann habe ich in einem absurden Augenblick die Arbeit eines ganzes Jahres zunichtegemacht. Danach hat mich niemand mehr ernst genommen. Es gab sogar Beschwerden über hysterische Frauen in den Naturwissenschaften! Ich musste noch einmal ganz von vorne anfangen und beweisen, dass ich meinen Studienplatz verdient hatte. Dass ich eine ernsthafte Wissenschaftlerin war.«

»Du bist eine ernsthafte Wissenschaftlerin. Ich glaube nicht, dass irgendjemand etwas anderes behaupten würde. Du hast die besten Noten in jedem Kurs!«

»Aber ich muss trotzdem doppelt so fleißig arbeiten, um den Respekt zu erhalten, der dir nur so zufliegt.«

Owen schwieg, als er ihr ins Boot half, und seine Hand griff fester zu, als Nora aufstöhnte, weil erneut ein stechender Schmerz durch ihr Fußgelenk fuhr. Er schob das Boot in tieferes Wasser und der Bootsrumpf schabte über den steinigen Untergrund, als sie auf die Bucht hinausglitten. Owen war an Bord geklettert und setzte sich mit dem Gesicht zu ihr auf die gegenüberliegende Bank. »Über all das habe ich nicht nachgedacht. Ich werde nicht mehr davon sprechen.«

Nora warf ihm verstohlene Blicke zu, während er sie vom Ufer wegruderte.

Er fing ihren Blick auf und sein Lächeln ließ seine geraden Zähne hervorblitzen. »Verzeihst du mir?«

Sie nickte.

Rose fand Owen reizend. Das galt eigentlich für alle Studentinnen. Nora hatte das bei ihm noch nie gesehen, aber einen Moment lang wirkte er beinahe nachdenklich. Und das war irgendwie … attraktiv. Sie schüttelte den Gedanken ab und winkte, als sie Rose und Bitsy überholten. Rose winkte mit ihrer typischen Lebhaftigkeit zurück und Bitsy fuhr sie an, sie solle aufhören, das Boot zum Schaukeln zu bringen.

»Willst du weiterstudieren und deinen Master machen?«, fragte Owen.

Nora blinzelte zum Himmel hinauf, um ihn und seine schönen Zähne nicht ansehen zu müssen. »Das kann ich mir nicht leisten.«

Als die Sonne hinter einer Wolke verschwand, rutschte sie in ihrem nassen Serge-Rock hin und her. Sie konnte es kaum erwarten, trockene Kleider anzuziehen und den Zeichenblock herauszuholen. Je frischer ihre Erinnerung an den von Schmetterlingen übersäten Baum war, desto eher würde sie dem Motiv gerecht werden. Es war ein herrlicher Augenblick gewesen – und eindeutig den Sturz und die Peinlichkeit wert.

»Mein Vater ist Kurator.« Owen führte seine Bemerkung nicht aus und sie fragte sich, ob ihr die Information etwas sagen sollte.

»Und?«

Er lenkte das Boot mit vermehrter Kraftanstrengung um eine Schlammbank herum und seine Muskeln spannten sich unter den aufgekrempelten Hemdsärmeln. Nora musste Rose recht geben: Owen sah gut aus. Was für eine Schande, dass ein so ansehnliches Exemplar Mann eine so wenig motivierte Persönlichkeit beherbergte – abgesehen von der Motivation, sie beim Kampf um die besten Noten zu schlagen. Sie wusste, dass er von Natur aus intelligent war und kaum jemals hart lernen musste. Er nahm das Leben nicht ernst, aber was konnte man auch von jemandem erwarten, der im Luxus aufgewachsen war und niemals etwas Schweres erlebt hatte?

Owen legte die Ruder auf seinen Schoß und das Boot trieb in Schlangenlinien weiter. »Er hat mir erzählt, dass einer der anderen Kuratoren ein Stipendium für fortgeschrittene Entomologie-Studenten eingerichtet hat. Damit sie ihre Ausbildung fortsetzen können.«

Seine Worte weckten Noras Neugier. »Ein Stipendium?«

»Vielleicht bekommst du es ja, Sonderbar.« Er tauchte die Ruder wieder ins Wasser und grinste. »Aber natürlich kann es auch sein, dass sie es mir geben.«

Sie runzelte die Stirn. »Wieso solltest du ein Stipendium brauchen? Deinem Vater gehört der größte Verlag in New York.«

Er zog die Ruder nun wieder kraftvoll durchs Wasser und ächzte. »Mein Vater findet, dass Entomologie reine Zeitverschwendung ist. Er will, dass ich entweder Jurist werde oder in seinem Unternehmen mitarbeite. Für mein weiteres Studium wird er nicht bezahlen, wenn ich« – er ließ seine Stimme tiefer klingen und sprach gestelzt – »›darauf bestehe, diesen närrischen Weg weiterzuverfolgen.‹« Owen verzog das Gesicht. »Das hat er wortwörtlich so gesagt. In seinen Augen sind Jura und Verlagswesen die einzigen beiden sinnvollen beruflichen Bereiche. Ich kann schon froh sein, dass er für die ersten vier Jahre aufgekommen ist.«

»Warum hast du dich eigentlich für Entomologie entschieden? Hat jemand in deiner Familie das studiert?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Meine älteren Brüder – ich habe vier – sind tatsächlich alle entweder in die Fußstapfen meines Vaters getreten oder haben Jura studiert. Einer ist Politiker. Mein Vater hat mir widerwillig erlaubt, eine Naturwissenschaft zu studieren. Wahrscheinlich hat er gehofft, ich würde mich für Medizin entscheiden.« Sein Gesicht nahm einen mehr oder weniger ernsthaft zerknirschten Ausdruck an. »Er war völlig ratlos, als ich ihm erklärte, was mein Wunschfach war. Aber Entomologie ist ziemlich interessant. Und nicht so schwierig wie andere Naturwissenschaften.«

Nora dachte über Mr Epps und seine Meinung über Insektenkunde nach. Owens Vater war unglaublich erfolgreich. Er hatte in seinem Leben mehr erreicht als jeder andere, den sie kannte. Also musste er ein zielstrebiger Mensch sein – ganz anders als sein Sohn. Wie war es wohl, als so erfolgsverwöhnter Mann ein Kind zu haben, das alles für selbstverständlich hielt und sich um seine Zukunft nicht mehr Gedanken machte als eine Honigbiene? Obwohl Bienen eigentlich sogar mehr Bedacht an den Tag legten als Owen Epps. Wenigstens waren sie fleißige Arbeiter und sorgten vor.

Sie faltete die Hände in ihrem Schoß. »Auch wenn ich mit den Ansichten deines Vaters in Bezug auf die Entomologie nicht übereinstimme, glaube ich, dass dein Studium dieser Wissenschaft vielleicht wirklich ein närrischer Weg ist. Du scheinst dem Fach gar nichts abzugewinnen, abgesehen davon, dass es nicht so schwierig ist – und da würde ich energisch widersprechen – und es dir Spaß macht, deinen Vater und seine Wünsche für dein Leben durcheinanderzubringen.«

Das Boot stieß so fest an den Anleger, sodass Nora von ihrem Sitz rutschte. Als sie sich mit den Füßen abstützte, jagte sofort wieder ein Stechen durch ihren Knöchel. Sie sog hörbar die Luft ein. »Du hättest mich auch vorwarnen können.«

»Ich war so mit deiner Beurteilung meiner Person beschäftigt, dass ich den Steg nicht einmal bemerkt habe. Und du hättest ihn doch eigentlich selbst sehen müssen, Nora. Offenbar warst du ebenfalls abgelenkt.« Owen grinste sie an, während er auf sicheren Beinen balancierte, bis das Boot aufhörte zu schaukeln. Er warf ein Seil über den Pfosten, sprang an Land und streckte die Hand aus. Nora ignorierte sie, auch wenn ihre Beine längst nicht so seeerprobt waren wie seine und ihr Knöchel mit einem heftigen Pochen protestierte. Es gelang ihr, über die Bootskante zu steigen, aber beim Schritt auf den Anleger stolperte sie über ihren Rock und landete auf den Knien.

»Komm, ich ...«

Nora hob die Hand, sodass Owen verstummte, und stand auf. Sie spürte, wie ihr Gesicht unter seinem Blick warm wurde, und die Kratzer auf ihrer Wange zogen unangenehm, als sie die Lippen zusammenpresste.

Vom Wasser drang ein Ruf herüber und das Boot mit Rose und Bitsy näherte sich.

Rose winkte. »Hallo!«

Nora winkte zurück, zog ihren Rock ein Stück hoch und humpelte dann über den Brettersteg zur Straße.

Owen holte sie im Lauftempo ein. »Ich helfe dir nach Hause.«

»Ich warte auf meine Freundinnen. Mach dir keine Umstände.«

»Wahrscheinlich hast du zumindest halbwegs recht, was mich betrifft.«

Nora blieb stehen. »Ich habe selten nur halbwegs recht.« Sie blinzelte zu ihm auf. »Hast du dich eigentlich schon einmal gefragt, warum du so viel Zeit damit verbringst, mich aufzuziehen, Owen? Das ist ermüdend.«

Er zog eine Grimasse, aber sie sah trotzdem den Anflug eines Lächelns, und sein Schnauben konnte sie nicht ignorieren.

»Weshalb willst du überhaupt einen Master machen?«, fragte sie. »Es wirkt nicht gerade so, als würdest du die Entomologie lieben. Warum also tust du deinem Vater nicht den Gefallen und arbeitest mit ihm zusammen?«

Owen schob die Hände tief in seine Hosentaschen und senkte den Kopf. Überrascht von seinem plötzlichen Ernst merkte Nora, dass ihr der Atem stockte. Hatte sie seine Gefühle verletzt? Ihr Stiefvater sagte oft, sie rede zu vorlaut und ohne Bedacht.

Owen hob den Kopf wieder und lächelte schief. »Ich bin noch nicht bereit zu arbeiten. Noch wenigstens zwei Jahre möchte ich bloß ein schönes Leben, dann lasse ich mich von meinem Vater vielleicht zu einem Jurastudium überreden.«

Nora krümmte die Zehen in ihren nassen Schuhen und ihre Fingernägel gruben sich in die weiche Haut ihrer Handflächen. Aber ihre Miene blieb ruhig und gelassen. Er neckte sie wieder einmal; es musste einfach so sein. Owen glaubte, das Stipendium gehöre ihm, weil ihm einfach alles in den Schoß fiel, aber wenn sie ihren Masterabschluss machen konnte, würde sie eine Stelle als Dozentin ergattern können, vielleicht sogar an der Cornell University, obwohl dort noch nie eine weibliche Lehrkraft eingestellt worden war. Sie könnte die erste sein. Und dann würde sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Als Lehrerin und diejenige, die die beste entomologische Zeitschrift im ganzen Land veröffentlichte. Das würde den Verlust, den Cornell und die Wissenschaft mit seinem Tod erlitten hatten, beinahe wiedergutmachen.

Owen beugte sich vor und seine Augenbrauen trafen über seiner Nase aufeinander, zwei goldene Halysidota harrisii, die einander küssten. »Was für Gedanken gehen dir gerade durch deinen schlauen Kopf?«

Dass deine Augenbrauen aussehen wie zwei Raupen der Bergahorn-Tussock-Motte, die sich in der Öffentlichkeit etwas zu intim benehmen. »Dass du dich nicht auf dieses Stipendium versteifen solltest. Ich glaube, meine Noten sind besser als deine.«

Owen straffte die Schultern und hob Daumen und Zeigefinger so, dass nur ein, zwei Zentimeter Platz dazwischen waren. »Nur ein bisschen. Außerdem wird das Stipendium nicht nur nach Noten vergeben. Sie wollen jemanden, der im Sommer ein Forschungsprojekt durchführt und bis zum Ende des Jahres eine fantastische Vorlesung hält.« Er umfasste das Revers seiner Jacke und wippte auf den Fersen nach hinten. »Ganz zufällig bin ich ein ausgezeichneter Redner. Und Professor Comstock hat mir angeboten, dass ich mit einer Forschungsgruppe in Indien arbeiten kann. Ich überlege noch.«

Nora starrte ihn fassungslos an. »Aber das Projekt hat er mir angeboten!«

Owen zuckte mit den Schultern. »Und du hast Nein gesagt.«

»Ich könnte meine Meinung noch ändern!« Sie würde ihre voreilige Absage noch einmal überdenken müssen, wenn Owen nach Indien ging. Wie sollte sie da mithalten?

Rose und Bitsy hatten den Anleger inzwischen ebenfalls erreicht und machten ihr Boot fest. Kurz darauf waren sie an Noras Seite und sie hakte sich bei beiden unter.

»Wir kommen ab hier gut ohne dich zurecht, Owen«, sagte sie.

Er tippte sich an den Hut. »Meine Damen.« Dann lächelte er Nora noch einmal zu. »Möge der Beste gewinnen.« Mit diesen Worten schob er die Hände wieder in seine Taschen und schlenderte, eine fröhliche Melodie pfeifend, davon.

»Oder die Beste!«, rief Nora ihm nach.

Eindeutig die Beste.

Kapitel 4

Nora fuhr mit einem Staubtuch über die glänzende Oberfläche ihres Insektenschranks aus Walnussholz. Den Großteil des Hauses putzte Alice, aber Nora bestand darauf, diesen Schrank selbst zu polieren. Ihr Vater hatte ihn aus England liefern lassen, als Nora zehn Jahre alt gewesen war. Nur ein Drittel der dreißig Schubladen hatte er bis zu seinem Tod befüllt.

Mutter hatte Nora den Schrank nur zu gern überlassen. Da sie sich nicht für Insekten interessierte – ihr war es am liebsten, wenn sie draußen blieben, egal ob tot oder lebendig –, hatte sie das Möbelstück aus ihrer Stube verbannen wollen. Seitdem hatte Nora fünf weitere Schubladen vollbekommen und stellte sich vor, wie ihr Vater sie vom Himmel aus zufrieden beobachtete.

Sie zog eine Schublade nach der anderen heraus und wischte über die Glasdeckel der Ausstellungskästen, wobei sie die Gattungen aufsagte, während der Lappen über die Insekten fuhr. »Lepidoptera, Odonata, Hemiptera, Coleoptera, Embioptera.«

Noras Mutter sah sich gerne dicke Bücher mit Bildern von Tieren aus aller Welt an, Elefanten, Kamelen und Kängurus. Aber verglichen mit der Welt der Insekten zeigten Säugetiere viel weniger Vielfalt, Farbenpracht und Eigentümlichkeit. Nora war der Meinung, nichts könne so schön sein wie die Flügel des Nachtfalters Actias luna. Nichts war so faszinierend wie der Anblick einer gewöhnlichen Gartenspinne, die ihre Fäden spann. Jedes Jahr hingen in dem Kirschbaum am Tor wundervolle Netze.

Nach ihrem gestrigen Sturz ins Wasser hatte Nora sich ein wenig erkältet, aber ein Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass die Sonne in Mutters sprießenden Garten schien.