Mission Mistelzweig - Kathryn Taylor - E-Book

Mission Mistelzweig E-Book

Kathryn Taylor

4,8
6,99 €

Beschreibung

Einen deutschen Weihnachtsmarkt mitten im englischen Lake District organisieren? Marketingexpertin Lilly stürzt sich mit Feuereifer in diese ungewöhnliche Aufgabe, schließlich kann sie nach der Trennung von ihrem Verlobten Ablenkung gut gebrauchen. Sogar einen werbewirksamen Höhepunkt der Veranstaltung hat sie in petto: die Wahl zum "Sexiest Santa Claus Alive". Musiker Tom entpuppt sich bald als Lillys persönlicher Favorit - denn niemand küsst sie so unwiderstehlich unter dem Mistelzweig wie er ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 212




Inhalt

CoverÜber die AutorinTitelImpressumWidmung12345678910111213141516171819Epilog

Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End ging ihr Traum in Erfüllung: Bereits mit ihrem zweiten Roman hatte sie nicht nur viele begeisterte Leser im In- und Ausland gewonnen, sie eroberte auch prompt Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit Daringham Hall – Das Erbe startet sie eine neue Trilogie über große Gefühle und lang verborgene Geheimnisse auf einem englischen Landgut.

KATHRYN TAYLOR

MissionMistelzweig

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Bettina Steinhage

Textredaktion: Christiane Geldmacher, Wiesbaden

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Einband-/Umschlagmotiv: © shutterstock/Olga Korneeva (3)

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-3012-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Kerstin, ohne deren Unterstützung ich nicht ausgekommen wäre. Danke für deine Zeit und den Spaß, den wir hatten!

1

Der nächste Halt, ist das Barnbarrow?« Die Frage der älteren Dame, die in der Reihe vor ihr im Bus saß, riss Lilly aus ihren Gedanken.

»Was? Ja, genau«, bestätigte sie mit einem Lächeln und sah wieder aus dem Fenster.

Der Dezemberhimmel war nach einem kurzen Schneeschauer wieder klar und gab den Blick frei auf die beeindruckende, teilweise verschneite Bergkulisse der Cumbrian Mountains. Ihr Anblick verzauberte Lilly jedes Mal, genau wie die kleinen Dörfer mit ihren hübschen grauen Steinhäuschen und den schmalen Kopfsteinpflasterstraßen, durch die der Bus fuhr. Lilly war schon sehr viel herumgekommen in ihren inzwischen fast dreißig Jahren, aber der Lake District hatte einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen. Es fühlte sich an wie nach Hause kommen, und erst jetzt, in diesem Augenblick, wurde Lilly klar, wie dringend sie das brauchte nach allem, was in den letzten Wochen passiert war.

»Müssen Sie da auch hin?«, erkundigte sich die ältere Dame, die offenbar ein Gespräch beginnen wollte.

Lilly nickte. »Ich besuche meine Tante«, erklärte sie und lächelte unverbindlich. Sie wollte nicht unhöflich sein, aber ihr war gerade nicht nach Smalltalk. Das schien der Frau allerdings egal zu sein, denn sie plauderte munter weiter.

»Oh, wirklich? Dann kennen Sie doch bestimmt auch das ›Lakeside Inn‹, nicht wahr? Ich mache dort nämlich eine Woche Urlaub, wissen Sie?«

Nein, das wusste Lilly natürlich nicht, aber sie hätte es sich denken können, denn auch wenn die Frau den Fernbus nutzte, wirkte sie sehr elegant und durchaus betucht. Leute wie sie stiegen gerne in dem großen, ziemlich noblen Hotel am Rande von Barnbarrow ab.

»Ja, das kenne ich«, bestätigte sie, etwas verspätet, was gleich die nächste Frage provozierte.

»Und? Ist es schön dort?«

Lilly nickte erneut und wollte ergänzen, dass sie persönlich das »King’s Arms« bevorzugte. Aber sie kam nicht dazu, Werbung für Carolines kleine, sehr gemütliche Pension zu machen, weil die Frau schon weiterredete.

»Ach, das hoffe ich«, sagte sie mit einem verträumten Lächeln. »Ich war vor vierzig Jahren schon mal hier in der Gegend, wissen Sie? Mit meinem John, Gott hab ihn selig. Es waren unsere Flitterwochen, und jetzt, wo er nicht mehr da ist, muss ich oft an diese Zeit denken. Deshalb meinte meine Tochter, dass ich noch mal herfahren soll. Sie ist eine so reizende Person, meine Penelope. Sie unterstützt mich in jeder Hinsicht, vor allem, seit ich allein zurechtkommen muss. Ich wüsste wirklich nicht, was ich ohne sie und meine Enkel tun würde. Zwei Jungen sind es, Roderic und Jimmy. Der Große ist acht und der Kleine sechs. Hier, ich habe ein Foto von den beiden, sehen Sie?«

Lilly bemühte sich, weiter zu lächeln, während sie das Hochglanzfoto bewunderte, das die Frau aus ihrem Portemonnaie zog – begleitet von weiteren ausführlichen Beschreibungen der unglaublich entzückenden Kinder. Normalerweise hätte es ihr nichts ausgemacht. Sie war eine gute Zuhörerin, vielleicht weil sie nicht das Bedürfnis hatte, immer im Mittelpunkt zu stehen. Doch nach allem, was Phil ihr an den Kopf geworfen hatte, konnte sie das nicht mehr als Stärke sehen. Vielleicht hielt die Frau sie ja für so langweilig, dass sie nicht glaubte, dass sie auch etwas zu sagen hatte?

Unsinn, schalt Lilly sich sofort. Die Frau kannte sie doch gar nicht. Sie war einfach ein bisschen unsensibel, das war alles – und Lilly eindeutig zu empfindlich. Aber war das ein Wunder, wenn man vor den Trümmern seines bisherigen Lebens stand und wieder ganz von vorne anfangen musste? So etwas konnte einen ganz schön aus der Bahn werfen …

»Und Sie? Wie lange werden Sie bleiben?«, fragte die Frau, die sich inzwischen als Louise Evans vorgestellt hatte.

»Ich weiß noch nicht«, meinte Lilly und seufzte innerlich, als ihr klar wurde, dass der Satz als Motto für ihre derzeitige Situation taugte. Sie wollte das Thema nicht vertiefen, deshalb war sie froh, als hinter der nächsten Kurve ein großer See in Sicht kam, an dessen Ufer ein Dorf lag. »Oh, sehen Sie, da vorne ist Barnbarrow!«

Ein Gefühl der Vertrautheit erfüllte Lilly, als der Bus wenige Minuten später am Marktplatz hielt, der schon in weihnachtlichem Glanz erstrahlte. Ihr Atem bildete kleine weiße Wolken in der klaren Luft, und sie spürte trotz ihres dicken Wollmantels deutlich, dass es hier kälter war als in London.

»Bis dann, meine Liebe! Vielleicht sehen wir uns noch!«, rief die redselige Louise Evans fröhlich und folgte dann den nicht zu übersehenden Schildern in Richtung »Lakeside Inn«. Lilly winkte ihr noch – nett war die Frau ja gewesen –, dann machte sie sich mit ihrem großen Rollkoffer auf den Weg über die lange Hauptstraße. Die Schaufenster der Geschäfte waren alle schon mit Tannenzweigen und Lichtern geschmückt, und zwischen den Laternen hingen die beleuchteten Sterne, die wie in jedem Jahr in der Adventszeit die Straßen erhellten. Das ist doch schon mal ein guter Anfang, dachte Lilly lächelnd, während sie nach links in die schmale Straße bog, die leicht bergauf führte und auf dem großen Hof des »King’s Arms« endete.

Sie hatte erwartet, dass auch die Pension schon geschmückt sein würde, weil Caroline damit normalerweise sehr früh dran war. Doch in ihrem derzeitigen Zustand hatte ihre Tante es offenbar noch nicht geschafft, sich darum zu kümmern. Denn in den Kübeln auf der Mauer und vor der Tür stand noch das Heidekraut, das im Herbst die bunten Blumen ersetzte, die den ganzen Sommer über darin blühten, und auch die Lichterketten, die sonst an den Fenstern und Dachrinnen angebracht waren, fehlten noch. Aber das alte, zweistöckige Fachwerkhaus wirkte trotzdem freundlich und einladend, und Lillys Herz schlug ein bisschen schneller, während sie darauf zuging. So dramatisch der Anlass auch sein mochte, der sie hergebracht hatte – der Gedanke, Weihnachten hier zu verbringen, erfüllte sie mit warmer Vorfreude.

Als sie den Hof betrat, stürmten zwei Labrador Retriever – ein heller und ein brauner – auf sie zu und liefen ihr mit fröhlichem Gebell um die Beine.

»Hey, was macht ihr denn hier draußen?«, rief sie und ging in die Hocke, um die Hunde zu begrüßen. Sie kannte die beiden – der helle Rüde hieß Boy und die braune Hündin Girl – und wusste, wie harmlos und lieb sie waren. Aber sie neigten zu stürmischen Begrüßungen, deshalb behielt Caroline sie eigentlich meistens im Haus oder hinten im Garten. »Ihr seid doch nicht heimlich ausgebüxt, oder?«

Lilly erhob sich wieder und wollte zur Haustür gehen, doch dann hielt sie inne, als sie den königsblauen, leicht verbeulten Lieferwagen sah, der neben der Eingangstür geparkt war. Die Heckklappe stand offen, genau wie einer der Kartons auf der Ladefläche, dessen Aufdruck Lillys Interesse weckte.

Neugierig trat sie näher an den Wagen heran, und ein Blick in den Karton bestätigte, was sie sich schon gedacht hatte: Er enthielt Christbaumkugeln!

Lächelnd hob Lilly eine davon aus der Schutzverpackung. Die Kugel war aus Glas und zeigte filigran gezeichnete Weihnachtsmotive. Genau solche Kugeln hingen auch immer bei ihren Eltern am Weihnachtsbaum, und sie stammten, wenn Lilly sich recht erinnerte, vom Nürnberger Christkindlesmarkt. Also hatte Caroline wirklich schon einige Vorbereitungen getroffen. Wie viel schon geplant war, würde Lilly gleich herausfinden, aber sie hoffte inständig, dass noch viel zu tun sein würde. Arbeit war nämlich genau das, was sie jetzt brauchte …

»Hey! Was machen Sie da?« In der tiefen Stimme, die unerwartet hinter ihr erklang, schwang eine scharfe Warnung mit, und Lilly zuckte so heftig zusammen, dass ihr die Kugel aus der Hand rutschte und mit einem hellen Klirren an der Stoßstange des Wagens zerbrach. Erschrocken wollte sie sich zu dem Rufer umdrehen, doch sie stieß gegen Boy, der hinter ihr stand, und geriet ins Stolpern. Hilflos versuchte sie noch, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, doch sie schaffte es nicht und fiel mit einem Schrei nach vorn – in weichen rotkarierten Flanellstoff.

2

Hoppla«, sagte die tiefe Stimme jetzt direkt über ihr, und Lilly begriff, dass sie an jemandem lehnte. Jemandem, der ziemlich gut nach einer Mischung aus herbem Aftershave und Herbstblättern roch. Oh Gott, dachte sie peinlich berührt und versuchte, sich wieder aufzurappeln. Der Mann, der sie aufgefangen hatte, half ihr dabei und lockerte den Griff um ihre Oberarme erst, als sie wieder sicher stand. Instinktiv machte Lilly einen Schritt zurück, und als die Scherben der zerbrochenen Christbaumkugel unter ihren Sohlen knirschten, fiel ihr wieder ein, warum das alles überhaupt passiert war.

»Was fällt Ihnen ein?«, fuhr sie den Mann an, während sie ihn zum ersten Mal näher betrachtete. Er war groß, hatte breite Schultern und dunkle Haare, die ihm bis zum Hemdkragen reichten. Und er sah gut aus, jedenfalls wenn man auf den Typ Holzfäller stand. Denn abgesehen von dem dicken Flanellhemd, von dem Lilly jetzt wusste, wie es sich anfühlte, trug er Jeans, eine hellbraune Cordjacke mit Futter und schwarze Arbeitsboots. Eine abgewetzte hellbraune Cordjacke und dreckige schwarze Arbeitsboots, um genau zu sein. Und einen Dreitagebart – etwas, das Lilly eigentlich ungepflegt fand. Aber zu ihm passte es irgendwie, dachte sie, nur um sich eine Sekunde später darüber zu ärgern. Schließlich spielte es keine Rolle, wie attraktiv der Typ war – wenn er nicht so laut gerufen hätte, dann wäre die Christbaumkugel jetzt noch heil, und sie selbst hätte nicht so einen peinlichen Auftritt hingelegt. »Sie haben mich zu Tode erschreckt!«

»Tut mir leid«, sagte er, ohne besonders zerknirscht zu wirken. »Aber was fällt Ihnen ein, einfach in anderer Leute Sachen herumzuschnüffeln?«

»Ich habe nicht geschnüffelt!«, stellte Lilly richtig, auch wenn sie sich für einen kurzen Moment ertappt fühlte. Es musste für ihn wirklich so ausgesehen haben, als würde sie sich unerlaubt an den Kartons zu schaffen machen. Dabei hatte sie jedes Recht, hier zu sein, und auch, sich die Waren anzusehen, die sicher nicht grundlos im Hof standen. »Ich bin Caroline Kings Nichte und werde erwartet«, informierte sie den Mann sehr viel schnippischer, als sie es normalerweise getan hätte, und gab sich alle Mühe, wenigstens ein bisschen würdevoll auszusehen.

»Sie sind Lilian Holmes?« Der Mann starrte sie überrascht an und musterte sie noch einmal von Kopf bis Fuß. Offenbar konnte er das, was er über sie gehört hatte, nicht in Einklang bringen mit dem, was er sah, und Lilly beschloss spontan, dass sie ihn hasste. Auch wenn er gut aussah. Nein, gerade weil er gut aussah. Ein attraktiver Mann war genau das, was sie im Moment nicht gebrauchen konnte. Ach was, sie würde attraktive Männer überhaupt nie mehr in ihrem Leben gebrauchen können. Schließlich hatte der letzte gerade heilloses Chaos darin angerichtet …

»Klingt, als hätten Sie schon von mir gehört – was ich von Ihnen nicht behaupten kann.« Sie hielt dem Blick des Mannes trotzig stand, aber er grinste nur, was ein hübsches Grübchen auf seiner Wange erscheinen ließ.

»Nein, ich schätze nicht«, sagte er, so als wäre das etwas sehr Positives. Was Lilly merkwürdig fand. Sie überlegte, ob er ihr hier im Dorf vielleicht doch schon mal begegnet war. Irgendetwas an ihm kam ihr vage bekannt vor, aber das musste sie sich einbilden. Diese unverschämt blauen Augen hätte sie ganz sicher nicht vergessen …

»Ich bin Tom Lewis.« Er streckte ihr die Hand entgegen, doch Lilly ignorierte sie, weil dieser Kerl sie wirklich wütend machte. Er musste sich jedenfalls nicht einbilden, dass sie dahinschmolz und ihm alles nachsah, nur weil er verdammt nett lächeln konnte.

»Lilly! Du bist schon da?«, rief jemand, und als Lilly sich umdrehte, sah sie ihre Cousine Emma aus der Haustür der Pension kommen. Emma war unverkennbar Carolines Tochter, denn wie ihre Mutter hatte auch sie auffällig rote Locken und ein einnehmendes, fröhliches Wesen.

»Warum hast du denn nichts gesagt?«, meinte sie streng, nachdem sie Lilly zur Begrüßung umarmt hatte. »Ich hätte dich doch vom Bahnhof in Windermere abholen können!«

»Ich wollte keine Umstände machen«, erwiderte Lilly. »Und außerdem wusste ich gar nicht, dass du schon da bist. Wolltest du nicht erst morgen kommen?«

Emma nickte. »Eigentlich ja. Aber als mein Chef von Mums Situation hörte, hat er mir sofort freigegeben, deshalb konnte ich sogar schon gestern Abend herfahren. Und ich glaube, das ist auch gut so, es gibt nämlich noch jede Menge zu tun!« Ihr Blick fiel auf den Mann, der immer noch neben Lilly stand. »Und ihr beide habt euch auch schon kennengelernt. Das ist gut«, meinte sie und fügte gut gelaunt hinzu: »Wir trinken jetzt Tee, Tom. Kommst du mit rein?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich muss den Wagen noch ausräumen.« Er sah Lilly noch einmal an, dann wandte er sich wieder den Kartons zu. Was Lillys Aufmerksamkeit erneut auf ihr Malheur lenkte.

»Die Christbaumkugel …«

»Darum kümmere ich mich schon. Gehen Sie ruhig rein«, erklärte er, und Lilly war nicht sicher, ob er das nett meinte oder sie einfach gerne los sein wollte. Vermutlich eher Letzteres, dachte sie und blickte noch einmal über die Schulter zu ihm zurück.

»Wer ist das?«, erkundigte sie sich, als sie den gemütlichen, holzvertäfelten Empfangsraum der Pension betraten.

»Tom? Er ist hier eigentlich Gast, aber er hilft uns im Moment ziemlich viel aus.« Emma grinste schon wieder. »Gefällt er dir?«

»Nein«, erwiderte Lilly grimmig. »Und ich suche auch nicht nach einem Mann, der mir gefällt.«

Emma wurde wieder ernst und legte den Arm um Lilly. »Hey! Nur weil dir ein Kerl das Herz gebrochen hat, bedeutet das noch lange nicht, dass du nie wieder einen Partner finden wirst. Es muss nur der Richtige sein, und das war Phil eben nicht. Es gibt genug andere, die sich darum reißen werden, dich zu erobern.«

Lilly lächelte ein bisschen, weil sie wusste, dass Emma es gut meinte. Aber sie glaubte nicht daran, jedenfalls nicht mehr. Schlecht sah sie nicht aus, das stimmte. Aber sie war eben auch nichts Besonderes. Hellbraunes, schulterlanges Haar, Augen, die eine undefinierbare Mischung aus Grün und Braun waren, und ein blasser Teint. Keine aufregende Blondine, keine rassige Schwarzhaarige, kein temperamentvoller Rotschopf so wie Emma. Nein, Lilian Holmes war einfach nur normal. Durchschnittlich. Kein Wunder also, dass Phil …

»Lilly! Das ist aber schön, dass du da bist!«, rief Ruth, die in diesem Moment aus der Küche trat, und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Caroline hatte die kleine grauhaarige Frau aus dem Dorf ursprünglich als Köchin eingestellt, doch Ruth hatte nach und nach immer mehr Aufgaben übernommen und war inzwischen eine unverzichtbare Hilfe, ohne die Caroline nicht mehr auskam. »Geht ruhig schon durch«, sagte sie und deutete auf die Tür hinter der Rezeption, die in Carolines Privaträume führte. »Ich bringe gleich den Tee.«

Caroline, die in ihrem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer auf der Couch lag und in einer Zeitschrift geblättert hatte, blickte auf, als Lilly und Emma den Raum betraten.

»Lilly! Komm her, mein Schatz!« Sie streckte die Arme aus, weil sie sich wegen ihres eingegipsten Beins nicht erheben konnte. Lilly beugte sich zu ihr hinunter und umarmte sie fest. »Hattest du eine gute Reise?«, wollte Caroline wissen, während Lilly und Emma sich in die Sessel auf der anderen Seite des Couchtisches setzten.

Lilly nickte und betrachtete besorgt Carolines Gipsbein und das Pflaster an ihrer Stirn. Ihre Verletzungen waren der Grund, warum Emma und sie gekommen waren, und jetzt, wo sie mit eigenen Augen sah, wie blass ihre Tante war, wurde ihr klar, dass ihre Hilfe wirklich dringend benötigt wurde.

»Wie geht es dir?«

Caroline zuckte mit den Schultern. »Der Arzt sagt, es heilt alles gut. Die Gehirnerschütterung ist komplett abgeklungen, und auch das Bein wird wieder – jedenfalls wenn ich es schone. Ich muss den Gips noch mindestens vier Wochen tragen und darf das Bein in der Zeit nicht belasten, von der Krankengymnastik, die sich dann anschließt, ganz zu schweigen.« Sie seufzte tief. »Und das ausgerechnet jetzt, wo hier so viel zu tun ist!«

»Aber genau deshalb ist der Unfall doch passiert, Mum«, erinnerte Emma sie, und Lilly dachte daran, wie erschrocken sie gewesen war, als Caroline sie angerufen und ihr erzählt hatte, dass sie mit ihrem Auto gegen eine Steinmauer geprallt war. Der Unfall hatte sich schon vor ein paar Tagen ereignet, und sie war zum Glück mit einem Beinbruch und einer Gehirnerschütterung davongekommen. Aber dass ihre Tante überhaupt so unkonzentriert gewesen war, lag sicher daran, dass sie sich in letzter Zeit zu viel zugemutet hatte. Deshalb nickte Lilly, als Emma hinzufügte: »Du hättest uns viel früher Bescheid sagen sollen.«

Caroline schüttelte den Kopf. »Du hast doch deinen Job in Edinburgh, und Lilly arbeitet unten in London. Ich wollte euch damit nicht belasten. Aber ich schaffe es im Moment einfach nicht allein.«

Lilly tauschte einen Blick mit Emma, denn so ein Geständnis war ungewöhnlich für Caroline, die extrem stur sein konnte, wenn es darum ging, Hilfe anzunehmen – vielleicht weil sie so lange ohne ausgekommen war. Sie führte nach dem frühen Tod ihres Mannes schon über zwanzig Jahre lang die Pension allein, und Emma und Lilly hatten lange reden müssen, bis sie wenigstens Ruth eingestellt hatte. Aber so war Caroline – unabhängig und stark und dabei doch immer freundlich und herzlich. Lilly bewunderte sie dafür und erinnerte sich gerne an die vielen glücklichen Zeiten, die sie in ihrer Kindheit hier im Lake District verbracht hatte. Dafür schuldete sie ihrer Tante mehr als nur diesen einen kleinen Gefallen, der noch dazu genau zur rechten Zeit kam.

»Das ist doch selbstverständlich, dass wir dich unterstützen!«, erklärte sie, doch Caroline schien das nicht zu überzeugen, denn sie zuckte nur niedergeschlagen mit den Schultern.

»Ach, ich hätte dieses ganze Projekt gar nicht erst anfangen sollen! Das war eine Schnapsidee, die mir jetzt über den Kopf wächst.«

»War es gar nicht«, beharrte Emma, und Lilly stimmte ihr zu.

»Die Idee ist großartig – wirklich!«

Sie war sofort begeistert gewesen, als Caroline ihr im Sommer von ihrem Plan erzählt hatte, in der Adventszeit zwei Wochen lang einen Weihnachtsmarkt nach deutscher Tradition in Barnbarrow zu organisieren. Die waren in England schon seit einiger Zeit sehr beliebt, und da der kleine Ort vor allem vom Tourismus lebte, fand Caroline, die auch die Vorsitzende der hiesigen Werbegemeinschaft war, dass es eine gute Möglichkeit wäre, neue Gäste anzulocken. Zu Recht, denn Lilly sah vor ihrem inneren Auge schon die hübsch dekorierten Stände mit Weihnachtsschmuck und allen Arten von Lebkuchen und Plätzchen, roch den Duft von Glühwein und hörte die stimmungsvolle Musik, die durch die dann hoffentlich verschneiten Straßen tönen würde. »Das wird auf jeden Fall ein Erfolg!«

»Das dachte ich auch«, meinte Caroline. »Und es lief auch gut bis jetzt. Die Ware aus Deutschland, die ich für unseren Stand bestellt habe, ist schon fast vollständig eingetroffen, und die Parkers vom ›Coach Pub‹ haben zugesagt, den Glühweinstand zu übernehmen. Außerdem konnte ich einige Geschäftsleute aus dem Dorf und zahlreiche Kunsthandwerker aus der Gegend für den Markt gewinnen. Aber noch ist keine einzige Hütte aufgebaut, weil der Standplan noch nicht fertig ist, und Werbung konnte ich auch noch keine machen, obwohl es dringend Zeit wird. Denn wie sollen die Leute kommen, wenn sie nicht wissen, wann und wo der Markt stattfindet? Und das ›King’s Arms‹ müsste auch längst geschmückt sein, dazu bin ich überhaupt noch nicht gekommen.« Hilflos hob sie die Arme. »Es gibt noch hundert Sachen zu tun, und mir bleiben nur noch ein paar Tage. Der Markt soll schließlich schon in knapp einer Woche aufmachen.«

»Hast du denn im Ort keine Unterstützung?«, fragte Lilly.

»Doch, schon«, erwiderte Caroline. »Alle sind ganz angetan von der Idee. Aber es gibt niemanden, der sich außer mir für das große Ganze zuständig fühlt. Sie erwarten von mir, dass ich das organisiere, und mir läuft die Zeit weg.«

»Ach, zusammen schaffen wir das schon«, beruhigte Emma sie. »Und was das Marketing angeht – das überlassen wir einfach Lilly. Schließlich arbeitet sie in einer der renommiertesten Werbeagenturen in ganz London. Wenn das jemand hinkriegt, dann sie, nicht wahr, Lilly?«

Lilly schluckte hart. »Na ja, also, ich …!«

»Das ist lieb von euch«, unterbrach Caroline sie, noch ganz beschäftigt mit ihren Sorgen. »Aber es ist nicht nur die Organisation vorher. Ich müsste auch jemanden haben, der während des Marktes hier ist und den Ablauf und später auch den Abbau beaufsichtigt. Ich wollte das selbst machen, aber jetzt, mit dem Bein …« Sie schüttelte den Kopf.

»Ich kann so lange bleiben, wie es nötig ist«, erklärte Lilly mit fester Stimme.

Erstaunt starrten die anderen beiden sie an.

»Aber … kannst du dir denn so lange Urlaub nehmen?«, fragte Caroline.

»Das brauche ich nicht.« Lillys Herz schlug aufgeregt, weil sie zum ersten Mal jemand anderem gegenüber eingestehen musste, was sie vor wenigen Stunden entschieden hatte. Sie holte tief Luft. »Ich arbeite seit heute nicht mehr für Peterborough & Stockton. Und ich gehe auch nicht mehr zurück nach London.«

3

Was?« Caroline fand als Erste ihre Stimme wieder, und die Überraschung darin war nicht zu überhören. »Aber warum denn?«

»Hat Phil dich … entlassen?« Emma klang genauso ungläubig und schob wütend die Augenbrauen zusammen. »Dieses Schwein! Reicht es ihm nicht, dass er dir so wehgetan hat? Muss er dir auch noch die berufliche Grundlage entziehen? Oh Mann, ich würde diesen Kerl am liebsten …«

»Er hat mich nicht rausgeworfen, ich bin freiwillig gegangen«, stellte Lilly richtig. »Und bevor du fragst: Ich konnte es dir noch nicht erzählen, weil ich erst heute Morgen meine Kündigung eingereicht habe.« Sie atmete etwas zittrig aus bei der Erinnerung an den Gang ins Büro. Viele ihrer Kollegen hatten sehr betroffen reagiert, aber es fühlte sich immer noch richtig an, dass sie einen Schlussstrich gezogen hatte. Jedenfalls so richtig, wie sich etwas anfühlen konnte, wenn gerade alles, aber auch wirklich alles im Leben falsch lief.

»Und was hat Phil dazu gesagt?«, wollte Emma wissen.

»Gar nichts.« Lilly zuckte mit den Schultern. »Er macht mit Miranda Urlaub in Florida. Die beiden kommen erst nächste Woche wieder zurück.«

Doch genau darauf hatte sie nicht mehr warten wollen. Sie wollte ihrem Exfreund nicht ins Gesicht sagen müssen, dass sie es nicht mehr aushielt, ihn Tag für Tag glücklich vereint mit seiner neuen Liebe zu sehen, die er noch dazu zur Projektleiterin gemacht hatte – eine Stelle, von der Lilly eigentlich geglaubt hatte, dass sie sie bekommen würde. Bis vor drei Monaten hatte sie allerdings vieles noch geglaubt: dass Phil Stockton, der dynamische Juniorchef der Marketingagentur Peterborough & Stockton, sie liebte und heiraten wollte, zum Beispiel. Fünf Jahre lang waren sie ein Paar gewesen, fast genauso lange, wie Lilly für seine Firma gearbeitet hatte. Es hatte damals sofort zwischen ihnen gefunkt, und für Lilly war der zwölf Jahre ältere Phil genau der Mann gewesen, nach dem sie immer gesucht hatte: selbstbewusst, smart, erfolgreich. Jemand, der ihre Vorstellungen vom Leben teilte. Das hatte sie jedenfalls gedacht, und deshalb war sie auch ganz sicher gewesen, dass Phil ihnen nur deshalb an jenem fatalen Freitagabend einen Tisch im noblen Londoner »Sky Garden« reserviert hatte, weil er ihr endlich einen Antrag machen wollte. Doch er war nicht mit einem Ring in der Hand vor ihr auf die Knie gesunken, sondern hatte ihr eröffnet, dass er sich in eine andere Frau verliebt hatte und die Trennung wollte. Und als wäre das alles nicht schon schockierend genug gewesen, hatte es sich bei dieser Frau auch noch um Lillys Kollegin Miranda Bolton gehandelt. Ihre zehn Jahre ältere Kollegin, die fast sofort bei Phil eingezogen war, obwohl er Lilly gegenüber ewig lange auf getrennten Wohnungen bestanden hatte. Und die Lilly bis heute Morgen noch als neue Vorgesetzte hatte ertragen müssen.

In der Rückschau begriff sie nicht mehr, wieso sie überhaupt so lange geblieben war. Innerlich war sie wie erstarrt gewesen und hatte sich in das geflüchtet, was sie gut konnte: Sie hatte mechanisch und gründlich alle Details ihrer Trennung organisiert. Sie war aus Phils schickem Apartment in Canary Wharf wieder ausgezogen, in das sie erst ein halbes Jahr zuvor eingezogen war, und hatte sich ein billiges Pensionszimmer genommen, um in Ruhe nach einer neuen Wohnung zu suchen. Und dort hatte sie dann Abend für Abend gesessen und entweder mit Emma telefoniert oder die Wände angestarrt und darauf gehofft, aus diesem Alptraum zu erwachen. Doch er endete nur, wenn sie selbst etwas dagegen unternahm, das war ihr schließlich klar geworden.