Missbraucht - Francesca del Sarde - E-Book

Missbraucht E-Book

Francesca del Sarde

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Beschreibung

Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit. Für Francesca del Sarde scheint dieser Wunsch von klein auf unerreichbar. Sie und ihre Geschwister wachsen in Armut auf und sie durchlebt einen Kreislauf der Gewalt, Vernachlässigung und Einsamkeit. Immer wieder träumt sich das Mädchen durch Phantasiewelten ein besseres Leben herbei, aber kleine Hoffnungsschimmer erlöschen schnell und Momente des Glücks ziehen rasch vorüber. Damals ahnte sie noch nicht, dass diese Erfahrungen auch ihren weiteren Lebensweg prägen sollen. Als junge Frau begegnet sie ihrer ersten großen Liebe und hofft, endlich Wärme zu finden, nach der sie so lange gesucht hat. Doch es kommt alles anders. Mit packender Intensität schildert die Autorin eine Lebensgeschichte, die fassungslos macht und tief berührt. Ihr gelingt, was sich nur wenige Menschen trauen: Sie holt Erinnerungen hervor, die wehtun und doch ausgesprochen werden müssen. Nach einem langen, stillen Kampf gilt es zurückzublicken, um wieder nach vorne schauen zu können. Ein intimer Einblick, der erschüttert und zugleich voller Hoffnung ist. Es erinnert daran, was im Leben wirklich zählt.

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Seitenzahl: 116

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Danksagung

Sie haben mich eine lange Wegstrecke begleitet. Und habe Ihnen in dieser Zeit tiefe Einblicke in mein Leben gewährt. Womöglich sind Sie dabei bis an Ihre Grenzen gekommen. Da, dass Buch kurz vor dem Abschluss steht, möchte ich mich bedanken für Ihren Einsatz. Auch an alle Mitarbeiter die mehr hinter den Kulissen gearbeitet haben. Francesca del Sarde

Trotz alledem

Im Nebel verirrt

im Licht geblendet

in der Dunkelheit hingefallen

in der Kälte gezittert

in der Hitze gedürstet

im Wind zerzaust

im Regen durchnässt

an Gleichgültigkeit gelitten

durch Worte verletzt

mit Versprechungen hingehalten

vom Egoismus missbraucht

am Unvermögen verzweifelt

in Traurigkeit versunken

aufgrund meiner Andersartigkeit gescheitert

lebe ich dennoch

und wünsche

und hoffe

und vertraue

und warte

und glaube

und liebe

trotz alledem

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nachwort

Vorwort

Oft habe ich in den letzten Jahren daran gedacht, alles aufzuschreiben, was ich erlebt habe. Aus der Vorstellung war zunächst ein Wunsch geworden, der mich ständig begleitete und in den letzten Jahren immer konkreter wurde. Mit jedem Jahr des Älterwerdens rückte die Vergangenheit gedanklich näher. Wie besessen manifestierte sich mein Vorhaben, alles Erlebte mitzuteilen.

Ich sehe auf mein Leben zurück, auf die vielen schmerzhaften Erinnerungen, Tränen, die bis heute nicht getrocknet sind. Unfassbares Leid füllen die Kapitel meines Daseins, die fast unglaublich, unvorstellbar klingen, aber die Wahrheit sind.

Die vergangenen Jahre haben mich zur Ruhe kommen lassen, mir Distanz verschafft zu dem Geschehenen, dadurch konnte ich alles besser begreifen und verarbeiten.

Ich finde keine Antworten auf all die Fragen, die meinen Lebenslauf deuten könnten, doch es gibt Erklärungsversuche für mein Verhalten in dieser schlimmen Zeit.

Im Rückblick geht es mir nicht darum, Rache zu üben oder jetzt, so viele Jahre später, jemanden anzuklagen, nein, was hätte es auch für einen Sinn? Ich möchte mein gelebtes Leben, meine Hölle, beschreiben, alles, was mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin, da lässt sich nichts abschütteln.

Die Erinnerungen tauchen auf, plötzlich und unvermittelt. Geschichten und Bilder spielen sich vor meinem inneren Auge ab. Aber dann gibt es wieder eine Leere, keine Bilder, keine Gedanken, keine Gefühle, ein großes Nichts. Die Vergangenheit ist fassbar und manchmal auch unfassbar. Eine alte Narbe an meinem Kopf lässt mich gelegentlich spüren, was damals geschehen ist.

Ich will alles erzählen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist es auch nicht mehr wichtig, was die anderen denken, jetzt geht es darum, loszulassen und in andere Hände zu geben. Es wird sich schon alles fügen, wie ich es mir gewünscht habe, jedoch die Zeit ist endlich.

In der Vergangenheit ging es um Gewalt, Brutalität, Unterdrückung und die Angst als ständigen Begleiter.

Man wird sich fragen: Wie konnte dies alles geschehen, warum habe ich mich nicht gewehrt, warum nicht die Flucht ergriffen oder mir Hilfe gesucht? Warum verlassen Menschen, die in gewalttätigen Beziehungen leben, nicht ihre Peiniger? Viele Faktoren spielen eine Rolle, aber die Angst war der Hauptgrund bei mir, die Angst, nicht wirklich entkommen zu können und dass die Konsequenzen dann noch um ein Vielfaches schlimmer werden könnten.

Was tun in einem freien Leben, in dem ich zuerst ganz neue Verhaltensweisen lernen muss, um wieder andere Menschen zu finden, mit denen ich ein neues Lebensgefühl entwickeln kann? Wie kann ich mit der Angst umgehen, wenn mich die neue Freiheit in die Einsamkeit treibt, ohne jegliche Kontakte?

Gerade wenn man jung ist, ein Kind, eine Heranwachsende, dann gibt es nur dieses eine Leben, nämlich genau das, was man gerade führt, es gibt keine Vorstellung von einem anderen.

Beeinflusst die Kindheit das Leben des Erwachsenen so sehr, dass es nur einen einzigen Weg gibt, und zwar den, der bereits vorgezeichnet ist? Oder kann er diesen jemals verlassen? Verhaltensweisen, die in der Kindheit antrainiert wurden, setzen sich fest, sind immer wieder abrufbar. In ähnlichen Situationen verhalten wir uns mit 50 Jahren genauso wie mit fünf Jahren.

Unbewusst suchte ich die gleichen Verhältnisse und Bedingungen, die ich als Kind schon vorgefunden hatte, um das Erlernte wieder und wieder einzusetzen und vielleicht abzuarbeiten.

Wir, die Nachkriegsgeneration, suchten uns früher Schicksalsgemeinschaften: Es ging uns in der Familie gut, also suchten wir die Nähe von guten Menschen. Es ging uns in der Familie schlecht, also suchten wir die Nähe von Menschen, die es auch nicht gut mit uns meinten. Nur ein Beispiel für diejenigen, die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg geboren wurden, die meist in Armut aufwuchsen und wenig Chancen hatten auf eine gute Zukunft oder sie nicht wahrnehmen konnten: Frauen mussten als Mädchen die jüngeren Geschwister aufziehen und versorgen. Manche machten zwar eine Ausbildung, heirateten aber kurze Zeit später und bekamen selbst Kinder.

An Selbstverwirklichung war gar nicht zu denken. Wir führten den Haushalt und zogen den Nachwuchs groß, das hatten wir ja schon früh gelernt.

Unsere Eigenschaften waren: gehorsam sein, keine Widerworte geben, nicht klagen und keine eigenen Wünsche äußern. Das war eben früher so.

Aber jetzt will ich alles erzählen, von Anfang an mich erinnern, die bittere Geschichte meines Lebens.

Kapitel 1

Ich bin die Älteste von insgesamt zehn Kindern, aufgewachsen in ärmlichsten Verhältnissen auf dem Lande.

Nachbarn, die wegschauten, uns nicht mochten und dachten, wir hätten es so verdient.

Meine Eltern waren keine Eltern, sie waren nur unsere Erzeuger, die uns mit brutaler Gewalt ins Leben geführt haben. Es gab nie genug zu essen, oft mussten wir hungern. In unserem Haus war es im Winter meist kalt, da wir nicht genug Kohle zum Heizen hatten, wir haben gefroren.

Mutter und Vater waren auch nicht in der Lage, uns Kinder geistig und emotional auf das Leben vorzubereiten, wir wurden ein Produkt ihres Versagens.

Außerhalb unseres Hauses sollte die Schule eigentlich der Ort sein, der uns den richtigen Weg weist für unser späteres Leben. Ihr Auftrag ist es, alle wertvollen Anlagen der Kinder zur vollen Entfaltung zu bringen, ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, Wissen und Können zu vermitteln und sie zu Persönlichkeiten reifen zu lassen. Eigentlich! Aber es war damals in meiner Schule ganz anders.

Respekt und Anerkennung habe ich nie erfahren. Der Lehrer bekam Wutausbrüche und ich war seine Beute. Die Schimpfwörter donnerten auf mich herab. Es sei vertane Zeit mit mir und überhaupt wüsste ich nicht, was Disziplin bedeute, man müsste es mir einhämmern, bis ich es begreifen würde. Das waren die Leitfäden meiner Schulzeit. Nicht nur aus verbaler, sondern auch aus körperlicher Gewalt bestand der Alltag in der Schule.

Ich war noch ein kleines Mädchen, was den Lehrer aber nicht davon abhielt, mich mit einem dünnen Stock zu schlagen, und er schlug immer fester auf meinen Körper, ein höllischer Schmerz. Er benutzte auch seine Faust, die mich mit voller Wucht traf, unvorbereitet, und er setzte mich so dem Spott meiner Mitschüler aus. Ich stand geschockt da, niemand stellte sich schützend an meine Seite, verteidigte oder tröstete mich.

In den 50er Jahren gab es immer sehr viel Schnee und manchmal war es bitterkalt. Schon von zu Hause durchgefroren und oft hungrig, mit knurrendem Bauch, musste ich in die Schule gehen. Ich hatte uralte Schuhe an, deren Sohlen mit Nägeln beschlagen waren, so dass es beim Laufen klick-klack machte. Beim wöchentlichen Turnen musste ich meine Schuhe ausziehen, ich weinte, da meine Strümpfe voller Löcher waren, aber die Scham deswegen war noch größer.

Dem Lehrer wurde nicht widersprochen, sich nicht widersetzt. So war das eben zu dieser Zeit. Anfang 1950 hatte es noch nicht die große Freiheit gegeben, die später mit der Studentenbewegung übers Land schwappte. Es war noch nicht gerade lange her, da war ein ganzes Land mit Angst und Gehorsam regiert worden.

Da es der Lehrer oft auf mich abgesehen hatte, entwickelte ich Strategien, um nicht aufzufallen: Ich hielt den Kopf gesenkt, bewegte mich kaum, ich war immer ganz ruhig und weinte nicht, aber noch wichtiger war es, nicht zu lachen.

Was heute undenkbar ist und selbst in der Phantasie jeden Rahmen sprengt, gehörte damals zum täglichen Miteinander bzw. Gegeneinander. Gelacht wurde nur aus Boshaftigkeit, nicht aus Freude. Vielleicht wollten sich die Mitschüler einen Vorteil verschaffen, um selbst ins rechte Licht gerückt zu werden, indem sie andere auslachten und missgünstig waren. Schadenfreude war an der Tagesordnung. Je schlechter es dem anderen ging, desto mehr wurde gelacht.

Viele passten sich an, um nicht unterzugehen und nicht selbst in den Mittelpunkt von Beschimpfungen und Gewalt zu geraten.

Ich aber gehörte nicht zu ihnen, man hatte mich einfach ausgeschlossen und zur Außenseiterin gemacht. Wenn ich etwas nicht wusste oder nicht verstanden hatte und nachfragte, wurde ich verhöhnt und wie gewohnt lauthals ausgelacht.

Wenn wir uns in einen Kreis stellen sollten, wollte niemand neben mir stehen, geschweige denn meine Hand nehmen, mich bloß nicht anfassen. Mir sollte das Gefühl der Gemeinschaft, der Einheit mit den Schülern meiner Klasse verwehrt bleiben. Jedes Kind gehörte dazu, nur ich nicht.

Immer wieder stand der Lehrer da und beobachtete uns, die Kinder seiner Klasse. Er hatte ein bösartiges Grinsen im Gesicht, als ob sich seine Mission erfüllte, nämlich mich auszuschließen. Das hatten alle anderen auch schnell begriffen. Von oben herab sahen sie auf mich, missbilligten mein Aussehen, keiner sprach mit mir, keiner wollte etwas mit mir zu tun haben.

Ich fügte mich und nahm die Rolle des Einzelgängers an, schüchtern und ängstlich, das Mädchen aus dieser schrecklichen Familie.

Einmal machte die Klasse einen Ausflug in den Wald. Der Lehrer erklärte uns vieles. Wieder einmal stand ich abseits. Als plötzlich eine Ringelnatter aus dem Laub hervorkam, spielte ich wieder eine Rolle. Der Lehrer bemerkte, dass ich Ekel vor der Schlange bekam, und genau darum sollte ich sie anfassen. Als ich es wagte, mich zu weigern, wurde er böse und gab mir eine Ohrfeige. Ich wurde allein in die Schule zurückgeschickt, bestraft und entwürdigt für ein normales kindliches Verhalten.

Man sah mir an, woher ich kam. Im Dorf kannte jeder jeden. Alle wussten, was sich bei uns zu Hause abspielte. Es wurde getuschelt mit vorgehaltener Hand, Blicke ausgetauscht, die Augen verdreht. Auch wenn ich es nicht immer sah, ich spürte die Verachtung der Menschen um mich herum.

Sie redeten, dass wir nichts zu beißen haben, aber abends ausgehen, das ginge, und jedes Jahr ein Balg zeugen, wer da wohl der Vater wäre.

Wir waren so unbeliebt und hatten einen schlechten Ruf im Dorf. Die Eltern interessierte das nicht, aber wir Kinder bekamen das am meisten zu spüren.

Die Schule war da kein Schonraum. Im Gegenteil, da passierte im Kleinen, was in der dörflichen Gemeinde im Großen geschah, nämlich Ausgrenzung, verletzende Worte und Verurteilungen, wofür auch immer.

Bei jedem Schuljahreswechsel bekam die Klasse einen neuen Lehrer. Es änderte sich fast nie etwas, es wurde weitergeprügelt, an den Haaren gezogen und mit Verachtung gestraft. Nicht alle waren solche Quäler und Zerstörer. Ich erinnere mich an einen jungen Lehrer, der plötzlich da war und vor dem wir uns nicht ducken mussten. Es gab auch eine nette Lehrerin, die sogar ab und zu lächelte, ich konnte es kaum glauben, sie meinte auch mal mich.

Aber leider waren die anderen in der Überzahl. Sie erschienen übermächtig, selbst für die neuen, jungen Lehrer, die vielleicht mit ganz anderen Vorstellungen ihre Stelle angetreten hatten.

Viele Jahre später traf ich einen von ihnen zufällig auf der Straße, wir konnten uns nicht ausweichen. Er erkannte mich, wir kamen ins Gespräch. Ich merkte schnell, wie er sich schämte für sein Verhalten in der Schulzeit damals. Er sagte, er habe nicht genug Kraft gehabt, gegen die Missstände anzugehen. Er sei ein Opfer seiner Zeit und bedaure das sehr. Sein Blick senkte sich. Wir wünschten uns alles Gute und gingen auseinander. Ich weiß nicht, ob ich eine konkretere Entschuldigung erwartet hatte, aber sein schlechtes Gewissen und die Einsicht waren schon ein Schritt in die richtige Richtung. Das Gespräch und die damit verbundene Erinnerung hatten mich sehr aufgewühlt.

Wenn ich nach der Schule auf dem Heimweg war, geschah es gelegentlich, dass ein Mann mit heruntergelassener Hose dort auf mich wartete und sich mir zeigte. Ich hatte Angst und war beschämt. Ich traute mich nicht, es irgendjemandem zu erzählen, es glaubte mir sowieso keiner, am Ende war ich noch schuld. Ich sah als Mädchen schon reifer aus als andere in meinem Alter. Die Spuren des Lebens hatten mich bereits geprägt und älter wirken lassen.

Vielleicht beflügelte das die Phantasie dieses Mannes, an dem ich angewidert vorbeigehen musste.

Ich bin vor einiger Zeit noch einmal in dem Dorf gewesen, wo ich zur Schule ging. Ich folgte meinem damaligen Schulweg und sah den Eichenbaum wieder, bei dem ich so oft Trost gesucht hatte. So groß und alt stand er immer noch da, als hätte er auf mich gewartet. Liebevoll und weise hörte er mir in meiner Kindheit zu, er war geduldig und konnte schweigen, mein großer, starker Freund, der mich beschützte. Meine Wut, meine Trauer, den Hass, die Demütigungen, alles konnte ich ihm erzählen.

Ich war immer ein ruhiges und stilles Kind gewesen, ein Kind, das sich oft selbst genug war. Für mich allein sein, das fand ich gar nicht so schlimm. Im Sommer ging ich gern spazieren, lief über die Wiesen und fand immer einen Platz, an dem ich ungestört meinen Gedanken nachhängen konnte. In der Natur kam ich zur Ruhe. Diese tat mir unendlich gut, sie ließ meinen Kummer entgleisen, machte den Schmerz lautlos. Hier, in der selbst gewählten Einsamkeit, gab es genug Platz für meine Phantasiewelt. Hier waren die guten Menschen zu Hause. Ich malte mir in allen Farben aus, wie das Leben sein könnte. In meinen Tagträumen hatte ich eine liebevolle Mutter, die das Mittagessen auf den Tisch stellte, der Vater hatte eine Arbeit, ging redlich morgens aus dem Haus und kam abends freudig wieder heim. Wir führten ein ganz normales Leben. Es war warm und ich war immer satt.

Dann ließen mich die Geräusche der Tiere, ein krächzender Vogel etwa, wieder aus dieser Welt erwachen. Unruhe überfiel